Mit ‘Henry Thomas’ getaggte Beiträge

Wenn ich hier und anderswo über Filme schreibe, geht es mir meist nicht nur um eine Momentaufnahme, das Festhalten eines höchst persönlichen Eindrucks zu einem ganz spezifischen Zeitpunkt, sondern auch darum, das Werk, das ich vor mir habe, in einen größeren Kontext einzubetten. Das funktioniert manchmal sehr gut, bei unverkennbaren Genrefilmen, Sequels, Remakes, innerhalb von Werkschauen oder Themenserien, weil der größere Kontext da bereits mitgeliefert oder von mir eben „errichtet“ wird. Ich habe tatsächlich kein grundsätzliches Problem mit Schubladen. Einen Film in eine solche zu stecken, ist nicht immer hilfreich, manchmal aber schon. Die so erzwungene Vergleichbarkeit kann gerade die Augen für die Besonderheiten öffnen, mit denen ein Film von der Regel abweicht. Eine Genreschublade ist für mich auch kein geschlossener Raum, der einen Film abschließend brandmarkt, sondern eher eine vorübergehende Heimatadresse, eine Koordinate, die einem hilft, ihn in der Filmgeschichte zu verorten. Und so, wie man den Frühjahrsputz oder einen Umzug zum Anlass nimmt, auszumisten oder Dinge neu zu ordnen, kann man einen Film auch von einer Schublade in die nächste bugsieren oder ihm sein ureigenes Plätzchen zuweisen, wenn man feststellt, das sein angestammter Platz zu eng für ihn geworden ist. Warum komme ich darauf? Weil CLOAK & DAGGER ein Film ist, der dem Betrachter die Frage, wie man ihn ablegen könnte, geradezu aufzwängt. Es handelt sich (aus heutiger Sicht) um einen jener seltsamen Grenzgänger zwischen Kinder- und Erwachsenenfilm ist, die es – so kommt es mir jedenfalls vor – in den Achtzigerjahren ziemlich häufig gab, die heute jedoch ganz aus dem Kino verschwunden sind. Aber das ist nicht der einzige Aspekt, der CLOAK & DAGGER zum Grenzgänger macht.

CLOAK & DAGGER beginnt als kindgerechter Bond-Spoof: Bei einem offiziellen Staatsempfang schwebt der Superagent Jack Flack (Dabney Coleman) an einem Stars-and-Stripes-Fallschirm zu Boden, überrumpelt die russischen Soldaten, die das Botschaftsgebäude bewachen und tötet einen arabischen Scheich, bevor er eine für ihn bestimmte Kugel aus der Waffe einer schönen Frau an seinem eisernen Barett abprallen lässt und flieht. Doch plötzlich rollen ihm bunte, mehrseitige Würfel in den Weg – Schnitt auf ein paar 20-seitige Würfel, die der kleine Davey (Henry Thomas) soeben geworfen und den Helden seines Rollenspiels – den Superagenten Jack Flack – damit gerettet hat. Der Junge sitzt mit seiner kleinen Freundin Kim (Christina Nigra) im Hinterzimmer eines Zeitschriftenladens bei dem an seinem Vollbart leicht als Geek zu identifizierenden Morris (William Forsythe), der an seinem Computer das Spiel „Cloak & Dagger“ spielt. Spielerisch geht es auch weiter, denn Morris schickt die beiden Kinder auf eine „Mission“: Aus der Stadt sollen sie ihm die geliebten Twinkies mitbringen. Mit Walkie-Talkies, einer Wasserpistole und einer „Handgranate“ – einem Softball – bewaffnet machen sie sich auf den Weg. Aus dem Spiel wird jedoch bald Ernst: Davey beobachtet einen Mord, das Opfer übergibt ihm ein Computerspiel-Cartridge von „Cloak & Dagger“ mit dem Auftrag, es in Sicherheit zu bringen, die Killer heften sich an seine Fersen. Natürlich wollen weder die Polizei noch der eigene Vater (Dabney Coleman) dem Jungen mit der überbordenden Fantasie glauben, der daher auf sich allein gestellt ist. Zum Glück steht ihm Jack Flack mit Rat und Tat zur Seite.

Filme (Serien, Hörspiele, Bücher …), in denen Kinder sich als Detektive, Agenten oder andere Gesetzeshüter verdingen, waren in den Siebziger- und Achtzigerjahren immens populär und richteten sich längst nicht nur an Kinder. Ein Film wie WARGAMES wurde keinesfalls als reiner Jugendfilm rezipiert, und auch bei CLOAK & DAGGER fällt es mir schwer, ihn mit diesem Stempel zu versehen, wenn er auch mit seinem Jack-Flack-Subplot näher an der bunten Fantastik ist, die Kinderunterhaltung auszeichnet. Kindern und Jugendlichen mag die Identifikation mit Davey vielleicht am besten gelingen, doch Regisseur Franklin nutzt die natürliche körperliche und intellektuelle Unterlegenheit seines Protagonisten in erster Linie als Mittel zur Spannungssteigerung – man könnte sagen, Davey Alter ist das Äquivalent zu James Stewarts Gipsbein in REAR WINDOW. Die Schurken in CLOAK & DAGGER sind keine minderbemittelten Tolpatsche, die Davey nach Belieben an der Nase herumführen kann, sehr zum Vergnügen gleichaltriger Zuschauer, vielmehr handelt es sich um rücksichtslose Killer, die kein Problem damit haben, ein Kind zu ermorden, wenn es ihnen im Weg steht. Gleich mehrfach entgehen Davey und Kim nur knapp ihrer Exekution (anders als der brave Morris) und im Showdown gilt es, das kleine Mädchen zu finden, bevor eine Bombe hochgeht, die es unwissend in ihrem Rucksack mit sich herumträgt. In einer Szene befindet sich Davey mit seinen Verfolgern auf einem Ausflugsboot und er kann sich in die Obhut eines älteren Ehepaars retten, denen er sein Problem anvertraut. Auch sie glauben ihm nicht, verständigen sich aber untereinander darüber, dass es sich bei dem Verfolger möglicherweise um einen Päderasten handeln könne. That’s not exactly kids‘ stuff.   

Aber nicht nur hinsichtlich seines Adressaten setzt sich CLOAK & DAGGER absichtlich zwischen die Stühle: Es handelt sich um eine Produktion aus dem Jahr 1984, die sich über weite Strecken jedoch anfühlt, als stamme sie aus den Siebzigerjahren. CLOAK & DAGGER steht ohne Frage in der Tradition der großen, unterkühlten Spionage- und Politthriller des vorangegangenen Jahrzehnts, handelt vom undurchschaubaren Treiben der Geheimdienste, von hinter den Kulissen stattfindenden Verschwörungen und Machtkämpfen, von Hinrichtungen an kitteltragenden FBI-Agenten. Mit Michael Murphy steht als Oberschurke Rice ein Schauspieler zur Verfügung, den man vor allem aus den großen Filmen Robert Altmans kennt, einer Ikone des New Hollywood und der Siebzigerjahre. Die oben erwähnte Bootsszene spielt am „Riverwalk“ von San Antonio, der auch in Sam Peckinpahs THE GETAWAY prominent ins Bild gerückt wurde, ebenfalls ein Klassiker aus jenem Jahrzehnt, und das Finale am Flughafen erinnert gleich an Dutzende von Katastrophenfilmen die damals reüssierten. Brian Mays traditionell gehaltener Orchesterscore hat nur wenig mit den zeitgenössischen Synthiebeats und New Wave am Hut, wirkt ebenfalls wie aus der Zeit gefallen. „Modern“ sind in erster Linie die kurzen Computerspiel-Einsprengsel, an denen Richard Franklin aber deutlich weniger Interesse hat als etwa John Badham im erwähnten WARGAMES oder auch John Hughes in WEIRD SCIENCE. Es scheint, als sei dieses Computerspiel, das dem Film seinen Titel gibt, ein Überbleibsel eines verworfenen Drehbuch-Drafts, und auch die Komik jener Szenen, in denen Davey sehr zur Verwunderung aller Anwesenden mit seinem imaginären Freund interagiert, fallen tonal aus dem Film heraus. Aber das ist keineswegs ein Nachteil oder gar ein Zeichen des Versagens: CLOAK & DAGGER ist geistreiches, schwungvolles Entertainment mit Mut zu eigenen Ideen und Brüchen, wie man es in dieser Form heute nur noch selten zu sehen bekommt. Die Charakterzeichnungen sind weitestgehend funktional und klischeehaft, aber die guten Darsteller machen den Unterschied. Die mit Abstand schönste Idee des Films ist eine, auf die Franklin relativ wenig Aufmerksamkeit zieht: Dass Davey Held Jack Flack, eines mit allen Wassern gewaschenen Profis, der nie den Mut verliert, ausgerechnet das Gesicht seines Vaters trägt, jenes Mannes, zu dem es ihm nicht gelingt, eine echte liebevolle und von Vertrauen geprägte Beziehung aufzubauen, kann einem in der richtigen Verfassung schon das ein oder andere Tränchen abringen. Ein toller Film, zu Unrecht völlig vergessen und reif für eine Wiederentdeckung.

Mal wieder ein biografisches Detail, das an dieser Stelle unerlässlich ist, denn ich habe diesen nach wie vor zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten gehörenden Spielberg-Klassiker gestern zum ersten Mal gesehen. Ein etwas peinliches Geständnis, doch 1982, als sich alle Welt im E.T.-Rausch befand und vor Verzückung über das Knuddelalien und den Knuddel-Elliott fast einem Zuckerschock erlag, war ich ein kleiner Sechsjähriger, dem die über die Mattscheibe flimmernden Ausschnitte aus dem Film panische Angst einjagten und jede Lust auf den Film im Keim erstickten. Besonders gruselig fand ich den Teleskophals des faltigen Außerirdischen und die Begeisterung meiner Altersgenossen wirkte auf mich  demzufolge ebenso befremdlich wie das die Spielwarenabteilungen der Kaufhäuser flutende Merchandising. Wie konnte man nur eine solch grässliche Gestalt verehren, geschweige denn niedlich finden?

Diese Abscheu wich über die Jahre dann einem souveränen, aber altersgemäßen Desinteresse: Welcher Jugendliche schaut sich schon gern einen Kinderfilm über einen liebenswerten Außerirdischen an, wenn es doch so viel coolere Filme mit bösen extraterrestrischen Invasoren gibt, die statt mit dem heilenden Leuchtfinger mit Phaserkanonen herumwedeln? Eben. Das Verhältnis zu Spielberg ist eh ein kompliziertes, weil man als quasi nebenberuflicher Filmseher vor einem enormen Abgrenzungsproblem steht: Auf der einen Seite ist da die Hochachtung (und auch Begeisterung) vor (bzw. für) Spielbergs unzweifelhafte Regie- und Erzählkunst, auf der anderen die Skepsis und der Widerwillen, mit denen man seine Versuche, enorm schwierige und sensible Stoffe in teures massentaugliches und demzufolge möglichst Profit bringendes Affektkino zu verwandeln, betrachtet. E.T., THE EXTRA-TERRESTRIAL muss man in seinem Schaffen zwar als ganz und gar unproblematischen Film betrachten, doch macht ihn das ja im Vorfeld nicht gerade interessanter. Erschwerend hinzu kommt schließlich, dass man als Filmbegeisterter eh schon genau weiß, was in diesem Film passiert, von Spannung im herkömmlichen Sinn also kaum die Rede sein kann. Aber die Zeit war jetzt irgendwie reif dafür, die klaffende Lücke endlich einmal zu schließen. Kurz vor den Weihnachtsfeiertagen, an denen man rührseligen Stoff ja manchmal regelrecht braucht, bin ich dem Reiz, der von dem strategisch überaus clever direkt an der Kasse des bekannten Elektrodiscounters platzierten Sonderangebot ausging, erlegen wie das Kleinkind dem Überraschungsei: Stimmt, den habe ich ja auch noch nicht gesehen, her damit!

Und wie ich es schon geahnt hatte, genießt E.T., THE EXTRA-TERRESTRIAL seinen guten, wenn auch nicht mehr ganz so vehement verbreiteten Ruf natürlich zurecht und man darf die Spielberg-Skepsis ganz ohne schlechtes Gewissen zugunsten der Spielberg-Begeisterung vergessen. Es ist schon beeindruckend, wie Spielberg über weite Strecken des Films ohne expositorischen Dialog auskommt, stattdessen wichtige Informationen nur über die Bilder vermittelt. Während in anderen Filmen ohne Unterlass gequasselt wird, Charaktere beschreiben, was sie gerade tun, ankündigen, was sie in der nächsten Einstellung tun werden, oder berichten, was sie in der vorangegangenen Einstellung getan haben, dient Spielberg der Dialog ausschließlich zur Charakterisierung seiner Figuren oder zur Schaffung von Atmosphäre bzw. Authentizität. Vor allem die Exposition lebt ausschließlich von ihren starken Bildern – das Raumschiff in den Bergen über Los Angeles, die gewaltigen, in den Nachthimmel stoßenden Bäume, die Lichtschwerter der Taschenlampen, die das Dunkel auf der Suche nach den Außerirdischen zerschneiden, der Dunst im Garten von Elliotts Zuhause –, die bereits das dem Film zugrunde liegende Thema andeuten: Spielberg kontrastiert die unschuldige, offene und vorurteilsfreie Sicht der Kinder mit der zielgerichteten, selektiven, voreingenommen und deshalb aggressiven Perspektive der Erwachsenen und deutet an, das letztere die Welt nicht weiterbringen, sondern im Gegenteil viele Probleme schaffen wird. Das ist natürlich recht plakativ und einfach, aber trotzdem niemals kitschig oder rührselig, zumal man allzu krasse Schwarzweiß-Malerei, die das Thema ja eigentlich anbietet, vergeblich sucht. So ist etwa der federführende Wissenschaftler mitnichten ein gewissenloses Monster, sondern ein Gesinnungsgenosse des kleinen Elliott, ein Erwachsener, der immer noch in der Lage ist, die Welt durch Kinderaugen zu betrachten.

Abschließend muss ich noch erwähnen, dass ich eine Fassung des Films gesehen habe, die mit aufgehübschten Effekten und neuen Szenen „verbessert“ wurde. So sehr ich es nachvollziehen kann, dass die enormen Fortschritte, die die Effektkunst in den letzten 30 Jahren gemacht hat, in den Filmemachern das Bedürfnis weckt,  ihre „veralteten“ Werke zu korrigieren, so fürchterlich finde ich die Vorstellung, dass alles, was Filme als Produkte ihrer Zeit erkennbar macht, getilgt wird und diese so in buchstäblich zeit- und ortlose Artefakte verwandelt werden. Im vorliegenden Fall sind diese „Verbesserungen“ nicht nur unnötig – Eventkino-Megalomanie ist E.T., THE EXTRA-TERRESTRIAL reichlich fremd –, sie zerstören auch den Eindruck eines homogenen Werks, suggerieren, dass ein Film aus miteinander allenfalls in loser Verbindung stehenden Einzelbestandteilen zusammegfügt ist, die man austauschen kann. Gerade Spielberg sollte es eigentlich besser wissen.