Mit ‘Hans Nielsen’ getaggte Beiträge

17784Irene Wagner (Marika Rökk) leitet das „Institut für Tanz, Anstand und Enthemmung“, das ihr verstorbener Papa einst gründete und ihr nach seinem Tod vererbte, verbunden mit dem Auftrag, es in seinem SInne weiterzuführen. Doch das Festhalten an alten Traditionen und überkommenen Wertvorstellungen, die Weigerung sich etwa dem Bedürfnis der Jugend nach Rock ‚N‘ Roll zu öffnen, führt Irenes Geschäft zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Der Gerichtsvollzieher steht schon vor der Tür, außerdem ist es offensichtlich, dass Irene jene „Enthemmung“, die sie anderen vermitteln will, selbst am allernötigsten hat. Die Erbschaft eines entfernten Onkels kommt zur rechten Zeit, scheint aber doch unerreichbar: Irene soll sich als Chefin des florierenden Nacht- und Tanzlokals „Der grüne Kakadu“ unter Beweis stellen, bevor es ihr vollständig übertragen wird. Doch das sortige Treiben stellt die zugeknöpfte Person vor arge moralische Probleme …

Die Überwindung falscher Moralvorstellungen ist hier – wie in den zuletzt bewunderten SÜNDE MIT RABATT oder THE LOVE REBELLION, aber doch ganz, ganz anders – das große Thema und außerdem Anlass für ein publikumswirksames Potpourri aus Slapstick-, Tanz- und Gesangseinlagen, rasante Verwechslungskomik und eine Prise Romantik. Aus heutiger Sicht mutet NACHTS IM GRÜNEN KAKADU natürlich in allererster Linie brav an: Der „Boogie mit Bravour“, den Marika Rökk als Irene erst als Ausgeburt der Unkultur ablehnt, dann nach vollzogener Wandlung schließlich selbst besingt, ist heute kaum noch dazu geeignet, das Blut in Wallung zu bringen, im „Grünen Kakadu“ geht es überaus gesittet zu, und die jungen Leute, die in der Tanzschule auf den Pfad der Tugend geführt werden sollen, sind verglichen mit unseren Prekariats-Jugendlichen, die Scripted-Reality-Soaps und Mc-Donald’s-Filialen bevölkern, bundesverdienstkreuztaugliche Musterschüler. Die „Enthemmung“ Irenes taugt dann auch nicht als ernstzunehmendes, aufklärerisches Plädoyer für sexuelle Befreiung und Individualismus: Sie ist zu Beginn des Films in einem solch übersteigerten Maße verklemmt, dass sie als halbwegs realistische Repräsentantin normalen Spießbürgertums schlicht nicht in Frage kommt. Das raubt dem Film zwar das subversive Potenzial, das in ihm schlummert, ändert aber nichts an seinem immensen Unterhaltungswert.

Im Zentrum steht natürlich Marika Rökk. Es ist der erste Film, den ich mit ihr gesehen habe – zumindest bewusst – und wenn sie mir auch nicht als Schauspielerin erscheint, die man sofort ins Herz schließt, so verfügt sie doch über eine kaum zu leugnende körperliche Präsenz und eine sehr eigene Leinwandpersona. ihr scharfkantiges Gesicht und der herbe ungarische Akzent sind die hervorstechendsten Merkmale: Für die leisen Töne scheint sie eher nicht so geeignet und so intrepretiert sie ihre Rolle in fast wettkämpferischer Manier, die vor allem in den Tanz- und Gesangszenen augenfällig wird. Mehr als über ihre Mimik kommt die Rökk über den vollen Körpereinsatz. Wenn sie in Schwung gekommen ist, ist es unmöglich, sie aufzuhalten, aber darin kommen weniger Lebensfreude und Inspiration als vielmehr eine fast maschinell zu nennende Präzision zum Vorschein. Die langen, bestrumpften Beine, die sie gern herzeigt, leisten Schwerstarbeit, doch ihr Anblick birgt kaum sexuellen Appeal. Marika Rökk ist nahezu asexuell in NACHTS IM GRÜNEN KAKADU, weshalb auch die Romanze, die sich mit dem Geschäftsmann Dr. Maybach (Dieter Borsche) anbahnt, weitestgehend verpufft – und mit ihr auch jener von sexueller Befreiung handelnde Subtext. Das macht Jacobys Film aber in anderer Hinsicht interessant (mal ganz davon abgesehen, dass das Drehbuch trotzdem zahlreiche komische Szenen aufbietet, die ganz unabhängig von den Darstellern funktionieren): Die Tanznummer, in der die Rökk als Mann verkleidet mit einem Mann in Frauenkleidern eine flotte Sohle aufs Parkett legt, ist Gender Bending at its best – noch nie habe ich eine solche Szene in dieser Perfektion gesehen, die Illusion ist geradezu perfekt. Über Geschlechterrollen sagt NACHTS IM GRÜNEN KAKADU sowieso einiges: Es scheint durchaus vielsagend, dass Irene, die sich aus Angst um ihren guten Ruf in widersprüchliche Ausreden flüchtet, von ihren Verwandten irgendwann in einer Klapsmühle abgeschoben wird. Dass sich eine alleinstehende Frau nachts in einem Tanzlokal herumtreibt, war eben Anlass für allerlei dubiose Verdächtigungen. Diese Vorurteile kann Irene schließlich allesamt entkräften, insofern kann man NACHTS IM GRÜNNE KAKADU durchaus zubilligen, von Befreiung und Emanzipation – in dem Rahmen, in dem die Fünfzigerjahre das eben noch zuließen natürlich – zu handeln.

7.[1]Lord John Mant (Walter Rilla) liebt sein Pferd „Satan“ über alles und setzt berechtigte Hoffnungen in das Tier: Beim anstehenden Derby gilt es als großer Favorit. Gegen den Sieg Satans hat vor allem der zweilichtige Ed Ranova (Wolfgang Lukschy) etwas: Er hat eine große Summe gegen das Tier gewettet und versucht mithilfe des für Satan zuständigen Tierarztes Dr. Howard Trent (Harry Riebauer) entsprechend negativen Einfluss zu nehmen. Es kommt zu einer ganzen Reihe rätselhafter Morde rund um das Anwesen der Mants und die zunächst große Zahl der Verdächtigen schrumpft immer mehr zusammen. Inspektor Bradley (Heinz Engelmann) nimmt die Ermittlungen auf. Unerwartete Unterstützung erhält er von Peter Brooks (Hansjörg Felmy): Der Versicherungsagent ist als entfernter Verwandter getarnt im Schloss, hat seine „Diätschwester“ Molly (Trude Herr) dabei und nimmt gemeinsam mit Lord Mants schöner Nichte Avril (Ann Smyrner) die Spurensuche auf …  

(Vorab: Die Reihenfolge ist mir hier etwas durcheinandergeraten, weil ich mich auf die richtige Ordnung der von Universum herausgegebenen Bryan-Edgar-Wallace-Boxen verlassen habe. DAS SIEBENTE OPFER ist also keineswegs der dritte Film der Reihe, sondern bereits der siebte.)

Gottliebs letzte Arbeit im Wallace-Universum (nach DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE, DER SCHWARZE ABT, dem Ripoff DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN WITWE, DAS PHANTOM VON SOHO und DIE GRUFT MIT DEM RÄTSELSCHLOSS) ist vielleicht seine stärkste. Die Verbindung von Grusel und Humor gelingt ihm hier am besten, weil beide Extreme nicht mehr bloß nebeneinander oder gar im offenen Konflikt zueinander stehen, sondern sich zu einer sehr eigenen Mischung ergänzen. Man könnte DAS SIEBENTE OPFER aus guten Gründen als Parodie auf die erfolgreichen deutschen Gruselkrimis bezeichnen. Eine besonders gelungene zudem, denn er bleibt dem bis dahin etablierten Ton und seinem Genre treu, blickt nicht von „außerhalb“ auf die Wallace-Filme herab, um sie von dieser enthobenen Position – und also aus sicherer Distanz – zu verulken. Letztlich bleibt es dem Betrachter selbst überlassen, ob er DAS SIEBENTE OPFER als bloß etwas humoriger geratenen Krimi nach bekanntem Schema oder aber als augenzwinkernden Kommentar goutieren mag. Welchen Blickwinkel er auch wählt, er wird wahrscheinlich nicht enttäuscht werden.

Was ich schon zu DER WÜRGER VON SCHLOSS BLACKMOOR schrieb, trifft auch hier zu: DAS SIEBENTE OPFER konzentriert sich ganz auf das Geschehen auf Lord Mants Anwesen und den von Beginn an etablierten Personenkreis. Wenn sich der Fall nach einiger Zeit auch in verschiedene Nebenzweige teilt, so verliert er das Zentrum dabei doch nie aus den Augen. So lernt man die einzelnen Personen und ihr Milieu gut kennen, anstatt nur einen flüchtigen Blick auf vorüberhuschende Plotpoints erhaschen zu können. Hier stehen tatsächlich die Charaktere im Mittelpunkt. Das Drehbuch, das ihnen mit äußerster Ökonomie und Pointierung der Dialoge zum Leben verhilft, wird von den Schauspielern geradezu kongenial umgesetzt. Es hilft, dass Gottlieb vielleicht auf eines der am sorgfältigsten zusammengestellten Ensembles des Wallace-Universums zurückgreifen kann: Hansjörg Felmy ist als Peter Brooks in einer Art Columbo-Rolle zu sehen, verbirgt den wahren Grund seines Aufenthalts zunächst hinter einer Tarnung als etwas linkischer „Tierzeichner“ (er erinnerte mich etwas an Ryan O’Neal in Bogdanovichs WHAT’S UP DOC?), stellt seine Beobachtungen  aus einiger Distanz an, bevor er dann mehr und mehr zum Angriff übergeht. Wolfgang Lukschy ist hervorragend als krimineller Ranova, weil er nie ganz in die Rolle des Oberschurken verfällt, sondern stets nüchtern seine Interessen verfolgt. Ebenfalls zurückhaltend, aber sehr überzeugend, interpretiert Willy-Brandt-Lookalike Heinz Engelmann seine etwas undankbare Rolle: Er lässt in seiner schlicht perfekten Intonation immer wieder den vom Treiben des Adels genervten Beamten erkennen. Helmut Lohner ist als nervöser, fahriger Sohn und Erbfolger Mants so etwas wie die Idealbesetzung: Rund zehn Jahre später würde er in der DERRICK-Episode „Johanna“ eine ganz ähnliche Rolle – mit gleichem Erfolg – spielen. Ebenfalls ein No-brainer ist Harry Riebauer als Tierarzt im Gewissenskonflikt: Grundsätzlich ein sympathischer Typ, ist er mit seinem leicht blasiert wirkenden Akzent stets gut für Charaktere auf des Messers Schneide. Hans Nielsen entwickelt sich für mich langsam aber sicher zu einem absoluten Lieblingsschauspieler: Hier ist er als Reverend mal wieder ohne Schnurrbart zu sehen. Der Fachmann weiß, was das bedeutet. Ich bin immer wieder verdutzt, wie nahtlos er sich vom lieben, gutmütigen Onkel im einen in einen hinterlistigen, gemeinen Schurken im anderen Film verwandelt und in beiden Rollen gleichermaßen überzeugt. Die eigentliche Entdeckung des Films ist aber Peter Vogel als Butler Irving und es spricht Bände, dass ausgerechnet ein Comic-Relief hier überhaupt diese Wirkung entfacht. Mit stets etwas gelangweiltem, ja herablassendem Blick brilliert er als Diener, der eigentlich über allen steht. Und das Drehbuch legt ihm zum Dank einige der schönsten Zeilen in den Mund („Es widerstrebt mir, einen Gefallenen auf dieTiefe seines Sturzes hinzuweisen.“). Auch wenn das trivial und natürlich reine Geschmackssache ist: Es macht einfach Spaß, diesen Schauspielern bei der Arbeit zuzusehen. Dass es auch in den Nebenrollen immer wieder Lichtblicke zu entdecken gibt – Anneli Sauli als verruchte Nachtlokal-Schönheit, Rolf Eden als Handlanger, Rolf Zacher als Barkeeper (ich habe ihn für einen Chinesen gehalten), Werner Peters in einem besonders unwichtigen Cameo – rundet das Vergnügen noch ab. Bleibt noch Trude Herr: Die übernimmt die zweifelhafte Funktion des Prügelknaben und ist ständigen Dickenwitzen ausgesetzt, die vielleicht am ehesten erahnen lassen, in welche Niederungen sich Gottlieb in den Siebziger- und Achtzigerjahren begeben würde. Sie trägt es aber mit äußerster Würde und der bewundernswerten Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können. Und sie ist in den ultimativ geschmacklosen Schlussgag involviert, der den Zuschauer mit einer gezielten Rechts-Links-Kombination aus dem Film entlässt.

todesauge_von_ceylon_dasAbenteuerfilme mit Lex Barker, die zweite: In diesem von Wolf C. Hartwig produzierten Werk spielt er den Raubtierfänger Larry Stone, der sich in Helga (Ann Smyrner), die Tochter von Professor Ferlach (Hans Nielsen), verliebt. Ferlach wird nach Ceylon gerufen, um dort bei den Ausgrabungen eines alten Tempels zu helfen, der vor zehn Jahren bei einer Naturkatastrophe verschüttet wurde. Es stellt sich aber schon bald heraus, dass irgendjemand kein allzu großes Interesse am Erfolg der Ausgrabungen hat: Arbeiter werden ermordet und verjagt, Equipment gestohlen und immer taucht als Warnzeichen das „Todesauge“ auf …

Bezeichnete ich 24 HOURS TO KILL, einen ebenfalls mit Lex Barker besetzten britischen Abenteuerfilm, noch als „nostalgisch“ und „angenehm anachronistisch“, so fällt es mir schon sehr schwer, diesen hier nicht einfach als „altbacken“ abzuwatschen. Ja, fürs Auge wird durchaus etwas geboten und diese Sechzigerjahre-Schoten um alte Tempel, verborgene Schätze, fremde Kulturen und kernige Aussteigertypen, die mit khakifarbener Explorer-Gear in Jeeps durchs Gehölz heizen und nebenbei die blonde Schönheit abstauben, während farbenfroh gewandetes Personal in prunkvollen Tempeln gemeine Intrigen schmiedet, haben ja auch was für sich, was ich nicht einfach so wegschieben kann. Aber DAS TODESAUGE VON CEYLON bietet leider nur wenig mehr als das. Die Story ist sogar so schlampig konstruiert, dass der eigentliche Protagonist zur finalen Lösung sogar absolut gar nichts beitragen muss: Die Schurken schaffen sich einfach selbst ab. Auch die Chance, den bekleideten Schimpansen, den Larry natürlich besitzt, irgendwelchen Schabernack machen zu lassen, verstreicht ungenutzt. Unentschuldbar!

So bleibt lediglich eine Szene wirklich hängen. Die ist zwar tatsächlich absolut denkwürdig, ob sie die Sichtung dieses Films rechtfertigt, möchte ich aber trotzdem anzweifeln: In einer Bar bestaunen die Protagonisten die Tanznummer (!) eines reichlich verbaut aussehenden Orang-Utans. Es gibt für den Zuschauer zunächst keinen echten Grund, daran zu zweifeln, dass es sich um einen echten Menschenaffen handeln soll, waren Menschen in zotteligen Affenkostümen zu jener Zeit doch ein gern gesehener Gast in Genrefilmen. Auffällig ist nur, dass dieses Kostüm selbst gemessen an den niedrigen Maßstäben erschreckend mies aussieht. Und natürlich ist die Idee, einen Affen als Animierdame auftreten zu lassen für sich genommen schon reichlich seltsam. Doch dann passiert es: Der Affe streift einen Arm ab, zum Vorschein kommt ein schlanker Frauenarm. So geht es ganz langsam weiter. Erst zeigen sich die Arme, dann die Beine, dann verschwinden der Affentorso und schließlich die Maske, und hervor tritt eine blonde Tänzerin, womit die Tanznummer auch schon beendet ist. Was originell und vielleicht auch kinky anmuten soll, gerät zur reichlich verstörenden Bestiality-Fantasie, die einfach nur gruselig ist. Die Zuschauer sehen das offensichtlich anders und bedenken die Dame mit tosendem Applaus und Respektsbekundungen, während die Schauspielerin, sichtlich gedemütigt, so schnell aus dem Bild rennt wie sie nur kann. Ich habe schon viel gesehen, Zombies die Gedärme verschlingen, minutenlange Vergewaltigungen, die Abtrennung jedes erdenklichen Körperteils, aber das hier stellt einen ganz besonders perversen Gipfel der Geschmacklosigkeit dar. Igittigitt!