Mit ‘Gunther Philipp’ getaggte Beiträge

Der 16. Hofbauer-Kongress begann nicht mit diesem Film: Zur Eröffnung lief D’Amatos wunderbarer DIRTY LOVE, (über den ich jetzt aus naheliegenden Gründen nichts schreibe), im Anschluss daran vier Folgen des achtteiligen FWU-Aufklärungsfilms DER LIEBE AUF DER SPUR, die ich – wodka- und bratengeschädigt – leider komplett verschlafen habe. Zum „stählernen Überraschungsfilm“ HEUBODENGEFLÜSTER war ich zum Glück wieder wach: Deutsche Lustspiele der Sechziger- und Siebzigerjahre sind schließlich eine meiner Leibspeisen aus dem Kongress-Portfolio, und diese Variante – mit Heimatfilmkolorit und einem kleinen, aber feinen Darstellerensemble sowie der kundigen Regie Rolf Olsens ausgestattet – sah besonders schmackhaft aus.

Serviert wurde Formelkino par excellence, dank eines vermutlich eher schmalen Budgets besonders karg gestaltet, sich ganz auf die Fähigkeiten seiner Darsteller und die nimmermüde Abfolge tumber Späße verlassend. Es gibt haarsträubend vorhersehbaren Slapstick, wirklich kein „Klassiker“ wird ausgelassen, zahme Erotik, für die vor allem Ann Smyrner zuständig ist, eine wilde Verkettung von amüsanten Verwechslungen und Missverständnissen sowie bayrisches Landschaftsidyll – lediglich der musikalische Auftritt eines Gaststars aus der deutschen Schlagerszene fehlt zum vollkommenen Glück. Aufgewogen wird dieser Mangel aber durch ein Drehbuch, dessen labyrinthische Handlung einzig dazu erdacht wurde, möglichst viel von dem in den Film packen zu können, was deutsche Zuschauer damals lustig fanden – zumindest nach Auffassung der Macher.

Florian Maderer (Peter Carsten) ist ein fescher Gutsbesitzer und Bürgermeisterkandidat seines Örtchens, der sich bei Dorffesten immer wieder in Raufereien verwickeln lässt und deshalb nun zur Abkühlung ins Gefängnis soll. Es gelingt ihm und seiner klugen Frau Genoveva (Elfie Petramer) jedoch, Florians etwas einfältigen Vetter Blasius (Gunther Phillipp) dazu zu überreden, ihm die Haftstrafe uner Vorspiegelung einer falschen Identität abzunehmen. Der willigt tatsächlich ein – wird aber nach dem Besuch des Staatsbeamten Dr. Leo Dorn (Ralf Wolter) sofort wieder amnestiert (zum Geburtstag des Bundespräsidenten), natürlich mit Hintergedanken: Dorn will Maderer ein Grundstück abkaufen und hofft, ihn mit seiner Gefälligkeit im Preis drücken zu können. Am Hofe Maderers kommt es im Folgenden zum großen Chaos: Dorn hat sich angekündigt, um den Deal perfekt zu machen, und damit Florians Schwindel nicht auffliegt, muss sein Vetter die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen, während der stolze Florian dazu verdonnert wird, den Knecht zu spielen. Dorn auf den Fersen ist wiederum der Detektiv Hugo Zehe (Herbert Hisel), der von Dorns Gattin (Trude Herr) engagiert wurde, weil sie zu Recht vermutet, er habe ein Verhältnis mit seiner Sekretärin Dodo (Ann Smyrner), die ihn auf seiner Reise begleitet. Und dann sind da noch Florians Tochter Hannerl (Renate von Holt), die zu Besuch aus der großen Stadt kommt und sogleich Kontakt zu ihrem einstigen Jugendschwarm aufnimmt, sehr zum Missfallen ihres Vaters, der depperte Andreas (Paul Löbinger), der scharf auf Florians Magd Resi (Christiane Rücker) ist, sich dann aber in den Detektiv in Frauenkleidern verliebt, der Kneipenwirt Limbusch (Rolf Olsen), Florians ärgster Konkurrent im Kampf um das Bürgermeisteramt, ein stotternder Depp und Willy Millowitsch als Gefängniswärter …

Die zeitgenössische Filmkritik konnte mit soviel geballter Trivialität erwartungsgemäß rein gar nichts anfangen, auch eine Revision ist angesichts harscher Beurteilung wie jener des Lexikons des internationalen Films, nach der HEUBODENGEFLÜSTER „eine Attacke gegen den gesunden Menschenverstand“ sei, eher nicht zu erwarten. Wie schön, dass man solcherlei enthemmtes Amüsement in Nürnberger Nächten zu schätzen weiß. Zusammen wurde Olsens Film gefeiert, bejohlt und beklagt, manches humoristisch verkarstete Tal durchschritten, nur um dann wieder einen sonnebeschienenen Gipfel der Albernheit zu erklimmen. HEUBODENGEFLÜSTER gehen der klebrige Frohsinn und der ornamentale Schwulst anderer deutscher Lustspiele und Heimatfilme weitestgehend ab, Olsen inszeniert mit der Hand des realistischen Ökonoms und die Salve an Zoten, die wie aus der Stalinorgel geschossen auf den Zuschauer niedergeht, ist vor allem ein Mittel, das Tempo hochzuhalten, ein Surrogat für die Schießerei, den Faustkampf oder die Verfolgungsjagd des Actionfilms.

dmB9V70IdpdpqYsDUHCvls2OkPrPIRATENSENDER POWERPLAY war einer der ersten Filme, die meine Eltern in den frühen Achtzigerjahren auf Video ausliehen, durchaus auch, um mir einen langweiligen Abend zu verkürzen, und diese Tatsache sagt schon viel über das enorme Standing, das Krüger und Gottschalk und mit ihnen dieser Film damals genossen. Der Witzeerzähler aus Quickborn war zu jener Zeit wahrscheinlich noch der größere Star der beiden Hauptdarsteller und ein Tape eines seiner Liveauftritte lief im elterlichen Auto in der heavy rotation, sehr zu meinem anhaltenden Vergnügen. Natürlich liebte mein schätzungsweise fünf-, sechsjähriges Ich seinen Superhit „Der Nippel“, wie wahrscheinlich alle Jungs, die Mitte der Siebziger geboren worden waren. Gottschalk hatte seine ersten Fernsehauftritte zwar schon im Jahrzehnt zuvor absolviert, war aber in erster Linie noch als Radiopersönlichkeit bekannt. Der Aufstieg zu DER deutschen Fernsehpersönlichkeit begann ungefähr parallel zu diesem Film mit seinem ZDF-Engagement als Moderator von „Thommys Pop-Show“, dem dann die langlebige Talkshow „Na sowas!“ folgte. Kürger und Gottschalk spielen in Siggi Götz‘ Erfolgsfilm weniger „Rollen“, als dass sie die von ihnen auf der Bühne bzw. im Radio/TV etablierte Persona in einen Film hinübertrugen: „Mike“ ist demzufolge der etwas tolpatischige Witzbold mit dem Gesicht zum Reinschlagen, „Thommy“ der Sunnyboy mit dem Gespür für die heißesten Sounds aus den US of A und der jugendlichen Ansprache. Gerade letzteres sorgt heute für Heiterkeit: Gottschalk geriert sich bekanntermaßen immer noch gern als frecher, respektloser Sprücheklopfer, steht als mittlerweile 65-Jähriger jedoch keinesfalls mehr im Verdacht, den Finger am Puls der Zeit zu haben oder besonders cool zu sein, verkörpert als beinharter Rockist vielmehr einen rückwärtsgewandten und spießigen Geschmack (der sich freilich schon in der damals bereits hoffnungslos überkommenen Musikauswahl für PIRATENSENDER POWERPLAY mit Songs von Bands wie der J. Geils Band oder Little Feat entsprechend niederschlägt). Er ist ein Opa, der gern noch 20 wäre und so eher Fremdscham auslöst. Hier hingegen liegen ihm die Jugend und vor allem die feschen Mädels geradezu zu Füßen, lauschen gebannt seinen schmerzhaft unwitzigen Sprüchen und bewundern ihn als Trendsetter. Um PIRATENSENDER POWERPLAY wirklich zu mögen – und das tue ich – ist es unerlässlich, sich den historischen gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem der Film entstand zu vergegenwärtigen.

Wie Thomas Groh in der letztjährigen, zu Siggi Götz‘ 70. Geburtstag erschienenen Ausgabe von Sigi Götz Entertainment schrieb, nimmt PIRATENSENDER POWERPLAY die Einführung der Privatsender in den mittleren Achtzigerjahren vorweg und darf als früher Beitrag zu einer bis heute anhaltenden Diskussion um die Berechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und um seine nötige Verjüngung verstanden werden. Die beiden unangepassten Jungspunde Mike und Thommy erfreuen sich mit ihrem jeden Montag um 15 Uhr für genau eine Stunde illegal ausgestrahltem Programm nämlich immenser Beliebtheit bei der Jugend. Die von Thommy flapsig-flippig anmoderierten Hits aus Übersee, die von Mikes Kalauern unterhaltsam aufgelockert werden, bekommt man in dieser Konzentration sonst nirgendwo zu hören. Den Beamten des ÖR, vor allem dem Intendanten (Ralf Wolter), ist die Konkurrenz ein Dorn im Auge, weshalb Dr. Müller-Hammeldorf (Gunther Philipp) mitsamt des tölpeligen Polizei-Einsatzleiters Pluderer (Rainer Basedow) auf die Rundfunkpiraten angesetzt wird. Die bekommen just in dem Moment, da die Falle zuzuschnappen droht, unerwartete Hilfe von Mikes Schwester (Evelyn Hamann). Weil die Religionslehrerin erkennt, welches kommerzielle Potenzial im Projekt ihres Bruders steckt, investiert sie das ihr zur Verfügung stehende Kapital, kauft ein schickes Wohnmobil als schwierig zu ortenden Sendewagen und holt einige Werbepartner an Bord. Am Ende einer für den ÖR erfolglos verlaufenen Jagd zieht der Intendant die einzig richtige Konsequenz: Er integriert die „Feinde“ ins System und lässt sie ihr Programm unter dem Banner des staatlichen Rundfunks machen, eine Strategie, der sich ARD und ZDF auch heute noch bedienen, um den Anschluss an die Privatsender nicht gänzlich zu verlieren.

So schwer es heute auch fällt, Mike Krüger und Thomas Gottschalk als Repräsentanten der Gegenkultur zu akzeptieren, Siggi Götz meint das durchaus halbernst. Schon zu Beginn bezieht er eindeutig Position, wenn er die als durchweg dämlich und autoritätshörig diffamierten Polizisten erst eine mit lustigen Gaga-Transparenten wie „Weg mit den Alpen! Freie Sicht aufs Meer!“ sympathisch tapezierte Kommune, wenig später dann ein Bordell stürmen lässt, in der sich zu diesem Zeitpunkt rein zufällig auch Mike und Thommy aufhalten. Der Richter spuckt bei der folgenden Verhandlung Zeter und Mordio, weil er eine Beleidigung des amtierenden Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß durch die Angeklagten wittert, dabei sprechen die beiden arglosen jungen Männer doch nur über ihren gleichnamigen Hund. Im weiteren Verlauf ist es immer wieder die schreiende Inkompetenz, gepaart mit Übermotivation und Selbstgerechtheit, die Müller-Hammeldorf ins Hintertreffen bringt, ihn selbst in aussichtsreichster Position versagen oder den Wald vor läuter Bäumen übersehen lässt. Es ist ja nur logisch, dass Götz die Rollen der Staatsbeamten mit älteren Herren besetzt, aber es passt in doppelter Hinsicht, weil Ralf Wolter, Gunther Philipp oder Rainer Basedow auch eine andere Humorgeneration verkörpern. Gunther Philipp etwa stürzt sich mit der ihm eigenen Verve in die Schlacht und sein Müller-Hammeldorf entwickelt dabei einen solchen Feuereifer, dass er über sein wiederholtes Versagen gar in der Nervenheilanstalt landet. Dem ganzen Slapstick-Chaos, das er und seine Mitstreiter entfachen, stehen Krüger und Gottschalk mit der Gelassenheit des Niederlagen und Nackenschläge gewohnten Slackers (Krüger) und der pfiffigen Unverdrossenheit des von der Sonne geküssten Glückspilzes (Gottschalk) gegenüber. Sie müssen gar keinen allzu großen Einfallsreichtum aufbringen, um den Verfolgern immer wieder zu entkommen, schlüpfen mit größter Selbstverständlichkeit in die unterschiedlichsten Rollen, und können sich in ärgster Not immer darauf verlassen, dass ihre Gegner schlicht zu blöd sind.

PIRATENSENDER POWERPLAY entwickelt so nicht gerade Spannung, aber einen sehr ansteckenden Drive, der von der Ferienatmosphäre, die der Film ausstrahlt, noch befeuert wird. Es ist die ganze Zeit was los, trotzdem ist das sich einstellende Gefühl eines von Entspannung, von vollkommen sorgenfreiem Müßiggang. Nichts scheint da wirklich irgendeine echte Konsequenz nach sich zu ziehen. Die Lebenshaltung, die darin zum Ausdruck kommt, dieses gänzlich unbelastete Gottvertrauen darin, dass alles irgendwie gut ausgehen wird, dass Mike und Thommy am Ende des Tages immer noch Mike und Thommy sein und die Unwägbarkeiten des Lebens irgendwie meistern werden, ist durchaus erstaunlich, gerade für einen deutschen Film, und davon mal abgesehen, einfach schön. Gerade heute, wo nicht wenige Eltern den Karriereplan ihrer Kinde schon vor deren Geburt fest eingetütet haben, tut es gut, zwei Männern dabei zuzusehen, wie sie einfach nur machen, worauf sie Lust haben. Dass sie am Ende Fernsehkarriere machen, wird so mitgenommen, es wird nichts Wesentliches ändern, und wenn nichts daraus wird, ist es auch egal. Vielleicht ist das ja auch die versteckte Botschaft des wunderbaren Zirkelschlusses, mit dem PIRATENSENDER POWERPLAY aufhört: Thommy sagt im Fernsehen den ersten Film an, den er mit seinem Kumpel Mike gedreht habe, und es laufen die Anfangscredits für eben jenes Werk, das sich auf dem intradiegetischen Fernsehschirm seinem extradiegetischen Ende nähert. Wenn alle Stricke reißen, fängt man eben von vorn an.

Irrungen, Wirrungen: Manfred Reiner (Thomas Alder), Angestellter einer Plattenfirma, erhält den Auftrag, an die Adria zu reisen und dort den Schlagerstar Cherry Davis (Hannelore Auer) zu einer Vertragsunterzeichnung zu überreden. Seine Strategie, die selbstbewusste Dame durch Missachtung auf sich aufmerksam zu machen, scheitert allerdings daran, dass die ihren alten Schwarm Rick Tanner (Rex Gildo), seines Zeichens ebenfalls Schlagersänger, wiedertrifft. Andere Sorgen hat Frank Hilman (Gus Backus), Sohn des Hotelbesitzers Robert Hilman (Harry Hardt): Sein strenger Papa hält nämlich gar nichts von seiner neuen Freundin und Ehefrau in spe Michaela (Andrea Scherr), weshalb diese sich ihm inkognito annähern will, um ihn von ihrer Eignung zu überzeugen. Inkognito ist auch Hilman selbst unterwegs, folgt er doch der Beschwerde von Cherry Davis über den mangelhaften Hotelservice, den ihr Portier Pizzanini (Fritz Korn) angedeihen lässt. Pizzanini wiederum hält den Hochstapler Felix Glücklich (Gunther Philipp) für seinen Chef, der sich infolgedessen alle Freiheiten erlauben darf. Und als wäre das noch nicht Verwechslunspotenzial genug, gibt sich die Telefonistin Gerti Brückner (Vivi Bach) als Michaela aus, verdreht so Manfreds Kollegen Peter (Kurt Liederer) den Kopf und treibt den guten Frank in die Fänge der Eifersucht …

Nachdem Ernst Hofbauer die Kongressteilnehmer im Sommer mit HOLIDAY IN ST. TROPEZ verzückte, wurde diesmal der direkte Nachfolger – ebenfalls aus der erprobten Feder von Hans Bilian – kredenzt, mit kaum geringerem Erfolg. Die damals wie heute publikumswirksame Mischung aus sonniger Urlaubskulisse, stimmungsvoller Schlagerkost, beeindruckendem Staraufgebot, haarsträubenden Verwechslungen und irrwitzigem Slapstick hätte wahrscheinlich auch in handwerklich weniger inspirierter Ausführung gezogen, unter Hofbauers temporeicher Regie verzaubert sie abwechselnd die Sinne, überrascht mit originellen, die Formel biegenden Einfällen oder raubt dem Zuschauer fast den Atem mit ausufernden Slastick- und Actionchoreografien. Nur hier darf man etwa erleben, wie der Schlagersänger (und Eiskunstlauf-Olympiasieger) Manfred Schnelldorfer seinen Hit „Deine schönen blauen Augen“ als mitfühlender Taxifahrer nicht etwa einer holden Dame, sondern seinem sichtlich verdutzten Fahrgast Gus Backus vorsingt, die Heteronormie der braven deutschen Komödie mutig durchbrechend. Überhaupt diese zahlreichen Musiknummern: Sie werden nicht etwa lieblos runtergekurbelt, sondern sind mit sichtbarer Liebe choreografiert und abgelichtet. Keine Toilettenpausen also, sondern den umwerfenden Charme ganz wesentlich prägende Momente, in denen TAUSEND TAKTE ÜBERMUT tatsächlich ganz bei sich ist. Gus Backus rockt das Haus mit seiner lässig weggetanzten Musicalnummer genauso endlos cool wie der Italiener Peppino Di Capri, dessen Körper von seinem Bubblegum-Rock’n’Roll konvulsivisch-ekstatischen Zuckungen unterworfen wird. Und eine Gesangsnummer von Hannelore Auer und Rex Gildo endet geradezu traumhaft poetisch in einem Tanz auf dem menschenleer und regennass in der Morgendämmerung schlummernden Markusplatz. Auf der eher körperlichen Seite beweist Gunther Philipp wieder einmal, dass er vielleicht einer der ersten deutschen Actionstars war, lässt seinen beachtlichen Brustkorb anschwellen und führte alle Stunts sichtbar selbst aus. Noch nicht einmal der in jeder Hinsicht kolossale Ady Berber kann es mit ihm aufnehmen, muss in der finalen Verfolgungsjagd, die dem eh schon turbulenten Film noch die Krone aufsetzt, im Gegenteil viel einstecken.

Der Schlagerfilm muss gewohnheitsmäßig viel Häme einstecken, auch von Menschen, die Musikfilmen grundsätzlich aufgeschlossen gegenüberstehen. Wirklich verwundern tut das nicht, bedenkt man, wie einfach es sich deutsche Lustspielregisseure in der Regel mit diesem Genre machten, in welche Niederungen der geneigte Zuschauer hinabsteigen musste. Die Siebzigerjahre haben dem Genre mit ihren grienend durchs Bild schreitenden und schmalzige Weisen absondernden Betonfrisuren jede Respektabilität ausgetrieben und sind bis heute unauslöschliches Stigma. Nicht das erste einst erfolgreiche Genre, dass die deutsche Filmindustrie gnadenlos runtergewirtschaftet hat. Hofbauer zeigt mit TAUSEND TAKTE ÜBERMUT, was der deutsche Schlagerfilm ursprünglich einmal war und weiterhin hätte sein können, hätte man mehr Mühe, Können, Inspiration und Kreativität hineingesteckt, anstatt die Kuh mit möglichst wenig Aufwand zu melken.

Wer will, kann sich TAUSEND TAKTE ÜBERMUT hier in voller Länge anschauen.

Franz Antel, der Humorzerstörer, der Humorimpotente, der Mann, der keinen Witz zum erfolgreichen Höhepunkt bringt, auch wenn die Pointe nackt und mit gespreizten Beinen vor ihm liegt, schlägt mit OTTO IST AUF FRAUEN SCHARF wieder einmal erbarmungslos zu. Schon der Titel spricht Bände vom diesem Epos zugrunde liegenden Humorverständnis. Man fühlt sich unweigerlich auf den Grundschulhof zurückversetzt, als das Wort „Pimmel“ das Tor zu ewiger Glücksseligkeit sperrangelweit aufstieß und demzufolge im Zentrum ganzer Witzsalven stand. Pimmel, Pimmel, Pimmel. Vamos a la playa, ich hau dir in die Eier. Was haben wir gelacht. OTTO IST AUF FRAUEN SCHARF teilt diese kindliche, präpubertäre Begeisterung fürs Schlüpfrige, die zu einem Großteil auf Unwissenheit und der Sicherheit beruht, die aus dem Wissen resultiert, bis zum Vollzug noch einige Jahre Zeit zu haben. Irgendwie hat das was mit Sex zu tun, aber eigentlich überhaupt nicht. Antels Verhältnis zur Sexualität erinnert mich an ein Ereignis aus meiner Kindheit: Ich war wahrscheinlich 8, 9, 10 Jahre alt und stromerte an einem Sommertag durch meine Siedlung, als ich an zwei Mädels vorbeikam, die auf einem Stromkasten saßen und sich unterhielten. Sie waren ein bisschen älter als ich, 12, 13, 14, vielleicht 15, fingen an zu kichern und fragten mich von ihrer erhöhten Position herab, ob ich ihre Brüste sehen wolle. Ich war nicht wirklich interessiert, aber da ich gerade auch nichts Besseres zu tun hatte, sagte ich ja. Es war natürlich ein abgekartetes Spiel der beiden kessen Mädels: Sie hatten gar nicht vorgehabt, mir ihre Brüste zu zeigen und lachten mich lediglich ein bisschen aus. Ich ging weiter, war zwar etwas enttäuscht, aber auch irgendwie ganz froh, dass der Kelch an mir vorbeigegangen war. Mit Brüsten hätte ich noch nichts anzufangen gewusst, Masters-of-the-Universe-Figuren bedeuteten mir einfach mehr.

Genauso ist Antels Film: Schlüpfrig ist gut und witzig, irgendwas mit Sex zieht immer, aber wenn es dann drauf ankommt, kommt doch was anderes dazwischen, mit dem sich der Regisseur sichtlich wohler fühlt. Da macht er sich mit seinem Protagonisten durchaus gemein. Otto Zander (Gunther Philipp) ist Prokurist bei Bongert, ein verlässlicher, seriöser, aber durch und durch langweiliger Mann. Jeden Morgen überreicht er dem Liftboy Schirm und Koffer und marschiert dann frohen Mutes zu Fuß in den neunten Stock, wo er seine Sachen von ihm wieder entgegennimmt. Dass seine jahrelange Sekretärin gegen eine neue, jüngere ausgetauscht wurde, bemerkt er erst gar nicht, wohl aber, dass die seine Garderobe umarrangiert, den Schreibtisch aufgeräumt und den Teppich neu verlegt hat. In das Spießerdasein kommt bald Schwung, denn Zanders Chef, der Playboy Christian Bongert (Dietmar Schönherr), hat Probleme: Die Konzernmutter aus Amerika kündigt aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten den Besuch eines Wirtschaftsprüfers an. Die unausgeglichenen Finanzen gehen auf das Konto Bongerts, der sich auf Firmenkosten ein luxuriös ausgestattetes Liebesnest eingerichtet hat, in dem er seinem Hobby nachgeht. Er bittet nun den komplett asexuellen Zander, sich als Sexprotz auszugeben, um die Schuld von ihm selbst abzulenken. Womit Bongert nicht gerechnet hat, ist dass der Wirtschaftsprüfer selbst eine überaus attraktive Frau ist (Teri Tordai), die ebenso Interesse an Bongert entwickelt, wie er an ihr.

Die Geschichte schreibt sich eigentlich von allein. Umso erstaunlicher, dass es schon nach kurzer Zeit nicht mehr um Zander, den asexuellen Spießer geht, der eine neue Erfüllung als Playboy findet, sondern stattdessen um alles andere. Etwa darum, dass Zander von der Polizei für 25 Jahre unfallfreies Fahren ausgezeichnet werden soll, durch einen Fehler der inkompetenten Beamtenaber plötzlich aber als  Millionenbetrüger bundesweit gesucht wird. Oder um Zanders alten Schulfreund Wackernagel (Willy Millowitsch), der Zander für den Liebhaber seiner Tochter hält und schließlich als Schizophrener eine Elektroschocktherapie des wirren Dr. Kobalt (Ralf Wolter) verabreicht bekommt. Nebenbei bändelt Christian mit der schönen Wirtschaftsprüferin an, die sich nach wie vor dumm stellt. Das Verwechslungshickhack kulminiert in einem unfreiwilligen Auftritt Zanders in der Fernsehsendung „Was bin ich“, die von Heinz Erhardt moderiert wird, und einer von Zander initiierten Cross-Dressing-Orgie im „Hippi-Keller“, die die anwesenden Blumenkinder als „Happening“ bezeichnen, obwohl Rex Gildo für die Musikuntermalung verantwortlich ist. Echten Sex gibt es kein einziges Mal (der Titelsong fordert sehr vielsagend: „Seid lieb zu einander!“) und die verzweifelte Gespielin Bongerts, die gleich zweimal unverrichterter Dinge wieder abziehen muss, kann einem fast Leid tun. So geht es auch dem Zuschauer: Das Zwerchfell schmerzt nicht vor Lachen, sondern vor lauter unerfülltem Tease. Und die zwei, drei Male, in denen sich die Mundwinkel leicht nach oben bewegen, fühlt man sich fast vergewaltigt vom bayrischen Nazi-Sympathisanten Beppo Brem und der rheinischen Frohnatur Millowitsch. Ganz hartes Brot, was man nicht zuletzt an der ungesunden Gesichtsfarbe Schönherrs erkennt. Der hätte wahrscheinlich nur allzu gern mal den Pinsel geschwungen, aber er durfte halt nicht.

Paul (Ilja Richter) arbeitet im Münchener Reisebüro „Exklusiv Reisen“ von Herrn Storz (Hubert von Meyerinck), der sich rühmt, als einziger in der Bayernmetropole Reisen ins Schlosshotel Velden am Wörthersee anzubieten. Dummerweise hat Paul die Kooperation mit dem Hotel aus Versehen gekündigt und wird von seinem wutentbrannten Chef nach Österreich geschickt, um den Fehler auszubügeln. Sein Kumpel Rudi (Rudi Carrell) hat eh nichts Besseres zu tun und fährt deshalb kurzentschlossen mit. Die beiden haben jedoch ein Problem: Sie können sich zünftiger Musi noch weniger entziehen als schwachsinnigen Filmabenteuern und halten deshalb in einem kleinen Bergdorf, wo „The Cent Boys“ soeben ihren Granatenhit „Mensch, Meier!“ zur Freude aller Anwesenden intonieren. Es dauert keine zwei Minuten, da ist Rudi auch schon in die Lederbuxe geschlüpft und geht mit den Mädels auf Tuchfühlung, derweil das Weißbier gleich literweise fließt. Das Ergbnis: Rudi und Paul liegen wenig später sternhagelvoll unter der Bank und der Drogenschmuggler Ted Cocci (Jochen Busse) klaut ihr Auto.

Aufgrund eines kurzen Schlaganfalls weiß ich leider nicht mehr, wie die beiden dann doch noch zum Wörthersee gekommen sind, meine Erinnerung setzt erst wieder ein, als sie zur Abkühlung ein schönes Bad im Freien nehmen. Ein des Weges daherfahrender Trecker nimmt leider ihre Klamotten mit, sodass sie nackt bis auf die Unterhose im Grünen stehen. Nach einer Spritztour auf einem gestohlenen Motorrad fällt ihnen als Wink des Schicksals ein großer Koffer vor die Füße, in dem sich – natürlich – haufenweise Frauenkleider befinden, die beide sofort anziehen und nach kurzer Wartezeit einen bereitwilligen Anhalter finden. Im Schlosshotel angekommen, checkt Rudi als die vom Hoteldirektor Poldi (Gunther Philipp) bereits sehnsüchtig erwartete, wohlhabende Frau Himmelreich ein und gibt Paul als sein persönliches Zimmermädchen aus. An diesem Punkt verliert sich die Spur eines Plots im tosenden Rauschen angerissener Episödchen, heiterer Musiknummern, ausgewalzter Slapsticknummern, kitschiger Romanzen und hysterisch abgespulter Klischees aus dem jahrhundertealten Schatz der deutschen Schwänke und Burlesken, die von einem nicht enden wollenden Strom von Nebenfiguren, Stargästen und Schmierenkomödianten dargeboten werden.

Dem schönen Hoteldiener André (Chris Roberts) stellen die beiden Zwillingsschwestern Uschi und Muschi (Ulli & Gaby König) nach, die sich jedoch als eine Person ausgeben und als Telefonistin im Schlosshotel anheuern. Wann immer André sie an ihrem Arbeitsplatz auftaucht, muss eine von beiden hinter dem Schrank verschwinden. Er kommt sie sehr häufig besuchen, doch dieses ganze wahrhaft urkomische Geschichtchen läuft trotzdem ins Nichts, wo sich auch parallele Geraden treffen. Dann ist da noch Inspektor Grassinger (Rainer Basedow), der dem Drogenschmuggler Cocci auf der Spur ist und die große Karriere wittert, als ihm die eigentlichen Besitzer des von diesem gestohlenen Wagens in die Hände fallen. Gunther Philipp verliebt sich genauso in die „schöne“ Frau Himmelreich wie der bald eintreffende Herr Storz. Beide offensichtlich mit schwindendem Augenlicht oder einem ausgesprochen miesen Frauengeschmack ausgestattet, machen dem Rudi ihre Aufwartungen und werden so zu Opfern unzähliger „Späße“, die jedoch niemals das Niveau von „Angelhaken im Po“ oder „ins Wasser fallen“ überschreiten. Dann ist da auch noch ein wie Val Kilmer im gelangweilten Stadium seiner Karriere aussehender Christian Anders als eigentlicher, neuer, aber inkognito bleiben wollender Hotelbesitzer: Der wie ein angehender Serienmörder wirkende Barde tritt mit einer schönen Blonden im Schlepptau die Reise nach Velden an, legt aber zwischendurch immer wieder mal Pausen ein, um ihr pathetische, selbsvergessene Ständchen zu halten, die jede normale Frau in die Flucht schlügen, aber ganz sicher nicht in seine Arme trieben. Am Ende trifft natürlich die echte Frau Himmelreich ein, um die Verwirrung komplett zu machen, und Alexander Grill läuft auch rum, ich weiß aber nicht mehr, in welcher Funktion. (Es ist ja erwiesen, dass das Bewusstsein abschaltet, wenn der Organismus sonst in Gefahr geriete.) Zwischendurch schippert Graham Bonney über den Teich und schmettert ein Liedchen von seiner „Marie“ ins Firmament und Kurt Stadel  intoniert ein Medley, bei dem er diverse Hits und Interpreten imitiert. Chris Roberts singt natürlich auch, zum Beispiel „Du bist nicht mit Gold zu bezahlen“ oder „Ein Mädchen nach Maß“, zwei Titel die das Breite Spektrum seiner Erwartungen an Frauen illustrieren. Ich schätze, Uschi ist das Mädchen nach Maß, während die Muschi nicht mit Gold zu bezahlen ist, aber ich stecke natürlich nicht drin im Schlagerschädel.

Insgesamt fand ich diesen ersten Film der „Tanten“-Reihe um Richter und Carrell etwas erträglicher als seinen direkten Nachfolger, den Hirnblutungen verursachenden TANTE TRUDE AUS BUXTEHUDE, aber das mag auch einfach daran liegen, dass ich bei der Sichtung jenes filmischen Giftgasangriffs schon einige IQ-Punkte eingebüßt getutet habe. Vertraue ich meinem Hirn jedoch, so scheint mir WENN DIE TOLLEN TANTEN KOMMEN etwas weniger schrill, nicht ganz so zielsicher beim Griff in den cineastischen Kot, in seinen komödiantischen Ergüssen nur halb so ätzend wie der laugige Zweitling. Strebte man mit dem Sequel den Durchbruch in neue Galaxien an, wo noch nie ein Witz überlebt hat und niemand einen lachen hört, schuf man dort etwas, was mit menschlichen Vorstellungen von „Humor“ nur noch Rudi-mentäre Ähnlichkeiten hat, viel eher wie von künstlichen Intelligenzen simuliert anmutet oder gar wie die Kunstversuche von Insassen einer Heilanstalt, so erkennt man im Erstling noch die Wurzeln in Schwänken der Fünfzigerjahre, in denen dann ein Peter Alexander oder Heinz Erhardt den Takt vorgab. Ein Stück Restmensch ist gewissermaßen noch enthalten, auch wenn das unserer Rasse auch kein besonders gutes Zeugnis ausstellt. Auch dieses nach verschwitzten Polyesterblusen oder seit 40 Jahren nicht mehr geöffneten Reisekoffern müffelnde Stück Zelluloidverpestung ist bestens dazu geeignet, leicht zu beeindruckenden Gemütern den Schlaf oder gar den Verstand zu rauben. Die Sichtung sollte – wie die Einnahme von schweren halluzinogenen Drogen oder Medikamenten – daher ausschließlich unter Aufsicht geschulten und erfahrenen Personals oder auf ausdrückliche medizinische Empfehlung erfolgen oder von gefestigten, stabilen Personen getätigt werden. Schäden an Leib und Seele sind sonst nicht auszuschließen.