Mit ‘Heidemarie Hatheyer’ getaggte Beiträge

Vor Jahrzehnten gebar die wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt inhaftierte Amelia (Heidemarie Hatheyer) im Gefängnis den Sohn ihres verstorbenen Gatten, der ihr sofort abgenommen wurde. Heute lebt sie als Ehefrau des tyrannischen Landbesitzers Caleb Gare (Ewald Balser) und hat mit ihm zwei Töchter, Judith (Marisa Mell) und Ellen (Gertraud Jesserer), in der kanadischen Provinz Manitoba. Judith ist in den Cowboy Sven Sandbo (Horst Janson) verliebt, doch die Beziehung zu ihm ist Vater Caleb ein Dorn im Auge, verpasste ihm Svens Vater doch einst eine Kugel ins Bein. Die eh schon mehr als angespannte Atmosphäre im Hause des Patriarchen droht endgültig überzukochen, als ein Landvermesser namens Mark Jordan (Hans N. Neubert) auftaucht und sich in Judith verliebt. Amelia weiß, um wen es sich bei dem jungen Mann handelt …

RUF DER WILDGÄNSE ist in der Heimatfilm-Edition von Filmjuwelen erschienen und wird auf dem Backcover als Adaption von John Knittels berühmtem Roman „Via Mala“ ausgegeben. Während ersteres nur fragwürdig ist, ist letzteres schlicht falsch: Hans Heinrichs Film basiert auf dem Roman „Wild Geese“ der aus Norwegen stammenden US-amerikanischen Schriftstellerin Martha Ostenso, deren bewegtes Leben sie eben auch nach Manitoba führte. „Wild Geese“ erschien 1925, erntete große Anerkennung, wurde mehrfach ausgezeichnet und gilt heute als herausragender Vertreter des kanadischen Realismus. Ob der Verleih mit seinem „Via Mala“-Hinweis hier schlicht geschlafen hat oder sich von der Erwähnung des in Deutschland ungleich bekannteren Romans größere Verkäufe versprach, sei mal dahingestellt. Vielleicht schwindelte man auch bloß, um die aus der Not geborene Kategorisierung als Heimatfilm mit „Fakten“ zu unterfüttern (in das Abenteuer- oder Historiensegment hätte der Film kaum besser gepasst), ist aber noch halbwegs nachvollziehbar und wirft einige interessante Fragen auf: Ist der Heimatfilm das deutsch-österreichische Äquivalent zum Western, den man umgekehrt durchaus als US-amerikanischen Heimatfilm bezeichnen könnte? Die Geschichte um die von der patriarchischen Vaterfigur geknechten Frauen ließe sich ohne Schwierigkeiten auch in die Bergwelt der Alpen verlagern, und die Besetzung der Amelia mit der Österreicherin Heidemarie Hatheyer macht die Vergleiche mit Rudolf Jugerts sehr ähnlichem Film DER MEINEIDBAUER fast unumgänglich. Letztlich ist die Beantwortung der Frage, in welche Schublade man einen Film denn nun am ehesten einsortieren kann, aber nicht nur müßig, sondern höchst unbedeutend, wenn nicht gar respektlos. Zumal RUF DER WILDGÄNSE sich solchen Zuschreibungen sowieso höchst störrisch widersetzt. Eine an Originalschauplätzen gedrehte österreichische Verfilmung eines kanadischen Romans? Der Mut, ein solches Projekt zu verwirklichen, hat Respekt verdient – erst recht, wenn das Ergebnis so ausfällt wie hier.

Hans Heinrich verfolgt keinen geradlinigen Plot, vielmehr scheint er immer wieder von der eindrucksvollen kanadischen Landschaft oder seinen Charakteren abgelenkt zu werden. RUF DER WILDGÄNSE ist gleichermaßen kompakt wie er seltsam diffus bleibt. Der zentrale Konflikt – eigentlich eine Vielzahl von Konflikten – wird nicht sauber aufgelöst, der Film läuft nicht auf den einen Endpunkt zu, stattdessen befasst sich Heinrich mit dem inneren Kampf der von Caleb unterdrückten Frauen, ihrem Hadern mit einer Entscheidung, dem langsamen Heranreifen der Gewissheit, das Schicksal in die eigene Hand nehmen zu müssen. Am Ende gelingt das Judith als erster, sie durchbricht die Herrschaft des Vaters, wahrscheinlich für immer, aber Heinrich gibt keine Antwort auf die Frage, was mit ihm, mit Amelia und Ellen weiter passiert Es geschieht viel in RUF DER WILDGÄNSE, aber nur wenig davon gerichtet und intendiert. Handlung vollzieht sich eher an den Figuren, weniger durch sie: Auch Judith ergreift „nur“ die Flucht, sucht nicht die Konfrontation. Das alles führt dazu, dass man RUF DER WILDGÄNSE beiwohnt wie ein Wanderer, der von einem erhöhten Standort die sich ihm zu Füßen ausbreitende Landschaft bewundert. Und Heinrich ist ein guter Landschaftsgärtner: Vor allem die sexuellen Spannungen, die da im Hause Gare Wellen schlagen, fängt er gut ein (es hilft ihm natürlich, dass Marisa Mell geradezu vibriert vor unerfüllter Lust). Ziemlich zu Beginn erzählt Judith von einer Bärenfamilie, die immer mal wieder die Vorratskammer plündere und die Marmeladentöpfe ausschlecke. Und der brave Mark, der mehr als nur ein Auge auf die Schönheit geworfen hat, antwortet höchst eindeutig, dass er es ihnen gern einmal gleichtäte. Später gibt es eine handfeste Auseinandersetzung zwischen Judith und ihrem Vater, bei der sie ihn nur knapp mit dem Beil verfehlt. Und als Antwort darauf bindet er sie, sadistische Dominanz ausstrahlend, mit einem Seil in der Scheune fest. Gibt Ewald Balser den Patriarchen als unverrückbaren Fels in der Brandung, als unbarmherzigen Popanz, zerfließt Heidemarie Hatheyer neben ihm in passiver Leidensfähigkeit, als Gesicht der Reue und Selbstbestrafung. In diesem Kontrast und dem jugendlichen Dazwischenpreschen von Sven, Mark und Judith zeichnet sich – wenn man RUF DER WILDGÄNSE eben als Western, als Pioniergeschichte begreift – auch das Voranschreiten von Geschichte ab, nicht als zielstrebig, zwechkgerichtet, hegelianisch, sondern im Wesentlichen als von menschlichem Begehren und Schmerz bestimmt.

Weil Paula (Heidemarie Hatheyer) mit dem Hofbesitzer Jacob Ferner zwei uneheliche Kinder hat, wird sie von den Einwohnern ihres Alpendorfs als „Zigeunerin“ beschimpft und gemieden. Als Jacob stirbt, soll sein Testament sie zumindest materiell für die erlittenen Demütigungen entschädigen und sie zur Hofbesitzerin machen. Doch Matthias (Carl Wery), der Bruder des Verstorbenen, nimmt das Testament an sich und versteckt es. Nur ein im ersten Zorn geschriebener Brief an den Bruder bezeugt seine Kenntnis des Testaments, und dieser Brief liegt in den Händen eines kleinen Beamten (Josef Offenbach), der ahnt, dass er ihm noch von Nutzen sein wird, als Matthias vor Gericht einen Meineid schwört. Um den ihr rechtmäßig zustehenden Besitz geprellt, zieht sich Paula mit ihren beiden Kindern in einen kleinen Gasthof in den Bergen zurück. Zehn Jahre später nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung …

DER MEINEIDBAUER basiert auf einem Theaterstück des österreichischen Volksdichters Ludwig Anzengruber und wurde bis heute etliche Male verfilmt, zuletzt 2012 von Joseph Vilsmaier. Auch wenn Jugerts Film zahlreiche Merkmale des in den Fünfzigerjahren so populären Heimatfilms aufweist – die beeindruckende Alpenkulisse, die einfachen, bodenständigen Charaktere, eine herzzerreißende Liebesgeschichte, Tragik und Dramatik –, so ist er doch aus anderem Holz geschnitzt als die typischen, oft nationalistischen, zumindest aber rückwärtsgewandten Erbauungsfilme. Postkartenkitsch und Naturverklärung sucht man hier vergebens, stattdessen zeichnet Jugert ein Leben voller Entbehrungen und eine Gesellschaft, die an verknöcherten Normen festhält. DER MEINEIDBAUER „feministisch“ zu nennen, ginge zu weit, aber das ganze Drama hat seinen Ursprung recht eindeutig in der überkommenen Rollenzuweisung der Gesellschaft. Paula – und mit ihr ihre beiden Kinder – ist weniger als ein Niemand, eine Aussätzige, Ehrlose, weil ihr die Legitimation der Ehe fehlt, die der Partner versäumt hat, ihr zu erteilen. Sie zu Erbin zu machen, was ihr endlich einen gewissen Status verliehe, wird wiederum von Matthias als Affront betrachtet. Nicht nur, dass ihm eine Frau vorgezogen wird: Auch noch eine solche? Die Logik, mit der er vorgeht, ist frappierend: Erst betrügt er Paula um ihren Besitz, dann will er seine Schuld gutmachen und sie ruhigstellen, indem er ihr vorschlägt, ihn zu heiraten. Um ihren Stolz zu wahren, bleibt ihr da nur übrig, ins Exil zu gehen. Aber auch dieser Matthias ist ein armer Tropf. Gebeutelt von seinem männlichen Anspruchsdenken und seiner Selbstherrlichkeit, wird er zum Betrüger und Kriminellen, lebt ganz allein auf seinem Hof, wird zum Opfer einer über Jahre gehenden Erpressung und entfremdet von seinem Sohn Franz (Hans von Borsody), nur um schließlich doch enttarnt zu werden. Am Ende, wenn er vor den Trümmern seiner Existenz steht, bleibt ihm, der doch immer so genau wusste, was sich gehört, nur der Freitod. Die Last des Betrugs ist immer ur schwerer geworden.

DER MEINEIDBAUER lässt die formale und narrative Leichtigkeit von Jugerts DER SATAN LOCKT MIT LIEBE gänzlich vermissen, lebt ganz von der Schicksalsschwere der Geschichte und dieser Kulisse: Die Gipfel der Berge illustrieren die Last, die alle zu tragen haben, die Begrenztheit dieser Gesellschaft, in der sie leben und die für sie unüberwindbar ist. Diese schwelgerischen Panoramablicke, mit denen der Heimatfilm die Schönheit der Natur besingt, sie fehlen hier. Der Horizont ist verbaut, Freiheit ist in dieser Welt nicht zu erreichen. Als Franz auf Wanderschaft ist, wird er von zwei Polizisten kontrolliert (Wolfgang Völz und Robert Freitag), Paulas Sohn, der mit Schmuggeleien versucht, das Leben seiner Familie erträglicher zu machen, schließlich von ihnen erschossen. Auch die Liebe zwischen Franz und Marei Roth (Christiane Hörbiger) steht unter einem schlechten Stern, belastet von der Vergangenheit ihrer beider Familien. Hier erinnert DER MEINEIDBAUER an den im letzten Jahr gelaufenen DAS FINSTERE TAL: Die Ignoranz und Engstirnigkeit pflanzt sich auch in denen unweigerlich fort, die unter ihr am meisten zu leiden hatten. Der Mensch ist seines eigenen Glückes Schmied, mehr aber noch seines Unglücks.