Mit ‘Gianfranco Baldanello’ getaggte Beiträge

Django (Robert Woods), im Original „Jack Murphy“, führt eine Bande von Halsabschneidern an. Als er nach einem erfolgreichen Banküberfall die Beute aufteilt und dabei natürlich den Löwenanteil für sich beansprucht, kommt es zum Bruch. Doch der mit allen Abwässern gewaschene Halunke kann sich aus der brenzligen Situation befreien und nimmt nun zur Strafe für den Verrat die komplette Beute mit. Die Rache der Genasführten lässt nicht lang auf sich warten: Sie schänden Djangos Schwester, bevor sie sie umbringen, und machen ihn zum Krüppel. Das kann er nicht auf sich sitzen lassen …

Bei der Ausstrahlung auf RTLplus in den frühen Neunzigerjahren war AUF DIE KNIE, DJANGO!, ein vergleichsweise später Rachewestern von Baldanello, wahrscheinlich der erste Italowestern, den ich im frühen Teeniealter zu Gesicht bekam. Ich fühlte mich bei der Sichtung, wenn ich mich richtig erinnere, irgendwie schmuddelig: Schon in diesem jungen Alter erschien mir der Film plakativ, krude und billig, in seiner Fokussierung auf die Besessenheit seines Protagonisten und die schmucklos aneinandergereihten Morde irgendwie ekelhaft und sensationalistisch. Beim Wiedersehen nach vielen Jahren, das die deutsche Blu-ray-Veröffentlichung nun in ungeahnter Bildqualität ermöglicht, relativiert sich dieses Urteil zwar etwas, aber ganz falsch lag ich damals trotzdem nicht. Baldanellos Film verströmt einen rumpeligen Charme, er wirkt flohstichig und staubig, mit viel Schweiß und Spucke zusammengeklebt: Die ausgestorbene Westernstadt, in der sich Django verschanzt hat, sieht aus, als sei sie von ihren einstigen Bewohnern fluchtartig verlassen worden, und die Straßen sind mit allerlei Unrat aus der Requisite vollgestellt. Das passt natürlich zur desolaten Bilderwelt eines Italowesterns, aber es scheint so, als sei der Hintergedanke nicht zuletzt der gewesen, eine eher karge Produktion mit einfachen Mitteln etwas lebendiger wirken zu lassen.

Wobei AUF DIE KNIE, DJANGO! mit „Leben“ nur ganz am Rande zu tun hat. Wenn man dem Italowestern allgemein Zynismus, Nihilismus oder Hoffnungslosigkeit nachsagt, so muss Baldanello unterstellt werden, dies geradezu als offene Arbeitsanweisung verstanden zu haben. Sein Film handelt von einem Verbrecher, der vor lauter Rachelust dem Wahnsinn verfällt – am Ende muss gar eine Sintflut hereinbrechen, um die von ihm begangenen Sünden hinfortzuspülen. Der Rachefeldzug ist auffallend spannungsarm und lethargisch inszeniert, ein Bandenmitglied nach dem anderen wird vom irrsinnig lachenden Django in die ewigen Jagdgründe geschickt und AUF DIE KNIE, DJANGO! nähert sich dabei durchaus dem Horror- bzw. dem Slasherfilm an. „Der Django, den du kanntest, lebt nicht mehr“, gesteht der Protagonist nüchtern, bevor er sich auf Mordtour begibt Während es anderen Vertretern des Rachewesterns im Speziellen und des Rachefilms im Allgemeinen darum geht, jenen Punkt zu markieren, an dem die unsichtbare Linie überschritten wird, die das gepeinigte Opfer vom sadistischen Mörder trennt, ist Django schon zur Mitte des Films als Verlorener gekennzeichnet und von seiner Rache geht kaum eine kathartische Wirkung aus, zu unsympathisch und verkommen sind alle Figuren von Anfang an.

Dass der Film, der ja eigentlich eine sehr singuläre Geschichte erzählt, in den letzten Sekunden ins Metaphysische kippt, ist angesichts der ambitionslos-voyeuristischen Inszenierung etwas vermessen, aber dann passt es auch wieder. In seiner von jedem narrativen Zierrat befreiten Konzentration auf die Eingeweide seines Genres nimmt AUF DIE KNIE, DJANGO! fast metafilmischen Charakter an. Wahrscheinlich konnte nur ein merkantiler Epigone wie Baldanello einen Film drehen, der der Essenz des Italowesterns so nahe rückt, dass jenseits dessen fast nichts mehr übrig bleibt.

 

So lustig die einstigen Erzeugnisse der deutschen Titelschmiede auch immer wieder sind, für Freunde des unterschlagenen und missachteten Films sind sie häufig ein Ärgernis, weil sie das hinter ihnen steckende Werk oft genug diskreditieren. Manchmal allerdings treffen sie voll ins Schwarze und übertrumpfen noch den Originaltitel. Gianfranco Baldanellos räudiger Eurospy-Film etwa hörte in Italien auf den Namen IL RAGGIO INFERNALE, was nicht nur so viel wie, sondern ziemlich genau „Der Höllenstrahl“ bedeutet. Was vielleicht ein origineller Titel für einen satanischen Natursektporno gewesen wäre, mutet in diesem Kontext doch mehr als nur ein wenig einfallslos und generisch an. Da musste mehr gehen! Und so verheißt die Schöpfung der deutschen Verleiher in berückend karger, aber dennoch poetischer Diktion MIKE MORRIS JAGT AGENTEN IN DIE HÖLLE und bringt den infantil-asozialen Charme des Films damit auf den Punkt. „Mike Morris jagt Agenten in die Hölle“: Es ist nur zu gut vorstellbar, dass die Titelfigur von IL RAGGIO INFERNALE diesen Satz in schöner Regelmäßigkeit von den fiesen Bullys auf dem Pausenhof der Agentenschule an den Kopf geworfen bekam, kurz bevor sie ihm das von der Mama mit Liebe geschmierte Wurstbrot entrissen und in den Sand warfen. Sie quälten ihn so lang damit, bis er sich zur Rache in sein Zimmer zurückzog, büffelte und ackerte wie ein Besessener, nächtelang auf dem Schießstand einschloss und die Geheimagentenprüfung zur großen Überraschung seiner Rivalen mit Auszeichnung absolvierte.

Leider, leider stieß dieser Superagent Mike Morris dann aber nicht auf Terence Young, um seine aufregendsten Fälle auf die Leinwand bringen zu lassen, sondern auf Gianfranco Baldanello. Der hatte gerade den Sparstrumpf seines blässlichen, schwer kurzsichtigen Sohnes ausgeraubt, um sich mit billigem Rotwein volllaufen und sich von einer arthritischen Prostituierten mit künstlicher Hüfte einen runterholen zu lassen, und war von Morris‘ Agentenstorys so begeistert, dass er das Geld spontan in die Produktion von IL RAGGIO INFERNALE investierte. Die arthritische Prostituierte, die sich über die finanzielle Zuwendung schon gefreut hatte, vertröstete er kurzerhand damit, dass er ihre schäbige Vorortwohnung als Drehort nutzte.

Das ist natürlich alles Quatsch, den ich hier vor allem deshalb niederschreibe, weil ich nach den letzten Eurospyfilmen nicht schon wieder dieselben Phrasen dreschen will, aber wenn man sich Baldanellos Film so anschaut, erscheint meine kleine Erklärung nicht mehr ganz so unplausibel. Wenn der Eurospy-Film auch in seinen preisgünstigsten Inkarnationen doch immer mit dem mondänen Pomp der oberen Zehntausend liebäugelt, seine Protagonisten ölige Weltmännischkeit aus jeder gut gebräunten Pore verströmen lässt und sie, distinguierte Edelfrauen im starken Arm, in der mit feinen Spirituosen gut bestückten ersten Klasse der Nobelairlines an die schönsten Orte der Welt schickt, dann entsendet IL RAGGIO INFERNALE seinen etwas tumben Helden in ranzige Absteigen, in denen trauriger Perserteppich-Imitate auf dem staubigen Fußboden ihrem modrigen Ende entgegenschimmeln, Frauen am Rande des Klimakteriums ihre Betonfrisuren mit Mottenkugelduft bestäuben und verzweifelte Tagelöhner im schlecht sitzenden Anzug aus dem Second-Hand-Laden weit außerhalb ihrer Komfortzone agieren, wenn sie in Unehren ergraute Todesstrahlen-Erfinder aus tristen Heizungskellern entführen. Das erste, was man vom Schauplatz Barcelona sieht, sind die Schornsteine einer rußigen Asbestfabrik, die angeblich beste Bar am Ort macht einen ziemlich wurmstichigen Eindruck.

Das make believe, das sowieso schon die wesentliche Mission des Eurospy-Films ist, weicht hier erst einem „Bittebitte“, wenn da putzige Spielzeugautos als Ersatz für the real deal vom Bordstein (= Klippe) in eine Pfütze (= Ozean) plumpsen oder in einer viel zu langen Einstellung ein Spielzeughubschrauber und ein Spielzeug-U-Boot ein trautes Stelldichein in einer Badewanne feiern, dann schließlich einem „Ach, Scheiß drauf!“. Die letzte halbe Stunde ist ein einziges wüstes Geballer und Gekloppe, jeder vorher noch latent aufrecht erhaltene Eindruck einer Welt der suaven Ritterlichkeit wird mit Verve über Bord geworfen und IL RAGGIO INFERNALE kommt ganz zu sich selbst. Das galt wohl auch für Hauptdarsteller Gordon Scott, dessen vorletzter Film das war und der hier, mit der Stimme Sean Connerys, einige tolldreiste Bonmots zum Besten geben darf.