Mit ‘Helen Vita’ getaggte Beiträge

rep_articleJürgen Rolands St.-Pauli-Expertise für das zu Beginn der Siebzigerjahre durch den Erfolg des SCHULMÄDCHEN-REPORT florierende Genre des Report-Films zu nutzen, war ein kreativer und ökonomischer no brainer. Roland hatte sich mit seiner Serie „Stahlnetz“ und dem Film POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE selbst auf den schmalen Grat zwischen Fiktion und Dokumentation begeben, seinen Zuschauern jene kolportagehafte Mixtur aus Sex, Crime und bisweilen burleskem Humor beschert, für die auch die Reports aus der Schmiede Wolf C. Hartwigs und seiner Kopisten standen. Es bedurfte demnach keiner allzu großen kreativen Verrenkungen Rolands, um auch in diesem Genre, einem typisch deutschen Ablgeger des sogenannten Mondo-Films, heimisch zu werden. So sitzt er dann gleich zu Beginn auch höchstselbst auf einigen auf der Großen Freiheit gestapelten Filmdosen, erinnert an die St.-Pauli-Filme, die unter seiner und der Regie seines Kollegen Rolf Olsen entstanden sind und daran, dass es abseits der Leinwand ja auch ein „echtes“ St. Pauli gibt, dem er sich dann im Folgenden zuwendet.

Die folgende Ansammlung mal längerer mal kürzerer Episödchen dreht sich überwiegend um das Milieu, die Postituierten und ihre Zuhälter, geprellte Freier, Polizisten, Klein- und Großkriminelle. Da besucht Roland einen französischen Choreografen, der die Protagonisten einer Live-Sex-Show zu Höchstleistungen motiviert, schildert den Verlauf eines spektakulär gescheiterten Überfalls, verfolgt den „Karriereverlauf“ eines jungen Mädchens, die – kaum in Hamburg eingetroffen – gleich an einen Zuhälter gerät, schaut einer erfahrenen Nutte (Helen Vita) bei einer Lehrstunde für ihre unerfahrene Kollegin zu, widmet sich „Onkel Troll“ (Rudolf Schündler), einem notgeilen Opa, der Ausreißerinnen in seine kleine Wohnung aufnimmt und dort wild begrapscht, und schaut am Ende für einen tragischen Polizistenmord noch einmal in der berühmten Davidswache vorbei. Dazwischen immer wieder Roland selbst, der mit betont seriösen, dabei unglaublich gestelzten Kommentaren von einer Episode zur nächsten überleitet und dabei auch schon einmal einen Schlüpfer aus einem Automaten zieht. Der Film endet in gewohnter Manier mit einem Schlusswort, dass das zuvor Gezeigte hoffnungslos romantisiert, den Kiez zur herrlich verrückten kleinen Miniaturwelt verklärt, in der Glück und Leid so eng beieinander liegen. Verglichen mit Rolands anderen St.-Pauli-Filmen wirkt JÜRGEN ROLAND’S ST. PAULI-REPORT eher hingeschludert. Sein unleugbares Talent, Atmosphäre und O-Ton des Kiezes einzufangen, das man zum Beispiel in DIE ENGEL VON ST. PAULI erkennen konnte, ist an die Lockerheit vorgaukelnde, in Wahrheit aber höchst rigide Form des Reports reichlich verschenkt. Statt Charaktere gibt es hier nur eindimensionale Figuren, die kaum Luft zum Atmen haben, eingeschnürt in auf genau einen Zweck hin ausgerichteten Ministorys. Es ist zu viel Report und zu wenig Roland in diesem Film, weshalb ich seine persönlichen Auftritte dann auch wie eine Oase in der Wüstenei empfunden habe. Ihm zuzuhören und dabei zuzusehen, wie er sich durch St. Pauli bewegt, bringt einem den Ort näher als die meist eher langweiligen Episoden.

Zur Ehrenrettung des Films sei aber gesagt, dass die mit viel Mundart und Milieuslang versetzten Dialoge dann doch für den einen oder anderen Lacher gut sind. Wie ich diesen Text sowieso nicht als Verriss verstanden wissen möchte. Als Beitrag zum deutschen Exploitationfilm seiner Zeit und als heute undenkbares Modeprodukt ist JÜRGEN ROLAND’S ST. PAULI-REPORT natürlich von unschätzbarer Bedeutung, weil er vielleicht noch mehr als die heute schamvoll verdrängten Filme der SCHULMÄDCHEN-REPORT-Reihe beweist, was für ein brodelnder Sumpf der deutsche Mainstreamfilm vor rund 40 Jahren noch war. Nur damals war es möglich, dass ein anerkannter Regisseur wie Roland sich in dampfende Abgründe des Sleaze begab und den Menschen im Namen der Aufklärung frivole Geschichtchen über Nutten, Loddel und Freier erzählte.

SEX UND NOCH NICHT 16 (nicht zu verwechseln mit dem Ingrid-Steeger-Vehikel) ist ein Meisterwerk des deutschen psychotronischen Kinos – aber leider kaum bekannt. Regisseur Peter Baumgartner hatte sich das Recht auf einen eigenen Film als DoP für Erwin C. Dietrichs ST. PAULI ZWISCHEN NACH UND MORGEN und SEITENSTRASSE DER PROSTITUTION erworben, eine Tätigkeit, die er kurz danach wieder aufnahm, denn SEX UND NOCH NICHT 16 sollte seine letzte Regiearbeit bleiben. Warum ist indessen alles andere als nachvollziehbar. Der Film war kommerziell durchaus erfolgreich und zudem eindeutiger Beweis für das Talent Baumgartners. Experimentell, fragmentarisch, künstlerisch, kreativ, freigeistig, innovativ: SEX UND NOCH NICHT 16 hätte mit anderen Dietrich-Produktionen jener Zeit so etwas wie die Speerspitze einer deutschen Nouvelle Vague begründen können, aber leider wurde daraus nichts. Hatten sich die Zuschauer, die sich in Erwartung eines lüsternen Sexfilms verstohlen ins Kino geschlichen hatten, nach dem Film möglicherweise verprellt gefühlt? Zwar gibt es den versprochenen Sex mit einer 15-Jährigen – Darstellerin Rosy-Rosy aka Rosemarie Heidinkel, ein dunkelhaariges Brigitte-Bardot-Lookalike war tatsächlich bereits 22 –, doch ist der kaum mehr als eine Randerscheinung. Es ging Baumgartner um andere Dinge und die Sexfilmschablone war kaum mehr als ein Etikett, um das Publikum anzulocken.

Zu behaupten, SEX UND NOCH NICHT 16 erzähle eine Geschichte, ginge an der Realität des Films vorbei, doch wenn man so etwas wie eine Handlung aus dem straffen Siebzigminüter herauskristallisieren wollte, ließe diese sich so zusammenfassen: Die 15-jährige Waise Rosy (Rosy Rosy) landet auf ihrer Flucht aus dem Pflegeheim im Nachtklub der Sängerin Helen (Helen Vita) und lernt dort den netten Studenten Rolf kennen. In die sich anbahnende Liebesgeschichte platzt Helens Manager Johnny (Peter Capra), ein kleinkrimineller Gernegroß, der in der attraktiven Minderjährigen eine willkommene Einnahmequelle sieht, sie mit seinem Geprotze ködert und dann als Jungfrau an bereitwillig zahlende Kunden verschachert. Doch Johnny kriegt den Hals nicht voll: Als er einen Radprofi nach dessen Nummer mit Rosy erpresst, kommt es zur nächtlichen Auseinandersetzung auf dem Güterbahnhof, in die sich auch der fürsorgliche Rolf einmischt.

Man könnte sich ohne Weiteres einen Film vorstellen, der daraus ein 90-minütiges Sleazedrama macht, aber Baumgartner interessierte sich mehr für die somnambule Atmosphäre unter den Vergnügungssüchtigen, die Helens Club bevölkern, oder die frivol-rotzigen Chansons, die die alternde Diva zu Besten gibt, Kleine, eigentlich unwichtige Szenen werden dank der einfallsreichen Inszenierung und des expressiven Schnitts zu lebhaften Vignetten, die das Rauschhafte lustvoll unterstreichen. Man weiß nie genau, was als nächstes passieren wird, alles scheint möglich: Eine ganz typische Eigenschaft solcher „Nachtfilme“ zwar, unter denen SEX UND NOCH NICHT 16 dank seiner formalen Radikalität und Frische aber dennoch eine Sonderstellung einnimmt. Es ist beeindruckend, wie es Baumgartner gelingt, jeden Vorwurf stilistischer Eitelkeit und Prätentiösität mit spielerischer Leichtigkeit zu umgehen und einen Film vorzulegen, der trotz seiner Künstlichkeit wie der authentische Ausdruck reiner Lebenslust wirkt.