Mit ‘Giancarlo Esposito’ getaggte Beiträge

Eigentlich könnte HARLEY DAVIDSON AND THE MARLBORO MAN ein richtig schöner Film sein: Er stammt aus jener wunderbaren Phase, in der die Neunziger noch mit einem Fuß in den Achtzigern standen. Die Fotografie ist herrlich crisp mit kräftigen Farben, der Schnitt erinnert einen daran, dass der Begriff „Videoclip-Optik“ tatsächlich mal nicht ausschloss, dass man die Dinge erkennen konnte, weil sie länger als eine halbe Sekunde zu sehen waren. Der Soundtrack ist mit Hardrock-Songs vollgestopft, denen man noch nicht anhört, dass Nirvana und Grunge schon vor der Tür standen. Außerdem ist der Film toll besetzt: Neben den beiden Stars agieren Tom Sizemore, Giancarlo Esposito, Daniel Baldwin, Chelsea Field, Robert Ginty, Tia Carrere, Vanessa Williams und Julius Harris (teilweise allerdings in kläglichen Minirollen). In einer Keilerei gleich zu Beginn tritt dazu noch Branscombe Richmond auf, ein heavy, der in zahllosen Actionfilmen jener Tage in knackigen Nebenrollen agierte. Und Mickey Rourke und Don Johnson sind wenn nicht absolute Top-Stars, so doch zwei Darsteller, deren Paarung auf dem Papier nicht ohne Verlockung ist. Die Story um zwei Antihelden, die eigentlich nichts weiter wollen, als ihre Lieblingskneipe zu retten, ist der Stoff, aus dem Spencer und Hill einst Jahrhundertkomödien schufen und Wincers Regie ist wenn auch nicht hoch inspiriert, so doch stets kompetent. Trotzdem muss konstatiert werden, dass HARLEY DAVIDSON AND THE MARLBORO MAN einfach nicht funktioniert, der Funke will nicht überspringen, alles wirkt irgendwie falsch und leblos.

Warum, das ist indessen nicht so einfach zu sagen. Der Film macht keine schwerwiegenden Fehler, aber er versäumt es leider auch, wirklich etwas richtig zu machen. Das Hauptproblem scheint das Drehbuch von Don Michael Paul zu sein, das sich bei der Charakterisierung seiner beiden Protagonisten mit der „Erfindung“ ihrer Namen begnügt. Was die beiden zu Kumpels macht, warum sie zusammen rumhängen und wer sie eigentlich sind, erfährt man nie. Sie bleiben blass bis auf die Tatsache, dass der eine eben ein Biker ist und der andere ein Cowboy. Es gibt einfach keinen echten Grund, zu ihnen zu halten und mit ihnen mitzufiebern: Weder sind sie besonders charismatisch noch wirklich witzig. Wenn man von einem müden Spruch wie „It’s better to be dead and cool than alive and uncool“ so überzeugt ist, dass man ihn gleich zweimal bringt, hat man definitiv etwas falsch gemacht. Rourke und Johnson haben es gewiss nicht leicht, dieses undankbaren Material zu erhöhen, aber sie verfügen leider auch nicht über die Präsenz, über all diese Schwächen hinwegtrösten zu können.

Rourke befand sich in einer eher problematischen Phase seiner Karriere, er ist zu detached, um die Sympathien durch bloße Anwesenheit auf sich zu ziehen, zu sehr darauf bedacht, möglichst cool zu wirken, aber er wirkt dabei nur abweisend, müde und desinteressiert. Und Johnson, der die herzlichere Figur abbekommen hat, zeigt sehr deutlich, warum es bei ihm nicht zur Filmkarriere gereicht hat. HARLEY DAVIDSON AND THE MARLOBORO MAN bräuchte zwei überlebensgroße Protagonisten und dafür zwei Schauspielertypen, die ihre uramerikanischen Klischeefiguren mit Verve und Mut zur mythischen Überhöhung interpretieren, stattdessen machen Rourke und Johnson sie klein und mittelmäßig. Wincers Film will einerseits ein großer Actionfilm sein, das sieht man in seinem (halbwegs gelungenen) Showdown und etwa in der Zeichnung der Schurken, die mit ihren kugelsicheren Ledermänteln wie Cenobiten-Cosplayer aussehen, andererseits dreht er sich um zwei Typen, die sich nichts anderes wünschen, als in ihrer Lieblingspinte in Ruhe ein Bier zu trinken. Das ist für sich genommen keine falsche Idee, aber sie in ein 50-Millionen-Dollar-Vehikel zu verpacken, ist einfach nur fehlgeleitet.

Das sahen wohl auch die Zuschauer so, die überwiegend zu Hause blieben und dem Film mit dieser Entscheidung zu einem krachenden Flop machten, der in den USA noch nicht einmal ein Fünftel seiner Produktionskosten einspielte. Was bleibt, ist ein Relikt einer vergangenen Kinoepoche, ein Film, bei dem man über die verschenkten Chancen trauern kann, der es einem aber insgesamt doch recht leicht macht, ihn zu vergessen. Klassischer Fall von „Kann man mal gucken, muss man aber nicht“.

Free-Ship-font-b-Breaking-b-font-font-b-Bad-b-font-TV-1-2-3Viele Menschen schauen gar keine Filme mehr, sind der Meinung, dass das Medium gewissermaßen überkommen und an seine Stelle die Fernsehserie meist US-amerikanischer Prägung getreten sei. Warum sollte man sich beim Erzählen einer Geschichte an einen anscheinend willkürlich gewählten Zeitrahmen von 90 bis 180 Minuten halten? Warum sich beschränken, wenn die Fabulierfreude doch in die Breite drängt? Warum nicht seinen erzählerischen Impulsen nachgeben? Warum sich an bestehende Regeln halten, wenn man doch neue aufstellen kann? Der Siegeszug der modernen Fernsehserie geht auch einher mit dem kreativen Niedergang des Hollywood-Mainstream-KInos, das Konzepte, Gimmicks und Franchisebuilding echter Kreativität und Originalität vorzieht. Filme sind kompromittiert, weil es ihre Aufgabe ist, in immer kürzerer Zeit immer mehr Gewinn einzuspielen. Der Anteil „origineller“ Stoffe geht gegenüber Remakes, Sequels, Reboots und Fernseh-, Comic- oder Computerspieladaptionen immer weiter zurück, weil letztere bereits eine „eingebaute“ Zielgruppe mitbringen, die erstere erst finden müssen. Die Probleme gehen sehr wahrscheinlich tiefer und sind von außen in der Kürze der Zeit kaum ausreichend zu analysieren, aber als verkürzte Bestandsaufnahme und Zusammenfassung der Situation, wie sie sich dem interessierten Laien darstellt, mag sie an dieser Stelle genügen. Fernsehen – und das ist ja auch in Deutschland gar nicht so anders – ist für ambitionierte Autoren und Regisseure eine attraktive Alternative. Ein Bezahlsender wie HBO verfügt über ein „sicheres“ Budget, das er investieren kann, ohne sofort Verluste zu schreiben. Er ist bei der Konzeption nicht an Ratings und Zensurbeschränkungen gebunden: Allein die Gewissheit, neben Tits and Ass ausufernde Gewalt zu sehen zu bekommen, mag für viele Zuschauer Grund sein, die neueste Episode von GAME OF THRONES einzuschalten, statt den kastrierten PG-13-Actioner im Kino zu schauen. Geringere Produktionskosten und das Wissen, dass eine Serie mit einer durchschnittlichen Episodenlänge von 30 bis 60 Minuten mehrere Wochen Zeit hat, sein Publikum zu finden und zu überzeugen, begünstigen sicherlich die Risikobereitschaft der Produzenten.

Diese Gemengelage hat in den letzten ca. 15 Jahren etliche kreative Höhenflüge begünstigt: Serien wie THE SOPRANOS übertrafen noch Coppolas THE GODFATHER-Trilogie in ihrer epischen Breite, befreiten das festgefügte Subgenre des Mafiafilms von einigen seiner liebgewonnensten aber auch hartnäckigsten Klischees und faszinierten mit einem über mehrere Jahre kunstvoll konstruierten Spannungsbogen. Die Polizeiserie THE SHIELD setzte neue Maßstäbe in Sachen urbanem Realismus und vollbrachte das Kunststück, seine Eskalationsdramaturgie noch weiter zu spinnen, als man das zu Beginn für möglich gehalten hatte. LOST faszinierte oder verärgerte mit selbstreflexivem Dekonstruktivismus, präsentierte ein kunstvolles, immer neue Wendungen, Haken, Exkurse und Interpretationsmöglichkeiten offenbarendes Gebilde, bei dessen unaufhaltsam rhizomatischer Wucherung man quasi live beiwohnen konnte. Die fünf Staffeln von THE WIRE zeichneten schließlich sogar das detaillierte Bild einer ganzen Stadt. Wir sind uns einig, dass die Errungenschaften dieser Serien nicht auf das Medium „Film“ übertragbar sind: Ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor ist in allen genannten Fällen die Zeit: Zeit, Charaktere über Jahre und viele Stunden zu entwickeln und zu formen, sie mit einer vor den Augen des Zuschauers sich ausbreitenden Biografie, einer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, auszustatten, ihnen unerwartete Brüche zu verleihen, die umso schockierender sind, je mehr man glaubte, sie zuvor kennengelernt zu haben. Der modus operandi des Films besteht in der Verknappung und Verkürzung, darin, komplexe Sachverhalte im Extremfall auf ein einziges aussagekräftiges Bild einzudampfen. Die Serie kann jahrelange Entwicklungen akribisch protokollieren und so ganze soziale Systeme abbilden. Aber sie läuft damit auch Gefahr, das totzuschlagen, was Narration eigentlich ausmacht, nämlich unterschiedliche Assoziationen, Sichtweisen und Lesarten anzustoßen, statt diese von vornherein festzulegen. Wenn alles auserzählt wird, bleibt kein Freiraum mehr.

BREAKING BAD, eine der gefeiertsten Serien der letzten Jahre, deckt einen vergleichsweise kurzen Handlungszeitraum von ca. anderthalb bis zwei Jahren ab und beschränkt sich dabei auf einen überschaubaren Kreis zentraler Charaktere und Handlungsorte. Die Entwicklung, die die Figuren in dieser Zeit vollziehen, wirkt umso krasser, als man jedem einzelnen Schritt, den sie auf ihrem Weg vollziehen, beiwohnt. Die Serie erzählt die Geschichte von Walter White (Bryan Cranston), einem ca. fünfzigjährigen Chemielehrer, Ehemann und Vater aus Albuquerque, der eines Tages die schockierende Diagnose „Lungenkrebs“ erhält. Der Arzt gibt ihm noch wenige Monate und Walter sieht sich mit der Erkenntnis konfrontiert, dass er nichts hat, was er seiner geliebten Familie hinterlassen könnte, und diese Welt verlassen wird, ohne ihr seinen Stempel aufgedrückt zu haben. Als er seinen Schwager Hank (Dean Norris), einen Beamten des Drogendezernats, bei einer Razzia begleitet, kommt ihm eine Idee: Er nimmt Kontakt zu Jesse Pinkman (Aaron Paul) auf, einem ehemaligen Schüler und jetzigen Meth-Koch, der dem Zugriff Hanks unbemerkt entkommen konnte, und zwingt ihn dazu, mit ihm gemeinsam Meth zu produzieren. Walter entpuppt sich als Genie, sein Stoff als Sensation, der einen weitaus größeren Markt verdient, als die beiden eigenhändig beliefern können. So expandieren sie, machen erst gemeinsame Sache mit dem psychopathischen Tuco Salamanca (Raymond Cruz), werden dann schließlich vom Drogenzar Gustavo Fring (Giancarlo Esposito) akquiriert, der sein Imperium als seriöses Unternehmen führt. Irgendwann stellt sich tatsächlich heraus, dass die Entwicklung von Walters Tumor rückläufig ist, doch da hat er längst Gefallen an seinem neuen Job gefunden, den Schritt vom „harmlosen“ Drogenkoch zum gefährlichen Schwerverbrecher vollzogen. Und irgendwann kann er seine Tätigkeit auch vor seiner Gattin Skyler (Anna Gunn) nicht mehr verheimlichen …

Aus handwerklicher Perspektive ist BREAKING BAD sicher ein Triumph: Unaufhaltsam und immer konsequent schreitet die Serie auf ihr Finale zu, zeichnet die Entwicklung des eigentlich wohlmeinenden Familienvaters zum gewissenlosen Manipulator und Killer nach, der die Familie, die er doch eigentlich retten will, vollkommen zerstört und auch Dutzende andere in seinem Umfeld mit sich reißt. Bryan Cranston, ein typischer Fernsehdarsteller, der in Hollywood niemals die Chance bekommen hätte, eine tragende Rolle zu spielen, erweckt diesen Walter White zum Leben, lässt den Zuschauer erst mit ihm leiden, sich dann immer mehr von ihm abwenden. Dabei ist jeder Zug, den er auf seinem Weg macht, absolut nachvollziehbar: BREAKING BAD liefert neue Bestätigung für die bekannte Lebensweisheit, dass der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert sei. Menschen wie Walter White, Menschen, die sich von der Moral bestätigt sehen, die glauben, im Namen des Guten zu handeln, das macht BREAKING BAD unmissverständlich klar, sind gefährlicher als jeder Triebtäter oder gewöhnliche Kriminelle: Wer glaubt im Recht zu sein, der geht seinen Weg bis zum bitteren Ende, um zu erreichen, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Und je weiter er diesen Weg gegangen ist, desto geringer wird auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Umdenken stattfindet. Der erste Mord ist noch schwer, aber der zweite …

BREAKING BAD ist hervorragend gescriptet und über die volle Distanz von gleichbleibend hohem Niveau, dazu voller kleiner Tricks und Kniffe, die Fans förmlich dazu herausfordern, eine unheilbare Obsession zu entwickeln (und die für manche schon ausreichend sind, um mit „Meisterwerk“-Urteilen um sich zu schmeißen). Es ist ganz gewiss der geeignete Stoff zum Binge-Watching, in das sich Serienfreunde so gern stürzen. Aber die Serie macht meiner Meinung nach auch deutlich, dass das, was ich da weiter oben als den Hauptunterschied gegenüber dem Medium Film identifiziert habe, per se noch kein Vorteil ist bzw. sogar zum Problem werden kann. Das gnadenlose Auserzählen, das die Serie der filmischen Verkürzung, Reduzierung und Pointierung entgegensetzt, kann auch ganz schön unproduktiv und langweilig sein. Was im Film in einer kurzen, enorm verdichteten Szene oder sogar in einem einzelnen Bild thematisiert wird und somit eine überwältigende Kraft erhält, das dehnt eine Serie wie BREAKING BAD auf Episodenlänge und trivialisiert es im gleichen Zuge. Es mag „realistischer“ sein, wenn bestimmte Entwicklungen nicht innerhalb eines einzigen Szenenwechsels vollzogen werden, aber eigentlich haben wir das doch alle mal als Vorzug empfunden, dass Narration sich von der Realität dahingehend abhebt, dass sie das Blabla weglässt und zum Punkt kommt, to cut to the chase, wie es auf Englisch heißt. Ginge wirklich etwas Wesentliches verloren, wenn man Walter Whites Geschichte auf das Maß eines Zwei- bis Dreistünders reduzierte? Mehr als nur einige Schlenker der Handlung und Subplots, die man vielleicht genossen hat, die aber dem Gesamtentwurf doch nichts hinzufügen? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Ich glaube, Walter Whites Schicksal würde uns deutlich mehr berühren, wenn wir nicht minutiös über jede einzelne seiner Fehlentscheidungen aufgeklärt würden, wenn nicht jeder Schritt auf seinem Weg eine eigene Episode erhielte, sein Ehedrama nicht über zwei Staffeln gestreckt würde. Im Grunde genommen ist das, was hier über 5 Staffeln ausgebreitet wird, eine ziemlich banale Niedergangsgeschichte mit Crime-does-not-pay-Botschaft, wie sie – vielleicht weniger grafisch ausgereizt – schon dutzendfach erzählt worden ist (siehe etwa Oliver Stones eventuell von BREAKING BAD inspirierten SAVAGES), und ich möchte ernsthaft infrage stellen, ob sie es verdient, in diesem Maße gestreckt zu werden (das Publikum hat die Frage natürlich längst beantwortet). Ich verstehe nicht wirklich, was der Appeal von Walter White ist. Dass er zu einer Art Posterboy geworden ist, dem Meme oder T-Shirt-Motive mit lustigen Sprüchen gewidmet werden, kann einem schon zu denken geben, denn dieser Walter White ist ein Arschloch, der sich im Namen eines falschen Altruismus über alle anderen hinwegsetzt. Letztlich ja auch über die, denen er eigentlich „helfen“ will. Der „Realismus“, der mit dem Detailreichtum und der Länge der Erzählung einhergeht, wird auch in dieser Hinsicht zum Hindernis, weil er Nähe und Identifikation aufzwingt, wo Distanzierung eher angebracht wäre; weil wir Walter White qua Gewohnheit als „Helden“ betrachten, ihm insgeheim einen Triumph wünschen, den er nicht verdient hat. Jaja, schon klar, auch BREAKING BAD kommt man natürlich mit Erklärungen bei, dass hier „Gut und Böse verschwimmen“, die Welt nicht „schwarzweiß“, sondern vielmehr „grau“ ist. Aber irgendwie hat diese Erkenntnis so langsam auch ihren Wert verloren, vor allem, wenn man jemanden wie Walter White für seine Rücksichtslosigkeit und seinen Mut zu radikalen Entscheidungen doch auch irgendwie bewundern soll.

Versteht mich nicht falsch, BREAKING BAD hat schon Spaß gemacht. Aber irgendwie war das ein eher unproduktives, passives Vergnügen. Ich frage mich immer mehr, ob Serien wirklich so revolutionär sind oder nicht doch in Wahrheit viel eher einen Backlash zu konservativem Erzählen bedeuten.