Mit ‘Giancarlo Giannini’ getaggte Beiträge

Zehn Jahre nach dem bahnbrechenden, Oscar-gekrönten Erfolg von Demmes THE SILENCE OF THE LAMBS erschien endlich das von vielen sehnlich erwartete Sequel: Grund für die lange Wartezeit war die banale Tatsache, dass sich Thomas Harris, der Autor der literarischen Vorlage, selbst bis 1999 Zeit gelassen hatte, einen weiteren Roman um den kannibalistischen Serienkiller zu schreiben. Die Vorfreude wich schnell der Ernüchterung: Die Filmkritik hatte nur wenig Gutes über Scotts Film zu sagen (der natürlich trotzdem ein Hit wurde), beklagte den Verlust jener Subtilität, die Demmes Vorgänger ausgezeichnet hatte, und befand, dass die dafür nun in die Waagschale geworfenen grafischen Geschmacklosigkeiten keinen adäquaten Ersatz darstellten. Und während THE SILENCE OF THE LAMBS seinen Platz im Horrorfilm-Pantheon sicher hat, ist die Fortsetzung heute kaum mehr als eine Fußnote wert. Tatsächlich ist HANNIBAL eine ziemliche Katastrophe, aber eben eine, die sich mit ihren Over-the-Top-Gewaltdarstellungen und ihrem pompösen Kitsch unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennt. Ich habe auch hier nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich Ridley Scott für einen der überbewertetsten Filmemacher überhaupt halte (eine kleine Handvoll erstklassiger Filme stehen einem weitaus höheren Berg von Mittelmaß und Schrott gegenüber), aber HANNIBAL würde ich tatsächlich gegen alle Kritiker verteidigen.

Während Scott ganz oft den Eindruck erweckt, keinen echten Plan davon zu haben, was einen Stoff wirklich interessant macht, so hat er das HANNIBAL zugrundeliegende Problem sehr genau erkannt: THE SILENCE OF THE LAMBS, in dem Lecter ja streng genommen nur eine Nebenfigur war, profitierte massiv davon, dass seine interessanteste Figur über weite Strecken der Handlung in seiner Freiheit massiv eingeschränkt war, ihr Potenzial mithin nie voll entfalten konnte. In der Interpretation von Hopkins war da kaum mehr als eine Ahnung von seiner Grausamkeit, die den Killer aber noch furchteinflößender machte. In HANNIBAL rückt der Kannibale nun ins Zentrum der Geschichte, er wird zum gleichberechtigten Protagonisten neben Clarice Starling (Julianne Moore) und seine Taten werden voll ausgespielt. Ein typisches Sequelproblem, das schon vielen Fortsetzungen das Genick gebrochen hat. Scott begegnet diesem Problem, indem er den Gore- und Geschmacklosigkeitsregler bis zum Anschlag aufreißt: Es dürfte nur wenige Filme dieser Preisklasse geben, die ähnlich lustvoll in Blut und Gedärm waten. Das beginnt schon im Prolog mit der Erschießung einer Aids-infizierten Drogendealerin, die ein Baby im Arm hält, setzt sich fort über Gary Oldmans Albtraum-induzierendes Make-up (sein Päderast Mason Verger schnitt sich einst auf Geheiß von Lecter unter Drogeneinfluss das Gesicht weg), den armen Kriminalisten Pazzi (GIancarlo Giannini), dessen Eingeweide sich auf eine florentinische Piazza ergießen, sowie menschenfressende Wildschweine und endet dann in der unfasslichen Sequenz, in der Hannibal Krendler (Ray Liotta) bei vollem Bewusstsein das eigene Gehirn verfüttert. Sicher, mancher Vertreter des sogenannten „Torture Porn“ ist noch zeigefreudiger, reiht noch mehr Schweinereien und Tabubrüche in noch kürzerer Zeit aneinander, aber diese Filme kommen eben auch nicht mit dem Stempel des Multimillionen-Mainstream-Sequels zu einem anerkannten Welthit daher. Es ist Ridley Scotts Verquickung von blutrünstiger Exploitation und opulentem Bilderbuchkino, die den Film so verstörend macht. Vor dem Hintergrund der florentinischen Kulisse mit ihren Renaissance-Palazzos und Opern-Vorstellungen, von John M athieson festgehalten in ultraslicken Bildern, nimmt HANNIBAL tatsächlich den Charakter einer bizarren Gewaltoper an, der spätestens im dritten Akt sämtliche Gäule durchgehen. Als hätte Rob Zombie nach einem miesen Heroin-Trip Thomas Manns „Tod in Venedig“ verfilmt. (Einschränkend muss man sagen, dass sich die Wikipedia-Inhaltsangabe des zugrunde liegenden Romans kaum weniger gestört liest und der Filmtod von Mason Verger tatsächlich eine „softe“ Version des Schicksals ist, das sich Harris für ihn erdacht hatte.)

Als Thriller betrachtet funktioniert HANNIBAL dann aber nur in Teilen: Scott gelingt es zwar noch einmal, diese Bedrohung einzufangen, die von dem freundlichen alten Mann ausgeht, und die annähernd versteinernde Furcht, die Menschen in seiner Gegenwart befällt, wenn sie wissen, mit wem sie es zu tun haben, besonders in den beiden Konfrontationen zwischen ihm und Pazzi (Giancarlo Giannini ist sehr gut als trauriger Kriminalist, der Morgenluft wittert, als er den gesuchten Lecter ausfindig macht), aber dem Film fehlt ein klarer Konflikt. Dass sich Starling und Lecter erst im letzten Akt begegnen, ist ein dramaturgischer Schwachpunkt, wie überhaupt der Charakter der FBI-Agentin hier nichts mehr mit dem Vorgänger zu tun hat. Starling ist nun nur ein weiterer Vertreter der klischierten tough cops, die es gelernt haben, ihre Gefühle hinter einer Wand der Härte zu verbergen (Jodie Foster lehnte die Rolle ab, weil ihr die Richtung, die Harris einschlug, überhaupt nicht gefiel). Und Lecter verliert über die vole Distanz viel von dem Schrecken, den er in wenigen Szenen von Demmes Film erzeugte, weil man erstens zu viel von ihm zu sehen bekommt, zweitens der „Schöne und das Biest“-Aspekt zu stark betont wird. Hopkins ist immer noch gut in der Rolle, aber der Film wird bisweilen von blankem Sensationalismus befallen. Subtil ist hier wirklich gar nichts mehr und in seiner permanenten Übertreibung, sei es hinsichtlich der bestialischen Gewalt oder auch hinsichtlich der Darstellung von Lecters Affluenz und seines Intellektualismus, mutet HANNIBAL an wie ein Splatterfilm für Leute, die sich sonst mit Vorliebe an Home Stories über Adelsfamilien delektieren. Aber wie schon einleitend gesagt: Diese seltsame Verbindung ist immerhin originell und tatsächlich durchzieht HANNIBAL eine Aura der Perversion und des Sadismus, die sehr passend ist für den Stoff. Es lohnt sich nicht mehr, wie noch bei Demmes Klassiker, lange über ihn nachzudenken, weil alles auf der Hand liegt, aber HANNIBAL ist immerhin noch ein guter, fieberhafter Albtraum geworden. Das ist nicht wenig, würde ich sagen.

Eine Nymphomanin, die attraktive Maria Zani (Barbara Bouchet), wird in ihrer Wohnung überfallen, mit einer Akupunkturnadel betäubt und dann brutal ermordet. Der ermittelnde Inspektor Tellini (Giancarlo Giannini) verhört sofort ihre Ex-Mann Paolo (Silvano Tranquilli), der sich durch seine Flucht sogleich als Hauptverdächtiger anbietet. Weitere Morde folgen, Opfer sind stets Frauen, die sich in irgendeiner Form „unmoralisch“ verhalten haben. Je länger die Ermittlungen dauern, umso mehr zweifelt der sensible, nachdenkliche Tellini an seiner Eignung zum Polizeibeamten …

„The best Giallo ever made!“ schreit ein Zitat aufgeregt vom Cover der schönen Blue-Underground-DVD.  Eine höchst subjektive Einschätzung, insofern kaum als „Richtig“ oder „Falsch“ einzuschätzen, aber immerhin diskutabel. Wie man zu obigem Urteil kommen kann, leuchtet mir, der ich LA TARANTOLA DAL VENTRE NERO „nur“ gut finde, indes schon ein: Er ist erlesen ausgestattet und fotografiert, gut besetzt und gespielt und trotz der haarsträubenden Ereignisse der Handlung zudem überaus geschmackvoll inszeniert. Liebt der wahre Italofilm-Connaisseur nicht zuletzt die Idiosynkrasien, die im Verlauf der Siebzigerjahre immer stärker zum Vorschein kommen (und in den Achtzigerjahren gar nicht mehr zu übersehen sind) – die überdrehten Darbietungen der Akteure, die oft dreisten, eigenwilligen Plagiierungen amerikanischer Vorbilder und die an Übermotivation grenzende Verve, mit der Budgetlimitierungen kompensiert werden (man denke an die wilden Verfolgungsjagden mit klapprigen Fiats), ist Cavaras Film von einem beinahe altmeisterlichen Professionalismus geprägt. Auch wer sich sonst eher von Hollywood versorgen lässt, wird sich hier sehr schnell zurecht- und seinen Gefallen finden. Der Giallo-Aficionado hingegen muss nicht allzu viele leere Felder beklagen, wenn er LA TARANTOLA DAL VENTRE NERO mit einer Checkliste bewaffnet durcharbeitet: Ein behandschuhter, maskierter Mörder? Check! Ein blutiger, makabrer Modus operandi? Check! Ein hoher Body Count? Check! Attraktive weibliche Opfer? Check! Zahlreiche erotische Nacktszenen? Check! Eine Vielzahl dubioser Verdächtiger? Check! Ein verträumter Score von Ennio Morricone? Check! Da lacht das Herz und es bleiben keine Wünsche offen. Oder doch?

Als Vertreter seines scharf umrissenen Genres mag LA TARANTOLA DAL VENTRE NERO tatsächlich ein Idealbeispiel sein, weil er alle Eigenschaften umstandslos und in perfekter Präsentation zusammenbringt. (Anmerkung am Rande: In Italien wird der begriff „Giallo“ keineswegs nur für diese Handschuhmörder-Filme angewendet, sondern fungiert vielmehr als Synonym zu unserem „Thriller“.) Wer ihn gesehen hat, der weiß danach, was ein Giallo ist, welche Merkmale ihn auszeichnen. Aber ein Giallo ist ja noch mehr als bloß eine Sammlung von Eigenschaften der Handlung und der Oberfläche. Und genau hier zeigt Cavaras Film dann m. E. Schwächen gegenüber anderen, objektiv betrachtet vielleicht „schlechteren“ Filmen, die die Essenz des Giallos aber gerade mit ihren kleinen Mängeln besser einfangen. LA TARANTOLA DAL VENTRE NERO ist mit seiner Fokussierung auf den Inspektor und dem Versuch, sein Charakterprofil mithilfe einer Sinnkrise zu schärfen, vor allem dem klassischen Erzählkino mit seinen psychologisch ausgefeilten Figuren verpflichtet, das vom Giallo mit seinem Drang zum Elliptischen, Ornamentalen, Fragmentarischen denkbar weit entfernt ist.  Erwartungsgemäß kann auch Cavara am Ende jedoch nicht verbergen, dass es ihm in erster Linie darum geht, publikumswirksame Elemente möglichst umstandslos zusammenzubringen: Der Täter ist der, mit dem man am wenigsten gerechnet hat, seine kreative Mordmethode hat keine weitere Funktion als die, hübsch makaber zu sein, und die „Erklärung“, die ein Psychologen für seine Taten heranzieht wird, ist bräsigster Vulgärfreudianismus, dem bestimmt auch überzeugte Phrenologen zustimmen – irgendwas mit Mama und Frauenhass geht halt immer. Während andere Gialloregisseure solche logischen Unstimmigkeiten aber geradezu zelebrierten und das Genre als einmalige Gelegenheit begriffen, mit Konventionen und Formen zu brechen, scheint Cavara sich ein bisschen dafür zu schämen. Glaubt man dem traurigen Blick von Tellini, dann verbirgt sich in dieser Mordmär irgendwo irgendeine  Wahrheit über den Menschen im Spätkapitalismus, den Verfall der Sitten, die Verrohung. Nur hat die keine Chance zwischen den ganzen nackten Weibern und blutigen Verbrechen an die Oberfläche zu dringen. Lustigerweise offenbart LA TARANTOLA DAL VENTRE NERO gerade in diesem Versagen aber wieder eine giallotypische Stärke. Cavaras Film hebt sich von anderen Genrevertretern eben dadurch ab, dass er einen Protagonisten aufbietet, der mit seinen Problemen aus einem ganz anderen Filmuniversum in den Wahnsinn herübergebeamt wurde. Giancarlo Giannini passt mit seiner traurigen Durchschnittsgestalt – man vergleiche ihn nur  mit Giallo-Schönlingen wie Jean Sorel, George Hilton, Luc Merenda, Robert Hoffmann, Fabio Testi oder Antonio Sabato –, den Selbstzweifeln, dem zauseligen Schnurrbart, den von der Freundin verkauften Möbeln und besagtem Blick – überhaupt nicht in diesen vor Schönem und Teurem überquellenden Film und gerade deshalb so gut. Wenn er am Ende einen ganz und gar unsouveränen Wutanfall bekommt und so gänzlich unmännlich um sich schlägt wie ein körperlich unterentwickeltes Rumpelstilzchen, ist das ein wunderschöner Riss im verführerisch glitzernden Spiegelglas.