Mit ‘Halle Berry’ getaggte Beiträge

JOHN WICK: CHAPTER 2 endete mit der „Exkommunikation“ des titelgebenden Killers (Keanu Reeves) aus der von Winston (Ian McShane) geleiteten „Berufsgenossenschaft“, die ihren Mitgliedern in den über den ganzen Erdball verteilten Continental-Hotels einen Ort anbietet, an dem sie keine Überfälle zu befürchten haben sowie vielfältige spezielle Dienstleistungen zur effektiven Ausübung ihrer Tätigkeit in Anspruch nehmen dürfen. Mit dieser Exkommunikation einher geht die Erhebung eines Kopfgelds und der Status des „Vogelfreien“: Jeder gedungene Mörder auf der Welt hat es ab sofort auf Wick abgesehen und für den gibt es keinen Rückzugsort mehr. Allerdings gönnt ihm Winston eine Stunde Zeit, bevor er ihn zum Freiwild erklärt, die Wick dazu nutzt, seine Wunden zu verarzten und anschließend einen Gefallen bei einem weiblichen Crimeboss (Anjelica Huston) einzuholen: Er lässt sich nach Casablanca verschiffen, um dort seine Ex-Geliebte Sofia (Halle Berry) zu treffen, deren ehemaliger Boss ihm wiederum den Weg zum Genossenschafts-Obermufti erklären soll, der in der Lage ist, Wicks Verurteilung rückgängig zu machen. Diesen Gefallen gibt es natürlich nicht umsonst: Mit ihm verbunden ist das Versprechen, auf ewig als Killer zu arbeiten. Und derweil John Wick seine Privatangelegenheiten klärt, stattet eine Abgesandte des „Hohen Rats“ Winston und seinen Untergebenen einen Besuch ab, um sie für ihre Rechtsbeugung in Sachen John Wick zu bestrafen.

Leser, die weder JOHN WICK noch JOHN WICK: CHAPTER 2 gesehen haben, werden mit dieser Inhaltsangabe rein gar nichts anfangen können. Das ist normal: Das Franchise funktioniert wie eine moderne Fernsehserie oder die neu in Mode gekommenen „kinematischen Universen“, die den Zuschauern unbedingte Treue und stets Am-Ball-Bleiben abverlangen und sie dafür mit Expositionsbergen und unnützen Details überhäufen, wo Filme früher eine Geschichte und dreidimensionale Charaktere aufboten: Wer eine klassisch erzählte Geschichte erwartet, wird von JOHN WICK: CHAPTER 3 – PARABELLUM enttäuscht werden, denn sofern man sich nicht für den großen Überbau interessiert, haben die konkreten Geschehnisse des Films keinerlei Relevanz. Auch dieses zweite Sequel entspinnt sich als eine nicht enden wollende Aneinanderreihung von Fights und Schießereien und der einzige Unterschied zu den beiden Vorläufern ist der erneut erweiterte Rahmen: Spielte JOHN WICK noch ausschließlich in New York, schickte das Sequel den Killer für eine Mission nach Rom und Teil 3 nun nach Casablanca und in die Wüste. Zuvor eingeführte Figuren wie Fishburnes „Bowery King“ feiern einen zweiten Auftritt, in die Fußstapfen des Rivalen Cassian (Common) tritt nun der glatzköpfige Zero (Marc Dacascos) und die Organisation des Hohen Rats erhält ein Gesicht mit „The Adjucator“ (Asia Kate Dillon), die als Richterin unterwegs ist. Der Film ist ein bisschen bunter, in seinen Actionszenen zum Glück abwechslungsreicher – den Höhepunkt feuert Stahelski gleich zu Anfang mit einem wirklich furiosen Messerkampf ab -, aber ansonsten teilt er wesentliche Charakteristika mit Teil 1 und 2: Der in einem mehrstöckigen Glashaus angesiedelte Schlusskampf verschwamm in meiner Erinnerung folglicherweise mit dem Endfight aus Teil 2, der in einem Spiegelkabinett angesiedelt ist.

Der größte Fehler, den der Film macht, ist es sicherlich, seine interessante Ausgangssituation – Wick befindet sich in einer Stadt, in der fast jeder ihn umbringen will – innerhalb weniger Minuten komplett aufzulösen. Aber auch das ist typisch für die zugrundeliegende Serienstrategie: Der Cliffhanger hat seine Schuldigkeit in dem Moment getan, in dem beim Betrachter die Entscheidung fällt, nächste Woche (bzw. beim nächsten Mal) wieder einzuschalten. Auch in den alten Serials war es ja immer so, dass die anscheinend ausweglose Situation, in der sich der Held da befand, in der nächsten Installation auf banalste Art und Weise gelöst wurde. Die Frage, die sich am Ende von Teil 2 stellt – wie entgeht Wick der brenzligen Situation, vogelfrei zu sein? -, löst das Drehbuch daher, indem es einen Deus ex Machina herbeifabuliert, der dieses Status einfach wieder rückgängig macht. PARABELLUM verläuft danach exakt wie der ihm vorangegangene Teil als Aneinanderreihung von Fights, deren Motivation letztlich nur kosmetischen Charakter hat. Das wird besonders am Ende deutlich, wenn der zuvor dramatisch exekutierte Bowery King fröhliche Wiederauferstehung feiert, warum auch immer. Da hat Stahelski seine Lektion aus INFINITY WAR respektive ENDGAME gelernt. Man verzeihe mir, aber das grenzt an Publikumsverarsche. Nur nennt man das heute nicht mehr so.

Ja, man kann seine 90 – 120 Minuten ganz bestimmt schlechter totschlagen als mit JOHN WICK: CHAPTER 3 – PARABELLUM, vor allem, wenn man Actionfilme mag und sich über gut choreografierte Fights freuen kann, aber eben auch viel, viel besser. Handwerklich gibt es an diesem Film nicht viel auszusetzen, es gab in den vergangenen Jahren sehr viele ähnlich große Genrebeiträge, die in dieser Hinsicht deutlich weniger boten, auch wenn sich Abnutzungserscheinungen kaum leugnen lassen. Trotzdem ist der Tatbestand der Augenwischerei hier für mich voll und ganz erfüllt. Hinter der ornamental zerfaserten Mär um einen Geheimbund der Killer steckt letztlich ein stinknormaler Klopper, der darüber aber mit jeder Menge Schnickschnack hinwegtäuschen will. Ein Poser, wenn man so will.

 

Alle Menschen lieben DIE HARD. Viele schwören auf LETHAL WEAPON (sogar auf die beschissenen Teile 3 und 4). Etliche stehen auf UNDER SIEGE. Ja, es war nicht alles schlecht in jenen Jahren, als die Achtziger- sich in die Neunzigerjahre verwandelten. Aber dieser hier, der von Tony Scott mit großem Stilbewusstsein, enormer Kompromisslosigkeit, subversiver Rotzigkeit und natürlich faustgroßen Eiern inszenierte Neo-Noir THE LAST BOY SCOUT, der thront ganz nahe des Olymps und wird doch regelmäßig vergessen, wenn es um die richtig geilen Actionfilme jener Zeit geht. Alle paar Jahre werfe ich ihn ein, weil ich so gute Erinnerungen an ihn habe, und jedes Mal bin ich danach ein Stückchen breiter und aufrechter als zuvor, nehme mir vor, die Irrungen und Wirrungen des Lebens mit derselben Gelassenheit hinzunehmen wie Joe Hallenbeck, der nach Schlägen gern auch die andere Wange hinhält. Nicht, weil er so ein Menschenfreund ist, sondern weil jeder eingesteckte Hieb ihm beweist, dass er nicht unterzukriegen ist. Wer so tief gefallen ist wie er – vom Nationalhelden, der den Präsidenten gerettet hat, bis zum versoffenen Lowlife, dessen Frau ihn mit dem besten Freund hintergeht -, hat den Vorteil, dass es nicht mehr weiter runtergeht. Das ist inspirierend.

Dabei hat THE LAST BOY SCOUT viele Elemente, die mir eigentlich ein bisschen zuwider sind. Das Buddyfilm-Konzept ist annähernd zehn Jahre nach Hills 48 HRS. schon reichlich abgehangen, die Konstellation aus pfiffigem, jungem Afroamerikaner und nationalistischem, desilluisoniertem, latent rassistischem Zyniker ein Stück problematisch, die ganze Story natürlich vollkommen egal und Shane Blacks Masche, den Leuten in einem Fort One-Liner in den Mund zu legen, kann mitunter ziemlich nervtötend sein. THE LAST BOY SCOUT funktioniert insofern als Beweis dafür, dass das Ganze nicht nur oft mehr als die Summe seiner Einzelteile ist, sondern mitunter sogar das komplette Gegenteil. Fuck, erwähnte ich schon, wie scheißegeil ich diesen Film finde? Das beginnt schon mit dieser überscott’schen Auftaktsequenz: Dass sich da ein sintflutartiger Regen über dem Stadion ergießt ist eine Sache, dass alle Flutlichtmasten auf extrafunzelig gestellt wurden eine andere. Und Billy Blanks als suizidaler Footballprofi setzt dem ganzen noch die Krone auf. Viel besser kann ein Film nicht anfangen.

Aber THE LAST BOY SCOUT ist natürlich in erster Linie ein Showcase für Bruce Willis, der damals einer der bestbezahlten Darsteller in Hollywood gewesen sein dürfte und für den ausgebrannten Privatdetektiv Joe Hallenbeck die Idealbesetzung ist. In seiner ersten Szene liegt er pennend in seiner Karre und schläft seinen Rausch aus, er ist immer unrasiert, raucht eine Kippe nach der anderen, wandelt wie lebensmüde mit aufreizender Leck-mich-am-Arsch-Haltung durch den Film, flucht, blutet und rotzt, dass es eine einzige Freude ist. Die Szene, in der er von einem großmäuligen henchman (Kim Coates) getriezt wird, ihm mit blutender Nase ganz ruhig mitteilt, dass er ihn umbringt, wenn er ihn noch einmal anfasse, und das dann Sekunden später wahr macht, indem er dem Schurken mit einem trockenen Uppercut das Nasenbei ins Hirn rammt, vergisst man nie wieder. Es ist wahrscheinlich die berühmteste Szene von THE LAST BOY SCOUT und sie ist perfekt dazu geeignet, zu verbildlichen, was an diesem Film so toll und besonders ist.

Hinsichtlich seiner Gewaltdarstellung spielt THE LAST BOY SCOUT nämlich in einer ganz eigenen Liga. Er ist kein ROBOCOP und auch kein RAMBO III, zumindest nicht, was die Zahl der Toten angeht oder die Detailliertheit der Effekte. Aber die Gewalt hier ist immer besonders rücksichtslos, sorglos, heimtückisch und kaltschnäuzig. Wie da am Ende Bösewichter in Anwesenheit von Hallenbecks Tochter weggeballert, angezündet und in die Luft gesprengt werden, wie da noch auf Leichname geschossen wird, um sicherzugehen, dass sie auch nicht mehr wiederkommen, wie die Explosion des Obermuftis am Ende als Gag dient, das ist schon recht beachtlich. Und diese Ruppigkeit und Brutalität verleiht dem von Tony Scott im Verbund mit seinem Stammkameramann Ward Russell und dem Editoren-Dreamteam aus Stuart Baird, Mark Goldblatt und Mark Helfrich superslick gestylten Werk eine dazu anscheinend im Widerspruch stehende bittere, misanthrope Note, die auch all die Versuche Richtung große Mainstream-Unterhaltung nicht ganz zu tilgen vermögen.

Was nicht heißt, dass die „wärmeren“ Momente nicht wirklich treffen: Jimmy Dix‘ (Damon Wayans) Geständnis, dass sein Sohn nur 17 Minuten in einem Brutkasten lebte, bevor er starb, dass er nur „time for one dream“ hatte und dass er sein bestes Spiel genau an jenem Abend machte, als er seine Frau und seinen Sohn verlor, verfehlt seine Wirkung nicht und beweist, dass Shane Black durchaus mehr kann, als Sprüche reißen. Aber gut, selbst wenn das alles wäre, was THE LAST BOY SCOUT zu bieten hätte, würde mir der Film noch gefallen, denn die One-Liner sitzen wie Hallenbecks Fausthiebe und werden von Willis mit beeindruckender Selbstverständlichkeit fallen gelassen. Mein Favorit ist wahrscheinlich seine Entgegnung auf Jimmys Entschuldigung, er habe doch nur das Eis zwischen ihnen brechen wollen: „I like ice. Leave it the fuck alone.“ When idiocy and poetry unite.

Was ich an THE LAST BOY SCOUT so liebe: Er bietet eine breite Palette an sehr unterschiedlichen Szenen mit ganz unterschiedlichen Wirkungen. Es ist ein Film für Borderliner, beständig zwischen heiß und kalt schwankend (Russells Bildkompositionen fangen das sehr schön ein mit ihrem Oszillieren zwischen stählerner Nachtschwärze und dem L.A.-typischen Smogflimmern). Das ist wahrscheinlich auch dem Silver’schen Entertainmentanspruch geschuldet, aber nicht alles lässt sich eben – wie oben schon angedeutet – so munter wegkonsumieren. Der Streit zwischen Hallenbeck und seiner 13-jährigen Tochter Darian (Danielle Harris) – lustigerweise das einzige auf Augenhöhe geführte Duell des Films – zum Beispiel überschreitet deutlich die Grenzen dessen, was Hollywood sich hier sonst so traut: Wie das Mädchen seinem Vater wüste Beleidigungen an den Kopf knallt und der sie immer weiter anstachelt, um irgendwann zum großen Rückschlag ausholen zu können, zeichnet schon ein finsteres Bild dysfunktionaler Eltern-Kind-Beziehungen. Da kommt ein unangenehmer Realismus zum Vorschein, der das Happy End mit einem frisch rasierten, ordentlich gekämmten Hallenbeck umso mehr als naive Ideologie enttarnt. Da treffen seine Worte des Verzeihens an seine betrügerische Ehefrau (Chelsea Field) schon viel eher ins Ziel: „Fuck you, Sarah.“ Und natürlich sein Freudentanz (nachdem es einen Killer in einem Rotor zerhäckselt hat): Sein großer Emotionsausbruch zeigt, wenn man es genau nimmt auch, wie wenig „eins“ diese Mann ist. Manche Wunden heilen nie.

dieanotherday1_1024Der schizophrene Gipfelpunkt der Brosnan-Jahre. DIE ANOTHER DAY erntete von allen Bondfilmen wahrscheinlich am meisten Spott. MOONRAKER, A VIEW TO A KILL, OCTOPUSSY und THE MAN WITH THE GOLDEN GUN sind auch nicht besonders beliebt, aber auf DIE ANOTHER DAY wird mit seltener Einmütigkeit eingedroschen. Zielscheibe der Kritik sind vor allem einige an die absurden Spitzen der Moore-Ära erinnernden Einfälle und das Übermaß an CGI-Effekten. Beide Einwände sind nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Nach den doch eher realistischen, in jedem Fall zurückgenommenen Vorgängerfilmen, wendet sich DIE ANOTHER DAY wieder ganz der Science Fiction zu: Es gibt einen mit DNA-Manipulation umgewandelten Oberschurken, ein unsichtbares Auto, einen Satelliten, der mit Diamantenkraft das Sonnenlicht zu einem alles vernichtenden Feuerstrahl bündelt, und eine Festung aus Eis. Das alles wäre allein nicht unbedingt Grund zur Beschwerde, im Gegenteil: Nach den eher düsteren GOLDENEYE, TOMORROW NEVER DIES und THE WORLD IS NOT ENOUGH und den ebenfalls bodenständigen THE LIVING DAYLIGHTS und LICENCE TO KILL weckt Tamahoris Serienbeitrag fast nostalgische Erinnerungen an die unschuldigeren Zeiten, als comichaft überzeichnete Superschurken die Welt aus ihren futuristischen Stützpunkten heraus bedrohten. Es ist jedoch das Übermaß miserabler Computereffekte, das einem mehr als einmal die Freude am Gebotenen vergällt. Die Sequenz, in der Bond vor dem Feuerstrahl aus dem All flieht und der Eispalast zum Schmelzen gebracht wird, auch der Showdown an Bord eines langsam auseinanderfallenden Flugzeugs, sehen einfach scheußlich aus, sind eines Bondfilms in dieser Form nicht würdig. Und sie stören den Gesamteindruck empfindlich, denn DIE ANOTHER DAY zeigt eindeutig Potenzial.

Der ganze Anfang ist großartig: Bond gerät nach einer furiosen Pre-Title-Sequenz in nordkoreanische Gefangenschaft, in der er 14 Monate verbleibt, weil der Geheimdienst ihn aufgegeben hat. Ein vermeintlicher Verrat Bonds erzwingt ein Tauschgeschäft: Der böse Zao (Rick Yune) wird an die Nordkoreaner im Austausch für den Agenten übergeben. Bond ist weiterhin isoliert, man glaubt ihm nicht, dass jemand ihn benutzt hat, also muss er auf eigene Faust vorgehen. Das ist ein schöner, vor allem einmal neuer Ansatz, der ganz im Einklang mit dem Bild steht, das die Brosnan-Bonds vom Geheimdienst gezeichnet hatten. Die Action ist zupackend und rasant, auch visuell ansprechend umgesetzt. Auch die erste Auseinandersetzung mit dem Oberschurken Gustav Graves (Toby Stephens) – hinter dessen Gesicht sich eigentlich der nordkoreanische Colonel Moon verbirgt – ist toll, ein rücksichtslos geführter Fechtkampf. Und das Eispalast-Setting ist, wie gesagt, eine Augenweide (genauso wie Rosamund Pike als Doppelagentin Frost). Auch wenn ein paar fragwürdige Einfälle suggerieren, dass man bei der Konzeptionierung nicht ganz zurechnungsfähig, zumindest aber verunsichert war – der Titelsong von Madonna ist genauso schlimm wie ihr Gastauftritt als Fechtlehrerin, Halle Berry passt überhaupt nicht in den Film (ich mochte sie noch nie besonders) und auch das unsichtbare Auto ist etwas zu viel des Guten –, deutet noch nichts darauf hin, wie der Film in der zweiten Hälfte entgleist.

Nichtsdestotrotz fand ich DIE ANOTHER DAY immerhin nicht so schrecklich öde wie DIAMONDS ARE FOREVER oder so traurig wie A VIEW TO A KILL. Aber das mag aber auch daran liegen, dass ich ihn bisher noch nicht kannte. Daran, dass das hier ein Tiefpunkt der Reihe ist, gibt es jedenfalls keinen Zweifel.