Mit ‘Gerd Oswald’ getaggte Beiträge

Die große Zeit von Paul Jordan (Maurice Ronet) liegt 15 Jahre zurück. Damals verzauberte er das Publikum als gut aussehender Liebhaber in Leinwandromanzen und Musicals, nun lebt er vom Geld seiner Gattin Joan (Suzy Kendall), hat eine Affäre mit seiner Stieftochter Shirley (Susanne Uhlen), pflegt Depressionen und Alkoholsucht. Ein Comeback wäre genau das, was er braucht, aber man macht ihm wenig Hoffnung. Das Filmgeschäft hat sich verändert, und Jordans einstige Erfolge interessieren niemanden mehr. Doch dann gibt es tatsächlich ein Angebot: Unter der Regie von Arthur Fogosch (Balduin Baas) soll Jordan in Wien eine Hauptrolle übernehmen. Er nimmt das Angebot sofort an, doch Alkohol, Stress und die Gewissheit, seine Stieftochter geschwängert zu haben, treiben ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs, den er mit allerhand Aufputschmitteln vermeiden will. Die Grenzen zwischen Realität und Halluzination beginnen zu verschwimmen.

Zwischen den seltsamen Polithrillern und Melodramen, die das Gros der von Luggi Waldleitner initiierten Simmel-Filme ausmachen, nimmt BIS ZUR BITTEREN NEIGE zumindest handlungstechnisch eine kleine Sonderstellung ein. Auch wenn die Schwelle zum Horrorfilm und Psychothriller nicht überschritten wird, so nähert sich Oswald diesen Genres doch merklich an. Es gibt blutige Schweineköpfe im Waschbecken, einen mad scientist (Rudolf Fernau), merkwürdige Koinzidenzen und schließlich eine Auflösung, die ein Standard des Mysterythrillers und der Schauerromantik ist. Das Schicksal Jordans, der angesichts der rätselhaften Vorgänge, die sonst niemand zu bemerken scheint, an seinem Verstand zu zweifeln beginnt, trägt zudem deutlich kafkaeske Züge. Es ist erstaunlich, dass sich BIS ZUR BITTEREN NEIGE trotz dieser „Abweichungen“ perfekt in das Simmel’sche Filmwerk einfügt. Ästhetisch und tonal bleibt nämlich alles beim Alten: Die Charaktere wirken steif und künstlich, über der Welt liegt ein bleicher Schleier, der auch alle Emotionen abdämpft, die Dialoge klingen wie die Grabreden trauriger Androiden, die zu viel Trivialliteratur studiert haben. Der Film ist nicht spannend, er lädt auch nicht zum Mitfühlen ein, vielmehr hält er den heutigen Betrachter auf Distanz, verschreckt ihn mit seinen kalten Bildkompositionen und den reglosen Totenmasken, die alle Darsteller zu tragen scheinen. Vielleicht ist BIS ZUR BITTEREN NEIGE der „reinste“ aller Simmel-Filme, derjenige, in dem das „Wesen“ der Simmel’schen Dichtung am deutlichsten zum Vorschein kommt, am wenigsten durch überkandidelte Plotkonstruktionen verdeckt wird.

Ohne jemals einen seiner Romane gelesen zu haben: Die Filme lassen Simmel als zynischen Narziss erscheinen, als Borderliner, der seinen aus den Fugen geratenen Emotionshaushalt hinter plattitüdenhafter Zeit- und Gesellschaftskritik rückwirkend zu motivieren versucht. Wie die Welt und die Menschen in den SImmel-Filmen gezeichnet werden, mag historisch durch die Umstände der auch als“bleierne Zeit“ bezeichneten Siebzigerjahre zu erklären sein, aber die Unfähigkeit, sich den Figuren gegenüber zu öffnen, sie zu verstehen oder gar sie zu schützen, lässt eine ganz individuelle Pathologie hinter den Stoffen vermuten. Einen Typen wie Jordan eben: einen kaum zu bemitleidenden Jammerlappen, dem es nicht gelingt, seinem Leben aus eigener Kraft neuen Sinn zu geben, der an jedem Konflikt zu zerbrechen droht, andere leichtfertig mit sich reißt – und am Ende des Films auch noch die Absolution erhält, weil seine intrigante Gattin ihn in den Wahnsinn treiben wollte. Das ist, wnn schon nicht gerade vergnüglich oder unterhaltsam, so doch höchst faszinierend, eigenwillig und bisweilen gar verstörend. Man kann zu den Simmel-Verfilmungen stehen wie man will (und es gibt einige verdammt gute Gründe, sie für ziemlich schrecklich zu halten): Sie sind in ihrer Verbindung zutiefst desillusionierter, bisweilen gar suizidaler, todessehnsüchtiger Weltsicht, melodramatischer Selbstverliebtheit und kommerziellem Massenanspruch absolut singulär. Deutschland in den Siebzigern muss wirklich das Grauen gewesen sein.

todesauge_von_ceylon_dasAbenteuerfilme mit Lex Barker, die zweite: In diesem von Wolf C. Hartwig produzierten Werk spielt er den Raubtierfänger Larry Stone, der sich in Helga (Ann Smyrner), die Tochter von Professor Ferlach (Hans Nielsen), verliebt. Ferlach wird nach Ceylon gerufen, um dort bei den Ausgrabungen eines alten Tempels zu helfen, der vor zehn Jahren bei einer Naturkatastrophe verschüttet wurde. Es stellt sich aber schon bald heraus, dass irgendjemand kein allzu großes Interesse am Erfolg der Ausgrabungen hat: Arbeiter werden ermordet und verjagt, Equipment gestohlen und immer taucht als Warnzeichen das „Todesauge“ auf …

Bezeichnete ich 24 HOURS TO KILL, einen ebenfalls mit Lex Barker besetzten britischen Abenteuerfilm, noch als „nostalgisch“ und „angenehm anachronistisch“, so fällt es mir schon sehr schwer, diesen hier nicht einfach als „altbacken“ abzuwatschen. Ja, fürs Auge wird durchaus etwas geboten und diese Sechzigerjahre-Schoten um alte Tempel, verborgene Schätze, fremde Kulturen und kernige Aussteigertypen, die mit khakifarbener Explorer-Gear in Jeeps durchs Gehölz heizen und nebenbei die blonde Schönheit abstauben, während farbenfroh gewandetes Personal in prunkvollen Tempeln gemeine Intrigen schmiedet, haben ja auch was für sich, was ich nicht einfach so wegschieben kann. Aber DAS TODESAUGE VON CEYLON bietet leider nur wenig mehr als das. Die Story ist sogar so schlampig konstruiert, dass der eigentliche Protagonist zur finalen Lösung sogar absolut gar nichts beitragen muss: Die Schurken schaffen sich einfach selbst ab. Auch die Chance, den bekleideten Schimpansen, den Larry natürlich besitzt, irgendwelchen Schabernack machen zu lassen, verstreicht ungenutzt. Unentschuldbar!

So bleibt lediglich eine Szene wirklich hängen. Die ist zwar tatsächlich absolut denkwürdig, ob sie die Sichtung dieses Films rechtfertigt, möchte ich aber trotzdem anzweifeln: In einer Bar bestaunen die Protagonisten die Tanznummer (!) eines reichlich verbaut aussehenden Orang-Utans. Es gibt für den Zuschauer zunächst keinen echten Grund, daran zu zweifeln, dass es sich um einen echten Menschenaffen handeln soll, waren Menschen in zotteligen Affenkostümen zu jener Zeit doch ein gern gesehener Gast in Genrefilmen. Auffällig ist nur, dass dieses Kostüm selbst gemessen an den niedrigen Maßstäben erschreckend mies aussieht. Und natürlich ist die Idee, einen Affen als Animierdame auftreten zu lassen für sich genommen schon reichlich seltsam. Doch dann passiert es: Der Affe streift einen Arm ab, zum Vorschein kommt ein schlanker Frauenarm. So geht es ganz langsam weiter. Erst zeigen sich die Arme, dann die Beine, dann verschwinden der Affentorso und schließlich die Maske, und hervor tritt eine blonde Tänzerin, womit die Tanznummer auch schon beendet ist. Was originell und vielleicht auch kinky anmuten soll, gerät zur reichlich verstörenden Bestiality-Fantasie, die einfach nur gruselig ist. Die Zuschauer sehen das offensichtlich anders und bedenken die Dame mit tosendem Applaus und Respektsbekundungen, während die Schauspielerin, sichtlich gedemütigt, so schnell aus dem Bild rennt wie sie nur kann. Ich habe schon viel gesehen, Zombies die Gedärme verschlingen, minutenlange Vergewaltigungen, die Abtrennung jedes erdenklichen Körperteils, aber das hier stellt einen ganz besonders perversen Gipfel der Geschmacklosigkeit dar. Igittigitt!