Mit ‘Gordon Liu’ getaggte Beiträge

Mit KILL BILL VOL. 2 erweitert Tarantino die zuvor verengte Perspektive und liefert den Kontext, in dem der Fragen aufwerfende Vorgänger zu verstehen ist. Die Fortsetzung ist somit nicht bloß inhaltliche Fortführung, sondern gleichermaßen Erweiterung, Kommentar und Korrektur (Mit DEATH PROOF wird Tarantino diese dialektische Struktur in einem Film bündeln). Letzteres teilweise sehr explizit: So klärt uns die zu diesem Zeitpunkt nach wie vor namenlose „Braut“ (Uma Thurman) zu Beginn via Voice-over darüber auf, dass sie mitnichten während, sondern bei der Generealprobe für ihre Hochzeit überfallen wurde. Auch ihren Namen enthüllt der Film nach kurzer Zeit: Beatrix Kiddo heißt die Rächerin, und das aus Bills (David Carradine) Mund zuvor noch leicht herablassend klingende „kiddo“ (etwa „Kindchen“) entpuppt sich somit als kernig-kumpelhafte Ansprache. Mit dieser Offenbarung legt die Heldin auch ihre Undurchdringlichkeit ab, sie verwandelt sich von der überstilisierten, zweidimensionalen Comicfigur in einen Menschen aus Fleisch und Blut. Und das beeinflusst den ganzen Film um sie herum.

KILL BILL VOL. 2 ist nach der stlistischen Tour de force des ersten Teils auffallend ruhig, der Gewaltanteil zudem deutlich reduziert: Ausgedehnte Splattereinlagen und Blutfontänen sucht man vergebens, und die finale Auseinandersetzung mit dem „Oberschurken“ Bill ist beinahe antiklimaktisch. Ebenso sein Tod durch die „Five Point Palm Exploding Heart Technique“, der schon vorher angekündigt wird: Wer ein ausgedehntes, blutiges Duell und einen platzenden Brustkorb erwartet hat, sieht sich bitter getäuscht. Die längere Sequenz, die Beatrix während ihrer Ausbildung beim chinesischen Kung-Fu-Meister Pai Mei (Gordon Liu) zeigt, erinnert mit ihren von alten Eastern abgeschauten Zooms, Trainingsmontagen und dem ausgestellten Spiel Lius noch an die Zitierfreude des Vorgängers, aber sie fällt aus hier sehr aus dem Rahmen. Es ist offenkundig, dass KILL BILL nicht leidglich aus ökonomischen Gründen in zwei Teile gesplittet wurde: Seine beiden Hälften sind wie das Yin und das Yang, einander geradezu diametral gegenüberstehend, sich in ihrer Verschiedenartigkeit aber zur perfekten Einheit vervollständigend. Teil 1 verkörperte Beatrix‘ Zorn, die Raserei, den Überschwang der Gefühle und den damit einhergehenden Kontrollverlust, Teil 2 schildert das Zurückgewinnen dieser Kontrolle und der Souveränität, die Klarheit, Ernüchterung, vielleicht auch Enttäuschung, die Einzug hält, wenn der Puls sich beruhigt hat. Im Grunde genommen ist KILL BILL VOL. 2 ein Film über das Erwachsenwerden. Er begleitet Beatrix auf ihrem Weg zur Mutterschaft. Und um eine verantwortungsvolle Mutter zu werden, muss sie sich von einigen Altlasten befreien. Tarantinos Film handelt, wie auch schon PULP FICTION, von der Auseinandersetzung mit und der Lösung von Vaterfiguren.

Wenn Beatrix am Schluss zu Bill kommt, ihrem ehemaligen Mentor, Ausbilder und Chef, aber eben auch dem einstigen Liebhaber und Vater der gemeinsamen Tochter, verwandelt sich das grellbunte Spektakel in ein ernstes, ruhiges Kammerspiel, ein Beziehungsdrama, wenn man so will. Zwar sind Schuss-, Schneid- und Hiebwaffen nie ganz außer Reichweite, und niemand käme auf die Idee, die beiden Protagonisten mit „normalen“ Menschen zu verwechseln, aber ihre nun folgende, meist verbale Auseinandersetzung lässt sich dennoch am besten als „authentisch“ und „einfühlsam“ beschreiben. Beide Charaktere tauschen sich über ihre gemeinsame Geschichte aus, Beatrix erklärt Bill, warum sie ihn einst verließ, verlassen musste, was in ihr vorging, als sie erfuhr, dass sie Mutter werden würde; Bill öffnet im Gegenzug Beatrix sein Herz, erklärt ihr, warum er sich verraten fühlte und wie es zu seiner, ähem, „Überreaktion“ kam. Für sie ist klar, dass das Leben, das sie bisher gelebt hat, nicht mehr lebbar ist. Und diese Erkenntnis macht die endgültige Abspaltung von Bill erforderlich. Bei dieser Trennung geht es nicht im Wesentlichen um Bill: Beatrix muss eine andere werden, eine selbstständige Frau (und in gewisserweise hat sie mit ihrer Mordtour bewiesen, dass sie das ist, nur der Modus war noch der alte). Der Wandel, den sie vollzieht, wird offenkundig, wenn man ihr Verhältnis zur anderen Vaterfigur des Films betrachtet: Pai Mei. Der wie ein Eremit auf einem Berg lebende Kung-Fu-Meister, der sich nicht gerade durch herausragende soziale Fähigkeiten auszeichnet, fordert von Beatrix totale Unterwerfung und absoluten Gehorsam – das Gegenteil von Emazipation und Selbstständigkeit. Und Beatrix fügt sich in diese Rolle, weil sie weiß, was sie zu gewinnen bzw. zu verlieren hat. Sie benötigt Pai Meis „väterlichen“ Rat, ist noch nicht soweit, sich ihm zu verweigern und ihm entgegenzutreten. Und ich meine, dass sich das Motiv des Vaterkonfliktes durchaus mit Tarantinos „love and theft“-Strategie kurzschließen lässt: KILL BILL VOL. 2 handelt dann auch von der Emanzipation des Regisseurs von seinen Einflüssen. Man kann sich Dinge aneignen, aber man muss lernen, seine Identität dabei zu bewahren.

Ich weiß noch, dass ich damals im Kino enttäuscht war von KILL BILL VOL. 2. Ich hatte mehr Wildheit erwartet, mehr grafische, comichaft überzogene Gewalt, mehr von dem, was den ersten Teil ausgezeichnet hatte. Ich verstand, was Tarantinos Plan war, wusste auch den größeren Tiefgang zu würdigen, aber war trotzdem insgesamt ein bisschen gelangweilt und underwhelmed. Wie Bill da am Schluss einfach zu Boden fällt, fast schon aufreizend undramatisch, ja geradezu uninszeniert, empfand ich als kleinen Affront. Heute ist das ganz anders. Gerade das Schlusskapitel des Films, das lange, ruhige Beisammensein von Beatrix und Bill, ihr verbales Ringen in einem Kampf, dessen Ausgang doch eigentlich schon längst vorgezeichnet ist, empfinde ich als begeisternd und berauschend, Bills „antiklimaktischen“ Tod als vielleicht einen der schönsten Tode wenn nicht gar der gesamten Kinogeschichte, so doch zumindest der letzten 30, 40 Jahre. Und KILL BILL VOL. 2 fügt sich als wichtiger Baustein in Tarantinos Werk.

Ich bin geneigt zu sagen, dass alles, was man damals in PULP FICTION als „tarantinoesk“ ausgemacht zu haben glaubte, tatsächlich in KILL BILL VOL. 1 und dort in geradezu karikaturesk übersteigerter Form zu finden ist. Die sechsjährige Pause zwischen JACKIE BROWN und diesem Film scheint längst nicht nur eine zeitliche Zäsur im Schaffen Tarantinos, seine danach entstandenen Filme sehen anders aus und fühlen sich anders an, ohne ihren Ursprung freilich gänzlich zu verraten. Ein gängiges Narrativ beschreibt Tarantino als den Videotheken-Nerd, der bei seiner Arbeit eine Passion für und ein immenses enzyklopädisches Wissen über das weltweite Exploitationkino entwickelte, seinen Lieblingen mit seinen eigenen Filmen ein Denkmal errichtet und ihnen zu größerer Bekanntheit und Respektabilität verhilft. Das meist eifrig hinterhergeworfene Stichwort lautet dann „Zitatekino“. Wenn man sich seine Filme bis KILL BILL VOL. 1 aber genau und frei von irgendwelchen Prädispositionen anschaut, fällt auf, wie sehr sie diesem etablierten Narrativ eigentlich widerstreben. PULP FICTION ist kein Genrefilm, formell und strukturell viel zu verspielt, viel zu literarisch, in seiner Gesamtanlage viel zu theoretisch, abstrakt und kopflastig, um selbst als „Exploitation“ durchgehen zu können. Und JACKIE BROWN mag noch so sehr vom Blaxploitation-Film der Siebzigerjahre inspiriert sein, er ist selbst ausdrücklich kein Blaxploiter. Der Begriff „Ausbeutung“ kommt dem Betrachter bei dieser warmherzigen, einfühlsamen Auseinandersetzung mit Alter und Armut kein einziges Mal in den Sinn. Und die Zitate, von denen immer die Rede ist, sind meist so eingebettet, dass sie nur wenig Aufmerksamkeit auf sich als Zitate ziehen: Das goldene Leuchten, das aus Marsellus Wallace‘ Koffer dringt, führen Film-Enthusiasten natürlich sofort mit Aldrichs KISS ME DEADLY zurück; aber man muss diesen Film nicht kennen, um das Leuchten zu verstehen (eigentlich verwirrt die Kenntnis des Zitats sogar ein wenig, weil das Leuchten in Aldrichs Film ja ein radioaktives Strahlen ist). Die Präsenz von Helmut Berger in LA BELVA COL MITRA, den sich Mel in JACKIE BROWN im Fernsehen anschaut, ist lediglich Anlass für einen kleinen Gag, eine Randbemerkung und darüber hinaus wohl durchaus Bekundung von Tarantinos Wertschätzung, aber in der Essenz letztlich bloß ein schmückendes Detail. Vielleicht kann man es so sagen: Zwar bestehen Tarantinos Filmwelten in den Neunzigerjahren in nicht unerheblichem Maße aus Verweisen auf Filme, aber sie ähneln darin doch noch sehr unserer Realität. Erst mit KILL BILL VOL. 1 beginnt Tarantino reine Kunstwelten und geschlossene Parallelwelten zu erschaffen.

So beginnt KILL BILL VOL. 1 mit dem „Shaw Scope“-Logo, dem sich der „Feature Presentation“-Screen anschließt, mit dem zahlreiche Drive-in-Kinos in den 60er- und 70er-Jahren den Beginn ihrer Hauptvorstellung ankündigten. Wir tauchen mithin nicht ein in eine fremde Welt, wir schauen einen Film. Und dieser Film erzählt eine gewalttätige und wilde Rachegeschichte, die sich vor allem aus Motiven des Italowesterns, des Samurai- und des Kung-Fu-Films in geringerem Maße des Horrorfilms speist: Die namenlos bleibende „Braut“ (Uma Thurman), unter dem Decknamen „Black Mamba“ einst Mitglied der von einem gewissen „Bill“ (David Carradine) befehligten Killertruppe „Five Deadly Vipers“, wacht nach vier Jahren aus dem Koma auf, in das sie ihre einstigen Wegbegleiter bei einem Überfall während ihrer Hochzeitszeremonie mithilfe eines Kopfschusses versetzt haben, und beginnt ihren Rachefeldzug gegen die Verräter. In KILL BILL VOL. 1 geht es im Wesentlichen um das Wiedererwachen der „Braut“ und ihre anschließende Auseinandersetzung mit O-Ren Ishii (Lucy Liu), Deckname „Cottonmouth“, die in den vier Jahren seit dem Attentat zu einem der mächtigsten Anführer der japanischen Yakuza aufgestiegen ist. Doch Tarantino wirbelt die Chronologie der Ereignisse durcheinander, blendet immer wieder in die Vorvergangenheit, um die Geschichte der „Braut“ und der Antagonisten zu beleuchten, und zersplittert den eigentlich sehr geradlinigen Plot mithilfe von Kapitelüberschriften in zahlreiche einzelne Episoden. So beginnt der Film mit dem Kampf der „Braut“ gegen Vernita Green (Vivica A. Fox), Codename „Copperhead“, der eigentlich das Ende des von KILL BILL VOL. 1 abgesteckten Zeitrahmens markiert. Ein längerer Exkurs befasst sich mit O-Rens Genese, zeigt in blutig stilisierten Anime-Bildern, wie sie vom jungen Mädchen zum Killer wurde. Ein weiteres Zwischenstück schildert das Zusammentreffen der Braut mit dem japanischen Schwertschmied Hattori Hanzo (Sonny Chiba). Surreal anmutende Bilder wie jenes eines durch den rotgoldenen Himmel über Japan gleitenden Flugzeugs, einer Motorradfahrt durch ein buntes, an die Godzilla-Filme erinnerndes Modellbau-Tokio oder des verschneiten japanischen Gartens, in dem die „Braut“ und O-Ren zum Duell antreten, unterstreichen den Eindruck, dass KILL BILL VOL. 1 in einem hyperrealen Popkultur-Universum angesiedelt ist. Auch wenn viele der auf der Connections-Seite der IMDb gesammelten Verweise wohl eher der selektiven Wahrnehmung der User zuzuschreiben sind, so erhält man doch einen Eindruck davon, wie dicht gewebt das Netz der Bezüge ist, das Tarantino in KILL BILL VOL. 1 aufspannt. Man könnte sagen, der Film ähnele dem endlosen Traum eines Filmfans, in dem sich von Soundtrack-Fetzen über einzelne Einstellungen oder auch ganze Szenen bis hin zu Ausstattungsdetails alles aus der Erinnerung an andere Filme speist. Auch vor seinen eigenen Filmen macht Tarantino dabei nicht halt: Wenn Vernita Green aka „Copperhead“ anmerkt, der Deckname „Black Mamba“ hätte besser zu ihr gepasst, muss man unweigerlich an die Namensdiskussion in RESERVOIR DOGS denken.

Weil sich KILL BILL VOL. 1 kaum in Beziehung zur Realität setzen lässt, ist die Frage, wovon er eigentlich handelt – abseits von Rache –, nicht so leicht zu beantworten. Auffällig ist, dass er das Konzept von „love & theft“, um das es schon bei PULP FICTION ging (zumindest, wenn man Thomas Elsaesser zustimmt), noch einmal expliziert. Davon ausgehend scheint er jedoch die Frage nach dem Wesen von Identität zu stellen, was natürlich mit Tarantinos filmischem Eklektizismus korrespondiert. Gewissermaßen: Kann das „Angeeignete“ das „Angeborene “ ersetzen? Dem Films vorangestellt ist ein klingonisches Sprichwort, was zum einen gelungener Gag ist, aber auch das sehr spezielle Verhältnis des Films zur Realität und das Tarantinos zur Kultur illustriert. Die „Braut“ spricht perfekt Japanisch und bekommt vom Meisterschmied Hanzo in einer Zeremonie ein wertvolles Samurai-Schwert verliehen, obwohl der doch geschworen hatte, nie wieder ein Schwert zu schmieden. Für sie ist es die Waffe der Wahl, wohl auch, weil sie in Japan zum Kampf antritt. O-Ren sieht hingegen nur die Weiße, die sich an der fremden Kultur vergreift:  „Silly Caucasian girl likes to play with Samurai swords.“ Das ist auch insofern erstaunlich, als O-Ren selbst ein „Mischling“ ist. Als Tochter eines Amerikaners und einer Japanerin sieht sie sich der offenen Ablehnung und Verachtung ihrer männlichen Yakuza-Kollegen gegenüber, die sie bitter bestraft: „The price you pay for bringing up either my Chinese or American heritage as a negative is… I collect your fucking head.“ Der Cliffhanger, mit dem KILL BILL VOL. 1 endet, suggeriert, dass zumindest einer der Gründe für den Amoklauf der „Braut“ hinfällig ist: Das Kind, mit dem sie bei ihrer gescheiterten Exekution schwanger war, lebt immer noch, und zwar in der Obhut seines leiblichen Vaters Bill, der ganz am Ende ihrer Todesliste steht.

Ich finde KILL BILL VOL. 1 höchst faszinierend, auch wenn mich Szenen wie das ausgedehnte Massaker an den „Crazy 88’s“, der Armee O-Rens, heute nicht mehr ganz so kicken wie damals im Kino. Er ist vor allem ein audiovisueller Rausch und wirkt wie der Film, den Tarantino aus seinem System spülen musste, um weitermachen zu können. KILL BILL VOL. 2 ist aus ganz anderem Holz geschnitzt – und wird auch den Kontext liefern, vor dem sein Vorgänger etwas mehr – oder überhaupt – Sinn ergibt.