Mit ‘Gregg Henry’ getaggte Beiträge

Nach einem Überfall wird Porter (Mel Gibson) von seiner Frau (Deborah Kara Unger) und seinem Kumpel Val (Gregg Henry) um seinen Anteil geprellt und mit zwei Kugeln im Kreuz zurückgelassen. Porter überlebt und hat fortan nur eins im Sinn: Er will sein Geld zurück. Weil Val Porters Anteil jedoch dazu benutzt hat, seine Schulden beim organisierten Verbrechen zu begleichen, muss Porter bei dessen Führungsriege (William Devane & James Coburn) vorstellig werden, die sich verständlicherweise wenig kooperativ zeigt. Und zu allem Überfluss bekommt Porter es auch mit zwei korrupten Bullen (Bill Duke & Jack Conley), einer Domina (Lucy Liu) und ihren asiatischen henchmen zu tun …

Ein Wiedersehen nach ca. 12 Jahren: Helgelands PAYBACK hatte mir damals schon ganz gut gefallen, der Director’s Cut ist jedoch ganz ohne Einschränkungen großartig und zumindest stimmungsmäßig ein komplett anderer Film (ich habe die Kinofassung zum besseren Vergleich gleich auch noch einmal angeschaut). Der auf dem von Donald E. Westlake unter dem Pseudonym „Richard Stark“ verfassten Roman „The Hunter“ basierende Film ist klassischer Hardboiled-Pulp um einen Gangster, der weiß, dass er seine Prinzipien ohne Rücksicht auf Verluste durchbringen muss, wenn er in seiner Welt überleben will. So legt er sich für vergleichsweise lächerliche 70.000 Dollar mit dem organisierten Verbrechen an: Er weiß, was ihm zusteht und er ist nicht bereit, auf sein Recht zu verzichten, nur weil der Gegner übermächtig erscheint. Porter ist zwar keineswegs zimperlich, aber im Grunde genommen ist er ein Radikalmoralist: Wer sich ihm gegenüber korrekt verhält, hat nichts zu befürchten. Dass er dennoch eine Spur von Toten und Verletzten hinterlässt, liegt am Milieu, in dem er sich bewegt und dem er selbst angehört. PAYBACK ist im Director’s Cut ein Film, der die Prinzipientreue seines Protagonisten durchaus mit einer gewissen Bewunderung verfolgt, aber nicht den Fehler begeht, den sehr speziellen Kontext seiner Handlungen außer Acht zu lassen. Gleich zu Beginn poliert Porter seiner verräterischen drogenabhängigen Frau heftig die Fresse, bevor er sie zum kalten Entzug zwingt: Harte Umstände erfordern harte Maßnahmen. Auch in Struktur und Rhythmus überlässt Helgeland seinem Protagonisten die Führung. Alle manchmal auch tödlich endende Ruppigkeit wird von einem Augenzwinkern begleitet – es ist auch die Dickköpfigkeit und Unbelehrbarkeit seiner Gegner, die Porter immer dazu zwingen, Gewalt anzuwenden –, kleinere Sprünge und unerwartete Schlenker lassen den Zuschauer immer einen Schritt hinter dem mit allen Abwassern gewaschenen Porter hinterherhinken. Am krassesten in dieser Hinsicht ist sicher der Schluss des Films: Auch eine gefährliche Schussverletzung des Helden hindert Helgeland nicht daran, den Film abrupt, aber ohne Frage positiv enden zu lassen. Porter hat Schlimmeres überlebt, er wird auch das wegstecken. Das ist symptomatisch für den ganzen Film, der das schwer kriminelle Treiben als mit harten Bandagen geführtes Spiel extremer Typen interpretiert.

Der Unterschied des Director`s Cuts zur Kinofassung ist immens, sowohl inhaltlich wie formal. Die Kinofassung bemüht sich, Porters Welt mit schmutzigem Graufilter und ausgeblichenen Farben schön trostlos zu zeichnen, Helgeland verzichtet in seinem Cut auf solche Manierismen, lässt dafür lieber Taten eine umso deutlichere Sprache sprechen. Es ist bezeichnend, dass jene oben beschrieben Szene, in der Porter seine Gattin verprügelt, im offiziellen Cut fehlt. So dirty darf Porter dann doch nicht sein. Auch ein Oberschurke, der am Schluss in den Clinch mit dem Antihelden geht, fehlt in Helgelands Fassung. Kris Kristofferson, der in der offiziellen Version des Films den Kopf des Syndikats spielt, ist im Director’s Cut gänzlich abwesend, seine Rolle wird dort von einer körperlosen Frauenstimme am Telefon übernommen, die sich sonst aus allem raushält. Zu Recht: Die 70.000 Dollar, die Porter haben will, sind nur Peanuts für das Unternehmen, mit dem er sich da angelegt hat, folglich gibt sich dessen Kopf gar nicht erst mit dieser Angelegenheit ab, schickt lieber namenlose Handlanger oder lässt direkte Untergebenen ins Gras beißen. Das ist dramaturgisch unkonventioneller, aber auch deutlich realistischer als das klischeehafte „Now it’s personal!“ der Kinofassung, die in äußerst ungelenken, aufgesetzt wirkenden Szenen noch im letzten Drittel weitere eigentlich unwichtige Figuren einführen muss, um einen Showdown aufzubauen, der dem Ton des restlichen Films völlig zuwiderläuft. PAYBACK dient somit als Paradebeispiel dafür, wie das Hollywoodkino vielversprechende, originelle Interpretationen durch das Beharren auf überkommenen Konventionen auf Linie bringt und sie so künstlerisch kastriert.

Dass PAYBACK auch in dieser offiziellen Version aber noch sehr ansehnlich geworden ist, liegt neben Helgeland und der großartigen Besetzung – neben Gibson brillieren Gregg Henry als sadistischer Schmierlappen und William Devane, aber auch Lucy Liu holt das Optimum aus ihrer comichaft überzeichneten Rolle raus – vor allem an den superpointierten Dialogen. Als die Domina geradezu verzückt von Porters schlagkräftigen Fäusten gesteht, sie habe ein paar Minuten Zeit, entgegnet dieser bloß herrlich angewidert: „Go boil an egg!“ Trockener geht’s kaum. Wer die Wahl hat, schaut sich natürlich trotzdem den Director’s Cut an, der den Vergleich mit Klassikern des Genres – man denke an Siegels THE KILLERS oder CHARLEY VARRICK, man denke an Boormans POINT BLANK (der auf derselben literarischen Vorlage basiert), Flynns THE OUTFIT oder Peckinpahs THE GETAWAY, um nur ein paar zu nennen – nicht zu scheuen braucht. Über wie viele zeitgenössische Filme kann man das schon sagen?

Um sein geerbtes Grundstück zu besichtigen, begibt sich Warren (Gregg Henry) mit seiner Freundin Constance (Deborah Benson) und drei weiteren Freunden in die Berge Oregons. Zwar werden sie auf dem Weg noch vom freundlichen Ranger Ty (George Kennedy) vor einer nicht weiter genannten Gefahr gewarnt, doch das hindert sie nicht daran, ihre Reise fortzusetzen. Und so laufen sie in der Wildnis einem durch Inzucht degenerierten Brüderpaar in die Arme, für das „Spaß“ gleichbedeutend mit „Mord“ ist …

Lieb- und freudlose Geister würden diesem Film wahrscheinlich akute Handlungsarmut vorwerfen: Die Protagonisten fahren in den Wald, verlustieren sich ein wenig vor beeindruckender Naturkulisse, verärgern die ortsansässige Redneckfamile und werden nacheinander abgemurkst, bevor sich die Verbliebenen schließlich zur Wehr setzen. Dieser skelettierte Plot wird von Lieberman noch dazu mit einer Unaufgeregtheit und Ruhe abgehandelt, die mit dem meist recht hysterischen Treiben des sonstigen Slasherfilms nur wenig gemein hat und von der sich der Adrenalinjunkie, der auf der Suche nach neuem harten Stoff ist, möglicherweise verprellt fühlt. Wer vom Schlitzereinerlei aber eh die Nase voll hat und bereit ist, JUST BEFORE DAWN für sich stehen und wirken zu lassen, der wird mit einem recht ungewöhnlichen und poetischen Vertreter seiner Gattung belohnt. Schon von den ersten Sekunden an, in denen man zum sphärischen, an Tangerine Dream erinnernden Score von Brad Fiedel und dem unheimlichen Zirpen und Zwitschern unbekannter Vogelarten den Bildern eines Sonnenaufgangs beiwohnt, durchzieht eine mystische Stimmung den Film, die den Backwood-Freund sofort an die Geburtsstunde des Subgenres in DELIVERANCE erinnert. Die Natur ist hier nicht bloß reizvolle Kulisse, sie nimmt vielmehr selbst die Funktion eines Charakters an, der von den Slasherfiguren bloß vertreten wird. Lieberman betont den dem Backwood-Film innewohnenden Natur-vs.-Zivilisation-Diskurs, der sich im Laufe des Films zum Mann-vs.-Frau-Diskurs verwandelt, damit die Brücke zum kürzlich besprochenen STORM WARNING schlagend.

Gleich in der Eröffnungsszene, die in einer verfallenen, von der umgebenden Vegetation überwucherten Kirche spielt, wird von einer Figur behauptet, Gott habe sein Haus verlassen, um den Wäldern Platz zu machen; einer der Killer, beides verfettete riesenhafte Ungetüme mit deformierten Schädeln, wird später von der selben Figur als „built like a mountain“ beschrieben und Ty begründet seine zu Beginn gegenüber den Protagonisten ausgesprochene Warnung nicht etwa damit, dass er von der Existenz der Killer gewusst habe, sondern damit, dass er die fünf Städter „erkannt“ habe, also gewusst habe, dass ihre bloße Präsenz ausreichen würde, den Zorn der Natur hervorzurufen. Dieser Naturdiskurs ist insofern interessant, als er mit dem Inzuchtthema kurzgeschlossen wird. Doch Inzucht ist ja erst einmal ein Zivilisationsproblem – bzw. eines von nicht genug Zivilisation:  Die Redneckfamilie ist dazu gezwungen, sich untereinander zu vermehren, weil keine neues Blut von außen in die Familie kommt. Die Degeneration der beiden Sprösslinge  ist das Ergebnis: Im Grunde ein Schutzmechanismus der Natur, die so das schädliche Treiben der Inzucht markiert und stigmatisiert. Doch die beiden Brüder können so verstanden als besonders „natürlich“ gelten: Eben weil sich die Natur  in sie besonders nachdrücklich eingeschrieben hat. Sie verkörpern in ihrer deformierten Gestalt die Kraft und Rücksichtslosigkeit der Wälder, die auch über eine Kirche hinwegwuchern, ohne dabei Rücksicht auf einen lieben Gott zu nehmen.   

Und je mehr die Natur sich also als Feind der Stadtmenschen entpuppt, umso mehr verkehrt sich das Kräfteverhältnis zwischen Warren und seiner Freundin Constance. Ist Warren zu Beginn noch der unangefochtene Führer der Clique (er verfügt als einziger über umfassende Bergsteigererfahrungen), verwandelt er sich im Finale in ein wimmerndes, heulendes Häufchen Elend, das hilflos am Boden liegt, während seine Partnerin Constance, die sich vom schüchternen Mauerblümchen in eine wehrhafte (und überaus attraktive) Amazone verwandelt hat, sich auf beeindruckend rabiate Weise des letzten Angreifers entledigt (über die auffallende sexuelle Symbolik dieser finalen Mordszene lasse ich mich jetzt nicht weiter aus). Es war auch immer dieses Finale, das mich so für den Film eingenommen hat: Wie nach dem Tod des Monsters langsam die Dämmerung heraufzieht, nach dem Chaos die Stille wieder einkehrt und die Natur sich als von den Ereignissen vollkommen unbeirrt zeigt. Constance steht da, entrückt gen Himmel blickend, der Rauch des verglimmenden Lagerfeuers hüllt sie in den Nebel des Mythos, den Warren voller Schauder zu durchblicken sucht, und die Kamera schwenkt vom Ort des Geschehens über die Baumwipfel, über denen die Sonne wieder aufgeht. Der Zirkelschluss zum Anfang des Films ist gemacht: Für die Überlebenden hat sich alles verändert, doch für die Welt spielt das alles keine Rolle. Der Mensch ist ein Nichts, sein Verbleib auf diesem Planeten reine Glückssache. Ein wunderschöner, stimmungsvoller Film, den ich nicht missen möchte.