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Warum sind wir so besessen von der Idee der Rache?

Rachefilme gehören zum US-Kino, seit berittene Helden mit Stetson und Revolver noch das Gros der Spielfilmprotagonisten stellten. Die Idee der Durchsetzung und Wiederherstellung von Gerechtigkeit mit den Mitteln der Gewalt spielte beim Aufstieg des Kinos zur beherrschenden Kunstform des 20. und 21. Jahrhunderts wahrscheinlich auch deshalb eine so bedeutende Rolle, weil die USA genau so, nämlich mit Blei, überhaupt aus dem Boden gestampft werden konnten: Bevor es eine Verfassung und ein Gesetzbuch gab, mussten schließlich erst all jene aus dem Weg geräumt werden, die einem solchen Unterfangen mehr als nur kritisch gegenüberstanden. In den Siebzigerjahren rückte dann eine neue Form des Rachefilms in den Fokus: Der Selbstjustizfilm, wie Michael Winner ihn mit DEATH WISH begründete, schlug den Bogen zum Western zurück, indem er eine Gesellschaft abbildete, die kurz vor dem Rückfall in die Barbarei stand. Das Verbrechen drohte Überhand und den „braven Bürgern“ die Existenzgrundlage wegzunehmen, so die Diagnose dieser Filme. Doch war es wirklich eine Lösung, das Gesetz mit der Schusswaffe wieder in die eigene Hand zu nehmen? Seit dem Erfolg des Charles-Bronson-Klassikers feiern der Selbstjustiz-Thriller und Rachefilm regelmäßig ihre Renaissance, was seltsam ist, weil es wahrscheinlich noch niemals so sicher auf unseren Straßen war wie heute. Und immer wieder wird in diesen Filmen suggeriert, dass die Frage nach der Recht- oder Unrechtmäßigkeit von Selbstjustiz neu verhandelt werden müsse, dass es keine Übereinkunft darüber gebe, dass die Aufgabe, Recht zu vollstrecken, in den Händen des Staates liege. Zugegeben: Wann immer ein Straftäter in den Augen der „schweigenden Mehrheit“ (oder der rechtskonservativen Presse) nicht hart genug bestraft wird, folgt todsicher auch wieder der Ruf nach der Todesstrafe oder einer anderen körperlichen Form der Bestrafung. Und sicher lässt sich das Rachebedürfnis von Menschen, die ein Familienmitglied aufgrund eines Verbrechens verloren, emotional gut nachvollziehen. Ich glaube aber nicht, dass es hier diesen echten Verhandlungsbedarf gibt, wie es der Rachefilm in den Raum stellt. Selbst dem überzeugtesten Rechtsausleger muss ja klar sein, dass er diesem „Recht“, das er für sich in Anspruch nehmen möchte, selbst zum Opfer fallen könnte. Trotzdem spülen seit einiger Zeit Jahr für Jahr gefühlt Dutzende von Filmen in unsere Kinos, in das Programm von Streaminganbietern oder via Blu-ray und DVD in unsere Regale, die sich mit Rache und Selbstjustiz auseinandersetzen, uns daran erinnern, dass wir gar nicht so tief in uns drin eine gewalttätige Spezies sind und die Frage aufwerfen, ob Rache nicht vielleicht doch OK ist. Der Rachefilm ist von einem kleinen Subgenre zu einer Standardform des Actionfilms und des Thrillers geworden. Und so reizvoll ich das Thema „Rache“ gerade für harte, politisch unkorrekte Reißer auch finde: Ich halte diese Tendenz für etwas beunruhigend. Selbst wenn alle diese Filme letztgenannte Frage ablehnend beantworten, wirkt es doch so, als geschehe das letztlich eher aus einem Pflichtgefühl heraus, denn aus Überzeugung.

LAW ABIDING CITIZEN ist kein besonders aktuelles, aber umso eklatanteres Beispiel für die nicht mehr ganz so neue Strömung, ein abgeschmackter, harter, sich in der ersten Hälfte in grafischen, abstoßenden Gewaltszenen und Anstößigkeit geradezu suhlender Film, der seinen relativ gängigen Plot – ein Mann, der seine Familie an zwei skrupellose Mörder verloren hat und vom Justizsystem enttäuscht wurde, nimmt Rache – mit den Mechanismen verbindet, die die SAW-Reihe dem Kino bescherte. Gerard Butlers Protagonist Clyde Shelton ist nämlich kein einfacher, heißgelaufener Vigilant, der mit der Pumpgun loszieht, um Punks abzuknallen wie sein Vorgänger Paul Kersey, sondern ein brillantes, diabolisches, in den Geheimdiensten geschultes Mastermind, das einen aufwändigen Plan ausgeklügelt hat, mit dem es seine Gegenspieler manipuliert wie Figuren in einem elaborierten Brettspiel. In diesem Spiel geht es nicht nur darum, Rache zu üben und Gerechtigkeit her-, sondern das gesamte Rechtssystem auf die Probe zu stellen. Ziel seines Plans sind neben den beiden Mördern, die bereits innerhalb der ersten halben Stunde ihr Leben auf grausame Art und Weise verlieren, auch der Rechtsanwalt Nick Rice (Jamie Foxx), der sich damals auf einen faulen Deal einließ, sowie die Richterin und mit diesen der ganze Rechtsapparat. Eigentlich geht es Shelton aber gar nicht um Individuen, sondern insgesamt um die abstrakte Idee von Recht und um die Mechanismen, die diesem Recht dazu verhelfen, Wirklichkeit zu werden – zumindest behauptet er das. Das ist durchaus eine interessante Grundlage für ein sich mit philosophischen Grundfragen auseinandersetzendes Drama, aber LAW ABIDING CITIZEN verwendet seine Energie dann doch lieber auf die Zelebrierung grotesker Splatterszenen, derber, das R-Rating auf eine Zerreißprobe stellende Geschmacklosigkeiten, die seiner vermeintlich kritischen Haltung zuwiderlaufen, und haarsträubend idiotische Plotwendungen. Dieser Clyde Shelton mag ein Wahnsinniger sein, aber der Film findet nicht wenig Freude daran, seinen Wahn in blutrünstigen Bildern vor dem Betrachter auszubreiten. Es ist der klassische Fall eines Films, der sich für deutlich cleverer hält, als er tatsächlich ist und in dem Aufwand, der da betrieben wird, um möglichst perfide Gewaltdarstellungen herbeizukonstruieren und inhaltlich zu legitimieren, kommt ein unangenehm unreflektiertes, geradezu obsessives Verhältnis zu Gewalt zum Vorschein. Und wenn es am Ende darum geht, das Kaninchen aus dem Hut zu zaubern, das da ie ganze Zeit angeteasert wurde, kommt nur antiklimaktischer Unfug dabei heraus. Drehbuchautor ist Kurt Wimmer, der einst den schönen Brian-Bosworth-Actioner ONE TOUGH BASTARD inszenierte, und danach mit dem MATRIX-Klon EQUILIBRIUM eine ganze hanebüchene Dystopie erdachte, bloß um Christian Bale mit einer Pistole herumfuchteln zu lassen.

Wer wie ich einen herkömmlichen Selbstjustizreißer von LAW ABIDING CITIZEN erwartet, wird sich nach etwa 30 Minuten ziemlich wundern: Zu diesem Zeitpunkt sind die beiden ekligen Home Invaders, die Shelton Frau und Tochter vor seinen Augen ermorden und vergewaltigen, nämlich bereits tot, ihr Mörder – besagter Shelton – gefasst und man fragt sich, was in den kommenden 90 Minuten des Director’s Cuts eigentlich noch passieren soll. Bis hierhin durfte der Betrachter bereits einer Hinrichtung per Giftspritze beiwohnen, die durch Sheltons Zutun zur körperlichen Qual für das hilflose, wimmernde Opfer gerät, der blutigen Verstümmelung des Killers mit Trennschleifer und diversen anderen Schneidewerkzeugen sowie der folgenden Übersendung einer Videoaufzeichnung des Massakers an die kleine Tochter des Anwalts (die Auskunft, dass der Penis einem Teppichmesser und der Hodensack einem Hackebeil zum Opfer fielen, hebt der Film sich für die Dialoge auf). In diesem Tempo macht LAW ABIDING CITIZEN weiter: Die Richterin wird vom sich selbst verteidigenden Shelton erst davon überzeugt, dass er ohne Kaution auf freien Fuß zu setzen sei, dann von ihm als „bitch in heat“, die es gern „up the ass“ nehme, beschimpft, weil sie einen Killer wie ihn laufen ließe. Es bleibt nicht bei dieser Beleidigung: Er sprengt ihren Kopf wenig später via Telefonverbindung. Zu seinem Spielchen gehört auch die Ermordung seines Zellenkameraden durch ein gutes Dutzend Stiche mit einem Steakknochen in die Kehle, wonach sich der blutüberströmte Gerechtigkeitsfanatiker dann in aller Seelenruhe auf seine Pritsche legt. Ihr merkt schon: LAW ABIDING CITIZEN ist ein gemütliches kleines Filmchen, das cinephiler Schöngeister anspricht und zu rechtsphilosophischen Debatten bei Rotwein und Käsehäppchen anregt. Doch nachdem in der ersten Stunde die Leihen angehäuft wurden, packt den Film die Müdigkeit und er verfällt in gängige Thrillerstrukturen. Der so geniale Plan des Rächers läuft auf einen ziemlich schnöden Terrorakt hinaus (er will das Gerichtsgebäude sprengen), seine übermenschliche Intelligenz, die in einer Szene gepriesen wird, die auch aus einem Seagal-Film stammen könnte, besteht letztlich darin, dass er einen Tunnel gegraben hat, durch den er aus dem Knast entkommen kann. Und bevor man sich fragt, wozu er den ganzen irrwitzigen Aufwand eigentlich betrieben hat, wenn er seine Bombe doch auch einfach so hätte legen können, ist der Film zu Ende.

LAW ABIDING CITIZEN ist Hochglanzschund, ein mit viel Geld polierter Reißer, der so tut, als hätte er etwas zu erzählen, aber fast ausschließlich aus billigen Tricks besteht, die davon ablenken sollen, dass das alles kompletter Blödsinn ist. Der durchtriebene Anwalt und sein Team sind komplett unfähig und die Genialität des Killers würden andere als „Umständlichkeit“ beschreiben. Das trifft auch auf die Inszenierung zu, die mit so abgeschmackten Einfällen wie jenem daherkommt, die Hinrichtung eines Verbrechers mit einem Bühnenauftritt der Anwaltstochter parallelzumontieren. Hier ist alles Selbstzweck, der sich aber schämt, dazu zu stehen und stattdessen große Töne spuckt. Das ist für eine Stunde lang ganz putzig, danach aber nur noch nervtötend.

551687Es ist schon seltsam: Wenn man sich auf einschlägigen Filmseiten umschaut, scheinen sich Filmfans nichts sehnlicher zu wünschen als buntes, großes, naives Entertainment, wie es Steven Spielberg und Konsorten in den Achtzigerjahren in Reihe zu produzieren pflegten. Doch wenn dann ein Film wie GODS OF EGYPT daherkommt, der eigentlich genau das bietet, dann hagelt es Spott und Verrisse. Der 140 Millionen teure Spaß von Alex Proyas ging an den Kinokassen heftigst baden, spielte in den USA noch nicht einmal ein Viertel seiner Kosten wieder ein – ein Desaster. Mit Sicherheit ist dieses miserable Abschneiden unter anderem auf das Fehlen jenes Staraufgebots zurückzuführen, das die Marvel-Verfilmungen regelmäßig aufzubieten pflegen, auch dass der Film nicht auf eine beliebte Vorlage verweisen kann, dürfte ihm in dieser Zeit nicht als Originalität, sondern als Mangel ausgelegt worden sein. Aber so nachvollziehbar sein kommerzielle Versagen vielleicht auch ist, es stimmt doch etwas traurig: GODS OF EGYPT liefert eine Extraportion überkandidelter Bilder, knallt einem die spektakulären Set Pieces um die Ohren, dass es nur so eine Art hat, und erzählt seine Geschichte mit jener perfekten Mischung aus fabulierfreudigem Enthusiasmus und milder Selbstironie, die ein solcher Stoff braucht, um dem Vorwurf des Zynismus mit pantherhafter Grazie zu entgehen.

GODS OF EGYPT ist so einer dieser Filme, die regelmäßig erboste Wortmeldungen von humorbefreiten Fachidioten, hier: Ägyptologen, nach sich ziehen, die sich dann beschweren, das irgendwas historisch total verfälscht dargestellt wurde, aber damit nur zeigen, wie wenig Spaß sie verstehen. Die Prämisse von GODS OF EGYPT ist tatsählich herrlich bescheuert: In Ägypten, der Wiege der Menschheit, leben die ca. drei Meter großen Götter mit den Menschen in friedlicher Eintracht. Der Himmel ist endlos weit und petrolblau, gewaltige Städte mit goldenen Prachtbauten und gigantischen Pyramiden erheben sich von den Inseln im Nil, die Topografie des Landes bietet genauso Platz für karge Wüsteneien wie für monolithische Gebirge mit ehrfurchtgebietenden Wasserfällen und Urwälder voller bizarrer Pflanzen. Und über all dem zieht Sonnengott Ra (Geoffrey Rush) auf seinem gläsernen Himmelsschiff seine Bahnen, zieht die Sonne hinter sich her und ballert jede Nacht dem gefräßigen Dämon Apophis einen vor den Latz, auf dass er die Erde in Ruhe lasse. Eben will der weise Osiris (Bryan Brown) seinen Sohn Horus (Nikolaj Coster-Waldau) zum neuen Gottkönig ernennen, da schneit sein Bruder, der missgünstige Set, (Gerard Butler) herein, tötet Osiris und rupft Horus die Augen heraus. Es liegt an dem sterblichen Bek (Brenton Thwaites), Horus die Augen zurückzugeben und ihm im Kampf gegen Set beizustehen, der sich anschickt, alle Götter umzubringen und Ägypten ins Chaos zu stürzen.

Das ist alles natürlich total Banane, aber es spielt nicht wirklich eine Rolle, weil es einfach Spaß macht, sich von Alex Proyas in diese Welt entführen zu lassen. Der Regisseur, nach 20 Jahren im Business immer noch ein Geheimtipp, versteht es, die einzelnen Episoden zusammenzuhalten und seine Figuren nicht zu Spielbällen der Effekte verkommen zu lassen. GODS OF EGYPT als „charakterzentriert“ zu bezeichnen, wäre sicherlich zu viel der Ehre, aber es ist schon auffallend, dass es immer die Motivationen der Figuren sind, die in all dem Gewirbel und Gewusel die Richtung vorgeben. Der etwas lethargische Horus ist ein toller Held, der auch noch ein Sequel rechtfertigen würde, dass er nach dem Versagen dieses Films wohl eher nicht bekommen wird. Schade. Und das Pärchen aus Bek und seiner geliebten Zaya (Courtney Eaton), die auch der Tod nicht trennen kann, ist so zuckersüß, dass man ihm glatt noch länger beim Lächeln zusehen möchte. Und dann ist da ja auch noch Horus‘ Partnerin Hathor (Elodie Yung), die sich einfach nicht auf das Klischee des exotisch anmutenden Eye Candys reduzieren lassen möchte und ebenso beharrlich wie erfolgreich gegen die dahingehenden Bemühungen des Drehbuchs ankämpft. Proyas macht viele kleine Sachen richtig, die in anderen Filmen regelmäßig in die Binsen gehen. Den meisten wird das nicht aufgefallen sein, weil sie gekommen sind, um großes Effektkino zu sehen. GODS OF EGYPT liefert auch hier, aber er kann sich nicht merklich von seiner Konkurrenz abheben. Und er orientiert sich natürlich stark an den Klassenbesten der letzten Jahre. Ohne die Erfolge der Marvel Studios gäbe es auch diesen Film nicht, dessen Ikonografie ein wenig an die Asgard-Episoden aus den THORFilmen erinnert, der auch in seinen zahlreichen Kampfszenen natürlich mit einem Auge auf die beliebten Superheldenkeilereien schielt. Im direkten Vergleich musste Horus in der Gunst des durchschnittlichen Kinogängers wohl einfach den Kürzeren gegen Iron Man, Captain America und Konsorten ziehen.

Mir hingegen, der hier seit Jahren im Clinch mit den Marvel-Filmen liegt, hat gerade der Verzicht darauf, hier irgendeine Form der Relevanz oder sonst einer Bedeutung herbeizukonstruieren, enorm gefallen. Die generelle Nachlässigkeit, mit der Proyas seine Story behandelt, finde ich sehr sympathisch: Warum sollte man sich das Hirn dabei verrenken, einer Story zu folgen, die doch für jeden von vornherein ganz klar als Tinnef, als Mittel zum Zweck enttarnt werden kann, wenn es doch in erster Linie darum geht, sich an den Bildern zu erfreuen, über fremde Welten und Kreaturen zu staunen, dem nächsten Set Piece entgegenzufiebern? INDIANA JONES AND THE TEMPLE OF DOOM kam damals auch gut ohne vorgeschobene Ambitionen aus und noch nicht einmal die unzähligen Anschlussfehler taten dem Vergnügen einen Abbruch. Nur Spielverderber und geistige Schrebergärtner lästern bei GODS OF EGYPT über eine „dumme Story“ oder „seelenlose CGI“. Alle anderen freuen sich darüber, jenen Eskapismus zu bekommen, der diesen Begriff tatsächlich verdient – und nebenbei einen Film zu bekommen, der cleverer ist als viele jener Werke, die heutzutage so als „intelligent“ durchgewunken werden.

300-movie-posterZehn Jahre ist es jetzt schon wieder her, da war Snyders 300 der Film, den man sehen musste, wenn man mitreden wollte. Ich weiß noch, wie mich der Trailer damals angefixt, die Vorfreude ins Unermessliche gesteigert hatte. Im Netz diskutierte man sich bereits die Köpfe heiß, ob dieser Film nicht Kriegstreiberei und Interventionspolitik glorifiziere, gar eine faschistoide Gesinnung erkennen lasse. Als ich damals aus dem Kino kam, fühlte ich mich aber nicht provoziert, sondern lediglich massiv enttäuscht, und zwar nicht, weil ich einsehen musste, dass die Kritiker Recht gehabt hatten, sondern weil ich 300 wider Erwarten vor allem sehr, sehr langweilig fand. Ich kann das heute durchaus noch nachvollziehen: Snyders Filme haben generell immer etwas Niederdrückendes, und das Staunen über die atemberaubenden Bildwelten, die er entwirft, trägt selten über die volle Laufzeit, irgendwann fühlt man sich erschöpft, ermüdet von diesem Gestaltungswillen, der jede Spontaneität im Keim erstickt.So bin ich auch heute noch der Meinung, dass seine Adaption der Graphic Novel von Frank Miller mit 120 Minuten Laufzeit ein gutes Stück zu lang geraten ist.

Aber 300 ist trotzdem ein ziemlich faszinierender Film, visuell sowieso, aber gerade auch, wenn man die Diskussion, die er damals entfachte, bei der heutigen Sichtung mitberücksichtigt. Klar, Miller wird eher nicht als großer Liberaler in die Geschichte eingehen, er fetischisiert den Krieg und die gestählten Körper der Spartaner, das Gerede von Ehre, Opferbereitschaft, Unbeugsamkeit und vom „beautiful death“, den zu sterben sich lohne, und weckt damit reichlich ungute Assoziationen; aber genauso wie man dem Film oben genannte „faschistoide Gesinnung“ unterstellen könnte, eignet er sich dazu, genau das Gegenteil in ihm zu erkennen. Die kriegslüsternen Spartaner um König Leonidas (Gerard Butler) sind nicht gerade Sympathiebolzen in ihrer Todessehnsucht und ihrem lebensfeindlichen Reinerhaltungsgedanken (die bunt gemischten Perserhorden sind ein richtiger Karneval dagegen), und mehr als einmal stellt man sich als Zuschauer, angeregt durch Snyders Inszenierung, die Frage, ob eine Kapitulation vor den Persern denn wirklich so schlimm wäre und ob eine „Freiheit, für die man Hunderte von Menschenleben opfern muss, und eine Zivilisation, die auf Drill, Folter und Abhärtung basiert, überhaupt erhaltenswert sind.

In Erinnerung bleiben wird 300 fraglos für den Aufwand, der betrieben wurde, die Panels von Millers Vorlage nahezu originalgetreu in Filmbilder zu übersetzen. Ästhetisch ist Snyders Film auch zehn Jahre später noch immens eindrucksvoll, auch wenn nicht zuletzt der Regisseur selbst diesen Stil im Anschluss weiter verfeinert hat. Die sepia-goldene Farbgebung, aus der allein die roten Umhänge der Spartaner hervorstechen, sowie das göttliche Licht, das alles zu illuminieren scheint, betonen den mythologischen Charakter der Geschichte um die todesmutige Schlacht Weniger gegen eine Übermacht, legen gewissermaßen den Nebel der Jahrhunderte über die Bilder, zur gleichen Zeit aber auch ihre krasse Körperlichkeit bloß. 300 ist gleichermaßen anziehend und verführerisch wie abstoßend in seiner Ästhetisierung von Gewalt und Tod, er fühlt sich in seinen besten Momenten tatsächlich an wie vom Geist des antiken Spartas beatmet (zumindest des Spartas, das er da selbst zeichnet): monolithisch, schroff und grausam, aber von der luziden Klarheit schneidender Schmerzen. Die Szenen um die daheimgebliebene Königin Gorgo (Lena Headey) und den schmierigen Verräter Theron (Dominic West) tragen zwar in ihrer Klischiertheit dazu bei, dass man sich als Zuschauer nicht ganz fremd fühlt in dieser fremden Welt, aber mindern damit auch den Impact, den 300 gerade in seiner frontalen Attitüde entfalten könnte. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn der archaische Blut- und Schlachtenrausch, in den man da gestürzt wird, ist für zivilisierte Gemüter sowieso schon schwer genug zu verarbeiten.

 

 

Olympus-Has-FallenIm Rennen um die Aufmerksamkeit musste Antoine Fuquas Presidentsploitationer zwangsläufig gegen Roland Emmerichs nahezu zeitgleich gestarteten WHITE HOUSE DOWN verlieren. Die Frage, ob das gerechtfertigt war, beantworte ich vielleicht, wenn ich letzteren irgendwann mal sehen sollte, für den Augenblick beschränke ich mich auf die Feststellung, dass mir OLYMPUS HAS FALLEN als überraschend heftiger, Neunzigerjahre-Retro-Actioner viel Spaß gemacht hat, man aber merkt, dass Fuqua sich in weniger aufgeblasenen, ultrapatriotischen Fahnenschwenkern deutlich mehr zu Hause fühlt. Sowohl BROOKLYN’S FINEST, THE EQUALIZER als auch SHOOTER muten persönlicher und eigenständiger an, weniger auf einen nationalhygienischen Zweck hin modelliert, der in OLYMPUS HAS FALLEN in schöner Regelmäßigkeit für Augenrollen sorgt. Aber ich ahne, dass das in Emmerichs WHITE HOUSE DOWN wahrscheinlich alles noch viel schlimmer ist, zumal der sich nicht so auf die Inszenierung krachender Shootouts versteht wie Fuqua es ohne Frage tut. Aber die Eroberung des Weißen Hauses, bei der zahlreiche nationale Symbole effektreich zerstört werden und die in dem mit aller zur Verfügung stehenden Computerpower manipulierten Bild des vom Dach flatternden, zerfetzten Star Spangled Banner kulminiert, die hätte auch Hollywoods Lieblingsschwabe kaum masochistischer und dramatischer in Szene setzen können.

OLYMPUS HAS FALLEN ist, auch das macht ihn meiner Meinung nach interessant, zwischen Traditionsbewusstsein und Aktualitätsbestreben hin- und hergerissen. Der Präsident ist hier, anders als bei Emmerich, der Jamie Foxx als an Obama angelehntes Staatsoberhaupt besetzte, ein Weißer (Aaron Eckhart als liberaler Benjamin Asher), der mit seiner kumpeligen Attitüde an Bill Clinton denken lässt. Das Plotkonstrukt mit dem allein auf weiter Flur kämpfenden Spezialisten erinnert frappierend an die ersten beiden DIE HARD-Filme, die Schurken hingegen sind die Nazis bzw. Russen der Gegenwart, nämlich Nordkoreaner, und die Action wechselt von mit CGI aufgepimpten, ausufernd-bombastischen Schlachtgemälden hin zum brachialen, reduzierten Mann gegen Mann, das schon den Western auszeichnete. Richtig geil ist OLYMPUS HAS FALLEN immer dann, wenn er sich seinem Protagonisten, dem ehemaligen Leibwächter des Präsidenten Michael Banning (Gerard Butler), an die Fersen heftet, ihn bei seiner Infiltration des von Feinden besetzten Weißen Hauses begleitet und ihn dabei beobachtet, wie er die Schurken mit äußerster Rücksichtslosigkeit plattmacht. Durchaus untypisch für ein Eventmovie dieser Größenordnung geizt OLYMPUS HAS FALLEN nicht mit heftigen Brutalitäten: Die Kopfschüsse sind nicht zu zählen, auch Messerattacken richten sich mit Vorliebe gegen den Hals oder den Schädel der Opfer, und wenn mal keine Waffe zur Hand ist, wird eben kurzerhand das Genick gebrochen. In Hinblick auf das Sujet des Films darf man das durchaus als Warnung potenzieller Terroristen verstehen: Wer sich am Nationalheiligtum vergreift, hat keine Barmherzigkeit zu erwarten. Gerard Butler ist mit seinem Bulldoggengesicht und dem aufgepumpten Body eine ideale Besetzung für den treuen Staatsdiener, der etwas gut zu machen hat – in der Eröffnungsszene misslingt es ihm, die First Lady (Ashley Judd) nach einem Autounfall vor dem Tod zu bewahren, was ihm seinen Job kostet und ihn vom Präsidenten und dessen Sohn entfremdet –, geht seiner Aufgabe mit vollem Körpereinsatz nach und blutet dabei fast so schön wie einst Bruce Willis.

Neben der patriotischen Onanie des Films und der Ernsthaftigkeit, mit der dieser würzige Käse ausgebreitet wird, als handele es sich dabei um die neue Declaration of Independence (die finale Ansprache des Präsidenten, der potenzielle Aggressoren mithilfe wohlklingender Buzzwords wie „unity“, „strength“, „heroes“, „dignity“ und natürlich „God“ darüber aufklärt, dass die Bevölkerung der USA im Ernstfall eine vereinte, unnachgiebige Front bilde, ist gewiss der Tiefpunkt des Films) ist es vor allem der reichlich selbstzweckhaft komplizierte Plan der Schurken, der Kritik verdient: Sie dringen ins Weiße Haus ein und entführen die drei Ranghöchsten Staatsdiener, um von ihnen die Codes zur Aktivierung des „Cerberus-Programms“ zu erpressen, mit dessen Hilfe sämtliche Atomraketen und mithin die Selbstverteidigung des Landes gegen einen nuklearen Erstschlag lahmgelegt werden sollen. Man sollte meinen, dass die Terroristen das auch etwas einfacher hätten haben können, wenn sie doch schon so weit ins politische Herz der Nation vorgedrungen waren. Aber natürlich ist das Spielchen so etwas spannender, gibt es dem Helden überhaupt erst die Zeit, etwas gegen die Feinde auszurichten. Und wie gesagt: Wie er da aufräumt, das macht Spaß und dürfte aus meiner Sicht durchaus als Vorbild für weitere großbudgetierte, gewalttätige Retroactioner herhalten. Besser als die letzten beiden EXPENDABLESFilme, die sich diese Aufgabe eigentlich auf die Fahnen geschrieben haben, ist OLYMPUS HAS FALLEN sowieso.

In einer nicht allzu fernen Zukunft wird die Welt vom Programmierer Ken Castle (Michael C. Hall) „beherrscht“, dessen Spielkreationen Millionen von Menschen weltweit begeistern. Derzeit bricht er mit „Slayers“ alle Rekorde, einem Egoshooter, in dem die Spieler echte Todeszellen-Insassen steuern. Der Held von „Slayers“ ist Kable (Gerard Butler), der von dem jugendlichen Supergamer Simon (Logan Lerman) gesteuert wird und sich langsam aber sicher der in Aussicht gestellten Begnadigung nach 30 erfolgreich absolvierten Runden nähert. Doch dann schalten sich die „Humanz“ ein, eine Widerstandsgruppe, die Castle stürzen will und sich dafür die Dienste von Kable sichern möchte …

Neveldine/Taylor haben zuletzt mit dem ziemlich tollen CRANK 2 gezeigt, dass man ihren visuellen Einfallsreichtum nicht unterschätzen sollte, und auch ihr neuester Film GAMER scheint zuerst auf einer Bildidee zu basieren: Wie wäre es, wenn man einen Film wie einen Egoshooter inszenierte? Von diesem Ausgangspunkt aus scheint sich der Plot wie von selbst zu ergeben: die Spielfiguren, die echte Menschen sind, die Zukunft, in der Menschen von einem Programmierer versklavt werden, der Zocker, der das Spiel auf den transparenten Wänden sieht, die ihn umgeben, und so selbst Bestandteil des Spiels wird. Neveldine/Taylor wollen keine lange Überzeugungsarbeit leisten, sie wollen ihre Zuschauer überrumpeln mit ihren Bildideen, die ihnen alles sind. GAMER könnte manchem Kritiker als geeignetes Beispiel für die These herhalten, das am modernen Actionkino etwas nicht stimmt: In rasender Geschwindigkeit prasseln Informationsfragmente auf den Zuschauer ein, reiht sich visueller Effekt an visuellen Effekt, bis man komplett die Orientierung verloren hat. Doch das hat nicht nur eine erzählerische Funktion.

Neveldine/Taylor legen GAMER stilistisch als Antwort auf Stones NATURAL BORN KILLERS an, der ähnlich hemmungslos im Einsatz visueller Mittel war und damit versuchte, die Reizüberflutung, die ein Fernsehzuschauer über sich ergehen lässt, abzubilden. Und wo Stones Film in seiner Kritik irgendwann als zynischer Spießer rüberkam, da schließen sich Neveldine/Taylor nahtlos an, auch wenn sie sich hinter schrillem Humor verstecken. Bei mir endete die Freude am Film in dem Moment, in dem einer der Spieler des anderen Spiels des Films – einem „Sims“-Ableger namens „Society“, in dem wie bei „Slayers“ echte Menschen gelenkt werden – als monströser, schwitzender Riesenfettsack und chronischer Masturbant gezeichnet wird. Hier unterscheiden sich Neveldine/Taylor in ihren Ressentiments kaum noch vom gemeinen BILD-Leser, der ja auch hinter jedem Internet-User einen Kinderschänder und hinter jedem Zocker einen Amokläufer vermutet. Auch wenn man annehmen darf, dass Neveldine/Taylor anderes im Sinn schwebte: Für mich ging es von diesem Moment an bergab mit GAMER. Und da auch seine Story im weiteren Verlauf einen sattsam bekannten Weg einschlägt, der der ambitionierten formalen Gestaltung diametral entgegensteht, reicht es für mich hier nur zu einer durchschnittlichen Bewertung.