Mit ‘Giuliano Carnimeo’ getaggte Beiträge

Begeben wir uns wieder einmal ins italienische Kino der späten Achtzigerjahre, eine meiner liebsten Spielwiesen. Es liegt zwar jede Menge Hundescheiße und Müll herum, die Menschen, die sich dort tummeln, sind übernächtigt, ungepflegt und auch etwas grob, aber wenn man die Augen zusammenkneift, dann kann man sich vorstellen, wie es in besseren Zeiten mal ausgesehen hat. Das heißt: Die filmischen Konzepte waren in jener Zeit (meist) dürftig, die Budgets karg, die Darsteller mäßig begabt, der Versuch, die Nähe zu den großen amerikanischen Vorbildern vorzutäuschen, wenig erfolgreich, die wachsende Verzweiflung und Resignation der Filmemacher sind greifbar. Aus heutiger Sicht wird die den Filmen eh schon inhärente Tragik noch durch das Wissen um den kurz bevorstehenden, endgültigen Niedergang des italienischen Kinos verstärkt. Aber andererseits gibt es auch jede Menge wildes, fehlgeleitetes und auf seine Weise einzigartiges Zeug zu entdecken, dessen Reizen ich mich nicht ganz verschließen kann, auch wenn mir die Vernunft etwas anderes eingibt.

QUELLA VILLA IN FONDO AL PARCO etwa ist ein furchtbar dämlicher Film, und wenn man bedenkt, dass er den kleinwüchsigen Nelson de la Rosa (später auch in Richard Stanleys/John Frankenheimers legendärem THE ISLAND OF DR. MOREAU an der Seite von Marlon Brando zu sehen), in seinem ersten Filmauftritt als Schreckgespenst und Rattenmonster verheizt, so muss man ihn noch dazu mindestens als „geschmacksunsicher“ bezeichnen. Dass es ein echtes Drehbuch gab, möchte ich in Frage stellen, die nominellen Hauptdarsteller David Warbeck und Janet Agren bekommen rein gar nichts zu tun, nahmen das Engagement wahrscheinlich an, um sich in der Karibik zu sonnen, Spannung kommt auch keine auf. Trotzdem mag ich Carnimeos Film irgendwie: So minderbemittelt er auch ist, ich kann ihm nicht absprechen, dass er eine gewisse Atmosphäre hat, der Score von Stefano Mainetti ist wahrscheinlich das beste an dem Ding und mit einer Spielzeit von unter 80 Minuten ergeht er sich nicht in falschen Ambitionen. Ich bezweifle zwar, dass QUELLA VILLA IN FONDO AL PARCO im Original wirklich „gut“ ist, aber die deutsche Synchro macht alles noch viel blöder, allen voran die heimliche Protagonistin Marilyn, die von der mit „nuttig“ noch zurückhaltend beschriebenen Eva Grimaldi gespielt wird (noch blöder ist nur der Kommissar, der der armen Amerikanerin Terry gleich zweimal eine falsche Leiche als ihre Schwester präsentiert). Wie in vielen italienischen Genrefilmen jener Zeit benehmen sich die Charaktere auch hier wie Außerirdische, Gehirnamputierte oder gehirnamputierte Außerirdische – Grundvoraussetzung dafür, dass ein 70 Zentimeter kleiner Zwerg mit angeklebten Hasenzähnen zur apokalyptischen Bedrohung anwachsen kann, die das abrupte Ende herbeifantasiert, das irgendwie alle diese Filme zu verwenden scheinen.

Carnimeos Absturz ist nicht ganz so heftig wie der seiner Kollegen – er gehörte eher zur zweiten Garde der italienischen Filmemacher und erlebte seine Hochzeit in den Sechzigern, als er etliche Italowestern inszenierte – aber vergleicht man QUELLA VILLA IN FONDO AL PARCO mit dem nur fünf Jahre zuvor entstandenen IL GIUSTIZIERE DELLA STRADA bekommt man doch einen guten Eindruck davon, wie rasant die italienische Filmindustrie zugrunde ging. Sein vorletzter Film ist nicht der allerschlimmste aus jener Zeit und, wie schon erwähnt, mag ich ihn aus mir selbst nicht ganz transparenten Gründen, aber das man eine nahezu 30-jährige Regielaufbahn mit einem Film beenden möchte, in dem Janet Agren einer Kreuzung aus Mensch und Ratte hinterherermittelt, wage ich mal zu bezweifeln.

il-giustiziere-della-strada-1983-exterminators-of-the-year-3000.35345An den ersten beiden MAD MAX-Filmen hatte ich kürzlich hervorgehoben, dass sie ohne jede Exposition und Erklärung auskommen. George Miller wirft den Zuschauer unvorbereitet in die skelettierte Handlung, reduziert alles auf die Konfrontation zwischen dem Helden und den Schurken vor dem Hintergrund einer unbarmherzigen postapokalyptischen Welt. Warum diese sich als neobarbarische Wüstenei darstellt, muss nicht weiter ausgeführt werden: WIe sich die Menschen gegenüber einander verhalten, ist Erklärung genug. Mit seiner Zukunftsvision traf Miller damals den Nerv der Zeit, nicht zuletzt, weil ihr Style gut in eine von Punk, Postpunk, New Wave und DIY-Credo dominierte Popkultur passte. Besonders inspiriert zeigten sich die findigen Produzenten aus Italien: Nach dem Motto „Besser gut geklaut als schlecht selbst erfunden“ schossen die Rip-offs aus dem Boden Cinecittàs und profitierten dabei nicht zuletzt davon, dass Miller im Original selbst nicht mit Millionen um sich hatte werfen können, sondern im Wesentlichen auf Erfindungsgeist und Improvisationstalent zurückgreifen musste. Talente, die man auch in Italien im Überfluss zur Verfügung hatte.

Motivisch wie inhaltlich orientierten sich die italienischen Endzeit-Filme stark am australischen Vorbild, ließen in Leder, Blech und Felle gekleidete Helden in aufgebrezelten Schrottkarren vor dem Panorama der andalusischen Wüste gegen overactende Punks und aus dem Dominastudio geflohene Sadomasochisten antreten, meist mit dem Ziel, irgendeine knappe Ressource zu sichern. Dem fast dekonstruktivistischen Gestus setzten sie allerdings ein meist klassisches Erzählverständnis gegenüber: Man kann die italienischen Endzeitfilme in gewisser Hinsicht als „kommentierte Ausgaben“ von Millers Filmen begreifen, die die Lücken stopfen, die Miller absichtlich klaffen lässt, die Figuren mit Träumen und Hoffnungen ausstatten, wo bei Miller nur Phantome existieren, und die sich in ihrer Naivität einer besseren Zukunft entgegenträumen, während Max Rockatansky ohne Ausweg in der ewigen Gegenwart gefangen ist. MAD MAX und MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR sind Ursprungsmythen, die Italo-Endzeitler die Geschichten, die auf ihrem Boden entstehen. IL GIUSTIZIERE DELLA STRADA ist ein gutes Beispiel dafür: In seiner postapokalyptischen Welt geht ein paar braven Siedler das Wasser aus. Zwischen ihnen und einer neuen Quelle steht der Wüstenpirat Crazy Bull (Fernando Bilbao), doch der kleine John (Luca Venantini) kann den Vagabunden Tiger (Roberto Jannucci) dazu überreden, ihm zu helfen. Am Ende, als der Schurke besiegt, aber trotzdem alle Bemühungen der Protagonisten ergebnislos geblieben sind, öffnet sich wie auf göttliche Initiative hin der Himmel und der erste Regen seit Jahren fällt zu Boden. Davor macht der Zuschauer noch Bekanntnschaft mit dem alternden Mechaniker Peperoni (Luciano Pigozzi), der dem staunenden John von früher erzählt, von der Natur mit ihren Düften und natürlich von schönen Frauen, sowie mit Trash (Alicia Moro), einer tapferen Kämpferin. Nicht nur der finale Regen, auch die Gemeinschaft von Tiger, Trash und John weist den Weg in eine bessere Zukunft mit Vater, Mutter und Kind, der Keimzelle der menschlichen Gesellschaft.

Wer das italienische Kino, insbesondere das italienische Genrekino, liebt, der liebt ohne Zweifel seine Verträumtheit, seinen Enthusiasmus, seine Naivität und die unverstellte Romantik. Auch in IL GIUSTIZIERE DELLA STRADA, einem Vertreter des vielleicht zynischsten, resigniertesten, defätistischsten Subgenres jenseits des Rape-and-Revenge-Films, kommen diese Eigenschaften auf wundersame Weise zum Tragen. Lässt Miller seinen Film im Nichts anfangen und dort auch wieder enden, liegt im postapokalyptische Wasteland Carnimeos (und auch dem seiner Landsleute) stets der Samen des Wunders verborgen, darauf wartend, endlich zu keimen. Max Rockatansky lässt die Siedler am Ende von MAD MAX 2: THE ROAD WARRIOR wie einst Shane zurück, weil er weiß, dass das antizivilisatorische Chaos in ihm tobt. Tiger beschließt ILGIUSTIZIERE DELLA STRADA hingegen als väterlicher Freund und künftiger Ehepartner, nachdem er das göttliche Zeichen erhalten hat. Die italienische Tagträumerei kommt am deutlichsten in den zahlreichen Verfolgungsjagden und Autostunts zum Vorschein, denen es zwar nicht an Mut fehlt, wohl aber an der halsbrecherischen Geschwindigkeit der Miller’schen Vorbilder. Bleifußfetischisten werden angesichts des gemütlichen Schritttempos, das da vorgelegt wird, eher nicht auf ihre Kosten kommen, aber irgendwie macht Carnimeos Entdeckung der Langsamkeit im Kontext des Films durchaus Sinn. Mehr als um den Rausch, den Kick, den Affekt geht es hier um die quasireligiöse Hoffnung, die Ermutigung, standhaft zu bleiben, den Glauben nicht zu verlieren. Miller will dem Zuschauer an die Eier, Carnimeo in sein Herz.

Handlung wird konsequent überbewertet. Die meisten Geschichten wurden bereits erzählt und werden allenfalls noch variiert, modernisiert oder neu kombiniert. Was an den bedeutendsten erzählerischen Kunstformen, Film und Literatur, wirklich interessant ist, ist selten der Inhalt, sondern meist die äußere Form: Nicht was, sondern wie erzählt wird, sollte uns fesseln und begeistern, denn in diesem Bereich sind kreative Höhenflüge am ehesten zu erwarten. Der Vorwurf an einen Film wie meinetwegen GROWN UPS oder sein Sequel (nur um mal zwei kürzlich gesehene, prominente Beipsiele zu nennen), beide hätten keine Handlung, geht an der Sache vorbei, weil beide ganz offensichtlich auf klassisches Plotting verzichten, um ihre Figuren ganz einfach sein lassen und sie dann dabei beobachten zu können. Giuliano Carnimeos L’INSEGNANTE BALLA … CON TUTTA LA CLASSE ist im Grunde noch radikaler: Ihn eint noch nicht einmal mehr eine solche Idee oder ein stringent entwickelter Charakter. Er ist wirklich nur noch eine Ansammlung von Sketchen, die allenfalls durch die Andeutung eines Settings lose zusammengehalten werden. Und dann, nachdem 45 Minuten und also mehr als die Hälfte des Films vorübergeflogen sind, fällt ihm doch noch ein, dass es so etwas wie Dramaturgie gibt: In den verbleibenden 40 Minuten stürzt sich der Film also in ein Tohuwabohu aus hingeworfenen Konflikten und eiligst abgewickelten Plotfragmenten, dass man nur so staunt und sich unweigerlich fragt, ob die Verantwortlichen während der ersten 20 Drehtage möglicherweise das Drehbuch verlegt und es erst kurz vor Ende der Dreharbeiten wiedergefunden hatten.

Die Sportlehrerin Prof. Claudia Gambetti (Nadia Cassini) bringt frischen Wind in die verkrusteten Strukturen ihrer Schule. Nicht nur versucht sie ihre Schüler mit neuen, moderneren Methoden auf die sie im Erwachsenenleben erwartenden Aufgaben vorzubereiten, mit ihrem Sexappeal verdreht sie sowohl Kollegen wie Schülern gleich reihenweise die Köpfe. Und sie hat ein gutes Herz: Als der ewige Problemschüler Petruccio (Alvaro Vitali) das Geld des Rektors Fiorentori (Mario Carotenuto) bei einer Pferdewette verzockt und sich drakonischen Maßnahmen gegenübersieht, nimmt die Gambetti an einem hochdotierten Tanzwettbewerb teil, um ihm mit dem Preisgeld aus der Patsche zu helfen. Und als Vertretung des verletzten Sportlehrers erzielt sie unter Einsatz ihrer weiblichen Reize mit ihrer hoffnungslosen Truppe sogar einen Sieg gegen die haushoch überlegene Basketballmannschaft aus der Sowjetunion: Während sie das Team becirct und abfüllt, umgarnt der ihr hündisch ergebene Prof. Mezzoponte (Lino Banfi) die hässliche Trainerin und lenkt sie so ab. Am Ende sind alle glücklich und die Gambetti bringt mit ihren Aerobic- und Tanzübungen sogar den versammelten Lehrkörper auf Trab …

Die hier skizzierte „Handlung“ nimmt, wie oben schon erwähnt, gerade einmal die letzten 30, 40 Minuten des Films in Anspruch und wird denkbar schlampig abgespult: Nach welchem Modus der Tanzwettbewerb funktioniert, wird nie ersichtlich, und nach einem nur mäßig beeindruckenden Auftritt der Protagonistin wird ganz einfach ihr Sieg verkündet. Der eiligst herbeifabulierte Konflikt ist also bereits wieder gelöst, bevor auch nur die Andeutung von Dramatik aufgekommen wäre. Und weil so am Ende des Films tatsächlich immer noch Zeit übrig ist, muss noch ein weiteres halbherziges Episödchen gestrickt werden, dessen eigentlich interessantester Aspekt – das Basketball-Match zwischen den Russen und der italienischen Versagerklasse – aber gänzlich ausgespart wird: Nachdem es dank der Strategie der Gambetti gelungen ist, die hochdisziplinierten Sportler aus der UdSSR besoffen zu machen, erfährt der Zuschauer lediglich aus zweiter Hand, dass die Italiener gewonnen haben. Zu keiner Sekunde gibt sich Regisseur Carnimeo die Mühe, die Episodenhaftigkeit seines Filmchens auch nur ansatzweise zu verbergen: Bis zum Tanzwettbewerb besteht der Film aus einer Vielzahl kaum miteinander verbundener Gags und Zoten und der hier und da eingestreuten obligatorischen Sexszene. Die meisten dieser Gags drehen sich um den aufgedrehten Mezzoponte und seine verzweifelten Versuche, als Autorität durchzugehen, und den Schulclown Petruccio, der immer wieder den Zorn des Lehrers zu spüren bekommt, natürlich aber auch um den Zusammenprall der prüden Italospießer mit der heißen Lehrerin, der die Existenz von Sexualität gänzlich fremd zu sein scheint, so selbstvergessen sie sich an ihren Mitmenschen reibt. Die deutsche Synchronisation gibt sich alle Mühe, dem Film in punkto Albernheit nicht nachzustehen, während die Auftritte von Nadia Cassini ihre Physis und den hübschen Disco-Soundtrack ins rechte Licht rücken. In bester LÜMMEL VON DER ERSTEN BANK-Manier gibt es als Zugabe die „lustigen“ Streiche der desinteressierten Schüler, fertig ist die Comedia sexy all’italiana. Man merkt hier überdeutlich, dass die Luft aus dem Genre längst raus war, jeder Witz nur die zum xten Male aufgewärmte Version eines bereits vor rund zehn Jahren gemachten darstellt, und keiner der Beteiligten sich über die Bedeutung seiner Arbeit irgendwelchen Illusionen hingab. Auch wenn man solchem gänzlich geistfreien Quatsch grundsätzlich wohlgesonnen ist und die Hampeleien von Lino Banfi ebenso sympathisch sind, wie der Luxusleib der Cassini erregend, ist L’INSEGNANTE BALLA … CON TUTTA LA CLASSE eine reichlich trostlose Angelegenheit und bisher der mit Abstand schwächste Film meines kleinen Italien-Ausflugs.

Im Luxus-Appartementhaus von Architekt Andrea Barto (George Hilton) werden zwei junge Frauen brutal ermordet. Die frei gewordene Wohnung beziehen die beiden Fotomodels Jennifer (Edwige Fenech) und Marilyn (Paola Quattrini), nur um dann ihrerseits belästigt zu werden. Handelt es sich bei dem Täter um Jennifers Ex-Mann, einen zwielichtigen Sektenführer, oder gar um den charmanten Andrea, der Jennifer kaum noch von der Seite weicht?

Ein wortreicher Titel für einen Film, der wenig mehr ist als ein auf Hochglanz polierter Sleazebolzen – und auch gar nicht mehr sein will. Die stullige Murder Mystery mit der garantiert sinnfreien Auflösung bietet vor allem der schönen Edwige zahlreiche Gelegenheiten, ihren Prachtkörper in verschiedenen states of undress zu zeigen sowie panisch und mit weit aufgerissenen dunklen Augen den Beschützerinstinkt im männlichen Zuschauer zu wecken. Der Rest ist handwerklich kompetente, aber garantiert anspruchslose Giallo-Unterhaltung, die nie zu blutig, nie zu schmierig, nie zu doof und nie zu aufregend wird, von Giuliano Carnimeo (unter dem Pseudonym „Anthony Ascott“, unter dem er auch die beiden von wunderbaren deutschen Krawallsynchros veredelten Sartana-Western BUON FUNERALE, AMIGOS … PAGA SARTANA! und SONO SARTANA … IL VOSTRO BECCHINO gemacht hat) dafür aber mit tongue firmly in cheek inszeniert worden ist. Hier gibt es in Gestalt des trotteligen Polizeiassistenten Redi einen waschechten comic relief, der neben dem natürlich schwulen Modefotografen, dem schmierigen Nachtclubbesitzer (Luciano Pigozzi mit Koteletten), der Giallo-besessenen Oma mit dem schwachsinnigen Sohn im Kleiderschrank hauptverantworlich dafür ist, dass das blutige Treiben des Killers dem Zuschauer nie zu nahe geht, sondern immer schön auf Distanz und also Film bleibt. Richtig aufregend ist PERCHÈ QUELLE STRANE nicht, aber wer Lust auf idealtypisches italienisches Giallokino hat, kann bestimmt auch eine schlechtere Wahl treffen.