Mit ‘Gerard Depardieu’ getaggte Beiträge

Louis Vincent Mangin (Gerard Depardieu) ist ein Cop. Seine Gegner: drei tunesische Brüder, die mit Heroin handeln. Als er Simon (Jonathan Leina), einen der drei, verhaftet, macht er sich an dessen Geliebte Noria (Sophie Marceau) heran. zunächst geht es ihm nur darum, Informationen aus ihr herauszupressen, mit denen er die Organisation der Brüder zerschlagen kann, doch dann mischen sich bald romantische Gefühle mit hinein. Als Noria die Brüder bestiehlt, um ihren Ausstieg aus dem Ring zu schaffen, der ihr ewige Loyalität abverlangt und sie bei Verrat mit dem Tode bedroht, gerät sie in Lebensgefahr. Die Gefühle Mangins kommen ihr da gerade recht …

Maurice Pialats viertletzter Film basiert auf einem Drehbuch von Catherine Breillat und ist in sich schon ser widersprüchlich: Zwar hat der Betrachter es hinsichtlich der Charaktere, der verwendeten Erzähltechniken und der verhandelten Themen mit einem sehr typischen postmodernen Polizeifilm zu tun, aber auch mit einem, der nur sehr am Rande mit Thrill und Crime zu tun hat. Die erste Dreiviertelstunde ist nichts weniger als meisterhaft: In atemlosen Tempo sowie mit großer Akribie und dem scharfen Blick für das Detail wird weniger eine Handlung vorangetrieben, als Polizeialltag im Stile des Police Procedurals beobachtet. Anders als bei den Vertretern aus den Fünfzigerjahren geht es aber nicht länger darum, die Zuverlässigkeit des Apparates zu demonstrieren und so beim Publikum ein Gefühl der Sicherheit zu etablieren, sondern eher ums Gegenteil: POLICE zeigt nicht nur, dass Mangin und seine Kollegen hilflos gegen einen reißenden Strom des Verbrechens anschwimmen, sondern auch, dass die Sinnlosigkeit ihres Unterfangens bei den Gesetzeshütern längst entsprechend niedergeschlagen hat: Ihre Organisation ist ein Spiegelbild der Kartelle, gegen die sie ankämpfen.

Die dreisten Lügen, Verleugnungen und Ausreden, mit denen zum Teil handfeste Beweise vom Tisch gefegt werden, sind in der ersten Hälfte von POLICE fast schon ein running gag: Als Mangin Noria eine Tonbandaufnahme vorspielt, die ein Telefonat zwischen ihr und einem sie anrufenden Drogenhändler dokumentiert, von dem sie behauptet, ihn nicht zu kennen, behauptet sie steif und fest, es handle sich bei der Stimme um eine andere Frau, die ihr Telefon in ihrer Wohnung abgenommen und nter ihrem Namen geantwortet habe. Aber die Polizei hat dieser Frechheit nur wenig Substanzielles entgegenzusetzen, vielmehr sind ihre Methoden auch alles andere als sauber. Statt sich mit detektivischer Spürnase, überlegenem Intellekt und psychologischer Menschenkenntnis durchzusetzen, baut Mangin auf die Kraft der Einschüchterung, rohe Gewalt und leere Drohungen. Mit klassischen Polizistentugenden wie Vertrauenswürdigkeit, Seriosität, Untadeligkeit, Unbestechlichkeit und Professionalität hat er nur wenig am Hut: Er bändelt ohne große Zurückhaltung mit einer Kollegin (Pascale Rodard) an und wenn das Tagwerk verrichtet ist, geht er mit Lambert (Richard Anconina), dem Anwalt der Verbrecher, in deren Kneipen trinken, die tagsüber aufrecht erhaltenen Grenzen leichtfertig verwischend. Man ahnt, dass das nicht lang gut gehen kann. Auch wenn das Gerangel der beiden Seiten in vielen Momenten an ein Spiel erinnert: Es ist keines. Und es sind vor allem die Schurken, die das ganz genau wissen – und im Zweifel die nötige Kaltblütigkeit besitzen, um Ernst zu machen.

In der zweiten Hälfte nimmt Pialat etwas das Tempo heraus. Aus den gleichförmigen Verhörräumen und Büros des Polizeireviers, durch die Nacht für Nacht dieselben halbseidenen Gestalten, kleinen Ganoven und Gewohnheitstter defilieren verlagert er die Handlung in das Privatleben Mangins, der dem Traum von der Liebe aufsitzt. Die schöne Noria hat alles: Sie ist wunderschön, jung, klug, verletzlich, geheimnisvoll, mutig. Er sieht in ihr die damsel in distress, die er, der Ritter, aus den Fängen des Drachen befreien muss, um ihr ein besseres Leben zu ermöglichen. Mangin glaubt, dass er die Perspektive hat, aus der er die Dinge überlicken kann, aber natürlich irrt er sich gewaltig. Nicht nur riskiert er mit seiner Affäre die blutige Rache der Tunesier, er unterschätzt auch Noria, hinter deren mädchenhaftem Schmollmund sich eine gerissene Frau verbirgt, die genau weiß, welche Hebel sie zur Erreichung ihrer Ziele betätigen muss. POLICE endet ohne großen Knall im Ungewissen. Vielleicht wird alles so weitergehen für Mangin. Wahrscheinlicher ist es aber, dass er irgendwann einmal die Quittung für seine Sorglosigkeit erhält. Die zweite Hälfte ist etwas weniger temporeich und atemlos als die erste, aber sie gibt dem Schicksal Mangins erst die nötige Fallhöhe.

Pialats POLICE ist ein Polizeifilm, wie ihn nur Franzosen machen können. Realistisch, abgezockt, düster, fiebrig, resigniert, aber niemals selbstmitleidig.

 

Als Dominique Strauss-Kahn, geschäftsführender Direktor des IWF, am 14. Mai 2011 wegen Vergewaltigungsvorwürfen in New York festgenommen wurde, endete damit eine politische Karriere, die ihren Höhepunkt in der Wahl zum französischen Präsidenten hatte finden sollen. Zwar wurde Strauss-Kahn wegen der angeblichen Unglaubwürdigkeit des Opfers freigesprochen, doch an seinem Ruf eines notorischen Sexprotzes – im Zuge des Prozesses kamen weitere Delikte ans Tageslicht, 2015 wurde er wegen schwerer Zuhälterei angeklagt – konnte der Freispruch nichts ändern.

Mit WELCOME TO NEW YORK nimmt sich der New Yorker Filmemacher Abel Ferrara des Falles an. In drei dem Film vorangestellten Texttafeln gesteht er, dass der Inhalt seines Filmes spekulativ ist, keinen Anspruch erhebt, die Geschehnisse so nachzubilden, wie sie sich ereignet haben. Ein darauf folgendes kurzes – und gestelltes – Interview mit dem Hauptdarsteller Gérard Depardieu („Warum haben Sie diese Rolle angenommen?“ „Weil ich den Mann nicht leiden kann.“) unterstreicht den mit den Tafeln erläuterten Ansatz. Statt Immersion und Authentizität strebt Ferrara Distanz und Reflexion an. Und er gesteht mit den Worten Depardieus, dass der Film seinem Objekt – das er Devereaux nennt (dieser Text stellt eine interessante Parallele zu Jean-Claude Van Dammes gleichnamigem Charakter aus UNIVERSAL SOLDIER her) – nicht unvoreingenommen begegnet, ihm gar nicht unvoreingenommen begegnen kann und das auch nicht unbedingt vorhat. Die Frage, ob Strauss-Kahn/Devereaux unschuldig war, die Details der Gerichtsverhandlung, interessieren Ferrara nicht im geringsten: Er zeigt die Vergewaltigung des Zimmermädchens, zeichnet seinen Protagonisten als einen wahren Sexbesessenen, der von der Lust regelrecht übermannt wird und in diesem Moment jeglichen Anstand, jede Zurückhaltung fahren lässt. Sein fetter Leib, sein gutturales Grunzen, das Keuchen bei der geringsten Anstrengung zeigen einen Mann, der sich nimmt, was er will, gegen jede Vernunft, gegen jede Moral. Trotzdem ist WELCOME TO NEW YORK mehr als eine Abrechnung mit einem gewissenlosen Machtmenschen und Kapitalisten.

Devereaux kennt keine Beschränkungen in seinen Wünschen. Sex ist für ihn so selbstverständlich wie das Atmen, und er ist es gewohnt, dass schöne Frauen jederzeit verfügbar und willig sind. Geschäftspartner werden noch in seinem Büro mit Prostituierten versorgt („You want a blowjob?“), zurück im Hotel feiert er dann mit Freunden und euphorisierten Nutten mehrere wilde Orgien hintereinander. Eine attraktive Frau ist für Devereaux in erster Linie eine potenzielle Gespielin und er hat keine Hemmungen, seine Wünsche ganz offen mitzuteilen. Als seine Tochter (Marie Mouté) ihm in einem New Yorker Restaurant ihren neuen Freund vorstellt, fragt er ihn sofort, wie der gemeinsame Sex sei. Manche Frau ist durchaus empfänglich dafür – die schöne Kunststudentin, die er in einer Ausstellung kennenlernt und mit der er einen intimen, durchaus liebevollen Nachmittag verbringt –, andere, wie eben das Zimmermädchen, reagieren panisch auf seine körperliche Zudringlichkeit, ohne dass sich Devereaux jedoch wirklich davon beeindrucken ließe. Seine Gattin Simone (Jacqueline Bisset), eine wohlhabende Frau, die wutentbrannt nach New York eilt, um ihm zu helfen, obwohl sei weiß, dass die Anschuldigungen der Wahrheit entsprechen, wirft ihm einmal vor, wie ein kleines Kind zu sein. Es stimmt: Er nimmt sich, worauf er Lust hat, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, die Einwilligung des Gegenübers ist für den Vollzug nicht notwendig, weil es zuerst um seine Befriedigung geht. Er hat ein Anrecht auf Befriedigung. Devereaux ist ein Moloch, ein schwarzes Loch, das alles verschlingt, worauf er Appetit hat. Und das ist eine Menge. Damit einher geht aber auch ein gewisses Mitleid des Zuschauers: Devereaux gewinnt keine zusätzliche Lust an der Unterwerfung anderer, es geht ihm nicht um die Überwältigung und Erniedrigung der Frauen, die er überfällt. Sein Problem ist, dass er ihr „Nein“ einfach nicht akzeptieren mag und nicht in der Lage ist, aus seinen Erfahrungen zu lernen. Vor Simone beteuert er seine Unschuld, behauptet, er habe das Zimmermädchen nicht gezwungen, ihn zu blasen. „I just jerked off on her mouth“, sagt er. Das ist bei ihm eine Entschuldigung.

An Strauss-Kahns Schuld besteht für Ferrara, wie gesagt, kein Zweifel. Was ihn interessiert, ist der Mensch hinter der Tat zum einen, die Reaktion des Systems zum anderen. Hier kommt der Titel mit seiner bitteren Ironie ins Spiel. Denn im Prozess, der Devereaux gemacht wird, dreht das System den Spieß gnadenlos um. Die Szene, in der sich der Häftling vor den Gefängnisbeamten entkleiden muss, wird demütigend in die Länge gezogen, die Strafe setzt schon ein, bevor Devereauxs Schuld überhaupt bewiesen ist. Mit sadistischer Freude wird das hohe Tier zurechtgestutzt, ganz egal, ob es um den Telefonanruf geht, der ihm ohne jede Begründung verwehrt wird, ob er mit grimmigen Gewaltverbrechern in einer Zelle gesteckt wird (zum Abschied bekommt er einen liebevollen Schulterklopfer als Respektsbekundung, weil er unter de bösen Blicken nicht zusammengebrochen ist) oder ob das Gericht ein Exempel an ihm statuieren will, indem es keine Kaution aussetzt. Die Macht ist in Ferraras Film ein heimtückisches, launisches Tier. Sie ermöglicht Devereaux ein Leben in Saus und Braus, droht ihn aber auch zu verschlingen, als er gegen die Spielregeln verstößt. Der Fall Strauss-Kahn war weit mehr als nur ein Vergewaltigungsprozess, das macht WELCOME TO NEW YORK sehr deutlich.

Ein Wort noch zur deutschen Blu-ray-Veröffentlichung: Ferraras Film kommt mit einer überaus befremdlichen FSK-12-Freigabe daher, über die ich nur den Kopf schütteln kann. Die erste halbe Stunde, die sich mit dem sexuellen Vorlauf der Vergewaltigung befasst, ist so explizit, wie ein Film jenseits der Hardcore-Pornografie sein kann und der Anblick des fettleibigen, grunzenden Depardieu mit seinem Altherrenarsch und dem darunter baumelnden Pimmel allein, birgt schon genug verstörendes Potenzial, um einem Zwölfjährigen schlaflose Nächte zu bescheren. Mal ganz davon abgesehen, dass WELCOME TO NEW YORK inhaltlich viel zu komplex, mit seinen Zwielichtbildern viel zu beunruhigend ist, um ihn im Familienkreise als erbauliche Abendunterhaltung goutieren zu können. Aber gut. Eine Frechheit hingegen ist es, diesen Film, dessen Dialoge zu schätzungsweise 30 – 40 % auf Französisch sind, ohne jede Untertitelspur anzubieten. Wer wie ich des Französischen nicht mächtig ist, dem bleibt nichts anderes übrig, als den Film gleich ganz in der deutschen Synchronfassung zu schauen oder aber die entsprechenden Szenen später noch einmal nachzuholen. Ganz ehrlich, eine deutsche Untertitelspur sollte bei DVDs/Blu-rays eigentlich Standard sein.


Marie, die Tochter des französischen Firmenchefs Alexandre Bens (Michel Robin) verschwindet während ihres Mexiko-Urlaubs spurlos. Weil der mit der Sucher beauftragte Privatdetektiv Campana (Gérard Depardieu) keinen Erfolg hat, kommt ein Berater Bens‘ auf eine außergewöhnliche Idee: Marie war ein ausgesprochener Pechvogel, und ein ebensolcher ist Bens‘ Angestellter François Perrin (Pierre Richard), ein braver Mann, der sich unter 20 leeren Stühlen mit furchteinflößender Sicherheit genau jenen aussucht, der kaputt ist. Wenn man nun den Pechvogel auf die Spur des Pechvogels ansetzt, dann muss der zweifelsohne in dieselben Fettnäpfchen treten und so zum Ziel gelangen. Campana ist sichtbar begeistert und dass der ebenso ahnungslose wie unfähige Perrin beginnt, sich in der Rolle des Spürhunds zu gefallen, macht die Sache nicht eben leichter …

Unter ihrem Fernsehtitel EIN TOLPATSCH KOMMT SELTEN ALLEIN avancierte diese Komödie in meiner Kindheit zu einem Evergreen, das ich damals wahrscheinlich ein dutzend Mal gesehen habe und auch heute noch nahezu auswendig kenne. Im Kino unter dem ungleich blöderen Titel DER HORNOCHSE UND SEIN ZUGPFERD gelaufen und mit einer Rainer-Brandt-Synchro versehen, die er gar nicht nötig hat, überlässt es die Fernsehvertonung ganz den beiden hervorragend harmonierenden Hauptdarstellern dem geneigten Zuschauer das Zwerchfell zu perforieren. Pierre Richard ist grandios als bemitleidenswerter Pechvogel, der gar nicht bemerkt, wie hart ihm das Schicksal eigentlich mitspielt. Der Optimismus, der ihn von einem Fettnäpfchen zum nächsten treibt, nötigt einen gewissen Respekt ab und überhöht den Clown zum tragischen existenzialistischen Helden. Ihm gegenüber hat Depardieu als straight man die eigentlich undankbarere Rolle: Er ist das stand-in des Zuschauers, Augenzeuge von Perrins Unzulänglichkeit und mit seinem Gesichtsausdruck irgendwo zwischen entgeisterter Fassungslosigkeit, schadenfroher Faszination und bloßer Genervtheit die ideale Wand, an der Richard seine komödiantischen Volleys abprallen lassen kann. Aber Veber belässt es nicht dabei, Slapstick-Einlagen für Richard bereitzustellen und sie von Depardieu quittieren zu lassen. Er ringt seinem Stoff eine gewisse moralphilosophische Dimension ab, indem er Campana immer wieder in Versuchung führt, dem Pechvogel den entscheidenden Schubs zu geben, nicht nur, um dem Ermittlungsziel ein Stück näher zu kommen, sondern auch zur eigenen Belustigung. Und schließlich färbt das Pech Perrins dann auf den bulligen Privatdetektiv ab, der sich in Gesellschaft des armen Trottels zu lang in Sicherheit gewogen hat und mit dessen Überlegenheit es plötzlich vorbei ist. Eine Szene fungiert als Idealbeispiel für das Spannungsfeld, das Veber mithilfe seine beiden kongenialen Hauptdarsteller aufspannt: Die beiden sind bei ihren Ermittlungen in einem mexikanischen Knast gelandet. Folter steht auf dem Plan und auf Campanas Gesicht spiegelt sich eine Mischung aus Mitleid mit Perrin, den es seiner Erfahrung nach treffen muss, aber auch aus unverhohlener Schadenfreude und einer gewissen Überlegenheit, die besagt: „Mir kann hier gar nichts passieren.“ Sein Blick, als er aufgerufen und mitgeschleppt wird, ist mit Geld nicht zu bezahlen.

Neben den urkomischen Pointen – die Episode am Flughafen, Perrins amouröse Ambitionen, seine Wespenallergie – sind es die kleinen Details, die LA CHÈVRE von der reinen Gagparade zu einem rundum mitreißenden Erlebnis machen. Wie Pierre Richard felsenfest davon überzeugt ist, der eigentliche Boss zu sein, wie er Campana diesen gönnerhaften Knuff mit der Faust verpasst, wie er in einer zwielichtigen Spelunke mit einem Batzen Bargeld wedelt und wie Campana es einfach nicht fassen kann, das ist ganz großes Kino und schweißt einem diese beiden Figuren unauflöslich ans Herz. Ohne Frage eine der begnadetsten Komödien, die ich kenne.

Der cholerische Schwerverbrecher Mickey (Gerard Depardieu) bricht zusammen mit seinem Kumpel Serge (Pierre Forget) aus dem Knast aus. Weil die beiden jedoch vepfiffen wurden, hat Serge wenig später eine Kugel im Kreuz. Die letzte Rettung für die beiden ist der Landsitz von Noel Durieux (Yves Montand), einem ehemaligen Gangsterboss und alten Freund von Serge, der sich nun mit seiner Ehefrau Nicole (Catherine Deneuve) der Pferdezucht widmet und ein bürgerliches, ruhiges Leben führen möchte. Nach dem Eintreffen des unbeherrschten Mickey rückt die Erfüllung dieses Wunsches jedoch in weite Ferne …

a0000844.jpgDie Grundprämisse des Films ist denkbar einfach, der weitere Verlauf des Films scheint anhand der kurzen Zusammenfassung für jeden, der ein paar Gangsterfilme gesehen hat, vorhersagbar zu sein. Doch Alain Corneau weitet diese Prämisse, den Zusammenprall zwischen dem ungebildeten Psychopathen und dem Gentleman-Gangster a. D. zur epischen Tragödie aus, die mit zunehmender Spieldauer eine Komplexität gewinnt, die nur wenige Filme dieser Art für sich beanspruchen können. Nachdem der zentrale Konflikt etabliert ist, verwandelt sich LE CHOIX DES ARMES plötzlich in ein Sozialdrama, das dem Amokläufer Mickey menschliche Konturen verleiht und ihn zum Opfer der äußeren Umstände macht. Der Film begibt sich vom mondänen Landhaus Noels in die tristen, wenig Hoffnung vermittelnden Plattenbausiedlungen am Rande von Paris, in denen Mickey seit seiner Kindheit um Anerkennung gekämpft hat, die ihm jedoch stets versagt blieb. Gleichzeitig zieht die durch seinen Ausbruch augelöste Kettenreaktion immer weitere Kreise, sodass keine der involvierten Personen – neben Mickey und Noel die Polizei, Mickeys Jugendfreund Dany sowie die Gangsterfamilie um Noels ehemaligen Kontrahenten Constantini, die mit Mickey ebenfalls noch ein Hühnchen zu rupfen hat – noch in der Lage ist, den Überblick zu behalten, geschweige denn die Auswirkungen der eigenen Handlung vorhersagen zu können. So wird das gesamte Personengefüge kräftig durcheinandergewirbelt, bis sich am Ende plötzlich der junge Polizist in der Position des ungewollten Übeltäters wiederfindet. Parallel zu dieser hoch dramatischen, niemals vorhersehbaren Geschichte erzählt Corneau – wie der Titel schon andeutet – von Waffen. Einmal sitzt der ältere Polizist vor dem Fernseher und sieht einen Bericht über einen aktuell wütenden Bürgerkrieg. Tenor des Berichts: In einer Welt, in der alle Waffen frei verfügbar sind, werden diese irgendwann auch benutzt. Wer in diesem Gefecht die Oberhand behalten wird, ist auch für die teilnehmenden Kräfte indes nicht mehr vorherzusagen. Auch wenn man es an der Oberfläche nicht sieht: Diese Welt befindet sich im Ausnahmezustand, in einem immer währenden Krieg. Anders ist das Bild nicht zu deuten, in dem wir Mickey mit seiner kleinen Tochter am Strand sehen, nachdenklich aufs Meer hinausblickend, während die Festungsanlagen hinter ihm nicht nur an den D-Day erinnern, sondern auch seine eigene Verfassung widerspiegeln: Man muss sich hart machen, um zu überleben.

Alain Corneau ist ein famoser Crime-Film voller Tiefgang und herausragender Bildkompositionen gelungen, der immer wieder überrascht und zwingt, die gewonnenen Eindrücke immer wieder einer Neubewertung zu unterziehen. Das Sahnehäubchen des Films sind aber die vielen faszinierenden Charaktere: Vor allem Depardieu begeistert mit einer sehr ambivalenten Darstellung des Mickey, der sich vom hassenswerten Klotz zum tragischen Helden und schließlich zur Identifikationsfigur mausert. Zusammen mit Yves Montand, der seinem Altgangster monumentale Würde verleiht, bildet er das emotionale Zentrum dieses Films, für den eine Sichtung bei Weitem nicht aureicht.