Mit ‘Hans Clarin’ getaggte Beiträge

Die Mitglieder der Räuberbande aus dem ersten Teil (darunter Georg Thomalla, Paul Esser, Curt Bois und die immergeile Hanne Wieder) werden vom aufgebrachten Lynchmob im Keller des Wirtshauses eingemauert. Ein gutes Jahrhundert später befreit ein Bagger ihre Geister aus ihrem Grab und sie erinnern sich an das Schloss des Grafen Sandau. Dessen Bewohner Charlotte (Liselotte Pulver), Onkel Ernst August (Ernst Waldow) und Tante Yvonne (Elsa Wagner) haben wegen akuter Geldsorgen den Pfandleiher im Nacken. Martin Hartog (Heinz Baumann), Sohn eines Unternehmers (Herbert Hübner) schleicht sich ein, um heimlich den Wert des Gemäuers zu eruieren, der Staatsbeamte von Teckel (Hubert von Meyerinck) kündigt den Besuch des Prinzen Kalaka (Hans Clarin) an, der in der Gegend einen Staudamm bauen will. Unterdessen freundet sich Charlotte mit den Gespenstern an …

Mit den Gespenstern kommt auch das Sequel zum großen Erfolgsfilm in der Moderne an: Kurt Hoffmanns „Grusical“ ist ein wildes Potpourri aus schlüpfrigen Witzen, Spezialeffekten, Gesangseinlagen, Selbstreferenzen und Seitenhieben gegen Kapitalisten, Altnazis und Beamte. Der Plot um den Kampf der braven Familie gegen die Enteignung – einer der Standards des deutschen Lustspiels – ist nur Vorwand und kann den Eklektizismus des Films kaum bremsen. Wer das Gütesiegel „deutscher Unterhaltungsfilm“ mit stilistischer Behäbigkeit und Spießigkeit verbindet, der wird im SPUKSCHLOSS sein blaues Wunder erleben. Der Ideenreichtum und auch der Mut Hoffmanns sind beachtlich. Subversiv ist sein Film sicherlich nicht, das wäre dann doch etwas zu viel des Guten, aber er nutzt die Freiheit, die er dank des Erfolgs des Vorgängers genoss, um die Grenzen dessen, was in einem Familienfilm möglich ist, ein ganzes Stück zu verschieben.

Das beginnt schon mit der Titlesequenz, in der die Namen der Mitwirkenden gesungen werden, setzt sich bei den herrlichen Effektszenen um die Geister fort und endet bei vollkommen abseitigen Sequenzen wie dem Besuch auf Prinz Kalakas Yacht an der Côte Azur: Da liegen englische Gesellschaftsdamen gelangweilt in der Sonne und singen einen Song, der klingt wie von einem endlos bekifften DJ runtergepitchte Las-Vegas-Loungemusik. Ein Richter mit Schmiss im Gesicht bekräftigt mit einem strengen Hammerschlag seine Aussage, in Deutschland gebe es keine Gespenster, wodurch der steinerne Bundesadler hinter ihm bröckelt und den Blick auf ein Hakenkreuz freigibt. Der Film endet damit, dass die Gespenster im Auftrag der NASA zum Mond geschickt werden und sich ein Wettrennen mit der Raumfähre der Russen liefern. Selbst typischere Einlagen wie Hans Clarins Darstellung eines persischen Fantasieprinzen komplett mit Kauderwelschsprache („Mistikack!“) transzendiert den gewohnten Rassismus, der sich in solchen Figuren niederschlägt, wenn er plötzlich anfängt Kölsch zu sprechen, weil er mal einen Kölner Lehrer hatte. Und in einer späten Gruselszene, in der die Geister all ihr Spuktalent aufbieten, um Martin von ihrer Existenz zu überzeugen, musste ich dann sogar mal ganz kurz an Mario Bava denken, so wunderbar bunt und fantasievoll ist das. Es ließe sich hier mit Leichtigkeit noch mehr aufzählen, allein die frechen Schlüpfrigkeiten um Hanne Wieders nymphomane Geisterdame wären einen Absatz wert und Hubert von Meyerinck gibt auch mal wieder alles, aber dann wäre der Text hier ewig lang und es gäbe keinen Grund mehr, sich den Film anzusehen.

DAS SPUKSCHLOSS IM SPESSART ist vielleicht 10 bis 15 Minuten zu lang un am Ende zerfasert er ganz gewaltig: Man merkt ihm deutlich an, dass sein Ausgangspunkt nicht wie beim Vorgänger eine literarische Vorlage oder auch nur ein sorgfältig konstruiertes Drehbuch war, sondern das Bedürfnis, dem großen Erfolg noch einen draufzusetzen. Da unterscheidet er sich kaum von der „Schneller, höher, weiter“-Strategie zeitgenössischer Sequels. Aber wo die oft seelenlos und steril rüberkommen, lebt Hoffmanns Film von seinem unermüdlichen Tempo, seinem Ideenreichtum, seinem Witz und der schieren Freude, die er vermittelt: Das ist mehr als genug, über die vollen 97 Minuten dann aber auch etwas ermüdend. Egal: Unvoreingenommene Filmseher werden überrascht sein, was in einem vermeintlich bräsigen deutschen Crowdpleaser anno 1960 so alles möglich war, und Menschen mit Vorurteilen absolvieren hiermit ihre erste Therapiestunde. Toll.

Um den Elefanten im Raum direkt anzusprechen: Ich halte GELD ODER LEBER für die Sternstunde dieser speziellen Ausprägung der deutschen Blödelkomödie, wie sie in den Achtzigern populär war (und meist der geschäftstüchtigen Produktionsschmiede der LISA-Film entstammte). Es ist der Film, in dem sich die üblichen Zutaten unter Zufügung einer schwierig zu isolierenden Geheimzutat zu einem Gesamten addieren, das deutlich größer ist als die Summer seiner Einzelteile. Dieter Pröttels Film sollte eigentlich nicht funktionieren, tut es aber überraschenderweise doch – und mehr noch: Hier wird nicht nur der Gaga-Humor endgültig zur Kunstform erhoben, hier wird man am Ende, wenn man schon völlig überrollt im Sessel hängt, gar noch Zeuge, wie sich die Zotenparade vor den eigenen Augen in einen geradezu magischen Liebesfilm verwandelt, das Genre gewissermaßen überwunden wird und etwas bleibt, das wirklich berührt. Die bizarren Verwicklungen der vorangegangenen 80 Minuten sind vergessen, und wie das Protagonistenpärchen da in den idyllischen Sonnenuntergang stapft, sich zärtlich seiner gegenseitigen Liebe versichert, der Score nach Dauerbeschallung mit den Hits der Ersten Allgemeinen Verunsicherung zum ersten Mal zurückschaltet, überträgt sich diese glücksselige Entspanntheit auch auf den Zuschauer, der nun endgültig nicht mehr weiß, wie ihm da geschehen ist.

GELD ODER LEBER bedient sich zunächst einer Struktur, wie man sie vielleicht aus den Komödien aus der Zucker-Abrahams-Zucker-Schmiede oder auch, um in Deutschland zu bleiben, den Hauptfilmen aus Didi Hallervordens TV-Sendung NONSTOP NONSENS kennt. Jede Szene bzw. gar jede Einstellung kulminiert in einem Gag, der mal eher verbaler, mal bildlicher Natur ist. Im Unterschied zu den erstgenannten US-Komödien hebt diese Strategie den Film aber nicht auf eine von der „Realität“ abgelöste Metaebene, vielmehr dient sie der Charakterisierung der beiden Hauptfiguren und der Beziehung, die diese zur Welt unterhalten – oder eher: nicht unterhalten. Dem Wirbel, den die Welt um sie herum entfacht, sind Mike und Susanne Juing (Mike Krüger & Ursela Monn), ein seinem ganz eigenen Rhythmus folgendes Ehepaar, nämlich überhaupt nicht gewachsen. Beide sind arbeitslos und nicht in der Lage, ihre durchaus vorhandene Energie in die gesellschaftlich akzeptierten produktiven Bahnen zu lenken. Die als alternativer Lebensentwurf auserkorene Karriere als Bankräuber scheitert aber immer wieder an ihrer grenzenlosen Liebenswürdigkeit. MIt Spielzeugpistolen bewaffnet, werden sie entweder gar nicht ernst genommen oder lassen sich durch unvorhersehbare Ereignisse von ihrem Vorhaben abbringen. Mehr durch Zufall als Geschick kommen sie dann aber doch in den Besitz wertvollen Geschmeides, das sie auf der Flucht vor der Polizei in einer ausgenommenen Gans verstecken, die jedoch wenig später bereits verkauft ist. Sie erhalten sieben Adressen, wo sich die gesuchte Gans verstecken könnte, die sie im Folgenden nacheinander abklappern; bis kurz vor Schluss ohne Erfolg. Die anhaltende Pechsträhne führt zu einer vorübergehenden Trennung, schließlich gar zu einem Gefängnisaufenthalt, bis die Erkenntnis, dass Reichtum die Liebe nicht ersetzen kann, sie zu einem Happy End zusammenführt. Der Film ist in seinem episodischen Verlauf gespickt mit deutschen Stars, denen die passenden Rollen auf den Leib geschneidert wurden: Barbara Valentin spielt eine reiche Gräfin, die einen verzogenen Bengel ihren Sohn nennt. Lotti Krekel und Ernst H. Hilbich sind als altes Camperehepaar zu sehen, Jochen Busse als versnobter Spaziergänger, Hans Clarin als Chirurg und Christine Schuberth als seine liebeshungrige Assistentin, Bernd Stephan gibt einen großmäuligen, aber dummen Feldwebel (bester Spruch: „Sie haben wohl Elefantenarsch mit Birne gegessen!“), Corinna Genest eine Gefängnisdirektorin in Lack und Leder und Werner Kreindl einen Kommissar. LISA-Dauergäste wie Otto W. Retzer, Alexander Grill oder Kurt Weinzierl dürfen ebenfalls nicht fehlen. Besonders absurd sind aber die Auftritte von Raimund Harmstorf als Kapitän eines Ausflugsdampfers, der seine Dialogzeilen auf eine Art und Weise intoniert, die nahelegt, dass er bereits in ganz anderen Sphären weilte, und natürlich jener von Falco. Der Österreicher reißt den Film mit seinem exaltierten, wahrscheinlich koksbeflügelten Auftritt komplett an sich und führt ihn weit über die Grenzen von Absurdistan: In seinem Gefolge befinden sich neben den obligatorischen Bikinischönheiten auch ein Karateka und ein Rambo-Double, komplett mit Stirnband und Panzerfaust. Mike Krüger schleicht sich als sein Double auf dessen Anwesen, auf dem bald auch Rotkäppchen (Simone Brahmann) eintrifft, um dem exaltierten Popstar Wein und eben eine Gans zu bringen, und dann schließlich Susanne, als Pippi Langstrumpf verkleidet. Man muss es sehen, um es zu glauben. Das Ende des Falco-Auftritts besorgt dann noch ein Livemitschnitt von seinem Hit „The Sound of Music“ in schöner Amphitheater-Kulisse, der mir große Lust auf seine Platten gemacht hat. Epochal, das Sahnehäubchen auf einem rundum denkwürdigen Film.

Diese Beschreibungen, wenn sie dem ein oder anderen geneigten Leser vielleicht auch Lust auf den Film machen mögen, sind aber immer noch nicht geeignet, GELD ODER LEBER in seiner Gänze zu erfassen. Da passiert eben noch etwas hinter dem Klamauk, hinter den Episödchen, hinter den popkulturellen Verweisen, neben dem Zusammenspiel von Filmbild und EAV-Soundtrack. Der Film ist als abstruse Nummernrevue einerseits total künstlich, fühlt sich andererseits aber sehr organisch und warm an. Er ist sehr direkt und manchmal natürlich frontal blöd, dabei aber auch sehr liebenswert und einfühlsam. Er hat einerseits rein gar nichts mit der Realität zu tun, sagt auf der anderen Seite eine ganze Menge über sie. Sein größter Verdienst ist es wohl, dass es ihm trotz seiner für Immersion eigentlich denkbar ungeeigneten Form gelingt, echte Sympathie für seine beiden so unperfekten Protagonisten zu wecken, für die Art, wie sie versuchen, das Leben zu meistern, für die Energie, mit denen sie gegen den unerbittlichen Strom anschwimmen. Ich muss hier unbedingt auf Ursela Monn eingehen, die wirklich großartig ist, sowohl die leicht nervöse Lebenskünstlerin als auch die liebevolle und, ja, auch erotische Gattin überzeugend verkörpert, mal verletzlich und mädchenhaft, dann aber auch sehr resolut und entschlossen agiert. (Man vergleiche ihre Figur nur mal mit den Love Interests, die Gottschalk in den vier SUPERNASENFilmen angehängt wurden.) Ich glaube, die halbe Miete des Films ist ihre Stimme, für die ich seit den „Kleine Hexe Klavi-Klack“-Hörspielen meiner Kindheit eine große Schwäche habe, und die sowohl die schrille Komik wie auch das zarte, beruhigende Säuseln draufhat. Möglicherweise stehe ich mit meiner Meinung über diesen Film total allein, die verheerende IMDb-Wertung mit kläglichen 3,9 Punkten spricht dafür, aber ich finde ihn wirklich, wirklich toll. Viele der deutschen Gaga-Komödien genießen gerade unter Leuten meines Jahrgangs heute Kultstatus, erfahren von ihnen eine Wertschätzung, die über das verächtliche So-bad-it’s-good-Getue hinausgeht, aber GELD ODER LEBER wird da seltsamerweise nie genannt. Wenn ich hiermit einen kleinen Sichtungsanreiz geben konnte, bin ich zufrieden.

wartezimmer-zum-jenseitsDer Jurastudent Don Micklem (Götz George) erfährt, dass sein wohlhabender Onkel Sir Cyrus Bradley (Hans Paetsch), dessen Erbe er irgendwann antreten soll, von dem mysteriösen Erpresser, den alle nur „die Schildkröte“ nennen, bedroht wird. Sollte sein Onkel die geforderte Summe nicht bezahlen, erwartet ihn der sichere Tod. Don nimmt die Drohung genauso wenig ernst wie sein Onkel und stellt sich zusammen mit seinem Freund Harry (Hans Clarin) als Leibwache zur Verfügung. Doch auch die beiden können nicht verhindern, dass die Schildkröte ihre Drohung wahrmacht: Der Messerwerfer Shapiro (Klaus Kinski) bringt den Onkel kaltblütig um. Die Spur führt zu der geheimnisvollen Laura Lorelli (Hildegard Knef) und schließlich nach Triest, wo sich die Schildkröte unter dem Namen Mario Orlandi di Alsconi (Richard Münch) in einem Schlösschen verschanzt. Auch Don geht ihm in die Falle, doch zum Glück sind sich die Verbrecher untereinander selbst nicht mehr so einig …

Mitten hinein in Vohrers Wallace-Engagement platzte die Verfilmung des Thrillers „Pay or die“ des Krimiautoren James Hadley Chase. WARTEZIMMER ZUM JENSEITS wurde ebenfalls von Horst Wendlandt für die Rialto produziert wurde und weist etliche Überschneidungen mit der erfolgreichen Krimiserie auf, mit der er nominell nichts zu tun hat. Vohrers Film beginnt in London, dem Schauplatz aller Wallace-Filme, eröffnet mit den bekannten Ansichten von Big Ben und Piccadilly Circus und begibt sich danach in die obligatorischen Adelshäuser und halbseidenen Absteigen. Er bietet einen geheimnisumrankten Schurken mit tierischem Decknamen auf, der als Drohung traurige Schildkröten mit Totenkopf-Bemalung im Pappkarton  verschickt, sowie die typischen Mordbuben, Schergen und Handlanger. Die Musik stammt aus der Feder Martin Böttchers, der auch etliche Wallace-Scores komponierte, und die Besetzungsliste versammelt aus der Serie bekannte Gesichter wie Klaus Kinski, Hans Clarin, Richard Münch, Carl Lange, Pinkas Braun, Jan Hendriks und Hans Paetsch. Übersinnliche Motive sind abwesend, dafür bietet das Schloss des Bösewichts zum Finale zahlreiche technische Gimmicks wie zum Beispiel eine Kammer mit senkbarer Decke, in der Don und Laura ein grausiges Ende finden sollen.

Es steht zu vermuten, dass diese Parallelen von Produzentenseite nicht nur in Kauf genommen wurden, sondern man sich im Gegenteil von ihnen versprach, dass etwas vom durchschlagenden Erfolg der Wallace-Filme auf das Nebenprojekt abfärben möge. Düstere „Grusel“-Krimis hatten Hochkonjunktur und wer wollte schon auseinanderhalten, ob der neueste Reißer nun vom Meister höchstselbst oder von einem anderen Schriftsteller stammte: Hauptsache, das Paket stimmte. Der durchschnittliche Kinozuschauer, den es nach makabrer Krimiunterhaltung lüstete, dürfte mit WARTEZIMMER ZUM JENSEITS durchaus zufrieden gewesen sein. Wer genauer hingeschaut hatte, dem war aber bestimmt aufgefallen, dass dieser neueste Film aus dem überaus homogenen Korpus der Wallace-Filme durchaus weit herausragte. Gegenüber den mit Nebenfiguren, Subplots, Seitensträngen und Sackgassen sowie ornamentalen Details vollgestopften Adaptionen der Wallace-Romane nimmt sich WARTEZIMMER ZUM JENSEITS sichtlich aufgeräumt, stringent und geradlinig aus. Der Film ist ernster und realistischer, die Schurken sind weniger comichaft, dafür böser und gemeiner, Morde werden sparsamer gestreut, entfalten dadurch aber weitaus größere Wirkung. Hans Clarin sorgt für gelegentliches Schmunzeln, aber einen Comic Relief wie Eddie Arendt sucht man ebenso vergebens wie das ostentative Brechen der vierten Wand, das die Wallace-Filme irgendwann als reines Spiel, als „meta“ kennzeichnete und ihre Wirkung somit merklich beeinträchtigte. Auch Alfred Vohrer scheint Spaß an diesem Stoff gehabt zu haben: Er inszeniert mit viel Schwung, geradeaus und frisch, fromm, fröhlich, frei von der Leber weg. Götz George ist zum Helden natürlich gemacht, versieht seinen Don hier mit jenem Hauch von Selbstüberschätzung, die ihn verwundbar und den Film somit interessant macht, wird aber von Hildegard Knef überstrahlt, die ihre Rolle als Gangsterbraut mit der für sie typischen mürrisch-knurrig-melancholischen Art versieht. Auch Kinski verströmt in seiner Minirolle jene fiebrige Energie, die ihn für Psychopathen prädestinierte, die er in den Wallaces aber viel zu selten entfesseln durfte. Langer Rede, kurzer Sinn: Ein exzellenter, kleiner Reißer aus deutscher Schmiede, der verdeutlicht, was im Fahrwasser der Gruselkrimis alles möglich war.

In-Beirut-sind-die-Nächte-lang-10-211x300Auf dem Flug nach Athen wird Pilot James Faulkner (Lex Barker) von technischen Probleme gezwungen in Beirut zwischenzulanden. Während sich das Team über den unerwarteten Aufenthalt in der schillernden Metropole freut, ist Flugbegleiter Jones (Mickey Rooney) weniger begeistert. Was seine Kollegen nicht wissen: Er hat sich jahrelang als Bote des in Beirut ansässigen Schmugglers Malouf (Walter Slezak) verdingt und diesen dabei um 40.000 britische Pfund geprellt. Der Gangsterboss braucht nicht lang, um in Erfahrung zu bringen, dass Jones wieder in der Stadt ist, und setzt sofort seine Häscher auf ihn an. Der Betrüger fleht seine Kollegen um Hilfe an, ohne ihnen von seiner kriminellen Verwicklung zu berichten, und zieht sie so mit in die ganze Sache hinein. Es gilt, 24 Stunden zu überstehen, bis die Maschine wieder starten kann …

Ein auf der deutschen DVD enthaltenes Interview mit dem Produzenten Harry Alan Towers fasst dessen Geschäftsphilosophie treffend als „More Bang for your Buck“ zusammen. Towers war weniger an hehrer Filmkunst – was immer das auch sein mag – interessiert, als an guten Geschäften. Seinem Publikum versuchte er – ganz Populist – stets eine prall mit Attraktionen gefüllte Wundertüte zu präsentieren. Sein durchaus erfolgreiches Konzept sah meist so aus: Man nehme das Werk eines populären Bestsellerautoren, lasse es von einem verlässlich und günstig arbeitenden Regisseur an exotischen Schauplätzen inszenieren und besetze es mit Stars des internationalen Films und Fernsehens. Die Filme Towers‘ sind dementsprechend selten wirklich nachhaltig und stets ein wenig bieder, aber eben immer schön bunt und knallig. Das lässt sich auch von 24 HOURS TO KILL sagen, der dem heutigen Zuschauer 90 Minuten lang angenehm nostalgisch stimmendes, anachronistisches Abenteuerkino bietet, und ihn, ein angenehmer Nebeneffekt, in entspannte Urlaubsstimmung versetzt.

Beirut ist, noch vor den Verwüstungen, die Bürgerkrieg und Nahost-Konflikt rund zehn Jahre später und bis in die Gegenwart andauernd anrichten sollten, eine pulsierende Metropole, deren Attraktionen ausgiebig vorgeführt werden und den Hintergrund für die fast beiläufig entwickelte Geschichte bietet. Für Erheiterung sorgt vor allem die Zeichnung des Pilotenteams als unzertrennlicher Haufen kerniger Abenteurer-Typen und zauberhafter Damen, inklusive der sich zwangsläufig einstellenden melodramatischen Verwerfungen. Der attraktiv-männliche James ist natürlich mit allen Wassern gewaschen, ein Bild von einem Kerl, und als Pilot auch im Umgang mit gefährlichen Gangstern zu keiner Zeit überfordert. Ihn verbindet eine Liebesbeziehung mit der bildschönen Stewardess Louise (Helga Sommerfeld), die jedoch unter seiner noch gültigen Ehe leidet. Das Liebesglück wird immer wieder von Briefen der Gattin gestört, die den stets abwesenden Ehemann doch mit einem Seitensprung überhaupt erst in die Arme der Kollegin trieb. Unnachgiebig verurteilt er ihren doch eigentlich verständlichen Seitensprung, ohne jedoch konsequenterweise die Scheidung einzureichen. So wird man Zeuge eines träneninduzierenden Dramas mit tragischem Ausgang. Copilot Tommy (Michael Medwin) hingegen hat keine Sorgen. Er ist ein sympathischer Hallodri, hat in jedem Hafen eine Braut sowie ein kleines braunes Notizbuch mit all ihren Adressen und Telefonnumern und in der blonden Stewardess Franzi (France Anglade) trotzdem eine Verehrerin an Bord, die seine zwanghafte Vielweiberei nicht davon abhält, von einer festen Beziehung mit ihm zu träumen. Ein leicht überstrapazierter Running Gag widmet sich seinen verzweifelten Versuchen, die libanesische Bauchtänzerin Mimi zu erreichen. Als er ihr dann endlich von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, etpuppt sie sich zu seinem Bedauern als verheiratet – und ihre vermeintliche Telefonnumer als ihre Gardemaße. Bleibt – neben dem eher unscheinbaren Techniker Kurt (Wolfgang Lukschy) – noch Jones: Rooney gibt ihn als ekelhaft opportunistischen Feigling, der lieber seine Freunde ins Unglück reißt, als einmal die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Die Läuterung bleibt zur großen Überraschung aus, er bekommt am Ende, als man schon nicht mehr damit rechnet, sein verdientes Fett weg. Wie es die Tagline so schön sagt: „Man proposes, Allah disposes.“

Der Rest ist Schmunzeln über die Naivität, die in diesem Film zum Ausdruck kommt. Die Versuche der Gangster, Louise zu entführen, um so ein Druckmittel in der Hand zu haben, sind geradezu kläglich amateurhaft und stehen in keinem Verhältnis zum Selbstbild Maloufs, der sich mit Fez auf dem Kopf als kommender Bond-Schurke geriert. Aber was soll man auch von jemandem halten, der sich ausgerechnet Hans Clarin als Killer hält? Herrlich auch der Auftritt eines Polizisten, der nach gescheitertem Entführungsversuch von James zu Rate gezogen wird, das Ganze nach den wenig überzeugenden Abwiegelungen von Jones jedoch abhakt wie eine kleine Bagatelle. In Beirut sind eben nicht nur die Nächte lang, sondern auch die Leitungen der Behörden.

Lex Barker war seinerzeit in Europa sehr gefragt und nutzte dieses Engagement wohl als kleine Abwechslungs zwischen seinen deutschen Karl-May-Engagements. Kurz zuvor hatte er DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES abgedreht, wenig später folgte DURCHS WILDE KURDISTAN. Für Towers hatte er bereits in VICTIM FIVE vor der Kamera gestanden, die damals Nicholas Roeg bediente. Regisseur Peter Benzencenet hat außer diesem nur noch drei weitere Filme – alle zwischen 1961 und 1965 – gedreht, war aber seit den Dreißigerjahren als Editor aktiv. Seine Regie ist unauffällig und eher pragmatisch. In einer kleineren Nebenrolle als Geliebte Maloufs ist Maria Rohm zu sehen, die seinerzeit mit Produzent Towers verheiratet war und in zahlreichen seiner Filme aus jener Zeit auftrat. Fazit: Ein hübscher Timewaster, wenn man nicht zu viel erwartet.