Mit ‘Hansjörg Felmy’ getaggte Beiträge

ungeheuer_von_london_city_dasWährend der Schauspieler Richard Sand (Hansjörg Felmy) in der Titelrolle des Boulevard-Theaterstücks „Jack the Ripper“ dem begeisterten Publikum Abend für Abend das Fürchten lehrt, geht auf den Straßen ein echter Frauenmörder umher. Die Ermittlungen des Scotland-Yard-Beamten Dorne (Hans Nielsen) konzentrieren sich bald ebenso auf Sand wie der Unmut des Politikers Sir George (Fritz Tillmann), pikanterweise der Vater von Sands Geliebter Ann (Marianne Koch), der das Theaterstück wegen schlechten Einflusses verbieten will. Derweil hat auch Sand Schwierigkeiten, seinen offensichtlich schlechten Einfluss mit seinem Gewissen zu vereinbaren. Oder hat seine Rolle gar Besitz von ihm ergriffen?

Edwin Zbonek hat das Glück, die wunderbaren London-Settings nutzen zu dürfen, die schon Gottliebs DAS PHANTOM VON SOHO zu seiner mit beiden Händen greifbaren Atmosphäre verholfen hatten. Es macht einfach einiges her, wenn der maskierte Butzemann durch die düsteren, vom Nebel durchdrungenen Gassen streunt und meterhohe Schatten wirft. Die Geschichte um den Killer, der die Kunst nachahmt, die das Leben nachahmt, passt sich dem an, ist ebenfalls deutlich dichter und vielschichtiger als das, was einem im Gros der damals so beliebten Gruselkrimis so geboten wurde. Das scheint mir eh ein Charakteristikum von Atze Brauners Bryan-Edgar-Wallace-Filmen: Selbst, wenn die nur im Fahrwasser von Wendlandts Erfolgsreihe schipperten, waren sie inhaltlich doch sehr eigenständig und meist ernster als die eher spaßigen, selten wirklich nachhaltig wirkenden Vorbilder. Da fällt es dann auch nicht so sehr ins Gewicht, dass Zbonek als Regisseur keine echten Akzente setzen kann: Seine Inszenierung ist ein bisschen bieder und wahrscheinlich am ehesten als „zweckmäßig“ zu beschreiben. Und die Auflösung kann den vorangegangenen 90 Minuten auch nichts Wesentliches mehr hinzufügen: Wer der Mörder ist, ist einfach nicht so wahnsinnig interessant, nachdem irgendwann klar ist, dass Sand es nicht sein kann. Trotzdem: Auch wenn DAS UNGEHEUER VON LONDON-CITY etwas schwächer ist als DER HENKER VON LONDON, DAS PHANTOM VON SOHO oder DAS SIEBENTE OPFER, darf man Brauner einen weiteren Gewinner bescheinigen.

henker_von_london_derIn London werden Verbrecher, die dem Gesetz bisher durch die Lappen gegangen sind, von einem aus Vigilanten bestehenden Gerichtshof verurteilt und mit dem Original-Henkersstrick aus dem Londoner Kriminalmuseum an öffentlichen Plätzen erhängt. Der junge Beamte John Hillier (Hansjörg Felmy) ermittelt in der Sache, kann aber bislang noch keinen Fortschritt vermelden. Zeitgleich wird London außerdem von den Taten eines Frauenmörders (Dieter Borsche) erschüttert, auf dessen Konto auch Hilliers einstige Geliebte geht …

Brauner-typische Bryan-Edgar-Wallace-Verfilmung, was wieder einmal bedeutet, das ein etwas weniger großes Ensemble in einem sehr fokussiert erzählten Krimi mit atmosphärisch wertvollem Gruseleinschlag agiert. Von erhöhtem Interesse ist hier ausnahmsweise einmal die Handlung, der man durchaus so etwas wie „Relevanz“ bescheinigen möchte und die zudem viele der ein Jahrzehnt später im Zuge des Erfolgs von Michael Winners DEATH WISH ad nauseam durchgearbeiteten Selbstjustiz-Implikationen vorwegnimmt. In der Darstellung der „Gerichtsverhandlungen“ kommt die ganze Absurdität und Unrechtmäßigkeit der Veranstaltung zum Ausdruck. Über das Urteil wird „abgestimmt“, indem jeder der fünf Richter eine schwarze oder weiße Kugel in eine Schale legt: Weiß bedeutet unschuldig, schwarz schuldig. Nicht nur ist dieser Vorgang höchst umständlich, er ist auch von rein formaler Bedeutung, denn natürlich wissen die Ankläger schon im Vorhinein, welches Urteil sie fällen werden. Ihre Verhandlungen kommen ja nur deshalb zustande, weil sie Schurken der ihrer Meinung nach verdienten Todesstrafe zuführen wollen. Von vornherein gibt es keinen Zweifel am finalen Urteilsspruch, das ganze Zeremoniell – die Sitzungen finden in einem finsteren Gewölbe statt, als Pulte dienen den Richtern Särge und sie verbergen sich in schwarzen Roben und Masken – ist bereits Bestandteil der schon feststehenden Strafe.

Das Thema „Todesstrafe“ wird aber noch weitergehend behandelt in den Szenen, in denen Hillier den Vater seiner Freundin Ann Barry (Maria Perschy), den ehemaligen Richter Sir Francis Elliott (Rudolf Forster), um Rat fragt. Elliott rühmt sich damit, sich als Richter niemals von Gefühlsduseleien habe erweichen lassen, das Gesetz stattdessen mit äußerster Strenge ausgelegt, beziehungsweise genauer: in die Tat umgesetzt zu haben („auslegen“ impliziert ja das Wissen darüber, dass Gesetze interpretiert werden müssen und zwei Richter somit zu ganz unterschiedlichen Strafmaßen gelangen können). Er ist der festen Überzeugung, dass es eine richtige und eine falsche Auslegung gibt und er sich nie einen Fehler hat zukommen lassen. Stolz brüstet er sich mit den über 30 Todesstrafen, die er verhängt habe, damit, dass es wohl noch viel mehr seien, wenn er heute noch im Amt wäre, und lässt sich lang und breit darüber aus, wie Ärzte und Psychologen Verbrecher heute wie Opfer behandelten und der „Gerechtigkeit“ damit einen Bärendienst erwiesen. Und wie ein Mephistopheles wendet er sich an Hillier: Wie würde der wohl entscheiden, wenn er die Gelegenheit hätte, dem Mörder seiner Geliebten die gerechte Strafe zuzuweisen? Empfände er keine Genugtuung, wenn er ihn zum Tod durch den Strick verurteilen könnte? Hiller kennt die Antwort, aber er schweigt …

DER HENKER VON LONDON gerät in diesen Szenen fast schon zur essayistischen Auseinandersetzung mit Themenkomplexen wie dem Wesen von Gesetz, Gerechtigkeit und Strafe, der Sinnhaftigkeit und moralischen Rechtmäßigkeit der Todesstrafe – und er bezieht sehr eindeutig Position, ohne jedoch mit erhobenem Zeigefinger zu predigen. Das Handeln des Henkers ist am Ende ebenso nachvollziehbar wie klar ist, dass er sich in eine falsche Idee verrannt hat: Das Gesetz ist eben nicht dazu da, eine aus der Balance geratene Gerechtigkeitsbalance wiederherzustellen. Ein Tod lässt sich ebenso wenig rückgängig machen wie der erlittene Schmerz über den Verlust. Und Mord ist durchaus nicht gleich Mord. Das wird in der Gegenüberstellung der Taten des kranken Frauenmörders und denen des kalkulierenden Henkers frappierend deutlich. Stark.

7.[1]Lord John Mant (Walter Rilla) liebt sein Pferd „Satan“ über alles und setzt berechtigte Hoffnungen in das Tier: Beim anstehenden Derby gilt es als großer Favorit. Gegen den Sieg Satans hat vor allem der zweilichtige Ed Ranova (Wolfgang Lukschy) etwas: Er hat eine große Summe gegen das Tier gewettet und versucht mithilfe des für Satan zuständigen Tierarztes Dr. Howard Trent (Harry Riebauer) entsprechend negativen Einfluss zu nehmen. Es kommt zu einer ganzen Reihe rätselhafter Morde rund um das Anwesen der Mants und die zunächst große Zahl der Verdächtigen schrumpft immer mehr zusammen. Inspektor Bradley (Heinz Engelmann) nimmt die Ermittlungen auf. Unerwartete Unterstützung erhält er von Peter Brooks (Hansjörg Felmy): Der Versicherungsagent ist als entfernter Verwandter getarnt im Schloss, hat seine „Diätschwester“ Molly (Trude Herr) dabei und nimmt gemeinsam mit Lord Mants schöner Nichte Avril (Ann Smyrner) die Spurensuche auf …  

(Vorab: Die Reihenfolge ist mir hier etwas durcheinandergeraten, weil ich mich auf die richtige Ordnung der von Universum herausgegebenen Bryan-Edgar-Wallace-Boxen verlassen habe. DAS SIEBENTE OPFER ist also keineswegs der dritte Film der Reihe, sondern bereits der siebte.)

Gottliebs letzte Arbeit im Wallace-Universum (nach DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE, DER SCHWARZE ABT, dem Ripoff DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN WITWE, DAS PHANTOM VON SOHO und DIE GRUFT MIT DEM RÄTSELSCHLOSS) ist vielleicht seine stärkste. Die Verbindung von Grusel und Humor gelingt ihm hier am besten, weil beide Extreme nicht mehr bloß nebeneinander oder gar im offenen Konflikt zueinander stehen, sondern sich zu einer sehr eigenen Mischung ergänzen. Man könnte DAS SIEBENTE OPFER aus guten Gründen als Parodie auf die erfolgreichen deutschen Gruselkrimis bezeichnen. Eine besonders gelungene zudem, denn er bleibt dem bis dahin etablierten Ton und seinem Genre treu, blickt nicht von „außerhalb“ auf die Wallace-Filme herab, um sie von dieser enthobenen Position – und also aus sicherer Distanz – zu verulken. Letztlich bleibt es dem Betrachter selbst überlassen, ob er DAS SIEBENTE OPFER als bloß etwas humoriger geratenen Krimi nach bekanntem Schema oder aber als augenzwinkernden Kommentar goutieren mag. Welchen Blickwinkel er auch wählt, er wird wahrscheinlich nicht enttäuscht werden.

Was ich schon zu DER WÜRGER VON SCHLOSS BLACKMOOR schrieb, trifft auch hier zu: DAS SIEBENTE OPFER konzentriert sich ganz auf das Geschehen auf Lord Mants Anwesen und den von Beginn an etablierten Personenkreis. Wenn sich der Fall nach einiger Zeit auch in verschiedene Nebenzweige teilt, so verliert er das Zentrum dabei doch nie aus den Augen. So lernt man die einzelnen Personen und ihr Milieu gut kennen, anstatt nur einen flüchtigen Blick auf vorüberhuschende Plotpoints erhaschen zu können. Hier stehen tatsächlich die Charaktere im Mittelpunkt. Das Drehbuch, das ihnen mit äußerster Ökonomie und Pointierung der Dialoge zum Leben verhilft, wird von den Schauspielern geradezu kongenial umgesetzt. Es hilft, dass Gottlieb vielleicht auf eines der am sorgfältigsten zusammengestellten Ensembles des Wallace-Universums zurückgreifen kann: Hansjörg Felmy ist als Peter Brooks in einer Art Columbo-Rolle zu sehen, verbirgt den wahren Grund seines Aufenthalts zunächst hinter einer Tarnung als etwas linkischer „Tierzeichner“ (er erinnerte mich etwas an Ryan O’Neal in Bogdanovichs WHAT’S UP DOC?), stellt seine Beobachtungen  aus einiger Distanz an, bevor er dann mehr und mehr zum Angriff übergeht. Wolfgang Lukschy ist hervorragend als krimineller Ranova, weil er nie ganz in die Rolle des Oberschurken verfällt, sondern stets nüchtern seine Interessen verfolgt. Ebenfalls zurückhaltend, aber sehr überzeugend, interpretiert Willy-Brandt-Lookalike Heinz Engelmann seine etwas undankbare Rolle: Er lässt in seiner schlicht perfekten Intonation immer wieder den vom Treiben des Adels genervten Beamten erkennen. Helmut Lohner ist als nervöser, fahriger Sohn und Erbfolger Mants so etwas wie die Idealbesetzung: Rund zehn Jahre später würde er in der DERRICK-Episode „Johanna“ eine ganz ähnliche Rolle – mit gleichem Erfolg – spielen. Ebenfalls ein No-brainer ist Harry Riebauer als Tierarzt im Gewissenskonflikt: Grundsätzlich ein sympathischer Typ, ist er mit seinem leicht blasiert wirkenden Akzent stets gut für Charaktere auf des Messers Schneide. Hans Nielsen entwickelt sich für mich langsam aber sicher zu einem absoluten Lieblingsschauspieler: Hier ist er als Reverend mal wieder ohne Schnurrbart zu sehen. Der Fachmann weiß, was das bedeutet. Ich bin immer wieder verdutzt, wie nahtlos er sich vom lieben, gutmütigen Onkel im einen in einen hinterlistigen, gemeinen Schurken im anderen Film verwandelt und in beiden Rollen gleichermaßen überzeugt. Die eigentliche Entdeckung des Films ist aber Peter Vogel als Butler Irving und es spricht Bände, dass ausgerechnet ein Comic-Relief hier überhaupt diese Wirkung entfacht. Mit stets etwas gelangweiltem, ja herablassendem Blick brilliert er als Diener, der eigentlich über allen steht. Und das Drehbuch legt ihm zum Dank einige der schönsten Zeilen in den Mund („Es widerstrebt mir, einen Gefallenen auf dieTiefe seines Sturzes hinzuweisen.“). Auch wenn das trivial und natürlich reine Geschmackssache ist: Es macht einfach Spaß, diesen Schauspielern bei der Arbeit zuzusehen. Dass es auch in den Nebenrollen immer wieder Lichtblicke zu entdecken gibt – Anneli Sauli als verruchte Nachtlokal-Schönheit, Rolf Eden als Handlanger, Rolf Zacher als Barkeeper (ich habe ihn für einen Chinesen gehalten), Werner Peters in einem besonders unwichtigen Cameo – rundet das Vergnügen noch ab. Bleibt noch Trude Herr: Die übernimmt die zweifelhafte Funktion des Prügelknaben und ist ständigen Dickenwitzen ausgesetzt, die vielleicht am ehesten erahnen lassen, in welche Niederungen sich Gottlieb in den Siebziger- und Achtzigerjahren begeben würde. Sie trägt es aber mit äußerster Würde und der bewundernswerten Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können. Und sie ist in den ultimativ geschmacklosen Schlussgag involviert, der den Zuschauer mit einer gezielten Rechts-Links-Kombination aus dem Film entlässt.

Das verschlafene hessische Örtchen Hainburg wird von einer Mordserie erschüttert. Schon zwei Frauen sind dem von der Öffentlichkeit „Nebelmörder“ getauften Verbrecher zum Opfer gefallen. Kommissar Hauser (Hansjörg Felmy) bezieht mit seinen Kollegen den örtlichen Gasthof, um von dort aus die Ermittlungen zu führen. Wenig später ist das dritte Opfer zu beklagen. Der Verdacht konzentriert sich bald auf den Schüler Heinz Auer (Ralph Persson): Der geriert sich als Leader seiner Peer Group nicht nur als Westentaschen-Napoleon, er war zur Tatzeit auch ganz in der Nähe des Tatorts. Auch der Gewalt ist er nicht abhold: Als es innerhalb der Clique zu Eifersüchteleien zwischen ihm und dem schüchternen Erwin (Lutz Hochstraate) kommt, bei denen die schöne Franziska (Elke Arendt) im Mittelpunkt steht, setzt er dem Konkurrenten mit seinen Freunden so hart zu, dass der erst im Krankenhaus  landet und schließlich verstirbt. Oder ist der Mörder vielleicht doch der einfältige Franz Ritzel (Jürgen Janza), der eine Vorliebe für Schundromane hat und mit der Tatwaffe – einem Gärtnermesser – von Berufs wegen vertraut ist?

Die Einleitung für meinen Text hatte ich im Kopf schon verfasst, bevor ich NEBELMÖRDER überhaupt gesehen hatte: Alles – DVD-Cover, Titel, Entstehungsjahr, Besetzung, Thema – deutete auf eines der zahlreichen Wallace-Ripoffs hin, die in den Sechzigerjahren, vom Erfolg der Rialto-Reihe inspiriert, nur so aus dem Boden schossen. Doch weit gefehlt: Schon der kurze, von einem Voice-over-Kommentator begleitete Prolog, der die bisherige Fallgeschichte mit dem nüchtern-ernsten Duktus eines Polizeireporters im Stile von Jürgen Rolands  STAHLNETZ vorträgt, lässt erahnen, dass es hier im Folgenden nicht um die gruselige Aufbereitung der Taten des Mörders, nicht um wohligen Schauer und makabre Scherze gehen wird. Wenn man dann noch erfährt, dass der Schauplatz des Films im beschaulichen Odenwald liegt, die Protagonisten keine Sirs und Ladys, sondern nur Herren und Frauen sind, und man statt mit Archibald und John Bekanntschaft mit Hans und Erwin macht, ist alles klar: Eugen York geht es um die realistische Aufbereitung eines fiktiven Mordfalls, um den Blick auf die bundesrepublikanische Gegenwart des Jahres 1964, ihr soziales Klima, die psychologische Disposition seiner Bürger und um das, was man früher so schön mit dem Begriff „Sittlichkeit“ umriss. Für den heutigen Betrachter erlegt der Film so zwei Fliegen auf einen Streich: Einerseits bietet er handwerklich sauber gefertigte, seriöse, quasi-anspruchsvolle Unterhaltung, die gut dazu geeignet ist, eventuell bestehende Vorurteile gegen den deutschen populären Film jener Zeit abzubauen; andererseits sind seine ernsten Vorstöße in Richtung Moral und Gesellschaftskritik heute fast zwangsläufig ein Quell der (Schaden-)Freude.  

Die skandalösen Scheunenpartys, die Hans und seine Freunde organisieren und dabei amerikanischer Musik, Cognac, Zigaretten und natürlich in die neuste Mode gehüllter Mädchen frönen, sind ultimativ harmlos und werden stets zuverlässig um Punkt 23 Uhr beendet, damit die Eltern auch ja nichts merken. Wer Alkohol getrunken hat, putzt sich artig die Zähne, auf dass kein Restgeruch im Mundraum verbleibe. Der harmlose Streich Erwins – er versteckt das Kleid der schönen Franziska (die Mädels ziehen sich vor Ort extra um für das große Event) – ist ein ehrenrühriger Affront, dessen bloße Erwähnung vor der Polizei den Vater der Holden vor Scham und Entrüstung fast aus dem Bürostuhl rutschen lässt. Jaja, die Zeiten haben sich geändert: Im Elektroladen (!) lauschen die Kids von einst den neuesten Platten (!!) und loben die schwofigen Trompetenklänge (!!!) als „Engelsstimme“ (!!!!), adressieren Ihresgleichen immer wieder mit dem unangenehm altklugen Ausdruck „Kinder“. In der Schule wird noch fleißig Latein gepaukt und wer den mittlerweile bestenfalls noch zur Lebensweisheit in Frauenzeitschriften taugenden Spruch „Carpe diem!“ nur aus DEAD POET’S SOCIETY kennt, der erfährt hier auch endlich, dass er von Horaz stammt und tatsächlich noch eine zweite Zeile hat. Vor allem der pomadige Hans benutzt ihn immer wieder gern und verrät so den intellektuellen – und damit natürlich verdächtigen! – Herrenmenschen mit dem Engelsgesicht, der auch dreivierfünf Jahrzehnte später noch zum unverzichtbaren Inventar des Serienmörderfilms gehört. Selbes gilt für den tumben Franz, einen armen Tropf, der keine Vorstellung davon hat, was gerade so angesagt ist, aber sich danach sehnt, in den erlesenen Zirkel eingeführt zu werden. Er baut dabei ganz auf die Hilfe seines Freundes Erwin, doch der schämt sich natürlich für den peinlichen Freund, verfügt ja zudem selbst über keinerlei Standing, dass es ihm erlaubte, einen Außenseiter in die erlauchte Gesellschaft einzuführen, und ahnt wohl auch, dass es gesellschaftlichem Selbstmord gleichkäme, für den Sonderling zu bürgen. Als Ausgleich bringt er ihm dafür immer die neuesten Schundromane mit, vorsorglich eingeschlagen in Zeitungspapier, damit auch niemand etwas mitbekommt. Franz versteckt den Lesestoff sogleich in einem Geheimfach im Bauernschrank und wer sich über so viel Geheimniskrämerei angesichts der harmlosen Heftchen wundert, der wird schnell eines Besseren belehrt: Hausers Kollege hat offensichtlich den gleichen Schrank zu Hause, denn er findet das Geheimfach bei der Befragung von Franz sofort und feiert den Fund der anrüchigen Romane  – darunter ein besonders verdächtiger namens „Das Phantom im Nebel“ -, als sei ihm ein unterzeichnetes Geständnis in die Hände gefallen. Man wundert sich fast ein bisschen, dass Franz angesichts solch erdrückender Beweislast nicht sofort verhaftet wird.

Wenn ich das alles hier etwas ins Lächerliche ziehe, so soll das nicht darüber hinwegtäuschen, dass NEBELMÖRDER keinesfalls geeigneter Stoff für die So-bad-it’s-good-Fraktion ist. Yorks Krimi ist durchweg ernst, spiegelt aber eben den Geist seiner Entstehungszeit wider. Wenn man die Variablen austauscht – Komasaufen statt Scheunenparty, Hip-Hop statt Trompetenmusik, Snuff statt Groschenheftchen – hat man nicht weniger als den nächsten Kandidaten für den TATORT vor sich. Mit der Ausnahme, dass NEBELMÖRDER über ein visuelles Konzept und eine bedrückend ausweglose Stimmung verfügt, seinen kleinen Handlungsort in Wald und Nebel und die Jugendlichen in einem Klima niederdrückender Biederkeit einschließt. Frappierend fällt hier immer wieder die Kluft zwischen der Elterngeneration und ihren Kindern auf, die kaum überwindbar scheint und den wahrscheinlich größten Konfliktherd darstellt. Das reflektiert York (Jahrgang 1912) nicht, fällt vielmehr den gleichen voreiligen Schlüssen anheim wie sein Protagonist Hauser. Aber das ist ja gerade das Spannende an diesem Film: Dass er so unreflektiert und aus dem Bauch heraus ist, ohne dabei gleich in wüste Polemik und Stammtischparolen zu verfallen. Ihn zeichnet ein schmerzendes Unverständnis aus, man spürt förmlich, wie er sich verrenkt, um diesen Jugendlichen hinter die Stirn blicken zu können, aber immer wieder abprallt, obwohl die Antwort doch greifbar nah ist. Der Film selbst ist Symptom der Krankheit, die er zum Thema hat.

NEBELMÖRDER war – wenn man dem DVD-Booklet Glauben schenken darf – seinerzeit ein veritabler Kinoerfolg, der die Menschen im heißen Sommer ’64 scharenweise ins Kino lockte. Es ist dem Unwissen des fachfremden Produzenten Waldemar Schweitzer, einem Journalist und Verleger, zu verdanken, dass der Film heute trotzdem nahezu vergessen ist. Nicht wissend, was er mit dem Film nach seiner Kinoauswertung noch anfangen sollte, ließ er sämtliche existierenden Kopien bis auf eine vernichten. Glücklicherweise gelangte diese eine verbliebene Kopie in die Hände von Pidax, die sich um ihre digitale Bewahrung verdient machten. Ich lege meinen Lesern hiermit nahe, so viel (film)historisches Bewusstsein zu belohnen und die DVD der eigenen Sammlung zuzufügen. Es würde mich doch wundern, wenn NEBELMÖRDER nicht auch anderen Menschen so gut gefiele wie mir.

Wie ich schon zu A DOPPIA FACCIA geschrieben hatte, wollte die Rialto ihre Wallace-Reihe eigentlich abschließen, zumal Fredas Film in Deutschland kein großer Erfolg beschieden war. Doch dann entwickelte sich mit Argentos L’UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO eine Wallace-Verfilmung der Konkurrenz zum Kassenschlager und stimmte Wendlandt, der ein gutes Geschäft nicht ausschlagen konnte, noch einmal um. Am 30. März 1971 startete mit DIE TOTE AUS DER THEMSE der 30. Wallace-Film der Rialto, schlappe zwei Monate, nachdem die letzte Klappe gefallen war (an der Wahl des Premierenorts Mainz mag man vielleicht die auch bei Rialto deutlich gedrosselten Erwartungen ablesen). Im Gegensatz zum italienisch koproduzierten Vorläufer handelte es sich bei DIE TOTE AUS DER THEMSE wieder um einen „echten“ Rialto-Wallace: Die Geschichte ist ein nach dem bekannten Rezept konstruierter Krimi, in dem wieder einmal ein unbekannter Mörder einem ausgeklügelten Verbrechen in die Quere kommt. Hauptfigur ist ein Scotland-Yard-Ermittler (dass man mit Hansjörg Felmy einen neuen Inspektor einführte, legt den Schluss nahe, dass man weitere Verfilmungen nicht ganz ausschloss), Siegfried Schürenberg kehrt als Sir John ebenso zurück wie andere Akteure aus dem großen Wallace-Ensemble, etwa Uschi Glas, Harry Riebauer, Werner Peters und Günther Stoll. Die Musik, eines der Highlights des Films, komponierte zum letzten Mal Peter Thomas. Obwohl man also sichtlich darum bemüht war, nach der zweijährigen Pause strukturell und tonal an die einstigen Erfolgsfilme anzuschließen, hatte man auch verstanden, dass man nicht einfach nach dem alten Schema weitermachen konnte: DIE TOTE AUS DER THEMSE ist merklich „realistischer“ und ernster als die barocken Gruselkrimis der Sechzigerjahre. Verschwunden sind die fantasievollen Verkleidungen, die pulpigen Übertreibungen, aber auch der klamaukige Humor, der vor allem in den späten Vohrer-Filmen stark ausgeprägt war, dafür wurde der Sexanteil noch einmal merklich erhöht. Konnte man die vorangegangenen Wallace-Filme noch als Vorstufe zu den in vor allem in den Siebzigerjahren reüssierenden Giallos italienischer Prägung begreifen, so ist die Differenz zwischen diesen und DIE TOTE AUS DER THEMSE fast gänzlich nivelliert.

Die Tänzerin Myrna Fergusson (Lyvia Bauer) wird in ihrem Hotelzimmer erschossen, nachdem sie Scotland Yard und Inspektor Craig (Hansjörg Felmy) geholfen hatte, einen Drogendeal platzen zu lassen. Wenig später ist ihre Leiche verschwunden. Der Fotograf David Armstrong (Vadim Glowna) hat Bilder, die belegen, dass Myrna mitnichten tot ist, doch auch er wird ermordet, nachdem er sie Danny, der Schwester Myrnas gezeigt hat, die in London weilt, um sich mit Myrna zu treffen. Sie unterstützt Inspektor Craig bei seinen Untersuchungen, gerät dabei jedoch selbst in Gefahr …

Wie oben schon erwähnt, erzählt Regisseur Philipp seine Krimigeschichte recht straight herunter, ohne dabei große narrative oder formale Spielereien zu machen. Der Look seines Films ist deutlich weniger bunt und grell als in den letzten Vohrer-Filmen, die Verbindung zweier parallel laufender Verbrechen ist nicht mehr auf den größtmöglichen verwirrenden Effekt hin inszeniert, sondern vielmehr klar und nachvollziehbar. Auch der Humor – er geht erneut auf das Konto Siegfried Schürenbergs – lässt sich nur als „gemäßigt“ bezeichnen: Sir John ist ein eigenwilliger Charakter, aber er muss nicht mehr eine Zote nach der anderen reißen. Die amouröse Beziehung, die er und sein Nachfolger Sir Arthur zur Sekretärin Mabel pflegten und die der Quell der klamaukigen Exkurse war, findet in DIE TOTE AUS DER THEMSE nicht nur deshalb keinen Platz mehr, weil die Gute durch die Vorzimmerdame Susan (Petra Schürmann) ersetzt wurde: Solche Mätzchen würden dem Geist des Filmes, der vor allem ein ernstzunehmender Thriller sein will (nehme ich an), einfach nicht mehr entsprechen. Im Großen und Ganzen gelingt es Philipp (er war schon vorher für die Regie vorgesehen, jedoch immer wieder ersetzt worden), die vermutlich an ihn gestellten Anforderungen zu erfüllen: DIE TOTE AUS DER THEMSE stellt eine modernisierte Interpretation des Erfolgsrezepts dar, die Story zeichnet sich durch all jene Elemente aus, die die Zuschauer von einem Wallace-Film wahrscheinlich erwarteten, überführt diese jedoch in ein realistischeres Konzept. Auf die Anwesenheit schöner junger Damen war im Verlauf der Sechzigerjahre immer mehr Wert gelegt worden, hier nun gibt es zahlreiche Szenen, in denen äußerst selbstzweckhaft unverhüllte, nackte Tatsachen zu bestaunen sind – unter anderem jene von Ingrid Steeger, die sich mittlerweile mit ihren ersten Sexfilmen – etwa ICH, EIN GROUPIE – einen Namen gemacht hatte. Das Betulich-Staubige, Spießig-Keusche, das die frühen Wallace-Filme der Rialto, der Zeit entsprechen ausgezeichnet hatte, ist in weite Ferne gerückt. Hansjörg Felmy weiß bei seiner Premiere zu überzeugen: Er ist als Ermittler weniger kumpelig und nett als Joachim Fuchsberger, weniger onkelhaft als Heinz Drache, weniger distanziert und streng als Horst Tappert, bringt dafür aber eine gewisse grimmige Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit mit. An seiner Figur zeichnet sich der Wandel vom naiven Spaßkrimi hin zum authentischen Polizeifilm wohl am stärksten ab und er bedeutet den größten Sprung für die Reihe. Es ist ein bisschen schade, dass es seine einzige Gelegenheit innerhalb der Wallace-Reihe bleiben sollte, aber man darf DIE TOTE AUS DER THEMSE wahrscheinlich als Generalprobe für seine spätere Tätigkeit als TATORT-Kommissar Haferkamp von 1974 – 1980 verstehen.

Die ganz große Begeisterung stellte sich bei mir trotz generell gutem Eindruck dennoch nicht ein: Der Film lässt ein stärker ausgeprägtes Profil vermissen und wirkt – kein Wunder nach 30 Filmen in gerade einmal 12 Jahren – etwas müde. Eine ganz große Bürde ist, zumindest für mich, Uschi Glas, deren Spiel einfach schrecklich unnuanciert und unglaubwürdig ist und die ihre Dialogzeilen spricht, als verwendete sie alle Anstrengung darauf, sich überhaupt an ihren genauen Wortlaut zu erinnern. Sie ist vor allem deshalb ein unübersehbarer Schwachpunkt, als DIE TOTE AUS DER THEMSE im Kern eine unheimlich traurige Geschichte erzählt. Doch das Wechselbad aus der Trauer über den vermeintlichen Tod der geliebten Schwester, der Hoffnung darauf, sie doch noch lebend wiederzufinden, sowie der erneuten Enttäuschung kann Uschi Glas einfach nicht überzeugend verkörpern. Sie stapft mit dem immergleichen Püppchengesicht durch den Film, drückt sich dann und wann mal ein Tränchen ab, begnügt sich jedoch weitestgehend damit, adrett auszusehen. Der Fehler liegt nicht allein bei ihr: Den finalen Schicksalsschlag darf man durchaus zynisch, grausam, geschmacklos und vor allem unnötig finden. Er scheint ganz dem Diktat unterworfen, dem Zuschauer noch einen großen Clou am Ende zu bieten. Doch anstatt noch tiefer in den Sitz gedrückt zu werden, fühlte ich mich vor allem um die verdiente Katharsis geprellt und völlig aus dem Film herausgerissen. Hier wäre weniger definitiv mehr gewesen.

DIE TOTE AUS DER THEMSE bedeutete noch einmal einen respektablen Erfolg an der Kasse, ohne jedoch an die Traumergebnisse von einst anschließen zu können. Es spricht einiges für die These, dass dieser Film der letzte „echte“ Rialto-Wallace ist. Zwar produzierte Wendlandt noch zwei weitere Wallace-Verfilmung gemeinsam mit italienischen Geldgebern, doch hatten diese mit dem einstigen Konzept außer der literarischen Vorlage nicht mehr allzu viel gemein und werden heute weitestgehend als eigenständige Giallos betrachtet. Wallace-Fans sind auf diese Titel nicht wahnsinnig gut zu sprechen (was natürlich nichts heißen muss) und an der Kinokasse schnitten beide bestenfalls zufriedenstellend ab. Ich möchte meine „kleine“ Rialto-Wallace-Reihe aus diesem Grund an dieser Stelle abschließen. Das fällt mir auch deshalb leicht, weil ich sowohl über Massimo Dallamanos COSA AVETE FATTO A SOLANGE? (zu Deutsch: DAS GEHEIMNIS DER GRÜNEN STECKNADEL) und Umberto Lenzis SETTE ORCHIDEE MACCHIATE DI ROSSO (zu Deutsch: DAS RÄTSEL DES SILBERNEN HALBMONDS) bereits im Rahmen meiner Giallo-Reihe geschrieben habe, Komplettisten also lediglich auf die Checkliste verzichten müssen. Edgar Wallace wird mir aber noch ein wenig länger erhalten bleiben: Ich werde mich als nächstes den zwischen 1960 und 1971 entstandenen deutschen Wallace-Verfilmungen der Rialto-Konkurrenz widmen und hoffe natürlich, damit weiterhin auf das Interesse meiner Leserschaft zu stoßen. (Danach gibt es dann was ganz anderes.)

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Siegfried Schürenberg (15.), Uschi Glas, Werner Peters, Harry Riebauer, Friedrich G. Beckhaus (4.), Günther Stoll, Michael Miller, Günther Notthoff (3.), Herbert Kerz, Ingrid Steeger (2.). Regie: Harald Philipp (1.), Drehbuch: Harald Philipp (1.), Horst Wendlandt (3.), Musik: Peter Thomas (19.), Kamera: Karl Löb (15.), Schnitt: Alfred Srp (1.), Produktion: Horst Wendlandt (27.).
Schauplatz: London, Scotland Yard, ein Bordell, ein Hotel, eine Fleischfabrik. Gedreht wurde in Berlin und London.
Titel: Wer ist die Tote aus der Themse?
Protagonisten: Inspektor Craig und Danny Ferguson, die Schwester des vermeintlichen Opfers.
Schurke: Eine Drogenhändler-Ring sowie ein unbekannter Mörder.
Gewalt: Diverse Erschießungen.
Selbstreflexion: Begrüßungsformel zu Beginn.