Mit ‘Helmut Ashley’ getaggte Beiträge

Episode 042: Abendfrieden (Helmut Ashley, 1978)

Nach Episode 033, „Offene Rechnung“ verschlägt es Derrick und Klein für ihre Ermittlungen erneut in ein Seniorenheim. Der Großneffe einer Bewohnerin ist vor einer Weinstube überfahren worden, nachdem er von einem unbekannten Anrufer dort hinbestellt wurde. Eigentlich wollte er seiner Großtante die Nachricht einer Erbschaft überbringen, doch die beiden resoluten Heimleiterinnen, Helene (Inge Birkmann) und Margarete Schübel (Alice Treff) hatten ihn auf merkwürdige Art und Weise abgewimmelt. Das Aufeinandertreffen des Mannes mit den beiden Damen ist das Highlight dieser Episode, könnte fast aus einem Pete-Walker- oder einem französischen Horrorfilm der Siebzigerjahre stammen. Man weiß, dass die beiden Frauen ein Geheimnis haben, dass sich hinter ihrem freundlichen Tantenlächeln ein dunkles Geheimnis verbirgt sowie die grimme Entschlossenheit, dieses Geheimnis um jeden Preis zu wahren. Und so ist es ja dann auch. Die Auflösung ist nicht übermäßig überraschend, aber insofern interessant, dass hier zwei separate Fälle schicksalhaft zusammentreffen. Dem Sujet angemessen eher bedächtig erzählt, aber recht atmosphärisch: Zum Finale gibt es ein schwer melancholisches Violinenkonzert einer vornehm blassen Schönheit (Dietlinde Turban), während Derrick im Nebenraum wie einst Hercule Poirot die Verdächtigen versammelt.

***/*****

 

Bildschirmfoto 2015-04-03 um 15.54.55Episode 043: Ein Hinterhalt (Alfred Vohrer, Deutschland 1978)

Auf einer Landstraße verunglückt ein Autofahrer, weil jemand einen Baumstamm auf die Fahrbahn gezerrt hat. Da der Wagen der Ärztin Dr. Schwenn (Ruth Leuwerik) gehörte, vermuten Derrick und Klein, dass es sich um einen fehlgeschlagenen Mordanschlag handelt und die Frau immer noch in Lebensgefahr schwebt. Der Kriminalfall gestaltet sich eher als dröge, doch was diese Episode Vohrers über den Durchschnitt hebt, sind die Figuren der Ärztin Schwenn und ihres Neffen Bruno (Hans Georg Panczak). Sie ist eine irgendwie freudlose Person, nicht offen unsympathisch, aber auf so eine seriöse Art und Weise nondeskript, das niemand sie leiden mag, was ihre neutrale Haltung nur noch weiter bestärkt. Auch ihr Neffe macht keinen Hehl daraus, dass er nicht viel von ihr hält, sich nach eigener Aussage nichts in ihm gerührt hätte, wäre sie bei dem Anschlag ums Leben gekommen. Die Dialoge zwischen diesen beiden sind Dreh- und Angelpunkt der Folge, weil Vohrer die Spannung vor allem aus der Frage bezieht, ob Bruno der Attentäter war und ob er einen zweiten Versuch unternehmen wird. Auch die Ärztin wird ob seiner offen zur Schau gestellten Härte immer ängstlicher, seine Schadenfreude, seine sonst immer so sichere Tante nun zittern zu sehen, treibt ihn noch mehr an. Am Ende kommt alles ganz anders und „Ein Hinterhalt“ endet mit einer menschlichen Geste, die man in dieser Gefrierschrank-Episode ebenso wenig erwartet hat, wie Hansi „Pepe Nietnagel“ Kraus als bayerischen Bauernsohn mit Seppelhut und Schnurrbart.

****/*****

 

 

 

Episode 044: Steins Tochter (Wolfgang Becker, Deutschland 1978)

Eine eher unaufregende Episode, aber mit einer tolle Szene zu Beginn, die hängenbleibt. Wenn Cosima Stein (Katerina Jacob, später als Assistentin des „Bullen von Tölz“ zu TV-Prominenz gelangt) zu den Klängen der Santa-Esmeralda-Version des Klassikers „Don’t let me be misunderstood“ aus dem Sportwagen ihres Freundes springt, um im Münchener Nachtlicht zu tanzen, ist das einer der Momente, für die man diese deutschen Siebzigerjahre-Krimis ins Herz geschlossen hat. Auch danach wird es eigentlich immer toll, wenn Cosimas blasses, tränenüberströmtes Gesicht ins Bild gerückt wird, sie apathisch zwischen ihren Singles auf dem Boden ihres Schülerinnen-Zimmers hockt. Demgegenüber sind die Szenen um ihren Verehrer Betzky (Markus Boysen) ein bisschen anstrengend, weil der Schauspieler und Reineckers gewohnt gespreizte Dialoge keine so gute Mischung ergeben. Und Cosimas Papa, der Lehrer Stein (Thomas Holtzmann) ist einer dieser Hardcore-Spießer, die sogar töten würden, um ihre Brut vor dem Absturz ins moralische Verderben zu schützen. Die winterliche Atmosphäre ist ganz hübsch, aber sonst gibt es hier einfach zu wenig, was das Interesse wirklich wachhielte. Außer Cosimas Tanz natürlich.

**/*****

 

Episode 45: Klavierkonzert (Helmuth Ashley, Deutschland 1978)

Eine lustige Koinzidenz: In der zuletzt gesehenen DER KOMMISSAR-Episode „Keiner hörte den Schuss“ (Regie: Wolfgang Becker) spielte Peter Fricke den Mörder. Hier nun ist er der, den alle für den Mörder halten – und halten sollen. Er spielt den berühmten Pianisten Robert van Doom (großartiger Name!), der in einer Ehe mit der älteren Luisa van Doom (Maria Schell) gefangen ist, die ihm die Karriere mit ihrem Geld überhaupt erst ermöglichte. Jeder weiß, dass Robert eine junge Tänzerin (Iris Berben) als Geliebte hat und seine Ehe mehr als zerrüttet ist: Er will sich scheiden lassen, sie ihn nicht freigeben, schließlich hat sie in ihn „investiert“. Als die Haushälterin der van Dooms während eines von Roberts Konzerten erschossen wird – in einer offensichtlichen Verwechslung, denn es sollte Luisa treffen -, deutet alles darauf hin, dass der Musiker der Auftraggeber ist. Vor allem Luisa ist davon überzeugt und fest dazu entschlossen, ihn fertigzumachen …

„Klavierkonzert“ ist thematisch wieder überaus typisch: Es geht um die Dekadenz des Großbürgertums einerseits, um dessen Unfähigkeit, emotional-menschliche Probleme anders zu lösen als durch das Ausspielen von Macht andererseit. Helmuth Ashley, dem Sleaze nicht abhold, suhlt sich in einer Inszenierung, die die barocken Geschmacklosigkeiten und die Kälte eines leeren Wohlstands mit Genuss in den Fokus rückt. Das Haus der van Dooms ist ein Albtraum aus tannengrünen Tapeten, schweren Samtvorhängen und gebrauchsfeindlichen Antiquitäten. Der Pianist selbst ist ein zitternder Feigling, seine Frau – die Mutter der Nation, Maria Schell – ein herrisches Biest, alle Freunde und Verwandte sehen entweder tatenlos zu, versuchen den Konflikt aus eigenem Interesse kleinzuhalten oder befeuern ihn noch. Sky DuMont gibt den wunderbar blasierten Assistenten von van Dooms Agent Ostrow (Eric Pohlmann), Jutta Speidel die hilfsbereite Nichte der toten Haushelferin. Ashley gelingt das Kunststück, dass man fast jeden mal für den potenziellen Täter hält und eigentlich alle Personen gleichermaßen widerlich findet. Und irgendwie findet er dann auch noch die Gelegenheit, Derrick und Klein in einer McDonalds-Filiale einen Hamburger mampfen zu lassen.

Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, was diese deutschen Krimiserien auszeichnet, woher die Faszination kommt, die sie auf mich (und andere) heute ausüben. Für einen Spätgeborenen wie mich steckt natürlich nicht zuletzt der Reiz dahinter, in eine bundesrepublikanische Realität blicken zu können, die ich nur noch am Rande mitbekommen habe (1978 war ich zwei Jahre alt). Mit dem Abstand der Jahrzehnte zeigt sich einem da eine Welt, die seit dem zweiten Weltkrieg zwar zwei bis drei volle Jahrzehnte hinter sich gebracht, die Spätfolgen aber keinesfalls verarbeitet hat. Es zeigt sich da eine Welt, wo fast jeder eine Leiche im Keller hat – oder aber durch den geringsten Anstoß überaus bereitwillig zum Mörder wird. Und wo es immer wieder die Väter sind, die Unheil über ihre Kinder, Ehefrauen, Familien bringen. Da ist es durchaus als programmatisch zu verstehen, dass im Zentrum sowohl von DER KOMMISSAR als auch von DERRICK Väterfiguren ohne Familien stehen. (Interessant, wie bei beiden Figuren zu Beginn versucht wurde, sie durch Ehefrau und Geliebte zu vermenschlichen, die Idee bei beiden aber schnell wieder verworfen wird.) Sowohl Kommissar Keller als auch Oberinspsektor Derrick sind in allererster Instanz Staatsdiener, verbürokratisiertes Über-Ich gewissermaßen. Es fällt schwer, hier kein künstlerisches Programm zu vermuten: Vielleicht der Versuch einer verspäteten Wiedergutmachung des Autors, der als Kriegsberichterstatter in einer Propagandakompanie der Waffen-SS gedient hatte? Who knows.

Mal sehen, ob ich hier demnächst auch noch was über DER KOMMISSAR zum Besten geben werde. Gerade in Verbindung mit weiteren DERRICK-Sichtungen könnte das sehr interessant und aufschlussreich sein.

rechnung_eiskalt_serviert_dieVon Minute eins des vierten Jerry-Cotton-Films an ist klar, dass er den enttäuschenden Vorgänger UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU um Längen übertreffen wird. Nach den immer wieder gern gesehenen New Yorker Straßenaufnahmen leitet ein Voice-over-Kommentator den folgenden Film bedeutungsschwanger ein: Alles begann, so erzählt die Stimme mit vollem Wissen über die Tragweite der folgenden Ereignisse, als Jerry Cotton eines Abends eine Bar aufsuchte, um „sich einen Whiskey on se rocks zu genehmigen“. Er konnte ja nicht ahnen, dass er infolgedessen in einen der größten Raubüberfälle der US-amerikanischen Geschichte verwickelt werden würde. Es ist gar nicht so entscheidend, dass dieser größte aller anzunehmenden Überfälle sich natürlich der vom klammen Geldbeutel der Produzenten diktierten Ästhetik und Logik der Filmserie anpasst – ja, da wird eine Menge Kohle aus einem Transport des New Yorker Schatzamtes geklaut, der Überfall vom gerissenen Charles Anderson (Horst Tappert) mit einigem Geschick und Know-how organisiert, dennoch muss man erstaunt sein, wie leicht ihm und seinen eher unterdurchschnittlich begabten Schergen das Ganze gemacht wird –, wichtiger ist dieser pulpig-sensationalistisch Ton, den Helmut Ashley etabliert und für den die Verwendung der Requisite „Whiskey“ ganz entscheidend ist. Da fährt der kernige FBI-Agent also nachts mal mit seinem Jaguar aus, um sich in Manhattan einen „Whiskey zu genehmigen“ – was man halt als Kerl so braucht, um nach einem anstrengenden Tag voller Verbrecherjagd und Heldentaten wieder runter- und klarzukommen und die Seele baumeln zu lassen – und findet glücklicherweise gleich einen Parkplatz vor der Pinte du jour. Später, nachdem er in eine Schlägerei vor der Kneipe verwickelt worden ist, und sich einem Streifenpolizisten gegenüber als FBI-Mann ausweist, wird er diesen bitten, zurück zu seinem Whiskey zu dürfen, da er sich so schlecht daran gewöhnen kann, wenn der warm wird, und der Polizist entgegnet neidisch, dass er sofort einen trockenen Hals bekommt, wenn er von Whiskey hört. Whiskey, das ist in der Welt von Jerry Cotton ein Geschenk der Götter an die Männer, ein Lebenselixier, das die Welt zu einem besseren Ort macht und die Last, die sie auf ihren Schultern tragen müssen, wenigstens für ein paar Minuten von ihnen abfallen lässt. Aber zurück zum Film: Die in der Bar anwesenden Kellnerinnen können ihre Verzückung vor dem virilen Mittvierziger mit dem Brillantine-Helm kaum verbergen, aber jemand wie Cotton muss sich nicht mit dem Fußvolk abgeben, weshalb es ihn gleich zur erotischen Sängerin Violet (Yvonne Monlaur) zieht. Deren Freund Tommy (Christian Doermer) ist zwar ebenfalls anwesend, doch glücklicherweise wird der in den Coup Andersons involvierte Chemiker bald schon ermordet, sodass Cotton seine öligen Fänge nach ihr ausstrecken kann. Es gibt nach der Ermordung Tommys eine Szene, in der die Kaltschnäuzigkeit von Cotton einen nur noch schockiert: Er ruft Violet in die Pathologie und verhört sie direkt neben der zugedeckten Leiche ihres vor einigen Tagen verschwundenen Liebhabers, ohne ihr mitzuteilen, dass er tot ist und seine Leiche gleich neben ihr liegt! Im weiteren Verlauf des Films lässt er sie die ganze Zeit in dem Glauben, Tommy lebe noch, obwohl er es besser weiß, und lässt zu, dass sie die traurige Nachricht ganz beiläufig von einer Komplizin Andersons erhält. That’s cold!

Kurz zur Handlung: Die Bande um Charles Anderson plant also, den voll beladenen Transporter des New Yorker Schatzamtes auszurauben. Dabei helfen soll ihnen der Chemiker Tommy Wheeler, der einen bestimmten Rauch entwickelt hat, der es ermöglicht, den einmal lahmgelegten Lkw unbemerkt zu leeren. Der Plan gelingt, Mr. Clark (Walter Rilla), der Chef des Schatzamtes, erwägt es, sich umzubringen, da er die Warnungen Cottons, den Transport zu vertagen, in den Wind geschlagen hatte. Cotton nimmt die ganze Verantwortung auf sich, um Clark aus der Schusslinie zu nehmen, wird daraufhin vom Dienst suspendiert und muss nun – Ehrensache für einen Vollblutkriminalisten – „auf eigene Faust“ ermitteln. Er heftet sich an die Fersen der Bande, die unerwartete Konkurrenz von zwei Trittbrettfahrern bekommt: George Davis, einem Mitarbeiter des Schatzamtes (Ullrich Haupt), und dessen Partner Stanley (Rainer Brandt).

Helmut Ashley verbindet die Actionlastigkeit der ersten beiden CottonFilme mit dem eher spannungsorientierten Ansatz von Harald Philipps leider gescheitertem dritten Film. Die erste Hälfte widmet sich sehr ausführlich den Vorbereitungen von Anderson und seiner Männer, integriert gar einen fehlgeschlagenen ersten Versuch, bevor der gelungene Überfall einen ersten, auch inszenatorischen Höhepunkt bildet. DIE RECHNUNG – EISKALT SERVIERT bedient sich hier eindeutig der Mechanismen des Heist Movies, indem er die Planungen in den Mittelpunkt stellt, dem Zuschauer einen Wissensvorsprung gegenüber dem Protagonisten verleiht und ihn sogar etwas mit den Schurken mitfiebern lässt. Die Suspendierung bleibt für den weiteren Verlauf des Films eher folgenlos: Decker (Heinz Weiss) steckt seinem Partner unmittelbar danach seine eingezogene Dienstknarre zu, damit er nicht „nackt“ durch New York laufen muss, und Cotton, dessen Wiedereinstellung natürlich nie wirklich in Zweifel steht, lässt sich von seiner vorübergehenden Arbeitslosigkeit auch nicht sonderlich beeindrucken. Dass Decker und High (Richard Münch) noch weiter in den Hintergrund treten, gibt Ashley vor allem die Möglichkeit, seine Schurken stärker zu konturieren. Horst Tappert ist super als kühler Taktierer, der seine Schergen voll im Griff hat und lediglich die Fassung verliert, wenn seine sich ständig die Nägel feilende Geliebte die Bluse zu weit geöffnet hat („Du weißt doch, dass ich mich nicht konzentrieren kann, wenn du halbnackt herumläufst!“). Zu den weiteren Höhepunkten des Films gehört eine Keilerei Cottons mit zwei lustig aussehenden Catchern, eine unerwartet offenherzige Duschszene besagter Geliebter Andersons und das komplett irrwitzige Finale, bei dem Cotton todesmutig vom Dach eines Wolkenkratzers an die Kufen eines startenden Hubschraubers springt. Neben lustigen Klettereien vor Rückprojektionen gibt es auch einen gewagten Hubschrauber-Wasser-Stunt, der Ashley so gut gefallen hat, dass er ihn gleich zweimal einsetzt. Mit Recht! Am Ende ist alles gut und der schurkische Davis war sogar so nett, ein Papier aufzusetzen, dass Cotton von jeder Schuld an dem Raubüberfall entbindet. Somit ist Raum für den fünften Teil, auf den ich mich nach diesem fulminant unterhaltsamen Reißer wieder sehr gefreut habe.

 

weisse_fracht_fuer_hongkong[1]Der Geschäftsmann Robert Perkins (Horst Frank) arbeitet in Hongkong zwar als die „Nummer eins“ eines unbekannt aus dem Hintergrund agierenden Drogenzars, versucht jedoch hintenrum, dessen Geschäfte an sich zu reißen. Gerade hat er die beiden nichtsahnenden Piloten Ted Barnekow (Dietmar Schönherr) und Larry McLean (Brad Harris) als Piloten engagiert, doch als die von der hübschen Claudia Laudon (Maria Perschy) erfahren, dass er sie unwissend als Kurier missbrauchen wollte, beenden sie ihr Arbeitsverhältnis noch bevor es begonnen hat und versuchen der armen Frau aus der Bredouille zu helfen. Natürlich geraten sie dabei selbst mit dem Gesetz in Konflikt und landen im Knast, während Perkins Claudia in seine Gewalt bringt. Werden die beiden tapferen Haudegen sie aus den Fängen des Schurken retten können? Wird es ihnen gelingen, ihre eigene Unschuld zu beweisen? Und wer ist eigentlich der geheimnisvolle Mann im Hintergrund?

Geschichte ist ein eigenartiges Konstrukt. Selbst wenn man berücksichtigt, dass die Einteilung der zäh und unaufhaltsam dahinfließenden Größe „Zeit“ in für Menschen erfassbare Dimensionen wie Jahrzehnte und Jahre und dann in Sinneinheiten wie Stilepochen oder Ären völlig willkürlich ist, der Glaube an einen Fortschritt, eine Bewegung hin zu einem Ideal aus philosophischer Perspektive mindestens diskutabel, sind manche bei der Betrachtung auffallenden Phänomene schlicht verblüffend. Da scheinen mehrere Jahre nahezu ununterschiedbar und ereignislos dahinzuschreiten und dann vollzieht die Historie binnen weniger Monate plötzlich heftige, an Geburtswehen erinnernde Zuckungen und gebiert dabei etwas völlig Neues, das noch kurz zuvor völlig undenkbar erschien. Zwischen HEISSER HAFEN HONGKONG, dem von Jürgen Roland inszenierten ersten Hartwig’schen „Hongkong-Reißer“, und seinem Nachfolger WEISSE FRACHT FÜR HONGKONG liegen gerade einmal zwei Jahre, ein äußerst überschaubarer Zeitraum, und doch könnten beide Filme kaum unterschiedlicher sein. Während man in Rolands Film noch den Geist der Fünfziger durchs Bild wabern sieht, man gezwungen wird, Hongkong aus der Perspektive des über so viel Fremdheit staunenden Spießers zu betrachten, stürzt man sich im Sequel gemeinsam mit den weltoffenen Globetrotters ganz selbstverständlich ins Getümmel der Metropole. Irgendwann zwischen 1962 und 1964 scheinen die Sechzigerjahre entschieden zu haben, was sie zukünftig vom vorangegangenen Jahrzehnt unterscheiden soll.

Ashley schlägt einen deutlich ruppigeren Ton an, lässt gleich zu Beginn ein paar arme Chinesen auspeitschen und wenig später einen von Entzugserscheinungen geplagten Heroinsüchtigen gierig die Dämpfe der begehrten Droge inhalieren. An der Seite der beiden Haudegen Schönherr und Harris wird man nicht gemütlich durch die Stadt geführt, sondern von einem Konflikt in den nächsten gerissen und dabei mit markigen Sprüchen bombardiert. Alles ist bunter, lauter und greller, und wo zuvor vereinzelte Menschen, von schüchtern „Piff“ machenden Pistolenschüssen getroffen, grimassierend, aber keinesfalls blutend, aus dem Bild sanken, da werden sie hier in rasanter Folge und großer Zahl weggepustet, erdolcht, gesprengt oder mit dem Auto eine Klippe runtergeschubst. In den letzten Minuten steigert sich WEISSE FRACHT FÜR HONGKONG in einen echten Amoklauf: Da löst Ashley alle Bremsen, tritt das Gaspedal mit sporenbewehrten Bleistiefeln geradewegs durchs Bodenblech tief in den von der flirrenden Hitze aufgeweichten Asphalt und rast frontal in eine Backsteinmauer mit der Aufschrift „Ende“. Aus den Trümmern schälen sich die beiden grinsenden Helden, für die jetzt alles gut ist, obwohl sich um sie herum die Trümmer- und Leichenberge türmen. Man kann hier auch beobachten, wie sich die Idee des modernen Actionfilms formt.

Auch die zeitgenössische Kritik bemerkte, dass sich da etwas verändert hatte im deutschen Kino, doch begnügte sie sich nicht damit, diese Veränderung nur zu beschreiben. Unter dem Titel „Flucht nach Teneriffa“ diagnostizierte Der Spiegel in Ausgabe 47 von 1964 ein „Verschwinden des deutschen Menschen und des deutschen Milieus aus dem deutschen Film“ und benannte WEISSE FRACHT FÜR HONGKONG als ein Beispiel, an dem sich dieses Verschwinden abzeichnete, seinen Hauptdarsteller Horst Frank als einen der Schauspieler, an denen sich „die Verfremdung des deutschen Films“ „an deutlichsten […] spiegelt“. Ton und Wortwahl des Artikels muten heute etwas merk- und auch fragwürdig an, ausgerechnet in den gemütlichen Edgar-Wallace-Filmen den Keim der „Überfremdung“ zu wittern, aus heutiger Sicht zudem unfreiwillig komisch, doch an der (zumal durch viele Beispiele untermauerten) Diagnose gibt es kaum etwas auszusetzen. WEISSE FRACHT FÜR HONGKONG überraschte mich ja nicht zuletzt deshalb so positiv, weil der Film (eben im Vergleich zu Rolands Vorgänger mit seinem typisch deutschen Protagonisten Peter Holberg vom Hamburger Abendblatt) so erfrischend undeutsch ist, zeigt, dass man es auch hierzulande verstand, knallige Actionreißer von internationalem Format zu produzieren. Schade, dass die soeben erschienen DVD von Filmjuwelen den Film in äußerst mäßiger Bildqualität anbietet: Zumindest auf dem HD-Fernseher verwandeln sich die Bilder vor lauter groben Rastern beinahe in impressionistische Gemälde. Da wäre bestimmt mehr drin gewesen. Meiner Freude über diese Entdeckung tut das aber keinen Abbruch.

Der Chicagoer Gangsterboss Kerkie Minelli (Eric Pohlmann) wird wegen Steuerhinterziehung aus den USA ausgewiesen: Die Hinrichtung der Konkurrenzbande von O’Connor konnte man ihm nicht nachweisen. Er lässt sich in London nieder, wo auch „der schöne Steve“ (Klaus Kinski), O’Connors einstige rechte Hand, eine neue Heimat gefunden hat. Bald liegen die Organisationen der beiden erneut im Clinch: Sie versenden Erpresserschreiben an die wohlhabenden Bürger Londons und ermorden jeden, der auf ihre Forderungen nicht eingeht. Scotland-Yard-Inspector Weston (Adrian Hoven) zieht angesichts der sich häufenden Todesfälle den FBI-Mann Allerman (Christopher Lee) hinzu. Während ihrer Ermittlungen machen sie Bekanntschaft mit der schönen Lilian Ranger (Marisa Mell), die als Sekretärin in den Diensten des ermordeten Tanners (Fritz Rasp) stand und erfährt, dass er sie seinem Neffen, dem Orchideenforscher Edwin (Pinkas Braun), als Erbe vorzieht. Damit ist die Schöne natürlich selbst ein potenzieller Erpressungskandidat …

Um an dieser Stelle mit einem kurzen Zwischenfazit einzusteigen: Ich bin überrascht, wie divers die Edgar-Wallace-Filme der Rialto bislang sind, ganz entgegen der landläufigen Meinung, sie seien allesamt nach demselben steifen Schema gestrickt. Doch von einer lückenlos perfektionierten Schablone ist wenigstens bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu viel zu merken, wenn man einmal von einigen Details absieht: Meistens gibt es einen Scotland-Yard-Protagonisten und ein weibliches Opfer, das es zu beschützen gilt, meist ist Eddie Arent als Comic Relief anwesend, sind die Kriminalfälle verschlungen und ist die Lösung erst nach zahlreichen Todesfällen in Sicht. Vor allem tonal decken die Filme eine große Bandbreite ab, reichen von straighten Gangster- und Quasi-Actionfilmen wie DER FROSCH MIT DER MASKE über Mystery-Krimis wie DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE, DIE BANDE DES SCHRECKENS und DIE SELTSAME GRÄFIN bis hin zum Proto-Giallo DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN, dem Pulp-Horror von DIE TOTEN AUGEN VON LONDON oder dem gediegenen Whodunit der Marke DER FÄLSCHER VON LONDON. DAS RÄTSEL DER ROTEN ORCHIDEE knüpft mit seiner Geschichte um zwei verfeindete Syndikate an Reinls ruppigen Einstand mit DER FROSCH MIT DER MASKE an, verquickt den Gangsterfilm-Stoff jedoch mit den komischen, selbstreflexiven Elementen, die vor allem Jürgen Roland in die Reihe einführte. Ashleys Gangsterfilm ist der bislang temporeichste und humorvollste Film der Reihe, funktioniert bisweilen fast als Persiflage und steckt voller schöner Regieeinfälle, die ihn zur kleinen Pulp-Perle machen.

Eddi Arent hat seine bislang witzigste Rolle als „Todesbutler“, der seinen Namen der Tatsache verdankt, dass seine Arbeitgeber stets kurz nach seiner Einstellung den Anschlägen der Erpresser zum Opfer fallen. Anstatt sich aufgrund dieser Schicksalsschläge jedoch selbst als verflucht oder zumindest vom Pech verfolgt zu begreifen und die Todesfälle bei seinen Bewerbungen geheim zu halten, begreift er sie gerade als seine besondere Qualifikation. Und alle lassen sie sich von ihm überzeugen, nur um kurze Zeit später dann doch ins Gras zu beißen. Seine Bemühungen, seine Arbeitgeber in Sicherheit zu bringen, nehmen teilweise bizarre Formen an: Die alte Mrs. Moore (Sigrid von Richthofen) schickt er mitten in einer Regennacht mit dem Auto nach Schottland, wo ihr nichts passieren könne, den Abenteurer und Soldaten Oberst Drood (Herbert A. E. Böhme) unterstützt er mit Stahlhelm und Gewehr bei der Verteidigung seines Schlosses vor heranrauschenden Flugzeugen. Aber er ist nur das herausstechendste komische Merkmal in einem Film, der enorm viel Witz schon durch sein Erzähltempo und seinen Schnitt erzeugt. Als plötzlich ein und dieselbe Person zwei verschiedene Erpresserbriefe – jeweils eines von jeder Bande – erhält, kommentiert Weston dieses Vorkommnis mit der Vermutung, dass sich nun beide Banden an einen Tisch begeben und eine Abmachung über eine künftige Zusammenarbeit treffen müssen. Nach einem Schnitt passiert genau das: Die beiden Gruppen sitzen an einem langen Tisch und palavern über ihre künftige Partnerschaft und die Aufteilung ihres Vermögens. London wird mittels einer vertikalen Linie auf dem Stadtplan kurzerhand in zwei Reviere geteilt, so einfach kann das gehen. Urkomisch ist auch die Szene, in der der greisenhafte Tanner seine Sekretärin Ms. Ranger zu sich ruft: Er gesteht ihr, dass er sich um ihre Zukunft sorge und sicherstellen wolle, dass es ihr an nichts im Leben fehle. Und dann kulminieren seine Worte in dem alles andere als zärtlich herausgebellten Satz: „Wollen Sie mich heiraten?“, der weniger eine Frage als vielmehr eine Aufforderung darstellt und das ganze Unbehagen des alten Mannes zum Ausdruck bringt.

Man kann sich darüber streiten, ob Adrian Hoven ein guter Ersatz für Joachim Fuchsberger ist: Ich finde den Österreicher etwas zu glatt, zu schmierig, zu selbstzufrieden und vor allem zu unbeweglich, um als Actionheld zu funktionieren. Er ist annehmbar in seiner Rolle, scheint sich aber selbst nicht richtig wohl zu fühlen und bleibt somit der einsame Schwachpunkt einer sonst kongenialen Besetzungsliste: Christopher Lee ist gewohnt ehrfurchtgebietend (er spricht sich auch in der deutschen Fassung selbst), Marisa Mell umwerfend und deutlich weniger hilflos als ihre Vorgängerinnen, Pinkas Braun angemessen diabolisch, ohne allzu offensichtlich böse zu sein. Die besten Rollen haben aber Klaus Kinski und Eric Pohlmann abbekommen; gerade letzterer überzeugt mit herrlichem Ösi-Akzent als italoamerikanischer Gangster, der nur halb so gewissenlos ist, wie er tut. Es ist nicht so leicht, die Qualitäten von DAS RÄTSEL DER ROTEN ORCHIDEE auf den Punkt zu bringen: Ich würde sagen, er überzeugt, weil er großes Gewicht auf stimmige Details legt, weil er randvoll und dicht ist und somit auch dann glaubwürdig und echt wirkt, wenn er den größten Blödsinn veranstaltet. Relativ zu Beginn wohnt man einem Einsatz der Polizeibeamten auf einer Großbaustelle bei: Sowohl Allerman als auch Weston sind wie ihre Kollegen als Bauarbeiter verkleidet, treiben sich auf dem Gelände herum, bis es schließlich zur Sache geht: Da fühlt man sich fast in ein Roland’sches Police Procedural versetzt, scheint Ashleys Film plötzlich deutlich realistischer und moderner als alle anderen Wallace-Filme vor ihm, nur um den Realismus im Anschluss dann gleich wieder zu unterlaufen. Es passiert einfach unglaublich viel in DAS RÄTSEL DER ROTEN ORCHIDEE, es kommt niemals Langweile auf. Vielleicht bietet er als erster Film der Reihe einen Ausblick darauf, wie sich die Wallace-Reihe im Speziellen und das Exploitationkino im Allgemeinen in den kommenden Jahren verändern sollten. Aber auch wenn man lieber vorsichtig sein möchte mit allzu vollmundigen Zuschreibungen: Dieser Film hat eine ganze Menge zu bieten. Und – das sollte auch mal erwähnt werden – er macht saumäßig Spaß.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddi Arent (8. Wallace-Film),  Fritz Rasp (5.), Klaus Kinski und Ernst Fritz Fürbringer (4.), Sigrid von Richthofen (3.), Christopher Lee, Hans Paetsch, Horst Breitkreuz, Peter Frank, Benno Gellenbeck, Kurt A. Jung, Charles Palent und Friedrich G. Beckhaus (2.), Pinkas Braun und Frank Straass (1.). Regie: Helmut Ashley, Drehbuch: Egon Eis (als Trygve Larsen) (5.), Kamera: Franz X. Lederle, Musik: Peter Thomas (3.), Schnitt: Herbert Taschner (2.), Produktion: Horst Wendlandt (5.). 
Schauplatz: Chicago, London, Scotland Yard, diverse Büros und Wohnsitze, eine Bank, ein Tabaklädchen. London, Hamburg und Cuxhaven.
Titel: Bezieht sich auf die Identität des Erpressers. Im Grunde genommen ist der Titel ein Spoiler, weil erst er überhaupt suggeriert, dass an dem Orchideenforscher Edwin etwas „rätselhaft“ ist. Zum vierten Mal ist ein Farbwort enthalten (zum zweiten Mal „rot“), zum zweiten Mal eine Blume.
Protagonisten: Scotland-Yard-Inspektor Weston, FBI-Mann Captain Allerman und Damsel in Distress Lilian Ranger.
Schurke: Die Gangsterbosse Kerkie Minelli und „der schöne Steve“, diverse ihrer Killer und ein mysteriöse Mann im Hintergrund.
Gewalt: Diverse Erschießungen und Erstechungen, ein Rasiermessermord, Tod durch einen auf der Landstraße aufgestellten Spiegel und durch Autobombe.
Selbstreflexion: Cora Minelli liest das Goldmann-Taschenbuch von Wallace‘ „Die toten Augen von London“, Eddie Arent wendet sich direkt ans Publikum.