Mit ‘Hal Ashby’ getaggte Beiträge

THE SLUGGER’S WIFE ist Hal Ashbys vorletzter Film. Beschäftigt man sich nur oberflächlich mit seiner Vor. und Entstehungsgeschichte, seiner kritischen Rezeption und dem miserablen Einspielergebnis ist es fast ein Wunder, dass Ashby – einst als Wunderkind gefeiert und mit einem unfassbaren Run in den Siebzigerjahren – danach noch einmal an einen Set gelassen wurde. (Zumindest, was das Einspielergebnis anging, dürften die Produzenten von 8 MILLION WAYS TO DIE diese Entscheidung bereut haben.)

Ashbys Komödie um den Baseballprofi Darryl Palmer (Michael O’Keefe), der sich in die Nachtclubsängerin Debby Huston (Rebecca De Mornay) verliebt, sie nach hartnäckigen Eroberungsversuchen heiratet und beflügelt von den amourösen Gefühlen zum Homerun-König der Liga avanciert, basiert auf einem Buch des Starautoren Neil Simon, der seinerseits für Broadway- und Filmklassiker wie THE ODD COUPLE, BAREFOOT IN THE PARK, SWEET CHARITY, THE HEARTBREAK KID, MURDER BY DEATH oder BILOXI BLUES verantwortlich zeichnete. Glaubt man den Berichten, war der Autor entsetzt, als er Ashbys Rohschnit der ersten 30 Minuten zu Gesicht bekam, der aus seiner Komödie ein nahezu dialogloses mood piece gemacht hatte. Es war nur der Anfang einer schwierigen Zusammenarbeit, an deren Ende der Regisseur die Brocken hinwarf. Seinem Wunsch, seinen Namen aus dem Film zu tilgen, kam Stark nicht nach. Das Ergebnis war verheerend: Die Kritik hatte kein gutes Wort für THE SLUGGER’S WIFE, das Einspielergebnis belief sich auf nicht einmal 2 Millionen Dollar, weniger als zehn Prozent seines Budgets. Der Film war kein Flop, sondern ein Desaster. Aber das war nicht allein Ashbys Schuld.

Die Verbindung von Ashby und Simon war über Umwege zustande gekommen, genauer über den Produzenten Ray Stark, der ein Fan von Ashby war und ein ehemaliger Geschäftspartner von Simon, der wiederum zu Beginn der Achtziger nach einigen missratenen Projekten dringend einen Karriereschub benötigte – genauso wie Stark. Es gelang dem Produzenten jedoch weder seine erste Wahl für den Hauptdarsteller (Warren Beatty), dessen Partnerin (Darryl Hannah) noch für den Regisseur (Martin Ritt) für das Projekt zu begeistern: Beide hatten ernste Zweifel an der Qualität des Drehbuchs und so kamen O’Keefe und Ashby an Bord, der zu jener Zeit alles andere als einen guten Ruf in Hollywood hatte, als unzuverlässig, aufmüpfig und drogenabhängig galt. Es schien eine Win-win-Situation: Ashby bekam einen neuen Job, Stark und Simon einen Regisseur, den sie in der Hand hatten. Dass Ashby für den Stoff nicht der geeignete Mann war, kam anscheinend niemanden in den Sinn. Zitat von Kameramann Caleb Deschanel: „Stark hired him because he was down-and-out, and they thought they could push him around. I was too embarassed to ask Hal why the fuck he did it.“ Die Dreharbeiten wurden schnell zum Albtraum: Ashby bekam relativ früh aufgezeigt, dass er nicht als auteur, sondern lediglich als williger Handwerker angeheuert worden war, Rebecca De Mornay hatte große Schwierigkeiten mit ihrem Part, und das eh schon wenig komische Drehbuch, von Simon während seiner Scheidung verfasst, wurde nahezu täglich umgeschrieben. Hinzu kamen die privaten Probleme Ashbys, die in einer Zunahme seines Drogenkonsum resultierten. Das Scheitern war im Grunde vorprogrammiert – und überraschte niemanden der Beteiligten. Dennoch kam es beim Schnitt zur Explosion. Stark und Simon waren unzufrieden, sahen alle Verantwortung bei Ashby, obwohl der beim Dreh kaum EInfluss hatte ausüben dürfen.  Er zog schließlich die Reißleine: „I stepped out of the picture so they could continue on to meet the Xmas date. All I asked was to view the film, when they felt it was ready, to see if I wanted my name on it. They said I could look on it right away. So I looked, thought it was dreadful, and asked to have my name taken off.“ Doch ihn aus der Verantwortung zu lassen, kam für Stark und Simon offensichtlich auch nicht in Frage. Als Ashby in einer zweiten Schnittfassung die meisten Probleme des Films gelöst hatte, schien der Weg für die Veröffentlichung frei, doch wieder meldete sich Simon zu Wort und schlug vor, Ashbys Fassung von einer neu angeheuerten Kraft überarbeiten zu lassen. Ashby stieg wieder aus, diesmal endgültig, doch sein Name blieb mit dem Film verbunden und brachte ihm harsche Worte der Kritik ein. Wie viel von THE SLUGGER’S WIFE noch von ihm ist, ist ungewiss.

Angesichts dieser Genesis verwundert es tatsächlich nicht, dass THE SLUGGER’S WIFE ein furchtbar zielloser, unentschlossener, unwitziger und steifer Film geworden ist. Anders als andere Filme, die durch Zwistigkeiten am Set sabotiert wurden, ist er aber auch nicht so durch und durch chaotisch, dass daraus eine eigene Qualität entstünde. Der Film findet weder einen eigenen Rhythmus, einen durchgehaltenen Ton noch überhaupt eine Beziehung zu seinen Charakteren. Darryl Palmer wandelt sich vom trottelig-unbedarften Depp zum idiot savant zum arroganten Kotzbrocken ohne dass eine dieser Züge sich echt anfühlte, Rebecca De Mornay scheitert sowohl daran, die Anziehungskraft ihres Gegenübers zu rechtfertigen noch ihre Liebe zu ihm glaubhaft darzustellen. Vollkommen idiotische Szenen wie jene, in der Darryls verzweifelter Trainer (Martin Ritt) ein Double einstellt, das dem kurzfristig erblindeten Sportler gegenüber als seine reuige Ehefrau auftritt, ohne das dieser den Betrug bemerkt, wären auch mit meisterhafter Regie und Top-Darstellern problematisch gewesen, in der hier vorliegenden Gemengelage sind sie geradezu selbstmörderisch. Es ist einfach rätselhaft, was den Köpfen hinter dem Film vorschwebte. Für eine Komödie ist der Film einfach nicht lustig genug, für ein Drama zu albern, als Sportfilm zu langweilig, für eine Romanze zu bitter. Er beginnt als Film über einen liebenswerten Trottel, geht weiter als Eloge über die Kräfte, die die Liebe zu entfesseln imstande ist, wird dann zum Drama über das im Käfig der Ehe gefangene Singvögelchen und endet wie ein europäisches Ehedrama. Dass man mit dem Pop-Soundtrack (u. a. sind Coverversionen von „LIttle Red Corvette“, „Hungry Heart“, „Hey hey my my“ und „Summer in the City“ zu hören) auch noch die Jugend zu ködern versuchte, unterstreicht die Orientierungslosigkeit, mit der man an allen möglichen Zielgruppen vorbeischoss, mitten hinein in den Ofen, der danach für Stark, Ashby und Simon gleichermaßen aus war.

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„Bound for Glory“ ist der Titel von Woody Guthries fiktionalisierter Autobiografie, die 1943 erschien. Hal Ashbys Film ist die Adaption dieses Buches: Auch wenn BOUND FOR GLORY also Merkmale des Biopics zeigt, handelt es sich dabei nicht um eine wahrheitsgetreue Wiedergabe von Guthries Leben. Das ist insofern bemerkenswert, als Ashbys Film sehr roh und ungeschönt wirkt, keineswegs idealisiert und gestreamlint, wie das bei verfilmten Biografien regelmäßig der Fall ist. Eine Plotline entwickelt Ashby nur sehr zögerlich und eigentlich erst während der letzten halben Stunde des ca. zweieinhalbstündigen Films. Stattdessen spielt er sich als stimmungsvolle und atmosphärische Sammlung von Momentaufnahmen einer vergangenen Zeit ab, als Kaleidoskop der Erinnerungen des Reisenden Woody Guthrie. Wahrscheinlich versuchte Ashby auf diese Weise das herausstechendste formale Merkmal von Guthries Buch filmisch umzusetzen: Der Singer/Songwriter und Autor verfasste „Bound for Glory“ nämlich in einer Art Mundart, die den Hillbilly-Slang repräsentieren sollte, den er während seiner Reisen als Hobo aufgeschnappt hatte. BOUND FOR GLORY sticht aus Ashbys Werk der Siebzigerjahre stark heraus: Nicht nur, weil es sich dabei um ein Period Piece handelte, sondern weil ihm die dramaturgische Geschliffenheit Ashbys anderer Filme weitestgehend fehlt. Was keine Kritik ist, lediglich eine Feststellung. Und mit dieser Ungeschliffenheit ist das außerdem so eine Sache, wie ich im Weiteren noch zeigen werde.

Woody Guthrie gilt als eine der wichtigsten Stimmen und Bewahrer der amerikanischen Folk-Tradition und fungierte für etliche, die nach ihm kamen, zuvorderst ist hier natürlich Bob Dylan zu nennen, als Inspirationsquelle und Vorbild. Geboren 1914 in Oklahoma, verschlug es ihn als Kind nach Texas, wo er in den Dreißigerjahren die Dust-Bowl-Ära miterlebte. Die Sandstürme, die das Land heimsuchten, schlugen ihn schließlich in die Flucht nach Kalifornien, wohin damals etliche Arbeitssuchende in der Hoffnung zogen, ihrer Not ein Ende zu setzen. Guthrie wurde auf seinen Reisen als Hobo mit großem Leid und Armut konfrontiert – sowie mit den unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Verzweifelten auf den Obstfeldern für einen Hungerlohn ihre Arbeit verrichten mussten. Schnell entdeckte er die Möglichkeit, mit seiner Musik auf die untragbare Situation aufmerksam zu machen. Er sympathisierte mit der kommunistischen Partei, seine Gitarre zierte der Slogan „This machine kills fascists“. Er schrieb eine Kolumne für die kommunistische Zeitung „People’s World“ und verlor aufgrund dieser Verbindung seine Anstellung beim Radiosender KFVD, als der Zweite Weltkrieg ausbrach und Deutsche und Russen einen Nichtangriffspakt schlossen. In den Vierzigerjahren nahm er in New York die Platte „Dust Bowl Songs“ auf, die seinen Ruf begründete und seine Stimme für die Nachwelt konservierte. Er starb schließlich 1967 an Huntington’s Disease, einer Krankheit, der schon seine Mutter erlegen war.

BOUND FOR GLORY folgt dieser wahren Geschichte, betont aber bestimmt Aspekte, hebt sie hervor und lässt andere weg. Vor allem natürlich die späteren Jahre und den Tod Guthries: Logisch, schließlich hatte der sein Buch bereits in den Vierzigerjahren geschrieben. Die kommunistische Partei kommt nicht vor, wohl aber die Gewerkschaften, denen Guthrie seine Stimme leiht – sehr zum Unmut der bewaffneten Vertreter des Kapitals, die aufkeimenden Protest immer wieder brutal niederknüppeln. Aus dem „Rauswurf“ beim Radiosender wird im Film eine Kündigung Guthries: Er will die Beschränkungen, die ihm bei der Auswahl seiner Songs auferlegt werden, nicht hinnehmen. Am Ende wird er von seiner Familie verlassen – die Gattin kann nicht mit einem Mann leben, der sich ohne Vorwarnung auf Reisen begibt, bei denen er sein Leben riskiert: Der Film schließt mit Guthrie auf dem Dach eines Zuges, wieder einmal auf der Reise durch das Land, zu den Menschen, die seine Musik brauchen, wo immer sie auch sein mögen.

BOUND FOR GLORY ist ein Film, wie er John Ford gefallen hätte: Er bietet reiche Eindrücke einer wichtigen Epoche in der Geschichte der USA, deutet die vielen Paradoxien der Zeit an, entwirft eine Art Schöpfungsmythos ohne sich gänzlich in Idealiserung zu ergehen. Woody Guthrie (David Carradine) fungiert eher als Wegbegleiter denn als echter Protagonist: Zwar steht seine Geschichte im Mittelpunkt, sie liefert die Stationen der Reise, auf die sich der Zuschauer begibt, aber Ashby maßt sich nicht an, den Künstler durchleuchten oder ihn zum Repräsentanten einer griffigen Message machen zu können. So sehr Guthrie den Film dominiert – es gibt keine Szene ohne ihn -, so mysteriös bleibt er doch. Es gibt keine Psychologisierung und wenn Guthrie selbst seine Motivation erklärt, weiß man nicht, ob das wirklich seine Gründe sind. Ashby und Carradine interpretieren Guthrie als Spieler mit Maske: Oft erscheint er einfältig, fast autistisch, dann zeigen ein Funkeln in seinem Blick oder die Schärfe und der Witz seiner Worte, dass er ganz genau versteht, was um ihn herum vorgeht und er eine gewisse Begriffstutzigkeit nur vorspielt, um die Menschen aus der Reserve zu locken. Ashby inszeniert auf diese Art und Weise die „Gemachtheit“, das spielerische Element von Guthries autobiografischer Vorlage gleich mit. Sein Film beantwortet viele Fragen und wirft andere auf. Die wichtigste: Wer war dieser Woody Guthrie und was trieb ihn wirklich an?

Wer ein klassisches Biopic erwartet, wird dann auch seine Probleme mit BOUND FOR GLORY haben. Wollen andere Vertreter des Genres Geheimnisse lüften, verweist Ashby gerade auf den Schleier, der sich über unseren Blick legt – nicht zuletzt, weil Guthrie selbst ihn mit seinem Buch gewoben hat. Vielleicht ist es aber auch kein Schleier, sondern die Nachzügler der Staubstürme, die aus der Geschichte zu uns herüberwehen, alles verdunkeln, sich in Poren und Ritzen setzen und wie Schmirgelpapier wirken. Bringen sie etwas ans Licht, was unter der Oberfläche verborgen lag oder bearbeiten sie diese, bis sie sich glatt anfühlt? BOUND FOR GLORY erweist dem Künstler die Ehre, weil er zeigt, dass es nicht die eine Lesart seiner Kunst gibt, jeder monokausale Erklärungsversuch dem Reichtum von Guthries Liedern nicht gerecht werden kann. Und er verweist uns darauf, dass es aus heutiger Sicht, mehrere Jahrzehnte von dieser Zeit entfernt sowieso gänzlich unmöglich ist, den Versuch zu unternehmen. Was wir tun können, ist suchen. Und träumen.

Nachdem er mit seiner Arbeit als Editor maßgeblich zum Erfolg von Norman Jewisons THE THOMAS CROWN AFFAIR und IN THE HEAT OF THE NIGHT beigetragen hatte, bekam Hal Ashby von seinem Mentor die Gelegenheit zum Regiedebüt: THE LANDLORD ist eine Komödie um Rassenbeziehungen (und nebenbei um Generationen- und Klassenkonflikte) im New York der späten Sechzigerjahre und erinnert in seiner Grundkonstellation ein wenig an Mike Nichols THE GRADUATE. Ashbys großartiger Output in den Siebzigerjahren wird im Gegensatz zu diesem aber leider nicht annähernd genug besungen: THE LANDLORD ist der nahezu vergessene Startschuss einer großen Karriere und unbedingt sehenswert.

Elgar Enders (Beau Bridges) ist 29, lebt aber immer noch im vornehmen Long-Island-Haus seiner wohlhabenden, konservativen Eltern (Lee Grant und Walter Brooke). Um endlich rauszukommen, gegen die Wertvorstellungen seiner Erzeuger zu rebellieren und sich seine ersten chops als Investor zu verdienen, kauft er ein heruntergekommenes Mietshaus in einem der schwarzen Viertel von Brooklyn. Doch seine Pläne, die Mieter rauszuschmeißen und das Haus für seine eigenen Zwecke herauszuputzen, scheitern kläglich: Er ist einfach zu nett und lässt sich von den Bewohnern, vor allem der patenten Marge (Pearl Bailey) und der attraktiven Fanny (Diana Sands) um den Finger wickeln. Seine Familie ist entsetzt vom Flirt des Sohnes mit den Afroamerikanern, der in einer Beziehung zur Tänzerin Lanie (Marki Bey) und einer Affäre mit der verheirateten Fanny kulminiert …

Die Mode hat sich verändert, das Viertel in dem Ashby seinen Film damals drehte, ist heute längst gentrifiziert, doch im Kern ist THE LANDLORD heute immer noch aktuell: Zwischen Vorurteilen und white guilt hin und hergerissen, begibt sich Elgar auf „Entdeckungstour“, entwickelt sich bereitwillig zu einer Art Hausmeister und Helfer für die Bewohner seines Hauses und macht es sich zur Aufgabe, für die Verständigung zwischen den weitestgehend scharf getrennten Rassen einzutreten. Am Ende hat er mehr Schaden angerichtet als Gutes getan und er kehrt dem Haus den Rücken zu, um sein eigenes Leben zu leben: gemeinsam mit der „halbweißen“ Lanie und dem Kind, das er mit Fanny hinter dem Rücken ihres aggressiven Gatten Copee (Louis Gossett jr.) gezeugt hat. Vielleicht wird die nächste Generation klüger sein.

Ashbys Film behandelt das schwierige Thema mit großer Sensibilität, bewegt sich leichtfüßig über ein mit Fettnäpfchen reich bestelltes Terrain. THE LANDLORD ist ebenso bitter wie komisch – vor allem, wenn er sich Elgars Familie zuwendet, einer grotesken Karikatur repblikanisch-neureichen WASP-Entitlements -, verfügt über geschliffen scharfe Dialoge und kommt ganz ohne die ach so lustigen Schwarzenklischees aus, die schon so manches ehrenwerte Projekt zu diesem problematischen Thema gnadenlos sabotiert haben. Ashby macht auch nicht den Fehler seines Protagonisten, nämlich sich zu sehr auf die Seite der „anderen“ zu schlagen: Seine Perspektive ist klar, aber er wahrt die Distanz, die die Grundvoraussetzung für ein Mindestmaß an Objektivität darstellt. Lediglich die Momente, in denen Elgar die vierte Wand durchbricht und sich direkt ans Publikum wendet, wirken etwas aufgesetzt. Sie verorten THE LANDLORD ganz klar in seiner Zeit und bringen den Film nicht wirlich weiter. Aber Ashby setzt sie so sparsam ein, dass sie nicht wirklich negativ zu Buche schlagen.

Auch der Blick auf die Stabsliste lohnt sich: Das auf einem Roman von Kristin Hunter basierende Drehbuch stammt von Bill Gunn. Der Afroamerikaner absolvierte im selben Jahr sein Regiedebüt mit STOP!, das aber in den Giftschränken von Warner landete, weil die statt des erwarteten Blaxploiters ein ernstes Drama bekommen hatten. Später drehte er noch den Horrorfilm GANJA & HESS, dem ebenfalls böse mitgespielt wurde, bevor er voreinigen Jahren rekonstruiert wurde. Er verstarb wie Ashby zu früh, Ende der Achtzigerjahre, mit noch nicht einmal 60 Jahren. Ansonsten dominieren hier die Frauen: Allen voran natürlich die großartige Lee Grant als nervöse, neurotische, aber nicht gänzlich unsympathische Mutter, die in einer wunderbaren Szene von der resoluten Marge mit billigem Schaumwein betrunken gemacht wird. Apropos Marge: Ihr verleiht Sängerin Pearl Bailey unbeschreibliche Präsenz – sie war nach THE LANDLORD nur noch selten auf der Leinwand zu sehen. Diana Sands ist perfekt als exotisches, aber immer authentisch wirkendes Objekt der Begierde Fanny, zerrissen zwischen der Sympathie für den naiven Elgar und der Liebe zum seelisch zerrütteten Copee. Sands verstarb nur drei Jahre später mit 39 Jahren. Marki Bey hat nicht die interessanteste Rolle des Films abbekommen, aber ihr zurückgenommenes Spiel hilft, dass ein absurder Side Gag wie der Kostümball-Auftritt von Elgars Schwager in Blackface erst so richtig schmerzhaft wird. Beau Bridges erfüllt die Aufgabe, liebenswerte Projektionsfigur zu sein mit Bravour, spannender ist aber was Louis Gosset jr. mit seiner Nebenrolle macht: gerade auch vor dem Hintergrund seines späteren Rollenprofils. Große Freude hatte ich auch mit dem mir bis dahin unbekannten Walter Brooke: Man sieht förmlich, wie er die sprichwörtliche Angst vorm schwarzen Mann hinter seinen Wutausbrüchen zu verbergen sucht. Zu guter letzt sei noch erwähnt, dass THE LANDLORD auch visuell herausragend ist, gerade für New-York-Freunde. Keine Überraschung, wenn man weiß, dass mit Cinematographer Gordon Willis der Mann hinter der Kamera stand, der wenige Jahre später dazu beitrug KLUTE, THE GODFATHER oder MANHATTAN zu unvergesslichen Meisterwerken zu machen.

Schade, dass es für einen solchen Film nur zur On-Demand-DVD aus Übersee reicht.

Hal Ashbys Filmografie in den Siebzigern kann sich mit denen der allergrößten Filmemacher messen: HAROLD AND MAUDE, THE LAST DETAIL, SHAMPOO, COMING HOME und BEING THERE zählen zu den Sternstunden des New Hollywood, zuvor hatte er bereits als Cutter Großes geleistet und etwa CINCINNATI KID, IN THE HEAT OF THE NIGHT, THE RUSSIANS ARE COMING! THE RUSSIANS ARE COMING! und THE THOMAS CROWN AFFAIR mit seiner Kunst veredelt. Die Akribie, mit der er diese Filme bearbeitete, sich teilweise tagelang im Schneideraum einschloss, zahlte sich zu Beginn seiner Karriere noch aus, später verhedderte er sich unter dem Einfluss seiner Lieblingsdroge Cannabis oft bei der Arbeit und hatte aufgrund seines Perfektionismus zunehmend mit Schwierigkeiten mit seinen Auftraggebern zu kämpfen. 8 MILLION WAYS TO DIE, den er nach einigen Flops inszenierte, sollte sein letzter Film werden. Vielleicht wäre die Kritik etwas freundlicher mit ihm gewesen, wenn sie gewusst hätte, das eine große Karriere kurz vor ihrem Ende stand. So floppte die erste Verfilmung eines Matt-Scudder-Romans von Lawrence Block aus der Feder Oliver Stones und wurde bis heute nicht wirklich rehabilitiert. Danach drehte Ashby noch zwei Fernsehfilme und eine Doku über die Rolling Stones, bevor ihn Leber- und Darmkrebs im Alter von nur 59 Jahren 1988 hinwegraffte.

Aber man muss auch konstatieren, dass 8 MILLION WAYS TO DIE in jener Zeit starke Konkurrenz hatte – und Ashby, ein echter Hippie, der in den Siebzigern aufblühte, in den Achtzigerjahren etwas verloren wirkte. Den Zynismus und die Kälte, die der Copfilm in diesem Jahrzehnt an den Tag legte, waren seine Sache nicht, und die Ankündigung, mit der der ab- und ausgebrannte Cop Scudder (Jeff Bridges) den Film im Stile des Noir eröffnet, kann Ashby nie so richtig einlösen. Los Angeles sei eine verlorene Stadt an der Grenze zu Chaos, in der es acht Millionen Wege gäbe, jeden Tag sein Leben zu verlieren, sagt Scudder, doch Ashby ist kein Untergangsprophet, sondern ein Mann der Hoffnung. Er war vielleicht wirklich der Falsche, um Stones Drehbuch – wie SCARFACE eigentlich eine Aufarbeitung von dessen Drogenvergangenheit – adäquat und mit letzter Überzeugungskraft zu verfilmen. 8 MILLION WAYS TO DIE hat seine Momente, darunter wirklich eine haarsträubend eskalierende Drogenübergabe-Szene und einen ziemlich furchterregenden Handlungssprung, aber er leider auch sehr antiklimaktisch.

Matt Scudder erträgt seinen Job nur, weil er immer mal wieder einen Schluck aus der Pulle nimmt. Nachdem er bei einer Razzia einen Verdächtige vor den Augen von dessen Familie erschießt, weil er einen Baseballschläger zückt und auf Scudder Kollegen losgeht, quittiert er den Dienst und stürzt dann spektakulär ab. Frau und Tochter sind danach weg, doch bei den Anonymen Alkoholikern macht er einen vielversprechenden Neuanfang. Bis er der Prostituierten Sunny (Alexandra Paul) begegnet, die ihn um Hile bittet. Sie gehört zum Stall des schnieken Zuhälters Chance (Randy Brooks), von dem sie sich lösen möchte, doch sie fürchtet um ihr Leben. Ihre Angst bewahrheitet sich: Sie wird vor den Augen des hilflosen Scudder umgebracht, der danach einen heftigen Rückfall in die Alkoholsucht erlebt. Chance indessen behauptet, mit dem Mord nichts zu tun zu haben. Der Verdacht des Ex-Polizisten fällt auf den Drogendealer Angel Maldonado (Andy Garcia), der in Chances Haus ein und aus geht …

8 MILLION WAYS TO DIE fängt mit einem großartigen Flug über die Freeways der Westküstenmetropole, in dessen Verlauf das Bild immer mehr kippt, bis es schließlich fast auf dem Kopf steht. Das Gefühl des Kontrollverlustes, das dieses Bild evoziert und das wahrscheinlich auch Stone mit seinem Script anstrebte, wird aber leider viel zu selten wirklich fühlbar. Ashby geht ein eher behäbiges Tempo und hat vielleicht auch zu viel Empathie, um seinen Protagonisten so richtig abschmieren zu lassen. Bridges ist als Scudder eminent sympathisch und trotz seiner Abstürze scheint er doch zu geerdet: Die Besessenheit, mit der er sich in diesen merkwürdigen Fall stürzt, habe ich ihm nicht so richti abgenommen. Sein Charakter kommt aus einer gänzlich anderen, sich echter anfühlenden Welt als etwa sein Gegenspieler Maldonado, ein Tony Montana im Westentaschenformat, immerhin aber mit schön schmierigem Zöpfchen, oder auch Sunny, eine typische Männerfantasie, die die Autoren des Film Noir deutlich besser hinbekommen haben. Und das Happy End – Scudder geht mit Sarah (Rosanna Arquette), einer anderen Nutte aus Chances Stall in eine wahrscheinlich bessere Zukunft – wirkt auch eher dem Zweck geschuldet als wirklich glaubwürdig.

Ein Reinfall ist 8 MILLION WAYS TO DIE trotzdem nicht. Er verfügt über gut aufgelegte Darsteller, eine schön schwüle Atmosphäre und zumindest zwei sehr denkwürdige Szenen. Wie Scudder ohne Vorwarnung im Krankenhaus aufwacht, nicht nur ihm, sondern auch dem Zuschauer mehrere Tage einfach fehlen, ist schon ein großer Wurf, dessen Wirkung vom klischierten Drumherum leider stark abgedämpft wird. Ich mag den Film schon, vielleicht gerade weil ich ständig das ungehobene Potenzial durchschimmern sehe. Es ist ein unperfekter Film über einen unperfekten Protagonisten von einem großen Filmemacher, für den sich die Dinge leider nicht so etwickelt haben, wie sie es hätten tun sollen und insofern wahrscheinlich auch sehr richtig so, wie er ist. Wer ein „L-A-Copfilm-der-Achtzigerjahre“-Special plant, sollte auch 8 MILLION WAYS TO DIE unbedingt mit ins Programm aufnehmen, ihn aber vielleicht nicht direkt vor oder nach TO LIVE AND DIE IN L.A. schauen.

Mal wieder stehe ich vor dem Problem, nicht zu wissen, was ich zu diesem Film eigentlich noch schreiben soll, ohne komplett redundant zu sein. HAROLD AND MAUDE wird gern als „Kultfilm“ apostrophiert, was ich zwar eher abstoßend finde, was aber trotzdem verdeutlicht, wie viel er sehr vielen Menschen bedeutet, die ihn wahrscheinlich häufiger gesehen haben als ich. Aber „Kultfilm“, das hat ja immer so etwas Sektiererisches, Konsensmäßiges und man sieht diese sich „Fangemeinde“ schimpfende Gruppe von Menschen vor sich, wie sie im Kino die Dialoge mitsprechen, schon lachen, bevor der Witz kommt, ihre mit Paraphernalia zugestellte Wohnung vorführen und überhaupt immer ganz genau wissen, was im Film ihres Herzens besser ist als überall anders. HAROLD AND MAUDE kann nichts dafür und es gibt gewiss etliche Filme, die diesen Kultfilmstatus weniger verdient haben als er. Denn, das sei hier mal ausdrücklich gesagt, bevor Missverständnisse aufkommen: HAROLD AND MAUDE ist schon sehr großartig. In Bildsprache, Stimmung, Inszenierung, Spiel und Humor total eigenständig, dabei absolut zugänglich und ja, einfach zu jeder Sekunde vollkommen richtig.

Dabei – und hier komme ich wieder zum Einstieg zurück – hätte HAROLD AND MAUDE durchaus die Potenz gehabt, ein ganz ekliger Tigerentenfilm zu werden, ein Film für Leute, die trivialen Blödsinn wie „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum“ für eine große Weisheit halten, sich morgens „Carpe Diem“ sagen (aus ihrem zweitgrößten Lieblingsfilm DEAD POET’S SOCIETY mitgenommen), bevor sie aus ihrem Ikea-Bett steigen, ihren Industriekaffee aus der extragroßen Janoschtasse trinken, sich später im Supermarkt darüber freuen, 19 Cents bei den Miracoli-Nudeln gespart zu haben und abends pünktlich zum „Marienhof“ wieder vor dem Fernseher Platz nehmen. Für all diese Leute ist HAROLD AND MAUDE aber eigentlich ausdrücklich nichts, vielmehr dreht er ihnen allesamt die lange Nase und propagiert ein Leben, das zu leben tatsächlich Opfer und Mut kostet und nichts mit der Normindividualität zu tun hat, die einem die Konsumindustrie verspricht. Weil das so ist, stehe ich eben auch dem Kultfilm-Geschwätz skeptisch gegenüber: HAROLD AND MAUDE zeigt einem ja vor allem auf, wie feige und bequem man selbst ist, anstatt einem zu suggerieren, man sei ein wahnsinnig einzigartiger Mensch. So gut mich HAROLD AND MAUDE also einerseits fühlen lässt, einfach, weil es ein wunderschöner und sehr wahrer Film ist, so schmerzhaft ist es doch auch zu erkennen, dass ich nicht den Mut habe, so zu leben wie Maude; das hat zwar einen Grund, einen, den man leicht übersieht, weil Hal Ashby ihn ganz beiläufig offenbart, während andere Filmemacher da mindestens eine große tränenreiche Szene rausgemolken hätten, aber es ändert ja nichts an der Tatsache.

Um mit meinem Stream-of-Consciousness mal zum Ende zu kommen: HAROLD AND MAUDE ist ein ganz großer Film des großen Vergessenen des New Hollywood Hal Ashby, der in den Siebzigerjahren einen tollen Film nach dem anderen gedreht hat, bevor diese Serie in den Achtzigern plötzlich abriss. Wahrscheinlich war die Drogensucht Schuld. Sein Schicksal zeigt jedenfalls ziemlich deutlich, dass auch er nur davon träumen konnte, so zu leben wie diese Maude.

coming home (hal ashby, usa 1978)

Veröffentlicht: November 21, 2009 in Film
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Captain Bob Hyde (Bruce Dern) kann es kaum erwarten, in Vietnam die Werte der westlichen Welt zu verteidigen. Nach seiner Abreise meldet sich seine Ehefrau Sally (Jane Fonda) als freiwillige Helferin in einem Krankenhaus für Kriegsversehrte – wohl nicht zuletzt, um sich darauf vorzubereiten, auch bald einen Invaliden versorgen zu müssen. Im Krankenhaus lernt sie den querschnittsgelähmten Luke Martin (Jon Voight) kennen, der ganz anders ist als Bob, weil er erkannt hat, dass der Krieg eine große Lüge ist, mit der der Staat die Hoffnungen und  Träume junger amerikanischer Männer gezielt ausnutzt. Sally und Luke verlieben sich – doch über ihrer Liebe schwebt das Datum der Rückkehr von Bob …

Hal Ashbys Film zählt zur ersten Welle der Vietnamkriegsfilme und ist zudem der bekannteste der so genannten Heimkehrerfilme: Filme, die sich mit den Schwierigkeiten der Veteranen bei der Rückkehr in die heimische Normalität befassen. Was COMING HOME auszeichnet, ist dass er trotz seiner zeitlichen Nähe zu den geschilderten Ereignissen ein großes Maß an Differenziertheit aufbringt. Anstatt einseitig gegen den Krieg und seine Protagonisten zu polemisieren, bietet er mit Luke und Bob zwei Charaktere an, die sich zwar hinsichtlich ihrer Einstellung zum Krieg kaum stärker unterscheiden könnten, denen er jedoch gleichermaßen Verständnis und Sympathie entgegenbringt. Bob ist kraft seiner Persönlichkeitsstruktur von der charakterbildenden Funktion des Krieges überzeugt, es ist für ihn das Ereignis, in dem der moderne Mann zum sprichwörtlichen Mann werden kann. Luke, ehemaliger Held seiner Highschool-Footballmannschaft, ist mit denselben Vorstellungen in den Krieg gegangen und als Krüppel und Mörder zurückgekehrt.

Die Tagline des Films hilft, den Kern des Films zu verstehen: „A man who believed in war! A man who believed in nothing! And a woman who believed in both of them!“ Hal Ashbys COMING HOME ist nicht nur ein Film über das Vietnamtrauma, sondern auch über männliches und weibliches Prinzip im Rahmen moderner Gesellschaften: Während der Mann als Getriebener gezeichnet wird, der immer unter dem Druck steht, sich beweisen zu müssen, der beste und stärkste sein zu müssen, und sich damit oft selbst zerstört, ist es das heilende, offene, verständnisvolle und auch mütterliche Wesen Sallys, das Hoffnung stiftet, Linderung verspricht und Einheit schafft. Sallys Liebe zu Luke und die zu ihrem Mann ist nicht körperlich, sondern spirituell zu verstehen: An ihrer Ehe zweifelt sie trotz der Beziehung zu Luke keine Sekunde. Doch Bob, der an männliche Eigenschaften wie Stärke wohl auch deshalb glaubt, weil er selbst eher feminin ist – dass er mit einer Schusswunde aus dem Krieg zurückkehrt, die er sich aus Versehen selbst zugefüht hat, begreift er als Schande –, der nicht in der Lage ist, sich seiner Frau anzuvertrauen, sich zu öffnen und Schwäche einzugestehen, kann mit dem Wissen, dass da ein anderer Mann war, nicht leben.

Hal Ashby gehört zu den  New-Hollywood-Protagonisten der zweiten Reihe und wird speziell in Europa gern vergessen. Seinen wohl berühmtesten Film, HAROLD & MAUDE, verbindet man kaum mit seinem Namen. Das ist schade, denn jeder seiner Filme – etwa THE LAST DETAIL, SHAMPOO oder BEING THERE – ist immens sehenswert und zeugt von großem inszenatorischen Geschick, Intelligenz und Gefühl. Das alles gilt auch für COMING HOME.