Mit ‘Gerhard Riedmann’ getaggte Beiträge

wg9hwqvhGustave Flauberts Roman „Madame Bovary“ (den ich gelesen habe, von dem ich aber kaum mehr erinnert habe, als dass ich ihn mochte) ist berühmt für seine damals revolutionäre, Distanz schaffende Erzählhaltung und den damit einhergehenden Verzicht darauf, das Verhalten seiner Titelfigur zu bewerten oder moralisch zu verurteilen. Besonders gerühmt wird Flauberts Gespür für charakterisierende Details und psychologische Genauigkeit. In DIE NACKTE BOVARY, dem vorletzten Film des damals bereits 67-jährigen Komödien- und Heimatfilmer Schott-Schöbinger, bleibt davon nicht mehr allzu viel übrig: Der Stoff wird vielmehr für ein seichtes Melodram zurechtgestutzt, das Anlass bietet, Edwige Fenechs „teuersten Busen Europas“ (Zitat aus dem Werbematerial zum Film) zur Schau zu stellen, was zugegebenermaßen einer der Gründe war, aus dem ich mir DIE NACKTE BOVARY angesehen habe.

Dass Schott-Schöbinger die literarische Vorlage „völlig verfremdet“, wie das Lexikon des internationalen Films schreibt, will ich nach der Lektüre einer Inhaltsangabe des Romans zwar nicht unbedingt bestätigen, von der Komplexität von Flauberts Werk bleibt aber zugegebenermaßen nicht viel übrig. Der Film hetzt in 90 Minuten durch die Handlung und verkommt so fast notgedrungen zu einer Aneinanderreihung schön anzusehender Klischees, die jede echte Signifikanz vermissen lassen. Was die Figuren wirklich umtreibt, wer sie sind, was sie fühlen, wird weniger erzählt, als via Dialog behauptet. So darf die schöne Madame Bovary (Edwige Fenech) gleich in den ersten Minuten via Voice-over gestehen, dass sie das dörfliche Leben mit ihrem Ehemann (Gerhard Riedmann) schrecklich anödet, was damit verbildlicht wird, dass sie in das eheliche Haus einkehrt, das voll mit den Patienten ihres Gatten ist, und sich über seinen Mangel an Aufmerksamkeit für sie echauffiert. Riedmann selbst, ausreichend attraktiv, aber eben von jener biederen Freundlichkeit, die ihn zum Heimatfilm-Star prädestinierte, macht sich lediglich typischer Filmvergehen schuldig: nicht auf Zuruf seiner Frau seine Patienten sitzen zu lassen, beim vornehmen Empfang nicht mit ihr zu tanzen, sondern sich am Spieltisch der drückenden feinen Schuhe zu entledigen, keine Karriere in Paris machen zu wollen. Der arme Teufel darf bis zum Ende nicht merken, was eigentlich los ist. Emmas drei Love Interests kommen aber kaum besser weg und nicht über auf den ersten Blick durchschaubare Folien hinaus: Franco Ressel gibt den Kaufmann Lheureus als angeschwulten Teufel, dessen schmierig-finsteren Absichten man ihm schon aus der blasierten Visage ablesen kann, Peter Carsten ist als Großgrundbesitzer Rodolphe brustbehaarte Virilität und Verlässlichkeit und mit dem intellektuellen Bübchen Leon (Gianni Dei) unternimmt Emma aufschlussreich-bedeutsame Spaziergänge durch die Natur, bei denen er fast weiblicher agiert als sie.

Wenn DIE NACKTE BOVARY nach knapp 90 Minuten überaus abrupt zu Ende geht, wird die Vermutung bestätigt, dass sich eigentlich keiner der Verantwortlichen größere Gedanken darüber gemacht hat, was „Madame Bovary“ eigentlich erzählt, was an Flauberts Roman relevant ist, was man davon erhalten und in ein anderes Medium übertragen möchte, geschweige denn, was die Möglichkeiten des Mediums Film dabei für einen Mehrwert bringen könnten, außer der Gelegenheit, die Fenech in engen Kleidern, Unterwäsche des 19. Jahrhunderts oder auch nackt zu zeigen. Visuell ist DIE NACKTE BOVARY demnach recht üppig, wenn auch reichlich bieder und altbacken für einen Film des Jahres ’69 in all seiner trivialen Schmonzettenhaftigkeit. Da merkt man ihm die Prägung des Regisseurs im Rentenalter deutlich an.

 

Heimatfilm goes Sozialdrama: Maria Gassl (Marianne Hold) ist die letzte, die den alten Fischereibetrieb der Familie noch aufrechterhalten kann, doch das Geschäft wird ihr durch die Dumpingpreise erschwert, die Hans Bruckberger (Gerhard Riedmann) für die Fische aus eigener Zucht nimmt. Als wäre das noch nicht genug, wird ihr erst das Fischernetz von den frechen Schweizer-Zwillingen Anny und Fanny (Isa & Jutta Günther) zerstört, die beide ein Auge auf den feschen Hans geworfen haben, und dann auch noch ein recht unverschämtes Angebot von den Bruckbergers zum Abkauf der Fischereirechte unterbreitet. Voller Zorn konfrontiert sie den Jungunternehmer, auf den die energische junge Frau so viel Eindruck macht, dass er sich Hals über Kopf in sie verliebt. Es dauert nicht lange, bis auch sie ihre Ressentiments überwunden hat. Doch dann gibt es unerwartete Probleme: Es scheint, als sei Bruckbergers Vater Karl (Joe Stöckel) der uneheliche Vater Marias …

Noch während der Produktion von DIE FISCHERIN VOM BODENSEE; der sich als großer Publikumserfolg herausstellen sollte, unterschrieb Reinl den Vertrag für ein „Sequel“: Der hier bereits besprochene DIE PRINZESSIN VON ST. WOLFGANG reaktivierte wesentliche Teile der Besetzung. Neben den Stars Hold und Riedmann traten dort auch Joe Stöckel und die resolute Annie Rosar wieder auf – und bemühte eine sehr ähnliche, nun aber mit umgekehrten Vorzeichen wiederholte Dramaturgie, verkuppelte die wohlhabende Prinzessin Josi gegen jeden Widerstand mit dem armen, aber umso ehrlicheren KFZ-Mechaniker Toni. Die strukturelle Ähnlichkeit kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass DIE FISCHERIN im Vergleich sowohl interessanter als auch spritziger ist: Die geschäftliche Konkurrenz der beiden Protagonisten verleiht der Liebesschmonzette einen realistischeren, moderneren Hintergrund (mit sanfter Thematisierung von Umweltverschmutzung, Überfischung und Industrialisierung), und die Verbindung von Joe Stöckel und Annie Rosar als streitendes Ehepaar Bruckberger einen Witz, den man im Nachfolger vermisste. Es stellt sich am Schluss heraus, das Karl seine Vaterschaft nur erfunden hatte, um der mit äußerster Strenge die Finanzen überwachenden Gattin „Alimente“ abzuzwacken, die er dann in Wahrheit an seinem Stammtisch versaufen konnte. Ihre Erleichterung darüber, dass der Ehemann ihr mitnichten fremdgegangen war, wie sie seit Jahrzehnten geglaubt hatte, weicht schnell wieder der weiblichen Wut: „Versoffen hast’s!“ Wer den Heimatfilm hingegen auf der Suche nach Absonderlichkeiten durchpirscht, wird am ehesten bei den Schweizer-Zwillingen fündig, die keineswegs enttäuscht sind, als sich Hans für Maria entscheidet: Kein Mann soll schließlich zwischen die beiden Mädels treten, die ihren Vater (Rudolf Bernhard) mit Rechnungen für Falschparken und zu schnelles Fahren quälen, ihm zur „Entgiftung“ sofort Milch einflößen, wenn er sich mal ein Schlückchen gegönnt hat. Er erträgt diesen Terror erstaunlicherweise mit nur milde resigniertem Lachen über die ach so verrückten Töchterlein. Am Schluss schmeißt sich dann der Schifferkapitän vom Bodensee-Urlaubsdampfer an die beiden ran, nachdem die verführerische Wirkung seines Liedguts wirkungslos an der schönen Maria abgeprallt war.

Auch wenn ich mir damit jegliche noch verbliebene Credibility zerstöre: Ich fand diesen Film irgendwie putzig, gar keine schlechte Mittagsunterhaltung. Klar, er ist ein reines Kommerzprodukt, das auf die leicht zu erweichenden Herzen von Hausfrauen und Großmütter abzielt, aber er ist von Profis gescriptet und inszeniert und kommt dabei recht schwungvoll daher. Diese späten „Heimatfilme“ haben zudem den Vorteil, dass sie die deutschen/österreichischen Landschaften nur noch als austauschbare Kulisse verwenden, anstatt sie ideologisch unangenehm zu überfrachten, wie das weniger Jahre zuvor noch üblich war (siehe etwa GRÜN IST DIE HEIDE für ein besonders abschreckendes Beispiel). Das Label „Heimatfilm“ ist dann auch etwas irreführend: DIE FISCHERIN VOM BODENSEE ist eine romantische Komödie, deren Dramaturgie noch heute als Blaupause für dann allerdings in großstädtischen Werbeagenturen, Luxushotels oder sonstigen Wirtschaftsbetrieben spielende Filme europäischer oder amerikanischer Provenienz herhalten muss.

45918484 DIE FISCHERIN VOM BODENSEE war noch nicht fertiggestellt, da wurde Reinl bereits für diesen Film verpflichtet, einen dem Vorgänger in Besetzung und Handlung fast originalgetreu nachempfundenen Aufguss. Der Heimatfilm, der zu Beginn der Fünzigerjahre mit Erfolgen wie SCHWARZWALDMÄDEL, GRÜN IST DIE HEIDE oder DER FÖRSTER VOM SILBERWALD heute geradezu utopisch erscheinende Zuschauermassen mobilisierte und mit entsprechend vielen Produktionen im Kino vertreten war, verzeichnete zu dieser Zeit bereits ein sinkendes Publikumsinteresse und stark verminderte Erträge. Übersättigung und generell sinkendes Niveau waren die Ursachen. DIE PRINZESSIN VON ST. WOLFGANG trägt dieser Entwicklung durch eine Art inhaltlicher Verallgemeinerung Rechnung: Zwar dient das österreichische St. Wolfgang als gewohnt heimelige, urtümliche Kulisse, doch die Geschichte könnte eigentlich überall spielen. Am Ende wird gar ein Ausflug an die Côte d’Azur und den Badeort Cannes gewagt.

Der Film erzählt von der Liebesgeschichte des jungen Werkstatt-Besitzers und Tüftlers Toni Leitner (Gerhard Riedmann) und Josefa (Marianne Hold), ihres Zeichens waschechte Prinzessin. Dem Adelshaus ist die Beziehung der beiden Jugendfreunde natürlich ein Dorn im Auge und so wird Josefas Heirat mit Frinz Georg Alexander (Thomas Reiner) forciert. Dank der Unterstützung eines Lokalpolitikers (Joe Stöckel) und eines Berliner Journalisten (Walter Gross) kann Josis gestrenge Tante, die Fürstin Isabella (Annie Rosar), jedoch davon überzeugt werden, der jungen Liebe nachzugeben. In St. Wolfgang findet schließlich die Hochzeit statt.

Heimatfilm-typische Themen wie der Kontrast zwischen Natur und Stadt spielen hier keine Rolle mehr, eine Entwicklung, die 12 Jahre nach Kriegsende wahrscheinlich auch dem mittlerweile nicht mehr zu leugnenden Wirtschaftsaufschwung geschuldet war. Der Film thematisiert die mit diesem verbundenen neuen Hoffnungen indessen eher nebenbei: Toni, der eigentlich vom Ingenieursberuf träumte, als ihn der Tod des Vaters zum Werkstattbesitzer machte, hofft, eine seiner Erfindungen patentieren zu können und begibt sich gegen Ende des Films, als seine Beziehung zur Prinzessin gescheitert scheint, zum Antritt einer neuen Stelle nach Australien. Beim Besuch des Liebespaares auf der Gaisbergspitze wohnen beide der von einem Volksfest begleiteten Einweihung einer Antennennanlage bei: Auch hier also Wachstum, Fortschritt und das Gefühl des Aufstiegs. Zeichneten die frühen Heimatfilme der zweiten Welle das Naturidyll noch als ein vom Stadtleben abgeschiedenes, wird der touristische Aspekt hier ganz offen ins Bild gerückt, wenn Reisebusse mit winkenden Urlaubern durchs Bild fahren. DIE PRINZESSIN VON ST. WOLFGANG handelt nicht mehr von ländlicher Utopie, er betrachtet seinen Handlungsort nur noch als attraktiven Backdrop, den Harald Reinl mit dem von ihm gewohnten Professionalismus, aber auch ohne echte Inspiration zu nutzen weiß. Der Film läuft ganz gut rein, ist zwar zu jeder Sekunde absolut vorhersehbar, entwickelt dabei aber jene „Gemütlichkeit“, die für den Erfolg dieser Filme von wesentlicher Bedeutung war. Riedmann gibt den Toni als herzensgutes Schwiegersöhnchen mit unerschöpflichem Talent und Marianne Hold beherrscht diesen schmachtenden Blick aus feurigen Augen, der für die Überhöhung romantischer Gefühle und damit das Gelingen dieser Filme so wichtig ist, nahezu perfekt. Die bestehenden Geschlechterrollen werden am Ende erwartungsgemäß zementiert, wenn Josi ihrem Toni mit einem befreiten Lachen das Steuer überlässt, weil es schließlich so sein muss. Aufgelockert wird die Geschichte durch kurze Gesangs- und Tanzeinlagen, durch Stöckel und Gross, die als ungleiches Paar den Klischees vom Stadt- und Landmenschen ein humorvolles Gesicht verleihen und als Comic Relief fungieren, und eine kurze Suspense-Szene, in der Toni und Josi den kleinen Franzl (Michael Ande) aus einem VW-Käfer (Wirtschaftswunder!) retten müssen, der über einem reißenden Wasserfall in den Bäumen hängt. Hier übte Reinl wahrscheinlich schon für den actionlastigen Thrill der späteren Karl-May-Filme. Dass DIE PRINZESSIN VON ST. WOLFGANG – der als „auf wahren Tatsachen beruhend“ beworben wurde, tatsächlich aber eine Literaturverfilmung ist – in allererster Linie aber eine auf kommerziellen Erwägungen beruhende Nummernrevue ist, kann Reinl nie verbergen. Vor allem am Ende, wenn der herzensgute Toni ganz aus dem Film genommen wird und an der positiven Wendung gar keinen Anteil hat, stattdessen etwas mediterran-mondänes Cannes-Flair mitgenommen werden muss, zeigt sich, dass da mit ganz heißer Nadel gestrickt wurde.