Mit ‘Heinz Hoenig’ getaggte Beiträge

DIE KATZE. Ich erinnere mich noch daran, damals den Trailer für Grafs Heist-Movie im Kino gesehen zu haben (ich glaube es war vor DIE REISE INS ICH). Der Film wurde wenig später ein großer Publikumserfolg und hätte eigentlich eine ganze Welle von harten, verschwitzten, aufgeheizten deutschen Crime-Filmen lostreten müssen, aber natürlich passierte – nichts. Dabei hatte Graf nicht nur gezeigt, wie das gehen kann, deutsches Thrillerkino, sondern auch, wie man es mit ausgesprochenem Stilbewusstsein und ureigener Identität auf die Leinwand bringt. Wie man die Vorbilder aus den USA und aus Frankreich honoriert, ohne sie nachzuäffen. Die Düsseldorfer Immermannstraße und vor allem die metallisch glänzende, dekonstruktivistisch verwinkelten Fassaden des auch heute noch existierenden Hotel Nikko und des Deutsch-Japanischen Centers, sind eine ideale Kulisse für den bis zum Bersten aufgeladenen Stoff, verkörpern den oberflächlichen Materialismus, dem die Protagonisten verzweifelt hinterherrennen, während die dunklen Innenräume des Hotels, in denen sich Mastermind Probek (Götz George) verschanzt hat, mit ihren erdigen Farben gleichermaßen das Bedürfnis nach Geborgenheit wie auch die Unfähigkeit, diese überhaupt noch zuzulassen, widerspiegeln.

Das ist ja – neben der arschtighten Inszenierung des Geiseldramas und der polizeilichen Intervenierungsversuche (die Entdeckung des Films: Joachim Kemmer als Einsatzleiter Voss) – die eigentliche Höchstleistung von Graf: Wie er eine Geschichte über hilflose Seelenkrüppel erzählt und diese in einen Heist-Movie faltet, das als äußere Entsprechung des inneren Tumults fungiert. DIE KATZE beginnt mit einer schwülen Sexszene zwischen Probek und Jutta Ehser (Gudrun Landgrebe), der Gattin des Filialleiters der Bank (Ulrich Gebauer), auf die Probek seinen Überfall geplant hat, und sie wird von Zwischenschnitten auf den gehörnten Ehemann unterbrochen, der längst weiß, was los ist. Wenig später wird Jutta zu ihm nach Hause kommen, hören, wie er am Telefon über sie, ihre Untreue und seine Trennungsgedanken redet, und ihn dabei lächelnd ignorieren. Wer nur ein bisschen Einblick in die Mechanismen des Crime- und des Polizeifilms hat, der weiß bereits jetzt, dass Probeks kühl kalkulierter Plan zum Scheitern verurteilt ist: Hitzige Leidenschaft war noch nie ein guter Ratgeber. Und so kommt es dann auch. Die feurige Jutta ist einfach zu heiß, als dass ein Mann sie kontrollieren könnte, noch dazu einer, der sich wie Probek, sonst ein nichts dem Zufall überlassender Kontrollfanatiker, blind auf sie verlassen hat. Und so sitzt sie am Ende wieder neben ihrem Ehemann, einen Koffer voller Geld im Kofferraum, aber doch als Verliererin, weil er sie nun ganz in seiner Hand hat. Menschen sind keine Schachfiguren.

DIE KATZE. Schon der Titel ist ja ein Trick. Auf dem Filmplakat legt er den Schluss nahe, eine Art nom de guerre Probeks zu sein. Einer Katze sagt man eine Verschlagenheit, Berechnung und natürlich Agilität nach, Eigenschaften, die auch das verbrecherische Mastermind verkörpert, der andere für sich die Drecksarbeit machen lässt – die beiden geistig eher minderbemittelten Kriminiellen Junghein (Heinz Hoenig) und Britz (Ralf Richter) –, während er aus der Distanz die Fäden zieht. Das falsche Genus lässt kurz aufmerken, aber schließlich ist „die Katze“ der Gattungsbegriff und könnte als solcher auch auf einen Mann angewendet werden („der Kater“ klänge indessen ziemlich seltsam). Je länger der Film aber läuft, umso mehr wird klar, dass der Titel sich gar nicht auf Probek, sondern auf Jutta bezieht, die heimliche Hauptfigur des Films. So wie der Verbrecher aus seinem Hotelzimmer heraus die Marionetten Junghein und Britz mithilfe von Funkgerät und Fernrohr steuert, so wird er von Jutta gesteuert. So sehr bringt sie auch den Zuschauer dazu zu glauben, sie sei nur das austauschbare Love Interest. Mit dem Unterschied, dass sie dazu keinerlei technische Hilfsmittel mehr benötigt. Sie lässt Probek in dem Glauben, alles unter Kontrolle zu haben, hat ihn in Wahrheit aber fest bei den Eiern. Und wem der Handlungsverlauf noch nicht reicht, um zu erkennen, dass Jutta die „Katze“ ist, den überzeugt spätestens der Blick in die Unergründlichkeit ihrer eisblauen Augen, die auch dann noch leuchten, wenn Probkes Blick längst erloschen ist.

(Anmerkung: Leider habe ich nur die gekürzte Vollbildfassung von EuroVideo gesehen.)

Bei einem Einsatz gegen einen Falschmünzerring erkennt der SEK-Beamte Karl Simon (Herbert Knaup) in einem der Verdächtigen, dem die Flucht gelingt, seinen alten Kollegen Heinz Schaefer (Hannes Jaenicke). Heinz hatte vor einigen Jahren sein zwei Tage altes Kind ermordet und war dann, nach Fund einer kopflosen Wasserleiche, für tot erklärt worden. Als Karl seine Beobachtung offenbart, gesteht man ihm, dass es sich bei dem Mann um einen verdeckten Ermittler gehandelt habe, der aber keinesfalls mit dem Toten identisch sein könne. Karl stellt jedoch weitere Nachforschungen an, die seinen Vorgesetzten ein Dorn im Auge sind – es wäre schließlich ein Skandal, wenn ein Kindsmörder im Dienste der Polizei stünde – und bringt damit zunehmend sich und seine Familie in Gefahr. Als der Politiker Dessaul (Thomas Schücke), der einen Untersuchungsausschuss in einer Korruptionsaffäre leiten soll, von Schaefer entführt und ein Lösegeld von mehreren Millionen Mark gefordert wird, gerät Karl zudem in Verdacht, mit dem Entführer unter einer Decke zu stecken …

Ich erinnere mich noch an den großen Bericht in der „TV Spielfilm“, als DIE SIEGER damals als ambitionierter Versuch eines deutschen Actionfilms in die Kinos kam. Der Artikel sparte nicht mit Lob, bezeichnete den Versuch als fulminant gelungen und DIE SIEGER als großes Unterhaltungskino, das sich hinter den Vorbildern aus Hollywood nicht verstecken müsse. Das alles half leider nicht: DIE SIEGER ging an den Kinokassen baden, auch die Kritik war nicht durchweg positiv und eine mögliche Zukunft mit großbudgetierten, fürs Kino inszenierten deutschen Action- und Polizeifilmen fiel mit lautem Platschen ins Wasser. Der Film hatte wohl eine recht schwierige Entstehungsgeschichte, die auch dazu führte, das sich Dominik Graf selbst von ihm – und seiner eigenen Arbeit – distanzierte: „Günter Schütters erste und stärkste Drehbuch-Fassung (zwei Jahre vor Drehbeginn) unterschied sich in vielem vom heute vorliegenden Endprodukt. […] Wir hatten am Ende, nach jahrelanger Finanzierungs-Arbeit und Drehbuch-Diskussion viel zu wenig Geld und das Skript war ein mühsam zusammengekürzter Flickenteppich geworden. Alle leidenschaftlichen Eigenschaften des Schütter’schen Universums waren zwar noch vorhanden, aber durch die stark nach finanziellen Kriterien vorgenommenen Reduktionen war das Buch total aus der Balance geraten. Und man kann wohl im Nachhinein sagen, der Regisseur inzwischen auch.“ 

Man merkt dem Film diese „Flickschusterei“ allerdings nicht wirklich negativ an, wie ich finde. Sicher, der Film ist mit seinen rund 130 Minuten Laufzeit randvoll mit Handlung, ohne dass er dabei komplett „auserzählt“ wäre. Manches steht ein bisschen fragmentarisch darin herum, anderes, wie die Liebesbeziehung zwischen Karl und der Politikergattin Melba Dessaul (Katja Flint), scheint ein Zugeständnis ans Publikum, das eben auch eine Sexszene erwartet. Aber dieses Bruchstückhafte, Elliptische, Fragmentarischer, Unvollendete macht einen nicht unerheblichen Teil des Reizes aus, den DIE SIEGER auf mich ausübte. Wo die Dramaturgie vielleicht versagt, Handlungssprünge kurzzeitig verwirren (auch das kann ja eine Stärke sein), überzeugt der Film, unterstützt von eine fantastischen, sphärischen Soundtrack (von Graf mitkomponiert), vor allem auf atmosphärischer Ebene. Die faktische „Härte“ des Stoffes – Männer, Waffen, Politik, Geld – wird immer wieder gezielt durch träumerische Noten aufgeweicht, die eine ganze beunruhigende Welt voller zerrütteter Psychen hinter der kühlen Fassade suggerieren. Da passiert etwas, was über das faktisch Gezeigte hinausgeht. Ganz stark etwa Karls erster Besuch bei Sunny, der Gattin des toten Kollegen, die wie in einem Mausoleum lebt, seit dem Tod ihres Mannes nichts verändert hat, immer noch voll verträumter Zärtlichkeit von ihm spricht, und Karl im Schein der Babylampe im unbenutzten Kinderzimmer fragt, ob sie noch einmal mit ihm schlafen werde, „aus Mitleid“. In seinen Suspense-Momenten merkt man, dass Graf durchaus ein Fan des italienischen Giallo-Kinos ist und auch das spektakuläre Finale hoch oben auf einem nächtlichen Alpengipfel erreicht jene kalt-fiebrige Stimmung, die man von den italienischen Thrillern kennt. Das vereint sich mit den typischen Polizeifilm-Motiven und -Themen zu einer höchst eigenständigen Mischung, wie ich sie in dieser Form noch nicht gesehen habe.

Die Tonspur spielt eine ganz entscheidende Rolle bei der Erzeugung dieser speziellen Atmosphäre: Es wird viel geredet, aber nicht immer so, dass man es auch versteht. Figuren flüstern oder nuscheln, Dialoge überlappen sich, werden von Hintergrundgeräuschen übertönt, mehrfach sieht man bloß, das eine Figur etwas sagt, ohne hören zu können, was. Nicht nur Hörstürze kündigen sich so an. DIE SIEGER, dessen Titel niemals laut als Ironie enttarnt wird, ist nicht zuletzt eine Zusammenbruchsgeschichte, auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene. Der Glaube an die starken Männer – in der Politik, in der Polizei – er ist am Ende zerbröselt, zu Staub zerfallen. Ein Sieger ist nur, wer den Ausstieg schafft und überlebt – so wie Karl, der den Dienst schließlich quittiert, um gegen die Verschwörer aussagen zu können. Am Ende nimmt Karls Frau eine Biene in ihre Hand, legt sanft die andere darüber, öffnet die entstandene Höhle wieder, ohne gestochen worden zu sein. „Sie ist eingeschlafen“, sagt sie. „Ja“, antwortet Karl und lächelt.