Mit ‘Gloria Guida’ getaggte Beiträge

e9hxsmmkolgfxigay3in1hmm3l0Deutschland, deine Titelschmiede: QUELLA ETÀ MALIZIOSA (etwa: „Dieses bösartige Alter“) erschien hierzulande erst 1981, also sechs Jahre nach seiner italienischen Kinoauswertung, und wurde sogleich dem noch immer nicht abgekühlten FLOTTE TEENS-Zyklus eingemeindet, der schon kaum noch zu überblicken war und mit seinem ursprünglichen Ausgangspunkt LA LICEALE rein gar nichts mehr zu tun hatte. So wurde Amadios Film dann flugs FLOTTE TEENS UND HEISSE TYPEN oder auch WENN BEI TEENS DIE HÜLLEN FALLEN getauft, auf Video gar als DIE SÜNDIGEN TÖCHTER VON IBIZA vermarktet. Vor allem letzterer Einfall ist ein echtes Husarenstück, denn der Film spielt zum einen auf Elba, zum anderen kommt nur eine einzelne sündige Tochter darin vor.

QUELLA ETÀ MALIZIOSA verstärkt die bei meinen Ausflügen ins Oeuvre des blonden Sexsternchens Gloria Guida gewonnene Erkenntnis, dass die Commedia sexy all’Italiana ein bisweilen tückisches Genre ist. Auch dieser Beitrag ist alles andere als komisch, hat viel mehr mit dem amerikanischen Noir gemein als mit dullen Tittenwitzchen, die von Scherzbolden wie Gianfranco D’Angelo, Alvaro Vitali, Lino Banfi oder Mario Carotenuto grimassierend kommentiert werden. Schon die Auftaktsequenz, in der Protagonist Napoleone (Nino Castelnuovo) – Elba + Napoleon, get it? – schweigend, aber zunehmend genervt eine minutenlange Schimpftirade von einer hinter der subjektiven Kamera verborgen bleibenden Mutter über sich ergehen lassen muss, bevor er (letztlich aber folgenlos) sogar zur Schusswaffe greift, erstickt jede Hoffnung auf harmloses Amüsement im Keim. Danach verschlägt es den seinen Lebensumständen verständlicherweise Entfliehenden nach Elba, wo er im Auftrag einer wohlhabenden Familie als Gärtner arbeiten soll. Die Mutter (Anita Sanders), eine unterkühlte Rothaarige, scheint irgendetwas zu verbergen, der Vater (Andrea Aureli), angeblich unter einer schweren Krankheit leidend, bleibt lange unsichtbar, und die Tochter Paola (Gloria Guida) fängt schon im Bus an, sich heftig an dem neuen Bediensteten zu reiben. Es entspinnt sich eine Affäre zwischen Napoleone und der ihre jugendlichen Reize provokant einsetzenden Jugendlichen, doch statt Liebesglück und Happy End setzt es Mord und Totschlag …

Wieder einmal ein komischer Film: Für einen Quasi-Noir verwendet Amadio zu viel Zeit auf das amouröse Hin und Her zwischen den Protagonisten und die Geheimniskrämerei der Familie, deren Zweck sich nicht so recht erschließen mag. Man erwartet am Ende, dass das alles ein großes Komplott war, dass man Napoleone gar nicht als Gärtner, sondern als willfährigen Mordgehilfen engagiert hat, aber dem ist nicht so. Das böse Finale ist eigentlich dem Zufall geschuldet und warum dem armen Napo so böse mitgespielt wird, erschließt sich aus dramaturgischer Sicht nicht wirklich. Was soll man aus QUELLA ETÀ MALIZIOSA mitnehmen? Dass man sich besser nicht mit den frechen, minderjährigen Töchtern seiner Arbeitgeber einlässt? Dass man auf seine Mama hören und was Ordentliches lernen soll? Dass Elba mit seiner urwüchsigen Vegetation und den schroffen Felsen immer eine Reise wert ist? Oder dass Fischer sich auf der Mittelmeerinsel mit ekstatischen Veitstänzen als geeigneter Sexualpartner anbieten? Es bleibt das Geheimnis von Silvio Amadio und – wieder einmal – Piero Regnoli, die das Drehbuch gemeinsam verfassten und viele interessante Ideen einbrachten, die am Ende etwas unverbunden nebeneinanderstehen. Trotz vieler offen bleibender Fragen ist QUELLA ETÀ MALIZIOSA aber durchweg unterhaltsam, wenn auch nicht unbedingt spannend. Vielleicht ist es sogar eine ausgesprochene Stärke, dass die Dinge hier so unvermittelt passieren, ohne in passende Schubladen eingeordnet werden zu können. Ich bin mir noch nicht so sicher, aber durchaus fasziniert.

ragazzina_1974Siehe da: Nach dem „Genuss“ von LA RAGAZZINA – in Deutschland 1987, also satte 13 Jahre nach seinem Erscheinen, unter dem Titel KESSE TEENS – DIE ERSTE LIEBE als TV-Premiere auf RTL erstausgestrahlt – erscheint der verwirrende BLUE JEANS nicht mehr ganz so verwirrend. Bei jenem handelt es sich nämlich gewissermaßen um das „Sequel“: nicht im Sinne einer echten Fortsetzung, aber einer Aufwärmung des Erfolgsrezeptes von LA RAGAZZINA, dem ebenfalls von Imperoli inszenierten Spielfilmdebüt des blonden Backfischs Gloria Guida, die die ganzen Siebzigerjahre hindurch Herzen und Hosen von männlichen Heranwachsenden zum Anschwillen brachte.

In LA RAGAZZINA spielt sie Monica, eine Sechzehnjährige, die auf den „Richtigen“ wartet, um sich entjunfern zu lassen. An Bewerbern mangelt es natürlich nicht: Ganz vorne steht Leo (GIanluigi Chirizzi), ein gutaussehender Mitschüler, der sich ein Zubrot als Amateurzuhälter verdient, Monica aber etwas zu forsch an die Sache herangeht. Besser gefällt ihr da schon ihr Lehrer Bruno (Andrés Resino), ein attraktiver Freigeist und Lebenskünstler, der eine Affäre mit der frustrierten Sandra (Collette Descombes) unterhält. Deren Gatte ist der skrupellose Anwalt Massimo Moroni (Paolo Carlini), ein Freund von Monicas Eltern, der sich wiederum an das blonde Mädchen heranschmeißt, aber bei ihr nur auf wenig Gegenliebe stößt …

Mit Guida, Carlini und Chirizzi kehrten die wichtigsten Darsteller aus LA RAGAZZINA nur ein Jahr später in Imperolis BLUE JEANS wieder, in ganz ähnlichen Rollen zudem. Wieder sollte die Guida dem in LA RAGAZZINA nicht ganz so armen Carlini den Kopf verdrehen, Chirizzi den jugendlichen Zuhälter geben, der es ebenfalls auf die junge Schönheit abgesehen hat. In beiden Filmen beißt Carlini am Ende ins Gras, beide sehen vordergründig wie Komödie aus, fühlen sich aber irgendwie nicht so an. Auch LA RAGAZZINA zeigt seine Protagonistin als wehrlosen Spielball vor allem männlicher Kräfte. Der bittere Höhepunkt des Films ist sicherlich das Gespräch, das der feine Weltversteher Bruno mit seiner Geliebten Sandra führt, nachdem er eben seine Schülerin entjungfert hat. Die ist noch hin und weg von dem magischen Erlebnis, da muss sie mitanhören, wie sie von dem Traumtypen als unerfahrenes Kind diffamiert wird. Auch Moroni geiert ihr nach wie einer Trophäe oder einem profitablen Deal, versucht sie, mit Geld gefügig zu machen und sperrt sie zum Schluss in einem kleinen Ferienbungalow weg wie einen seltenen Singvogel im goldenen Käfig. Auch in LA RAGAZZINA gibt es eigentlich nichts zu lachen, stattdessen wundert man sich als Zuschauer, der mit Gloria Guida vor allem die albernen FLOTTE TEENS-Zoten verbindet, immer mehr, was die Italiener unter dem Label der Teenie- und Sexkomödie für hoffnungslos trostlose Dramen veröffentlichten.

s-l1000Mario Imperolis zweiter Film mit Gloria Guida – er hatte sie bereits bei ihrem Spielfilmdebüt LA RAGAZZINA dirigiert – ist ein seltsames Teil. Zunächst deutet alles auf eine typische Sexkomödie hin: Die jugendliche Herumtreiberin und Gelegenheitsprostituierte Daniela Anselmi (Gloria Guida), genannt „Blue Jeans“, wird von der Polizei mit einem Freier aufgegriffen. Weil sie noch minderjährig ist, kommt die Frage nach ihren Eltern auf, doch Daniela behauptet, dass ihre Mutter tot sei und sie ihren Vater nie getroffen habe. Letzterer wird von den Staatsbeamten relativ schnell ausfindig gemacht: Es handelt sich um Dr. Carlo Anselmi (Paolo Carlini), einen Kunstrestaurator, der gerade mitten in der Scheidung von seiner zweiten Ehefrau steckt und mit seiner neuen Partnerin, der eifersüchtigen Marisa (Annie Carol Edel), zusammen auf einem zu restaurienden Schloss lebt. Dass er Vater sein soll, kann er kaum glauben, erklärt sich dann aber doch bereit, das freche blonde Früchtchen Daniela in seine Obhut zu nehmen, mit den zu erwartenden Folgen.

Diese Prämisse ist nicht neu, die Witzchen, die sich üblicherweise aufdrängen, bleiben aber aus. Klar, es geht um den Konflikt zwischen dem etwas spießigen und vor allem ungeübten Vater, dem die Freizügigkeit seines Backfischs peinlich ist und der sie daher erfolglos „bändigen“ will. Außerdem sieht er sich recht bald der Eifersucht seiner Geliebten ausgesetzt, der die neue Tochter, die langsam, aber sicher das Herz des frischgebackenen Papas gewinnt, ein Dorn im Auge ist. Aber richtig komisch ist das alles nicht, und der völlige Verzicht auf den überdrehten Humor, den man mit einem solchen Stoff vielleicht assoziiert, macht die eh schon auf einem schmalen Grat wandelnde Inzestgeschichte erst so richtig ungemütlich. Das ist aber noch nicht alles, denn im letzten Drittel vollzieht BLUE JEANS eine 180-Grad-Wendung und verwandelt sich in einen Thriller bzw. Quasi-Noir. Da taucht nämlich ein alter Bekannter Danielas auf, der Zuhälter Sergio (Gianluigi Chirizzi), der gern das Vermögen des Papas einstreichen würde. So wird am Ende sogar noch gestorben – nicht allerdings, ohne dass sich die verhaltene Liebesgeschichte zwischen Papa und Tochter zur handfesten Romanze mit zartem Petting vor dem gemütlich prasselnden Kaminfeuer ausweitet …

Wie gesagt, das ist alles irgendwie hochgradig seltsam, und heute kaum noch nachvollziehbar. Fand man das damals in Italien wirklich witzig? Dass die Commedia sexy all’italiana sich nicht zwingend in Derbheit übte, habe ich ja schon in meinem Text zu LA MINORENNE geschrieben, aber Imperoli hat mit BLUE JEANS gewiss auch keine böse Gesellschaftskritik im Sinn gehabt. Sein Film sitzt zwischen allen Stühlen und will nicht wirklich funktionieren, auch wenn er gewiss kein echter Reinfall ist. Er lohnt sich vor allem deshalb, weil er moralisch ganz weit draußen ist, dabei aber aussieht und sich anfühlt wie ein Unterhaltungsfilm für die ganze Familie. Das so hinzubekommen, ist auch eine Kunst.

01807701Wenn man sich etwas intensiver mit dem oft verunglimpften Genre der Commedia sexy all’italiana befasst, stellt man irgendwann fest, dass unter diesen Begriff längst nicht nur FLOTTE TEENS-Filme fallen, in denen Gianfranco D’Angelo und Alvaro Vitali dumme Grimassen, Edwige Fenech und Nadia Cassini hingegen blank ziehen. Ein gutes Beispiel für die unterschlagenen Ausnahmen – neben dem zu Beginn des Jahres beim Terza Visione begeistert aufgenommenen MALIZIA – ist Silvio Amadios LA MINORENNE. Der zweite Film der ein Jahr später mit LA LICEALE auch in Deutschland bekannt gewordenen Gloria Guida ist nur wenig komisch, sondern ganz schön bitter und zeichnet kein allzu gutes Bild vom italienischen Bürgertum und der Kirche.

Valeria Sanna (Gloria Guida) besucht eine streng katholische Klosterschule. Die einzige körperliche Zuwendung, die die Jugendliche dort erfährt, sind die Grabschereien des Schularztes, ansonsten bleibt ihr nur die Flucht in ihre Fantasie: Dort wird sie von mit Motorradhelmen maskierten Jugendlichen im Wald vergewaltigt, von Nonnen in einem Folterkeller ausgepeitscht oder schneidet besagtem Arzt den Schniepel ab, während er von ihren Mitschülerinnen überfallen wird. Doch immer wieder dringt ihr streng dreinblickender Papa Massimo (Marco Guglielmi) in ihren Tagträumen auf und macht alles zunichte. Nach dem Abschluss zurück zu Hause findet sie ihr gegenüber gleichgültige Eltern vor, einen notgeilen Bruder Lorenzo (Luciano Roffi), der sich ein Zubrot damit verdient, seine Kumpels gegen Bezahlung dabei zusehen zu lassen, wie er das Hausmädchen (Gabriella Lepori) vernascht -, oder den örtlichen Pfarrer (Silvio Spaccesi) – pikanterweise sein Onkel – erpresst, der eine Affäre mit einer reichen Gesellschaftsdame hat. Carlo Salvi (Giacomo Rossi-Stuart), der beste Freund des Vaters, empfiehlt diesem ständig, seine angeblich unfähigen Angestellten zu entlassen, um die Rendite zu steigern, fotografiert Valeria beim Sonnenbaden, hat ein Verhältnis mit Franca (Rosemary Dexter), Valerias Mutter, sowie Naziuniformen und Peitschen im Wandschrank. Wie soll man unter solchen Menschen erwachsen werden?

Die Inhaltsangabe spricht für sich: Die Großbürger haben viel Geld, aber keine Moral, was sie damit kaschieren, dass sie sich mit der Kirche gemein machen, die ihrerseits vollkommen korrupt ist. Jeder hintergeht jeden, niemand interessiert sich für den anderen, alle Beziehungen sind letztlich ökonomisch geprägt: Man gibt sich miteinander ab, weil man sich davon einen Vorteil verspricht. Zwischen Erwachsenen und der Jugend verläuft eine unüberwindliche Kluft, eigentlich existiert man nur so nebenher, Liebe oder Empathie sind „pfui“, verweichlichter Kram, eher versteht man sich als Zuchtmeister seiner Brut, die man dann auch mal für mehrere Jahre wegschickt und sich über diese Zeit völlig fremd wird. Und der Jugend fällt bei solchen Vorbildern erwartungsgemäß auch nichts ein, was sie Gescheites mit dem eigenen Leben anfangen könnte.

LA MINORENNE ist bei aller komödiantischen Leichtfüßigkeit und Episodenhaftigkeit ziemlich schmerzhaft und schonungslos in der Zeichnung einer gespaltenen Gesellschaft, einer entkernten Jugend und innerlich erkalteter Erwachsener. Am bittersten aber ist, dass Amadio und Autor Regnoli selbst keinen Ausweg aus dieser fatalen Situation wissen. Das Ende wirkt nach rund 90 überaus bleichen Minuten wie Realitätsflucht. Da nimmt Valeria den desillusionierten Aussteiger und Künstler Spartaco (Corrado Pani) bei der Hand und läuft mit ihm am Strand entlang in eine anscheinend bessere, zumindest glücklichere Zukunft ohne verlogene Eltern und scheinheilige Geistliche. Love conquers after all. Aber so richtig zufriedenstellend ist das nicht.

Avere ventanniLia (Gloria Guida) und Tina (Lilli Carati) sind 20 und außerdem „jung, heiß und wütend“, wie sie von sich selbst sagen (beim „wütend“ verlasse ich mich auf die englischen Untertitel, die mir in diesem Fall aber zumindest streitbar scheinen). Die beiden Anhalterinnen begegnen sich auf dem Weg nach Rom, wo sie ihre Ferien verbringen, Spaß haben, Jungs kennenlernen und im Idealfall flachlegen wollen. Beider Geldbeutel ist leer, weshalb sie am Ziel angelangt die Kommune von Nazariota (Vittorio Caprioli) ansteuern. Das Bild, das sich ihnen dort bietet, hat aber nur wenig mit ihren Vorstellungen zu tun: Die Hippierevolution ist längst verebbt und von den damaligen Idealen nur noch ein trauriger Haufen von Faulpelzen, Versagern, Spinnern und Tagträumern übrig geblieben. Dennoch machen die beiden Mädchen das beste aus der Situation, was traurigerweise ziemlich wenig ist: Die Welt hat viel Magie eingebüßt. Wie viel, wird klar als die Polizei erbarmungslos zuschlägt und die Kommune räumt. Der Beamte, der für die Razzia verantwortlich ist, ist ein fieser Faschist, der keinen Anlass braucht, um die verhafteten Jugendlichen seine ganze Verachtung spüren zu lassen. Lia und Tina werden kurzerhand der Stadt verwiesen. Doch das ist längst noch nicht das Schlimmste, das ihnen zustoßen wird …

AVERE VENT’ANNI. 20 zu sein. Sich dies vorzustellen, dazu fordert Di Leo im Titel augf, und auch die Tatsache, dass er alle sich daraufhin einstellenden Bilder von unbeschwerter Jugend, endlosen Sommern, der ersten zarten Liebe und purer Lebenslust ohne Gedanken an irgendwelche Konsequenzen mit einer Schrifteinblendung ausbremst, irritiert erst einmal nicht besonders. „Niemand solle sagen, die Jugend sei die beste Zeit unseres Lebens gewesen“, wird da gefordert, bereits leise andeutend, dass AVERE VENT’ANNI möglicherweise einige unangenehme Lektionen für die beiden zu Beginn noch strahlenden Protagonistinnen bereithalten wird. Aber mit welcher Härte das Leben am Ende des Films zuschlagen wird, das lässt sich während der gesamten ersten Stunde des Films nicht vorhersehen.

Fernando Di Leo hat es auf den Schock angelegt, darauf, seinen Zuschauern brutal den Boden unter den Füßen wegzuziehen, gewissermaßen den friedlich den Schlaf der Gerechten Schlummernden einen Eimer eiskalten Wassers ins Gesicht zu schütten und sie dann endgültig mit einer schallenden Backpfeife aufzuwecken. Doch vorher wiegt er sie erst einmal in Sicherheit. Die zwei wunderhübschen Hauptdarstellerinnen kannte der Kinobesucher seinerzeit aus schlüpfrigen, aber ultimativ harmlosen Teenie-Sexkomödien, Beiträgen zum Genre der Commedia sexy all’Italiana. Gloria Guida, die schöne Blondine aus Meran, war der Star des Erfolgsfilms LA LICEALE und seiner diversen Fortsetzungen und Rip-offs, Lilli Carati hatte unter der Regie der Komödienspezialisten Mariano Laurenti und Michele Massimo Tarantini in LA COMPAGNA DI BANCO (deutscher Titel: SÜSSE SECHZEHN – SWEET SIXTEEN) respektive in LA PROFESSORA DI SCIENZE NATURALI mitgewirkt. Beide standen für Schönheit, Sex-Appeal, eine gewisse respektlose Attitüde und eben anspruchslose, milderotische Unterhaltung. Mit seinem blumigen Design versprach auch das Plakat, das die hübschen jungen Körper der beiden Stars in den reizvollen Mittelpunkt rückte, ebensolche – und der Film schien dieses Versprechen zunächst ja auch einzulösen. Gloria Guida selbst hauchte den von einem pumpenden Disco-Beat angetriebenen Theme-Song, der Strandparty, Popcorn und Himbeereis verhieß, beide Damen regten mit leichter Sommergarderobe die Fantasie an und ließen auf baldigen Vollzug ihrer sexuellen Wünsche hoffen. Während der ersten 60 Minuten entwickelt sich der Film ganz gemäß dieser Hoffnungen: Zwar geht Di Leo alles wesentlich weniger überdreht an als seine Kollegen aus dem Genre der Sexkomödien, verzichtet auf tumbe Späße und Slapstick-Orgien und erdet seine Geschichte in der sozialen und politischen Realität des Jahres 1978, doch auf den harten Bruch, der sich ganz plötzlich und unvorbereitet vollziehen wird, deutet nichts hin. Und dann besorgt er es seinen Zuschauern ganz, ganz heftig …

Mit seiner letzten halben Stunde reiht sich AVERE VENT’ANNI nämlich urplötzlich und unvermutet in die Riege der harten, desillusionierenden Schocker ein, die die Siebziger in eindrucksvoller Serie hervorbrachten. Filme wie Cravens THE LAST HOUSE ON THE LEFT oder dessen italienische Aufbereitung in Form von Aldo Lados L’ULTIMO TRENO DELLA NOTTE fallen unweigerlich ein, Filme, die für ihre meist jugendlich-weiblichen Protagonistinnen keine Gnade kannten, sie einer grausamen (Männer-)Welt zum Fraß vorwarfen und dem Zuschauer den Spaß am Voyeurismus gründlich vergällten. Auf einmal hat es für Lia und Tina ein Ende mit dem lustigen In-den-Tag-Hineinleben und dem jugendlichen Privileg der Inkonsequenz, zeigt sich die ganze Grausamkeit des Daseins in Form einer Bande männlicher Gewalttäter, die sich von der Aufmüpfigkeit der beiden Schnecken kein Stück beeindruckt, sondern im Gegenteil nur noch mehr angestachelt fühlen. Und sie geben es den beiden so hart und so nachhaltig, wie die es sich gewiss nicht vorgestellt hatten. Danach ist auch der Zuschauer bedient.

Fernando Di Leos Strategie war ein voller Erfolg: Die Zuschauer waren erbost darüber, wie man sie an der Nase herum- und vom sommerlichen Rom in die Schwärze der Nacht und des Todes geführt hatte, fühlten sich vom ultrabösen, brutalen Finale betrogen. Wie die Protagonistinnen in ihren Erwartungen an das Leben bitter enttäuscht wurden, so wurden auch die Zuschauer unsanft daran erinnert, dass nicht immer alles so ausgeht, wie man es sich wünscht. AVERE VENT’ANNI wurde aus dem laufenden Verleih genommen, umgeschnitten und in einer um rund 15 Minuten gekürzten und entschärften Fassung erneut veröffentlicht, was den Misserfolg erwartungsgemäß auch nicht mehr verhindern konnte. In Deutschland erschien der Film, Di Leos Täuschung noch auf die Spitze treibend, unter dem boshaft irreführenden Titel OBEN OHNE, UNTEN JEANS als Quasifortsetzung der FLOTTE TEENS-Reihe und ebenfalls sinnentstellend umgeschnitten. (Das Finale wurde hierzulande an den Anfang gestellt.) Das italienische Label Raro Video hat AVERE VENT’ANNI historisch vorbildlich als Doppel-DVD mit beiden Fassungen veröffentlicht und damit Raum gemacht für eine Neuentdeckung und -evaluation dieses Films, der definitiv Klassikerstatus verdient hat und seinerzeit einfach zu viel war für ein nichts Böses ahnendes Publikum. Vielleicht ist sein Zorn heute nicht mehr unmittelbar verständlich, auch wenn er grundsätzlich universal in seiner Aussage ist: Das Leben ist wertvoll, zu wertvoll für Gedankenlosigkeit, Jugend und Schönheit rufen erwachsene Neider auf den Plan, die als Antwort nur Gewalt und Hass parat haben. Di Leo hat viele fantastische Filme gedreht, vielleicht ist dieser seine Meisterleistung. Herausfordernd, originell und absolut nierderschmetternd, ist es von denen, die ich bisher kenne, sein konzeptionell spannendster, radikalster und mutigster. Unbedingt ansehen. Man vergisst AVERE VENT’ANNI nie wieder.

Beim zweiten Anlauf, das Abitur zu machen, kommen Loredana (Gloria Guida) erneut romantische Irrungen in den Weg. Zwar ist sie immer noch irgendwie mit dem ekligen Billy (Rodolfo Bigotti) liiert, doch arbeitet der geckenhafte Professor Pinzarrone (Gianfranco D’Angelo) fieberhaft daran, sie mit seinem Sohn  Tonino (Sylvain Chamarande) zu verkuppeln – als verspätete Rache dafür, dass er selbst vor Jahrzehnten bei Loredanas Mutter abgeblitzt war. Nach einem Autounfall wird Tonino gezwungen, den sterbenden Schwan zu mimen, um so erst Schuldgefühle und Mitleid, dann schließlich wärmere Gefühle bei Loredana zu wecken. Billy ist natürlich gar nicht begeistert und sucht nach der richtigen Konterstrategie. Unterdessen wird die hoffnungslos überforderte Lehrerschar von den Schülern mit fiesen Streichen getriezt …

Die Fortsetzung – auf Deutsch FLOTTE TEENS – JETZT OHNE JEANS betitelt (und damit Erwartungen schürend, die nicht wirklich erfüllt werden) – teilt mit dem Vorgänger LA LICEALE nur noch oberflächliche Gemeinsamkeiten. Gloria Guidas Loredana ist hier vergleichsweise brav, nachdem sie zuvor noch als durchtriebene Lolita erwachsenen und heranwachsenden Männern gleich reihenweise den Kopf verdrehte. Sie behält dann auch bis kurz vor Schluss alle Klamotten an und bleibt – wohl auch, weil der Film offenkundig im Herbst gedreht wurde – meist überaus züchtig verhüllt. Überhaupt wird sie von der Handlung des Films über weite Strecken in die Passivität und somit an den Rand des Geschehens gedrängt. Gianfranco D’Angelo stiehlt ihr eindeutig die Schau als intriganter Popanz, der ständig mit Stiefeln und Reiterhose herumläuft und die Reitgerte schwingt. (In der deutschen Fassung wird erst sehr spät klar, was es mit seinem Outfit auf sich hat, als man nämlich einen Blick auf das Hitlerbild an seiner Wohnzimmerwand erhascht. Jeder Hinweis auf seine politische Ausrichtung wurde von der deutschen Synchronisation natürlich vorsorglich getilgt.) Mit dieser Akzentverlagerung verändert sich der ganze Film: Weg von der pubertierenden Softsexkomödie hin zur episodischen Comedia all’italiana mit ihren karikaturesk überzeichneten Spießerfiguren, zotigen Slapstickszenen und zielgenau auf die Region um die Gürtellinie gerichteten Witzen. Die deutsche Synchro steht der hemmungslosen Alberei in nichts nach und so hat mir LA LICEALE NELLA CLASSE DEI RIPETENTI deutlich mehr Spaß bereitet als der Vorgänger, der zwar mehr nackte Haut vorzuweisen hatte, aber sich zu sehr auf seine nur wenig aufregende Story konzentrierte.

Um einen Eindruck zu vermitteln, welche bizarren Kausalketten hier aufgespannt werden, nur um jemanden mit dem Kopf vor einen Schrank knallen oder nasse Füße bekommen zu lassen, ein besonders markantes Beispiel: Professor Pinzarrone besucht eines Abends seine Geliebte. Die ist gelangweilt von seinen Liebeskünsten und zwingt ihn dazu, mit einem Strumpf über dem Kopf in ihre Wohnung im ersten Stock einzusteigen, um sie dann als Dieb zu „vergewaltigen“. Bei seiner Fassadenkletterei beobachten ihn Billy und zwei Schulkameraden aus einer gegenüberliegenden Wohnung und zwar durch das Zielfernrohr eines Gewehrs (erstaunlicherweise wird im Folgenden niemandem in den Hintern geschossen, womit ich fest gerechnet hatte). Weil Pinzarrone sich beim ersten Anlauf blöd anstellt, schickt seine Geliebte ihn erneut auf die Straße. Dort wird er nun von den drei Schülern abgefangen, die ihren Lehrer sogleich in ein Gespräch über sein Idol Napoleon verwickeln und ihn von seinem eigentlichen Plan abhalten. Während er enthusiastisch referiert, klettert einer der Schüler nach dem anderen, ebenfalls mit Strumpfmaske verkleidet, in die Wohnung der wartenden Frau, um sie dort zu beschlafen. Die Gute ahnt nichts und ist nach der dritten „Vergewaltigung“ völlig k.o. Sehr zum Leidwesen von Pinzarrone, der nicht nur leer ausgeht, als er endlich wieder bei ihr ankommt, sondern auch noch als Einbrecher von der Polizei gestellt und in den Knast verfrachtet wird. Todmüde und übernächtigt – seine Zelle hatte kein Bett – tritt er am nächsten Morgen die Arbeit in der Schule an, wo er am Pult einschläft und sogleich zur Zielscheibe gemeiner Streiche wird. Die Situation kulminiert, als er sich auf die Toilette schleppt, die die Schüler zuvor vorsorglich verstopft haben, und am Urinal erneut einpennt, während das Wasser der Spülung läuft und läuft und läuft …

Aber es gibt noch weitaus mehr solch „elaborierter“ Späße: Eine schreckhafte Lehrerin fällt bei jedem lauten Geräusch vor Schreck aufs Kreuz und erzielt so schließlich den Hochsprung-Rekord beim Sportfest am Ende des Films. Der Direktor des Films ist schwerhörig und versteht daher alles falsch, was ihm gesagt wird. Immer wieder bekommen Leute die Reitgerte Pinzarrones ab. Das Auto des Musiklehrers Modesti (Alvaro Vitali) wird von den Schülern immer wieder auseinandergenommen und fällt am Ende – als es ausnahmsweise mal völlig intakt scheint – in seine Bestandteile zusammen, als er den Motor anlässt. Beim Sportfest tritt er darüber hinaus mit Perücke verkleidet in der Damen-Staffel an, weil Loredana überraschend ausfällt: Billy hat sich Toninos Strategie zu eigen gemacht und eine Verletzung beim Weitsprung vorgetäuscht. Nachdem er also rücklings in den Sand gefallen ist, markiert er den sterbenden Schwan, der schon fast das Licht am Ende des Tunnels sieht, ohne dass sich einer der Anwesenden darüber wundert. Unbedingt erwähnenswert ist auch Loredanas männlicher Vormund, Onkel Zenobio (Lino Banfi), der seine Glatze unter einem Toupet versteckt, um eine Frau aufzureißen. Sein amouröses Tête-à-Tête wird von Loredanas Freunden unterbunden, die eben noch eine Party gefeiert haben und sich nun hinter der Couch verstecken. In einem bemerkenswerten Tennismatch treten die beiden Turteltäubchen auch noch gegen den tauben Direktor und die schreckhafte Lehrerin an: Hilarity ensues so sicher wie das Amen in der Kirche.

Immer wenn man glaubt, das Niveau könne unmöglich unterboten werden, oder meint, wenigstens ein Standard des tumben Humors würde ausgelassen, wird man vom Gegenteil überzeugt und es kommt noch schlimmer. Aber ehrlich: Gerade das ist ja das Tolle an diesem Film, der heute wahlweise anmutet wie von einem anderen Planeten zu uns heruntergebeamt oder aber wie von einer Horde überdrehter Achtjähriger ohne jedes Talent zur Selbstbeschränkung erdacht. Die Albernheit des Films ist hochgradig ansteckend und mein Vergnügen verhielt sich direkt proportional zur Blödheit der Pointen. Es wird wirklich alles geboten, was man vor 25 bis 30 Jahren mit noch nicht voll entwickeltem Hirn für komisch hielt, und von den Darstellern in jener unnachahmlichen italienischen Art präsentiert. LA LICEALE NELLA CLASSE DEI RIPETENTI ist gewiss nicht für jedermann, aber mich hat die Sucht jetzt schon gepackt. Ich will mehr davon.

Laliceale_75Loredana (Gloria Guida) ist ein freches Früchtchen: Liebend gern verdreht sie den Jungs ihres Abiturjahrgangs und anderen Männern den Kopf mit ihren jugendlichen Reizen, nur um sie dann, kurz vor der Erfüllung ihrer Wünsche, eiskalt abblitzen zu lassen. Erst ist der etwas trottelige Petruccio (Alvaro Vitali) ihre bevorzugte Zielscheibe, doch dann wird Billy (Rodolfo Bigotti), ein neuer Mitschüler aus Amerika, ihr bevorzugtes Ziel. Mit ihrer Masche zieht sie sowohl seinen Zorn auf sich, als sie ihn damit auch gnadenlos um den Finger wickelt. Seine Eifersucht wird jedoch angeheizt, als sich Loredana mit dem zehn Jahre älteren Marco Salvi (Giuseppe Pambieri), einem Geschäftspartner ihres Vaters, einlässt …

LA LICEALE – was sich, wenn man diversen Übersetzungsseiten vertrauen darf, von „licenza liceale“, dem italienischen Begriff für „Abitur“, ableitet – bildete 1975 den Auftakt zu einer insgesamt fünfteiligen Erfolgsreihe. In Deutschland, wo er als FLOTTE TEENS UND HEISSE JEANS erschien, wurden nach bester Tradition – man denke an die unzähligen DJANGO-Filme, die nach Sergio Corbuccis Welterfolg hierzulande erschienen – noch zahlreiche weitere, mit der ursprünglichen Reihe in keinerlei Verbindung stehende Filme „eingemeindet“: Die OFDb spuckt satte 25 Filme mit „Flotte Teens“ im deutschen Titel aus, die meisten davon italienische Sexkomödien der Siebziger- und frühen Achtzigerjahre, die man dem deutschen Kinogänger und Videoleiher mit dem Hinweis auf die Erfolgsserie schmackhaft machen wollte.

Der Etikettenschwindel ist wohl verzeihlich: Ohne Experte auf dem Gebiet zu sein, wage ich zu behaupten, dass sich die meisten dieser frivolen Filmschwänke aus Italien relativ ähnlich sind. Mit Tarantini war bei LA LICEALE dann auch gleich ein Fachmann am Werk, der zahlreiche weitere Beiträge zu diesem mittlerweile ja längst ausgestorbenen Genre inszenierte. Sein Film gerät dann auch zur gewohnt bunten und munteren Aneinanderreihung alberner Episödchen, garniert mit etwas jugendfreiem Sex und dem ein oder anderen inszenatorischen Einfall. Die FLOTTEN TEENS darf man Nichteingeweihten vielleicht als italienisches Pendant zu den EIS AM STIEL-Filmen vorstellen, abzüglich des Fifties-Kolorits, des Rock’n’Roll-Soundtracks und der damit einhergehenden Nostalgie. Tarnten sich die israelischen Filme mit einer gewissen zeitbedingten Unschuld, bewegen sich die FLOTTEN TEENS-Filme mit der gemeinen Loredana aber in eine ganz andere Richtung. Bei so viel eiskalter Abgezocktheit wird man dann auch nicht wirklich warm: Sie ist eine ziemlich ätzende Schlampe, wenngleich ihr der Schönling Billy, der gleich Besitzansprüche erhebt, bloß weil er mal ihre Brüste sehen durfte, ihr kaum nachsteht. Es sind dann auch eher die Randfiguren, die einem ans Herz wachsen: der verzweifelte Petruccio, der sich hilflos, aber hochmotiviert als echter Macho inszeniert, obwohl er ein Gesicht wie ein Feuermelder hat; der tölpelhafte Lehrer Gianni Guidi (Gianfranco D’Angelo), der sich in der absurdesten Szene des Films als abgebrühter Martial Artist entpuppt; oder der bemitleidenswerte Liebhaber von Loredanas Mutter, Osvaldo (Enzo Cannavale), der stets unter dem Bett oder im Schrank vor der Tochter in Deckung gehen muss.

Weil es also eher die kleinen Randdetails sind, die das Interesse wachhalten, während der eigentliche Plotverlauf um Loredana und ihr Liebesglück von Minute zu Minute uninteressanter wird, könnte man auch sagen, dass LA LICEALE ein Film ist, der insgesamt leider nicht mehr als die Summe seiner Teile ist. Selbst Gloria Guidas makellose Schönheit entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Makulatur: Selbst das dicke Make-up kann ihre unreine Haut nicht ganz verdecken. Ich freue mich trotzdem darauf, in den kommenden Monaten echte und unechte Sequels aufzuarbeiten.