Mit ‘Gerd Kruskopf’ getaggte Beiträge

Der Rocker Gerd (Gerd Kruskopf) wird aus dem Knast entlassen und von seiner alten Gang frenetisch empfangen. Doch eigentlich will er ein neues Leben beginnen, auch, weil seine einstige große Liebe keine Lust mehr auf alkoholisierte Halbstarken und sich von ihm abgewendet hat. Ihr neuer Freund ist Uli (Paul Lys), selbst ein hoffnungsloser, zur Selbstüberschätzung neigender Kleinkrimineller. Nachdem der von einem Zuhälter wegen einer Bagatelle auf offener Straße erschlagen worden ist, trifft sein 15-jährigen Bruder Mark (Hans-Jürgen Modschiedler) schließlich auf Gerd. Und beide erkennen, dass sie sich trotz ihrer unterschiedlichen Lebenserfahrungen ziemlich ähnlich sind …

ROCKER ist nun also mit leichter Verspätung der Startschuss für meine bereits mehrfach angekündigte „Filmische Weltreise“, die mich (und damit auch euch) in den nächsten Wochen in Beschlag nehmen wird. Für mich persönlich ist ROCKER aber weniger Aufbruch als zunächst einmal eine Art Rückkehr: Lemkes Film ist nämlich einer der ganz wenigen der letzten Jahre, die ich gesehen habe, ohne anschließend einen Text dazu geschrieben zu haben. In diesem Fall war ich während der Sichtung vor rund eineinhalb Jahren zum einen etwas beeinträchtigt in meiner Wahrnehmung (ähem …), zum anderen hatte mich ROCKER auf dem falschen Fuß erwischt und deshalb etwas enttäuscht: Ich hatte etwas beschwingtes, lustiges erwartet, einen im positiven Sinne „dümmeren“ Film und nicht das aufgrund der Besetzung mit Laiendarstellern und improvisierter Szenen semidokumentarische Züge tragende existenzielle Drama, als dass sich ROCKER entpuppte. Ein Text wäre auf der Grundlage dieses Missverständnisses nicht nur unfruchtbar, sondern vor allem unfair geworden. Nach dieser zweiten Sichtung kann ich den vielen positiven Stimmen, die mich überhaupt erst dazu gebracht haben, mir den Film zuzulegen, nur beipflichten. ROCKER ist ein außergewöhnlicher Film. Außergewöhnlich, weil er sich seinem Sujet mit einer Unverkrampftheit und Einfühlsamkeit nähert, die im deutschen Kino alles andere als  eine Selbstverständlichkeit ist. Gleichzeitig bleibt Lemke stets auf Distanz: Es ist der Respekt vor seinen Charakteren, der ihn daran hindert, sie sich völlig zu eigen zu machen. Unter vielen anderen Regisseuren wäre die Geschichte um zwei soziale Außenseiter und ihre fruchtlosen Versuche, sich in die Gesellschaft einzugliedern, zur moralinsauren Sozialmoritat verkommen, doch nicht so bei Lemke. Der hält sich mit einem Urteil über seine Protagonisten nämlich völlig zurück, versucht vielmehr, sie zu verstehen, indem er genau hinsieht. Und wenn es ihm dennoch nicht gelingt, so hält er dies einfach aus, anstatt sich eine griffige Deutung zurecht zu hämmern. 

ROCKER ist dann auch kein Film, der sich emotional aufdrängen würde. Viele Reaktionen wirken unterkühlt, fallen kleiner aus, als man es aus traditionelleren Spielfilmen kennt, immer wieder klaffen Lücken in der Szenenabfolge, die einen stolpern lassen, und oft bleibt einem nichts anderes übrig, als in die Gesichter der Charaktere zu blicken, ihnen genau zuzuhören und sich dann selbst zu überlegen, was in ihnen vorgehen mag, was ihre Motivationen sind, was sie antreibt. Das beste Beispiel für Lemkes Art der Beobachtung ist wohl das Schlussbild: Mark hat Gerd und seine Rockerkumpel auf die Zuhälter angesetzt, die seinen Bruder ermordet haben, und betrachtet nun den ungleichen Straßenkampf, in dem die Mörder bekommen, was sie verdienen. Er entfernt sich etwas vom Geschehen, als könne er nun mit allem, was er zuvor erlebt hat, abschließen, als wüsste er nun, wie er sein Leben leben will. Der Film schließt mit einem Freeze Frame auf Mark und sein Gesichtsausdruck – eine Mischung aus Freude und Ungewissheit – hält keine klare Antwort bereit. Wir wissen nicht, wie es mit ihm und Gerd weitergehen wird. Diese Haltung ist genau das Gegenteil von dem, was den Protagonisten von der Gesellschaft entgegengebracht wird. Alle wissen immer ganz genau, was gut für den anderen ist,  haben immer ein griffiges Urteil zur Hand, die Schublade geöffnet, in die sie den anderen hineinstecken können. Als Mark nach der Ermordung seines Bruders sturzbetrunken an seinem Ausbildungsplatz – einem Supermarkt – ankommt und sich an den Regalen vergreift, ruft seine Kollegin sofort die Polizei. Und Marks Schwester, seine Erziehungsberechtigte, hat nichts anderes für ihn übrig, als die üblichen verzweifelten Erwachsenensprüche. Nicht mit einer Silbe erkundigt sie sich nach seinem Befinden. Der sich betont asozial und hart gebende Gerd muss Eindruck auf Mark machen, doch der Zuschauer erkennt, dass dies auch nur eine Fassade ist, hinter der der Schmerz zahlreicher seelischer und körperlicher Verwundungen versteckt wird. Auch Gerd stößt bei seinen Versuchen, sein Leben zu ordnen, nur auf verschlossene Türen. Wen wundert es da, dass er sich immer wieder in Drohungen und Prahlerei flüchtet. Die Szene, in der er seine alte Flamme an ihrem Arbeitsplatz aufsucht und auf ihre Beteuerungen, sie wolle mit ihm und seiner Gang nichts mehr zu tun haben, sie ertrage das halbstarke Getue nicht mehr, nur mit der sie ultimativ bestätigenden und daher geradezu mitleiderregend inadäquaten Drohung, ihr eine zu knallen, antworten kann, spricht Bände. Gerd ist ein tragischer Held, ein in schwarzes Leder gekleideter Narr, jemand, dessen übersteigerte Selbstwahrnehmung das einzige ist, was er noch hat.

ROCKER ist natürlich auch ein umwerfendes Zeitdokument: Die Bilder bundesdeutscher Tristesse und eines zwar martialischen, aber im Kern ungemein naiven Aufmuckertums, scheinen heute wie aus einem anderen Universum zu uns heruntergefunkt worden zu sein. Man fragt sich unweigerlich, was aus Gerd und Mark wohl geworden ist. Ich befürchte das  Schlimmste, hoffe aber, dass sie sich ein Motorrad gekrallt haben und Richtung Horizont gefahren sind, Deutschland weit hinter sich lassend. Es war damals nicht ihre Welt und die heutige ist es wohl noch weniger.

Nächste Station: Belgien.