Mit ‘Heinz Drache’ getaggte Beiträge

DAS WIRTSHAUS VON DARTMOOR ist einer der unzähligen Gruselkrimis, die im Gefolge der erfolgreichen Edgar-Wallace-Reihe der Rialto in den Sechzigerjahren in die Kinos gespült wurden. Zehetgruber war einer der Nutznießer des Trends, drehte neben diesem auch Filme wie DIE SCHWARZE KOBRA, DIE NYLONSCHLINGE, PICCADILLY NULL UHR ZWÖLF und DAS GEHEIMNIS DER CHINESISCHEN NELKE, die auf den Romanen irgendwelcher Krimiautoren basierten, die sich gut im Fahrwasser Wallace‘ vermarkten ließen. Meist waren diese Filme gespickt mit Akteuren aus der berühmten Serie – hier etwa neben Heinz Drache auch solche Darsteller wie Ralf Wolter, Mady Rahl, Friedrich Joloff und Dieter Eppler, motivisch und inhaltlich dürfte es den meisten Kinozuschauern nahezu unmöglich gewesen sein, Original und Fälschung auseinanderzuhalten.

Zehetgrubers Film fängt recht stimmungsvoll mit Bildern des inmitten des Moores gelegenen Gefängnisses und des sich aus dem Nebel schälenden Wirtshauses an: Es geht um eine ganze Reihe von Ausbrüchen, deren Spur sich jedoch in den Räumlichkeiten des zwielichtigen Etablissements verliert. Neben dem Scotland-Yard-Ermittler Cromwell (Paul Klinger) versucht auch der mysteriöse Smith (Heinz Drache) hinter das Geheimnis der Ausbruchsserie zu kommen, hinter der der dubiose Anwalt Gray (Dieter Eppler) zu stecken scheint.

Wie es auch bei den Wallaces sprechen für WIRTSHAUS vor allem die Naivität wie auch die Unverkennbare Deutschheit des Gebotenen: Es ist einfach herrlich, wie hier versucht wird, eine gewisse Internationalität vorzugaukeln, diese Bemühungen aber schon an der Aussprache des Ti-Äitschs scheitern. Dazu diese herrlich rückständige Vorstellung einer Unterwelt, in die auch noch ein alter Postkartenverkäufer eingebunden ist, der Poststempel aus aller Welt zu beschaffen in der Lage ist, und einer Polizei, die zwar irgendwie alles weiß, aber leider dann, wenn es ihr doch nicht weiterhilft. Und in jeder noch so schäbigen Pinte arbeitet garantiert ein heißer Feger, dem die dickbäuchigen Spießer nachstellen. Am Ende wird die Handlung sogar in den Knast verlegt und Heinz Drache trägt einen Anzug mit Pfeilen drauf, wahrscheinlich damit man weiß, wo oben ist.

Der Film ist zwar einer der besseren, die abseits der Reihen der Rialto und der CCC entstanden sind, aber dennoch geht ihm nach fluffigem Auftakt die Puste aus. Zehetgruber ist einfach ein gnadenlos uninspirierter Hack gewesen und dass gewiss spärliche Budget spielte ihm hier nicht gerade in die Karten. Schade drum, denn der Anfang hat wirklich Spaß gemacht.

berlinEpisode 061: Ein Kongress in Berlin (Helmuth Ashley, Deutschland 1979)

Beim Einbruch in eine Firma, die an hochbrisanten chemischen Entwicklungen arbeitet, wird ein Wachmann erschossen. Doch die wichtigen Forschungsunterlagen, die nach den Angaben von Prof. Braun-Gorres (Will Quadflieg) offen herumlagen, sind durch die Wachsamkeit der Sekretärin Meinrad (Judy Winter) wider Erwarten gerettet worden. Hinter dem Einbruch vermutet man den heruntergekommenen Wissenschaftler Jurek (Ullrich Haupt), der sich Frau Meinrad bei einem Kongress in Berlin mit einem eindeutigen finanziellen Angebot genähert hatte. Aber wenig später ist auch Jurek tot …

Ich weiß noch nicht, ob sich die Beobachtung aufrecht erhalten lässt, aber bei EIN KONGRESS IN BERLIN hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass sich an der Ausrichtung der Serie etwas ganz wesentlich geändert hat. Vielleicht ist es nur das sich am Horizont abzeichnende neue Jahrzehnt und die mit diesem einhergehenden Änderungen der Mode (Klein trägt das Hemd unter dem Jackett hier offen und den breiten Hemdkragen darüber geklappt). Auch wenn es im Kern der Geschichte immer noch um persönliche Motive geht, vor allem um dysfunktionale Liebes- und Ehebeziehungen und um „Normalbürger“, die durch eine Verkettung von Zu- und Unfällen zu Mördern werden, so sind der spießbürgerliche Mief und die bedrückende Enge der Mittelklassenmilieus, in denen DERRICK meist angesiedelt ist, hier doch merklich abwesend.

Vielleicht ist es auch nur die zwischenzeitliche Verlegung der Handlung nach Berlin, das gegenüber München auch in Zeiten der Teilung für mehr Weltoffenheit, Multikulturalität und kosmopolitischen Flair steht. Die Folge wirkt sonniger, aufregender, größer als die sonstigen Ausflüge des Oberinspektors in den Morast bürgerlicher Heuchelei und Niedertracht. Zwischenzeitlich erinnert „Ein Kongress in Berlin“ an einen Agententhriller, was gewiss auch an der Lauflänge von 75 Minuten liegt. Es ist die längste DERRICK-Episode, die einzige in der mehr als 20-jährigen Geschichte der Serie, die mit der 60-Minuten-Konvention bricht: „Ein Kongress in Berlin“ wurde zum Anlass der IFA 1979 ausgestrahlt, ein echtes Fernsehevent sozusagen, aber von aufgesetztem Bullshit, der ähnliche Unternehmungen heute begleitet, noch meilenweit entfernt. Den selbstzweckhaften Gastauftritt irgendeines Fernsehmoderators muss man hier nicht erdulden, dafür gibt es Rainer Hunold als schnauzbärtigen Busfahrer zu sehen.

Wer DERRICK in erster Linie für die beschriebene Abgründigkeit und bundesdeutsche Tristesse schätzt, wird mit „Ein Kongress in Berlin“ wahrscheinlich nicht so warm werden – auch wenn die mit „eiskalt“ noch freundlich umschriebenen Szenen zwischen Braun-Gorres und seiner Gattin (Angela Salloker) sich vor vorangegangen DERRICK-Einblicken in die Ehehölle nicht verstecken müssen. Mir hat die Folge sehr gut gefallen, einfach weil sie aufgrund der längeren Laufzeit etwas kniffliger und wendungsreicher ist. Ich bin gespannt, wie es mit DERRICK an der Schwelle zu den Achtzigern weitergeht.

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opferEpisode 062: Das dritte Opfer (Alfred Vohrer, Deutschland 1979)

Im Urlaub lernt Derrick den merkwürdigen Albert Grosser (Lambert Hamel) kennen: Der Mann interessiert sich brennend für den Beruf des Oberinspektors, philosophiert über die gesellschaftliche Bedeutung des Mords und bezeichnet sich selbst als neuen Menschen. Im Casino wirft er mit Geld um sich und macht seiner Errungenschaft, der 20 Jahre jüngeren Gabriele Voss (Jutta Speidel), teure Geschenke. Wenig später ist er tot, erschossen. Bei seinen Ermittlungen sucht Derrick Grossers nächste Verwandte auf: seinen Schwager Martin Dorp (Heinz Drache) und dessen Gattin (Eva Christian). Dorps erste Ehefrau, Grossers Schwester, war vor einiger Zeit nach schwerer Krankheit verstorben …

Die Sichtung von „Das dritte Opfer“ brachte angenehm nostalgische Fernsehgefühle mit sich: Leena und ich hatten nämlich unseren Spaß daran, mitzuraten, was es mit diesem Grosser auf sich hat. Ein bisschen erinnert er an Dostojewskis Raskolnikoff und gut und gern hätte sich Vohrers Episode in eine entsprechende Richtung entwickeln können, mit Grosser als philosophischem Mörder, der den Profiermittler herausfordert. Aber es kommt dann eben doch anders. Vohrer, der in den Sechzigerjahren ganz entscheidenden Anteil am Erfolg der Wallace-Filme hatte, hatte sicherlich Spaß daran, zwei seiner damaligen Protagonisten – Tappert und Drache – gegeneinander antreten zu lassen, und der Besetzungscoup mit Drache ist schon großes Tennis. Der in den Wallace-Filmen stets brav und onkelhaft-verbindlich auftretende Schauspielers personifiziert die Strategie Reineckers, die Abgründe des Biedermanns bloßzulegen, was hervorragend funktioniert. Die Folge wäre auch so schon super, aber wenn dann am Ende mit einer Rückblende zu der von der kranken Schwester/Ehefrau tyrannisierten Familie in den gothischen Overdrive geschaltet und mit Derricks letzter Dialogzeile die Bedeutung des Titels offenbart wird, schließt sich der Kreis. Endlich mal wieder ein richtiger Kracher von Vohrer!

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Episode 063: Die Versuchung (Erik Ode, Deutschland 1979)

Rolf Sossner (Peter Fricke) ist wie ohnmächtig. Eben hat ihm sein Geschäftspartner Walter Möbius (Klaus Wildbolz) gestanden, dass er die gemeinsame Firma durch eine Spekulation in den Ruin getrieben hat, als nächstes offenbart er ihm, wie er gedenkt, die verlorene Million wieder reinzuholen: Durch eine vorgetäuschte Entführung und eine entsprechende Lösegeldforderung an Möbius‘ Schwiegervater, den wohlhabenden Unternehmer Demmer (Heinz Moog). Der Plan geht auf, Demmer zahlt und die Million ist weg. Doch dann wird Möbius tot aufgefunden …

„Der Kommissar“ Erik Ode holt aus dem DERRICK-Standardstoff Einiges raus: Die Sequenz um die Lösegeldübergabe inszeniert er im Stile eines Police Procedurals und erzeugt so erhebliche Spannung. Der Rest ist nicht unbedingt ein Grund, Briefe nach Hause zu schreiben, aber Peter Fricke ist einfach perfekt für diese schwitzend-zitternden Feiglinge, die der titelgebenden Versuchung dann doch einfach nicht widerstehen können. Ich sehen ihn immer wieder gern.

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todesengelEpisode 064: Ein Todesengel (Alfred Vohrer, Deutschland 1979)

Der Junggeselle Arthur Tobbe (Christian Quadflieg) reißt in seiner Stammkneipe eine junge Frau (Sabine von Maydell) auf, die ihn intensiv beäugt. Auf dem Heimweg wird er aus einem Hinterhalt angeschossen, seine Begleitung verschwindet spurlos. Erst nachdem er von seinen leichten Verletzungen genesen ist, taucht sie wieder auf und stellt sich als Anita Glonn vor. Derrick und Klein haben den Verdacht, dass sie mit dem Anschlag auf Tobbes Leben zu tun hatte. Und der ist keineswegs ein unbeschriebenes Blatt …

Eine unerhörte Folge, in der seit langer Zeit zum ersten Mal wieder die melodramatische Keule und der Kessel mit dem Schmierfett ausgepackt wird: von wem anders als von Vohrer? „Ein Todesengel“ beginnt gediegen, für Verzückung sorgt allerdings das eichenhölzerne Kneipenetablissement, in dem sich der junge Filou Tobbe mit seinen Kumpels zum Skatkloppen trifft. Unvorstellbar, dass das heute ein fescher Mittzwanziger, der etwas auf sich hält, als seine Stammkneipe ausgäbe – und sich dahin eine attraktive Frau wie Anita hin verirren würde. Quadflieg, heute einer der vielen überalterten Vorabendprogramm-Schwiegersöhne des deutschen Fernsehens, bringt genau die richtige Qualität für seinen Charakter mit, der vordergründig etwas schüchtern und unbeholfen wirkt, aber auch so, als sei das seine Masche, um sich alles erlauben zu können. Die Einschätzung Kleins, er sei ein Aufschneider, der sich für was Besonderes halte, aber eigentlich ziemlich plump sei, klingt zunächst hart, aber im weiteren Verlauf treibt er einen mit seinem bequemen Entitlement auf die Palme: Er meint, er könne alles haben, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen, einfach nur, weil er so ein feiner Kerl ist. Je mehr ich über ihn nachdenke, umso mehr will ich kotzen.

Was „Ein Todesengel“ aber wirklich durch die Schallmauer des Sleaze katapultiert, ist eine Sequenz in der Mitte, die die Motivation des Attentäters erklärt. Derrick und Klein besuchen eine Nervenheilanstalt, in der Regine (Johanne Elbauer), die Schwester Anitas, ein erbarmungswürdiges Dasein fristet, ist sie doch auf einem LSD-Trip hängen geblieben. „Die jungen Leute wollen ihr Bewusstsein erweitern. Stattdessen verkürzen sie etwas. Ihr Leben!“, klagt ein greisenhafter Arzt im Duktus eines Weltuntergangspredigers. In einem klaren Moment sagt Regine mit wässrigen, leuchtend blauen Augen „Sechs Stunden!“, um auf den verständnislosen Blick Derricks zu ergänzen: „So lange bin ich schon ohne Halluzinationen.“ Glück ist die Schaumkrone auf dem Bier, voller Luftblasen und schnell in sich zusammengefallen. Später wälzt sich die Arme in spastischen Krämpfen auf dem Bett, mit Mühe und Not niedergehalten von drei Pflegerinnen. Das ganze Drama eines Drogenopfers in drei handlichen Minuten.

Das reicht schon, um Vohrers Folge für immer einen Platz im Olymp zu sichern, aber das Finale setzt fast noch einen drauf. Unbedingt anschauen!

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karo-asEpisode 065: Karo As (Dietrich Haugk, Deutschland 1979)

Am Monopteros-Tempel im Englischen Garten nimmt der vornehme Bernhard Demmler (Klausjürgen Wussow) Kontakt zum Säufer Jochen Karo (Günther Maria Halmer), genannt „Karo As“, auf. Er erkennt die Abhängigkeit und Käuflichkeit des Mannes, dessen Gewogenheit er sich mit diversen Pullen Schnaps und Geld sichert – und ihm dann irgendwann eine Knarre in die Hand drückt, damit er seine unliebsame, aber wohlhabende Gattin Agnes (Joana Maria Gorvin) erschießt. Karo drückt ab, allerdings zu spät, um die Frau zu töten. Das missglückte Attentat löst eine Wandlung in ihm aus: Er entsagt dem Alkohol und sucht sein Opfer im Krankenhaus auf. Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen beiden. Aber Demmler ist entsetzt über den Leichtsinn des gedungenen Mörders …

Nach dem melodramatisch-mahnenden Sleazehobel von Vohrer ist Haugks Episode am ganz anderen Ende des Spektrums angesiedelt: ein charakterorientiertes, psychologisches Drama, bei dem der Kriminalfall und die Ermittlungen Derricks im Hintergrund stehen. Was unter anderer Regie nur allzu leicht zum öden Rührstück verkommen wäre, reift unter Haugks Inszenierung vor allem dank Halmers sensationeller Darbietung zum bewegenden Psychogramm. Halmers Aufopferungsbereitschaft ist bemerkenswert, immerhin handelt es sich bei „Karo As“ ja „nur“ um eine Folge einer Vorabendserie. Aber das hält ihn nicht davon ab, den Alkoholiker am Rande des Exitus mit der Inbrunst eines Method Actors zu verkörpern: Man macht sich mehrfach tatsächlich Sorgen um ihn. Auch die Wandlung zum reuigen, insgeheim um Vergebung bittenden Sünder gelingt ihm mit Bravour. Man kann viel Positives über DERRICK sagen, aber so bewegend wie in Haugks kleinem Meisterwerk war die Serie nur selten. Es tut einem fast Leid, dass Klausjürgen Wussow, der viel häufiger Schurken hätte spielen müssen, hier so im Schatten seines Gegenübers steht. Aber er tut gut daran, nicht mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Karo As“ ist Halmers Folge.

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Episode 066: Hanna, liebe Hanna (Theodor Grädler, Deutschland 1980)

Die 18-jährige Magda (Ute Christensen) kommt auf Geheiß ihres Vaters nach München, doch der ist schon bei ihrem Eintreffen spurlos verschwunden. Er wollte seine geschiedene Frau Hanna (Christine Wodetzky) um ein Darlehen bitten, um sein darbendes Geschäft vor dem Konkurs zu bewahren. Das letzte, was Magda von ihm hörte, war, dass die Geldnöte gelöst seien. Doch die Mutter berichtet, dass sie ihm die Hilfe versagt habe und auch nicht wisse, wo er sei …

Eine eher ruhige und unspektakuläre Folge, die eher was für Fortgeschrittene ist. Grädler verleiht ihr nämlich diese spezielle Freudlosigkeit, die auch aus Reineckers Auslassungen zum Thema Ehe tropft. Ergänzt um den bonzigen Bürgertumsprunk mit dem sich Hanna und ihr Ehemann (Herbert Fleischmann) umgeben, ergibt sich eine Episode von der Kälte eines teuren Eichenholzsargs. Höhepunkt: Hanna berichtet ihrer Tochter davon, dass sie zu jung in die Ehe mit ihrem Vater eingewilligt habe: „Ich begriff, dass ich meine Ehe mit Verzicht beginnen musste.“ Brr. Nebendarsteller Volker Eckstein ist bereits zum vierten Mal innerhalb von 14 Episoden mit am Start (erster Auftritt: Episode 052, „Abitur“).

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hungerEpisode 067: Unstillbarer Hunger (Helmuth Ashley, Deutschland 1980)

Helga Wichmann (Diana Körner) wird vor einer Kneipe von einem Unbekannten vor ein fahrendes Auto gestoßen und ist sofort tot. Ihr Ehemann Eberhard (Peter Fricke) ist nur wenig schockiert, ganz im Gegensatz zu seiner Mutter (Maria Wimmer). Die Tote hatte zahlreiche Affären, mit denen sie dem trostlosen Alltag mit ihrem strengen Gatten entfliehen wollte …

Auahauerha. Wenn DERRICK Gefühle, Untreue, körperliche Bedürfnisse, Lust und Moral thematisiert, kann das ja eigentlich nur gut werden, und „Unstillbarer Hunger“ ist der Beleg für diese These. Die Episode bewegt sich auf dem schmalen Grat des Wahnsinns zwischen moralisierendem Spießertum und der Kritik an selbigem, in der unnachahmlichen Reinecker’schen Art, die an den blinden Mr. Magoo erinnert: Egal, in was für halsbrecherische Situationen er sich begibt, er geht immer heil daraus hervor, ohne überhaupt zu ahnen, welches Glück ihm eigentlich zuteil wurde.Als Zuschauer biegt man sich mitunter vor Grausen angesichts der Lustfeindlichkeit und pechschwarzen Büßergesinnung, die selbst dann noch zum Vorschein kommt, wenn eigentlich eine Lanze für die sexuell selbstbestimmte Frau gebrochen werden soll. Auf dem von Reinecker bestellten Nährboden wachsen doch nur knotige Kakteen.

Auch sonst ist einiges falsch oder wenigstens schmerzhaft simplifiziert: Helga Wichmann wird als lebensfroher Sprühgeist gezeichnet – in einer Rückblende hüpft sie quietschvergnügt mit einem Hund im Garten hem, während ihre Schwiegermutter im Hintergrund verzückt und sich vor Lachen biegend in die Hände klatscht, oder quittiert den Duft einer Blume mit einer mädchenhaften Pirouette -, der unter der lustfeindlichen Knute eines unbarmherzig-verknöcherten Ehemanns zu leiden hat. Fricke ist großartig, aber er interpretiert diesen Emotionsnazi mit solcher Intensität, dass ein Hitlerschnurrbart, ein Rollstuhl und ein reflexartig zum Gruß nach oben gereckter Arm kaum weiter aus der Rolle fielen. Für Helga kommt das eine zum andere, sie landet in diversen Betten von Männern (darunter Sascha Hehn als Student mit Ravi-Shankar- und Ringo-Starr-Poster über dem Bett), in der Hoffnung, dass sie ihr das geben, was sie zu Hause nicht bekommt. Der fiese Eberhard reagiert darauf mit zurückgehaltenem Zorn: Seine preußischen Moralvorstellungen erlauben ihm keine Scheidung, eine Ehe wird erst durch den Tod beendet. Egal, wie sehr er die „unmögliche Person“ in seinem Hause auch hasst. Dieser Mann pisst scharfkantige Einswürfel und lächelt, weil er weiß, dass er den Schmerz verdient.

„Unstillbarer Hunger“ schlägt sich ohne Zweifel auf die Seite des Opfers, zeichnet den Gatten als seelischen Krüppel ohne Funken Menschlichkeit im Körper. Trotzdem behandelt Reinecker Helgas Suche nach Liebe auch als krankhaften Irrtum, der früher oder später „bestraft“ werden muss. Wie Eberhard kann Reinecker nicht raus aus seiner Haut, er ist in alten Denkstrukturen verhaftet, kann sie nicht überwinden. Das zeigt schon der Titel, der ja grob irreführend ist: Bei Helga handelt es sich schließlich nicht um eine Nymphomanin, die immer mehr will und nie genug bekommt, sondern um eine Frau, die den Fehler macht, aus Verzweiflung an der falschen Stelle nach Liebe zu suchen. Ihr Hunger ist nicht „unstillbar“:  Es sind die Männer, die gar nicht bereit sind, ihn zu stillen, weil sie in ihr nur eine kurzes, reueloses Abenteuer sehen. Nach „Hanna, liebe Hanna“ ist „Unstillbarer Hunger“ außerdem die zweite Folge hintereinander, in der von einer von der Frau „verschuldeten“ Scheidung die Rede ist: Bundesdeutsche Realität des Jahres 1979, man kann es sich gar nicht vorstellen. Hier steckt so viel drin, es ist ein Wunder.

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Folge 068: Ein Lied aus Theben (Alfred Weidenmann, Deutschland 1980)

Inge (Mijou Kovacs) hat viele Verehrer: Hans (Eckhard Heise), ihren Tanzpartner, den fiesen Ulrich (Werner Schulenburg), ihren Cousin Robert (Michael Boettge) und auch ihren Onkel (Siegfried Wischnewski), den Geschichtsprofessor. Eines Abends liegt Hans tot vor seine Garage. Der Verdacht fällt sofort auf Ulrich, der sich von Hans kurz zuvor eine Maulschelle eingefangen hatte …

Einige Jahre nach seiner letzten DERRICK-Episode (Episode 025, „Das Bordfest“, von 1976) kehrte Regie-Veteran und Reinecker-Weggefährte Weidenmann mit dieser eher unglücklichen Arbeit zurück. Das Problem scheint mir das Drehbuch zu sein: Es kommt nicht auf den Punkt und das titelgebende Lied aus Theben, ein antiker religiöser Gesang, der den Täter angeblich in die richtige Mordsstimmung versetzt, erzielt in der Inszenierung einfach nicht die Wirkung, die ihm auf Inhaltsebene zugewiesen wird. Vielleicht hätte „Ein Lied aus Theben“ besser funktioniert, wenn sie im Stile der ersten DERRICK-Folgen strukturiert worden wäre anstatt als Whodunit, der leider kaum Spannung aus der Frage nach dem Täter bezieht. Schulenburg indessen, der in „Die Puppe“ als galant-verzärtelter Frauenversteher und -verehrer aufgetreten war, gibt hier den nazihaft-selbstsicheren Stalker mit der gleichen Intensität, aber insgesamt ist das doch eine sehr schwache Folge.

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Episode 069: Tödliche Sekunden (Zbynek Brynych, Deutschland 1980)

Der Student Achim Rudolf (Uwe Ochsenknecht) kommt durch Zufall an den Tatort eines Mordes: Der Besitzer einer Lotto-Toto-Annahmestelle ist in seinem Geschäft umgebracht worden. Was Achim der Polizei verschweigt: Unmittelbar vor dem Geschäft stand der Wagen seines vorbestraften Vaters (Werner Kreindl) …

Die Zeiten, in denen Brynych sich einen Dreck um die Konvention scherte und das Format der Krimiserie für wilde, freigeistige Experimente nutzte, sind lange vorbei. Seine KOMMISSAR-Episoden könnten von keinem anderen sein, sind sofort als die seinen identifizierbar, und das gilt auch noch für seine frühen Beiträge zu DERRICK, „Alarm auf Revier 12“ etwa oder auch „Pecko“, „Yellow He“ und „Tod des Wucherers“. Zur wahrscheinlich altersbedingten Mäßigung des Regisseurs kam der Aufstieg der Krimiserie zum immer mehr gestreamlineten Riesenerfolg, der sich keine Ausreißer mehr erlauben wollte. „Tödliche Sekunden“ ist eine – im besten Sinne wohlgemerkt – typische DERRICK-Folge, die sich passgenau in das große Ganze einfügt. Man muss schon ganz genau hinschauen, um den Regisseur dahinter zu erkennen. Ich meine, man sieht ihn in kleinen Gesten und Ausdrücken, etwa in dem amüsierten Lachen, in das Derrick und Klein einfallen, als ihnen Rudolf mitteilt, der Wirt und die Gäste im „Kreisel“ würden sein Alibi bestätigen. Natürlich würden sie das, sagt dieses Lachen, handelt es sich doch um die einschlägig bekannte Heimat lichtscheuer Gestalten, die sich alle gegenseitig decken. Oder in dem verzweifelten Ringen des Vaters um das Vertrauen seines Sohnes, in dessen Blick ins Nichts, voller Angst, sein Vater könnte ein Mörder sein. In der Furcht der Mutter, die bei all ihren Auftritten aus der Küche zu kommen scheint – oder dorthin zurückgeht, als sei sie ihr Gebetshaus. In einer nicht näher beschreibbaren Schwere, die auf allem lastet, selbst in raren Momenten der Heiterkeit.

„Tödliche Sekunden“ ist also keine Episode, die einen umhaut, wie das für Brynychs frühe Arbeiten in der Krimiserie galt, aber sie zeigt den souveränen Umgang mit der Form und überzeugt mit Details, die einen autonomen Künstler mit einem genuin eigenen Blick auf die Dinge entbergen.

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preis1Episode 070: Ein tödlicher Preis (Helmuth Ashley, Deutschland 1980)

Türkische Drogenschmuggler kommen mit einer Ladung Heroin am Münchener Bahnhof an und werden sofort von der Polizei aufgegriffen. Ein Koffer mit dem wertvollen Stoff kann vorher gerade noch im Kofferraum des Taxis von Hugo Dornwall (Kurt Weinzierl) deponiert werden. Nach Absprache mit seinem Sohn Harald (Ekkehard Belle) entscheidet sich Hugo, den Stoff zurückzugeben – trotzdem wird er nach der Übergabe ermordet. Wenig später weiß Harald, warum: Er findet die Drogen in der Wohnung des Vaters und entscheidet sich zusammen mit dessen Kollegen, sie selbst zu verkaufen …

„Ein tödlicher Preis“ ist mit seinen internationalen Drogenverbrechern und den an Omnipotenzwahn leidenden Ottonormalverbrauchern, die zwar keine Ahnung haben, aber es trotzdem mit ihnen aufnehmen wollen, eine schöne und willkommene Abwechslung von den ganzen Rache-, Lust- und Giermorden unsympathischer Snobs. Ashley ist der ideale Mann für die Folge, weil er sich mehr als Brynych, Grädler, Vohrer, Haugk oder Becker auch auf handfeste Action versteht. Nicht nur aufgrund der Musik, die jeden winterlichen New-York-Copfilm adeln würde, erinnert seine Episode daher an US-amerikanische Großstadtthriller, die ja nicht selten vom Versuch der Underdogs erzählen, groß rauszukommen. Klaro, „wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“, wie einst eine deutsche Rockband aus Hamburg sang, aber Ashley fängt die richtigen, runtergekommenen Ecken Münchens ein und hält Derrick und Klein eher im Hintergrund, damit sie den sich einstellenden Eindruck eines städtischen Crimedramas nicht wesentlich stören können. Somit handelt es sich bei „Ein tödlicher Preis“ nicht nur um eine sehr originelle Folge, sondern nach langer Zeit auch mal wieder um eine richtige Überraschung.

Hauptdarsteller Ekkehard Belle habe ichanhand seiner Stimme sofort als bekannten Synchronsprecher identifiziert. Nach Blick in seine Karteikarte musste ich dann sehr schmunzeln: Er ist der Stammsprecher von Steven Seagal, was man dem schmächtigen Milchbubi eher nicht ansieht. Wahrscheinlich hat er seit damals etwas an nötiger Körperfülle zugelegt.

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Ein-Sarg-aus-Hongkong-DE-PosterEin weiterer Beitrag aus Wolf C. Hartwigs langer Galerie sogenannter HongkongReißer, diesmal im Verbund mit Erwin C. Dietrich produziert, mit dem Star der zur selben Zeit die Zuschauerscharen anlockenden Edgar-Wallace-Reihe besetzt und vom Regiedebütanten Manfred R. Köhler inszeniert. Letzterer, bzw. vielmehr seine steife, fantasielose Inszenierung, ist dann auch das Hauptproblem des Films, der trotz ordentlicher Schauwerte – der Film wurde, anders als etwa die Jerry-Cotton-Filme zur selben Zeit, on location gedreht – nicht richtig aus den Pötten kommt. EIN SARG AUS HONGKONG ist fürchterlich angestaubt und behäbig, bestätigt im Grunde alle Vorurteile, die man gegen deutsches „Actionkino“ so hat.

Heinz Drache, gewissermaßen die Schuhkommode zu Curd Jürgens normannischem Kleiderschrank, ist dann auch die kongeniale Besetzung für den Londoner Privatdetektiv Nelson Ryan, der sich mit seinem Assistenten Bob Tooly (Ralf Wolter) in der britischen Kronkolonie wiederfindet, nachdem er in seinem Büro die Leiche einer Chinesin entdeckt. Mit der ihm eigenen, unverwechselbaren Mischung aus cooler Souveränität und onkelhafter Biederkeit, par excellence verkörpert durch seine mit stoischer Beharrlichkeit getragene Mecki-Frisur, mischt er die Hongkonger Unterwelt auf und wandelt dabei sicherlich nicht zufällig auf den Pfaden des britischen Superagenten James Bond. Die schönen Frauen liegen ihm zu Füßen (besonders adrett: Elga Andersen als Stella), an jeder Ecke lauern mit Messern wedelnde Schergen und einen Oberschurken mit Kissenbezug über dem angeblich entstellten Gesicht gibt es auch. In einer Reminiszenz an DR. NO bekommt er es in seinem Bett einmal mit einem Skorpion zu tun und aus einem flutbaren Kellerraum entkommt er nur mit der Hilfe eines kleinen Straßenjungen, dem er zuvor fünf Dollar zugesteckt hatte. Im Finale gibt es eine „spektakuläre“ Rettungsaktion, als die drei Protagonisten mit dem Hubschrauber von einer brennenden Dschunke geangelt werden, auf die man offensichtlich so stolz war, dass sie in voller Länge ausgespielt wird.

EIN SARG AUS HONGKONG ist mithin kein Film, den es unbedingt wiederzuentdecken gälte. Aber so, wie ich ihn gestern gesehen habe, krank und bräsig im Bett liegend, ist er durchaus nützlich. Und, wie gesagt, die bunten Hongkong-Kulissen, die haben schon was für sich.

In London wird ein Geldtransporter mit einer Ladung zur Verbrennung vorgesehener Scheine von Gangstern überfallen, dabei kommt ein Polizist ums Leben. Der für seinen Tod Verantwortliche wird mit dem Verstecken der Beute beauftragt: Er bringt sie in den in der Nähe gastierenden Zirkus Barberini, wo er von einem unbekannten Messerwerfer seinerseits ermordet wird. Inspektor Elliott (Leo Genn) nimmt die Ermittlungen auf, hat es im Folgenden aber nicht nur mit den Räubern zu tun, die ihre Beute wiederhaben wollen, sondern auch mit einem mörderischen Phantom, das die Zirkusbelegschaft dezimiert. Carl (Heinz Drache), der Vertreter des Direktors, vermutet, dass der Vater des maskierten Löwendompteurs Gregor (Christopher Lee), ein verurteilter Mörder, der vor zwei Jahren aus der Haft ausbrach und seitdem verschwunden ist, nach Hause gekommen ist …

Die dritte Verfilmung nach Stoffen von Edgar Wallace des Briten Harry Alan Towers (nach TODESTROMMELN AM GROSSEN FLUSS und SANDERS UND DAS SCHIFF DES TODES) entstand in Koproduktion mit der Constantin, die den Film daher mit etablierten Wallace-Stars wie Heinz Drache, Eddi Arent und Klaus Kinski „ausstattete“. Eigentlich in Farbe gedreht, wurde DAS RÄTSEL DES SILBERNEN DREIECK (sic!) in Deutschland in Schwarzweiß veröffentlicht und dort nicht dem eigentlichen Regisseur John Moxey, sondern seinem Regieassistenten Werner Jacobs zugeschrieben. Wie alle Filme von Towers, die ich aus jener Zeit kenne, zeichnet sich auch dieser durch ordentliche Production Values und gute Darsteller aus, ohne dass es jedoch gelänge, diese einzelnen Teile zu etwas zusammenzufügen, das größer wäre als deren Summe: Im Gegenteil, irgendwie kommt DAS RÄTSEL DES SILBERNEN DREIECK nicht so recht aus den Puschen, obwohl er dem etablierten Wallace-Konzept mit den ineinander verschränkten Verbrechen deutlich näher ist als etwa Gottliebs DER FLUCH DER GELBEN SCHLANGE. Der Zirkus bietet mit seinen verschiedenen Artisten (Eddi Arent spielt einen Buchhalter mit Clownsambitionen, der seine Tricks ständig am obligatorischen Lilliputaner ausprobiert) und ihren Beziehungen sowie den Attraktionen, die sie unterhalten, eigentlich genug Schauwerte für einen unterhaltsamen, spektakulären Pulp-Film, doch das alles bleibt irgendwie müde, wird nur wenig inspiriert abgespult. Richtig schlecht ist DAS RÄTSEL DES SILBERNEN DREIECK nicht, aber eben ein bisschen langweilig: Dem Film fehlt das gewisse Etwas, eine durchgehende Atmosphäre, die selbst die schwächeren Rialto-Wallaces – ich denke da etwa an DER SCHWARZE ABT – noch im Übermaß zu bieten hatten. Einzig Christopher Lee, dessen Gesicht während der ersten zwei Drittel des Films hinter einer schwarzen Maske verborgen bleibt, die Hoffnungen auf darunter zum Vorschein kommende Entstellungen weckt, verbreitet durch seine bloße Präsenz ein wenig Spannung, während der Rest wie auf Autopilot agiert. Selbst Kinski ist als Gauner lediglich körperlich anwesend. Schade, denn da wäre bestimmt mehr drin gewesen.

An einem Bahnübergang wird ein abgetrennter Kopf in einem Pappkarton gefunden. Bei dem Toten handelt es sich um Francis Elmer, Mitglied des britischen Foreign Office. Weil der Chef des Geheimdienstes, Major Staines (Siegfried Schürenberg), hinter dem Verbrechen eine politische Motivation befürchtet, beauftragt er den Sicherheitsbeamten Michael Brixan (Heinz Drache), Inkognito-Ermittlungen aufzunehmen. Hinter dem Mord verbirgt sich ein Mann, der unter dem Namen „der Wohltäter“ in Zeitungen inseriert und so seine Opfer findet. Bereits 12 Menschen sind dem „Kopfjäger“, wie ihn die Presse schnell benannt hat, bereits zum Opfer gefallen. Erste Spuren führen Brixan nach Winchester zu Elmers Nichte Ruth Sanders (Ina Duscha), die ihren Onkel dort als letzte lebend gesehen hatte. Sie wirkt als Komparsin bei Dreharbeiten zu einem Historienfilm mit, steigt jedoch unvermutet zur Hauptdarstellerin auf, als sich der weibliche Star des Films, Stella Mendozza (Ingrid van Bergen) – ihr Name wird im Film mit germanischer Galanz als „Mendotza“ ausgesprochen –, unerwartet zurückzieht. Als Brixan eine Drehbuchseite des Dramaturgen Voss (Klaus Kinski) in die Hand fällt, die auf derselben Maschine geschrieben wurde wie die Briefe des Täters, weiß er, dass er dem Täter dicht auf den Fersen ist …

Bei DER RÄCHER handelt es sich um eine Produktion der Kurt-Ulrich-Film, die die Rechte an dem gleichnamigen Wallace-Roman noch vor der Constantin und der Rialto erworben hatte, bevor die sich alle restlichen Romane des Schriftstellers unter den Nagel rissen. Nach dem bahnbrechenden Erfolg von DER FROSCH MIT DER MASKE und DER ROTE KREIS bemühte sich Ulrich nach Kräften, seinen Film so schnell wie möglich in die Kinos zu bringen, um auf den rasant fahrenden Zug aufzuspringen. Trotz einer entsprechend überhasteten Produktion – für die Dreharbeiten standen gerade einmal drei Wochen zur Verfügung – gelang der Coup und DER RÄCHER kam als dritter Wallace-Film der Nachkriegszeit knappe drei Wochen vor DIE BANDE DES SCHRECKENS in die Kinos. Die Eile machte sich bezahlt, denn auch diese Verfilmung traf auf ein begeistertes Publikum, das in Scharen in die Kinos strömte. Es war wahrscheinlich egal, dass der Film des Regieveterans Karl Anton mit dem Schwung und Witz, den Reinl und Roland für ihre jeweiligen Wallace-Filme aufgebracht hatten, nicht annähernd mithalten konnte. Die Verbindung klassischer, britisch angehauchter Whodunit-Krimiunterhaltung und makabrer Einsprengsel traf offensichtlich den Nerv des Publikums, das bereitwillig darüber hinwegsah, dass DER RÄCHER reichlich altbacken inszeniert war. Der Tscheche Karl Anton hatte die 60 zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits überschritten und war schon zu Stummfilmtagen aktiv gewesen, was man dem überwiegend in statischen Halbtotalen aufgelösten Film deutlich anmerkt. (DER RÄCHER sollte, von dem Engagement für die Fernsehserie SLIM CALLAGHAN GREIFT EIN abgesehen, seine letzte Regiearbeit sein.) Auch inhaltlich wirkt der Film etwas überkommen: Die Porträtierung des Filmteams ist geradezu rührend und hatte mit der damaligen Realität wahrscheinlich nicht mehr allzu viel gemein, die Figur des eingeborenen, vertierten Dieners Bhag (Al Hoosman im Blackface), der zu allem Überfluss auch noch einen Buckel mit sich herumschleppt, kann man kaum anders als als kolonialistisch-rassistisch bezeichnen. Solche Ausfälle erlaubte man sich bei der Rialto weder in der Früh- noch in der Spätphase ihrer Wallace-Unternehmungen. Aber wahrscheinlich tut man Anton Unrecht, wenn man ihm die Verantwortung dafür, dass DER RÄCHER allenfalls mittelprächtig ist, allein aufbürdet. Für den Schnellschuss, den der Film darstellt, ist er dann doch noch ganz annehmbar. Probleme bereitete auch das Drehbuch, das die vielen verschiedenen Elemente der Handlung einfach nicht überzeugend unter einen Hut bringt. Warum der Kopfjäger, der sich als Nachfahre eines alten Scharfrichters zum drastischen Bestrafer von lichtscheuem Gesindel entpuppt, seine Opfer über kryptische Anzeigen aufspürt bzw. warum sich auf diese Anzeigen zielgenau immer jene Kriminellen melden, die er anlocken will, dafür findet der Film keine plausible Erklärung. Der Strang um den Abenteurer Sir Gregory Penn (Benno Sterzenbach), ein sich für den eigentlichen Fall als bestenfalls von tangentiellem Interesse herausstellender Subplot, stiehlt der Suche nach dem Rächer viel zu viel Raum und Zeit, sodass dessen Enttarnung am Schluss reichlich überstürzt wirkt. Immerhin weckte mich das hübsche Guillotinen-Finale in einem alten Gewölbe noch einmal aus der Lethargie, die mich nach anfänglichem Wohlwollen bald befallen hatte. Naja.

Während die Rialto-Wallaces auch heute noch als nostalgisch angehauchtes, technisch sauber gemachtes Entertainment funktionieren und den Weg für viele nachfolgende Genre-Phänomene bereiteten, auf die sie ihren Einfluss ausübten, ist DER RÄCHER eigentlich nur noch aus historischer Perspektive interessant. Ganz ohne Meriten ist er freilich nicht, wirkte mit einigen seiner Besetzungscoups doch auch auf Wendlandts Unternehmen inspirierend: Mit Heinz Drache, Klaus Kinski und Siegfried Schürenberg hatte Kurt Ulrich einige Darsteller aus dem Hut gezaubert, die unter dem Banner der Rialto zu Stars und Aushängeschildern des blühenden Wallace-Franchises avancieren sollten.

Die junge Frau Jane Wilson (Karin Baal) reist nach Blackwood Castle, dem Wohnsitz ihres soeben verstorbenen Vaters, um ihre Erbschaft anzutreten. Das alte, heruntergekommene Schloss, das ihr laut Testament zusteht, will der Anwalt (Hans Söhnker) sogleich für 10.000 britische Pfund verhökern, doch Jane denkt nicht daran. Währenddessen beginnt um das Anwesen das große Sterben: Im nahegelegenen Gasthof Old Inn versammeln sich dubiose Gestalten wie Connery (Heinz Drache) oder Fairbanks (Horst Tappert) und einige von ihnen fallen einem monströsen Hund zum Opfer. Jane Wilson ruft ihren Bekannten, Scotland-Yard-Chef Sir John (Siegfried Schürenberg) herbei, um hinter das Geheimnis der Morde zu kommen …
 
Bei Eintrag 25 der Wallace-Reihe der Rialto-Film gingen offenkundig bereits die Stoffe aus, die man für die Leinwand adaptieren konnte: DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE ist eine Bearbeitung von Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Roman „Der Hund von Baskerville“ und basiert nur noch lose auf „Motiven“ von Edgar Wallace – was immer das auch heißen mag. Als weitere Neuerung übernimmt Sir John selbst hauptverantwortlich die Ermittlungen, ihm zur Seite steht seine adrette Sekretärin Miss Finley (Ilse Pagé), die sich von dem onkeligen Herren auch häufiger anschmachten lassen muss. Dass ihr das nicht nur gut gefällt, sondern sie ihn zu diesen Avancen gar noch ermutigt, passt zur sleazigen Altmänner-Schmierigkeit, die die einst so aseptische Reihe seit einigen Jahren förmlich übermannt. Für Heinz Drache ist in seinem letzten Wallace-Film immerhin noch Platz für eine Schurkenrolle und Horst Tappert feiert ebenfalls seinen späten Einstand: Er sollte während der Spätphase der Rialto-Wallaces noch zum Stammschauspieler avancieren. Von diesen kosmetischen Änderungen abgesehen, passt sich Vohrers elfter Wallace dem Durchschnittsniveau der Reihe an: Er ist, wie alle der späten, farbigen Wallaces, etwas pulpiger und schundiger als die frühen Beiträge, stärker auf Schauwerte und Gewalt ausgerichtet, inhaltlich jedoch deutlich beliebiger. Der Clou mit dem Hund, dem ein einäugiges Faktotum mit Schlangengift gefüllte Plastikzähne aufsetzt, ist deutlich weniger furchteinflößend, als es sich die Macher vielleicht erhofft hatten: Der arme Dobermann sieht mit seinen krumm und schief abstehenden Pappzähnen aus, als habe er einen veritablen Überbiss, und dass das Gift hier wieder einmal von einer Würgeschlange stammt, deren Biss beim besten Willen nicht tödlich ist, passt  zum Rummelplatz-Charme, den die Farbwallaces noch stärker versprühen als die frühen, schwarzweißen Produktionen. Dabei ist der Plot mit den einstigen verbündeten Kriminellen, die sich nach Jahren treffen, um ihre Beute neu aufzuteilen, so interessant, dass es der albernen „Grusel“-Beigabe gar nicht wiurklich bedurft hätte.
 
Die Edgar-Wallace-Checkliste:
 
Personal: Siegfried Schürenberg (14.), Kurt Waitzmann (7.), Heinz Drache (6.), Harry Wüstenhagen, Kurd Pieritz (5.), Ilse Pagé, Tilo von Berlepsch (4.), Agnes Windeck, Uta Levka, Alexander Engel, Arthur Binder (3.), Karin Baal, Mady Rahl, Rainer Brandt, Heinz Petruo (2.), Horst Tappert, Otto Stern, Paul Berger (1.). Regie: Alfred Vohrer (11.), Drehbuch: Herbert Reinecker (6.), Musik: Peter Thomas (15.), Kamera: Karl Löb (11.), Schnitt: Jutta Hering (8.), Produktion: Horst Wendlandt (22.), Erwin Gitt (3.).
Schauplatz: Blackwood Castle und Umgebung. Gedreht wurde in Berlin, u. a. auf der Pfaueninsel.
Titel: Bezieht sich auf den Hund, der ums Schloss stromert und unliebsame Subjekte aus dem Weg räumt.
Protagonisten: Sir John übernimmt allein die Ermittlungen, Karin Baal gibt das weibliche Opfer, Heinz Drache und Horst Tappert spielen dubiose Männerfiguren.
Schurke: Es gibt gleich mehrere Schurken, die sich gegenseitig umbringen.
Gewalt: Mehrere Hundeattacken, ein Autounfall, Erschießungen.
Selbstreflexion: Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt, Begrüßungsformel zu Beginn.

Lord Curtain (Wilhelm Vorwerg) wird erschossen in seinem Zimmer aufgefunden, außerdem eine Nachricht des mysteriösen „Hexers“ (René Deltgen), der der Polizei vor Jahren entkommen konnte. Doch der Hexer kann es nicht gewesen sein, weilt er doch in Australien. Als ihm zu Ohren kommt, dass er in einem Mordfall gesucht wird, reist er mit seinem Butler Archibald Finch (Eddi Arent) und seiner Gattin Cora (Margot Trooger) nach London, um den Verbrecher seinerseits zu stellen. Das gefällt Inspector Wesby (Heinz Drache) überhaupt nicht, zumal es jemand auf die gesamte Familie der Curtains abgesehen zu haben scheint …

Alfred Vohrer knüpft mit NEUES VOM HEXER an den überaus erfolgreichen Vorgänger nahtlos an: Sein Sequel zeichnet sich durch eine humorvolle, selbstironische Haltung zum 1965 bereits zum Klischee geronnenen Wallace-Stil aus, bietet eine verdrehte Murder Mystery im mondänen britischen Sujet mit zahlreichen Verdächtigen, Opfern und den gewohnten Beigaben: Drache gibt den gewitzten, trockenen Wesby, Arent den stets etwas pikierten Butler, Kinski scheint die Verachtung für den Trivialstoff als Benzin für seine Darbietung als dubioser Hausdiener (mit Dreitagebart) zu nutzen, Siegfried Schürenberg ist wieder als onkeliger Scotland-Yard-Chef Sir John mit von der Partie und Barbara Rütting ist das erotische, aber keinesfalls hilflose Beiwerk.

Der Hexer bietet mit seinen Verwandlungskünsten einige Gelegenheit, die üblichen Verwirrtaktiken der Wallace-Filme durch den Einsatz von Maskerade auf die absurde Spitze zu treiben, eine Szene in einem Stall (?), in dem mehrere Zirkus- oder Zootiere gehalten werden, stellt wohl den Gipfel wilder Einfälle der bisherigen Serie dar: Der hilflose einarmige Junge, der mit den Tigern zusammen eingesperrt wird, bezähmt die Wildkatzen und reitet schließlich sogar auf einer! Das Ganze wird nicht etwa mit Tricks realisiert, die Interaktion zwischem dem Jungen und den Raubtieren ist echt – und wird von Vohrer im vollen Wissen um das Spektakel festgehalten. Ansonsten ist NEUES VOM HEXER angenehm unaufgeregt und damit ganz das Gegenteil des selbstbewussten Vorgängers. Ich habe eine Weile gebraucht, um herauszufinden, warum mir dieses Sequel ausgezeichnet gefiel, während ich DER HEXER zwar nicht schlecht, aber doch etwas anstrengend und langweilig in seiner Großmannssucht fand: Es ist die Abwesenheit Fuchsbergers, die diesen Film zum Gewinner macht. Versuchte man den attraktiven Schauspieler in DER HEXER noch als deutsche Antwort auf James Bond zu etablieren, schielte man mit diversen Modernisierungsversuchen auf das Publikum der Superagentenfilme und verlor darüber etwas die eigene Linie, konzentriert sich Vohrer mit der Fortsetzung wieder ganz auf das, was die Wallace-Reihe erst zum Erfolg machte: diesen etwas angestaubten, behäbigen Charme, der dem entspricht, was der Deutsche wohl als „typisch britisch“ empfindet, das Zusammenspiel liebgewonnener und bekannter Charaktere und ein paar makabre Einlagen.

Es sind dann auch die kleinen, liebe- und wirkungsvollen Details, mehr als große konzeptionelle Würfe und Neuerungen, die NEUES VOM HEXER zu einem der besten Wallace-Filme machen: Allein die Dialoge und das Zusammenspiel von Drache, Arent, Schürenberg und Kinski sind das Eintrittsgeld wert, so subtil, spritzig und echt, dass man den Kriminalfall, der da irgendwo auch noch gelöst werden muss, beinahe vergisst. Und Brigitte Horney, die dem Ringelpiez der vier Würde und Contenance entgegenhält, erweist sich als kongeniale Ergänzung. Ich möchte hier aber noch einmal eine Lanze für Siegfried Schürenberg brechen, der sich im Laufe der Jahre von der sympathischen Randfigur zum unverzichtbaren Bestandteil der Reihe gemausert hat. Sein Sir John ist ein so wunderbarer Charakter voller kleiner lebendiger Details, dass sofort die Sonne aufgeht, sobald er die Szenerie betritt. In ihm verbindet sich auf kongeniale Weise all das, was die Wallace-Filme insgesamt so liebenswert macht. Da ist auf der einen Seite diese britische Haltung; stets würde- und weihevoll sowie hochzivilisiert wird da unter der Wahrung der gesellschaftlichen Etikette noch jeder bloße Gedanke an ein lasterhaftes Treiben rundheraus für unmöglich erklärt, die moralische Überlegenheit des Vernunftmenschen voll vornehmer Zurückhaltung gefeiert, während gleichzeitig das Triebhafte, Unkontrollierte als kleiner Fehlerteufel unter der Fassade lauert. So wird auch der distinuierte, „britische“ Tonfall Sir Johns immer wieder von kurzen Ausreißern in den Jargon deutscher Eckkneipen durchbrochen, wenn nach dem verführerischen Augenaufschlag einer Schönen das Menschliche, Allzumenschliche aus ihm hervorbricht. Dann blitzt es in den Augen des sonst so um Seriosität und Ernsthaftigkeit bemühten Mannes schalkhaft auf, bis das Über-Ich wieder einsetzt, zur Mäßigung mahnt, und Sir John den beinahe erfolgten Sündenfall mit einem erleichterten Seufzen quittiert. Es ist wahrlich ein Vollzeitjob, das Empire zu verteidigen.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (18. Wallace-Film), Klaus Kinski (11.), Siegfried Schürenberg (8.), Heinz Drache (5.) Wilhelm Vorwerg (4.), Margot Trooger, Kurt Waitzmann, Albert Bessler (3.), Barbara Rütting, Karl John, Heinz Spitzner, René Deltgen, Michael Chevalier (2.), Brigitte Horney, Hubert von Meyerinck (1.). Regie: Alfred Vohrer (7.), Will Tremper (1.) Drehbuch: Herbert Reinecker (2.), Musik: Peter Thomas (11.), Kamera: Karl Löb (8.), Schnitt: Jutta Hering (4.), Produktion: Horst Wendlandt (16.), Fritz Klotsch (2.).
Schauplatz: London, das Haus von Lord Curtain, diverse Apartements. Berlin, Pfaueninsel.
Titel: Benennt den Film als Sequel, bezieht sich auf die Rückkehr der Titelfigur.
Protagonisten: Inspector James W. Wesby.
Schurke: Ein Mann, der die Familie von Lord Curtain auslöschen will.
Gewalt: Diverse Erschießungen.
Selbstreflexion: Begrüßung zu Beginn, der Titelheld liest den Roman „Neues vom Hexer“, Heinz Drache wendet sich am Schluss ans Publikum und kündigt den nächsten Wallace für das kommende Jahr an, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo, Arents Dialogzeile „Jezt hält der sich auch schon für James Bond“ ist wahrscheinlich eine Anspielung auf Joachim Fuchbergers Rolle in DER HEXER.

Die Sekretärin Gwenda Milton wird ermordet, weil sie dem Treiben ihres Chefs Maurice Messer (Jochen Brockmann) auf die Schliche gekommen ist: Zusammen mit Reverend Hopkins (Carl Lange) unterhält er einen Frauenhändlerring. Wenig erfreut ist Messer, als er von Scotland-Yard-Inspektor Higgins (Joachim Fuchsberger) erfährt, dass es sich bei der Toten um die Schwester des sogenannten „Hexers“ handelt, der einst auf eigenen Faust in der Londoner Unterwelt aufräumte und dem die Flucht gelang, bevor er geschnappt werden konnte. Als Cora Ann Milton (Margot Trooger), die Gattin des Hexers, in London eintrifft, verdichten sich die Zeichen, dass der Hexer den Mord an seiner Schwester rächen will. Weil nur der bereits pensionierte Inspektor Warren (Siegfried Lowitz) den Vigilanten je zu Gesicht bekam, wird er reaktiviert, um Higgins zu helfen. Ein erster Verdächtiger ist der Australier Wesby (Heinz Drache), der sich als Krimischriftsteller auf Recherchetour ausgibt …

Mit DER HEXER, nominell vielleicht der bekannteste Wallace-Titel, scheint die Reihe auf dem Höhepunkt ihrer kommerziellen Kraft angelangt (ein Jahr später sollte DER UNHEIMLICH MÖNCH noch einmal ähnlich hohe Zuschauerzahlen vorweisen, doch davon abgesehen geht es ab diesem Zeitpunkt stetig  bergab). Er trägt dann auch alle Zeichen des selbstbewusst inszenierten Spektakels, des Aushängeschilds einer Reihe, die zu diesem Zeitpunkt über eine voll etablierte Form und Ästhetik verfügt, die zu einer Marke geworden ist, mit der die Menschen ein ganz bestimmtes Versprechen verbinden. Voller kleiner Gimmicks und selbstreflexiver Scherze, kann DER HEXER es zu keiner Sekunde verleugnen, sich seiner diesbezüglichen „Verantwortung“ vollkommen bewusst zu sein. Was sich in DAS INDISCHE TUCH noch auf einen in seiner Wirkung zwar gewaltigen, aber gemessen an der Gesamtspielzeit nur kleinen Scherz am Ende beschränkte, das zieht sich hier durch den ganzen Film. Die Plottwists, falschen Fährten und ornamentalen Details, die die Serie bisher auszeichneten, mögen selbstzweckhaft gewesen sein, aber es waren vor allem erzählerische Elemente. In DER HEXER wird alles zur Form: Als sei er mithilfe einer Checklist und dem Bedürfnis komponiert, auf alles noch eins draufzusetzen. Denn es reicht nicht mehr, die Erwartungen zu erfüllen, sie wollen übertroffen werden. Vohrer sieht den Weg dahin in einem „Mehr ist Mehr“: Das wird schon klar, wenn die bisherigen Stars der Reihe (Fuchsberger, Drache, Lowitz) zum ersten Mal im Verbund auftreten – quasi als die Expendables des Wallace-Films – und geht einher mit einer wahren Anhäufung von Verdächtigen. Wenn der Film kurz vor der Auflösung, einem ziemlich frechen Cliffhanger auf dem Weg zum Sequel, von einer Schrifteinblendung unterbrochen wird, die in bester William-Castle-Manier fragt, ob der Zuschauer die Identität des Hexers schon erraten habe, kann er dies angesichts der unübersichtlichen Fakten- und Verdachtslage mit der größten Sicherheit tun. Die perfekt geschmierte Entertainment-Maschine ist in den vorangegangenen 90 Minuten schließlich auf Hochtpuren gelaufen. Die Anlage von DER HEXER als großes Kinoereignis spiegelt sich auch darin wider, dass man eifrig bei den erfolgreichen James-Bond-Filmen notiert hat, die wahrscheinlich das damalige Nonplusultra in Sachen serieller Spitzenunterhaltung darstellen: Da kommt ein kleiner Indoor-Hafen samt Mini-U-Boot zum Einsatz, der auch jedem Bond-Schurken gut zu Gesicht gestanden hätte, darf sich Inspektor Higgins mehrfach dekorativ mit seiner attraktiven Gespielin Elise (Sophie Hardy) verlustieren, während Sir John die kaum weniger zauberhafte Sekretärin Jean (Anneli Sauli) zur Seite gestellt wird, die den jungen Inspektor anhimmelt wie anderswo Ms. Monepenny ihren 007.

Vohrer ist wahrscheinlich der richtige Mann für die mit DER HEXER überdeutlich vernehmbaren neuen Ansprüche, inszeniert den Film mit dem ihm eigenen Witz und Drive, steckt die Kamera auch schon einmal in ein Telefon, um von unten durch die Wählscheibe filmen und so mit ungewöhnlichen Perspektiven überraschen zu können. Aber die „Unschuld“, mit der die Wallace-Filme bis zu diesem Zeitpunkt aufwarteten, ist weitestgehend dahin: Dem zahlenden Kunden wird nicht länger einfach ein sauberer Unterhaltungsfim serviert, er wird geradezu hofiert und immer wieder direkt angesprochen. Natürlich waren auch die vorangegangenen Serienbeiträge „Produkte“, aber DER HEXER macht aus seinem kaufmännischen Interesse gar keinen Hehl mehr. Wo der Zynismus in dieser Form Einzug hält, da ist für ihn an anderer Stelle kein Platz mehr: Es lässt sich nur spekulieren, aber ein Frauenhändlerring wäre in früheren Filmen sicherlich für die ein oder andere Geschmacklosigkeit ausgeschlachtet worden, hier wird er einmal erwähnt und dann beinahe verschämt umgangen. Schade, denn ein bisschen gothischer Pomp, den in Verliese gesperrte, verzweifelte Frauen gleich säckeweise mit sich bringen, hätte dem Film bestimmt nicht geschadet. Die aufgeregte Suche nach dem Hexer, die fast schon unfreiwillig komische Häufung von konstruierten Verdachtsmomenten – unterhaltsam zwar, aber auch irgendwie leer –, kann diesen Mangel nur bedingt aufwiegen. So bleibt der Eindruck eines zwar beschwingten, kompetent gemachten Crowd Pleasers, dem aber die Seele fehlt.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (16. Wallace-Film), Joachim Fuchsberger (9.), Siegfried Schürenberg (7.), Heinz Drache (4.), Siegfrid Lowitz, Joachim Wolff (3.) Kurt Waitzmann, Carl Lange, Jochen Brockmann, Anneli Sauli, Wilhelm Vorwerg (2.), Sophie Hardy, Margot Trooger, Karl John, Hilde Sessak, René Deltgen, Tilo von Berlepsch (1.). Regie: Alfred Vohrer (6.), Drehbuch: Herbert Reinecker (1.), Harald G. Petersson (5.), Musik: Peter Thomas (9.), Kamera: Karl Löb (7.), Schnitt: Jutta Hering (3.), Produktion: Horst Wendlandt (14.), Fritz Klotsch (1.).
Schauplatz: London. Gedreht wurde in Berlin (Zitadelle Spandau, Hotel Esplanade) und London.
Titel: Der Deckname eines gesuchten Londoner Vigilanten.
Protagonisten: Inspektor Higgins, Inspektor Warren und der Krimischriftsteller Wesby.
Schurke: Ein Ring von Frauenhändlern und der Selbstjustiz übende „Hexer“.
Gewalt: Eine Strangulation, Tod durch Erschießen, Erstechen und Aufspießen, Autounfall, Dynamit.
Selbstreflexion: Der Film eröffnet mit der obligatorischen Bergüßung, die Titelmusik wird von Stimmen begleitet, die „der Hexer“ zischen, oder auch vom Tarzanschrei unterbrochen. Inspektor Higgins erwähnt einmal, dass sein Vorname „Bryan Edgar“ lautet (so hieß Edgar Wallace‘ Sohn), es gibt einen Seitenhieb auf das Fernsehen und kurz vor der Auflösung wird der Film kurz durch eine Schrifteinblendung unterbrochen, die fragt: „Wissen Sie schon, wer der Hexer ist?“

Als der alte Lord Lebanon auf seinem Schloss „Marks Priory“ erdrosselt wird, werden seine Verwandten (darunter Elisabeth Flickenschildt, Hans Clarin, Klaus Kinski, Siegfried Schürenberg, Corny Collins, Hans Nielsen und Gisela Uhlen) vom Anwalt Frank Tanner (Heinz Drache) zur Testamentsverlesung eingeladen. Der Verstorbene verfügt, dass sein Vermögen auf die Familienmitglieder verteilt wird, allerdings erst nach Ablauf von sechs Tagen und Nächten, die die Kandidaten im Schloss zu verbringen haben. Zeit genug für den unbekannten Killer, die potenziellen Erben zu dezimieren. Und tatsächlich gibt es schon in der ersten Nacht den ersten Toten zu verzeichnen. Die Abreise ist ausgeschlossen, denn ein Sturm hat das Schloss vom Rest der Welt abgeschnitten …

Alfred Vohrers DAS INDISCHE TUCH weicht ein Stück vom bisher etablierten Schema der Wallace-Filme ab und begibt sich auf das Terrain der Murder Mystery, das nicht zuletzt von Agatha Christie so fleißig beackert worden war, an deren Roman „Ten Little Indians“ diese Geschichte massiv erinnert: In beiden wird eine Schar dubioser Gestalten in einem Haus festgehalten und dann nach und nach von einem Unbekannten dezimiert. Es drängt sich aber noch eine weitere Referenz zwingend auf: Ein Jahr zuvor hatte die sechsteilige Fernsehserie DAS HALSTUCH nach dem britischen Krimiautoren Francis Durbridge in Deutschland für die Rekordeinschaltquote von 89 Prozent gesorgt. Die buchstäblich leergefegten Straßen während der Ausstrahlung bescherten der deutschen Sprache den Begriff „Straßenfeger“, der heute allenfalls als Erinnerung an längst vergangene Fernsehzeiten fungiert. Neben der Mordwaffe teilt Vohrers DAS INDISCHE TUCH außerdem den Hauptdarsteller mit dem Sensationserfolg: Heinz Drache übernimmt auch in dem Edgar-Wallace-Film die Aufgabe, den Mörder zu enttarnen. Wenn man ehrlich ist, erledigt er diese Aufgabe ausgesprochen schlecht: Die Murder Mystery löst sich mehr oder weniger von selbst, weil irgendwann alle tot sind und der Mörder sich selbst offenbaren muss. Das Mitraten, zu dem der Film einlädt, ist dann nicht mehr als ein ebensolches: Es macht keinen Sinn, nach irgendwelchen Motivationen und Motiven zu forschen, oder gar Indizien gegeneinander abzuwägen. Die Opfer fallen wie die Fliegen, sodass man kaum hinterher kommt und der Täter ist dann garantiert der, mit dem man am wenigsten gerechnet hat – zumindest annähernd. Aber eigentlich macht das gar nix: DAS INDISCHE TUCH bietet bestes Entertainment voller kauziger Gestalten und abstruser Einfälle, die nur dazu da sind, den Zuschauer auf die falsche Fährte zu locken.

Kinski gibt zum ersten Mal einen jener Psychopathen, die bald seine Filmografie beherrschen sollten: Als Peter Ross, unehelicher Sohn des Lords, ständigen Demütigungen und Anfeindungen ausgesetzt, lässt er mehr als einmal seine Oberlippe zucken, darf er als vermeintlich Drogensüchtiger mit glasigen Augen ins Nichts starren oder auch mal divenhaft aus dem Raum stürzen. Eine Schau. Hans Nielsen, sonst abonniert auf die gemütlichen Onkeltypen (und deswegen in DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN als Schurke nicht ganz überzeugend), gibt den großkotzigen angeheirateten amerikanischen Aktienspekulanten Mr. Tilling (ohne Schnurrbart), der seinen britischen Verwandten deutlich zu verstehen gibt, was er von ihnen hält: Nichts. Sentimentalitäten sind seine Sache nicht und so verhält er sich wie die Axt im Walde. Seine Gattin Mrs. Tillin (Gisela Uhlen) ist von ihm so angenervt, dass sie ihm sein Alibi zunichte und ihn zum ersten Hauptverdächtigen macht. Ihr auf diesen Vertrauensbruch folgender Streit hat so episches Potenzial, dass man sich fast einen Film über die beiden allein wünscht. Nicht weniger zauberhaft ist Hans Clarin als verweichlichter Lord Edward, musisch begabter Sohn des toten Lords, der für seine erstes Klavierkonzert übt, von den lieblichen Klängen selbst ganz entrückt ist und ständig von der überprotektiven Mama umgarnt wird. Siegfried Schürenberg muss als Sir Henry Hockbridge auf eine Amazonas-Expediton verzichten und hat als Trost eine Vogelspinne mitgebracht, die gleich mehrfach zum Einsatz kommt. Elisabeth Flickenschildt ist in ihrem dritten Auftritt innerhalb der Reihe ganz Grand Dame, undurchschaubar und eiskalt. Ebenfalls zum dritten Mal dabei ist der hünenhafte Ady Berber, wieder einmal in einer Rolle als zurückgebliebener Schwachkopf, dessen Antlitz vom Bildhauer Peter Ross als Büste modelliert wird und dem Film so auch dann noch erhalten bleibt, als sein Charakter Chiko längst tot ist. Daneben können Heinz Drache, Eddi Arent und Corny Collins, die etwas gesichtslos bleibende Schöne des Films, nur verblassen.

Aber das zeigt ja nur, wie wenig Vohrer an seinem eigentlichen Plot interessiert ist: Hier geht es darum, dem Zuschauer möglichst viel Unterhaltung zu bieten, und dieses Vorhaben gelingt meisterlich. Das Sahnehäubchen ist die völlig idotische Schlusspointe, bis zu diesem Zeitpunkt der größte selbstreflexive Moment der gesamten Reihe und so kackdreist, dass es schon wieder toll ist: Heinz Drache verliest zum Schluss vor den verbliebenen zwei Anwesenden das Testament, in dem der verstorbene Lord sein gesamtes Vermögen niemand Geringerem als Edgar Wallace vermacht. Die Köpfe hinter der Reihe konnten sich zu diesem Zeitpunkt der Reihe wohl (noch) fast alles erlauben und machten von dieser Narrenfreiheit reichlich Gebrauch. Man darf diese Verweigerung einer richtigen Auflösung schon recht unverschämt finden, zumal sie mit äußerstem Selbstbewusstsein und der Gewissheit vorgetragen wird, in den 80 vorangegangenen Minuten ganz große Unterhaltung abgeliefert zu haben. Bescheidenheit geht anders, trotzdem wirkt die Geste aus heutiger Sicht so herrlich naiv und unschuldig, aber auch auf so eine zirkusdirektorenhafte Art und Weise unterwürfig und höflich. Hir wird man hier als Zuschauer mit Unterhaltungsanspruch noch wahrgenommen und entsprechend adressiert. Und plötzlich macht auch die Anwesenheit Draches, ein Star zwar, aber so nahbar, unverstellt und vertrauenserweckend wie der Apotheker nebenan, wieder Sinn.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (13. Wallace-Film), Klaus Kinski (8.), Siegfried Schürenberg (4.), Heinz Drache, Elisabeth Flickenschildt, Ady Berber (3.), Gisela Uhlen, Hans Nielsen, Richard Häussler, Alexander Engel, Eva Ebner (2.), Hans Clarin, Rainer Brandt, Eberhard Junkersdorf, Wilhelm Vorwerg (1.). Regie: Alfred Vohrer (5.), Drehbuch: Harald G. Petersson (4.), Georg Hurdalek, Musik: Peter Thomas (6.), Kamera: Karl Löb (6.), Schnitt: Hermann Haller (3.), Produktion: Horst Wendlandt (11.), Preben Philipsen (8.). 
Schauplatz: Gedreht wurde ausschließlich im Studio in Berlin-Spandau.
Titel: Bezieht sich auf das Mordwerkzeug.
Protagonisten: Anwalt Frank Tanner, der die Ermittlungen im Schloss übernimmt.
Schurke: Der Film bietet mehrere Unsympathen auf. Die Mörder sind der zurückgebliebene Chiko, der Sohn des toten Lords und als Drahtzieherin seine Mutter.
Gewalt: Mehrere Strangulationen, ein Selbstmord durch Erhängen, ein Fenstersturz.
Selbstreflexion: Der Film beginnt mit dem Voice-over „Hello, hier spricht Edgar Wallace!“, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt (er leiht mehrere Figuren seine Stimme), ein Charakter hört auf den Namen „Inspektor Fuchsberger“, am Ende, wenn das Testament verlesen wird, verkündet Heinz Drache als Tanner, dass das gesamte Vermögen an „den größten Mann des Jahrhunderts“ geht. Er wendet sich direkt ans Publikum und sagt dann: „Edgar Wallace!“

Die Londoner Unterwelt wird von einem unbekannten Verbrecher, den alle nur den „Zinker“ nennen, in Angst und Schrecken versetzt. Als ein Krimineller seine Identität aufgedeckt zu haben glaubt, wird er mit dem Gift einer Schwarzen Mamba ermordet. Die Ermittlungen führen Inspektor Elford (Heinz Drache) zu der Tierhandlung der reichen Witwe Mulford (Agnes Windeck) und ihrem Geschäftsführer Sutton (Günter Pfitzmann): Dort wurde vor kurzem eine solche Schlange entwendet …

Nachdem mich DAS GASTHAUS AN DER THEMSE zuvor etwas underwhelmt hatte, hat DER ZINKER meine Erwartungen übertroffen: Vohrer erzählt seine Gangstergeschichte mit viel Zug und der liebgewonnenen Überfülle an bizarren Ideen, handelnden Figuren, nebligen Nachtszenen, zwielichtigen Gestalten und Kurzausflügen in die Gefilde des Horrorfilms. Dennoch bleibt die Handlung nachvollziehbar, wird der Whodunit-Aspekt nicht, wie sonst so häufig in den Wallace-Filmen, lediglich vorgetäuscht. Na klar, manche Morde und Plotwindungen sind auch hier natürlich reines Mittel zum Zweck und nur zu gern wird die Logik auch mal komplett über Bord geworfen, wenn es der Spannung oder der Irreführung der Zuschauer dient, aber DER ZINKER ist dennoch weitestgehend stringent. Was diesen Film – und bislang eigentlich alle guten Filme der Reihe – in erster Linie auszeichnet, das sind natürlich nicht psychologisch fundierte Charakterzeichnungen, nachvollziehbare Motivationen oder eine authentische Darstellung von Polizei- und Ermittlungsarbeit, sondern packende Situationen, kreative Morde und finstere Verbrecher. Und hier zieht Vohrer wieder einmal alle Register. Das Gemäuer, in dem Tiger, Löwen, Lamas, Giftschlangen und anderes Getier gehalten werden, gibt ein wunderbar exotisches Setting ab, in dem sich Klaus Kinski als stummer Tierpfleger Krischna sichtlich wohl fühlt, und der berühmte Londoner (oder vielleicht auch Hamburger) Nebel, meist hübsch dekorativ im Gegenlicht eingefangen, spendet auch ganz weltlichen Vorgängen noch jenen außerweltlichen Touch, den die Wallace-Filme so gern bemühen. Kurze Subplots wie jener, in dem eine Gangsterbande versucht, den Zinker in eine Falle zu locken, um den Mord an einem der ihren zu rächen, sind die Extraportion Fleisch auf den Rippen eines rundum gelungenen Krimis. Und auch wenn dann mal nichts passiert, kann man sicher sein, dass Vohrer irgendwas Interessantes anzustellen weiß. Da kommt mal wieder jene schon in DIE TOTEN AUGEN VON LONDON bemühte Einstellung aus dem Mund einer Figur heraus zum Einsatz – die hier eine Karotte knabbert, was die Absurdität noch steigert, oder wird aus einem Waschbecken mit laufendem Wasserhahn herausgefilmt. Und der Einfall, die liebenswerte alte Dame Mulford zu Musik vom Plattenspieler vor „begeistertem“ Publikum dirigieren zu lassen, ist ebenfalls ausgesprochen reizend.

Auffallend ist ein insgesamt etwas ruppigerer Tonfall, der nur durch die Komikeinlagen Arents – diesmal als verhinderter Zeitungsreporter im Dienste Siegfried Schürenbergs unterwegs, der ausnahmsweise mal keinen Scotland-Yard-Vorgesetzten spielt – aufgelockert wird. Ein romantisches Element ist hingegen weitestgehend absent: Zwischen Elford und Beryl Stedman (Barbara Rütting), dem potenziellen Love Interest, entspinnt sich hier dankenswerterweise keine zarte Romanze, die junge Dame muss als Krimischriftstellerin erst als Verdächtige herhalten, darf sich dann am Ende als tragisches, vom Zinker genasführtes Opfer erweisen. So sehr man den Verzicht auf eine klischierte Liebesgeschichte begrüßt, so unentschlossen wirkt aber letztlich die Inklusion dieser Figur. Man merkt, dass man mit einer Frauenfigur nicht wirklich etwas anzufangen wusste, sofern man keinen romantischen Subplot um sie stricken konnte. Obwohl Barbara Rütting in DER ZINKER also eine ungewohnt starke Rolle zufällt – sie muss von keinem starken Mann aus höchster Not gerettet werden –, hinterlässt sie doch einen eher flüchtigen Eindruck und bekommt nicht wirklich etwas zu tun. Dafür bildet sie in Suttons Wohnung in Form eines überlebensgroßes Foto auf der Tischpaltte ein beeindruckendes chauvinistisches Centerpiece. Womit wir dann wieder bei den Männern sind: Wenn es schon an in den Armen eines starken Mannes dahinschmelzenden Frauen fehlt, so gibt es umso mehr zu allem entschlossene Kerle, die morden, betrügen, rumballern, stehlen und grimmige Gesichter machen. Das ist naturgemäß nicht mit „echten“ Gangster- oder Actionfilmen vergleichbar, innerhalb der Edgar-Wallace-Reihe zählt DER ZINKER aber durchaus zu den realistischeren und bodenständigeren Beiträgen und reiht sich nahtlos ein zwischen Filmen wie DER FROSCH MIT DER MASKE, DER ROTE KREIS, DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN, DAS RÄTSEL DER ROTEN ORCHIDEE oder eben DAS GASTHAUS AN DER THEMSE. Geradezu rührend mutet es deswegen an, wie die zeitgenössische Presse immer wieder den „Gruselaspekt“ der Wallace-Filme in den Vordergrund rückte: „Auf Gänsehaut kalkulierte Situationen werden durch gelegentliche Gags kompensiert“, schrieb der Filmdienst zum Start des Films 1963. Dahinter verbirgt sich wahrscheinlich die Furcht des Spießbürgers vor der Unfasslichkeit des Verbrechens: Was da in einem „Moloch“ wie London dem Vernehmen nach vorging, das konnte man sich auf seiner deutschen Wohnzimmercouch unter dem Bild vom röhrenden Hirsch wahrscheinlich nur unter Zuhilfenahme von ins Groteske überzeichneter Bilder vorstellen. Dabei waren keine 20 Jahre zuvor weitaus abscheulichere Dinge vor der eigenen Haustür passiert.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (10. Wallace-Film), Klaus Kinski (6.), Jan Hendriks (4.), Siegfried Schürenberg (3.), Heinz Drache, Stanislav Ledinek, Albert Bessler (2.), Inge Langen, Barbara Rütting, Agnes Windeck, Heinz Spitzner, Eva Ebner, Heinrich Gies, Heinz Petruo, Bert Wilczewski, Michael Chevalier (1.). Regie: Alfred Vohrer (4.), Drehbuch: Harald G. Petersson (3.), Musik: Peter Thomas (5.), Kamera: Karl Löb (5.), Schnitt: Hermann Haller (1.), Produktion: Horst Wendlandt (9.), Preben Philipsen (6.), Jacques Willemetz. 
Schauplatz: London, Scotland Yard. Gedreht wurde in Berlin und London.
Titel: „Der Zinker“ ist der Deckname eines gefürchteten Londoner Kriminellen mit unbekannter Identität.
Protagonisten: Scotland-Yard-Inspektor Elford.
Schurke: Der Zinker.
Gewalt: Tod durch Giftpfeile (Schlangengift), eine Erstechung, eine Erschießung, Tod durch Tigerattacke.
Selbstreflexion: Der Film wird wieder mit dem Voice-over-Kommentar “Hier spricht Edgar Wallace!” eröffnet.