Mit ‘Heinz Reincke’ getaggte Beiträge

Episode 72: Drei Brüder (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Der Besitzer eines Spirituosenladens stirbt nach einem Überfall auf sein Geschäft mit einer Schädelverletzung. Das Letzte, was er sagen kann, ist: „Der Jork war’s.“ Doch es gibt drei Jorks, die Brüder Albert (Horst Frank), Heinz (Ralf Schermuly) und Bertram (Manfred Seipold) und alle wollen zur Tatzeit zusammen in ihrer gemeinsamen Wohnung Skat gespielt haben. Bewegung kommt in die verfahrene Situation, als Keller und sein Team Spuren einer Frau in der Wohnung der Jorks finden: Offensichtlich war die Bardame Olga (Evelyn Opela) bei ihnen, als der Mord geschah. Zwar halten die Vier dicht, doch Keller weiß, dass er nur hartnäckig genug bohren muss, bis die Mitwisser umfallen.

In DREI BRÜDER wird der bereits 1973/74 einsetzende, schleichende Übergang zu DERRICK sehr evident, denn die Zermürbungstaktik, die Keller, Heimes und Grabert fahren, erinnert sehr an die Masche, die dem Oberinspektor später so oft zum Erfolg verhelfen sollte. Mit sichtlicher Schadenfreude hängen die Kriminalbeamten in der Nähe der Verdächtigen herum, ganz genau wissend, dass ihre bloße Anwesenheit reicht, um sie nervös zu machen. Und so ist es dann ja auch. Keller hat absolut Recht mit seiner Einschätzung: Der Schweigepakt, den die drei Brüder zusammen mit Olga geschlossen haben, ist für den Täter leicht zu halten, doch für die drei, die ihn decken müssen, wird der Druck irgendwann zu groß werden. Horst Frank ist, wie wir längst wissen, geboren für diese Typen, die nichts aus der Ruhe bringt, die geradezu dazu geboren sind, krumme Dinger zu drehen und die Polizei an der Nase herumzuführen. Und Ralf Schermuly steht hier noch am Anfang an einer langen Karriere, in der er wieder und wieder den schwitzig-nervösen Mörder spielen sollte. Dazu gibt es , gewissermaßen als Bonus, die bezaubernde Evelyn Opela, Wolfgang Völz als Barkeeper und Antje Weissgerber als trauernde Witwe, die den Jorks mit Kopftuch und Handtasche auflauert und sie immer wieder fragt „Haben Sie meinen Mann ermordet?“

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Episode 73: Tod eines Landstreichers (Jürgen Goslar, Deutschland 1974)

In der Nähe eines Gasthofes wird die Leiche eines Landstreichers aufgefunden, den man am Vorabend erschlagen und dann am Fundort abgeladen hatte. Keller und Co. machen drei Leidensgenossen des Mannes ausfindig – Kamann (Hans Schweikart), Pock (Klaus Schwarzkopf) und Lumm (Walter Kohut) -, die berichten, ihr Freund habe ein Huhn stehlen wollen und sei dann nicht zurückgekommen. Im Gasthof von Eberhard Scherf (Paul Dahlke) fällt nicht nur das seltsame Verhalten des Inhabers und seiner Familie auf, die auffallend geduldig mit den drei munteren Landstreichern sind, die hauseigene Metzgerei macht das Gebäude auch zu einem verlockenden Ziel für Hungrige.

Eine schöne Episode, die sich durch den unvorhersehbaren Verlauf, das muntere Zusammenspiel der drei Landstreicher Schweikart, Schwarzkopf und Kohut sowie den insgesamt verständnisvollen und versöhnlichen Tonfall auszeichnet, der einen schönen Kontrast zu Reineckers sonstigen Abrechnungen darstellt. Zwar gibt es wieder die bekannten Tricks und Wendungen, die Lügen und falschen Alibis, die zum Inventar der Serie gehören, aber letztlich ist der gesamte Fall vor allem hochgradig tragisch. Bei der Charakterisierung der drei Vagabunden und ihrem Rapport hat der Autor sich viel Mühe gegeben und die Akteure danken es ihm mit Darbietungen, denen man die Freude anmerkt, die sie dabei hatten, die Figuren zum Leben zu erwecken. In einer Nebenrolle ist Walter Sedlmayr zu sehen.

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Episode 74: Mit den Augen eines Mörders (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Die Schülerin Eva Wechsler (Susanne Uhlen) kommt nach der Schule nicht nach Hause. Am nächsten Tag findet man sie tot auf, erwürgt. Ihre Spur verliert sich nach einem Treffen mit ihrer besten Freundin (Simone Rethel), mit der sie an den Französisch-Hausaufgaben verzweifelt war. Hauptverdächtiger ist der Musiklehrer Voß (Michael Heltau), der für das Mädchen schwärmte – und seine Zuneigung wohl auch erwidert fand.

Was wäre DER KOMMISSAR ohne Altherrenschmier und unangenehme Ambivalenz? Hier ist es das Geständnis des Lehrer, zwar in Eva verliebt, aber sich doch der Implikationen doch bewusst zu sein. Er will warten, bis sie mit der Schule fertig ist und sie erklärt sich einverstanden. Das ist wahrscheinlich der nüchterne Weg, mit dem Problem umzugehen, aber so ganz zufriedenstellend ist das trotzdem nicht. Gleichaltrige jugendliche Liebespaare kommen bei Reinecker nur am Rande vor, dafür sehen sich die Mädchen bei ihm auffallend oft den Avancen älterer Herren ausgesetzt. Und natürlich sind es immer ganz besondere Mädchen, denen das passiert, damit wir auch die Zwickmühle verstehen, in denen sich seine verschwitzt-geilen Herren da befinden. Susanne Uhlen hat nicht viele Szenen, aber in einer davon wirft sie sich ihrem Lehrer angetrunken (selbstverständlich Whisky), mit verführerischem Schlafzimmerblick und kurzem Schulmädchenrock an den Hals, das kleine Luder. Ich finde diese Episoden mittlerweile ja fast am besten, weil sie die ganze Verlogenheit des Bürgertums und seine gähnenden Abgründe in den Vordergrund holen, ohne sich dabei selbst der Objektivität verdächtig zu machen. Es dampft und brodelt nur so.

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Episode 75: Im Jagdhaus (Gottfried Reinhardt, Deutschland 1974)

Im Sommerhaus der Familie Schenk wird ein Toter gefunden: Es ist Paul Schenk (Harry Meyen), der Bruder und Geschäftspartner von Alwin (Herbert Fleischmann): Er war in das Haus gefahren, um dort seine Schwägerin Eva (Ursula Lingen), mit der er ein Verhältnis hat, davon zu überzeugen, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Neben den Töchtern Helga (Eleonore Weisgerber) und Sabine (Sabina Trooger) ist auch Barek (Klaus Herm) im Haus, ein Angestellter der Schenks, der sich dort ein Wochenende entspannen sollte.

Reinecker kopiert sich selbst, was nicht weiter schlimm ist, in diesem Fall aber besonders auffällig, schließlich liegt die Episode, bei der er sich großzügig bedient, „Domanns Mörder“ noch nicht allzu lang zurück. Hier wie dort zeigt eine feine Bürgerfamilie im Angesicht des Todes ihre hässlichen Seiten. Die Schenks – die davon ausgehen müssen, dass einer von ihnen der Mörder ist, und dies auch tun – decken sich ohne Zögern und schieben den Verdacht auf den armen Barek, dem der auf biedere Waschlappen abonnierte Klaus Herm seinen verdatterte Hundeblick leiht. Das ist durchweg unterhaltsam, ohne wirklich spektakulär zu sein. Am außergewöhnlichsten an der Episode ist wahrscheinlich der Score von Eugen Thomas, der dem lang Prolog eine ganz eigene Stimmung verleiht.

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Episode 76: Sein letzter Coup (Helmuth Ashley, Deutschland 1974)

Vor einem Polizeirevier wird en Toter abgeladen: Es handelt sich um einen bekannten Spitzel. Er hatte von einem „großen Ding“ erfahren, dass „Der Professor“ (Peter Lühr) nach seiner Haftentlassung plant. Zusammen mit seinen Leuten (u. a. Peter Vogel, Walter Buschhoff, Günther Stoll) will er einen Geldtransporter ausrauben. Keller und seine Leute finden heraus, wann das Ding steigen soll.

Eine schöne Abwechslung von den vielen bürgerlichen Eifersuchts-, Gier- und Affektmorden, die die Serie in dieser Zeit bestimmen und schon einen Vorgeschmack auf Reineckers modus operandi bei DERRICK ermöglichen. Hier also mal wieder eine richtige Milieugeschichte mit Berufsverbrechern, einem alternden Gentleman-Gauner, den mit Keller wenn schon keine freundschaftliche, so doch eine respektvolle Beziehung verbindet, und einem Nachtclub mit zitternder Garderobendame (Eva Pflug) und schwarzer Soulröhre, Gaststar Donna Hightower, die aber leider die hüftsteife Weißbrotversion von RnB mit ihrer Stimme begleiten muss. Keller und Kollegen stellen sich ziemlich dusselig an, vor allem Grabert, dem das Geld förmlich unter dem Hintern weggeklaut wird, macht keine gute Figur und am Ende ist es nur des Professors Kinderliebe, die ihm ein Bein stellt. Eine schöne Episode.

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Episode 77: Ohne auf Wiedersehen zu sagen (Jürgen Goslar, Deutschland 1974)

Ein junges Mädchen aus dem Ruhrgebiet wird tot in einer Münchener Kiesgrube aufgefunden. Sie war zusammen mit einer Freundin vor einigen Wochen von zu Hause abgehauen, mit dem Ziel Hamburg. Der Vater (Heinz Reincke) der – wahrscheinlich – noch lebenden Franziska stürzt sich mit dem Kommissar und seinen Leuten ins Schwabinger Nachtleben, nachdem sie den Studenten Achim Merk (Bernd Herberger) ausfindig gemacht haben, bei dem die Mädchen einen Monat lang untergekommen waren. Er scheint mehr zu wissen, als er zugibt,

Erneut eine schöne Milieuepisode, von Jürgen Goslar mit Drive inszeniert. Zum ersten Mal kommt auch Elmar Wepper als Harrys Bruder Erwin über die Statistenrolle hinaus. Die Szenen, in denen er mit Reinckes verzweifeltem Vater in diversen Schwabinger Kneipen und Nachtklubs abtaucht, atmen noch einmal den Hauch des deutschen Sleaze, den man aus dieser Zeit zu schätzen weiß. Super der Kommentar, als die beiden in einem zwielichtigen Etablissement namens „Podium“ landen: „Das ist ja mal ein eindeutiger Laden!“ Die Blicke der Schläger, Loddels und Nutten, die da rumstehen sind Gold wert und so verräterisch, dass sie auch Schilder mit der Aufschrift „Ich weiß was!“ tragen könnten. Reincke gibt alles, läuft „Franziska“ rufend und gegen die Türen polternd durch die Räumlichkeiten des Puffs und der rückgratlose Merk wird rehabiltiert, als er den Mörder (Wolfgang Wahl) in einem erbitterten Faust-und-Messerkampf bezwingt. Sehr putzig dabei der Moment, in dem das Licht erlischt und der Verbrecher – trotz erkennbar guter Sichtverhältnisse – blind herumtappt.

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Episode 78: Schwierigkeiten eines Außenseiters (Michael Braun, Deutschland 1974)

Helmut Domrose, Besitzer eines Schnapsladens im Erdgeschoss eines Merhfamilienhauses, wird von einem Einbrecher aufgeschreckt und totgeschlagen. Seine ungeladene Waffe sowie die Tatsache, dass der Täter durch eine Tür entkam, die eigentlich immer abgeschlossen ist, lassen eigentlich nur den Schluss zu, dass Domrose Opfer eines Anschlags wurde. Der Verdacht fällt schnell auf Theo Klinger (Raimund Harmstorf), einen Proleten, der mit dem Schnapsverkäufer im offenen Clinch lag, wegen seines lauten Motorrads bei allen Mietern verhasst ist und mit seinem alkoholkranken Vater zusammenlebt.

Harmstorf im Heinz-Klett-Modus macht die Episode. Mit Nickel-Sonnenbrille, kniehohen Stiefeln, Lederhose und Schlangenlederjacke über dem Unterhemd gibt er ein Bild für die Götter ab, dazu hat er für die bürgerlichen Langweiler in seinem Haus nur unverhohlene Verachtung übrig. Ganz anders ist er zu seinem Vater, einem ganz armen Tropf, den er in einer Superszene nach dem Schweinebratenessen unter den Armen packt und auf den Sozius seines Bikes hebt wie ein Papa seinen kleinen Sohn. Die Auflösung ist clever konstruiert, auch wenn die Identität des Mörders keinen, der die Serie von Anfang an verfolgt, überraschen dürfte. Mit Dirk Dautzenberg feiert ein Akteur seine Premiere, der später noch DERRICK bis in die Neunzigerjahre treu bleiben sollte.

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Episode 79: Jähes Ende einer interessanten Beziehung (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Der junge Mann Strassner (Vadim Glowna) wird vor der Tür seines Mietshauses erschossen als er auf dem Weg ist, sich mit Studienrätin Kämmerer (Johanna von Koczian) zu treffen, mit der er ein Verhältnis hat.

Eine von Reineckers gesellschaftskritischen, progressiven Episoden: Es geht um die Doppelmoral, mit der die sexuelle Aktivität von Frauen, vor allem solchen in „respektablen“ Berufen, sozial geächtet, ja mit dem Aus bestraft wird. Die Lehrerin Kämmerer – die schöne Johanna von Koczian spielte ein Jahr später in zwei Episoden die Geliebte von Kriminaloberinspektor Derrick – und ihre Freundin Agnes Kremp (Doris Schade), Haushälterin eines Geistlichen, lassen sich auf ein Abenteuer mit dem deutlich jüngeren Strassner und seinem Kumpel Lobach (Klaus Löwitsch) ein – und fürchten anschließend um ihre Existenz. Strassner nutzt die Angst der Frau für sich, in dem er sie zu weiteren Treffen nötigt. Der Täter ist ein bürgerliche Beschützer der Moral, der es nicht akzeptieren mag, dass ein Gammler den Ruf einer geachteten Frau in den Schmutz zieht – natürlich ohne zu merken, dass es überhaupt erst diese Haltung ist, die ein nächtliches Sexabenteuer zu einem schandhaften Akt macht. Grädler inszeniert mit großer Sympathie und der richtigen Mischung aus Direktheit und Zurückhaltung und die Koczian ist einfach wunderbar.

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Episode 80: Der Segelbootmord (Wolfgang Becker, Deutschland 1974)

Dr. Gerhard Reger (Peter Pasetti) hat sich von seiner Gattin Magda (Ruth Leuwerik) scheiden lassen und die deutlich jüngere Alexa (Gerlinde Döberl) geheiratet – sehr um Missfallen seines Sohnes Hans (Franz Winter), der in einem Internat am Starnberger See lebt. Bei einem Besuch des Vaters beobachten die beiden wie die junge Gattin mit dem Boot kentert – die Rettung für sie kommt zu spät. Reger ist sich sicher, dass seine Frau ermordet wurde. Und tatsächlich finden sich entsprechende Hinweise.

Eine gute, aber nicht besonders auffällige Episode. Am ehesten sticht das sonnig-vornehme Ambiente heraus, das schon deutlich im Kontrast zur Münchener Großstadt und den verrauchten Pinten darstellt, in die es Keller und seine Jungs sonst so verschlägt. Die sommerliche Stimmung wird vor allem von Ruth Leuwerik unterlaufen, die hier eine besonders kaltes Exemplar der Gattung Frau verkörpert. Am Schluss wird etwas gegen Scheidungen polemisiert und gegen Männer, die sich jüngere Frauen nehmen, aber das Augenrollen hält sich in Grenzen.

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Episode 81: Der Liebespaarmörder (Michael Braun, Deutschland 1974)

Die schöne Kellnerin Anita (Christiane Krüger) kann sich der Avancen der Männer in dem Lokal der Meringers (Claus Biederstaedt und Ruth-Maria Kubitschek), in dem sie arbeitet, kaum erwehren. Als ihr Freund Karl (Tommi Piper) sie abholt und zu einem abgelegenen Platz in den Wald zum Knutschen bringt, werden die beiden erst verfolgt und dann schließlich überfallen. Karl fällt dem Unbekannten beim Versuch, ihn zu verjagen, zum Opfer. Als Verdächtige kommen Kurt Meringer in Frage, der ein Auge auf seine Angestellte geworfen hatte, der Stammgast Korte (Jan Hendriks), der sich bei ihr immer wieder einen Korb abholte, und ihr Vater (Rolf Henniger), ein Künstler, der seine Tochter als Marienfigur malte.

Die Männer kriegen schön ihr Fett weg in dieser Episode, in der Biederstaedt mal wieder einen jener onkeligen Vergewaltiger spielt, die er drauf hat wie kein anderer. Gleich zu Beginn tratschen zwei ältere Herren über die scharfe Anita mit den langen Beinen und darüber, wie gut der Kerl es doch hat, der sie abholen darf. Hahaha, hohoho. Es ist das Grauen, vor allem weil die Frauen, allen voran die Meringer direkt danebenstehen und doch so behandelt werden, als seien sie gar nicht da.

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Episode 82: Traumbilder (Helmuth Ashley, Deutschland 1974)

Der Drogenabhängige Andreas Merkel (peter Chalet) wird auf offener Straße aus einem fahrenden Auto erschossen, Kommissar Keller beim Rettungsversuch verwundet. Der Junge war ein Freund von Martina Linnhoff (Sabine von Maydell), die vor einigen Monaten nach einem LSD-Trip in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert werden musste. Die Spuren führen in einen Appartementkomplex des reichen Unternehmers Kremer (Paul Hubschmid), der hier offensichtlich nicht nur Drogen verkaufte, sondern das Mädchen auch an den alten Weinhändler Schamberg (Alexander Rolling) verscherbeln wollte …

Die Episode erinnert mit ihrer von einem schlechten Trip geschädigten jungen Frau etwas an die spätere DERRICK-Folge EIN TODESENGEL, nur dass sich das Ganze hier nicht zum Rachedrama, sondern zu einer relativ handelsüblichen Gangstergeschichte entwickelt. Harry Mayen spielt den Psychiater, DERRICK-Stammschauspieler Wilfried Lier den Hausmeister des Wohnkomplexes. Keller unterstützt aus dem Krankenhausbett, was Reinecker später ebenfalls bei DERRICK wieder aufgreifen sollte.

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Episode 84: Am Rande der Ereignisse (Theodor Grädler, Deutschland 1976)

Der Kunstexperte Dr. Zorn (Paul Edwin Roth) wird von einem unbekannten durch die Tür seines Hotelzimmers ermordet. Kurz zuvor hatte der der Hotelsekretärin Erna Gutmann (Maria Schell) einen Brief diktiert, mit dem er von einem Geschäftspartner mehr Geld für seine Arbeit einfordern wollte. Das Diktat wurde von einem Drohanruf unterbunden, nachdem der Mann die Sekretärin fortschickte. Kurz nach dem Mord erhält auch sie einen Drohanruf. Kommissar Keller ahnt aber schnell, dass sie etwas weiß. Die Spur führt zu der Kunsthandlung von Kampmann (Romual Pekny) und seinem Sohn (Werner Pochath).

Eine eher schwache Episode: Der Mordfall gibt nicht viel her und das Drehbuch verschwendet viel zu viel Zeit auf die Beziehung der Gutmann zu ihrer an Multipler Sklerose erkrankten Tochter (Gaby Fischer): Hier gibt es wieder die Überdosis Melodram um das hübsche Mädchen, dass in krasser Verleugnung der Tatsachen und mit leuchtenden Augen frohlockt, dass es bald schon wieder tanzen gehen werde oder beim Spaziergang schon fast wieder die Kirche erreicht habe. Und Erwin Klein (Elmar Wepper) ist natürlich zu Herzen gerührt ob dieser Unverdrossenheit angesichts eines schweren Schicksals. Der ganze Subplot hat letztlich keine andere Funktion als Maria Schells Figur ein Motiv für ihr Schweigen zu geben – sie bekommt Geld dafür, das sie gut gebrauchen kann – und krankt an übertriebener Gefühlsduselei als auch an mangelnder Sensibilität im Umgang mit solchen Themen (das zeigt sich auch in späteren DERRICK-Folgen, in denen es um Behinderungen geht). Der Showdown, in dem Erik Schumann auftritt, ist ganz nette, sonst bleibt da nicht viel. Selbst Pochath wird gnadenlos verschenkt. Ganz sicher einer der raren Tiefpunkte der Serie.

Achtung: Episode 83: Das goldene Pflaster (Wolfgang Becker, Deutschland 1975) ist aus rechtlichen Gründen nicht in der DVD-Komplettbox enthalten (es fehlt noch eine weitere Episode), vielleicht reiche ich die zu einem späteren Zeitpunkt nach.

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Episode 85: Warum es ein Fehler war, Beckmann zu erschießen (Michael Braun, Deutschland 1976)

Der Geldtransporter-Fahrer Beckmann (Dirk Dautzenberg) wird nach einem Überfall von den Gangstern um Koch (Hans Brenner) erschossen. Das hätte eigentlich nicht passieren dürfen, denn er war in die Planungen der Verbrecher involviert, sollte sogar mit einem Teil der Beute für sein Mitwirken entlohnt werden. Beckmanns Sohn (Jörg Pleva) führt Keller und seine Männer auf die richtige Spur. Und die führt von Koch geradewegs zum Bankdirektor Höringer (Will Quadflieg), der ein sehr seltsames Verhältnis zu seiner jüngeren Gattin (Alwy Becker) und seinem Sohn Erhard (Gerd Böckmann) pflegt …

Gute Episode, die neben dem interessanten Kriminalfall überdies mit einer tollen Besetzung aufwartet (neben den Genannten wirkt auch noch der immer gern gesehene Ulli Kinalzik als Verbrecher mit). Gleich zu Beginn läuft der Nummer-eins-Hit „Kung Fu Fighting“ (der mehrmals Anwendung findet) und in einer ultraschmierigen Nachtclub-Szene sorgt Michael Holms Schmachtfetzen „Tränen lügen nicht“ für die passende besoffen-rührselige EIn-Uhr-Nachts-Stimmung. Auch das Script ist hervorragend: Immer, wenn man glaubt, den Fortgang der Geschichte zu erahnen, gibt es eine überraschende Wendung. So ist dann auch nicht die Dingfestmachung von Koch entscheidend, sondern der sehr bizarr verlaufende Besuch von Brenner und Heines im Hause des Bänkers, bei dem vor allem Böckmann zu Hochform aufläuft und eine der verrotteten Großbürgerfamilien zum Vorschein bringt, auf die Reinecker sich dann bei DERRICK spezialisierte. Wenn es was zu mosern gibt, dann das die Auflösung nicht mehr wirklich etwas zusetzen kann – und das der gute Walter hier leider durch Abwesenheit glänzt.

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Episode 86: Ein Mord auf dem Lande (Theodor Grädler, Deutschland 1976)

Die erwachsenen Kinder des Wirtshaus-Besitzers Tolke (Walter Sedlmayr) – die Töchter Grete (Lis Verhoeven), Anni (Jutta Speidel) und Sohn Walter (Martin Semmelrogge) sowie Annies Freund Hans (Frithjof Vierock) – zittern jeden Abend, wenn ihr Vater den Laden betrunken abschließt, denn dann gibt es meist Schläge für sie. Auch an diesem Abend wird Tolke wieder übergriffig – doch am Ende liegt er selbst mit einem Beil erschlagen im Hof. Alle verdächtigen Hans, der vor Tolke nach draußen geflohen war, doch der schwört, mit dem Mord nichts zu tun zu haben. Der Nachbar Krüger (Werner Kreindl) tritt als Zeuge auf …

Dem Kriminalfall fehlt etwas der Pep, aber ich liebe diese bayrisch-zünftigen Gasthof-Settings mit Trachten tragenden Herren, die zu Blasmusik aus der Musikbox ihre Maß trinken. Ihren Wirt haben sie alle gehasst, weil sie wussten, dass er ein Schwein war, aber getan haben sie natürlich nichts – immerhin hat er ihnen das Bier verkauft. In einer schönen Szene hält einer der Trinkenden eine flammende Rede, wie gut es doch sei, dass Tolke jetzt endlich tot sei, verdient habe er es und das sei überhaupt kein Grund Trübsal zu blasen, woraufhin er demonstrativ die Musik anmacht. Das kann Keller natürlich nicht durchgehen lassen: EIn Mord ist durch nichts zu rechtfertigen, bellt er, und zieht den Stecker. Am Ende stecken hinter dem Mord ganz weltliche Motive, aber das kennt man von Reinecker ja schon.

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1Episode 18: Dr. Meinhardts trauriges Ende (Michael Verhoeven, Deutschland 1970)

Dr. Meinhardt wird morgens tot auf der Terrasse vor seinem Haus aufgefunden: Man hat ihn offensichtlich aus dem Fenster des ersten Stockes gestoßen. Die Haushälterin Frau Wienand (Luise Ullrich) berichtet von einem Treffen des Toten mit seinen Freunden am Vorabend, Dr. Bibeina (Richard Münch) und Dr. Crantz (Karl John). Doch im Wohnzimmer Meinhardts findet Kommissar Keller Spuren einer weiteren Person, einer Frau …

Vielleicht mussten die Produzenten ihr Publikum nach drei surrealen Brynych-Folgen mit etwas deutscher Krimiklassik versöhnen. Michael Verhoeven, damals gerade knapp über 30, inszeniert eher unauffällig, Herbert Reinecker reaktiviert sogar den schon für ad acta gelegten Brauch der finalen Verdächtigenversammlung und der Keller’schen Poirot-Annäherung. Dass das Ende von Meinhardt besonders „traurig“ ist, wie es der Titel besagt, macht vor allem der schwermütige Score klar, ansonsten erfährt man aufgrund der Strategie Reineckers, mit dem Leichenfund zu beginnen, nur aus zweiter Hand über ihn. So bleibt alles auf Distanz, die Episode fliegt so vorbei. Die schönste Szene zeigt Keller an seinem Hochzeitstag mit seiner Gattin in einem feinen Restaurant, wo er beim Essen einfach nicht aufhören kann, an seinen Fall zu denken. Natürlich kommt ihm genau dort die entscheidende Idee und seine Ehefrau trägt es mit Fassung und Humor. Es steckt auch wieder einmal etwas Generationenkonflikt im Drehbuch, aber echte Wirkung hat das bei mir nicht erzielt. Vielleicht war ich auch zu müde.

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4Episode 19: In letzter Minute (Wolfgang Becker, Deutschland 1970)

Nach sechs Jahren Haft wegen Totschlags wird Kossitz (Heinz Reincke) auf freien Fuß gesetzt. Kommissar Keller und seine Männer sind sofort in Hab-Acht-Stellung, denn bei seiner Verurteilung hatte Kossitz seinen besten Freund Limpert (Peter Eschberg) und seine Gattin Erna (Maria Sebaldt), die ihn verraten hatten, bedroht. Zwar ist Limpert längst mit Hilde (Gisela Uhlen), der Ex-Frau des damaligen Opfers zusammen, doch der Zorn scheint noch nicht verflogen. Keller vermutet, dass der Grund für den Rachedurst ein ganz anderer ist: Vielleicht war Kossitz gar nicht der Täter …

An das etwas behäbige Tempo vorangegangener Episoden erinnert hier eigentlich nur noch der Titel: „In letzter Minute“ würde heute, in unserer beschleunigten Welt garantiert „In letzter Sekunde“ heißen. Sonst tritt Becker aber ziemlich auf die Tube und nähert sich dem ungefähr zur selben Zeit aufkeimenden deutschen Sleaze von Olsen und Kollegen an, an den ja auch Heinz Reincke erinnert, der hier mal nicht die gutmütige Frohnatur spielt, aber mit dazu beiträgt, dass diese Episode als alkoholreichste in die Geschichte einging. Vertraut man dem Eintrag bei Wikipedia werden insgesamt 27 Drinks gekippt, so viel wie später nie wieder. Passend dazu zoomt und schaukelt die Kamera in den Szenen im Club der Ganoven, in dem ein Lester Wilson nebst schwofenden Tänzerinnen auftritt, wie auf hoher See. Zum Ausgleich für diesen Exzess stirbt dann immerhin mal keiner. Auch das Script ist sehr geschickt, verbindet die Frage nach dem wahren Täter mit dem nervösen Warten aller darauf, dass Kossitz zuschlägt. Das summiert sich am Ende zu einem weiteren Meilenstein der deutschen Fernsehgeschichte.

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Episode 20: Messer im Rücken (Wolfgang Staudte, Deutschland 1970)

Ein Taxifahrer sammelt einen an der Straße stehenden Mann auf. Nur wenige Sekunden später stirbt er auf der Rückbank an den Folgen eines Messerstichs. Der Tote erweist sich als Geschäftsmann Traufer, dessen Ehefrau Maria (Christiane Krüger) ein Verhältnis mit dem Halbstarken Ingo (Jörg Pleva) hatte, Sohn des Säufers Hugo Blasek (Helmut Käutner), der über der Kneipe wohnt, vor der Traufer den tödlichen Messerstich erlitten haben muss. Traufers Schwager Gernot (Herbert Bötticher) und seine Gattin Margareta (Ursula Lingen) waren nur wenig begeistert von der Beziehung Marias …

Dass Wolfgang Staudte die Episode inszenierte, weckt Hoffnungen, die die Folge nicht ganz einzulösen vermag. Unmittelbar nach „In letzter Minute“ wirkt sie doppelt so behäbig wie sie eigentlich ist, die jugendlichen Halbstarken, die ein paarmal ins Bild gerückt werden, will Staudte ganz offenkundig nicht als Sündenböcke verbraten, wie es das Drehbuch von Reinecker wohl im Sinn hatte. So entspinnt sich ein leidlich interessanter Fall, wie er nach 19 Episoden bereits zum Standard gehört. Herausragend ist lediglich die Figur des Hugo Blasek, von Staudtes Regiekollegen Käutner mit wunderbarer Lakonie, Zurückhaltung und schlurfiger Gemütlichkeit verkörpert, die die Figur vom Klischee zum lebendigen Original macht.

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6Episode 21: … wie die Wölfe (Wolfgang Staudte, Deutschland 1970)

Eine alte Frau, Bewohnerin eines heruntergekommenen Mehrparteienhauses, wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Es stellt sich heraus, dass sie kurz zuvor 3.000 DM beim Lotto gewonnen hatte, und ihre Mitbewohner allesamt in mehr oder weniger akuter Geldnot stecken. Erster Verdächtiger ist der Alkoholiker Gassner, bei dem ein 500-Mark-Schein aus dem Besitz der alten Dame gefunden wird. Doch er kann sich an nichts mehr erinnern. Um ihm auf die Sprünge zu helfen, rekonstruieren Keller und seiner Männer den schicksalhaften Abend für ihn nach …

Staudtes zweite KOMMISSAR-Episode ist die schon bei „Messer im Rücken“ erhoffte Meisterleistung: Das Szenario ist dem aus Haugks meisterlicher Folge „Das Ungeheuer“ nicht unähnlich. Hier wie dort haben es Keller und sein Ermittler mit einem gesellschaftlichen Mikrokosmos zu tun, der sich ihnen in all seiner spießigen Hässlichkeit darbietet. Alle trachteten sie der alten Frau nach dem Geld, versuchten es ihr bei jeder Gelegenheit abzuluchsen. Besonders schlimm ist Frau Beilke (Grete Mosheim), die idealtypisch die neugierige, verleumderische Nachbarin verkörpert und nie weit von Keller entfernt ist, um ihm ihre Beobachtungen und Vermutungen brühwarm mitzuteilen – und natürlich bloß keinen Ermittlungsfortschritt zu verpassen. Tappert ist fantastisch in einer Rolle, die seinem wenige Jahre später erschaffenen eiskalten Derrick diametral entgegengesetzt ist: Gassner ist ein unsicherer, jämmerlicher, aber auch hoffnungslos harmloser Verlierer, der in seiner ganzen Jämmerlichkeit zum großen Helfer der Wahrheit wird. Das hat schon fast psychoanalytische Qualitäten wie sich Keller seiner annimmt und ihm dabei hilft, den Schleier des Suffs abzuwerfen und endlich klar zu sehen.

Staudte inszeniert sehr effektiv: Es hilft immens, dass die Episode die Räumlichkeiten des Mietshauses fast gar nicht verlässt und annähernd in Echtzeit erzählt ist. Toll!

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Episode 22: Tod eines Klavierspielers (Michael Kehlmann, Deutschland 1970)

Eine Standardfolge, die ich nicht besonders interessant fand. Nur Günther Ungeheuer als Berufskrimineller ist wie fast immer toll.

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7Episode 23: Tödlicher Irrtum (Wolfgang Becker, Deutschland 1970)

Ein Mörder beichtet einem Pfarrer einen Mord. Doch Frau Dönhoff (Agnes Fink), sein angebliches Opfer, ist noch am Leben. Als ihrer Haushelferin tot in einem Zimmer aufgefunden wird, ist klar, dass der Mörder einer Verwechslung erlegen ist – und möglicherweise erneut zuschlagen wird. Er muss zudem aus dem Haus der Dönhoff kommen, die gleich mehrere Männer zur Untermiete wohnen hat …

Die Idee ist ganz hübsch und die Szenen um den Pfarrer beschwören den Charme der im vorangegangenen Jahrzehnt so erfolgreich gelaufenen Wallace-Filme. Ansonsten gefällt vor allem die Besetzung: Anton Diffring gibt den eitlen Roland Sauter, der die Dönhoff zugunsten einer jüngeren Frau hat sitzen lassen, Georg Konrad den mürrischen Heider, Ullrich Haupt Döhoffs Ex-Gatten Benno, der nicht damit einverstanden ist, wie sie ihren leiblichen Sohn (Thomas Astan) behandelt. Es ist eines dieser klassischen Whodunit-Szenarien, das hier aber etwas interessanter ist als sonst, weil die Ermittlungsarbeit in nicht unbeträchtlicher Weise daraus besteht, auf eine zweiten Versuch des Mörders zu warten.

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8Episode 24: Eine Kugel für den Kommissar (Erik Ode, Deutschland 1970)

Auf Kommissar Keller wird geschossen, direkt vor seinem Haus. Es ist nur ein Streifschuss, aber ein kurz darauf eingehender Anruf des Täters macht klar, dass es dabei nicht bleiben wird. Während sich Grabert, Heines und Klein in der Münchener Kneipenszene umhören, begibt sich auch Kellers Ehefrau auf Tätersuche. Der Spitzel Diebach (Harald Juhnke) nimmt sich ihrer an …

Die von Ode höchstselbst inszenierte Episode ist eine schöne Mischung aus allem, was die Serie bis zu diesem Zeitpunkt in ihren besten Momenten auszeichnete. Da ist die mild-chauvinistische Kumpelei zwischen Keller und seinen „Söhnen“, die sich nach dem Attentat bei ihm sogleich bei ihm einquartieren, mit ihm Schnäpschen trinken und so gar keinen beamtischen Eindruck machen, die großzügig-milddtätige Herablassung Kellers gegenüber seinem Eheweib, die psychotronischen Elemente, wie etwa eine Billardkeilerei zwischen Grabert und dem verdächtigen Rosser (Klaus Löwitsch) oder die „Milieustudie“ mit dem verängstigten Diebach und ein durchaus angenehmer Humor, der natürlich Platz lässt für herrlich angegraute Dialoge über „brandneue Aufnahmen“ und „heiße Nummern“. Die Handlungsstruktur der Folge ist hingegen eher ungewöhnlich mit seinen zwei nebeneinander herlaufenden Strängen und hätte so richtig wegweisend sein können, hätte man die sich anbietende Gefahrenssituation für Kellers Gattin auf die Spitze getrieben. Stattdessen geht alles überaus glücklich und ohne echte Bedrohung für sie aus. Das Finale ist dann aber dennoch erstaunlich zupackend und beinahe noiresk. Insgesamt eine starke Folge, die ich Ode so gewiss nicht zugetraut hätte.

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Käpt’n Markus Jolly (Curd Jürgens) läuft mit seinem Schiff in Hamburg ein und kann es kaum erwarten, zu seiner Ehefrau zu kommen. „Seit vier Jahren verheiratet und nur fünf Monate zu Hause“, erklärt er seinem Bootsmann Oliver Kniehase (Heinz Reincke), und der Zuschauer ahnt schon, was bevorsteht. Tage vor dem eigentlich angekündigten Termin seiner Heimkehr eintreffend, findet er seine Frau mit einem anderen im Bett und packt enttäuscht schmollend seine Tasche. Hier hält ihn nichts mehr, schon gar nicht die um Verständnis bettelnde Gattin, die nach einem kleinen Schubser durchs Treppengeländer kracht und mehrere Stockwerke in die Tiefe und den Tod stürzt. Das Gericht spricht ihn schnell von jeder Schuld frei und so steht einer neuerlichen Schifffahrt nichts mehr im Wege. Doch in der Bananenrepublik, in die der Käpt’n – totschick im siffigen Unterhemd, mit Schnauzbart und speckigem Halstuch – Medikamente und Alkohol bringt, spielt ihm die örtliche, korrupte Polizei übel mit, will den Schnaps nicht bezahlen und ihn sich stattdessen selbst unter den Nagel reißen. Nicht mit Jolly, der den Fusel kurzerhand über Bord wirft oder ihn direkt in die Mäuler der gierig wartenden Bevölkerung kippt. Unterdessen wird Kniehase, der die Lieferung der Medikamente besorgen soll, unbemerkt ausgeraubt, am Ziel findet man nur noch leere Kisten vor und hält ihn und Jolly daraufhin für Betrüger. Nach einer Keilerei geht es ins Kittchen, wo die brave Dr. Karin Andersen (Johanna von Koczian) vom Deutschen Roten Kreuz die angematschte Birne von Kniehase verarztet. Wenig später wird sie mit fünf feschen Kolleginnen vom bösen Bandenhauptmann Rodrigo (Sieghardt Rupp) gefangen genommen, da ist Jolly und seinem Bootsmann aber schon längst die Flucht gelungen. Aber was nun? Mit ihrem Schiff können sie nicht weg, das wird überwacht. Bleibt nur Jollys alter Kumpel Nico (Herbert Fleischmann): Der hat eine schmierige Pinte im Städtchen, komplett mit einer rassigen schwarzen Bedienung („Die knackigsten Arschbacken von Buenos Aires bis Alaska!“, grölt Jolly enthemmt), wo die beiden Unterschlupf finden. Der Plan: Jolly soll sich einem reichen Geldsack als Stewart für seine Luxusjacht andienen, Kniehase in Obstkisten in die nächste Hafenstadt gebracht werden, wo sie dann auf ihr wartendes Schiff aufsteigen können. Gesagt, getan. Im Folgenden benimmt sich der ungehobelte Jolly bei den feinen Pinkels (u. a. Fritz Tillmann und Elisabeth Flickenschildt) wie die Axt im Walde, panscht hochprozentige Cocktails zusammen, die den Anwesenden die Schuhe ausziehen, serviert Hummer mit den Händen und fällt auch sonst mit ausgesucht schlechten Manieren auf. Als er einer jungen Frau todesmutig eine schwarze Tarantel vom Bauch klaubt und so den Tag rettet, erkennen die Bonzen jedoch, dass der Prolet ein gutes Herz hat, und tun dem Käpt’n den Gefallen, vor Anker zu gehen, um die Rotkreuz-Damen aus der Gewalt der Bösewichte zu befreien. Freund Nico entpuppt sich als eigentlicher Bandenchef, es macht krachbummpeng, die Mädels sind frei, die Schurken tot und Käpt’n Jolly kann mit seinem Schiff wieder in See stechen. Ende.

Rolf Olsens letzter St.-Pauli- und Curd-Jürgens-Film war bereits auf Video geschnitten und ist auch heute leider nur in einer wahrscheinlich um rund 15 Minuten gekürzten Fassung erhältlich, die dem Zuschauer unter anderem den Tod Nicos vorenthält. Glaubt man der OFDb, lief KÄPT’N RAUHBEIN AUS ST. PAULI angeblich einmal ungeschnitten – oder zumindest in einer längeren Version – auf Premiere, sodass noch eine Resthoffnung besteht, dass man ihn doch noch einmal in voller Pracht zu Gesicht bekommen wird. Für den Anfang ist die DVD aber vollkommen akzeptabel, zumindest, wenn man bereit ist, auf jeglichen Digitalglanz zu verzichten und mit einem besseren Videobild Vorlieb zu nehmen. Der Film ist es ohne Frage wert, ich habe mir 75 Minuten lang ins Fäustchen gelacht, ob des Seemannsgarns, das Olsen hier mit gewohntem Sinn für schwungvollen Schwachsinn auftischt, und Jürgens‘ wieder einmal ekstatischer Glanzleistung. Von Beginn an, wenn er angesichts des Anblicks seiner Frau mit einem anderen Mann eine Flunsch zieht wie ein enttäuschter kleiner Junge, er gegenüber den mittelamerikanischen Polizisten den dicken Larry markiert, in Nicos Bierschwemme im Vollsuff ein Ständchen hält, auf der Luxusjacht seine innere Wildsau kanalisiert oder natürlich überall, wo er hinkommt, Herzen bricht oder Ehrfurcht hervorruft, ist klar, dass er sich an Bord von Olsens Film pudelwohl gefühlt hat. Nicht nur in seiner Statur und der unübersehbaren Selbstüberzeugung, auch in der Art, wie er sich selbst inszeniert, wie alle Olsen-Filme daran stricken, ihren Hauptdarsteller als einen mit allen Abwassern gewaschenen Pfundskerl zu etablieren, erinnert Curd Jürgens mich an Steven Seagal. Auch bei dem fließen Film- und echte Persona untrennbar ineinander, ist der Körperumfang ähnlich respekteinflößend, gibt es immer wieder Nebenfiguren, die in ihren Dialogen betonen, was für ein toller Hecht er ist, fühlen sich vor allem jüngere Frauen zu ihm hingezogen, ist er mit seiner Weisheit in der Lage, auch den größten Unhold auf den rechten Pfad zu führen und Menschen der unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten auf seine Seite zu ziehen. Was Jürgens indes natürlich vom amerikanischen Kampfklops unterscheidet, ist der hedonistische Lebenswandel, dessen Folgen sich in KÄPT’N RAUHBEIN AUS ST. PAULI überdeutlich abzeichnen. Die wässrigen Augen quillen mitunter bedrohlich weit aus dem Schädel, die Plauze ist beachtlich angeschwollen, während die Arme auffallend untrainiert sind. Mancher schauspielerischer Wurf lässt vermuten, dass auch am Set ordentlich gelitert wurde und man spürt, wie wohl sich Jürgens vor allem in Nicos Kneipe zwischen den exotischen Weibern fühlt.

Aber Olsens Film geizt auch sonst nicht mit Schauwerten. Herausragend sicherlich der Auftritt der fettleibigen Killertarantel, die tricktechnisch ähnlich überzeugend realisiert wurde wie die gefräßigen Spinnen in Fulcis L’ALDILA. Träge vor sich hin wabbelnd, hockt sie auf dem Bauch einer vor Angst regungslosen Schönheit. Jürgens lässt sich von der Absurdität dieses Anblicks jedoch nicht beirren: Wie ein Panther schleicht er sich an, die Augen geweitet, jederzeit auf den Angriff des Spinnentieres gefasst und bereit, sich mit einem Hechtsprung aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu befördern. Todesmutig überzeugt er das Biest davon, auf seinen Arm zu klettern und trägt es dann gaaaaanz langsam und vorsichtig zur Reling, wo er sie den Fluten überantwortet. Suspense vom Feinsten, Hitchcock eat your heart out! Die finale Ballerei kann da nicht ganz mithalten, beinhaltet aber immerhin einen Satz des normannischen Kleiderschranks aus einem explodierenden Jeep sowie einen Säurewurf in Sieghardt Rupps Ganovenfresse. Am Ende kann Käpt’n Jolly gar nicht schnell genug den Anker lichten und lässt sogar die ihm hinterherrennenden Weiber zurück. Winkend und rufend stehen sie am Kai, frohlockend, dass sie die Bekanntschaft mit diesem Bär von einem Mann machen durften. Mir ging es da gestern kaum anders.

Nachdem er acht Jahre zu Unrecht wegen Totschlags seiner Geliebten eingesessen hat, wird Hannes Teversen (Curd Jürgens) aus der Haft entlassen. Draußen muss sich der ehemalige Kapitän und Reedereibesitzer erst einmal wieder zurechtfinden. Seinen Beruf kann er wegen seiner Vorstrafe nicht mehr ausüben, das Geld ist knapp, seine einstige Heimat St. Pauli hat sich schwer verändert: Jugendliche Rockerbanden überziehen die Stadt mit einer Serie von Einbruchsdiebstählen und brutalen Raubüberfällen, Schlägertrupps erpressen arglose Geschäftsmänner zur Schutzgeldzahlung. Bei seinem alten Freund Pitter (Heinz Reincke) und dessen Schwester Martha (Heidi Kabel) findet Hannes Unterkunft. Pitter betreibt ein marodes Hippodrom und wird ebenfalls von den Schlägern bedroht, seine Tochter Antje (Jutta D’Arcy) ist mit dem jungen Bäcker Karl (Klaus-Hagen Latwesen) liiert, der jedoch auf die schiefe Bahn und in den Dunstkreis der Rockerbande gerät. Bei Hannes reift der Entschluss, gegen die Leute vorzugehen, die ihn einst durch Falschaussagen in den Knast brachten: Lauritz (Fritz Tillmann), sein einstiger Geschäftspartner und außerdem Ehemann der Toten, sowie einige weitere alte Kollegen, die, wie Hannes bald herausfindet, sowohl hinter den Schutzgelderpressungen als auch hinter den Überfällen stecken …

Olsen verleiht der Neuverfilmung des Hans-Albers-Klassikers von 1954 einen der damaligen Mode entsprechenden, deutlich exploitativeren Anstrich, mit Rockern, Drogenhandel, Mord und Totschlag sowie einer dezenten Prise Erotik. Wer seinen ein Jahr zuvor gestarteten St.-Pauli-Zyklus kennt – die anderen Titel lauten DER ARZT VON ST. PAULI, DAS STUNDENHOTEL VON ST. PAULI, DER PFARRER VON ST. PAULI sowie KÄPT’N RAUHBEIN AUS ST. PAULI –, der weiß, was er hier erwarten darf und wird kaum enttäuscht werden. Im Zentrum von AUF DER REEPERBAHN NACHTS UM HALB EINS steht „der normannische Kleiderschrank“ Curd Jürgens, um den das restliche Personal samt dazugehöriger Subplots kreist wie kleine Planeten um die Sonne oder die Kinderlein um die dicke Mama. Der immense Reiz von Olsens St.-Pauli-Filmen entspringt der Verbindung dieser beiden Elemente: Auf der einen Seite die kolportagehaften Geschichtchen um kleine und große Gauner, ehrliche kleine Leute und schöne Mädchen, von Olsen schwungvoll inszeniert und mit der Verve und dem Anspruch eines Groschenromans erzählt, auf der anderen der große Curd Jürgens, der seine Rollen mit dem ihm eigenen heiligen Ernst und der völligen Unfähigkeit zur Mäßigung oder ironischen Selbstdistanz interpretiert, ganz so, als seien diese Filme sein persönliches Vermächtnis für die Nachwelt. Über allem leuchtet die Hafenkulisse St. Paulis und natürlich der Reeperbahn mit ihren unzähligen Versuchungen, verleiht den Filmen ihr unnachahmliches Lokalkolorit und ihre lebendige Atmosphäre. Das ist bestes bundesdeutsches Entertainment, saft- und kraftvoll, das die ganze emotionale Palette abdeckt, große Bilder und Charaktere aufbietet und die Herzen von Zeitgenossen wie Zu-spät-Geborenen gleichermaßen mit bleischwerer Nostalgie erfüllt.

Aber ich komme nicht drum herum, AUF DER REEPERBAHN NACHTS UM HALB EINS wäre ohne seinen Star nur die Hälfte wert, ohne Olsens Leistung damit schmälern zu wollen. Jürgens war ein absoluter Superstar, einer der wenigen deutschen Weltstars und brachte neben seiner unbestreitbaren körperlichen Präsenz und seinem Schauspieltalent eben auch eine überbordende Persönlichkeit mit, die von seinen Rollen nicht zu trennen war. Sein wahrscheinlich sowieso schon nicht gerade kleines Ego wurde durch seine Erfolge noch weiter aufgeblasen und damit wuchs auch sein Mitteilungsbedürfnis: Jürgens versuchte sich als Sänger und Schriftsteller und entwickelte als Schauspieler die Angewohnheit, stets 120 % zu geben, auch wenn 80 % gereicht hätten. Dieser Übermut spiegelte sich auch in seinem Lebenswandel: Jürgens pflegte seinen Ruf als Lebemann, der schönen Frauen genauso wenig widerstehen konnte wie einem guten Schlückchen und anderen weltlichen Genüssen. Laut Wikipedia antwortete er auf die Frage, wie viele Flaschen Whiskey er trinke: „Ich glaube, das ist höchstens eine am Tag.“ Ich meine, in dieser Antwort steckt auch etwas von dem, was sein Spiel für mich so faszinierend macht: Ich sehe darin eine Art kindlicher Unbedarftheit und Naivität, die Abwesenheit jeglichen Kalküls oder auch nur des Bewusstseins für äußere Realitäten. Er bezahlte diese Unbedarftheit mit seiner Gesundheit – seiner ersten Herzoperation 1967 folgten bis zu seinem Tod an Multiorganversagen 1982 im Alter von nicht ganz 67 Jahren etliche weitere –, hatte ihr aber eben auch die Befähigung zu verdanken, Filme wie AUF DER REEPERBAHN NACHTS UM HALB EINS mit einem commitment anzugehen, als spiele er um das Bundesverdienstkreuz: Sein stahlblauer Blick schweift immer wieder pathetisch in die Ferne, es gefällt ihm, seinen tiefen Bariton anheben und schwellen zu lassen, ihn dann wieder zu einem introvertiert-nachdenklichen Säuseln zu schrumpfen, und manchmal erwartet man, dass er anfängt, seine Dialogzeilen zu singen. Dann wieder scheint er völlig abgekapselt vom Film um ihn herum, starrt aus regungsloser Miene ins Nichts, als habe der Weltschmerz Teversens Besitz von ihm ergriffen, als habe er vergessen, dass er Jürgens und eben nicht Teversen ist. Das Parallelwelt-St.-Pauli, das Olsen zeichnet, diesen Ort, an dem (fast) alle Menschen ehrliche Häute sind, bedacht darauf, mit einem Lachen durch den Tag zu kommen, und wo es nichts Schöneres gibt, als sich mit einem echten Kameraden Bier und Rum auf die Leber zu gießen und sich in einer zünftigen Keilerei seiner Kraft zu versichern, nimmt Jürgens für bare Münze und verkauft es dem Zuschauer als Realität. Und in der sich anbahnenden Liebe zu der gerade 20-Jährigen Antje, die sich später als seine Tochter herausstellt, entwickelt er eine Überzeugungskraft, die erahnen lässt, welche raubtierhaften Qualitäten Jürgens im echten Leben bei den Frauen entwickelt haben könnte. Es ist schon mehr als nur ein bisschen unheimlich, wie er seinen ganzen priesterlich-onkelhaften Charme aufbietet, um das Mädchen langsam mürbe zu machen, den sabbernden Lustgreis hinter der  “ Miene eines antizölibatären Kardinals“ versteckt. Sehr schön auch, wie er Teversen einmal behaupten lässt, er sei „fast mehr als doppelt so alt wie Antje“: Eine Zeile, mit der der 54-jährige Jürgens seine Eitelkeit pflegte und sich schlappe 14 Jahre jünger machte als er tatsächlich war. (Und überhaupt: Wie bizarr ist diese Satzkonstruktion „fast mehr als doppelt so alt“ eigentlich? Darin entbirgt sich die ganze Schizophrenie von Jürgens, der auf der einen Seite eine gewisse Altersweisheit und Väterlichkeit pflegte, das dafür erforderliche Alter dann aber doch nicht so recht eingestehen wollte.)

Den absoluten Gipfel des Jürgens’schen Sleaze erreicht der Film aber  nach ca. zwei Dritteln der Laufzeit, in einer unbeschreiblichen Montage-Sequenz, in der sich AUF DER REEPERBAHN NACHTS UM HALB EINS in den Olymp der deutschen Psychotronik hineinhalluziniert. Teversen und Pitter beschließen, mal so richtig einen draufzumachen, weil es bekanntlich nichts Schöneres gibt, als sich einmal die Reeperbahn rauf- und wieder runterzusaufen. Untermalt von ihrem zunehmend unkontrollierter und ekstatischer werdenden Gesang (beide intonieren sowohl „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ als auch „Eine Nacht in St. Pauli“) ziehen sie in videoclipartiger (und damit gewissermaßen authentifizierender) Inszenierung durch verschiedene Etablissements, die anwesenden Gäste mit ihrer entfesselten Laune unweigerlich mitreißend – ob diese nun wollen oder nicht. Letzteres scheint vor allem auf die beiden jungen Mädchen zuzutreffen, die sich in den Armen der beiden Männer wiederfinden und die Jürgens wahrscheinlich selbst handverlesen hat. Während ihm die blutunterlaufenen, wässrigen Augen fast aus den Höhlen treten, er völlig selbstvergessen in den Raum grölt und sie nicht aus seinen starken Armen lässt, schauen die beiden Mädels sichtlich beunruhigt, so als fragten sie sich, in was für eine Nummer sie denn nun hineingeraten sind. Man kann sich angesichts der Bilder sehr gut vorstellen, wie Jürgens bei den Dreharbeiten die Pferde komplett durchgegangen sind und er, vom Alkohol und der St.-Pauli-Verbundenheit noch zusätzlich angeheizt, die wenigen noch verbliebenen Hemmungen gänzlich fallen ließ. Wenn er zum Höhepunkt der entfesselten Sequenz die Bühne erklimmt, eine Trompete ergreift, in den Song einstimmt und dabei einen hochroten Kopf bekommt, macht man sich wirklich Sorgen, dass ihm gleich ein wichtiges Gefäß platzen könnte. Selten habe ich einen großen Schauspieler so dermaßen die Kontrolle verlieren sehen – und das wohlgemerkt vor der Kamera! Es ist diese Szene, die aus einem schönen Film ein Monument macht.

kinderarzt_dr_froehlich_2Hannes Fröhlich (Roy Black) ist frischgebackener Arzt und wird von der biestigen Freundin sogleich in einer konservativen Klinik untergebracht. Mit seinen frischen Methoden erobert er zwar das Herz der kleinen Stefanie, erntet vom restlichen Personal aber nur Kritik. Das hier ist nicht der Ort für einen Freigeist! Wie gut, dass Hannes‘ WG-Mitbewohner Hansi (Hansi Kraus), ein angehender Künstler mit der Natur abgerungenem Flaumschnurrbart sich als Arzt ausgegeben und eine Stelle im schönen Österreich erschwindelt hat, die nun Hannes an seiner Stelle antreten kann. Auf dem Weg dorthin liest er die hübsche Eva (Heidi Hansen) auf, die eine Autopanne erlitten hat und im selben Ort wie Hannes als Apothekerin bei Dr. Guido Zwiesel (Georg Thomalla) anfangen soll. Im Schlepptau hat sie außerdem den stets schwachsinnig grienenden Peter, ihren kleinen Neffen, eine Halbwaise, deren Vater sich „irgendwo in Zentralafrika“ befindet. Als Hannes und Heidi gemeinsam an ihrem Ziel ankommen, sorgen beide sogleich für ein Brodeln der Gerüchteküche: Eine unverheiratete Frau mit einem Kind und einem vermeintlichen Liebhaber, das ist nun wirklich zu viel für ein braves Bergdorf.

Doch Hannes ist ein echtes Goldstück, der buchstäbliche Halbgott in Weiß, der überall, wo er auch hingeht, Herzen erobert, Liebe spendet und Frohsinn verbreitet. Die etwas seltsame Bewohnerschar – Dr. Zwiesel ist vollkommen konfus und inkompetent, setzt schon mal seine gesamte Zahnarztpraxis unter Wasser, derweil seine Schwester Thussy (Ermi Mangold) von der Apotheke aus versucht, die Katastrophen im Rahmen zu halten, der KFZ-Mechaniker Mathis (Rainer Basedow) hat ständig Zahnschmerzen, die Boutiquenbesitzerin Sibille (Tanja Gruber) steigt sofort dem jungen Arzt nach, derweil die strenge Praxishelferin Josefa (Ruth Stefan) und Vermieterin Fra Friedenreich (Ilse Hanel) die Einhaltung der Moral überwachen – ist seinem Charme hoffnungslos erlegen. Irgendwann kommt dann noch der geckenhafte Tenor Fritz Pfeiffer (Ralf Wolter) ins Örtchen, um in der Kirche das „Ave Maria“ zu singen, doch beim Anflirten der jungen Heidi holt er sich eine Dusche von Zwiesel und eine Erkältung ab, die einen Spontaneinsatz von Hannes erforderlich macht. Sein Lied verursacht die totale Kernschmelze und hat den Herrgott im Himmel bestimmt stolz gemacht, so es ihn denn gibt. Er rettet, das sollte nicht vergessen werden, auch noch den Tag, als die Kinder im örtlichen Heim erkranken und er herausfindet, dass alles, was sie zur Spontangesundung brauchen, ein wenig Tollerei auf grünen Bergwiesen und eine Exklusiv-Performance von „Schön ist es auf der Welt zu sein“ (ohne Anita) ist.

Aber das ist ja alles noch gar nicht der eigentliche Plot: Der dreht sich nämlich immer noch um die kleine Stefanie, die sich partout von keinem anderen Arzt als dem Hannes behandeln lassen will und sich gegen die Versuche des Krankenhauspersonals ähnlich rabiat zur Wehr setzt wie einst Regan gegen den lieben Gott. Moritz Morris (Eddi Arent) setzt nun alle Hebel in Bewegung, um ihren Lieblingsarzt ausfindig zu machen. Geld spielt keine Rolle, denn Stefanies Papa Max (Heinz Reincke) ist ein Millionendieb, der zwar mittlerweile hinter Gittern schmort, aber jede Menge Kleingeld hat. Schließlich erwirbt er mit seinem Geld ein österreichisches Schloss, in dem Hannes sein eigenes Sanatorium bekommt, wo nun auch Stefanie behandelt werden kann. Nicht allerdings bevor Heidi und Hannes sich das Ja-Wort gegeben haben. Vorher gibt es noch einmal kurz Aufregung, weil das kleine Peterle verschwunden ist. Er hatte eine Unterhaltung belauscht und deren Inhalt missverstanden, war im Glauben, Hannes sei tot, vor lauter Verzweiflung in eine Eishöhle gerannt, wo er aber gerettet werden konnte, bevor etwas Schlimmes passiert war. So ist der einzige Verlierer des Films der zu Hause gebliebene Hansi: Der sitzt in seiner Wohnung auf einem Berg von Stroh (?) und malt Pop-Art-Gemälde, die keiner kaufen will.

KINDERARZT DR. FRÖHLICH kann nicht von Menschen gemacht worden sein. In meiner Vorstellung ist er eine Waffe, produziert von einer der Menschheit feindlich gesonnenen außeriridischen Rasse, um die Invasion vorzubereiten. Der Plan war genial: Weite Teile des Erdballs sollten durch den Film entvölkert, die Menschheit in den Wahnsinn und schließlich in den kollektiven Selbst- und Massenmord getrieben werden, sodass die meiste Gegenwehr schon vor der Ankunft der außeriridischen Streitkräfte gebrochen gewesen wäre. Dummerweise scheiterte der Plan, denn die Außeriridischen hatten sich ausgerechnet das Deutschland der Siebzigerjahre als Missionsziel ausgesucht, nicht ahnend, dass Teufelszeug wie KINDERARZT DR. FRÖHLICH dort dem durchschnittlichen Geisteszustand und also dem Mainstream entsprach, von den Menschen mal eben so zwischen Blutwurstbrot und dem Wort zum Sonntag wegkonsumiert wurde. So verpuffte die Wirkung des tödlichen Werkes ebenso folgenlos, wie ein Tropfen Wassers sich mit einem Zischen in Luft auflöst, wenn er auf einen heißen Stein fällt. Die Menschen wurden durch die gnadenlosen, nicht abreißenden „Humor“-Attacken des Regisseurs „Dr. Kurt Nachmann“ (nee, is klar) keineswegs an den Rand der Zurechnungsfähigkeit und darüber hinweg gebracht, viel eher führte der hier zur Schau gestellte Wahnsinn sie aus dem negativen Bereich auf den normal ausgeglichenen Nullpunkt zu. Wer sich auch durch den millionenfachen Massenmord nicht aus der Lethargie reißen lässt, der braucht schon härteste Kaliber, um überhaupt auf dem normalen Durchschnittslevel anzukommen. Heute, aus der historischen Distanz, kann man sich KINDERARZT DR. FRÖHLICH wieder halbwegs gefahrlos nähern. Dennoch ist er nur gefestigten Charakteren zu empfehlen, sonst ist die Gefahr die von den seelischen Verkarstungen ausgeht, die er auslösen kann, kaum abzuschätzen.

 

 

 

Der Bankräuber Willi Jensen (Horst Frank) bricht aus dem Gefängnis aus, um seine versteckte Beute einzustreichen und sich abzusetzen. Doch das Geld ist für immer verloren. Weil die Polizei ihm natürlich längst auf der Spur ist, muss er nun anderweitig das Geld für die Flucht auftreiben. In die sich anschließenden Machenschaften zieht er auch seinen Bruder, den arglosen Taxifahrer Heinz (Heinz Reincke) mit hinein, der mittlerweile mit Willis Frau Vera (Christiane Krüger) liiert ist. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich gegen seinen Bruder zu wehren …

Anders als beim zuvor gesehenen WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEPERBAHN wird hier eine sehr straighte Crime-Story erzählt. Trotzdem gibt es natürlich genug Einblicke in das Rotlichtmilieu und das kumpelige Miteinander von Polizei und Bürger, die in St. Pauli in erster Linie auf ein gutes Auskommen miteinander bedacht sind. Und dieses Gesellschaftsbild wäre nicht komplett, wenn es nicht auch wieder den reichen Bonzen gäbe, dem Menscheneben völlig egal sind. Was FLUCHTWEG ST. PAULI jedoch auszeichnet, ist sein kongenialer Drehbuch-Clou, die beiden unterschiedlichen Brüder Heinz und Willi einander gegenüberzustellen. Der Krimiplot bekommt so eine emotionale Durchschlagskraft und Dynamik, die ihm unter anderen Umständen abginge. Schon zu Beginn wird der Kontrast zwischen den beiden Brüdern, der den Film vorantreibt, etabliert und zwar von einem Polizisten, dem Taxifahrer Heinz eine volltrunkene Dame überantwortet. Als er den amüsierten Heinz mit der Erklärung entlässt, dass er sich sein ehrlich verdientes Geld am nächsten Tag bei der Dame abholen müsse, kommentiert er dessen Ehrlichkeit gegenüber einem Kollegen folgendermaßen: Der eine raubt Banken aus, der andere ist nimmt noch nicht einmal einer Betrunkenen 20 Mark aus der Tasche, die ihm rechtmäßig zustehen. Ins Zentrum des Films rückt so im weiteren Verlauf des Films immer mehr die Frage, ob sich dieser brave Heinz, der durch das Treiben seines Bruders immer mehr in Schwierigkeiten gerät, endlich einmal zur Wehr setzen wird.

Heinz Reincke, der in diesen St.-Pauli-Filmen sonst immer eher in der Peripherie herumschwirrt, in Vetrtertung des herzlichen Völkchens, das den Stadtteil bevölkert, ist die Idealbesetzung für den Heinz. Niemand kann so herrlich verzweifelt sein Leid klagen oder im Vollsuff herumheulen wie er. Horst Frank ist auch optisch der harte Gegenentwurf zum kleinen Heinz, ganz virile Souveränität und harte Rücksichtslosigkeit. Seinen einen großen emotionalen Moment hat er am Anfang, als er mitansehen muss, wie das Versteck seines Geldes dem Erdboden gleichgemacht wird: Hunderte unerklärliche Emotionen finden gleichzeitig Niederschlag in einem Gesicht, das um Fassung bemüht ist. Der ganze Film ist toll und neben den beiden Hauptdarstellern unbedingt mitverantwortlich dafür ist Klaus Schwarzkopf als Kommissar Knudsen, in dessen Auftreten sich der Professionalismus, den man von US-amerikanischen Filmpolizisten kennt, mit dem Streetworker-Habitus vereint, der in diesen Filmen nicht fehlen darf. Aber einzelne Faktoren hervorzuheben, st eigentlich ungerecht, weil Staudtes Film insgesamt eine echte Schau ist. Ideale Einstiegsdroge für eine glückliche Abhängigkeit vom wunderbaren Subgenre des St.-Pauli-Films, das beweist, dass es mal möglich war, deutsches Genrekino jenseits der Peinlichkeit und des Kopistentums zu machen.

In St. Pauli werden mehrere junge Mädchen mit LSD im Blut tot aufgefunden. Der Reporter Danny Sonntag (Erik Schumann) kommt dem Treiben einer Gruppe junger Männer aus gutem Hause auf die Spur: Diese verkaufen Mädchen an wohlhabende Männer aus Wirtschaft und Politik und machen sie mit den Drogen gefügig. Die Drogen wiederum stellt Harry Voss (Fritz Wepper), Sohn des Generaldirektors Wilhelm Voss (Herbert Tiede), her. Als Harry die brave Lotti (Marianne Hoffmann) kennenlernt, will er aussteigen. Doch das ist nicht so leicht, denn seine „Freunde“ wollen sich ihr Geschäft nicht kaputtmachen lassen …

Das Tolle an diesen St.Pauli-Sleazern, die in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern Konjunktur hatten, ist neben ihrem Lokal- und Zeitkolorit und der kolportagehaften Milieuzeichnung, in die sich immer wieder ein Voice-over-Erzähler zur Authentifizierung des Geschehens einschaltet, vor allem wie sie es immer wieder schaffen, den Status quo gegen alle auch selbst aufgezeigten Widersprüche aufrechtzuerhalten. Olsen zeigt eine Welt, die von dirty old men regiert wird: Selbstherrlichen Politikern und Wirtschaftsbossen, die sich bei ihren Besprechungen einen hinter die Binde kippen, schmutzige Witze erzählen und sich dann mit zittrigen Gichtgriffeln an jungen Mädchen vergreifen, stets nur auf Erhaltung ihres Rufs bedacht sind, wenn jemand zu Schaden kommt. Die Jugendlichen werden auf Karriere getrimmt, ohne nach ihren eigenen Vorstellungen gefragt zu werden, der Wunsch nach dem schnellen Geld und der Reiz des Adrenalinschubs führen sie auf die schiefe Bahn – auf der die Erwachsenen ihre besten Kunden sind. Am Ende versteigt sich der Film aber dann doch zu der Moral von der Geschicht, dass die jungen Leute sich mit ihrer geringen Lebenserfahrung doch mal lieber an die Regeln unserer nun auch wieder gar nicht sooo schlechten Gesellschaftsordnung halten sollten, anstatt zu rebllieren. Man sieht ja, dass dabei nichts Gutes rauskommt. In den Filmen vereint sich so auf unvorhersehbare Weise stets das Bieder-Heuchlerisch-Konservative mit dem Aufmüpfigen, das als Ausbruch aus der Langeweile zwar für einen reißerischen Filmstoff gern genommen wird, am Ende aber doch mit Bausch und Bogen verurteilt werden muss. Zumindest vordergründig, denn man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dem breiten Publikum, das diese Filme besuchte, hier „subversive“ Botschaften untergeschoben werden sollten. Wo die Sympathien des Filmemachers liegen, ist jedenfalls mehr als eindeutig, auch wenn es auf den Seiten der Jugendlichen durchaus Schwarze Schafe gibt.

Das angenehm betuliche und gemütliche Entertainment wird von diesen zersetzerischen Tendenz niemals wirklich gestört. WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEPERBAHN ist eine Art Großstadt-Heimatfilm: Es weht ein etwas rauerer Wind als im bergigen Süden der Republik, aber irgendwie ist doch alles ganz gut so wie es ist. Für das Übel sind immer die anderen verantwortlich, der fiese Bonze oder der junge Halbstarke mit seinen Drogen. Wer viel Geld hat, ist generell verdächtig. Ganz anders da der kleine Gauner und Lude Uwe Wagenknecht (Heinz Reincke), dessen Totschläger zwar auch locker sitzt, der das Herz aber nunmal auf dem rechten Fleck sitzen hat und so redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Ja, das Deutschland jener Tage war schon ein seltsamer Ort. Aber eigentlich hat sich seit damals nix verändert.