Mit ‘Giacomo Rossi-Stuart’ getaggte Beiträge

Der dritte Teil von Umberto Lenzis Indien-Tetralogie hört auf den putzigen Titel SANDOK, IL MACISTE DELLA GIUNGLA oder in Deutschland IM TEMPEL DES WEISSEN ELEFANTEN, was zweifellos weniger originell, aber dennoch passender ist. Titelheld „Sandok, der Maciste des Dschungels“ ist zwar ziemlich muskulös und kräftig, aber eigentlich gar nicht die Hauptfigur. Bei dieser handelt es sich um Lieutenant Dick Ramsey (Sean Flynn), der von seinem Vorgesetzten auf frischer Tat dabei ertappt wird, wie er seinen Tresor ausräumen will. Aus dem Kittchen gelingt ihm aber die Flucht und er schlägt sich in den Urwald, wo er auf Prinzessin Dhara (Marie Versini in Blackface) und eben ihren getreuen Diener Sandok (Mimmo Palmara) trifft.  Die beiden sind auf der Suche nach dem Bruder der Prinzessin, der vom geheimnisvollen Kult um einen gewissen Brahmu entführt und in ihren unterirdischen Tempel verschleppt wurde. Was die beiden nicht wissen: Den sucht Ramsey auch, denn sowohl Kamerad Reginald Milliner (Giacomo Rossi Stuart) als auch die holde Cynthia Montague (Alessandra Panaro) sind dem Kult in die Hände gefallen …

Nach I TRE SERGENTI DEL BENGALA und SANDOKAN, LA TIGRE DI MOMPRACEM endeckt man viele Schauplätze und Szenen auch in SANDOK wieder. Elefanten, Tiger, Schlangenbeschwörer, Fort Victoria: Umberto Lenzi wusste schon zu diesem frühen Zeitpunkt seiner Regiekarriere, wie man den Produzenten Geld sparte und wie man aus dem Material von drei Filmen vier machte. Aber das klingt jetzt deutlich negativer als es SANDOK verdient hat, denn wie die beiden anderen Titeln macht der einfach großen Spaß, profitiert außerdem gegenüber Lenzis SANDOKAN-Epos davon, dass er 20 Minuten kürzer ist. Der Tempel der Kultisten sowie deren verschwörerisches Geraune um den maskierten Brahmu muss Junggebliebenen einfach das Herz aufgehen lassen: Neben dem weißen Elefanten (der schon etwas hospitalistisch herumwankt) gibt es hier finstere Gänge und Verliese, stimmungsvolle Fackelbeleuchtung und Statuen sowie natürlich die pittoresken Folter- und Mordmethoden, die im Inventar eines solchen Films nicht fehlen dürfen. Rossi-Stuarts Reginald wird der Wasserfolter unterzogen, ein armer Teufel mit flüssigem Gold übergossen und Held Ramsey muss sich gegen einen glatzköpfigen Hünen behaupten: und zwar auf einer schmalen Brücke über einer Leopardengrube (in der aber, wenn man es genau nimmt, zwei Geparden hausen).

Prinzessin Dharma kommt natürlich die Aufgabe zu, dem Protagonisten mit Stolz, Edelmut, Anmut und Schönheit den Kopf zu verdrehen, während die arme Cynthia vom bösen Brahmu unter Drogen gesetzt und so in seine Gewalt gebracht wurde. Sie faselt bis zum Tod ihres Peinigers nur wirres Zeug. Sandok beweist sich am Schluss, wenn er Ketten zerreißt und Gitterstäbe verbiegt. Natürlich gelingt die Flucht aus dem Tempel in allerletzter Sekunde, kurz bevor er zusammenstürzt – ausgelöst durch ein kleines Feuerchen, das die Schar der Protagonisten als Ablenkungsmanöver gelegt hat. Hauptdarsteller Sean Flynn, ein gutaussehender Sonnyboy, der auch die für diese Rolle nötige Hochnäsigkeit mitbringt, hatte Stoffe wie diesen im Blut: Er ist der Sohn des großen Errol Flynn und agierte in den Sechzigerjahren neben seiner Tätigkeit als Journalist in europäischen Rip-offs der Erfolge seines Papas, wie z. B. Tulio Demichelis‘ EL HIJO DEL CAPITÁN BLOOD oder Mario Caianos IL SEGNO DI ZORRO sowie einigen Italowestern und Eurospy-Vehikeln. Sein Ende ist tragisch: Während seiner Arbeit als Kriegsreporter in Vietnam und Kambodscha wurde er, gerade 30-jährig, gemeinsam mit einem Kollegen entführt und vermutlich hingerichtet. Seine Spur verliert sich am 6. April 1970, der deshalb auch als sein Todesdatum gilt, obwohl Flynn erst 1984, nachdem zahllose Versuche, ihn aufzuspüren, gescheitert waren, für tot erklärt wurde.

Nach dieser furchtbar traurigen Geschichte habe ich fast ein schlechtes Gewissen, über SANDOK, IL MACISTE DELLA GIUNGLA sagen zu müssen, dass er einfach Spaß macht, kurzweilig, bunt und angenehm unprätentiös ist. Eine richtige Räuberpistole eben, wie sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht werden. Ich finde, das ist ein respektables Vermächtnis.

01807701Wenn man sich etwas intensiver mit dem oft verunglimpften Genre der Commedia sexy all’italiana befasst, stellt man irgendwann fest, dass unter diesen Begriff längst nicht nur FLOTTE TEENS-Filme fallen, in denen Gianfranco D’Angelo und Alvaro Vitali dumme Grimassen, Edwige Fenech und Nadia Cassini hingegen blank ziehen. Ein gutes Beispiel für die unterschlagenen Ausnahmen – neben dem zu Beginn des Jahres beim Terza Visione begeistert aufgenommenen MALIZIA – ist Silvio Amadios LA MINORENNE. Der zweite Film der ein Jahr später mit LA LICEALE auch in Deutschland bekannt gewordenen Gloria Guida ist nur wenig komisch, sondern ganz schön bitter und zeichnet kein allzu gutes Bild vom italienischen Bürgertum und der Kirche.

Valeria Sanna (Gloria Guida) besucht eine streng katholische Klosterschule. Die einzige körperliche Zuwendung, die die Jugendliche dort erfährt, sind die Grabschereien des Schularztes, ansonsten bleibt ihr nur die Flucht in ihre Fantasie: Dort wird sie von mit Motorradhelmen maskierten Jugendlichen im Wald vergewaltigt, von Nonnen in einem Folterkeller ausgepeitscht oder schneidet besagtem Arzt den Schniepel ab, während er von ihren Mitschülerinnen überfallen wird. Doch immer wieder dringt ihr streng dreinblickender Papa Massimo (Marco Guglielmi) in ihren Tagträumen auf und macht alles zunichte. Nach dem Abschluss zurück zu Hause findet sie ihr gegenüber gleichgültige Eltern vor, einen notgeilen Bruder Lorenzo (Luciano Roffi), der sich ein Zubrot damit verdient, seine Kumpels gegen Bezahlung dabei zusehen zu lassen, wie er das Hausmädchen (Gabriella Lepori) vernascht -, oder den örtlichen Pfarrer (Silvio Spaccesi) – pikanterweise sein Onkel – erpresst, der eine Affäre mit einer reichen Gesellschaftsdame hat. Carlo Salvi (Giacomo Rossi-Stuart), der beste Freund des Vaters, empfiehlt diesem ständig, seine angeblich unfähigen Angestellten zu entlassen, um die Rendite zu steigern, fotografiert Valeria beim Sonnenbaden, hat ein Verhältnis mit Franca (Rosemary Dexter), Valerias Mutter, sowie Naziuniformen und Peitschen im Wandschrank. Wie soll man unter solchen Menschen erwachsen werden?

Die Inhaltsangabe spricht für sich: Die Großbürger haben viel Geld, aber keine Moral, was sie damit kaschieren, dass sie sich mit der Kirche gemein machen, die ihrerseits vollkommen korrupt ist. Jeder hintergeht jeden, niemand interessiert sich für den anderen, alle Beziehungen sind letztlich ökonomisch geprägt: Man gibt sich miteinander ab, weil man sich davon einen Vorteil verspricht. Zwischen Erwachsenen und der Jugend verläuft eine unüberwindliche Kluft, eigentlich existiert man nur so nebenher, Liebe oder Empathie sind „pfui“, verweichlichter Kram, eher versteht man sich als Zuchtmeister seiner Brut, die man dann auch mal für mehrere Jahre wegschickt und sich über diese Zeit völlig fremd wird. Und der Jugend fällt bei solchen Vorbildern erwartungsgemäß auch nichts ein, was sie Gescheites mit dem eigenen Leben anfangen könnte.

LA MINORENNE ist bei aller komödiantischen Leichtfüßigkeit und Episodenhaftigkeit ziemlich schmerzhaft und schonungslos in der Zeichnung einer gespaltenen Gesellschaft, einer entkernten Jugend und innerlich erkalteter Erwachsener. Am bittersten aber ist, dass Amadio und Autor Regnoli selbst keinen Ausweg aus dieser fatalen Situation wissen. Das Ende wirkt nach rund 90 überaus bleichen Minuten wie Realitätsflucht. Da nimmt Valeria den desillusionierten Aussteiger und Künstler Spartaco (Corrado Pani) bei der Hand und läuft mit ihm am Strand entlang in eine anscheinend bessere, zumindest glücklichere Zukunft ohne verlogene Eltern und scheinheilige Geistliche. Love conquers after all. Aber so richtig zufriedenstellend ist das nicht.

evelynAnhand von Emilio Miraglias Giallo, der hierzulande unter dem schönen Titel DIE GROTTE DER VERGESSENEN LEICHEN veröffentlicht wurde, kann man gut sehen, welchen Einfluss die deutschen Edgar-Wallace-Filme auf den italienischen Giallo der Siebzigerjahre hatten. Mehr als an die Rasiermesser-Mörder-Filme, die außerhalb Italiens mit diesem Namen bezeichnet werden, obwohl sie eigentlich nur eine Spielart des allgemein als „Giallo“ bezeichneten Thrillers oder Krimis darstellen, erinnert LA NOTTE CHE EVELYN USCI DALLA TOMBA an das gothisch angehauchte Rätselraten um dekadente Adlige, fiese Morde, schreienden Wahnsinn, dunkle Geheimnisse und Erbschaftsstreitereien hinter altehrwürdigen Mauern, das auch die nach den Bestsellern des britischen Krimiautors entstandenen Filme kennzeichnet. Allerdings, und hier kommt dann die südeuropäische Nuancierung hinzu, ist bei Miraglia sehr viel mehr krachiger Sleaze, Sex und eine gehörige Portion ungebremster Irrsinn im Spiel, wo die Wallace-Filme eher die eichenhölzern-einlullende Gemütlichkeit eines gut beheizten Kaminzimmers verströmen.

Im Mittelpunkt steht der reiche, attraktive Witwer Lord Alan Cunningham (Anthony Steffen), dessen Gattin Evelyn einst im Kindbett starb und der seitdem eine gepflegte Macke kultiviert: Regelmäßig lädt er rothaarige Schönheiten zu sich ein, führt sie in die kleine Folterkammer seines ausladenden Herrenhauses, neckt sie ein bisschen mit der Peitsche und murkst sie dann ab. Sein Psychiater Timberlane (Giacomo Rossi Stuart) ist ahnungslos, weiß aber, dass sein Patient von Erscheinungen der Ehefrau gequält wird und meint daher, dass die Kontaktaufnahme via Seance und eine neue Eheschließung die massiven psychischen Probleme beheben werde. Streitbar, to say the least. Die Kacke fängt so richtig an zu dampfen, als Alan die schöne Gladys (Marina Malfatti) ehelicht: Plötzlich stapeln sich die Leichen und der Lord beobachtet gar, wie Evelyn sich aus dem Grabe erhebt …

Ich verrate sicher nicht zu viel, wenn ich hier sage, dass alles einen ganz profanen Hintergrund hat, die Auflösung aber trotzdem nur mäßig viel Sinn ergibt, denn das gilt mehr oder weniger für alle Gialli. Wichtiger ist die wohldosierte Mischung äußerst potenter, anregender Substanzen, wie etwa attraktiver Damen, die nicht lange angezogen bleiben, eines augenrollenden Irren, diverser zwielichtiger Gestalten, bizarrer Inneneinrichtungen im plüschigen Seventies-Chic (eine besonders extravagante Bude kombiniert weiße Allover-Fliesen mit einer grauen Plüschwendeltreppe), Sadismus, Sex und Anleihen aus dem klassischen Gothic Horror. Die deutsche Synchro tut das Ihrige, dass diese Melange nicht zu glattgerührt daherkommt, vielmehr immer wieder kleine Klümpchen für heftigen Schluckauf beim Betrachter sorgen. Alan rupft jeder neuen Errungenschaft erst einmal kräftig am Haarschopf, um dessen Echtheit zu prüfen, fordert seine weiblichen Gäste zu Hause auf, in ein paar schenkelhohe Schaftstiefel zu schlüpfen, denn wie er weiß sind Stiefel „sexuell enorm stimulierend“, macht es sich selbst in einer Art Mönchskutte bequem und packt dann die Bullenpeitsche aus. Sehr schön ist auch die Szene, als er sich bei einer auf der Beifahrersitz sitzenden Eroberung entschuldigt, er müsse mal eben den Reifendruck seines Wagens überprüfen – auf offener Landtsraße, mitten in der Nacht!  Gleichzeitig zeichnet Miraglia diesen Sexpsycho aber auch als desorientierten Romantiker, dem übel mitgespielt wurde (und wird) und dessen Zusammenbrüche unser Mitleid evozieren sollen. Anthony Steffens markantes Gesicht, das ich mal vorsichtig als „expressiv ausdruckslos“ bezeichnen würde, ist perfekt für die Rolle, und irgendwie erinnerte mich LA NOTTE DE EVELYN USCI DALLA TOMBA nicht zuletzt wegen ihm und seiner Art zu spielen ein wenig an spanische Gothik-Kracher mit ihren vollends übersteuerten Gefühlsschwankungen und bitterlich leidenden Protagonisten.

Die eher kalte, psychedelische Freud-Appropriation, die der Giallo für gewöhnlich versuchte, ist Miraglias Sache dann auch nicht, bei ihm kracht’s, blubbert’s und brodelt’s, das Figureninventar besteht entweder aus Borderlinern aus Leidenschaft, perversen Zynikern oder Vollidioten. Die Synchro macht bei diesem Spiel munter mit und kredenzt lakonische bis hirnrissige Dialogzeilen, die den Wahnsinn Art erst so richtig hervorkitzeln. Ich bezweifle, dass die Geschichte, die sich Miraglia da ausgedacht hat, wirklich aufgeht, wie der kurze Prolog sich in die Chronologie der Ereignisse einfügen soll, habe ich überhaupt nicht verstanden, und der Knalleffekt, mit dem das Ganze endet, verpufft dank schlampiger Inszenierung und eines fehlenden Make-up-Effekts. Aber so richtig schlimm ist das nicht, denn dafür gibt es leichenfressende Füchse, einen superben Striptease von Erika Blanc, schöne düsterromantische Szenen im dunklen Schlossgarten und eben haufenweise kruden Unfugs. Passt schon, auch wenn LA NOTTE DE EVELYN USCI DALLA TOMBA bestimmt kein Meilenstein des Giallos ist.

 

Eine Schande: Da läuft Bavas wahrscheinlich schönster Gothic-Horror-Film und ich bin so zerschlagen von den Begleiterscheinungen meiner Nürnberg-Reise, dass ich kaum in der Lage bin, mich ihm wirklich zu öffnen. Ärgerlich vor allem, weil ich über OPERAZIONE PAURA, wie über die meisten Bavas, noch nie geschrieben habe und nun leider auch nicht so richtig viel zu sagen weiß. Immerhin aber kann ich wenig überraschend bestätigen, dass ein Bava auf der großen Leinwand etwas ganz Besonderes ist. Seiner ästhetischen Wirkung hat mein Zustand glücklicherweise keinen Abbruch getan und vielleicht war mein Zustand gar nicht so verkehrt: Der Plot rauschte an mir vorbei, was blieb, war eine enigmatische Bilderflut, der Blick in eine düstere, von Geistern bevölkerte Welt, die sich irdischen Maßstäben und Gesetzen beharrlich widersetzt.

OPERAZIONE PAURA war tatsächlich noch preiswerter als die eh schon preisgünstigen Bavas, wurde überwiegend in zwei gottverlassenen Dörfern in der Toskana gedreht, deren urtümlichem Charme OPERAZIONE PAURA – ergänzt durch einige an alte Hammer-Settings erinnernde Studioaufnahmen – seine einzigartige Stimmung verdankt. Wer den Ausstattungsoverkill kennt, den Bava etwa für SEI DONNE PER L’ASSASSINO betrieb, dem wird ohne Zweifel auffallen, das hier Meister Schmalhans Küchenmeister war. Das einzige, was es offensichtlich in rauen Mengen gab, waren künstliche Spinnenweben, die dann auch großzügig und effektiv zum Einsatz kommen. Aber Bava wäre nicht Bava, wenn er sich davon beirren ließe. Seine expressive Ausleuchtung, der kreative Einsatz der Kamera, ein zwischen klassischer Schauerkomposition und modern anmutenden Soundcollagen oszillierender Score und natürlich einige kreuzunheimliche Einfälle, lassen zu jeder Sekunde den Meister erkennen, der die budgetäre Limitierung kraft seines anscheinend unendlichen handwerklichen Talents zu einer Tugend umformte.

Es sind vor allem zwei Szenen, die hervorstechen und OPERAZIONE PAURA für mich zu einem Meilenstein der Horrorfilmgeschichte machen: Die Jagd des Protagonisten Dr. Eswai (Giacomo Rossi-Stuart) auf einen Unbekannten, die ihn wie in einer Zeit- oder Raumschleife immer wieder durch dasselbe Zimmer und schließlich in eine Konfrontation mit sich selbst führt. Ein bizarrer Moment, der diesen „gemütlichen“ Grusler mit den wenig später reüssierenden avantgardistischeren Werken verbindet. Und dann natürlich die Schwindel induzierende Kamerabewegung, mit der Bava eine Wendeltreppe in ein kreisendes Vortex ohne Anfang und Ende verwandelt: Hier dürfte vor allem Dario Argento ganz genau hingeschaut und sich Notizen gemacht haben. Auch wenn es hier also nicht so durchkommt wie es sollte und wie er es ohne Zweifel verdient hätte: OPERAZIONE PAURA ist ein Meisterwerk.

 

pl_geheimnis_schwarzen_lederschlingeMancher Zuschauer, der nach Betrachtung des Posterartworks in Erwartung eines Edgar-Wallace-Gruselkrimis die Kinokarte gelöst hatte, dürfte sich angesichts des bunten Abenteuerquarks um entführte Kolonialistentöchter, indische Sekten, unterirdische Tempel, wiedergeborene Todesgöttinnen und tapfere Schlangenjäger ziemlich verkohlt gefühlt haben. DAS GEHEIMNIS DER LEDERSCHLINGE ist niedliches, naives, altbackenes und vor allem arg betuliches Abenteuerkino, das schon 1964, als die sogenannten „Reißer“ die Leinwände zu erobern begannen, niemanden mehr um den Schlaf gebracht haben dürfte. Der indische Thug-Kult, der die exotischen Bösewichter des Films stellt, kommt über eine Ansammlung verkleideter Statisten nicht hinaus, und die vollmundigen Drohungen des Oberschurken Souyadhana (Guy Madison), Indien „im Blut versinken zu lassen“, werden von dem gemütlichen Ringelpiez, das seine Untergebenen veranstalten, nicht wirklich glaubwürdig unterfüttert. Statt nervenzerrender Spannung bietet DAS GEHEIMNIS DER LEDERSCHLINGE bunte Bildchen ohne jeden Nährwert, die in gemütlichem Tempo und in gut verdauliche Happen portioniert verabreicht werden.

Der Film beginnt mit der Entführung der kleinen Ada, der Tochter des britischen Captain McPherson (Peter van Eyck), durch die bösen Thugs, die auch McPhersons treuer indischer Gehilfe Sergeant Baratha (Adolfo Bufi Landi) nicht verhindern kann. 15 Jahre später fristet Ada (Ingeborg Schöner) ihr Dasein im unterirdischen Tempel der Thugs (der Eingang ist in einem Baumstamm versteckt und wird durch Ziehen an einer Liane geöffnet!) als wiedergeborene Göttin Kali, die als Schutzpatronin für die Weltbeherrschungsambitionen ihres Häschers Souyadhana dienen soll. An ihre Herkunft erinnern sie nur noch fremdartig-irritierende Träume. Während McPherson endlich die Erlaubnis erhält, sich auf die Suche nach dem Kult zu machen, um ihn zu zerschlagen, trifft der brave Schlangenjäger Temal Naik (Giacomo Rosso-Stuart) im Busch auf die schöne Ada und verliebt sich sogleich in sie. Die drei Parteien stoßen schließlich in einer wilden Schlacht aufeinander und am Schluss darf die mit dem Papa wiedervereinte Ada ihre neue Liebe in die Arme schließen.

Gemessen an dem Aufwand, den Horst Wendlandt oder auch Artur Brauner ungefähr zur selben Zeit mit ihren Karl-May-Filmen betrieben, mutet Capuanos Film etwas an wie das Live-Rollenspiel des Vereins „Indien-Fans Oer-Erkenschwick 1958 e. V“. Guy Madisons Schurkenbart wurde mit schwarzer Schminke gepimpt, hier und da gibt es Archivmaterial zu bestaunen (z. B. von einem Kampf zwischen einem Mungo und einer Kobra), Peter van Eyck opferte wahrscheinlich nicht mehr als ein Wochenende für die Dreharbeiten, die Auseinandersetzung mit einem Tiger sieht wie eine niedliche Schmuserei aus und das Tempelsetting besteht aus zwei Räumen, die mit golden angemalten Pappmaché-Statuen vollgestellt wurden. Immer, wenn es aufregend wird, heult kurz das Teremin (oder ein ähnlich klingendes Instrument) auf und die steifen Dialoge werden mit der Inbrunst deklamiert, die Provinztheater-Schauspieler auszeichnet. Rossi-Stuart grinst, als mache er Werbung für eine Zahncreme, und Frau Schöner schaut schmachtend-leidend aus ihrem hübschen Gesichtchen heraus. Am Schluss überschlägt sich der Film, es gibt ein wildes Hauen, Stechen und Ballern, die Kanonen machen „bumm“ und ein an die Höhlenwand geklebtes Rad öffnet eine Klappe, durch die Wasser einströmt. Nach ca. 80 Minuten ist der Spuk vorbei und man fühlt sich wie nach einem wohltuenden Nickerchen an einem sonnigen Nachmittag. DAS GEHEIMNIS DER LEDERSCHLINGE braucht kein Mensch, damals schon nicht und heute noch viel weniger, aber irgendwie mag ich diesen Käse trotzdem.

b14cc47Just an jenem Abend, an dem der blinde Pianist Peter Oliver (Anthony Steffen) per Brief den Laufpass von seiner Modelfreundin Paola erhält, verstirbt sie in den Räumen ihrer Agentur unter mysteriösen Umständen. Der vermeintliche Mord, den die Anwesenheit eines gelben Seidenschals und eines dann plötzlich verschwundenen Korbs suggerieren, entpuppt sich als rätselhafter Herzstillstand. Die Nachforschungen Peters führen ihn zu einem Fotografen: Die Tatsache, dass er kompromittierende Fotos vom Liebesspiel zwischen Paola und Viktor (Giacomo Rossi-Stuart), dem Ehemann der Agenturbesitzerin Françoise Ballais (Sylvia Koscina), gemacht hat, muss auch der jedoch mit dem Leben bezahlen, bevor er etwas zur Lösung des Falles beitragen kann. Irgendwie scheint alles mit einem Erpressungsfall und einer offensichtlich drogenabhängigen Dame in einem weißen Umhang zu tun zu haben. Während Peter mithilfe seines Dieners Burton (Umberto Raho) und der schönen Margot (Shirley Corrigan) versucht, ihre Identität zu ergründen, sterben weitere Models …

Schon mit seinem Titel – übersetzt: SIEBEN SCHALS AUS GELBER SEIDE – zeigt Pastore, woher der Wind weht: Er enthält das Schlüsselwort „giallo“, verpackt in ein hübsches doppeltes Wortspiel (scialli/gialla sowie sette/seta), und das obligatorische Zahlwort. Das zur Erfüllung der Spielregeln noch fehlende Tier erscheint in Form einer grimmig stierenden Katze auf dem Plakat und spielt auch in der geheimnisvollen Mordserie eine wichtige Rolle. Originalität muss man nicht unbedingt erwarten, dafür aber saubere Whodunit-Unterhaltung, die zu diesem noch recht frühen Zeitpunkt der Giallo-Geschichtsschreibung noch deutlich traditionalistischer anmutet, als das dann ein paar Jahre später nach Argentos PROFONDO ROSSO der Fall sein sollte. Zwar ist der ganze Kriminalfall recht selbstzweckhaft um einen fantasievollen modus operandi herumgestrickt, aber die einzelnen Elemente emanzipieren sich hier noch nicht vollkommen vom Gesamtentwurf. Die Verwandtschaft mit den deutschen Edgar-Wallace-Filmen wurde sozusagen noch nicht durch allzu viele andere Einflüsse verwässert. Der Verdacht, dass die Figur des blinden Pianisten Peter Oliver, der als Ermittler fungiert und der Polizei mit seinem die trügerische Verlässlichkeit der Sinnesorgane transzendierenden Instinkt meist einen Schritt voraus ist, mit diesem Film für weitere Leinwandabenteuer etabliert werden sollte, erscheint nicht ganz abwegig. Anthony Steffen verleiht ihm mit seiner Interpretation der Rolle eine gewisse schlafwandlerische Qualität: Ohne große Gefühlsregung gleitet er durch die Szenerie, was ihn eigentlich antreibt, wird nie ganz klar, und wenn er plötzlich mit den Geistern der Verblichenen in Kontakt träte, um ihnen Hinweise zu entlocken, würde einen das auch nicht wirklich wundern. Er verhindert dann auch, dass man so richtig teilhat an dem mörderischen Treiben, hält den Zuschauer auf Distanz, anstatt ihn ganz mit ins Boot zu holen. Es ist vor allem diese damit einhergehende Kälte, die SETTE SCIALLI DI SETA GIALLA zu einem waschechten Giallo macht: Die Reichen und Schönen – das Setting erinnert ja deutlich an Mario Bavas genrestiftenden SEI DONNE PER L’ASSASSINO – sterben blutig und grausam, alle sind nicht nur verdächtig, sondern scheinen auch potenziell dazu in der Lage, zu töten,  aber echte Spuren hinterlässt diese Niedertracht nicht. Familien und Hinterbliebene gibt es selten, alle Beziehungen des Films sind entweder oberflächlicher Natur oder dienen nur dem persönlichen Vorteil der Partner. Schon bezeichnend, dass die einzig wahre Liebe des Films die einer älteren Frau zu ihrer Katze ist.

Pastores Film ist keinesfalls langweilig, aber er fließt ganz unaufgeregt vor sich hin. Dass SETTE SCIALLI DI SETA GIALLA nicht im hektischen, temperamentvollen Italien, sondern im kühlen Kopenhagen spielt, trägt zu diesem Charakter sicher seinen Teil bei. Doch dann bricht ganz zum Schluss die Gewalt auf eine Art und Weise ein, die man nicht mehr erwartet hatte. Eine Nebenfigur wird brutal abgeschlachtet und die Effekte, mit denen dieser Mord realisiert wird, lassen schon den Ripper aus LO SQUARTATORE DI NEW YORK  am Firmament erkennen. So prominent am Ende des Films platziert, mag das ein reiner Marketing-Stunt gewesen sein (der Mord ist auch auf dem Plakat abgebildet), aber es scheint durchaus programmatisch, dass die somnambule Atmosphäre, in der man es sich so schön bequem gemacht hat, da ganz am Ende so überaus heftig durchschnitten wird. Betrachtet man, dass es sich auch noch um einen ikonischen Duschmord handelt, den der Altmeister 12 Jahre zuvor noch rein suggestiv ins Szene gesetzt hatte, dann mag man die klaffenden Wunden, die der Killer seinem Opfer hier zufügt, gar nicht mehr anders als als sehr deutliches Zeichen dafür werten, dass hier etwas abgeschlossen wird. Ein schöner, eher unbekannter Vertreter seines Genres, dessen Qualitäten man sich ein wenig erarbeiten muss und der definitiv eine bessere DVD-Veröffentlichung verdient hätte, als die völlig miserable, von einem gammligen VHS-Tape auf Silberling rübergezogene Kopie, die mir vorliegt.