Mit ‘Heath Ledger’ getaggte Beiträge

Jetzt also die lange herausgezögerte Zweitsichtung von THE DARK KNIGHT. Schon in den ersten Sekunden des Films wird eines ganz klar: Stilistisch hat der zweite Teil von Nolans Batman-Trilogie rein gar nichts mehr mit dem unmittelbaren Vorgänger, aber auch nicht mit dem mittlerweile doch recht umfangreichen Subgenre des Comic-Superheldenfilms zu tun. Wie Vern es in seinem Text sagte: „This is squarely aimed at adults who don’t mind if the one guy happens to have bat ears. It never feels like they’re following a marketing plan or even a comic book movie formula. It honestly feels like it’s a story that’s about something, that happens to have a Batman in it, and not the other way around.“ War BATMAN BEGINS noch in einem Steampunk-Paralleluniversum angesiedelt, mit bizarren Schurkenfiguren mit größenwahnsinnigen Weltbeherrschungsplänen besetzt, vollzieht Nolan mit THE DARK KNIGHT den Wandel zum realistischen Großstadt-Crime-Drama oder Polizeifilm. Gotham City ist kein in dunklen Brauntönen dampfender Gothic-Moloch mehr, sondern eine gläsern glitzernde, moderne amerikanische Metropole in sterilem Graublau. Die ewige Nacht, die sich im Vorgänger über die Stadt gelegt zu haben schien, ist einem mitleidlos alle Gräueltaten bloßlegenden Sonnenschein gewichen. THE DARK KNIGHT spielt tatsächlich überwiegend bei Tageslicht und der Titelheld ist nur eine von zahlreichen gleichberechtigt auftretenden Figuren. Mehr als um die „Abenteuer“ Batmans geht es – wie schon im ersten Teil angedeutet – um die „Idee Batman“, um die Frage, wie und mit welchen Folgen sie umzusetzen und ob sie überhaupt wünschenswert ist.

THE DARK KNIGHT ist von daher sehr konzept- und themenschwer, für einen solchen Eventfilm ungemein komplex und ungewöhnlich strukturiert. Die verschiedenen Bemühungen unterschiedlicher Parteien, dem organisierten Verbrechen in Gotham City Einhalt zu gebieten, werden sehr detailliert und ausführlich geschildert, immer wieder gespiegelt, kontrastiert und neu bewertet. Auch die Figuren durchlaufen einen langen Entwicklungsprozess, der jedoch nicht in einem idealisierten Zustand der Allwissenheit mündet. THE DARK KNIGHT ist ein Film der Unsicherheit, des Zweifels und der Orientierungslosigkeit. In seinem nüchternen Realismus, der Strategie, in einem Schwebezustand zu enden, von dem aus alles neu aufgebaut werden muss, erinnert er tatsächlich stark an anspruchsvollere US-Fernsehserien mit ihren über Jahre entwickelten Handlungs- und Beziehungsgeflechten, Zwischenhochs und -tiefs, dem dialektischen Wechsel von Rückschlägen und Fortschritten, Niederlagen und Siegen. Am Ende fühlt man sich atemlos, aber nicht, weil man über 120 Minuten mit Effektgewalt bombardiert worden wäre, sondern weil THE DARK KNIGHT so enorm übervoll ist: mit Charakteren, mit Plots und Geschichten, mit Konzepten und Ideen. Die Frage, ob das Prinzip der Selbstjustiz, das Batman verkörpert, wünschenswert und vertretbar ist, steht natürlich im Zentrum des Films: Aber dass er auch nach 140 Minuten nicht in der Lage ist, sie eindeutig zu beantworten, ist für ein solches „Franchise“ schon sehr bemerkenswert.

Ich hatte im Text zum BATMAN BEGINS etwas voreilig und aus der Erinnerung heraus behauptet, dass THE DARK KNIGHT quasi „unmenschlich“ sei. Das stimmt so eigentlich nicht. Gerade dieses Zweifeln, Hadern, Abwägen, Probieren und Verwerfen, das die Handlung bestimmt, macht ihn sehr menschlich. Trotz der erwähnten Konzeptschwere hat man nie den Eindruck, die Figuren würden einem erzählerischen Zweck unterworfen. Alle offenbaren sie unterschiedlichste Facetten und keine von ihnen ist nur gut oder nur böse. Selbst der Joker, ein Psychopath wie er im Buche steht, hat manchmal einfach Recht mit seiner Verachtung für das System. Das macht den Film ebenso unvorhersehbar wie lebendig, ohne dass er dabei seine Kompaktheit aufgäbe und sich im Uferlosen verlöre. Man ahnt, welche akribische Arbeit hinter THE DARK KNIGHT steckt, dennoch wirkt er nicht überformt, sondern bei aller Geschliffenheit unkonstruiert und roh. Der Film ist voll von diesen Gegensätzen: Er ist gleichzeitig so dicht, dass man beinahe erstickt, wie offen: Die in Gotham City herrschende Panik vor der Herrschaft des Verbrechens etwa wird allein durch die Atmosphäre des Films greif- und nachvollziehbar: Es bedarf dafür keiner Massenszenen oder Bilder von bedrohten Zivilbürgern. Ich weiß nicht genau, wie Nolan das gelungen ist, einen so eng abgezirkelten Film zu drehen, der dabei dennoch nicht abgeriegelt wirkt. Und doch ist es wahrscheinlich am ehesten ihm anzulasten, dass man THE DARK KNIGHT als unangenehm, niederdrückend und, ja, irgendwie als böse empfindet. Die Atmosphäre des ganzen Films ist freudlos, keine Spur mehr von comichaftem Eskapismus, seine Charaktere allesamt völlig entkernt, leer, grüblerisch, oberflächlich oder schlichtweg psychotisch. Der hoffnungsvolle Fingerzeig am Ende, wenn sich die Menschen völlig überraschend als doch noch nicht völlig vertiert, sondern als empathiebefähigt herausstellen, verpufft inmitten des grimmigen Elends und der heiligen Ernsthaftigkeit, mit der diese dunkle Mär um Rache, Sadismus und alttestamentarische Gerechtigkeistvorstellungen dargeboten wird. Der sterile Perfektionismus Nolans treibt ihr jeden Spaß aus, wirkt rigide und niemals filigran, sondern inhuman und klobig. Die ideale Umsetzung des Namens „Gotham“: Ausdifferenziert, vielseitig, schillernd, komplex, aber eben auch düster, gewaltig, bedrohlich, monolithisch.

Wahrscheinlich ist es das, was mich damals und auch heute zögern lässt, diesem Film uneingeschränkt mein Herz zu schenken: Ich fand ihn diesmal, mehr als bei Erstsichtung, absolut faszinierend und hatte nach dem Ende nicht übel Lust, ihn gleich noch einmal zu schauen, weil er so viel bietet. Aber „liebhaben“ kann ich ihn einfach nicht. Ich fühlte mich ein bisschen bedrängt von THE DARK KNIGHT: Kleinlaut sitzt man in der Ecke, während sich der Film über einen beugt, einem jeden Ausweg versperrt, die Luft zum Atmen raubt und mit lauter, fester Stimme auf einen einredet. Man möchte sich dagegen wehren, aber man ist irgendwie wie gelähmt. Auch die Momente, in denen der Film anhebt und Befreiung verspricht, in seinen Actionszenen, bieten keine Entlastung. Viele waren hin und weg von seinen Actionszenen, bei mir hat keine einzige wirklich nachhaltig Wirkung gezeigt. Nein, dieser Batman ist nicht in der Bewegung zu Hause. Er will am liebsten nur noch Idee sein, Einschüchterung, Symbol. Mit Nolan hat er einen guten Propaganda-Arbeiter gefunden.

 

Als Schausteller reist der mysteriöse (und unsterbliche) Dr. Parnassus (Christopher Plummer) mit seiner Tochter Valentina (Lily Cole), dem Zwerg Percy (Verne Troyer) und Anton (Andrew Garfield) erfolglos durch das gegenwärtige London, dabei verspricht sein Fahrgeschäft doch die Erfüllung aller Wünsche und Träume. Zur finanziellen Misere gesellt sich der Weltschmerz: Mit dem bevorstehenden 16. Geburtstag seiner Tochter nähert sich auch der Tag, an dem Parnassus sie an den Teufel (Tom Waits) abtreten muss. Eine Wette soll sie davor bewahren: Wer zuerst fünf Seelen eingefangen hat, bekommt die Tochter. Behilflich ist Parnassus dabei das Marketinggenie Tony (Heath Ledger), den die Schaustellertruppe vor dem Tod gerettet hat. Doch der hat ein eigenes dunkles Geheimnis …

Es ist mein Vollständigkeitswahn, der mich davon abhält, mir diesen Text zum jetzigen Zeitpunkt zu verkneifen: Ich habe mich mit Gilliams neuem Film sehr schwer getan, bin nicht richtig reingekommen, habe ihn (wahrscheinlich) nicht komplett verstanden und hätte ihn – schwer hitzegeschädigt – wahrscheinlich am besten vorzeitig abgebrochen, um ihn ein anderes Mal unter besseren Bedingungen zu sehen. Mein Pflichtbewusstsein und meine Gattin, die sich auf diesen Film sehr gefreut hatte, standen diesem Abbruch im Weg und so kann ich nun leider nicht anders als hier und jetzt meine Enttäuschung und Ratlosigkeit über THE IMAGINARIUM OF DOCTOR PARNASSUS auszudrücken. Dabei standen die Zeichen doch eigentlich sehr gut: Es scheint eine halbe Ewigkeit her, seit Gilliam bei einem Film seine eigenen Vorstellungen ohne finanzielle Beschränkungen und Einmischung von außen umsetzen konnte. Doch auch, wenn man einräumt, dass der US-Amerikaner mit dem überraschenden Tod seines Hauptdarstellers auch diesmal wieder ein kaum lösbares Problem bewältigen musste – was ihm ziemlich gut gelungen ist, obwohl man dem fertigen Film natürlich anmerkt, dass auch er nicht aus einem Guss entstehen konnte -, so beschleicht mich langsam, aber sicher die Befürchtung, dass Gilliam in den verlorenen Schlachten der jüngeren Vergangenheit auch etwas von dem Spirit eingebüßt hat, der seine älteren Filme bis etwa FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS immer wieder so ungemein sehenswert machte.

Das größte Problem an IMAGINARIUM ist meines Erachtens, dass der ganze Film zu episodisch angelegt ist (auch das ist sicherlich zum Teil auf den Tod Ledgers zurückzuführen), ohne dass diese Episoden jedoch echte Höhepunkte darstellten. Die Geschichte entfaltet sich sehr gemächlich und im Nachhinein betrachtet sogar ziemlich umständlich: Der Kampf um die fünf Seelen bleibt merkwürdig spannungsarm, bildet keineswesg den finalen Höhepunkt, sondern gliedert sich nahtlos in einen Film ein, der in seinem zweistündigen Verlauf kaum über Ausschläge der Spannungskurve verfügt. Wo ist der Flow geblieben? Die Thematik – IMAGINARIUM singt ein Loblied auf die Kraft der Imagination – erkennt man mittlerweile als das Leib- und Magenthema Gilliams, doch selten wirkte es lebloser und alibihafter umgesetzt. Das liegt nicht zuletzt an den zentralen Imaginariums-Sequenzen, in die Gilliam zwar sein ganzes gestalterisches Geschick geworfen hat (er entwarf zum ersten Mal seit geraumer Zeit wieder umfangreiche Storyboards), die aber trotz der unverkennbaren Parallelen etwa zu diversen alten Monty-Python-Cartoons in ihrer kitschigen CGI-Optik seelenlos und gleichförmig wirken. Diese Effektsequenzen stellten für mich eindeutig die größte Enttäuschung dar, denn zumindest was die visuelle Gestaltung seiner Filme anging, konnte man sich auf Gilliam doch immer verlassen, immer etwas Originelles, Originäres erwarten. Vielleicht ist das Jammern auf hohem Niveau: Natürlich ist IMAGINARIUM nicht schlecht, bietet immer noch wunderschöne Ideen und Bilder, die man so (fast) ausschließlich von Gilliam bekommt, charismatische Schauspieler (mein Fave ist hier eindeutig Christopher Plummer) und dieses schwer beschreibbare Ensemblefeeling, dem zu Beginn der Endcredits mit der Widmung „A film by Heath Ledger & Friends“ Rechnung getragen wird. Vielleicht ist es gerade dieser Huldigungscharakter, der dem Film als solchem im Wege steht, vielleicht hätte es nach dem Tod Ledgers doch größerer Umstrukturierungen bedurft, als nur drei andere Schauspieler (Johnny Depp, Jude Law & Colin Farrell) in Ledgers Rolle schlüpfen zu lassen. Es ist durchaus verständlich und auch sehr sympathisch, dass Gilliam davon abgesehen hat, und unterstreicht seine Ausnahmestellung als Filmemacher, der zugunsten einer adäquaten Umsetzung seiner Vision auch mal in Kauf nimmt, dass unterm Strich kein ganzer Film steht. Ich weiß es nicht. Wie gesagt: Ratlosigkeit. 

Ich schließe hier, denn ich möchte dem Film auch nicht Unrecht tun. Eine Zweitsichtung ist verpflichtend und ich würde mich nicht wenig freuen, wenn ich diesen Text dann als Irrtum deklarieren könnte.