Mit ‘Heidi Brühl’ getaggte Beiträge

Der ehemalige Agent und jetzige Universitätsprofessor Jonathan Hemlock (Clint Eastwood) wird von seinem ehemaligen Auftraggeber, dem „Drachen“ (Gordon Thayer), reaktiviert, um dem Mörder eines alten Freundes und Partners Hemlocks unschädlich zu machen. Der Haken: Die Identität des Mannes ist unbekannt, es steht lediglich fest, dass er vorhat, die Eiger Nordwand zu besteigen. Um sich für die Bezwingung des Berges zu wappnen, an der er bereits zweimal gescheitert ist, lässt sich Hemlock im Monument Valley von seinem Kumpel Ben Bowman (George Kennedy) ausbilden.

THE EIGER SANCTION nimmt im Schaffen Eastwoods einen eher unbedeutenden, für seine Entwicklung als Filmemacher aber nicht ganz so unwichtigen Platz ein: Nach den vergleichsweise kleinen Regiearbeiten SADISTICO, HIGH PLAINS DRIFTER und BREEZY handelte es sich um eine deutlich größere, publikumsträchtige Beststellerverfilmung, die zudem das Ende von Eastwoods Kollaboration mit Universal bedeutete, mit deren Einsatz er unzufrieden war. Das Drehbuch kursierte zum Zeitpunkt von Eastwoods Involvierung bereits seit einigen Jahren durch Hollywood; es hatte einige Probleme, die zum Ausstieg des zuvor mit ihm verknüpften Stars Paul Newman führten und derer sich auch Eastwood bewusst war. Was ihn an dem Projekt aller Schwierigkeiten zum Trotz aber reizte, war die Möglichkeit, fernab des Studiotreibens mit einem kleinen Team zu arbeiten und natürlich seine eigenen Bergsteigerstunts durchzuführen. Seine Haltung zu dem Agentenplot, der ihn nur wenig interessierte, spiegelt sich dann auch in der Struktur des fertigen Films, der zwar aufwändiges Unterhaltungskino mit spektakulären Landschaftsaufnahmen und halsbrecherischen Stunts bietet, aber nie ganz verbergen kann, dass seine Story nur den Vorwand liefert, seine Figuren an die „Mordwand“ zu schicken, an der etliche Bergsteiger zuvor ihr Leben gelassen hatten.

Die Besteigung der Eiger Nordwand stellt dann auch den unbestrittenen Höhepunkt des Filmes dar und nimmt ungefähr sein letztes Drittel ein: Für Hemlock geht es dabei darum, sich sowohl als Bergsteiger zu behaupten als auch seinen Widersacher ausfindig zu machen (bevor dem dasselbe mit ihm gelingt) und ihn dann auszuschalten. Die schwierige Wetterlage erschwert dieses Vorhaben aber erheblich. Die Zuspitzung der dramatischen SItuation, auf die der Zuschauer mit dem Protagonisten zusammen hinfiebert, findet letztlich aber niemals statt; auch die Bezwingung des Berges misslingt und die Auflösung wird auf eine kurze Dialogszene verlegt, die nach der zweistündigen Aufbauarbeit unbefriedigend und antiklimaktisch wirkt, worüber auch der zuvor betriebene Aufwand und die mitunter atemberaubenden Kletterszenen nicht vollständig hinwegtäuschen können. In seiner Anlage erscheint THE EIGER SANCTION damit fast schon als Vorläufer jener „High Concept“-Filme, die den Zuschauern heute mehr Event als Film versprechen, eher auf einem Bild oder einer einzelnen visuellen Idee aufbauen als auf Charakterzeichnung und Dramaturgie. Die Kritik, die intradiegetisch an den sogenannten Totenvögeln laut wird, Touristen, die die Seilschaften mit Ferngläsern beobachten und insgeheim darauf hoffen, einer Katastrophe beiwohnen zu können, ist somit ein bisschen scheinheilig, denn natürlich baut auch Eastwood mit seinem Film ganz wesentlich auf Angstlust und Sensationalismus. Es ist aber nicht das einzige Element von THE EIGER SANCTION, das heute ein „Geschmäckle“ hat: Das Frauenbild des Films ist bisweilen schockierend gestrig, er bietet gleich mehrere Damen auf, die vor dem Charme des männlichen Protagonisten allzu bereitwillig auf die Matratze sinken, dazu reihenweise Männer, die sich ihrer Unwiderstehlichkeit und Überlegenheit sehr bewusst sind, und und noch dazu einen Schurken, dessen hervorstechendste Eigenschaft seine Homosexualität ist. Diese peinlichen Klischees verstärken in ihrer Häufung noch den Eindruck, dass man sich hier mit Details gar nicht lang aufhielt: Wen interessiert das schon, die Leute gehen eh nur ins Kino, um jemanden abstürzen zu sehen.

Auf der Habenseite verbucht THE EIGER SANCTION aber, wie schon erwähnt, diese imposanten Kulissen, die DoP Frank Stanley  effektreich einfängt und die dem 08/15-Plot erheblichen Scope verleihen. John Williams‘ Score passt sich den erhabenen Bildern an und strebt mit Pathos-getränkten Melodien zum Himmel. Make no mistake: Der Film macht Spaß und Lust auf den nächsten Urlaub, er ist spannend und in seinen Bergsteigerszenen atemberaubend bis nervenzerrend: Was fehlt, ist ein Narrativ, das es mit dem betriebenen formalen und logistischen Aufwand aufnehmen und darüber hinwegtäuschen kann, dass sich wirklich keiner der Beteiligten für die fadenscheinige Agentengeschichte interessierte.

verbrechen-nach-ladenschlussAls Fabian König (Christian Wolff) auf Auftrag eines Lehrers in ein Haus einbricht, um dort einen Hund von seinem brutalen Besitzer zu befreien, wird er erwischt und in Konsequenz von der Schule verwiesen: Sein Lehrer will von der ganzen Sache nichts gewusst haben. Gemeinsam mit seinen Freunden Günter „Bimbo“ Steppe (Claus Wilcke), Joachim „Teddy“ von Eikelberg (Wolfgang Koch), Jürgen Richter (Jörg Holmer) und Teddys Schwester Viola (Corny Collins) gerät Fabian, beginnend mit kleinen Diebstählen denen bald echte Brüche folgen, auf die schiefe Bahn. Die Situation verkompliziert sich, als er Ulla (Heidi Brühl) kennen lernt und sich in sie verliebt. Das junge Mädchen ist von zu Hause ausgerissen und lebt nun unter falschem Namen bei der dubiosen Frau Kallies (Erica Beer), die insgeheim daran arbeitet, Ulla auf den Strich zu schicken, und bei der außerdem der Hehler Bregulla (Walter Clemens) ein und aus geht. Viola, Fabians bisherige Freundin, wird eifersüchtig, die Jugendbande droht an den inneren Spannungen zu zerbrechen. Als Fabian eines abends Zeuge wird, wie sich Bregulla an Ulla vergreift, kommt es zum Handgemenge. Wenig später ist der Hehler tot und Fabian findet sich wegen Totschlags vor Gericht wieder. Viola nutzt die Gelegenheit für ihre Rache. Doch Fabian ist unschuldig …

Alfred Vohrer schuf mit VERBRECHEN NACH SCHULSCHLUSS ein wunderbares, ausuferndes Sittengemälde in düsterem Schwarzweiß, das weniger durch Kompaktheit oder Homogenität begeistert, als durch die Vielzahl verschiedener Eindrücke, die es bietet, die Irrwege, in die sich der Plot aufspaltet, die immer neuen Details, der niemals vorhersagbaren Geschichte um Fabian. Daran, den langsamen Abstieg Fabians in die Kriminalität zu protokollieren, ist Vohrer nur wenig interessiert, auch die zunehmend größer werdenden Gaunereien streift er bestenfalls. Stattdessen werden die Beziehungen der Figuren untereinander beleuchtet, immer wieder ein bestimmter Lifestyle ins Zentrum gerückt, der in deutlichem Kontrast zur Lebensrealität des Jahres 1959 steht. Die sieht man gleich zu Beginn, nachdem Fabian der Schule verwiesen wurde: Von seinem Vater, einem strammen Militaristen, hat er weder Verständnis noch auch nur Mitleid zu erwarten, darf sich stattdessen anhören, wie enttäuscht er sei, dass aus seinem Sohn kein Soldat geworden ist, sondern ein Taugenichts, der „Negermusik“ hört. Den Bruch vollzieht Fabian auf der Stelle, als er dem Vater vorwirft, der Neger- lediglich die Marschmusik vorgezogen und im Rausch „die Welt zerschlagen“ zu haben, wo bei den Jugendlichen bestenfalls ein paar Stühle dran glauben müssen. Im Gartenhaus der wohlhabenden Eikelbergs findet Fabian mit seinen Freunden Unterschlupf, Geborgenheit und den Raum, die eigenen Träume zu verwirklichen. Hier arbeitet man nun daran, mit Einbrüchen und Diebstählen reich zu werden, inszeniert sich mit Kippen und Cognac als Mann von Welt oder als fesche Gangsterbraut. Vor allem Fabian geht in diesem Spiel auf, bewegt sich auf dem neuen Terrain wie ein alter Hase, wenn er mit dem Hehler Bregulla Deals macht, neue Coups ausbaldowert, die hübsche Ulla umgarnt oder dem abtrünnig gewordenen Jürgen einen brutalen Denkzettel verpasst.

Die eine Hälfte der Freude, die VERBRECHEN NACH SCHLUSCHLUSS bereitet, besteht darin, die Manierismen der  Jugendlichen zu beobachten und sie mit dem Verhalten heutiger Kids – oder mit der eigenen Vergangenheit – abzugleichen. Alle kleiden sich wie die Großen, Fabian immer ganz adrett im Jackett, sein Griff zur Zigarettenschachtel und dem Metallfeuerzeug perfekt durchchoreografiert, ohne den Hauch des Prolligen, sondern mit akkurater Fingerhaltung Lebensart und Stil suggerierend, auch wenn er in der Absteige des miesen Hehlers sitzt und die Abnahme geklauter Radios verhandelt. Zur großen Party im Gartenhaus wird Jazzmusik gehört, die Joachim am kleinen Schlagzeug mit gefühliger Beckenbehandlung begleitet, die Mädels schwingen den Petticoat und mit der freundlich-herablassenden Ansprache „Kinder“ untermalt man den eigenen Gastgeberanspruch. Dagegen die brave Ulla: Als Fabian mit ihr für ein Wochenende im Haus eines alten norddeutschen Ehepaars auf Sylt einkehrt, bietet sie dem alten Mütterchen gleich an, bei der Hausarbeit behilflich zu sein, bevor sie dann in der Nordsee-Brandung mit Fabian auf den Spuren Burt Lancasters und Deborah Kerrs wandelt.

Die andere Hälfte besteht darin, sich davon überraschen zu lassen, wie Vohrer diese Geschichte zu Ende ezählt. Vom strengen Richter (Hans Nielsen) wird Fabian zu fünf Jahren Haft verurteilt und die Crime-does-not-pay-Erzählung scheint eigentlich abgeschlossen. Doch der sympathische, mitfühlende Gefängnisarzt Dr. Knittel (Peter van Eyck) nimmt den armen, von aller Welt verlassenen Fabian unter seine Fittiche, kommt einer Lüge auf die Spur und bringt alles wieder ins Lot. Peter van Eyck gibt den Arzt mit jenem onkelhaften Charme und jener Altersweisheit, die im deutschen Film dieser Zeit untrügliche Anzeichen des Guten sind. Als Arzt, Psychologe, Seelsorger, Sozialarbeiter und Detektiv in Personalunion nimmt er sich des Jungen an, versorgt erst seine Verletzungen nach einem Selbstmord – er lobt ihn noch dafür, dass er das Messer richtig angesetzt, längs, nicht quer geschnitten hat –, richtet ihn dann psychisch wieder auf, konfrontiert den noch immer mitleidlosen Vater, dessen Gerede von der Soldatenehre er mit dem Hinweis auf sein Hinkebein ins Leere laufen lässt – „Ich habe aus dem Krieg nichts mitgenommen, nur etwas dagelassen.“ –, enttarnt die Lüge der Frau Kallies, der eigentlichen Mörderin, und vereint die beiden Liebenden wieder miteinander. Der eine Traum, jener vom Leben als Gangsterboss, wird gewissermaßen durch das Wirken zweier blonder Engel von einem anderen abgelöst: Der Weg in die Bürgerlichkeit, für die Fabian zu Beginn nur noch Verachtung übrig hatte, steht am Ende wieder sperrangelweit offen. Unter anderen Umständen würde ich diesen Umschwung in die Naivität vielleicht kritisieren, aber in VERBRECHEN NACH SCHULSCHLUSS nimmt er eine so märchenhafte Qualität an, dass ich ihm dafür unmöglich böse sein kann, im Gegenteil schmachtend vor ihm in die Knie gehen muss.

Und dann ist da noch diese Szene, in der sich die beiden Gefängniswärter über ihre Butterbrote unterhalten: „Was hast du denn drauf?“ „Leberwurst. Und du?“ „Schmalz.“ „Wollen wir tauschen?“ „Na klar.“ Glück kann sehr einfach sein.