Mit ‘Hajo Gies’ getaggte Beiträge

Derzeit abeite ich mich durch die Schimanski-Tatorte. Leider kein allzu vergnügliches Unterfangen, stößt die Figur doch schnell an ihre Grenzen. Die Reihe erreicht ihren Höhepunkt nach einigen schönen, noch eher kleinen, aber auch etwas unspektakulären Filmen zu Beginn ca. Mitte der Achtziger, als die Autoren die richtige Mischung aus Ruhrpott-Realismus und deutscher Action fanden und mit ZAHN UM ZAHN dann ja auch einen erstklassigen Actionfilm ins Kino brachten. Doch dann kippt das Ganze, Georges Schimanski nimmt immer mehr Raum ein, die Geschmacksverirrungen der Achtziger tun das Übrige. ZABOU ist wahrscheinlich der Kulminationspunkt, der Augenblick, in dem das ganze Konstrukt auf dem Gipfel des Erfolges krachend implodiert. Der Film ist wirklich ein einziges Ausbund an Idiotie, nur schwer zu ertragen und Fremdscham-induzierend, dann aber auch wieder sehr faszinierend in seinem geradezu grotesken Versagen. Als würde ein teurer Sportwagen mit voller Absicht, schreiender Todesverachtung und koksverschmierter Nase mit 240 km/h vor einen Brückenpfeiler gesetzt.

„Zabou“ ist der Künstlername von Connie (Claudia Messner), der weiblichen Sensation im Sunflash, einem Edelpuff, den Schimanski im Verdacht hat, als Front des Rauschgiftsyndikats zu dienen, das die Straßen Duisburgs (die manchmal von den Straßen Wuppertals gedoubelt werden: Schwebebahn) mit Crack flutet. Brisanz bekommt diese Konstellation dadurch, das Connie auch die Tochter der Frau ist, mit der Schimanski vor über zehn Jahren eine glückliche Liebesbeziehung führte, bevor er dann – ganz bindungsunwilliger loner – kehrt machte. Weil er sich immer noch als ihr Vater fühlt, setzt er alles daran, sie aus dem Sumpf herauszuholen – was am Ende zu einer dramatischen Erkenntnis führt.

Let’s face it: Schimi, der Rurpottbulle mit dem Schnäuz und dem Parka, der bei Millionen von Fernsehzuschauern beliebt bzw. berüchtigt für seine ungehobelten Umgangsformen war, dessen Hauptnahrungsmittel Currywurst und Bier waren, und der in jeder Episode eine neue, jüngere Freundin begatten durfte, ist ein absolut miserabler Polizist – und darüber hinaus auch noch ein ziemlicher Softie. Das ahnte man auch schon vorher: George interpretierte den Cop immer wieder als sentimentalen Träumer mit dem Herz eines liebesbedürftigen Buben, der zwar oft „Scheiße“ sagt, aber eigentlich viel hilfloser und verzweifelter ist als sein ewiger Sidekick Thanner (Eberhard Feik). Er fühlt sich wahrscheinlich als Rocker, trägt Cowboystiefel, hat ein Motorrad im Flur stehen und immer eine Dose Pils im Kühlschrank, aber dann trällert er ständig den von Klaus Lage geschriebenen Joe-Cocker-Titelsong vor sich hin. (Wahrscheinlich würde man ihn nicht beim Motörhead-Konzert, sondern bei Wolfgang Petry oder Pur treffen.) In ZABOU modelliert man ihn mit aufgeknöpftem Unterhemd ganz wie zuvor in ZAHN UM ZAHN wieder nach dem Vorbild Stallones (der hier auch einmal in Form eine COBRA-Plakats „Hallo“ sagt), aber verglichen mit Cobretti ist er doch nur ein Schoßhündchen.

Hajo Gies versucht alles, um mit der Actionkonkurrenz aus Übersee mitzuhalten, lässt Schimanski Verfolgungsjagden absolvieren, „auf eigene Faust“ und „am Rande der Legalität“ kämpfen, sich mit einem ganzen Syndikat anlegen, Kollegen niederschlagen, auf fahrende Boote springen, aber er hat keine Chance gegen das haarsträubend idiotische Drehbuch, das jede schlechte Idee durch eine noch schlechtere zu übertreffen sucht. Das beginnt schon mit dem beknackten Hut, den Thanner trägt, und setzt sich fort in der Blödheit, mit der sein Protagonist agiert und von einer Bredouille in die nächste schlittert. Aber das ist noch nichts gegen die vollkommen fehlgeleitete Liebesgeschichte zwischen dem Helden und seiner Ziehtochter: Nach jahrelanger Funkstille mutet sein eiserner Wille, sie zu „retten“, geradezu krankhaft an und wenn es dann tatsächlich zu einer – gnädigerweise nur angedeuteten – Sexszene kommt, ist alles aus. Kopfschüttelnd sitzt man vor der Glotze und fragt sich, wie dieser Schwachsinn das grüne Licht beommen konnte. Lange vor dem Helden weiß man schon, wie das alles ausgehen wird, was seine andauernde Ahnungslosigkeit nur noch schlimmer macht.

Der Schluss setzt allem die Krone auf: Erst bequatscht Schimanski seine Zabou während ihrer Darbietung im Edelpuff, führt mit ihr einen peinlichen Dialog, bei dem die anderen Gäste doof daneben stehen und sich das ganze Spektakel mitansehen, statt den nervtötenden Störenfried einfach rauszuschmeißen. Dann feiert er seinen großen Coup, als er endlich die Drogen findet und den armen Thanner daraufhin vor Freude mit toten Fischen übergießt. Die Polizisten, die seine Razzia begleiten, sind so dämlich, sich von zwei bewaffneten Schergen überraschen zu lassen und dann endet alles mit einem auf Dramatik gebürsteten Showdown, dessen Wirkung ob der Hirnrissigikeit der ganzen Prämisse wirkungslos verpufft. Man könnte bewundern, wie schundig das alles ist, eigentlich nicht die unsympathischste Eigenschaft für einen deutschen Actioner, aber dafür fehlt ZABOU leider die spielerische Leichtigkeit und das Bewusstsein für seine Grenzüberschreitungen. Er hält sich, glaube ich, tatsächlich für großes Kino. Was für ein Trugschluss.

s-l1000Die Bronx, Duisburg. Ruinöse, braun in den Himmel stechende Backsteinbauten, staubige Straßen, zerbrochene oder blind gewordene Fensterscheiben. Ein Mob streift durch die Straßen, Plakate werden in die Luft gereckt, Motorradbanden gesellen sich dazu. DIe Polizei marschiert auf, bezieht Stellung für den bevorstehenden Kampf. Blick in eine schäbige Eckkneipe. Auf dem Barhocker am Tresen hängt ein Mann vornübergebeut, die Ellbogen auf dem Tresen. Wildes, dunkelblondes Haar, Schnurrbart, sandfarbener Anorak, Jeans, Cowboystiefel. Es ist Schimanski (Götz George) und er wartet auf etwas, eine Eingebung, ein Zeichen, während draußen der Sturm heraufzieht. Dann erscheint eine Silhouette in der Tür: Es ist sein Kollege Thanner (Eberhard Feik), Zeit für Schimanski aufzubrechen. Er drückt eine Zitrone in ein Taschentuch, wirft dem Kollegen auch eine zu. ihn auffordernd, es ihm gleichzutun, drückt sich das Tuch aufs Gesicht und stürzt hinaus in die wabernden Tränengaswolken.

Der Startschuss für das erste Kinoabenteuer des Fernsehkommissars Schimanski (Götz George) hätte eindrucksvoller nicht sein können. Man fühlt sich an die ikonischen Momente erinnert, die die großen Italowestern ihren Antihelden zur Einführung gönnen, das Setting, die ganze Szenerie lässt an den Endzeitfilm denken, der seine Dystopie aber nicht 1.000, nicht 500 und auch nicht 100 Jahre in die Zukunft verlegt. sondern auf den morgigen Tag datiert. Und das kommt nicht von ungefähr: ZAHN UM ZAHN bezieht sich auf die damals den Krupp-Standort Duisburg erschütternden Schließungen diverser Stahlwerke, die nicht nur Arbeitslose im vierstelligen Bereich und die sprichwörtliche Entvölkerung ganzer Stadtteile zur Folge hatten, sondern auch einen hart geführten Arbeitskampf nach sich zogen, in dem sich Arbeiter aus dem ganzen Ruhrgebiet miteinander solidarisierten. Dieser Hintergrund ist in Gies‘ Film Ausgangspunkt für Ermittlungen, die Schimanski bis nach Marseille führen.

ZAHN UM ZAHN stellt den überaus gelungenen Versuch eines deutschen Actionfilms dar: Die Grenzen, die Schimanski im Tatort-Format im Fernsehen noch gesetzt waren, werden hier durchbrochen, geografisch wie strukturell, der Prolo-Cop mit der Schnodderschnauze seines Amtes enthoben, um wie die Helden des Actionfilms auf eigene Faust vorzugehen, mit all den Keilereien, Schießereien, Explosionen und Verfolgungsjagden, die das in diesem Genre in der Regel nach sich zieht. ZAHN UM ZAHN geht hohes Tempo und der Versuch, großes Actionkino im amerikanischen Stil zu machen, fällt sehr überzeugend aus. Neben der versierten Inszenierung von Gies und dem einmaligen Lokalkolorit des Ruhrpotts (den der Film leider bald hinter sich lässt) liegt das natürlich vor allem an George als Schimanski, der hier beweist, dass es in Deutschland wahrscheinlich keinen einzigen Darsteller gab, der dem Stellenprofil des „deutschen Actionhelden“ so idealtypisch entsprach wie er. Schon in den Karl-May-Filmen der Sechzigerjahre hatte er nicht nur den nötigen athletischen gebauten Körper vorzuweisen, sondern eben auch das Talent, ihn einzusetzen. Wenn George sich prügelte, durch die Gegend sprang oder stürzte, hatte das immer eine beinahe tänzerische Qualität, jenes nötige Quäntchen Theatralik, das ihn von bloßen Kraftprotzen oder uncharismatischen Stuntmen abhob. Auch in ZAHN UM ZAHN trifft George immer genau jenes richtige Maß an „Zuviel“, wie es die Superstars des Hollywood’schen Männerfilms zur Kunstform erhoben haben, erreicht sein Spiel diese Hyperrealität, die es braucht, um auch absurdeste Stunts noch realistisch erscheinen zu lassen. Ich glaube tatsächlich, dass George das Zeug dazu gehabt hätte, es „drüben“ zu schaffen. Wahrscheinlich hätte er nicht den Status erlangt, den er hier ohne Frage genoss, aber man kann ihm dieses gewisse Etwas, das den guten  Schauspieler eben vom Star unterscheidet und das in unseren Breiten eigentlich kaum vertreten ist, nicht absprechen. Mir fällt kein anderer deutscher Schauspieler aus den letzten 20, 30 Jahren ein, der ihm in dieser Hinsicht das Wasser reichen könnte. Und dabei mag ich ihn als Mensch noch nicht einmal.

ZAHN UM ZAHN markiert den Gipfelpunkt der Popularität Schimanskis und Gies‘ Film zeigt, dass die Figur zu jenem Zeitpunkt für das Fernsehen eigentlich schon fast zu groß geworden war. In der zeitgenössischen Presse firmierte Georges Schimi gleich neben Stallone und Schwarzenegger, die zeitgleich einen Zweikampf um den Actionhelden-Thron schlugen und zumindest an den deutschen Kinokassen plötzlich Konkurrenz bekamen. Eine schöne Underdog-Geschichte, die zu Schimanski passt wie die Faust aufs Auge. Oder eben auf die Faust.