Mit ‘Hans Korte’ getaggte Beiträge

Ich habe an dieser Stelle schon häufiger das Loblied auf den unvergleichlichen Zbynek Brynych gesungen, der in Deutschland vor allem mit seinen drei vier brillanten DER KOMMISSAR-Episoden sowie zahlreichen DERRICK-Folgen assoziiert wird. Seine drei deutschen Kinoproduktionen, die er allesamt 1970 realisierte – OH HAPPY DAY, ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN und eben DIE WEIBCHEN – floppten leider und fast möchte man anfügen: wenig verwunderlich, hatte man hierzulande doch immer ein untrügliches Talent, ware Größe nicht zu erkennen. DIE WEIBCHEN ist die letzte seiner drei deutschen Kinoproduktionen und unverkennbar Brynych. Was ironischerweise gleichzeitig impliziert, dass er natürlich ganz anders ist als die beiden vorangegangenen Werke. DIE WEIBCHEN ist, wenn man so will, ein Horror-, ja sogar ein Kannibalenfilm, verbindet Elemente von THE STEPFORD WIVES, L’ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD, SHOCK CORRIDOR und anderen, pulpigeren Werken zu einem psychedelischen Trip, der an zeitgenössische Pop-Art ebenso erinnert wie an die tschechische New Wave und natürlich an die großen, schrundigen Grindhouse-Reißer der Siebziger, die um ähnliche Themenkomplexe kreisten und dabei Männer und Frauen gegeneinander aufhetzten.

Eve (Uschi Glas), Chefsekretärin, kommt auf Anraten ihrer Ärztin nach Bad Marein, einem Kurort für Frauen, wo sie sich in Obhut von Dr. Barbara (Gisela Fischer) erholen soll. Vor Ort wird sie von einer Clique anderer Patientinnen aufgenommen, unter ihnen Astrid (Françoise Fabian) und Olga (Judy Winter). Nach einer ausgelassenen Feier, bei der drei mit ihrem Auto im Ort gestrandete Männer in die Gruppe eingeführt werden, findet Eve einen von ihnen ermordet vor. Und am nächsten Tag gibt es ein großes, blutiges Filetstück zum Frühstück. Eve sucht den Kommissar des Ortes (Hans Korte) auf, aber der hat für ihre Verdächtigungen nur Spott übrig …

Dass man von Brynych keinen straighten Kannibalen-Schocker erwarten sollte, dürfte den meisten, die diesen Text lesen, schon klar sein: Vielmehr weitet der Tscheche seine Geschichte zur gar nicht so bösen, vielmehr sogar sehr liebenswerten und verständigen Satire über das Geschlechterchaos aus, die in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren über die westliche Welt fegte. In DIE WEIBCHEN jedenfalls schlagen die Frauen, die viel zu lang unter der Fuchtel der Männer standen, mit einem Lächeln und einem im wahrsten Sinne des Wortes hungrigen Körper zurück, dass den Männern nicht viel mehr bleibt als ein notgeiles Lächeln. Der Film kulminiert in einer dann doch überraschend garstigen Kreissägenszene, bevor Eves Wille schließlich gebrochen, sie in den Kreis der Männermörderinnen eingemeindet wird. Der Ton oszilliert zwischen Fleisch-Thriller, ausgelassenem Beatfilm, greller Gesellschaftskomödie, dystopischem (oder doch utopischem?) Sex-Märchen, verspielt-ironischer Agit-Prop und immer wieder auch Elementen, bei denen man ein wenig das Gefühl hat, Brynych nehme das deutsche Filmgeschehen aufs Korn. Wie schnarchig und verquast etwas Waldleitners Simmel-Verfilmungen sind, wird in diesem ebenfalls von ihm produzierten Werk eben deshalb so augenfällig, weil sich zum Teil die selben Darsteller tummeln, die hier aber ganz von der Kette gelassen werden. Ein schmierbäuchiger Hüne mit Narbengesicht, Sonnenbrille und Krallenhand lässt Adi Berbers Fettsäcke aus den Wallace-Filmen wie tumbe Witzfiguren erscheinen. Und „uns Uschi“ zeigt uns hier, wo sie nicht dazu gezwungen wird, ein freches Powerfräulein zu spielen, plötzlich welche beachtlichen Qualitäten ihr makelloses Püppchengesicht als angrundtiefe Projektionsfläche mitbringt. Am schönsten ist DIE WEIBCHEN, wenn er sich in seinen orgiastischen Set Pieces verliert, etwa in einer Swimming-Pool-Sequenz gegen Ende, wenn alle Frauen nach dem Verlassen des Schwimmbeckens durch blutrotes Licht gleiten. (Apropos „Swimming Pool“: Bin ich der einzige, der in dieser Szene an Cronenbergs SHIVERS denken musste?) Toll ist auch eine mit der Subjektiven eingefangene Szene, in der die Frauen den vierschrötigen Gärtner zum Schweinchen-in-der-Mitte herausfordern. Oder die Frauen sich in einer THE WICKER MAN vorwegnehmenden Szene ihrer BHs entledigen und sie ins Feuer werfen. Oder wenn Hans Korte als Kommissar glucksend Schnapsfläschchen in sich hineingießt. Oder, oder, oder.

Ihr seht, DIE WEIBCHEN ist Film als Fest der Eindrücke, aber auch weit davon entfernt, bloß selbstverliebter Bilderreigen zu sein. Brynych inszeniert mit der Gewissheit, dass das Leben zu kurz ist und Film zu reich, um für eine schnöde Vision oder langweilige Kohärenz vergeudet zu werden, trotzdem bleibt er immer zielstrebig und auf den Punkt. DIE WEIBCHEN ist alles auf einmal, aber wie durch ein Wunder trotzdem von allem genau so viel, dass man gern noch ein bisschen mehr hätte, nie zu viel oder zu wenig. Um im Bild zu bleiben: Der Appetit ist geweckt, die Sättigung hat noch ein bisschen Zeit.

Wer die Blu-ray von Bildstörung noch nicht hat, sollte – wie könnte es anders sein? – schleunigst zugreifen und einen der aufregendsten Filmemacher, die je in Deutschland arbeiteten, auf dem besten deutschen Filmlabel entdecken, das ihm eine Veröffentlichung spendiert hat, die ihm zu jener Ehre gereicht, die seinen Filmen zu Lebzeiten leider verwehrt geblieben ist.

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beate2Episode 046: Kaffee mit Beate (Alfred Vohrer, Deutschland 1978)

Die Schauspielerinnen Beate (Helga Anders) und ihre Freundin Helga (Johanna Elbauer) warten auf ein Vorsprechen. Helga ist nervös, also gibt Beate ihr eine Cognacbohne: Wenig später bricht Helga tot zusammen. Die Cognacbohnen waren vergiftet. Um den Mörder zu finden, wird Harry im Haus Beates eingeschleust. Sie lebt als einer von vier Untermietern in der Wohnung von Frau Pacha (Agnes Fink). Alle sind potenzielle Täter.

KAFFEE MIT BEATE ist aus mehreren Gründen ein weiterer Gewinner von DERRICK-Regisseur Alfred Vohrer. Zunächst einmal weicht die Folge strukturell vom Standard ab: Derrick selbst hat nur eine kleine Rolle und tritt kaum aktiv in Erscheinung, fast der ganze Fall spielt sich in der Wohngemeinschaft ab, in der Harry verdeckt ermittelt. Das sorgt schon für eine gewisse zusätzliche Aufmerksamkeit, aber bei mir hat KAFFEE MIT BEATE vor allem aus anderen Gründen gepunktet. Schon im Titel kommt dieser deutsche Kitschroman-Schmelz zum Vorschein, der wie immer bei DERRICK mit einer Extradosis Tristesse und Verzicht verabreicht wird. Der Name „Beate“ wird wohl dutzende Male ausgesprochen und damit zum Mantra der Episode, die Trägerin des Namens zur sexuellen Wunschfantasie und Heilsbringerin hochstilisiert, was naturgemäß in krassem Missverhältnis zur etwas anämischen Trägerin und der angestaubten Altherren-Fernsehrerotik  steht, die sie verkörpert. (Man erkennt Helga Anders, die schmollmündige Versucherin aus MÄDCHEN MIT GEWALT, kaum wieder.) Alle Männer der WG – Peter Pasetti als geschiedener Supermarkt-Leiter Serball, Christian Quadflieg als jungdynamischer Architekt Herwig, Klaus Herm als nerdiger Lektor Pacha – sind geil auf die freundliche Beate, die gar nicht weiß, wie ihr geschieht, geradezu besessen von ihr und der Vorstellung, von ihr empfangen zu werden, und das Innuendo, mit dem sie davon sprechen, Kaffee mit ihr getrunken oder gar ein mexikanisches Gericht von ihr gekocht bekommen zu haben – ein scharfes selbstredend! -, lässt Bilder im Kopf des Betrachters entstehen, die die tatsächlichen Ereignisse der Episode niemals rechtfertigen. Aber genau darum geht es eben: Um die wüsten Fantasien geiler Böcke, die in der Nähe eine jungen Frau und der milden Versuchung, die sie repräsentiert, völlig den Kopf verlieren. Harrys mehrfach gestellte Frage, ob sein Gegenüber mit der jungen Frau „geschlafen habe“, wird in ihrer ehrlichen Direktheit hingegen stets als unverschämt abgewiesen: Mit Beate schläft man nicht! Und dann der Clou mit den Cognacbohnen, dem Aufputschmittel ergrauter Mauerblümchen. Da macht es auch nichts, dass die Auflösung reichlich überstürzt daherkommt und nach so viel aufgestauter Lust eine kleine Enttäuschung ist.

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hotte2Episode 047: Solo für Margarete (Michael Braun, Deutschland 1978)

Die Folge, in der der 45-jährige Horst Buchholz den aufstrebenden (aber heroinabhängigen) Musikstar, Gitarrengott und Frauenschwarm Alexis gibt, der die Gitarrensoli, die die einzige Daseinsberechtigung seines sterilen Bluesrock-meets-Disco-Sounds sind, mit geilen Gniedelgesichtern garniert. Ansonsten benimmt er sich wahlweise wie ein verwöhntes Kleinkind, das die Eltern mit Psychomethoden zum Kauf eines Spielzeugs bewegen will, oder wie ein verzärtelter Künstler auf dem endlosen Egotrip. Weiße Cowboystiefel über der Jeans, das darf sowieso nur Lemmy. Aber natürlich ist das auch alles wieder ganz geil: Diese Vorstellung vom Musicbiz etwa, wo ein Mittvierziger, der eine Woche lang vor ca. 50 Leuten in einem kleinen Kellerclub auftritt the next big thing sein soll, eine Band zusammen in einer WG haust und das Heroin aus einer Apothekenampulle in die Spritze gezogen wird. Seitdem Erik Ode als Kommissar Keller einen Marichuana-Süchtigen fragte, ob er das Zeug esse oder trinke, hat sich in Sachen Aufklärung um Reinecker offensichtlich nicht viel getan. Und natürlich dieser melodramatische Schmelz: In der zweiten Hälfte taucht die Zwillingsschwester der Toten auf, um Alexis – in einer Wendung, die an Episode 2, „Johanna“, erinnert – zu konfrontieren und verliebt sich prompt in ihn – und er in sie. Reineckers Drehbuch behandelt diese doch eher pathologisch anmutende Gefühlsverwirrung als mystisches Happy End, gewissermaßen als verspätete VERTIGO-Verwirklichung. Nur eben mit Drogen und schmieriger Musik.

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Episode 048: Lissas Vater (Alfred Vohrer, Deutschland 1978)

Mittelstarke Standardepisode von Vohrer, bei der man das Gefühl hat, dass man Vergleichbares ca. alle zehn Folgen einmal untergeschoben bekommt. Die Schauspieler und die Profiroutine reißen es raus. Heinz Bennent ist Ludwig Heimer, der seiner Ex-Frau Elsa (Christine Wodetzky) nachstellt, die ihn wegen seiner Alkoholsucht mitsamt Töchterchen Lissa (Anne Bennent) verlassen hat und nun mit dem unsympathischen Geschäftsmann Hassler (Ulrich Haupt) verheiratet ist. Seine aufdringlich-unbeholfenen Versuche, sich ihr zu nähern, werden von ihr überaus bestimmt abgeschmettert, weshalb er sich zu einer Morddrohung hinreißen lässt. Als ein Assistent Hasslers beim Verlassen von dessen Haus niedergeschossen wird, scheint alles klar. Ist es aber natürlich nicht. Helen Vita hat einen Auftritt als mitfühlende, ketchuprothaarige Vermieterin Heimers, den Haupt, den finde ich immer wieder gut, und Bennent ist als Häufchen Elend ebenfalls klasse. Aber ansonsten gibt es nicht viel zu berichten. Vohrer jedenfalls bekommt kaum Gelegenheit, zu zeigen, was er kann.

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spitzel3Episode 049: Der Spitzel (Zbynek Brynych, Deutschland 1978)

Ein verdeckter Ermittler wird beim Einbruch in ein Antiquitätengeschäft erschossen: Er hatte den einschlägig bekannten Berufskriminellen Georg Lukas (Götz George) beschattet und war ihm gefolgt. Derrick und Klein werden bei ihren Ermittlungen an den Spitzel Henze (Klaus Behrendt) verwiesen, der seltsam nervös auf die Beamten reagiert. Er lebt zur Untermiete bei einer Ex-Prostituierten Doris (Kai Fischer) und ihrem gewalttätigen Freund Rosse (Ulli Kinalzik) und kümmert sich rührend um ihre jugendliche Tochter Inga (Ute Willing). Ein weiterer Tatverdächtiger ist der Schießstandbesitzer Burkhardt (Stefan Behrens) und der ist wiederum mit Maria Singer (Kornelia Boje) liiert, der Tochter des Antiquitätenhändlers …

Brynych inszeniert sehr zurückgenommen (verwendet dafür aber Boney Ms. „Rivers of Babylon“ als seinen „Refrain“): Wahrscheinlich, weil die Storyline vergleichsweise komplex ist. Anders als andere DERRICK-Folgen, in denen es um „heißgelaufene“ Mörder geht, also um Amateure, die in einem Moment der Schwäche zu Verbrechern werden, spielt „Der Spitzel“ im Milieu: Alle Charaktere haben eine einschlägige Vorgeschichte und sind gute Bekannte der Polizei. George interpretiert seinen Lukas als brutalen, aber gewieften Gewalttäter, Behrendt den diesem diametral gegenüberstehenden Henze als mitleiderregenden, gutmütigen Pechvogel, der seine Wurzeln nicht kappen kann. Die Beziehung zu Inga, die er zur Basketballspielerin machen und sie so ihrer tristen Umgebung entreißen will, ist eigentlich das Herz der Episode, krankt aber daran, dass Ute Willing einen Hauch zu alt für die Rolle des hilflosen Töchterleins ist: Szenen wie die, in der Henze ihr nach dem Besuch eines Disney-Films erklärt, wie Zeichentrickfilme gemacht werden, wirken unfreiwillig komisch und seine Philantropie bekommt unweigerlich eine sexuelle Komponente, die das Drehbuch aber logischerweise nie thematisiert. Es gibt ein paar schöne Bilder, die Szene, in der Derrick in bester Dirty-Harry-Manier mit Pokerface seine Schießkünste unter Beweis stelllt, ist wunderbar badass, und George zieht die Aufmerksamkeit des Zuschauers mit jedem seiner Auftritte auf sich wie ein Magnet. Man sieht hier (und in seinen KOMMISSAR-Folgen), was für ein außergewöhnlicher Darsteller er war. Seltsam, dass er nie den Sprung über den großen Teich versucht hat.

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Episode 050: Die verlorenen Sekunden (Alfred Vohrer, Deutschland 1978)

Frau Leubel (Elfriede Kuzmany), eine Schneiderin, überrascht bei einem Botengang einen Mörder bei der Arbeit. Bevor er sich auch ihrer entledigen kann, wird er durch die Ankunft der Polizei in die Flucht geschlagen. Die alte Dame steht unter Schock, kann sich nicht an den Täter erinnern, obwohl sie ihn auf frischer Tat ertappt hat. Das Opfer, Frau Kwien, war erst vor kurzem von ihrem Mann (Hans Korte) geschieden worden: Das gemeinsame Geschäft fällt durch ihren Tod an ihn …

Eine durchschnittliche Folge, der auch Alfred Vohrer nichts abringen kann. Hans Korte ist gut als unsympathischer Geschäftsmann, Herbert Herrmann, der Filou des deutschen Fernsehens der Achtzigerjahre, ist in einer Nebenrolle als verdächtiger Harro Brückner zu sehen, Maria Sebaldt als vornehme Modedesignerin und der schöne Michael Maien als Mörder. Der Plot dreht sich um die im Titel angesprochenen „verlorenen Sekunden“ in der Erinnerung der Zeugin: Der Mörder hat natürlich ein Interesse daran, dass sie ihr Gedächtnis nicht wiedergewinnt, aber wirklich in Gefahr gerät sie nie. Im Gedächtnis bleiben der stets besoffene Ehemann (Uwe Dallmeier) der Frau Leubel, ein willenlos schlaffer Sack, den Herbert Reinecker als Krückstock benötigte, und Harros nett gemeinte, aber unglaublich herablassende Aussage, Frau Leubel sein „ein armes Huhn“ und einem von Derricks fast immer großartigen Ausflügen in eine Diskothek. Selbst die Unschuldigen sind bei DERRICK fast immer Arschgeigen.

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uteEpisode 051: Ute und Manuela (Helmuth Ashley, Deutschland 1978)

Ein junger Mann wird in einem Parkhaus erschossen, nachdem er in der Diskothek „East Side“ eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt hat. Unbedingt tatverdächtig ist seine Freundin Manuela (Monika Baumgartner): Nicht nur hatte er sie am selben Abend übel zusammengeschlagen, der Wirt will sie als die Anruferin identifiziert haben, die den Toten ins Parkhaus beorderte. Ein Alibi bekommt Manuela von der Sozialarbeiterin Ute (Cornelia Froboess), die alles dafür tut, die aus schwierigen Verhältnissen kommende Manuela zu beschützen.

Auch dies ist eher Durchschnittskost: Der Fall ist nur wenig aufregend, es fehlen die Details in der Beobachtung, die die Serie in ihren besten Momenten auszeichnen, und bedingt durch das Sujet auch dieser bürgerliche Mief, der aus heutiger Sicht so faszinierend und abgründig ist. Aber die Ute ist eine großartige Figur: Cornelia Froboess legt in ihrem Spiel einen geradezu inbrünstigen Eifer an den Tag, der ihre Sozialarbeiterin noch unangenehmer macht als es das Drehbuch eh schon vorsieht. Mit ihrer Riesenbrille, dem Kleinmädchenpony und dem abgehärmten Verzichtergesicht gibt sie eine Missionarin der Gerechtigkeit, die für Abweichler vom Pfad der Tugend keinerlei Empathie übrig hat. Wie bei „Der Spitzel“ gibt es hier einen deutlich sexuellen Unterton, der aber nie explizit aufgegriffen wird, was zu Utes selbstvergessenem Engagement natürlich passt wie die Faus aufs Auge. Die Rückblende mit der geschundenen Manuela ist ungewohnt schmerzhaft, der Schlusskniff am Ende, wenn wir Ute zum ersten Mal ohne Brille sehen, einer jener genialen Einfälle, für die man DERRICK schätzt. Dafür ist Martin Semmelrogge als Manuelas Bruder total verschenkt. (Gisela Uhlen ist als Utes Mutter zu sehen.) In der Diskothek läuft „Let’s All Chant“ von der Michael Zager Band.

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Episode 052: Abitur (Theodor Grädler, Deutschland 1978)

Ein Slow-Burner, der wie die vorangegangene Episode mit einer tollen Schlusseinstellung aufwartet und darüber hinaus eher ungewöhnlich strukturiert ist. Eigentlich geht es in „Abitur“ um zwei Fälle und der Mord ist eher nebensächlich: Trauerkloß Robert (Michael Wittenborn) steht vor dem Abitur, dass er unbedingt mit gutem Notendurchschnitt bestehen muss, um fürs Medizinstudium zugelassen zu werden, schließlich soll er das Geschäft des herzkranken Arztpapas (Hans Quest) übernehmen. Leider ist er unglaublich wankelmütig und unsicher und die Versuche seiner Schwester Lisa (Agnes Dünneisen), seinen Nachhilfelehrer (Peter Dirschauer) zur Manipulation zu überreden, scheitern an dessen Rechtschaffenheit. Bis er eines Abends einen jungen Mann anfährt und Fahrerflucht begeht: Nun hat Lisa ein geeignetes Druckmittel gegen ihn in der Hand. Was sie nicht weiß: Das Unfallopfer starb nicht an den Folgen des Unfalls, sondern wurde anschließend erschlagen …

Das Discofieber, das sich in den vorangegangenen Episoden schon ankündigte, ist hier nun auf dem Siedepunkt. Im „Yellow River“, einem holzvertäfelten Albtraum im Partykeller-Style laufen „Miss you“ von den Rolling Stones, „More than a woman“ von Tavares, „I can’t stand the rain“ von Eruption und die unvermeidlichen Hot Chocolate, während Klein mit Lisa eine flotte Sohle aufs Parkett legt. Die ist einer dieser eiskalten, intriganten Schönen, die Herbert Reinecker sich regelmäßig ausdenkt und ihnen dann einen besonders waschlappigen Typen gegenüberstellt. Hier sind es mit ihrem Bruder und dem Lehrer sogar gleich zwei. Die Erpresserin und ihr Bruder kommen (wahrscheinlich) ungeschoren davon, weil der Fall für Derrick mit der Festnahme des Mörders erledigt ist, aber die Schlusseinstellung suggeriert das Fegefeuer des schlechten Gewissens – und außerdem, dass alle illegalen Bemühungen letztlich umsonst waren. Fies.

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Episode 019: Tote Vögel singen nicht (Alfred Vohrer, 1976)

Ein totes Mädchen wird auf einer Müllkippe in einem Koffer gefunden. Sie arbeitete offenbar im Nachtclub der Unterweltgröße Malenke (Hans Korte), doch dort will niemand etwas über ihren Tod wissen. Als bei der Untersuchung ihrer Mietswohnung jemand auf Klein schießt, der wenig später ebenfalls ermordet wird, kommt der Fall ins Rollen …

Bildschirmfoto 2014-01-11 um 13.01.16Vohrers zweite DERRICK-Episode gehört zu den nominell bekanntesten, gewinnt außerdem gewissermaßen „historische“ Bedeutung, da sie mit ihren fünf Morden bei ihrer Ausstrahlung für einige Aufregung sorgte: Ab diesem Zeitpunkt wurde ein Body Count von drei nicht mehr überschritten. Es ist aber auch diese ungewohnte Ruppigkeit, die TOTE VÖGEL SINGEN NICHT zu einem herausragenden Beitrag der Serie, zumindest zu diesem Zeitpunkt, macht. Das Konzept – erst ein Mord, dann die Ermittlung der beiden Kriminalbeamten, die den Täter enttarnen –, das in der Folge ALARM AUF REVIER 12 zum ersten Mal ausgedehnt wurde, wird hier Richtung Crime- und Unterweltthriller entwickelt. Hans Korte brilliert als hassenswerter, gewissenloser „Geschäftsmann“, der über Leichen geht: Ein Mord in einem Moorbad würde jedem amerikanischen Mafiafilm gut zu Gesicht stehen und wird von Vohrer überaus wirkungsvoll in Szene gesetzt. Das hässliche, schmucklose Bad mit der dampfenden, zähen schwarzen Suppe wird zu einem besonders trostlosen Tatort, der die ganze Schmutzigkeit und Unmenschlichkeit des Milieus widerspiegelt, in dem Derrick und Klein ermitteln müssen. Für den melodramatischen Schmelz wiederum sorgt Doris Kunstmann, nach PFANDHAUS zum zweiten Mal in einer DERRICK-Folge zu sehen: Sie gibt die vor Kummer stets betrunkene Nachtclub-Tänzerin Gerti, die bald ebenfalls auf der Abschussliste Malenkes steht. Den Part der notorischen Feiglinge übernehmen Hans Caninenberg als fahriger Anwalt Dr. Schöne, der von Malenke auf die schiefe Bahn gezogen wird und zur Belohung einen besonders blutigen Tod erhält, sowie Harald Leipnitz als Clubpächter Schermann, dem Derrick mit viel hämischer Freude auf die Finger klopft. TOTE VÖGEL SINGEN NICHT ist Vohrers Ausflug in die Welt des italienischen Polizei- und Gangsterfilms, temporeich, zupackend und voller verkommene Subjekte.

Wertung: *****/*****


Episode 020: Schock (Alfred Vohrer, 1976)

Ein Mann wird erschossen, als er einen Autoknacker auf frischer Tat ertappt. Der Täter, der für den Autoschieber Lusseck (Dirk Galuba) arbeitende Alfred Recke (Vadim Glowna), kann entkommen, muss jedoch die Aussage von Ralf, dem zehnjährigen Sohn des Opfers, fürchten, der alles mitangesehen hat. Doch dem hat es durch den Schock, die Ermordung seines Vaters mitansehen zu müssen, die Sprache verschlagen. Da Lusseck das nicht weiß, setzt er einen Killer auf den Jungen an. Gleichzeitig schickt Recke auf Drängen seiner Gattin (Karin Baal) den eigenen Sohn vor, um unerkannt die Lage bei Ralf auszukundschaften …Bildschirmfoto 2014-01-12 um 14.02.49Nachdem Vohrer mit seiner leichenreichen Episode TOTE VÖGEL SINGEN NICHT für einen kleinen Skandal gesorgt hatte, konfrontierte er das auf Unterhaltung bedachte bundesdeutsche Fernsehpublikum nur eine Woche später mit dem Tabu eines Kindsmordes. Stilistisch und dramaturgisch wandelte er dabei erneut auf den Spuren des italienischen Genrekinos jener Zeit, wozu auch Herbert Reineckers ultra-zugespitztes Drehbuch seinen Teil beitrug. Die makabre, superbittere Pointe von SCHOCK fungiert als extreme Interpretation einer Crime-does-not-pay-Botschaft, die eine bloß gesellschaftliche Funktion übesteigt und zur allgemein humanistischen Warnung vor den gefährlichen Irrwegen ist, auf die es den Menschen verschlagen kann. Die deutsche Tristesse der Siebzigerjahre, die DERRICK so gnadenlos abbildet, scheint hier besonders bleich, düster und ausgweglos, statt einem in Schieflage geratenen Bürgertum, das mit sich und dem Dasein ringt, widmet sich Autor Reinecker hier einer weiter unten angesiedelten Schicht, wo die Aussichten noch deutlich mieser sind. Die Sympathie gehört dabei Recker, einem eigentlich gutmütigen Menschen, der durch ungünstige, schicksalhafte Umstände zum Mörder wird und der danach eben nicht einfach weitermachen kann, wie seine wohlhabenderen Zeitgenossen das in den bisherigen Episoden vorgeführt haben. Auch hier zeigt sich eine Gemeinsamkeit mit dem italienischen Polizeifilm, der sich meist ebenfalls auf die Seite der kleinen Gauner schlägt, deren Notlage von den eigentlichen, meist betuchten Schurken weidlich ausgebeutet wird. Wie seine italienischen Kollegen lässt auch Derrick nichts anbrennen, schlägt, schießt, rennt und hat nebenbei, nach durchgearbeiteter Nacht, noch Zeit, um mit seiner Liebschaft, der Psychologin Renate (Johanna von Koczian), ein Glas Champagner zu trinken. Denn: „Abends kann ja jeder.“

Bildschirmfoto 2014-01-12 um 14.03.20Eine weitere großartige Episode also, die zudem einen der seltsamsten Dialoge bereithält, die die deutsche Fernsehgeschichte bereithalten dürfte. Als Derrick seinem Assistenten Klein eine Ermittlungsidee mitteilt, bestätigt der ihn mit den Worten: „Ich spüre dich doch!“ Worauf Derrick antwortet: „Mach‘ weiter, wenn du mich spürst!“

Wertung: *****/*****


Episode 021: Kalkutta (Alfred Weidenmann, 1976)

Eine Frau wird überfahren und getötet. Die Suche nach dem Täter führt Derrick und Klein erst in die mondäne Flamingo-Bar, in deren Keller ein illegaler Spielsalon versteckt ist, und dann in ein exklusives Altenheim. Dessen wohlhabende Bewohner spenden auf Initiative des Betreibers Millionen für die Hungerhilfe in Indien, die jedoch allesamt auf seinem Konto landen …

Das Tempo ist nach Vohrers actiongeladenen Epsioden deutlich gedrosselt, die Geschichte wird nach dem traditionellen DERRICK-Schema erzählt, doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass auch hier wieder alles sehr dunkel, kalt und trostlos ist. Das Treiben im Casino erinnert an eine Trauerfeier, das Altersheim, das in einem Schloss auf dem Land untergebracht ist, könnte auch in einem melancholischen Rollin-Film Verwendung finden. Und der Coup, dem die Verbrecher nachgehen, ist gar von besonderer Niedertracht und moralischer Verkommenheit: die Hilfsbereitschaft wohlhabender Menschen so schamlos auszunutzen, pfui Deibel. Ansonsten eine Episode, die zwar ohne die ganz großen Aha-Erlebnisse auskommen muss, dafür aber ein paar kleinere, etwa den Auftritt von Schlagerbarde Ricky Shayne oder Derricks James-Bond-Interpretation im Casino. Sehr schön fand ich auch, wie Derrick Anstoß an der Tatsache findet, dass über Lautsprecher Musik in den Waschraum der Flamingo-Bar übertragen wird: Das kann ja nur dazu da sein, etwas zu übertönen. In unserer heutigen Welt würde er sich sicherlich nicht mehr so gut zurechtfinden.

Wertung: ***/*****


Episode 022: Kein schöner Sonntag (Leopold Lindtberg, 1976)

Herr Schirmer (Ullrich Haupt), erfolgreicher Prokurist einer Firma, verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern, gesteht seinem Sohn Jürgen (Andreas Seyferth) ein Geheimnis: Er hat über die Jahre ca. 100.000 DM veruntreut und nun Angst, dass er auffliegen könne. Ein fingierter Einbruchsdiebstahl könnte seine Probleme lösen, doch woher einen Freiwilligen nehmen? Jürgen erklärt sich sofort bereit, der Vater willigt nach halbherzigem Widerspruch schließlich ein. Während des Bruchs wird Jürgen aber auf frischer Tat vom Wachmann ertappt. Im anschließenden Handgemenge stürzt der alte Mann und erleidet schwere Verletzungen. Jürgen macht sich schwere Vorwürfe, doch sein Vater ist nur noch darauf bedacht, heil aus der Sache herauszukommen. Dabei hat er die Rechnung ohne Derrick gemacht.

Als Krimi ist KEIN SCHÖNER SONNTAG beeindruckend unspektakulär (und dramaturgisch mit seinem gut zwanzigminütigen Prolog eher mit den frühen Episoden verwandt): Sofort erkennen Derrick und Klein Herrn Schirmer als Hauptverdächtigen, das merkwürdige Verhalten seines Sohne bestärkt sie noch in ihrem Verdacht. Es ist nicht viel Ermittlungsgeschick ihrerseits nötig, lediglich etwas Hartnäckigkeit und ihre Anwesenheit im richtigen Moment: Als Jürgen Schirmer erfährt, dass der Wachmann seinen Verletzungen erlegen ist, ist sein Widerstand gebrochen und er steigt völlig freiwillig ins Polizeiauto. Auch wenn KEIN SCHÖNER SONNTAG nicht unbedingt viel Suspense bietet, bringt Lindtberg wunderbar auf den Punkt, was bis hierhin schon mehrere Folgen andeuteten: die moralische Verkommenheit, der grenzenlose Egoismus und die explosive Verbindung von Dummheit und Selbstüberschätzung des Bürgertums, vor allem der Männer. Vater und Sohn bilden ein beeindruckend Duo, dessen Einfalt nur noch von ihrer Entschlossenheit getoppt wird. Und sie glauben, alles unter sich ausmachen zu können. Ehefrau und Tochter respektive Mutter und Schwester weren ständig weggeschickt, vertröstet, abgewiesen. Dass die Katastrophe mit einem Quäntchen weiblicher Perspektive wahrscheinlich vermieden worden wäre, liegt auf der Hand. Doch die Alternative zu dem von vornherein zum Scheitern verurteilten Einbruch wäre ein Schuldeingeständnis gewesen, das für Gewinnertypen vom Schlage Schirmers, die alles wollen, aber nicht bereit sind, den Preis dafür zu bezahlen, natürlich nicht in Frage kommt. Lieber zieht man die eigene Brut mit in den Abgrund: Die Frage, ob das Familienoberhaupt von Anfang an den Plan verfolgte, seinen Sohn einen Bruch ausführen zu lassen, wird von Reinecker und Lindtberg nicht beantwortet, wundern täte es indes nicht. So abgezockt, wie der Herr Papa nach dem Tod des Wachmanns zur Tagesordnung übergeht, nur das eigene Davonkommen im Sinn hat, noch nicht einmal zu einer Mitleidsregung fähig ist, ist ihm tatsächlich alles zuzutrauen.

Aus heutiger Perspektive scheint es mir sehr offensichtlich, dass in dieser in DERRICK immer wieder geübten Kritik am Bürgertum auch ein Stück deutscher Vergangenheitsbewältigung steckt. Es waren Leute wie Schirmer, die Hitler an die Macht halfen und ihn dann dort hielten, zu jeder Schandtat bereit, das eigene Gewissen dann mit ihrer opportunistischen Weggucker-Mentalität beruhigend: Ob Drehbuchautor Reinecker, während des Dritten Reichs alles andere als ein Regimegegner, zu später Einsicht gelangt war, kann ich hier nicht beantworten. Aber es scheint fast so.

Wertung: ****/*****


Episode 023: Auf eigene Faust (Zbynek Brynych, 1976)

Winterstein (Siegfried Rauch), ein Kollege Derricks aus der Abteilung „Glücksspiel und Falschgeld“, wird auf offener Straße direkt vor dem Polizeipräsidium erschossen. Offensichtlich war er einer großen Sache auf der Spur und hatte sich dabei etwas zu sehr von dem pensionierten Euler (Karl John) inspirieren lassen, der zu seiner Zeit die Kunst des gefährlichen Alleingangs pflegte. Um aus seiner Ermittlungssackgasse herauszukommen, holt Derrick den Falschmünzer Schenke (Horst Frank) vorzeitig aus dem Knast: Er soll sich für ihn in der Unterwelt umhören und herausfinden, was Winterstein herausgefunden hatte …

Bildschirmfoto 2014-01-14 um 18.27.29Ein Polizist, der Cowboy spielt, ein Pensionär, der das Nichtstun nicht verträgt, ein Verbrecher, der unerwartet die Luft der Freiheit einsaugt, und ein alternder Drahtzieher im Hintergrund, der über einen Mord nicht hinwegkommt: Zbynek Brynych wandelt auch dank seines von Akustikgitarren und Bläsern getragenen Scores auf den Spuren des melancholischen Italowesterns. Seine Geschichte ist voller vom Leben Enttäuschter, tragischer Verlierer sowie verhinderter Helden und spielt in einer Welt, die zutiefst rätselhaft geworden ist. Als Derrick, nach der Begegnung mit Euler über das eigene Älterwerden sinnierend auf die Straße tritt, wirkt sie mit ihren wie Ameisen ihres Weges gehenden Passanten wie ein überlebensgroßes Modell. Sein Assistent Harry verirrt sich bei seinen Ermittlungen in einer Ansammlung finsterer Gassen und Torbögen, die in keinerlei geografischem Bezug zum Rest der Stadt zu stehen scheinen, und wird aus einem offenen Fenster von einer gesichtslosen Silhouette mit Mickey-Maus-Ohren gegrüßt. Schenke findet auf einem von ihm gegebenen Fest mit der schönen Barbara die perfekte Trophäe, um die neu erlangte Freiheit zu feiern, doch muss er am nächsten Morgen ernüchtert feststellen, das alles ein abgekartetes Spiel war: Die Frau wird ihn das Leben kosten. Euler hat es satt, nur noch Zuschauer zu sein, nachdem er jahrelang Akteur war, kann sich an seinen Platz am Fenster neinfach nicht gewöhnen. Auch, weil damit die Einsicht einhergeht, den einstigen Aufgaben nicht mehr gewachsen zu sein. Er ist aussortiert und das einzige, worauf er noch warten kann, ist der Tod. Ähnlich geht es auch Duktus (Helmut Käutner) dem greisenhafter Anführer des Falschmünzerringes: Sein Vater war Erfinder, hat aber Zeit seines Lebens nie etwas erfunden, was Geld eingebracht hätte. Duktus‘ Idee ist Millionen wert: Aber nicht die Leben, die sie gekostet hat.

Bildschirmfoto 2014-01-14 um 18.40.35Brynych hat eine sehr ungewöhnliche Episode inszeniert, die den einstündigen Rahmen sprengt, ohne dabei überfüllt zu sein. Dafür, dass der Fall, den Derrick zu lösen hat, recht komplex ist, die Wege zum Ziel verschlungen, erzählt Brynych mit äußerster Klarheit. Er lässt die Figuren und die Räume, in denen sie sich bewegen, atmen, Situationen sich entwickeln und schreitet so mit großer Leichtigkeit voran. AUF EIGENE FAUST erzählt fast alles über Stimmungen, Bilder und Gesichter, Dialoge sind nur noch der explizite Ausdruck dessen, was eh schon klar ist. Groß.

Wertung: *****/*****


Episode 024: Ein unbegreiflicher Typ (Theodor Grädler, 1976)

Josef Koller (Carl-Heinz Schroth), ein älterer Herr, lädt einen Mann in sein Hotelzimmer, bietet ihm etwas zu trinken an, lässt ihn dann allein zurück mit der Aufforderung, sich wie zu Hause zu fühlen. Dann trifft er sich in einem Café mit Schündler (Jürgen Goslar), dem er einen Umschlag gegen die Überreichung eines vollgepackten Geldkoffers zusteckt.  Auf das drohend ausgesprochene Angebot, es sich jetzt noch anders überlegen zu können, geht er nicht ein, verlässt stattdessen das Café und fährt zum Hotel zurück, verfolgt von einem Handlanger Schündlers. Als Inspektor Derrick kurz darauf in das Hotel gerufen wird, liegt dort ein unbekannter Toter im Zimmer Kollers, während der selbst spurlos verschwunden ist.  Wenig später erhält Derrick einen Anruf von Schündler, der sich gegenüber dem Beamten als besorgter Geschäftspartner des Verschwundenen ausgibt und seine Hilfe anbietet …

Bildschirmfoto 2014-01-14 um 20.27.12Wie es der Titel schon verspricht, lebt Grädlers Episode vom Mysterium, das die Figur des Koller umgibt – und das nie aufgelöst wird. Dieser alte Mann mit dem sonnengegerbten, von Falten zerfurchten Gesicht hat angeblich für den Nachrichtendienst gearbeitet, aus seiner Zeit dort einige Tricks und Methoden mitgenommen und will sich nun mit einem großen Coup, dessen Details nicht näher beleuchtet werden, möglicherweise den Lebensabend versüßen. Bei seinem ersten Auftritt wirkt er überaus konzentriert und entschlossen, später beschreibt seine Exfrau, die ihn kürzlich zum ersten Mal seit 20 Jahren gesehen hat, als durcheinander, fahrig, nachdenklich, zerstreut und als er am Schluss zum Verhör bei Derrick Platz nimmt, kann man sich kaum vorstellen, dass dieser Mann zu einem Verbrechen fähig sein soll. Grädlers Episode erscheint rückblickend, fast 25 Jahre nach dem Tod Schroths, noch mehr wie ein Denkmal für diesen Schauspieler, als das damals schon der Fall gewesen sein muss. Auch wenn er gemessen an der Spielzeit nur kurz zu sehen ist, so prägt er diese Folge doch wesentlich mit seinem facettenreichen Spiel, das viel über den Menschen Koller aussagt, ohne sein Geheimnis zu enttarnen. Ihm gegenüber ist Goslars Schündler zwar eindeutig als charismatischer Schurke angelegt, aber auch er sorgt dafür, dass EIN UNBEGREIFLICHER TYP dem Zuschauer beim Versuch, die Folge zu fassen zu kriegen, immer wieder durch die Finger gleitet.

Bildschirmfoto 2014-01-14 um 21.19.05Wertung: ****/*****

Episode 025: Das Bordfest (Alfred Weidenmann, 1976)

Nach dem Betriebsfest eines Textilunternehmens auf einem Vergnügungsdampfer ist einer der beiden Inhaber, Ernst Kettwig (Wolfgang Reichmann), plötzlich verschwunden. Als er wenig später tot am Ufer des Starnberger Sees aufgefunden wird, gestorben an einer Stichwunde im Rücken, fällt der Verdacht zunächst auf Walter Solms (Matthieu Carrière), den Sohn seines Geschäftspartners Werner Solms (Ernst Schröder), denn Walter hatte ein Verhältnis mit Kettwigs jüngerer Ehefrau Hetty (Herlinde Latzko). Im Zuge der Ermittlungen Derricks gerät jedoch zunehmend Walters Vater in den Blickpunkt des Interesses: Kettwig wollte den Partner aus unbekannten Gründen loswerden. Als jedoch ein Mordanschlag auf Werner Solms verübt wird, platzt auch diese Theorie …

Bildschirmfoto 2014-01-15 um 19.58.27Das zentrale Motiv von Weidenmanns Episode ist der Tanz: Immer wieder kehrt er zu dem Betriebsfest zurück, zeigt die Angestellten beim ausgelassenen Tanz und die Hauptfiguren, wie sie sich währenddessen zu belauern scheinen. Was für die meisten Feiernden das reine Vergnügen ist, wird für die Protagonisten zur Qual: Im Wirbel und im ständigen Wechsel des Tanzes spiegelt sich die Unbeständigkeit ihres Gefühlslebens, die Getriebenheit, auch die Ungewissheit über die Gefühle des Anderen. Kettwig ist im Begriff seine Frau an einen jüngeren zu verlieren, ohne etwas dagegen tun zu können. Walter muss sich damit abfinden, dass der Mann seiner Geliebten sie nicht kampflos überlassen will. Hetty sieht sich in der Rolle des Objekts, das sich im Besitz ihres Gatten befindet. Werner ist selbst ein Filou, von den Frauen magisch angezogen und chronisch untreu seiner Gattin (Judy Winter) gegenüber, die genau weiß, wie sie seine Ausgelassenheit zu verstehen hat. Und dann ist da noch jemand …

Weidenmann inszeniert mit DAS BORDFEST zum ersten Mal einen reinen Whodunit im Rahmen der Serie. Der Mörder ist nicht bekannt – noch nicht einmal der Tathergang wird gezeigt – und der Zuschauer befindet sich auf dem gleichen Wissensstand wie Derrick, der sich durch die Zeugenbefragungen ein Bild machen muss. Doch mehr als die Frage nach dem Täter beschäftigt einen bald schon das derangierte Gefühlsleben der Figuren, das Geschick, das sie dabei an den Tag legen, sich gegenseitig unglücklich zu machen.

Wertung: ***/*****