Mit ‘Harald Philipp’ getaggte Beiträge

Kaum habe ich geschrieben, dass die Rialto-Karl-May-Filme immer die gleiche Geschichte erzählen, dass sie immer wieder in diesen sprichwörtlichen fünf Minuten vor dem Untergang der indianischen Kultur angesiedelt sind, der dann durch den Einsatz der Helden noch einmal abgewendet werden kann, kommt mit WINNETOU UND DAS HALBBLUT APANATSCHI der erste Film seit DER SCHATZ IM SILBERSEE, der mit der bewährten Formel bricht. Nicht ganz wohlgemerkt: Das Unheil geht wieder einmal vom Materialismus weißer Ganoven aus, die das Ende des Bürgerkrieges nach Westen gespült hat, und wieder einmal ist es Winnetou, der sie stoppen muss, aber es kommt ohne den Krieg zwischen Weißen und Indianern aus. Philipps zweiter Karl-May-Film nach DER ÖLPRINZ wird so zu einer eher fluffigen und flüchtigen Angelegenheit, die im süßen Püppchengesicht der 22-jährigen Uschi Glas (in den Credits als „Ursula Glas“ gelistet) den passenden Ausdruck findet.

Zu ihrem 21. Geburtstag schenkt der Farmer Mac Haller (Walter Barnes) seiner Tochter Apanatschi (Uschi Glas) eine Goldader, die er vor Jahren gefunden und geheimgehalten hatte. Durch Zufall bekommen Pinky und Sloan, zwei falsche Freunde Macs, Wind von der Sache und wittern die Chance auf den großen Reichtum. Doch bevor Mac ihnen die Goldader zeigen kann, kommt es zum Schussgefecht, bei dem der Familienvater stirbt. Weil Winnetou (Pierre Brice), Old Shatterhand (Lex Barker) und Apanatschis Verlobter Jeff (Götz George) die drohende Gefahr für das Mädchen erahnen, verstecken sie sie in einem Eisenbahnercamp. Pinky und Sloan holen sich inzwischen Verstärkung bei der Bande des Gangsters Curly Bill. Es kommt zur Auseinandersetzung zwischen den Banditen auf der einen und den Eisenbahnern auf der anderen Seite …

WINNETOU UND DAS HALBBLUT APANATSCHI ist der erste der Rialto-Karl-May-Filme, der nur noch „auf Motiven“ des beliebten Schriftstellers basierte. Vielleicht war auch das ein Grund dafür, dass die kritischen Laute, die bemängelten, der Film habe mit dem Werk des Autors nichts mehr gemein, immer lauter wurden und der Zuschauerzustrom langsam aber sicher abebbte. Dem Film fehlt der epische Ansatz, den selbst OLD SUREHAND 1. TEIL in Ansätzen noch hatte, das große Thema und ein echtes Zentrum. Uschi Glas kann diese Funktion in ihrer ersten Hauptrolle nicht übernehmen, Winnetou und Old Shatterhand bleiben schattenhaft, Actionhelden ohne echte Persönlichkeit. Wie schon bei UNTER GEIERN wird Götz George mit seiner überragenden physischen Präsenz enorm wichtig für den Film, auch wenn das Drehbuch nicht allzu viel mit ihm anzufangen weiß. Trotzdem hat Harald Philipp wieder einmal einen soliden Timewaster auf die Beine gestellt, was ja auch nicht ganz verkehrt ist: Der Auftakt mit dem Angriff eines Adlers auf einen kleinen Jungen, den Winnetou in höchster Not retten kann, ist trotz zum Teil erbarmungswürdig schlechter Spezialeffekte recht spannend und intensiv, der folgende Konflikt zwischen Macs Familie und den falschen Freunden angemessen unheilvoll umgesetzt. Das folgende Katz-und-Maus-Spiel mit der Bande von Curly Bill, bei dem Jeff wieder einmal in Undercover-Funktion unterwegs ist, ist abwechslungs- und temporeich, kommt aber ohne den ganz großen Höhepunkt aus. Erst im Showdown kracht es dann unter großzügigem Dynamiteinsatz. WINNETOU UND DAS HALBBLUT APANATSCHI kann seine große Schwäche, den Mangel einer übergeordneten Idee, eines Konzepts und eines zugkräftigen Schurken nicht verhehlen. Er ist letztlich kaum mehr als ein buntes Sammelsurium bewährter Situationen und Elemente. Wie der Film-Dienst angesichts der Flüchtigkeit dieses Films dazu kam, ihm „eine gehörige Portion Zynismus und Grausamkeit“ zu unterstellen, bleibt ein Rätsel. Ganz daneben liegt das Lexikon des Internationalen Films, dass erkannt haben will, der Film sei“ Gefühlsbetont wie die Vorlage, aber werkwidrig brutal.“ Das macht nun wirklich überhaupt keinen Sinn.

um_null_uhr_schnappt_die_falle_zuEin Transporter mit Nitroglycerin wird gestohlen und mitten in Manhattan geparkt. Die sich anschließende Aufregung nutzt eine Komplizin der beiden Lkw-Diebe, um einen Juwelier auszurauben. Als die Polizei den Transporter öffnet, muss sie jedoch feststellen, dass der Sprengstoff entwendet wurde. Er befindet sich in den Händen des Gangsterbosses Larry Link (Horst Frank), der die Stadt zur Zahlung von einer Million Dollar zwingen will. Eine sich anbahnende Hitzewelle macht schnelles Handeln erforderlich, denn wenn die Kühlung des Nitroglycerins nachlässt, ist der Stoff unkontrollierbar. Jerry Cotton (George Nader) und sein Partner Phil Decker (Heinz Weiss) machen sich auf die Suche …

Harald Philipp darf nach seinem gelungenen Einstand mit MORDNACHT IN MANHATTAN auch das dritte Abenteuer um den Helden der Groschenheftserie inszenieren. Die schon im Vorgänger unverkennbare Professionalisierung setzt sich hier nahtlos fort: Mit Horst Frank bietet UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU einen charismatischen Darsteller als Antagonisten zum straighten George Nader, der dem Film darstellerisches Profil verleiht. Sein Larry Link ist wunderbar schmierig, wie er da barfuß und mit aufgeknöpftem Hemd in seinem mit Wasser gefüllten Wohnzimmer herumgammelt und vom Liegestuhl aus Befehle gibt. Auch die Geschichte um die Sprengstoffbedrohung einer ganzen Stadt markiert gegenüber den Allerweltsverbrechen der vorangegangenen Teile einen deutlichen Quantensprung. Ein Hauch von großem Katastrophenfilm weht durch die kleine deutsche Produktion, die sich wieder einmal viel Mühe gibt, das ohne Schauspieler on location in New York gedrehte Material mit den restlichen Aufnahmen in Einklang zu bringen. Es sind gerade diese heute so schön anachronistisch und nostalgisch anmutenden Szenen, in denen man überdeutlich sieht, dass die Darsteller vor unscharfen, nicht optimal justierten Rückprojektionen agieren, die für UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU einnehmen. Ich habe es schon in meinem Eintrag zu MORDNACHT IN MANHATTAN geschrieben: Statt als technische Unzulänglichkeiten möchte ich diese Rückprojektionen und das körnige, nicht immer gestochen scharfe Schwwarzweiß als Stilmittel begreifen, die perfekt dazu geeignet sind, den hingeworfenen, floskelhaften Stil und das billige Papier voller abfärbender Druckerschwärze der Heftserie in das Medium Film zu transportieren. Und im brillanten Score Peter Thomas‘, in dem es vor gescatteten „schubididuhs“ und „bepp-di-du-bopps“ nur so wimmelt, meint man gar das Rascheln der vor fiebriger Spannung ihrer jugendlichen Leser nur so dahinfliegenden Seiten vernehmen zu können, findet der Komponist das perfekte tonale Äquivalent zur sich im rigorosen Wochenrhythmus atemlos von Set Piece zu Set Piece hetzenden Wegwerfkunst.

Wie schade ist es da, dass UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU auf erzählerischer Ebene nicht mit dieser formalen Schönheit, die den Pulp der Vorlagen zu fast reinem Kontrast gerinnen lässt, mithalten kann. Wo Philipp im Vorgänger noch eine Actionszene an die nächste reihte und damit beachtlichen Erfolg erzielte, scheitert er hier bei dem Versuch, Spannung und Suspense gerade durch das Herauszögern der kathartischen Ausbrüche zu erzeugen, relativ kläglich. Er scheint mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln an die Grenzen des Möglichen zu stoßen. So wie man auf 65 Heftromanseiten kein Generationen umspannendes Epos unterbringt, ist es eben schwer, den Ausnahmezustand einer Multimillionen-Metropole filmisch abzubilden, wenn man nur ein paar Filmrollen mit Archivmaterial eben jener Stadt im Schrank liegen hat. Vielleicht sollte man ein Auge zudrücken und den Mut der Macher loben, auf die Rahmenbedingungen gepfiffen und den Film trotzdem gemacht zu haben. Böse bin ich ihnen nicht dafür, dass mich UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU weitestgehend gelangweilt hat. Ob es zu etwas gut war, wird der nächste Beitrag DIE RECHNUNG – EISKALT SERVIERT zeigen. Den drehte Helmut Ashley, der mir für diesen Stoff genau der richtige Mann zu sein scheint. Ich habe Hoffnung.

mordnacht_in_manhattanManhattan wird von der „100-Dollar-Bande“ (u. a. Peter Kuiper, Siegurd Fitzek, Willy Semmelrogge, Paul Muller und Slobodan Dimitrijevic) unsicher gemacht. Die Schurken überfallen Geschäfts- und Restaurantinhaber und fordern sie unter Gewaltandrohung zur Zahlung eines Schutzgelds von 100 Dollar. Als sich der Besitzer eines italienischen Restaurants weigert zu bezahlen, wird er von den Übeltätern rücksichtslos erschossen. Der kleine Billy (Uwe Reichmeister) hat den Täter gesehen, doch dauert es eine Weile, bis er zu den ermittelnden FBI-Männern Jerry Cotton (George Nader) und Phil Decker (Heinz Weiss) vorgedrungen ist. Und dann schwebt er in Lebensgefahr …

Die vom reißerischen Titel angekündigte „Mordnacht“ finden wohl nur besonders Zartbesaitete in diesem Film. Ein weitaus ehrlicherer Titel hätte von einem „Nachtmord“ gesprochen, sich damit aber auch nur halb so knorke, genau genommen sogar ziemlich bescheuert angehört. Auch beim zweiten Kinoeinsatz von G-Man Jerry Cotton fragt sich der heutige Zuschauer, ob es für einen FBI-Mann vom Schlage eines Jerry Cotton nicht unter seiner Würde ist, sich mit einer Bande herumzuschlagen, die ihre Drittklassigkeit schon in ihrem Namen herumtragen. Um die Provinzialität des Falles zu kaschieren, mit dem man da den angeblich besten Mann betraut, wird aber ordentlich Rabatz gemacht. Der Film hetzt angetrieben von Philipps schwungvoller Regie von Schießerei zu Keilerei, von Explosion zu Verfolgungsjagd und dann gleich wieder zurück. Das macht Laune und sieht dank der diesmal zumindest zum Teil vor Ort eingefangenen New-York-Impressionen von Times Square und 42nd Street auch deutlich besser und spektakulärer aus als noch im visuell vollkommen unprätentiösen Vorgänger SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN. Das bedeutet zwar nicht, dass nicht auch hier mit Einsatz von Rückprojektionen und deutschen Drehorten kräftig geschummelt wurde, trotzdem kommt einfach mehr amerikanisches Großstadtflair auf, was für den Erfolg von MORDNACHT IN MANHATTAN nicht ganz unerheblich ist. Damit man als deutscher Zuschauer kein allzu großes Heimweh oder gar einen Kulturschock erleidet, begibt sich der Film zum Finale dann aber wieder stilecht in eine Kiesgrube, in der Jerry Cotton die Reifen seines Jaguars effektvoll durchdrehen lassen kann.

Inhaltlich hat sich der Film die Naivität aus dem Vorgänger dankenswerterweise bewahrt. Am tollsten ist die Episode um die tapfere Tankstellenbesitzerin Sophie Latimore (Elke Neidhart), die ebenfalls von den Bösewichtern bedroht wird. Kurzerhand gibt sich Cottons Kollege Decker als neuer Tankwart aus, der dem ersten eintrudelnden Geldeintreiber sogleich ein paar kräftige Maulschellen verpasst und ihn dahin schickt, wo der Pfeffer wächst. Eine wirklich schlechte Idee, denn wenig später fliegt die Existenzgrundlage der armen Sophie flammenreich in die Luft und Cotton und Decker schauen dumm aus der Wäsche. Ihre Inkompetenz und Fahrlässigkeit zieht zum Glück für sie aber keine disziplinarischen oder gar rechtlichen Konsequenzen nach sich. Man weiß eben, was man an den beiden hat. Nicht nur in dieser Hinsicht haben sich die Zeiten für Filmhelden massiv geändert.

Wie ich schon zu A DOPPIA FACCIA geschrieben hatte, wollte die Rialto ihre Wallace-Reihe eigentlich abschließen, zumal Fredas Film in Deutschland kein großer Erfolg beschieden war. Doch dann entwickelte sich mit Argentos L’UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO eine Wallace-Verfilmung der Konkurrenz zum Kassenschlager und stimmte Wendlandt, der ein gutes Geschäft nicht ausschlagen konnte, noch einmal um. Am 30. März 1971 startete mit DIE TOTE AUS DER THEMSE der 30. Wallace-Film der Rialto, schlappe zwei Monate, nachdem die letzte Klappe gefallen war (an der Wahl des Premierenorts Mainz mag man vielleicht die auch bei Rialto deutlich gedrosselten Erwartungen ablesen). Im Gegensatz zum italienisch koproduzierten Vorläufer handelte es sich bei DIE TOTE AUS DER THEMSE wieder um einen „echten“ Rialto-Wallace: Die Geschichte ist ein nach dem bekannten Rezept konstruierter Krimi, in dem wieder einmal ein unbekannter Mörder einem ausgeklügelten Verbrechen in die Quere kommt. Hauptfigur ist ein Scotland-Yard-Ermittler (dass man mit Hansjörg Felmy einen neuen Inspektor einführte, legt den Schluss nahe, dass man weitere Verfilmungen nicht ganz ausschloss), Siegfried Schürenberg kehrt als Sir John ebenso zurück wie andere Akteure aus dem großen Wallace-Ensemble, etwa Uschi Glas, Harry Riebauer, Werner Peters und Günther Stoll. Die Musik, eines der Highlights des Films, komponierte zum letzten Mal Peter Thomas. Obwohl man also sichtlich darum bemüht war, nach der zweijährigen Pause strukturell und tonal an die einstigen Erfolgsfilme anzuschließen, hatte man auch verstanden, dass man nicht einfach nach dem alten Schema weitermachen konnte: DIE TOTE AUS DER THEMSE ist merklich „realistischer“ und ernster als die barocken Gruselkrimis der Sechzigerjahre. Verschwunden sind die fantasievollen Verkleidungen, die pulpigen Übertreibungen, aber auch der klamaukige Humor, der vor allem in den späten Vohrer-Filmen stark ausgeprägt war, dafür wurde der Sexanteil noch einmal merklich erhöht. Konnte man die vorangegangenen Wallace-Filme noch als Vorstufe zu den in vor allem in den Siebzigerjahren reüssierenden Giallos italienischer Prägung begreifen, so ist die Differenz zwischen diesen und DIE TOTE AUS DER THEMSE fast gänzlich nivelliert.

Die Tänzerin Myrna Fergusson (Lyvia Bauer) wird in ihrem Hotelzimmer erschossen, nachdem sie Scotland Yard und Inspektor Craig (Hansjörg Felmy) geholfen hatte, einen Drogendeal platzen zu lassen. Wenig später ist ihre Leiche verschwunden. Der Fotograf David Armstrong (Vadim Glowna) hat Bilder, die belegen, dass Myrna mitnichten tot ist, doch auch er wird ermordet, nachdem er sie Danny, der Schwester Myrnas gezeigt hat, die in London weilt, um sich mit Myrna zu treffen. Sie unterstützt Inspektor Craig bei seinen Untersuchungen, gerät dabei jedoch selbst in Gefahr …

Wie oben schon erwähnt, erzählt Regisseur Philipp seine Krimigeschichte recht straight herunter, ohne dabei große narrative oder formale Spielereien zu machen. Der Look seines Films ist deutlich weniger bunt und grell als in den letzten Vohrer-Filmen, die Verbindung zweier parallel laufender Verbrechen ist nicht mehr auf den größtmöglichen verwirrenden Effekt hin inszeniert, sondern vielmehr klar und nachvollziehbar. Auch der Humor – er geht erneut auf das Konto Siegfried Schürenbergs – lässt sich nur als „gemäßigt“ bezeichnen: Sir John ist ein eigenwilliger Charakter, aber er muss nicht mehr eine Zote nach der anderen reißen. Die amouröse Beziehung, die er und sein Nachfolger Sir Arthur zur Sekretärin Mabel pflegten und die der Quell der klamaukigen Exkurse war, findet in DIE TOTE AUS DER THEMSE nicht nur deshalb keinen Platz mehr, weil die Gute durch die Vorzimmerdame Susan (Petra Schürmann) ersetzt wurde: Solche Mätzchen würden dem Geist des Filmes, der vor allem ein ernstzunehmender Thriller sein will (nehme ich an), einfach nicht mehr entsprechen. Im Großen und Ganzen gelingt es Philipp (er war schon vorher für die Regie vorgesehen, jedoch immer wieder ersetzt worden), die vermutlich an ihn gestellten Anforderungen zu erfüllen: DIE TOTE AUS DER THEMSE stellt eine modernisierte Interpretation des Erfolgsrezepts dar, die Story zeichnet sich durch all jene Elemente aus, die die Zuschauer von einem Wallace-Film wahrscheinlich erwarteten, überführt diese jedoch in ein realistischeres Konzept. Auf die Anwesenheit schöner junger Damen war im Verlauf der Sechzigerjahre immer mehr Wert gelegt worden, hier nun gibt es zahlreiche Szenen, in denen äußerst selbstzweckhaft unverhüllte, nackte Tatsachen zu bestaunen sind – unter anderem jene von Ingrid Steeger, die sich mittlerweile mit ihren ersten Sexfilmen – etwa ICH, EIN GROUPIE – einen Namen gemacht hatte. Das Betulich-Staubige, Spießig-Keusche, das die frühen Wallace-Filme der Rialto, der Zeit entsprechen ausgezeichnet hatte, ist in weite Ferne gerückt. Hansjörg Felmy weiß bei seiner Premiere zu überzeugen: Er ist als Ermittler weniger kumpelig und nett als Joachim Fuchsberger, weniger onkelhaft als Heinz Drache, weniger distanziert und streng als Horst Tappert, bringt dafür aber eine gewisse grimmige Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit mit. An seiner Figur zeichnet sich der Wandel vom naiven Spaßkrimi hin zum authentischen Polizeifilm wohl am stärksten ab und er bedeutet den größten Sprung für die Reihe. Es ist ein bisschen schade, dass es seine einzige Gelegenheit innerhalb der Wallace-Reihe bleiben sollte, aber man darf DIE TOTE AUS DER THEMSE wahrscheinlich als Generalprobe für seine spätere Tätigkeit als TATORT-Kommissar Haferkamp von 1974 – 1980 verstehen.

Die ganz große Begeisterung stellte sich bei mir trotz generell gutem Eindruck dennoch nicht ein: Der Film lässt ein stärker ausgeprägtes Profil vermissen und wirkt – kein Wunder nach 30 Filmen in gerade einmal 12 Jahren – etwas müde. Eine ganz große Bürde ist, zumindest für mich, Uschi Glas, deren Spiel einfach schrecklich unnuanciert und unglaubwürdig ist und die ihre Dialogzeilen spricht, als verwendete sie alle Anstrengung darauf, sich überhaupt an ihren genauen Wortlaut zu erinnern. Sie ist vor allem deshalb ein unübersehbarer Schwachpunkt, als DIE TOTE AUS DER THEMSE im Kern eine unheimlich traurige Geschichte erzählt. Doch das Wechselbad aus der Trauer über den vermeintlichen Tod der geliebten Schwester, der Hoffnung darauf, sie doch noch lebend wiederzufinden, sowie der erneuten Enttäuschung kann Uschi Glas einfach nicht überzeugend verkörpern. Sie stapft mit dem immergleichen Püppchengesicht durch den Film, drückt sich dann und wann mal ein Tränchen ab, begnügt sich jedoch weitestgehend damit, adrett auszusehen. Der Fehler liegt nicht allein bei ihr: Den finalen Schicksalsschlag darf man durchaus zynisch, grausam, geschmacklos und vor allem unnötig finden. Er scheint ganz dem Diktat unterworfen, dem Zuschauer noch einen großen Clou am Ende zu bieten. Doch anstatt noch tiefer in den Sitz gedrückt zu werden, fühlte ich mich vor allem um die verdiente Katharsis geprellt und völlig aus dem Film herausgerissen. Hier wäre weniger definitiv mehr gewesen.

DIE TOTE AUS DER THEMSE bedeutete noch einmal einen respektablen Erfolg an der Kasse, ohne jedoch an die Traumergebnisse von einst anschließen zu können. Es spricht einiges für die These, dass dieser Film der letzte „echte“ Rialto-Wallace ist. Zwar produzierte Wendlandt noch zwei weitere Wallace-Verfilmung gemeinsam mit italienischen Geldgebern, doch hatten diese mit dem einstigen Konzept außer der literarischen Vorlage nicht mehr allzu viel gemein und werden heute weitestgehend als eigenständige Giallos betrachtet. Wallace-Fans sind auf diese Titel nicht wahnsinnig gut zu sprechen (was natürlich nichts heißen muss) und an der Kinokasse schnitten beide bestenfalls zufriedenstellend ab. Ich möchte meine „kleine“ Rialto-Wallace-Reihe aus diesem Grund an dieser Stelle abschließen. Das fällt mir auch deshalb leicht, weil ich sowohl über Massimo Dallamanos COSA AVETE FATTO A SOLANGE? (zu Deutsch: DAS GEHEIMNIS DER GRÜNEN STECKNADEL) und Umberto Lenzis SETTE ORCHIDEE MACCHIATE DI ROSSO (zu Deutsch: DAS RÄTSEL DES SILBERNEN HALBMONDS) bereits im Rahmen meiner Giallo-Reihe geschrieben habe, Komplettisten also lediglich auf die Checkliste verzichten müssen. Edgar Wallace wird mir aber noch ein wenig länger erhalten bleiben: Ich werde mich als nächstes den zwischen 1960 und 1971 entstandenen deutschen Wallace-Verfilmungen der Rialto-Konkurrenz widmen und hoffe natürlich, damit weiterhin auf das Interesse meiner Leserschaft zu stoßen. (Danach gibt es dann was ganz anderes.)

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Siegfried Schürenberg (15.), Uschi Glas, Werner Peters, Harry Riebauer, Friedrich G. Beckhaus (4.), Günther Stoll, Michael Miller, Günther Notthoff (3.), Herbert Kerz, Ingrid Steeger (2.). Regie: Harald Philipp (1.), Drehbuch: Harald Philipp (1.), Horst Wendlandt (3.), Musik: Peter Thomas (19.), Kamera: Karl Löb (15.), Schnitt: Alfred Srp (1.), Produktion: Horst Wendlandt (27.).
Schauplatz: London, Scotland Yard, ein Bordell, ein Hotel, eine Fleischfabrik. Gedreht wurde in Berlin und London.
Titel: Wer ist die Tote aus der Themse?
Protagonisten: Inspektor Craig und Danny Ferguson, die Schwester des vermeintlichen Opfers.
Schurke: Eine Drogenhändler-Ring sowie ein unbekannter Mörder.
Gewalt: Diverse Erschießungen.
Selbstreflexion: Begrüßungsformel zu Beginn.