Mit ‘Hans Deppe’ getaggte Beiträge

indexIn der Lüneburger Heide geht ein Wilderer um. Der Förster Walter Rainer (Rudolf Prack) ist ihm eines Nachts dicht auf der Spur, verliert ihn aber am Schloss des alten Ehepaars  Lüdersen (Otto Gebühr & Margarete Haagen). Deren Verwandte, die schöne Apothekerin Helga (Sonja Ziemann) und ihr Vater (Hans Stüwe), leben dort seit einiger Zeit zur Untermiete, ohne von den Einheimischen je richtig aufgenommen worden zu sein. Während sich nach anfänglichen Konflikten eine zarte Liebe zwischen dem Förster und der jungen Frau entspinnt, wird immer klarer, dass ihr Vater der nächtliche Jäger ist. Er tötet nicht für Profit: Eine dunkle Leidenschaft, eine auch ihm unbegreifliche Sucht zieht ihn Nacht für Nacht mit dem Gewehr in die Wälder. Die einzige Möglichkeit, seine Inhaftierung oder gar seinen Tod zu verhindern, scheint es, die Heide und überhaupt die Natur für immer zu verlassen und in die Stadt zu ziehen. Doch die Aussicht darauf bricht dem Naturfreund fast das Herz. Die Dinge kommen in Bewegung, als ein Zirkus sein Lager aufschlägt und wenig später ein Polizist tot aufgefunden wird …

Nur ein Jahr nach dem Sensationserfolg von SCHWARZWALDMÄDEL vereinte Regisseur Hans Deppe das Traumpaar des neuen deutschen Heimatfilms, Sonja Ziemann und Rudolf Prack, in einem weiteren Lobgesang auf Heimat, Natur und Liebe, das in leuchtenden Agfacolor-Farben von der Leinwand herabstrahlte und sein Publikum direkt ins Herz traf. Der Damm war gebrochen, GRÜN IST DIE HEIDE übertraf noch den Erfolg des Vorgängers und darf sich heute zumindest inoffiziell (die 19 Millionen Zuschauer sind nicht verbrieft) mit dem Titel „Zweiterfolgreichster deutscher Film aller Zeiten“ schmücken. Die Vorlage lieferte der „Heidedichter und Heimatschriftsteller“ Hermann Löns (1866 – 1914) mit seinen Schriften, deren Kernaussagen mit jenen des Heimatfilms nahezu identisch sind. Löns, ein intellektueller Stadtmensch, beobachtete die zunehmende Urbanisierung zu Beginn des industriellen Zeitalters mit großer Skepsis, suchte immer wieder die Nähe zur Natur, idealisierte das Bild des Jägers als Heger und Pfleger, setzte sich 1911 für die Gründung des ersten deutschen Naturparks, der Lüneburger Heide, ein und gilt als früher Wegbereiter des Naturschutzes. Die Eindrücke, die er während seiner oft wochenlangen Naturaufenthalte – er besaß eine Jagdhütte – sammelte, verarbeitete er noch vor Ort zu Romanen, Erzählungen und Gedichten, von denen einige später als Lieder vertont wurden und so auch explizit Eingang in GRÜN IST DIE HEIDE fanden. Rund zwei Jahrzehnte nach seinem Tod – Löns starb nach nur einem knappen Monat Kriegsdienst bei seinem ersten Sturmangriff in Frankreich – entdeckten ihn die Nazis für sich. Vor allem sein Roman „Der Wehrwolf“, der vom Kampf eines niedersächsischen Bauerndorfes gegen Landstreicher in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erzählt, passte gut zu ihrer Ideologie, aber natürlich auch die generell in seinem Werk auffindbare Verknüpfung von Nationalismus und Naturverherrlichung. Dass Löns bekennender Antisemit war, dürfte auch nicht geschadet haben. Der Germanist Hans-Ulrich Koch fasst den Wert von Löns literarischem Werk kurz und bündig zusammen: „Banalste Gedichte, von denen einige durch Vertonung überlebt haben, und Provinzprosa, die der Blut-und-Boden-Literatur zumindest vorgearbeitet hat und für die der Ausdruck Kitsch noch ein Euphemismus ist: nicht viel anders wird wohl jeder, der über einigen literarischen Geschmack verfügt, das Werk von Hermann Löns charakterisieren.“

Deppes Film bedient sich, ganz im Sinne der verheerenden Ideologie des vorangegangenen Jahrzehnts, der Naturmotivik, um an das deutsche Nationalgefühl zu appellieren: Zum Ende des Films versammeln sich die Heidebewohner zusammen mit dem Zirkusvolk zu einem Volksfest, bei dem Nachtigall (Kurt Reimann), einer der drei lustigen Vagabunden, die als eine Art comic relief durch den Film wandeln, das „Riesengebirgslied“ singt, in das schließlich alle einstimmen. Das Volkslied besingt die Schönheit des eigentlich polnisch-tschechischen Gebirges, das in einer späteren, auch im Film verwendeten Umdichtung des ursprünglichen Textes aber als „deutsches Gebirge“ identifiziert wird, und die Sehnsucht, die seine Bewohner in der Ferne danach verspüren. Diese unbeschreibliche, nahezu körperlich spürbare Sehnsucht ist es auch, die den Wilderer Lüdersen, die Ausreise in städtisches Exil vor Augen, zu einer pathetischen, fast tränenerstickten Rede anheben lässt. In überzeichneten Bildern beschreibt er die Stadt als Ort der Tristesse, an dem man den Staub von den Bäumen wischen müsse, um zu sehen, ob sie darunter wirklich echt sind. Die Natur hingegen mache sich als unheimlicher Sog in seinem Inneren bemerkbar, als unstillbarer Durst, dem er sich nun für immer widersetzen müsse. Auch seine nächtlichen Jagdgänge lassen sich von ihm nicht rational erklären. Seine Versuche, sie vor seiner Tochter zu rechtfertigen und zu begründen, enden allesamt in abgebrochenen Sätzen und Ausflüchten, sie könne es ja doch nicht verstehen: Wahrscheinlich, weil er sie selbst nicht versteht. Und so wird GRÜN IST DIE HEIDE, im Unterschied zum ganz und gar sonnigen SCHWARZWALDMÄDEL, von einer entschieden dunkelromantischen Strömung untergraben (unterflossen?). Passend dazu spielen viele Szenen bei Nacht, zeichnen die Heide als mystischen Ort voller Verstecke und Geheimnisse, der vom Menschen weder vollkommen gebändigt noch auch nur durchschaut werden kann. DieseKraft, die die Menschen für diese Landschaft einnimmt und den hilflosen Lüdersen Nacht für Nacht hinauszieht, ist dieselbe, die auch die Nationalsozialisten beschworen und für ihre Zwecke instrumentalisiert haben: ein undefiniertes, sinnliches Wallen und Wogen in der Brust, das die Menschen angesichts von Konzepten wie „Heimat“, „Volk“ oder eben „Natur“ spür(t)en. Der Film steht dieser Kraft nicht unbedingt indifferent, aber doch einigermaßen ratlos gegenüber. Das Handeln Lüdersens ist falsch, aber ein schlechter Mensch ist er auch nicht. Und um seinem dunklen Trieb etwas Positives entgegenzuhalten, geht er am Schluss eben vollständig in schnöder Heimat- und Naturverbundenheit auf, stellt sich außerdem ein anderer, natürlich Auswärtiger als böser Fallensteller und Mörder heraus. Wobei sich dann die Frage stellt: Gibt es denn einen Ort, der nicht irgendjemandes Heimat und für ihn mit ebensolchen Gefühlen aufgeladen ist?

Oben skizzierte Elemente machen es unmöglich, den Film so gänzlich „unschuldig“ zu sehen und zu genießen zu können, wie das beim für mich SCHWARZWALDMÄDEL zweifellos der Fall war, auch wenn GRÜN IST DIE HEIDE mit seinen Postkarten-Naturpanoramen und diesen über die Jahrzehnte leicht ins Pastellige verblichenen Farben ebenfalls reich an visueller Schönheit und Magie ist. Und dieser Sinn für die ausgedehnte Pause und das gute Tröpfchen zwischendurch, den deutsche Filme aus jener Zeit und bis in die Siebziger pflegten, ist etwas sehr Spezielles und Spezifisches, ein kleines Detail, das immer bedeutender wird, je häufiger man es wiederentdeckt. Die breit ausgedehnte Zirkus-Sequenz kurz vor Schluss, die den Film mit eingebauten Clowns-, Artisten- und Zauber-Attraktionen auf Länge bringt, zeigt indes eindeutig den schnöde-kommerziellen Impuls hinter der Produktion, für die offenkundig kein solch ausgefeiltes Drehbuch wie noch für den Vorgänger zur Verfügung stand (dessen folkloristischen Elemente wirkten dort noch weitaus weniger zeitschindend und selbstzweckhaft). Hier existierte dann eben schon so etwas wie eine Zielgruppe, Vorstellungen darüber, was diese sich von dem Film erhoffte, und der Wille, diesen Wünschen möglichst vollständig nachzukommen. Auch das Thema, Heimat und Natur, wird von Deppe nicht organisch aus der Geschichte und den Figuren heraus entwickelt, sondern vielmehr von außen übergestülpt. Das zeigt sich besonders an der Beziehung zwischen dem Amtsrichter (Willy Fritsch) und der Reiterin Mona (Maria Holst), einer alten Freundin von Helga, die sich dem Zirkus allein angeschlossen hat, um so in die USA übersetzen zu können: Den ganzen Film über wird sie von dem älteren Herrn, der sich Hals über Kopf in sie verliebt hat, bekniet, doch bei ihm „in der Heimat“ zu bleiben, ohne jedoch von ihrem Plan abzuweichen: bis zum Ende, als das Happy End ihren plötzlichen Gesinnungswechsel erforderlich macht, ohne dass der Beweggrund für ihr Umdenken auch nur annähernd nachvollziehbar würde. Daran zeigt sich sehr deutlich aus welchem ideologischen Holz GRÜN IST DIE HEIDE geschnitzt ist: Die Vernunft muss dem Ruf des Herzens nachgeben, Argumente sind Schall und Rauch, wenn das Sentiment nur stark genug ist, das Heimat- und Vaterlandsgefühl nur laut genug besungen wird. Deppes Film ist ein unersetzliches Zeitdokument und ein faszinierender Film, schön und verführerisch, aber in dieser Tendenz auch sehr beunruhigend und befremdlich.

schwarzwaldmaedelMalwine Heinau (Gretl Schörg) ist der Star einer Eisrevue in Baden-Baden. Auf der Bühne trägt sie ein wertvolles Collier des Juweiliers Bussmann (Ernst Waldow), das ihr dessen Angestellter Theo (Hans Richter) übergeben hat. Weil ihm die attraktive, zielstrebige Frau schöne Augen macht, ringt sie ihm den Gefallen ab, ihr das Schmuckstück auch für den Bühnenball zu überlassen. Der bringt ihr, nachdem er erfahren hat, dass sie zuvor eine Kopie getragen hatte, sogar das Original mit. Als Theos Kollegin Bärbel (Sonja Ziemann) das mitbekommt, nimmt sie ihm die Kette ab, vergisst sie jedoch sofort wieder, als sie bei der abendlichen Tombola den Hauptpreis, ein Auto, gewinnt. Doch Collier und Auto sind nicht das einzige, was sie von der Feier mitnimmt: Mit ihrem freundlichen, unbekümmerten Auftreten hat sie außerdem das Herz des Malers Hans Hauser (Rudolf Prack) erobert, Malwines Liebhaber, der von dem herrischen Wesen seiner Herzdame langsam genug hat. Als er seinem Freund Richard (Walter Müller), überdies Malwines Bühnenpartner und schwer verschossen in den Star, am nächsten Tag von seiner neuen Liebe erzählt, wittert der seine Chance: Er will Hans helfen, Bärbel im Schwarzwald ausfindig zu machen und so gleichzeitig den Weg für eine Beziehung mit Malwine freiräumen. In dem kleinen Örtchen St. Christoph betätigt sich die junge Frau in ihrem Urlaub als Haushälterin im Haus des Domkapellmeisters (Paul Hörbiger). Und auch Theo begibt sich auf den Weg dorthin, um das Collier zurückzuholen. Vor Ort kommt es zu den erwartbaren Verwicklungen. Und dann tauchen auch noch Malwine und Bussmann auf …

Die schwungvoll erzählte, wendungsreiche Geschichte, die viele Gelegenheiten für amouröse Pärchenbildungen und komische Verwechslungen bietet, ist wahrscheinlich ein wesentlicher, wenn auch nicht der einzige Grund für den immensen Erfolg von SCHWARZWALDMÄDEL. Der Film war maßgeblich verantwortlich für die in den Fünfzigerjahren folgende Welle von Heimatfilmen und machte die Hauptdarsteller Rudolf Prack und Sonja Ziemann zu einem Traumpaar des deutschen Films. Die gleichnamige Operette von Leon Jessel aus dem Jahr 1917 war zuvor bereits dreimal verfilmt worden (1920, 1929 und 1933, dem Jahr, in dem die Aufführung der Operette aufgrund des jüdischen Hintergrunds Jessels von den Nazis untersagt wurde), doch erst als sich Deppe nach dem Krieg des Stoffs annahm, hinterließ er solch nachhaltigen Eindruck bem Publikum. Rund 15 Millionen Menschen strömten in die Kinos, um den ersten deutschen Farbfilm seit Veit Harlans Durchhalte-Propaganda KOLBERG aus dem Jahr 1945 zu sehen. (Wären die Zahlen gesichert, wäre SCHWARZWALDMÄDEL damit der sechsterfolgreichste deutsche Film aller Zeiten, noch weit vor DER SCHUH DES MANITU, der derzeit Platz eins einnimmt.) Dass das deutsche Phänomen des Heimatfilms etwas mit dem Bedürfnis des Publikums nach Alltags- und Sorgenflucht zu tun hatte, ist ein reichlich abgegriffenes Klischee, das jedoch mit neuer Evidenz aufgeladen wird, wenn man sich SCHWARZWALDMÄDEL anschaut. Für die Menschen, die in ihrem grauen Nachkriegsalltag in deutschen Städten immer noch mit den Spuren der Zerstörung konfrontiert waren, muss Deppes Film wie Balsam, wie ein Lichtblick im Dunkel gewirkt haben. Und diese rundum positive, beschwingte und warme Stimmung, die der Film vermittelt, hat auch bei mir durchaus Eindruck hinterlassen.

Ideologiekritisch betrachtet, betreibt Deppe in SCHWARZWALDMÄDEL so etwas wie die Rekonsolidierung des angeschlagenen deutschen Nationalbewusstseins (der ebenfalls von Deppe inszenierte Nachfolger GRÜN IST DIE HEIDE geht dabei noch einen Schritt weiter): Er führt die Naturschönheit Deutschlands vor Augen, er bietet deutsche Kultur, Traditionen und Brauchtum eine Bühne und er zeigt ein braves, liebenswertes Völkchen, das in den Dörfern auf dem Lande lebt und dort weitab jeglicher Politik sein Leben lebt. Damit hebt es sich durchaus von der Stadtbevölkerung ab: Die ersten Szenen während des Bühnenballs in Baden-Baden sind geprägt von einer gewissen Dekadenz, die von den Malwine und dem Juweilier Bussmann verkörpert wird – zwei Charakteren, die dem Konzept von Antagonismus so nah kommen, wie das in einem Film, der kein Böse kennt, möglich ist. Es wird geprahlt und geprotzt, statt Offenheit und echter Gefühle gibt es kleine Intrigen und Spielchen, die vor allem den armen Hans fürchterlich zermürben. Die Reise in den Schwarzwald wird zu einer Frischzellenkur für ihn, aber auch für seinen Freund. Ihres Motorrollers und ihrer Kleidung beraubt, ziehen Hans und Richard als Vagabunden singend und musizierend über Wälder und Wiesen, fühlen sich bei den einfachen, aber ehrlichen Leuten auf dem Land gleich pudelwohl und kommen ihrer Erfüllung ein Stück näher. Heutzutage nimmt man stattdessen ein Sabbatical.

Ich habe das oben schon angedeutet: Dass SCHWARZWALDMÄDEL ein solcher Erfolg werden konnte, liegt auch am Drehbuch von Bobby Lüthge, das einfach brillant konstruiert ist, neben vielen Plotwendungen und komischen Episoden auch viele liebenswerte Charaktere aufbietet. Die beiden Protagonisten, „das Bärbele“ und der brave Hans, sind eher langweilig, sympathische, aber auch sehr glatte Identifikationsfiguren, aber die durchtriebene Malwine (Richard besingt sie wie folgt, die sexuellen Untertöne des Film hervorkehrend: Malwine, ach Malwine/Du bist wie eine Biene/Du kehrst bei jeder Blüte ein/und stiehlst den süßen Honigseim“), der in Gegenwart von Bärbel zu neuer Jugend aufblühende Domkapellmeister und der bissige Bussmann sind einfach toll. Auch wenn hier letztlich nur Lustspielklischees aufgewärmt werden, gelingt es den Schauspielern doch, diese mit zu Leben zu füllen und zu überraschen. Es hätte Deppes Film wahrscheinlich auch nicht geschadet, wenn er zehn Minuten früher sein Ende gefunden hätte, denn im letzten Drittel geht der Schwung doch etwas verloren; dennoch darf SCHWARZWALDMÄDEL nicht nur historisch als idealer Einstieg in das Genre des deutschen Heimatfilms gelten. Sonntagmittage sind für solchen Stoff wie geschaffen. Mir hat’s gefallen, mehr wird folgen.