Mit ‘Herbert Fleischmann’ getaggte Beiträge

Episode 104: Tödliches Rendezvous (Jürgen Goslar, 1983)

Ein Bankräuber kann in einem Taxi vor dem ihn verfolgenden Derrick fliehen. Der Taxifahrer Walter Hagemann (Peter Ehrlich) erkennt den Maskierten jedoch an seiner Stimme und schlägt ihm einen Deal vor: sein Schweigen gegen einen Anteil der Beute. Doch das finanzielle Glück hat einen hohen Preis: Als nämlich ein junger Mann, den der Bankräuber im Verlauf seines Überfalls niedergeschlagen hatte, seinen Verletzungen erliegt, bringt der Täter den nun gefährlichen Hagemann kurzerhand um …

Nach ein paar etwas lustlos und unausgegoren anmutenden Folgen hatte ich ja schon die Befürchtung, die Zeit der DERRICK-Herrlichkeit sei vorbei. „Tödliches Rendezvous“, die erste von Jürgen Goslar inszenierte Episode, ist zwar kein Klassiker, aber ein merklicher Schritt hin zur alten Stärke. Die Episode zeichnet sich durch ein klar strukturiertes Drehbuch mit einem nachvollziehbaren Konflikt und diese spezielle Dynamik aus, die den Betrachter dazu zwingt, mit den zu Tätern gewordenen Normalos zu zittern. Thomas Schücke ist mal wieder mit von der Partie, als Sohn des Taxifahrers, der um jeden Preis an dem Geld festhalten will, und natürlich ideal für den Typus des sich für obercool und intelligent haltenden Schnösels, dem dann merklich die Düse geht, wenn er dem Terrier namens Derrick gegenübersitzt. Die Besetzung ist eh vorzüglich: Peter Ehrlich sehe ich immer gern, neben Schücke ist mit Verena Peter ein weiterer DERRICK-Regular dabei (als Tochter), das Todesopfer wird gegeben von Robinson Reichel, der seinen ersten von sieben Auftritten im Rahmen der Reihe absolviert, und ein sehr verfallener Erik Schumann wirkt in einer zwar kurzen, aber doch sehr wichtigen Rolle mit. Und Goslar inszeniert mit einem Drive, der anderen DERRICK-Machern eher abgeht. Das reicht.

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Episode 105: Lohmanns innerer Frieden (Jürgen Goslar, 1983)

15 Jahre hat Alex Lohmann (Martin Benrath) unschuldig im Gefängnis gesessen. An seiner Stelle hat der eigentliche Täter, Lohmanns alter Freund Schorff (Sieghardt Rupp), Hanna (Christiane Krüger), Lohmanns Ex, geheiratet, die ihm auch das entscheidende Alibi verschafft hatte. Nun wird Lohmann entlassen, doch nichts könnte ihm ferner liegen als Rache. Das kann wiederum seine Familie, bei der er untergekommen ist, überhaupt nicht nachvollziehen. Vor allem sein Schwager Willi (Udo Thomer) und sein Neffe Ludwig (Stephan Reichel) sticheln ohne Unterlass …

Goslar brauchte genau zwei Folgen, um sich mit seinem ersten Meisterwerk einen Platz in den DERRICK-Annalen zu sichern. „Lohmanns innerer Frieden“ wirkt wie eine Variation auf „Der Untermieter“, was nicht die schlechteste Ausgangsbasis ist, hat ein tolles Thema, in Martin Benrath einen exzellenten Hauptdarsteller, ein paar schicke, wunderbar zeitgenössische Inszenierungseinfälle und dazu ein ordentlich reinknallendes, perfides Ende. Zugegeben, Reinecker übertreibt es in dem Bemühen, den vermeintlich „Normalen“ ein schlechtes Zeugnis auszustellen, hier ein wenig: Dass Lohmanns Verwandte ihn förmlich zur Rache anstacheln, wirkt genauso übertrieben wie die Szene, in der der empfindsame Ex-Knacki durch einen Besuch in der Spielhalle und die dort auf ihn einprasselnden Pixelgrafiken desensibilisiert wird. Aber irgendwie ist das auch wieder egal, denn a) ist Udo Thomer einfach super als sensationsgeiles, schadenfrohes und missgünstiges Teufelchen auf Lohmanns Schulter und b) kommen schnell geschnittene Videospiel-Montagesequenzen aus jenen Tagen einfach immer gut. Und dann ist da ja noch dieses Ende …

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Episode 106: Attentat auf Derrick (Zbynek Brynych, 1983)

Auf Derrick wird ein Mordanschlag verübt. Während der Oberinspektor im Krankenhaus liegt, beginnt Harry seine Ermittlungen: Er vermutet die inhaftierte Unterweltgröße Korda hinter dem Mordversuch und zieht den Ex-Polizisten und V-Mann Jacobsen (Karl Renar) hinzu. Der schlägt Harry wiederum vor, sich an Michael (Till Topf), den ahnungslosen Sohn Kordas, zu wenden, um sein Vertrauen zu gewinnen. Harry macht sich als Anwalt an den Jungen ran, der sich von dem vermeintlichen Juristen Informationen über seinen Vater erhofft …

Geile Episode, in der Reinecker’scher Moralismus, Brynych’sche Wildheit und die in den frühen Achtzigern wie aus der Zeit gefallen annmutende Melodramatik der Serie zusammen einen kräftig-sämigen Eintopf ergeben. Die Szenen mit Harry am Krankenbett des bewusstlosen Derrick sprühen wieder vor unterschwelliger Homoerotik: Es ist auffällig, dass die immer dann in den Vordergrund tritt, wenn das Drehbuch dem Assistenten den Vortritt lässt. Auch nach über 100 Episoden ist Harry über den Status des Hiwis nicht hinaus: Ganz schön bitter, wenn man bedenkt, dass er Kommissar Keller einst verließ, um den nächsten Karriereschritt zu machen. Aber auch rätselhaft, dass Wepper davon nie genug zu bekommen schien. Möglicherweise konnte er sich andere Rollen nach 15 Jahren Assistententum nicht gerade aussuchen, aber dass sich seine Funktion bei DERRICK eigentlich darauf beschränkt, den Oberinspektor im direkten Vergleich besser aussehen zu lassen, kann schauspielerisch nicht besonders befriedigend gewesen sein.

Doch zurück zum Thema: Das Zusammenspiel zwischen Harry und Jacobsen hat durchaus etwas vom US-Großstadtkrimi (Harry trägt einmal einen grünen Armeeparka und eine schwarze Strickmütze und sieht damit aus, wie der Schwager vom Exterminator), auch wenn das mafiöse Empire von diesem Korda, dessen Keimzelle ein ultraschäbiger Nachtclub ist, in dem ein vogelscheuchenartiger DJ seinen Job als Mischung aus Ausdruckstanz und Kirmesanimation interpretiert, dann doch eher provinziell und unambitioniert anmutet. Es gibt am Schluss eine schier unglaubliche, gewissermaßen an das platonische Höhlengleichnis angelehnte Montagesequenz, die die Eindrücke zusammenfasst, die auf den armen Michael einprasseln und ihm zeigen, wer sein Vater wirklich war: eine Collage von blinkenden Neonlichtern, blitzenden Spielhallen, bestrumpften Beinen in High-Heels, die auf regennassem Kopfsteinpflaster auf und ab gehen, krass geschminkten Nuttengesichtern und halbseidenden Proleten vor glänzenden Luxusautos. Das Ganze endet, natürlich, mit dem Close-up auf den schreienden Michael, den Harry nach der Tour durchs Münchener Nachtleben erst einmal auf einen Absacker in eine Pinte mitgenommen hat: Das nennt man Fürsorge.

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Episode 107: Die Schrecken der Nacht (Zbynek Brynych, 1983)

In Giesing geht ein Serienmörder um, der nachts dunkelhaarige Mädchen erwürgt. Während Derrick sich in Reha befindet, tut sich Harry mit dem Giesinger Polizeiveteranen Ludewig (Dirk Dautzenberg) zusammen. Die Ermittlungen führen sie ins „Blaueck“, die Pinte von Bandener (Michael Toost), wo das letzte Opfer sich kurz vor seinem Tod aufgehalten hatte. Als alle Versuche, den Täter aufzuspüren, nicht fruchten, setzt Harry die Kollegin Carla Meissner (Monika Baumgartner) als Lockvogel ein …

Eine Serienmörderfolge, die wie der Vorgänger Vergleiche mit US-Vorbildern herausfordert und Harry einen Partner zur Seite stellt, ohne den er scheinbar keinen Fall lösen kann. Ist der liebenswerte, manchmal etwas naive Harry in der Zusammenarbeit mit Derrick lustigerweise der spießigere der beiden, wird er hier vom Traditionalisten Ludewig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als er modernen Schnickschnack wie Monitor, Überwachungskameras und Richtmikrofone anschleppt, aber am Ende fast den Tod seines Lockvogels verschuldet. Dieses Ende ist der einzige Wermutstropfen in einer ansonsten sehr stimmungsvollen Episode: DERRICK ließ pfundige Actionszenen fast immer vermissen, auch wenn sie manchmal den letzten Kick gegeben hätten, und Brynych ist erstaunlicherweise einer derjenigen, die in dieser Hinsicht regelmäßig versagen. Das Finale mutet in seiner Hölzernheit eher unfreiwillig komisch statt spannend oder gar erschreckend an, kann den positiven Gesamteindruck aber zum Glück nicht schmälern. Mit Thomas Asam und Volker Eckstein spielen zwei Dauerbrenner mit.

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Episode 108: Dr. Römer und der Mann des Jahres (Theodor Grädler, 1983)

Ein Wissenschaftler wird in seinem abgesicherten Labor erschossen. Zeugen erklären, dass der Mann, den sie kurz zuvor in das Gebäude hatten gehen sehen, der ehemalige Mitarbeiter Dr. Römer (Erich Hallhuber) war, der drei Monate zuvor in der Nervenheilanstalt von Prof. Rotheim (Ernst Schröder) verstorben ist. Bei seinen Ermittlungen findet Derrick heraus, dass Römers Arbeitgeber an der Herstellung künstlicher Intelligenz arbeitet und Römer – wie auch sein Arzt Rotheim – der Meinung waren, die Erfindung stürze die Menschheit in den Untergang …

Theodor Grädler ist für mich ja der heimliche Held von DERRICK. Haugk, Brynych oder auch Vohrer mögen die größeren Einzelepisoden hervorgebracht haben, aber Grädler ist wohl derjenige, der den Ton der Serie nicht nur am verlässlichsten trifft, sondern ihn durch bloße Beharrlichkeit und Beständigkeit auch ganz entschieden geprägt hat. „Dr. Römer und der Mann des Jahres“ ist ein gutes Beispiel. Die Episode ist ein bisschen tranig, konzeptschwer und sperrig, dabei aber immer auch wieder seltsam trashig und pulpig: Der Computerraum, in dem der initiale Mord verübt wird, würde jedem Jess-Franco- oder David-DeCoteau-Film zur Ehre gereichen. Und das Ende knallt einem mit seinem Retrofuturismus, der philosophischen Message und den programmatisch stummen Credits voll in die Fresse. DERRICK ist unverkennbar ein Kind der plüschig-muffigen Siebziger, reckt sich von seinem grünbraunen Ohrensessel immer wieder ambitioniert nach den unerreichbaren Klassikern der linken Kulturrezeption, nur um auf halbem Weg an der Gesamtausgabe von Heinrich Böll hängenzubleiben, nachdem es sich am Hirschgeweih den Kopf gestoßen hat. Dass ungefähr zur selben Zeit, ein paar Tausend Kilometer weiter westlich, eine Serie wie MIAMI VICE entstand, kann man kaum glauben, wenn man sich das hier zu Gemüte führt. Grädlers „Dr. Römer und der Mann des Jahres“ wirkt wie aus einer anderen Galaxie. (Schon allein der Titel!) Toll.

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Episode 109: Das Mädchen in Jeans (Theodor Grädler, 1984)

Alwin Hauff wird in seiner Wohnung vergiftet aufgefunden. Offensichtlich hatte jemand ein paar präparierte Pralinen in seiner Wohnung hinterlassen, die den Aussagen von Nachbar Martin (Otto Bolesch) zufolge immer offenstand. Als sich herausstellt, dass Alwins Schwester und Mitbewohnerin Rita (Anja Jaenicke) ein Verhältnis mit dem viele Jahre älteren, beruflich erfolgreichen und gesellschaftlich hoch gestellten Wissenschaftler Prof. Joachim von Haidersfeld (Herbert Fleischmann) hatte, vermutet er, dass die Pralinen nicht für den Bruder gedacht waren …

Die Besetzung von Anja Jaenicke in der Rolle Ritas darf man wohl „kongenial“ nennen: Es tut mir schrecklich leid für die Schauspielerin, aber ich kann ihre Fresse einfach nicht ertragen. Schon damals bei DIESE DROMBUSCHS ging sie mir als „Yvonnche“ massiv auf die Nerven mit ihrer ständig Bocklosigkeit zum Ausdruck bringenden Visage. Die Verachtung, die sie vonseiten der Frauen um den Professor – seiner Gattin (Elisabeth Müller), seiner Mutter (Alice Treff) und seiner Haushälterin (Anaid Iplicjian) – auf sich zieht, kann ich demnach nur zu gut nachvollziehen. Die Beziehung zwischen ihr und Fleischmann wirkt einfach lächerlich. Aber das ist wohl auch der Sinn der Sache: Man soll das nicht verstehen, lediglich die Tatsache akzeptieren, dass so etwas passieren kann. Und versuchen, die Sehnsucht nachzuvollziehen, die ein Mann des Geistes und der Hochkultur nach einem Menschen entwickelt, der mit viel basaleren Bedürfnissen beschäftigt, weniger in gesellschaftliche Zwänge und überkandidelte Bräuche involviert ist. Bei der Zeichnung des Haiderfeld’schen Haushalts ist Reinecker voll in seinem Element, lässt Alice Treff über „das, was man heute so Musik nennt“ geifern und die hüftsteifen Würdenträger zu einem im heimischen Salon veranstalteten Streicherkonzert auflaufen. Wie sich die feinen Herrschaften da anmaßen, über einfache Leute zu urteilen, lässt einem den Kopf schon rot anlaufen, aber ein bisschen mehr Geschmack hätte der Haiderfeld durchaus an den Tag legen dürfen.

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Episode 110: Die Verführung (Helmuth Ashley, 1984)

Der Schüler Erich Wobeck (Hans-Jürgen Schatz) macht die Bekanntschaft von Knut (Helmut Dauner), der den jungen Mann in seine Clique einführt. Man weiß früh, dass sie einen bösen Plan verfolgen und so kommt es dann auch: Willi (Werner Stocker) überredet Erich, ihm bei einem Einbruch zu helfen. Erich willigt ein, nur um wenig später als Einbrecher und Mörder verhaftet zu werden. Sein Vater (Gert Günther Hoffmann), selbst Polizist, ist entsetzt – und bittet Derrick um Hilfe. Der muss aber zur Kenntnis nehmen, das zwei Männer Willi ein Alibi für die Tatzeit geben. Einer von ihnen ist Karl Georg Zander (Karl Obermayr), den Wobeck vor Jahren ins Gefängnis gebracht hatte …

Die Folge von Ashley kehrt strukturell in die Anfangszeiten der Serie zurück, was bedeutet, dass es ziemlich lang dauert, bis Derrick auftritt. Bis dahin folgt der Zuschauer dem naiven Erich, der keine Freunde hat und auf die Zuwendung vom coolen Knut und seinen noch cooleren Kumpels entsprechend anspringt. Hans-Jürgen Schatz, der wenig später als Karteikarten pflegender Kollege Fabers in DER FAHNDER bekannt werden sollte, ist auch ohne Brille die Idealbesetzung für den blässlich-uncoolen Typen, der auf die Manipulationen der Übeltäter gnadenlos hereinfällt. Besonders schön an dem Anfangsdrittel sind die Nachtszenen in München, vor allem eine Motorradfahrt durch die beleuchteten Straßen hat mir gut gefallen. Der anschließende Fall ist dann weniger knifflig, als es zunächst den Anschein hat, weil Derrick auf den ersten Blick sieht, dass Erich weder ein Einbrecher noch ein Mörder ist. Dass es trotzdem nicht langweilig wird, liegt vor allem an Karl Obermayr, dessen Zander einer jener Schurken ist, die man mit Begeisterung hassen kann. Seine ätzende Schadenfreude, die Herablassung für Wobeck und die Arroganz, mit der er seinen vorübergehenden Triumph auskostet wird durch seinen zumindest für Preußen wie mich unerträglichen Dialekt noch gehörig verstärkt. Was für ein Arschloch!

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Episode 111: Manuels Pflegerin (Helmuth Ashley, 1984)

Der München-Reisende Dr. Masilke (Alf Pankarter) wird in seinem Hotel erschossen. Sein Freund, der Bauunternehmer Dr. Wolfgang Rohm (Herbert Fleischmann), steht vor einem Rätsel, hatte sich Masilke doch schon vor Jahren aus allen Geschäften zurückgezogen, nachdem er sich wegen der Industriespionage seiner damaligen Sekretärin verantworten musste. Zeitgleich bändelt Rohms jüngerer, querschnittsgelähmter Bruder Manuel (Sascha Hehn) mit seiner neuen Pflegerin Ingrid (Susanne Uhlen) an …

Ach, herrje. Ich habe ja durchaus ein Faible für den Schmierschmalz, der in DERRICK mitunter zelebriert wird. Wenn Hehns Manuel seine Ingrid in der schwerfälligen Reinecker’schen Prosa anschmachtet und dazu tiefmelancholische Klaviermusik ertönt, übt das durchaus einen gewissen perversen Reiz auf mich aus, aber Ashley versäumt es mit „Manuels Pflegerin“ leider, den passenden Kontrapunkt zu solch fragwürdiger Romantik zu finden. Dass der ganze Kriminalfall irgendwie holprig konstruiert und insgesamt unglaubwürdig ist, hilft auch nicht gerade.

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Episode 112: Drei atemlose Tage (Alfred Vohrer, 1984)

Die beiden arbeitslosen Kumpel Harald (Ekkehardt Belle) und Karl (Stefan Flemming) vertreiben sich ihre Tage mit postpubertärem Gehabe, das die Grenzen dessen, was man Sympathieträgern noch nachsieht, auch schon einmal überschreitet. Als sie ein Auto klauen, in dessen Kofferraum sich Heroin befindet, will Karl es zurückgeben. Doch von dem Treffen mit den Verbrechern kommt er nicht mehr zurück. Harald verschweigt gegenüber Derrick, was er weiß, denn er will den mutmaßlichen Täter Jablonski (Sky DuMont) selbst zur Strecke bringen.

Ekkehardt Belle hat sich endlich einen menschenwürdigen Haarschnitt zugelegt. Die geradezu väterliche Zuneigung, die ihm Derrick entgegenbringt, macht die Folge sehr warm und menschlich, auch wenn Harald und Karl diese Sympathie aus heutiger Sicht nicht unbedingt rechtfertigen. Beide sind zwar keine schlechten Menschen, aber ihr Halbstarkengetue und das, was sie als „Dampfablassen“ bezeichnen, würde heute sicherlich auf nicht mehr ganz so viel Nachsicht und Verständnis stoßen. Trotzdem: Die Szenen, in denen sich Derrick das Vertrauen des jungen Mannes förmlich erkämpft, sind sehr schön, und wenn er Harald am Ende in letzter Sekunde noch vor den Schurken retten kann, zugibt, sich Sorgen um ihn gemacht zu haben, offenbaren sich ganz neue Seiten an Derrick. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er Harald anschließend adoptiert hätte. Ute Willing ist auch wieder dabei und sieht erneut fantastisch aus, Sky DuMont ist hingegen mal wieder ein bisschen verschenkt – sieht aber auch fantastisch aus.

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Episode 113: Tödlicher Ausweg (Alfred Vohrer, 1984)

Sehr zum Missfallen seiner Familie – Gattin Antonia (Reinhild Solf) und Sohn Rudolf (Pierre Franckh) – will Günter Hauser (Udo Vioff) die viele Jahre jüngere Hanna (Olivia Pascal) heiraten. Doch dann wird das Mädchen ermordet und der wie gelähmte Hauser kehrt zu seiner Familie zurück. Der Mordverdacht fällt zunächst auf den exaltierten Rudolf, einen Kindergärtner, der sehr genaue Vorstellungen davon hat, was richtig und falsch ist …

Olivia Pascal ist leider schon tot, bevor sie einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen kann. Immerhin gibt es eine Aerobicszene mit ihr. Ansonsten gehört diese Folge ganz Pierre Franck, dem DERRICK-Veteran. Ein bisschen unheimlich ist er ja immer, aber hier wird das ihm inhärente Psychopotenzial erstmals voll ausgeschöpft. Wenn er da über die Erziehung von Kindergartenkindern schwadroniert, seinen Beruf offensichtlich nicht nur mit großer Inbrunst ausübt, sondern eine echte Lebensphilosophie darauf aufbaut, sieht man schon den kommenden Serienmörder vor sich. Natürlich ist er dann doch nicht der Täter. Die Episode bietet nicht allzu viele Überraschungen, aber diese Folgen, in denen sich der ganz normale Horror in den vermeintlich vornehmen Familien entbirgt, zählen mit zu meinen liebsten. Das ist eine davon.

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Episode 114: Keine schöne Fahrt nach Rom (Alfred Weidenmann, 1984)

Martin Maurus (Thomas Schücke) will gemeinsam mit seiner Freundin Sabine (Beate Finckh) per Anhalter nach Rom fahren. Sie endet allein in einem Lkw, Martin versucht ihn mithilfe eines vorbeikommenden Autofahrers Henschel (Heinz Reincke) zu stoppen, doch der Mann bekommt kalte Füße und wirft den jungen Mann raus. Wenig später findet man die Leiche von Sabine, der Lkw, in dem sie mitfuhr, stellt sich als gestohlen heraus. Derrick glaubt, dass der Mann, der Martin mitnahm, möglicherweise mit den Lkw-Dieben unter einer Decke gesteckt haben könnte.

Hier bekommt Thomas Schücke, der schon ein paarmal mit von der Partie war, viel Raum. Und wie er da vor sich hin brütet, man lange Zeit nicht so genau weiß, was er eigentlich im Schilde führt, prägt die Folge von Weidenmann, der es leider gegen Ende ein bisschen versäumt, noch eine Schippe draufzulegen. Aber das ist ja auch nichts Neues bei DERRICK: So ’nen richtig geilen Showdown hatte die Serie bisher noch nicht in petto. Aber gut, Heinz Reincke mal als Bösewicht und Ulli Kinalzik als Mörder mit den Jeans in den Cowboystiefeln hat ja auch was.

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Episode 115: Ein Spiel mit dem Tod (Theodor Grädler, 1984)

Der alternde Safeknacker Kussloff (Horst Wessely) wird beim Einbruch in das Haus des Unternehmers Hossner vom Alarm überrascht, kann aber noch fliehen. Den Schreck erlebt er am nächsten Morgen, als er in der Zeitung lesen muss, dass er wegen Mordes gesucht wird: Der Hausbesitzer wurde tot vor dem offenen Safe gefunden. Für Derrick stimmt etwas nicht an der Geschichte, die ihm Hossners Gattin Agnes (Kristina Nel), sein Bruder Ulrich (Wolf Roth) und sein Angestellter Muschmann (Edwin Noel) erzählen. Dass ihn Kussloffs Tochter Lena (Verena Peter) aufsucht und die Unschuld ihres Vaters beteuert, der auf einen Tipp hin in Hossners Haus einstieg, passt da gut ins Bild …

Gute Durchschnittsepisode, die meines Erachtens besser geworden wäre, wenn Wessely als alter Gewohnheitsverbrecher, der keine Hoffnung auf ein normales Leben sieht, noch länger hätte mitmachen dürfen. Die Hossners sind wieder eine dieser durch und durch verkommenen Unternehmerfamilien, in denen jeder zu allem fähig scheint, aber alle es perfekt verstehen, nach außen den schönen Schein zu wahren. Wolf Roth trägt Halstücher unter dem Hemd und hat einen mondänen Gehstock, weil er eine Beinprothese trägt.

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Episode 116: Ein Mörder zu wenig (Alfred Vohrer, 1984)

Walter Kramer (Wolfgang Wahl) fordert seinen Arbeitskollegen Alois Bracht (Dirk Dautzenberg) dazu auf, einen Lottoschein auszufüllen. Die Freude bei Bracht ist grenzenlos, als er feststellt, tatsächlich sechs Richtige getippt zu haben. Doch Kramer, der den Schein unter seinem Namen eingereicht hat, denkt gar nicht daran, den Freund zu beteiligen. Ist seine folgende Ermordung die Strafe für den Betrug? Oder hat doch Kramers scheidungswillige Gattin (Karin Baal) etwas damit zu tun?

Die Folge gefällt, weil die Ausgangssituation wirklich schmerzhaft gemein ist: Dautzenberg ist genau der richtige Typ, um ihm einen Millionengewinn auf diese Art und Weise vorzuenthalten. Die Folge ist lange Zeit spannend, weil es wirklich gelingt, mehrere Figuren verdächtig erscheinen zu lassen. Karin Baal, Dautzenberg und der ewige Loser Volker Eckstein: Jedem traut man den Mord zu. Dass dann doch noch ein anderer Täter aus dem Hut gezaubert wird, ist eigentlich schon ein bisschen zu viel des Guten.

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Episode 117: Angriff aus dem Dunkel (Jürgen Goslar, 1984)

Nach einer Reihe mysteriöser Anrufe trifft der Mordanschlag nicht Ute Reiners (Birgit Doll), sondern deren Freundin. Die junge, elterlose Frau ist völlig fassungslos: Wer könnte ihr etwas antun wollen? Ein Telegramm, mit dem sie aufgefordert wird, einen ihr völlig unbekannten sterbenden Mann im Krankenhaus zu besuchen, macht die Sache nur noch rätselhafter …

Gute Folge, die lange im Dunkeln lässt, worin die Verbindung zwischen der jungen Frau und dem Mann im Krankenhaus eigentlich besteht. Als das dann offengelegt wird, wird’s ein bisschen herkömmlich, aber es reicht immer noch für eine überdurchschnittliche Episode.

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Episode 118: Ende einer Sehnsucht (Michael Braun, 1984)

In einem Hotelzimmer wird ein junger Mann tot von einem von Derricks Kollegen Merck (Robert Kappen) aufgefunden. Bei dem Toten handelt es sich um einen ehemaligen Freund von Mercks Tochter Irene (Marion Martienzen). Die beiden waren unzertrennlich, zusammen auf der Suche nach spiritueller Erfüllung um die Welt gereist und hatten dabei wohl auch mit Drogen experimentiert …

Die Sichtung dieser Folge liegt mittlerweile Monate zurück und ich kann mich nur noch sehr dunkel an sie erinnern. Herausragend ist in jedem Fall der Auftritt eines Gitarristen, der aussieht, als sei er in eine Kiste mit den schlimmsten Klamotten der Achtziger gefallen.

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Episode 119: Gangster haben andere Spielregeln (Alfred Vohrer, 1984)

Ein Student (Jan Niklas) lässt sich von einem ehemaligen Arbeitskollegen, dem wankelmütigen Dr. Blunk (Klausjürgen Wussow), zu einem Einbruch in die Wohnung von Dr. Balthaus (Hans Korte) überreden, um dort wertvolle Unterlagen zu stehlen. Erst wird er von Balthaus‘ Gattin Ruth (Evelyn Opela) erwischt, wenig später ist er tot …

In Erinnerung geblieben ist mir Wussow, der sich als Blunk beim Besuch von Derrick erst mal ganz unverdächtig einen steifen Drink eingießt. Derricks Frage, ob Blunk Alkoholiker sei, ist angesichts der Anzahl von Cognacs, Whiskeys und Weißbieren, die der Oberinspektor in den zehn Jahren seiner Fernsehtätigkeit im Dienst verköstigt hat, ziemlich unverschämt und lässt Blunk dann auch prompt aus der Haut fahren: Da steht jemand gehörig unter Stress. Schön ist auch die dysfunktionale Ehe zwischen Balthaus und seiner Frau: Als sie ihm den Scheidungswunsch serviert, mahnt er sie dazu, noch einmal gut darüber nachzudenken, was sie alles verlieren werde. Dann dreht er sich um und verlässt den Raum.

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Episode 120: Das seltsame Leben des Herrn Richter (Theodor Grädler, 1984)

Der Versicherungsvertreter Richter (Klaus Behrendt) wird während eines Treffens mit seinem Sohn (Edwin Noel) im Park von einem Unbekannten erschossen. Es stellt sich heraus, dass der brave Richter ein Doppelleben in Saus und Braus führte: Er verdiente sich etwas zu seinem kargen Gehalt, indem er einen Einbrecherring über die versicherten Vermögen informierte …

Interessante Episode, weil die Idee des Doppellebens mal was Neues ist und Jürgen Behrendt der richtige Darsteller dafür: Er ist genau der Typ Biedermann, dem man so etwas nie zutrauen würde und der genau deshalb damit Erfolg hat. Klaus Höhne und Peter Bertram sind die Schurken.

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Episode 121: Der Klassenbeste (Theodor Grädler, 1984)

Wolfgang Anders (Ralf Schermuly) verursacht auf dem Heimweg von seinem Klassentreffen einen Unfall mit Todesfolge. Zwei Anhalterinnen (Helga Anders & Anne Bennent) helfen ihm, die Spuren zu tilgen und überreden ihn zur Fahrerflucht: Später erpressen sie ihn und nisten sich bei ihm in der Wohnung ein …

Sehr stressige Folge, weil man dem braven Anders ständig zurufen möchte, dass er sich doch gegen das böse Spiel der beiden Mädels – zu denen auch noch die passenden Typen aus dem Milieu gehören – wehren möge. Aber er ist natürlich viel zu schwach, um sich durchzusetzen. Der schlimmste Moment ist sicher der, als er seiner Verlobten verzweifelt versucht zu erklären, warum da zwei halbnackte Frauen in seiner Wohnung hausen.

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Episode 122: Stellen Sie sich vor, man hat Dr. Prestel erschossen (Zbynek Brynych, 1984)

Der Staatsanwalt Prestel (Peer Augustinski) wird vor seiner Wohnung aus einem Auto erschossen. Er war in Begleitung von Dora Kolberg (Ursula Lingen), der Ehefrau des gehbehinderten Verlegers Alexander Kolberg (Armin Müller-Stahl). Der Anwalt hatte auch im Fall Kolbergs die Verhandlungen geführt und ihm darüber die Frau ausgespannt. Ein Motiv gibt es, aber Kolberg ist unfähig ein Fahrzeug zu führen …

Diese Folge habe ich unter denkbar ungünstigen Umständen in mehreren Etappen gesehen und kann deswegen kein verlässliches Urteil abgeben. Richtig umgehauen hat sie mich nicht, aber vielleicht ändert sich das bei einer zweiten Sichtung.

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Episode 123: Der Mann aus Antibes (Jürgen Goslar, 1984)

Eine junge Frau (Irina Wanka) wird erstochen. Die Spur führt zu ihrem Geliebten Limbach (Sky DuMont), einem schmierigen Filou, der die Frauen wechselt wie andere die Unterwäsche und keinerlei Mitgefühl angesichts der Todesnachricht zeigt. Wenig später taucht mit Bondeck (Christian Kohlund) ein zweiter Ex-Geliebter der Toten auf: Er ist der festen Überzeugung, dass Limbach der Mörder ist und will Derrick helfen, ihn dingfest zu machen.

Sky DuMont ist alles in dieser Folge: Limbachs Wohnung ein Albtraum neureicher Geschmacksverirrung, er selbst das Paradebeispiel eines selbstverliebten Lackaffen. Bondeck ist demgegenüber der Kumpeltyp in Turnschuhen, ein echter Mann, der im Einklang mit seinen Gefühlen ist und deshalb natürlich die Sympathien auf seiner Seite hat. Man ahnt allein aufgrund dieser Konstellation, dass Limbach nicht der Mörder sein kann, aber die Episode ist trotzdem ganz gut.

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Episode 124: Gregs Trompete (Jürgen Goslar, 1984)

Der Musikstudent Joachim Lutze (Ekkehardt Belle) kommt an einem Unfallort vorbei und nimmt das Opfer, eine junge Frau, mit ins Krankenhaus. Sie überantwortet ihm eine Tasche und bittet ihn, diese bei einem Herrn Berkhahn (Karl Renar) abzugeben, was Lutze auch tut. Als er das Unfallopfer, das er im Nachhinein als die Musikerin Susanne Loon identifiziert, im Krankenhaus besuchen will, erfährt er von Oberinspektor Derrick, das sie tot ist. Offensichtlich war Loon in Drogengeschäfte involviert …

Wie immer, wenn sich Drehbuchautor Reinecker mit Popmusik auseinandersetzt, wird es seltsam. Susanne Loon soll wohl eine Art Popstar sein, aber die Musik, die man von ihr hört, ist dann eher was für angegraute Musikexpress-Leser. Auf einem Plattencover, das in die Kamera gehalten wird, steht außerdem groß drauf, dass „Greg Norman“ die Trompete spielt, als könne man mit einem solchen Hinweis anno 1984 die Kids ködern. Naja. Pierre Franckh taucht auch wieder mal auf, genauso wie Wolfgang Müller, beide als Muckerkumpels besagten Gregs (Dieter Schidor), der als Heroinsüchtiger nichts anderes tut, als schwitzend in der Ecke einer gammeligen Bude zu sitzen. Der Schurke ist Sieghardt Rupp und die ganze Folge kommt trotz netter Einfälle nicht über Durchschnitt hinaus.

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Episode 125: Raskos Kinder (Theodor Grädler, 1984)

Michael (Volker Eckstein) und Anja Rasko (Anja Jaenicke) überreden den Kriminellen Alwin Docker (Peter Kuiper) zu einem Überfall auf einen Geldboten. Das pikante Detail: Der Geldbote ist ihr Vater (Peter Ehrlich), der dann auch prompt sein Leben lässt, als er sich gegen Docker zur Wehr setzt. Wenig später ist auch Docker tot, erschossen in seinem Motel, dass er zusammen mit seiner Geliebten Evelyn (Lisa Kreuzer) und dem Portier Kurt (Andreas Seyferth) führt …

Peter Ehrlich, die deutsche Antwort auf Ed Lauter, ist für mich das Highlight dieser schönen Folge. Wie er seinen beiden aus der Art geschlagenen Kindern versucht gut zuzureden, dass sie etwas machen sollen aus ihrem Leben, anstatt darauf zu hoffen, dass ihnen das große Geld in den Schoß fällt, ist sehr schön, genauso wie seine Unfähigkeit, ihnen ihre Faulheit wirklich übel zu nehmen. Peter Kuiper, sonst immer der Gewaltverbrecher, mit dem man sich bloß nicht anlegen sollte, darf hier einmal Schwäche zeigen: Sehr toll, wie ihn plötzlich die Angst überkommt, dass die beiden Amateure, mit denen er sich da eingelassen hat, ihn verpfeifen könnten. Und Eckstein und Jaenicke sind natürlich auch perfekt als verwöhnte, naive, letztlich furchtbar rückgratlose Jammerlappen.

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Episode 126: Toter Goldfisch (Zbynek Brynych, 1984)

Roland Marks (Hans Georg Panczak) und sein Geliebter Andreas Hessler (Gerd Böckmann) leisten sich ihren Lebensstil, indem ersterer sich auf die Annoncen älterer, wohlhabender Frauen meldet und diese dann nach Strich und Faden ausnimmt. Sein letztes Opfer hat sich daraufhin umgebracht, ein Umstand, der den mit Selbstmorden betrauten Lapper (Robert Naegele) zu Derrick führt, dem der weinerliche, lappenhafte Kollege zuwider ist. Marks hat indessen das nächste Opfer ins Auge gefasst: Julia Stettner (Elisabeth Wiedermann), die dem Charme des Studenten nach anfänglicher Skepsis und trotz Intervention ihres Sohnes Ingo (Thomas Astan) erliegt. Als Marks sie eines Abends in seine Wohnung bringt, liegt sein Freund Andreas tot auf dem Boden: Er ist durch die Tür erschossen worden …

Mal wieder ein echtes Meisterwerk von Brynych. „Toter Goldfisch“ hat alles, was eine DERRICK-Episode braucht: einen ultrakitschigen Titelsong von Frank Duvall, einige sehr bizarre Szenen sowie Darsteller, die am Rande des Nervenzusammenbruchs agieren. Panczak verbringt die letzten zehn Minuten im Zustand tränengeschüttelter Auflösung, Naegele entlockt mit seiner psychotisch-schlappschwänzigen Art einen Ausdruck des Ekels und des Widerwillens auf Derricks Gesicht, der absolut einmalig ist. Außerdem toll: Wie sich Derrick in der Kantine Maggi auf seine Semmel träufelt.

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berlinEpisode 061: Ein Kongress in Berlin (Helmuth Ashley, Deutschland 1979)

Beim Einbruch in eine Firma, die an hochbrisanten chemischen Entwicklungen arbeitet, wird ein Wachmann erschossen. Doch die wichtigen Forschungsunterlagen, die nach den Angaben von Prof. Braun-Gorres (Will Quadflieg) offen herumlagen, sind durch die Wachsamkeit der Sekretärin Meinrad (Judy Winter) wider Erwarten gerettet worden. Hinter dem Einbruch vermutet man den heruntergekommenen Wissenschaftler Jurek (Ullrich Haupt), der sich Frau Meinrad bei einem Kongress in Berlin mit einem eindeutigen finanziellen Angebot genähert hatte. Aber wenig später ist auch Jurek tot …

Ich weiß noch nicht, ob sich die Beobachtung aufrecht erhalten lässt, aber bei EIN KONGRESS IN BERLIN hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass sich an der Ausrichtung der Serie etwas ganz wesentlich geändert hat. Vielleicht ist es nur das sich am Horizont abzeichnende neue Jahrzehnt und die mit diesem einhergehenden Änderungen der Mode (Klein trägt das Hemd unter dem Jackett hier offen und den breiten Hemdkragen darüber geklappt). Auch wenn es im Kern der Geschichte immer noch um persönliche Motive geht, vor allem um dysfunktionale Liebes- und Ehebeziehungen und um „Normalbürger“, die durch eine Verkettung von Zu- und Unfällen zu Mördern werden, so sind der spießbürgerliche Mief und die bedrückende Enge der Mittelklassenmilieus, in denen DERRICK meist angesiedelt ist, hier doch merklich abwesend.

Vielleicht ist es auch nur die zwischenzeitliche Verlegung der Handlung nach Berlin, das gegenüber München auch in Zeiten der Teilung für mehr Weltoffenheit, Multikulturalität und kosmopolitischen Flair steht. Die Folge wirkt sonniger, aufregender, größer als die sonstigen Ausflüge des Oberinspektors in den Morast bürgerlicher Heuchelei und Niedertracht. Zwischenzeitlich erinnert „Ein Kongress in Berlin“ an einen Agententhriller, was gewiss auch an der Lauflänge von 75 Minuten liegt. Es ist die längste DERRICK-Episode, die einzige in der mehr als 20-jährigen Geschichte der Serie, die mit der 60-Minuten-Konvention bricht: „Ein Kongress in Berlin“ wurde zum Anlass der IFA 1979 ausgestrahlt, ein echtes Fernsehevent sozusagen, aber von aufgesetztem Bullshit, der ähnliche Unternehmungen heute begleitet, noch meilenweit entfernt. Den selbstzweckhaften Gastauftritt irgendeines Fernsehmoderators muss man hier nicht erdulden, dafür gibt es Rainer Hunold als schnauzbärtigen Busfahrer zu sehen.

Wer DERRICK in erster Linie für die beschriebene Abgründigkeit und bundesdeutsche Tristesse schätzt, wird mit „Ein Kongress in Berlin“ wahrscheinlich nicht so warm werden – auch wenn die mit „eiskalt“ noch freundlich umschriebenen Szenen zwischen Braun-Gorres und seiner Gattin (Angela Salloker) sich vor vorangegangen DERRICK-Einblicken in die Ehehölle nicht verstecken müssen. Mir hat die Folge sehr gut gefallen, einfach weil sie aufgrund der längeren Laufzeit etwas kniffliger und wendungsreicher ist. Ich bin gespannt, wie es mit DERRICK an der Schwelle zu den Achtzigern weitergeht.

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opferEpisode 062: Das dritte Opfer (Alfred Vohrer, Deutschland 1979)

Im Urlaub lernt Derrick den merkwürdigen Albert Grosser (Lambert Hamel) kennen: Der Mann interessiert sich brennend für den Beruf des Oberinspektors, philosophiert über die gesellschaftliche Bedeutung des Mords und bezeichnet sich selbst als neuen Menschen. Im Casino wirft er mit Geld um sich und macht seiner Errungenschaft, der 20 Jahre jüngeren Gabriele Voss (Jutta Speidel), teure Geschenke. Wenig später ist er tot, erschossen. Bei seinen Ermittlungen sucht Derrick Grossers nächste Verwandte auf: seinen Schwager Martin Dorp (Heinz Drache) und dessen Gattin (Eva Christian). Dorps erste Ehefrau, Grossers Schwester, war vor einiger Zeit nach schwerer Krankheit verstorben …

Die Sichtung von „Das dritte Opfer“ brachte angenehm nostalgische Fernsehgefühle mit sich: Leena und ich hatten nämlich unseren Spaß daran, mitzuraten, was es mit diesem Grosser auf sich hat. Ein bisschen erinnert er an Dostojewskis Raskolnikoff und gut und gern hätte sich Vohrers Episode in eine entsprechende Richtung entwickeln können, mit Grosser als philosophischem Mörder, der den Profiermittler herausfordert. Aber es kommt dann eben doch anders. Vohrer, der in den Sechzigerjahren ganz entscheidenden Anteil am Erfolg der Wallace-Filme hatte, hatte sicherlich Spaß daran, zwei seiner damaligen Protagonisten – Tappert und Drache – gegeneinander antreten zu lassen, und der Besetzungscoup mit Drache ist schon großes Tennis. Der in den Wallace-Filmen stets brav und onkelhaft-verbindlich auftretende Schauspielers personifiziert die Strategie Reineckers, die Abgründe des Biedermanns bloßzulegen, was hervorragend funktioniert. Die Folge wäre auch so schon super, aber wenn dann am Ende mit einer Rückblende zu der von der kranken Schwester/Ehefrau tyrannisierten Familie in den gothischen Overdrive geschaltet und mit Derricks letzter Dialogzeile die Bedeutung des Titels offenbart wird, schließt sich der Kreis. Endlich mal wieder ein richtiger Kracher von Vohrer!

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Episode 063: Die Versuchung (Erik Ode, Deutschland 1979)

Rolf Sossner (Peter Fricke) ist wie ohnmächtig. Eben hat ihm sein Geschäftspartner Walter Möbius (Klaus Wildbolz) gestanden, dass er die gemeinsame Firma durch eine Spekulation in den Ruin getrieben hat, als nächstes offenbart er ihm, wie er gedenkt, die verlorene Million wieder reinzuholen: Durch eine vorgetäuschte Entführung und eine entsprechende Lösegeldforderung an Möbius‘ Schwiegervater, den wohlhabenden Unternehmer Demmer (Heinz Moog). Der Plan geht auf, Demmer zahlt und die Million ist weg. Doch dann wird Möbius tot aufgefunden …

„Der Kommissar“ Erik Ode holt aus dem DERRICK-Standardstoff Einiges raus: Die Sequenz um die Lösegeldübergabe inszeniert er im Stile eines Police Procedurals und erzeugt so erhebliche Spannung. Der Rest ist nicht unbedingt ein Grund, Briefe nach Hause zu schreiben, aber Peter Fricke ist einfach perfekt für diese schwitzend-zitternden Feiglinge, die der titelgebenden Versuchung dann doch einfach nicht widerstehen können. Ich sehen ihn immer wieder gern.

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todesengelEpisode 064: Ein Todesengel (Alfred Vohrer, Deutschland 1979)

Der Junggeselle Arthur Tobbe (Christian Quadflieg) reißt in seiner Stammkneipe eine junge Frau (Sabine von Maydell) auf, die ihn intensiv beäugt. Auf dem Heimweg wird er aus einem Hinterhalt angeschossen, seine Begleitung verschwindet spurlos. Erst nachdem er von seinen leichten Verletzungen genesen ist, taucht sie wieder auf und stellt sich als Anita Glonn vor. Derrick und Klein haben den Verdacht, dass sie mit dem Anschlag auf Tobbes Leben zu tun hatte. Und der ist keineswegs ein unbeschriebenes Blatt …

Eine unerhörte Folge, in der seit langer Zeit zum ersten Mal wieder die melodramatische Keule und der Kessel mit dem Schmierfett ausgepackt wird: von wem anders als von Vohrer? „Ein Todesengel“ beginnt gediegen, für Verzückung sorgt allerdings das eichenhölzerne Kneipenetablissement, in dem sich der junge Filou Tobbe mit seinen Kumpels zum Skatkloppen trifft. Unvorstellbar, dass das heute ein fescher Mittzwanziger, der etwas auf sich hält, als seine Stammkneipe ausgäbe – und sich dahin eine attraktive Frau wie Anita hin verirren würde. Quadflieg, heute einer der vielen überalterten Vorabendprogramm-Schwiegersöhne des deutschen Fernsehens, bringt genau die richtige Qualität für seinen Charakter mit, der vordergründig etwas schüchtern und unbeholfen wirkt, aber auch so, als sei das seine Masche, um sich alles erlauben zu können. Die Einschätzung Kleins, er sei ein Aufschneider, der sich für was Besonderes halte, aber eigentlich ziemlich plump sei, klingt zunächst hart, aber im weiteren Verlauf treibt er einen mit seinem bequemen Entitlement auf die Palme: Er meint, er könne alles haben, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen, einfach nur, weil er so ein feiner Kerl ist. Je mehr ich über ihn nachdenke, umso mehr will ich kotzen.

Was „Ein Todesengel“ aber wirklich durch die Schallmauer des Sleaze katapultiert, ist eine Sequenz in der Mitte, die die Motivation des Attentäters erklärt. Derrick und Klein besuchen eine Nervenheilanstalt, in der Regine (Johanne Elbauer), die Schwester Anitas, ein erbarmungswürdiges Dasein fristet, ist sie doch auf einem LSD-Trip hängen geblieben. „Die jungen Leute wollen ihr Bewusstsein erweitern. Stattdessen verkürzen sie etwas. Ihr Leben!“, klagt ein greisenhafter Arzt im Duktus eines Weltuntergangspredigers. In einem klaren Moment sagt Regine mit wässrigen, leuchtend blauen Augen „Sechs Stunden!“, um auf den verständnislosen Blick Derricks zu ergänzen: „So lange bin ich schon ohne Halluzinationen.“ Glück ist die Schaumkrone auf dem Bier, voller Luftblasen und schnell in sich zusammengefallen. Später wälzt sich die Arme in spastischen Krämpfen auf dem Bett, mit Mühe und Not niedergehalten von drei Pflegerinnen. Das ganze Drama eines Drogenopfers in drei handlichen Minuten.

Das reicht schon, um Vohrers Folge für immer einen Platz im Olymp zu sichern, aber das Finale setzt fast noch einen drauf. Unbedingt anschauen!

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karo-asEpisode 065: Karo As (Dietrich Haugk, Deutschland 1979)

Am Monopteros-Tempel im Englischen Garten nimmt der vornehme Bernhard Demmler (Klausjürgen Wussow) Kontakt zum Säufer Jochen Karo (Günther Maria Halmer), genannt „Karo As“, auf. Er erkennt die Abhängigkeit und Käuflichkeit des Mannes, dessen Gewogenheit er sich mit diversen Pullen Schnaps und Geld sichert – und ihm dann irgendwann eine Knarre in die Hand drückt, damit er seine unliebsame, aber wohlhabende Gattin Agnes (Joana Maria Gorvin) erschießt. Karo drückt ab, allerdings zu spät, um die Frau zu töten. Das missglückte Attentat löst eine Wandlung in ihm aus: Er entsagt dem Alkohol und sucht sein Opfer im Krankenhaus auf. Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen beiden. Aber Demmler ist entsetzt über den Leichtsinn des gedungenen Mörders …

Nach dem melodramatisch-mahnenden Sleazehobel von Vohrer ist Haugks Episode am ganz anderen Ende des Spektrums angesiedelt: ein charakterorientiertes, psychologisches Drama, bei dem der Kriminalfall und die Ermittlungen Derricks im Hintergrund stehen. Was unter anderer Regie nur allzu leicht zum öden Rührstück verkommen wäre, reift unter Haugks Inszenierung vor allem dank Halmers sensationeller Darbietung zum bewegenden Psychogramm. Halmers Aufopferungsbereitschaft ist bemerkenswert, immerhin handelt es sich bei „Karo As“ ja „nur“ um eine Folge einer Vorabendserie. Aber das hält ihn nicht davon ab, den Alkoholiker am Rande des Exitus mit der Inbrunst eines Method Actors zu verkörpern: Man macht sich mehrfach tatsächlich Sorgen um ihn. Auch die Wandlung zum reuigen, insgeheim um Vergebung bittenden Sünder gelingt ihm mit Bravour. Man kann viel Positives über DERRICK sagen, aber so bewegend wie in Haugks kleinem Meisterwerk war die Serie nur selten. Es tut einem fast Leid, dass Klausjürgen Wussow, der viel häufiger Schurken hätte spielen müssen, hier so im Schatten seines Gegenübers steht. Aber er tut gut daran, nicht mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Karo As“ ist Halmers Folge.

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Episode 066: Hanna, liebe Hanna (Theodor Grädler, Deutschland 1980)

Die 18-jährige Magda (Ute Christensen) kommt auf Geheiß ihres Vaters nach München, doch der ist schon bei ihrem Eintreffen spurlos verschwunden. Er wollte seine geschiedene Frau Hanna (Christine Wodetzky) um ein Darlehen bitten, um sein darbendes Geschäft vor dem Konkurs zu bewahren. Das letzte, was Magda von ihm hörte, war, dass die Geldnöte gelöst seien. Doch die Mutter berichtet, dass sie ihm die Hilfe versagt habe und auch nicht wisse, wo er sei …

Eine eher ruhige und unspektakuläre Folge, die eher was für Fortgeschrittene ist. Grädler verleiht ihr nämlich diese spezielle Freudlosigkeit, die auch aus Reineckers Auslassungen zum Thema Ehe tropft. Ergänzt um den bonzigen Bürgertumsprunk mit dem sich Hanna und ihr Ehemann (Herbert Fleischmann) umgeben, ergibt sich eine Episode von der Kälte eines teuren Eichenholzsargs. Höhepunkt: Hanna berichtet ihrer Tochter davon, dass sie zu jung in die Ehe mit ihrem Vater eingewilligt habe: „Ich begriff, dass ich meine Ehe mit Verzicht beginnen musste.“ Brr. Nebendarsteller Volker Eckstein ist bereits zum vierten Mal innerhalb von 14 Episoden mit am Start (erster Auftritt: Episode 052, „Abitur“).

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hungerEpisode 067: Unstillbarer Hunger (Helmuth Ashley, Deutschland 1980)

Helga Wichmann (Diana Körner) wird vor einer Kneipe von einem Unbekannten vor ein fahrendes Auto gestoßen und ist sofort tot. Ihr Ehemann Eberhard (Peter Fricke) ist nur wenig schockiert, ganz im Gegensatz zu seiner Mutter (Maria Wimmer). Die Tote hatte zahlreiche Affären, mit denen sie dem trostlosen Alltag mit ihrem strengen Gatten entfliehen wollte …

Auahauerha. Wenn DERRICK Gefühle, Untreue, körperliche Bedürfnisse, Lust und Moral thematisiert, kann das ja eigentlich nur gut werden, und „Unstillbarer Hunger“ ist der Beleg für diese These. Die Episode bewegt sich auf dem schmalen Grat des Wahnsinns zwischen moralisierendem Spießertum und der Kritik an selbigem, in der unnachahmlichen Reinecker’schen Art, die an den blinden Mr. Magoo erinnert: Egal, in was für halsbrecherische Situationen er sich begibt, er geht immer heil daraus hervor, ohne überhaupt zu ahnen, welches Glück ihm eigentlich zuteil wurde.Als Zuschauer biegt man sich mitunter vor Grausen angesichts der Lustfeindlichkeit und pechschwarzen Büßergesinnung, die selbst dann noch zum Vorschein kommt, wenn eigentlich eine Lanze für die sexuell selbstbestimmte Frau gebrochen werden soll. Auf dem von Reinecker bestellten Nährboden wachsen doch nur knotige Kakteen.

Auch sonst ist einiges falsch oder wenigstens schmerzhaft simplifiziert: Helga Wichmann wird als lebensfroher Sprühgeist gezeichnet – in einer Rückblende hüpft sie quietschvergnügt mit einem Hund im Garten hem, während ihre Schwiegermutter im Hintergrund verzückt und sich vor Lachen biegend in die Hände klatscht, oder quittiert den Duft einer Blume mit einer mädchenhaften Pirouette -, der unter der lustfeindlichen Knute eines unbarmherzig-verknöcherten Ehemanns zu leiden hat. Fricke ist großartig, aber er interpretiert diesen Emotionsnazi mit solcher Intensität, dass ein Hitlerschnurrbart, ein Rollstuhl und ein reflexartig zum Gruß nach oben gereckter Arm kaum weiter aus der Rolle fielen. Für Helga kommt das eine zum andere, sie landet in diversen Betten von Männern (darunter Sascha Hehn als Student mit Ravi-Shankar- und Ringo-Starr-Poster über dem Bett), in der Hoffnung, dass sie ihr das geben, was sie zu Hause nicht bekommt. Der fiese Eberhard reagiert darauf mit zurückgehaltenem Zorn: Seine preußischen Moralvorstellungen erlauben ihm keine Scheidung, eine Ehe wird erst durch den Tod beendet. Egal, wie sehr er die „unmögliche Person“ in seinem Hause auch hasst. Dieser Mann pisst scharfkantige Einswürfel und lächelt, weil er weiß, dass er den Schmerz verdient.

„Unstillbarer Hunger“ schlägt sich ohne Zweifel auf die Seite des Opfers, zeichnet den Gatten als seelischen Krüppel ohne Funken Menschlichkeit im Körper. Trotzdem behandelt Reinecker Helgas Suche nach Liebe auch als krankhaften Irrtum, der früher oder später „bestraft“ werden muss. Wie Eberhard kann Reinecker nicht raus aus seiner Haut, er ist in alten Denkstrukturen verhaftet, kann sie nicht überwinden. Das zeigt schon der Titel, der ja grob irreführend ist: Bei Helga handelt es sich schließlich nicht um eine Nymphomanin, die immer mehr will und nie genug bekommt, sondern um eine Frau, die den Fehler macht, aus Verzweiflung an der falschen Stelle nach Liebe zu suchen. Ihr Hunger ist nicht „unstillbar“:  Es sind die Männer, die gar nicht bereit sind, ihn zu stillen, weil sie in ihr nur eine kurzes, reueloses Abenteuer sehen. Nach „Hanna, liebe Hanna“ ist „Unstillbarer Hunger“ außerdem die zweite Folge hintereinander, in der von einer von der Frau „verschuldeten“ Scheidung die Rede ist: Bundesdeutsche Realität des Jahres 1979, man kann es sich gar nicht vorstellen. Hier steckt so viel drin, es ist ein Wunder.

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Folge 068: Ein Lied aus Theben (Alfred Weidenmann, Deutschland 1980)

Inge (Mijou Kovacs) hat viele Verehrer: Hans (Eckhard Heise), ihren Tanzpartner, den fiesen Ulrich (Werner Schulenburg), ihren Cousin Robert (Michael Boettge) und auch ihren Onkel (Siegfried Wischnewski), den Geschichtsprofessor. Eines Abends liegt Hans tot vor seine Garage. Der Verdacht fällt sofort auf Ulrich, der sich von Hans kurz zuvor eine Maulschelle eingefangen hatte …

Einige Jahre nach seiner letzten DERRICK-Episode (Episode 025, „Das Bordfest“, von 1976) kehrte Regie-Veteran und Reinecker-Weggefährte Weidenmann mit dieser eher unglücklichen Arbeit zurück. Das Problem scheint mir das Drehbuch zu sein: Es kommt nicht auf den Punkt und das titelgebende Lied aus Theben, ein antiker religiöser Gesang, der den Täter angeblich in die richtige Mordsstimmung versetzt, erzielt in der Inszenierung einfach nicht die Wirkung, die ihm auf Inhaltsebene zugewiesen wird. Vielleicht hätte „Ein Lied aus Theben“ besser funktioniert, wenn sie im Stile der ersten DERRICK-Folgen strukturiert worden wäre anstatt als Whodunit, der leider kaum Spannung aus der Frage nach dem Täter bezieht. Schulenburg indessen, der in „Die Puppe“ als galant-verzärtelter Frauenversteher und -verehrer aufgetreten war, gibt hier den nazihaft-selbstsicheren Stalker mit der gleichen Intensität, aber insgesamt ist das doch eine sehr schwache Folge.

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Episode 069: Tödliche Sekunden (Zbynek Brynych, Deutschland 1980)

Der Student Achim Rudolf (Uwe Ochsenknecht) kommt durch Zufall an den Tatort eines Mordes: Der Besitzer einer Lotto-Toto-Annahmestelle ist in seinem Geschäft umgebracht worden. Was Achim der Polizei verschweigt: Unmittelbar vor dem Geschäft stand der Wagen seines vorbestraften Vaters (Werner Kreindl) …

Die Zeiten, in denen Brynych sich einen Dreck um die Konvention scherte und das Format der Krimiserie für wilde, freigeistige Experimente nutzte, sind lange vorbei. Seine KOMMISSAR-Episoden könnten von keinem anderen sein, sind sofort als die seinen identifizierbar, und das gilt auch noch für seine frühen Beiträge zu DERRICK, „Alarm auf Revier 12“ etwa oder auch „Pecko“, „Yellow He“ und „Tod des Wucherers“. Zur wahrscheinlich altersbedingten Mäßigung des Regisseurs kam der Aufstieg der Krimiserie zum immer mehr gestreamlineten Riesenerfolg, der sich keine Ausreißer mehr erlauben wollte. „Tödliche Sekunden“ ist eine – im besten Sinne wohlgemerkt – typische DERRICK-Folge, die sich passgenau in das große Ganze einfügt. Man muss schon ganz genau hinschauen, um den Regisseur dahinter zu erkennen. Ich meine, man sieht ihn in kleinen Gesten und Ausdrücken, etwa in dem amüsierten Lachen, in das Derrick und Klein einfallen, als ihnen Rudolf mitteilt, der Wirt und die Gäste im „Kreisel“ würden sein Alibi bestätigen. Natürlich würden sie das, sagt dieses Lachen, handelt es sich doch um die einschlägig bekannte Heimat lichtscheuer Gestalten, die sich alle gegenseitig decken. Oder in dem verzweifelten Ringen des Vaters um das Vertrauen seines Sohnes, in dessen Blick ins Nichts, voller Angst, sein Vater könnte ein Mörder sein. In der Furcht der Mutter, die bei all ihren Auftritten aus der Küche zu kommen scheint – oder dorthin zurückgeht, als sei sie ihr Gebetshaus. In einer nicht näher beschreibbaren Schwere, die auf allem lastet, selbst in raren Momenten der Heiterkeit.

„Tödliche Sekunden“ ist also keine Episode, die einen umhaut, wie das für Brynychs frühe Arbeiten in der Krimiserie galt, aber sie zeigt den souveränen Umgang mit der Form und überzeugt mit Details, die einen autonomen Künstler mit einem genuin eigenen Blick auf die Dinge entbergen.

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preis1Episode 070: Ein tödlicher Preis (Helmuth Ashley, Deutschland 1980)

Türkische Drogenschmuggler kommen mit einer Ladung Heroin am Münchener Bahnhof an und werden sofort von der Polizei aufgegriffen. Ein Koffer mit dem wertvollen Stoff kann vorher gerade noch im Kofferraum des Taxis von Hugo Dornwall (Kurt Weinzierl) deponiert werden. Nach Absprache mit seinem Sohn Harald (Ekkehard Belle) entscheidet sich Hugo, den Stoff zurückzugeben – trotzdem wird er nach der Übergabe ermordet. Wenig später weiß Harald, warum: Er findet die Drogen in der Wohnung des Vaters und entscheidet sich zusammen mit dessen Kollegen, sie selbst zu verkaufen …

„Ein tödlicher Preis“ ist mit seinen internationalen Drogenverbrechern und den an Omnipotenzwahn leidenden Ottonormalverbrauchern, die zwar keine Ahnung haben, aber es trotzdem mit ihnen aufnehmen wollen, eine schöne und willkommene Abwechslung von den ganzen Rache-, Lust- und Giermorden unsympathischer Snobs. Ashley ist der ideale Mann für die Folge, weil er sich mehr als Brynych, Grädler, Vohrer, Haugk oder Becker auch auf handfeste Action versteht. Nicht nur aufgrund der Musik, die jeden winterlichen New-York-Copfilm adeln würde, erinnert seine Episode daher an US-amerikanische Großstadtthriller, die ja nicht selten vom Versuch der Underdogs erzählen, groß rauszukommen. Klaro, „wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“, wie einst eine deutsche Rockband aus Hamburg sang, aber Ashley fängt die richtigen, runtergekommenen Ecken Münchens ein und hält Derrick und Klein eher im Hintergrund, damit sie den sich einstellenden Eindruck eines städtischen Crimedramas nicht wesentlich stören können. Somit handelt es sich bei „Ein tödlicher Preis“ nicht nur um eine sehr originelle Folge, sondern nach langer Zeit auch mal wieder um eine richtige Überraschung.

Hauptdarsteller Ekkehard Belle habe ichanhand seiner Stimme sofort als bekannten Synchronsprecher identifiziert. Nach Blick in seine Karteikarte musste ich dann sehr schmunzeln: Er ist der Stammsprecher von Steven Seagal, was man dem schmächtigen Milchbubi eher nicht ansieht. Wahrscheinlich hat er seit damals etwas an nötiger Körperfülle zugelegt.

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2011060120494385274_supersizeSieh an, eine Simmel-Verfilmung, bei der man sich nicht fühlt wie beim Versuch, einen Falk-Plan auseinanderzufalten. Trotzdem weiß man auch hier sofort, wo man ist. LIEBE IST NUR EIN WORT handelt von dem 21-jährigen Oliver Mansfeld (Malte Thorsten), seines Zeichens aufmüpfiger Sohn eines deutschen Wirtschaftskriminellen, der auf einem Internat im Taunus die letzte Chance auf das Abitur bekommt. Schon auf dem Weg dorthin lernt er die 30-jährige Verena (Judy Winter) kennen und verguckt sich sofort in sie. Sie entpuppt sich zwar als Ehefrau von Manfred Angenfort (Herbert Fleischmann), wohlhabender Unternehmer und Geschäftspartner von Olivers Papa, doch das stellt für ihn kein Hindernis dar. Tatsächlich gelingt es ihm, das Herz der attraktiven Frau zu gewinnen. Doch Angenfort kommt hinter die Affäre …

Trotz des banalen Plots – den obligatorischen Abstecher in die Vergangenheit, in der Angenfort irgendeine Schuld auf sich geladen hat, konnte sich Simmel dennoch nicht verkneifen – ist LIEBE IST NUR EIN WORT von den anderen, inhaltlich deutlich komplexeren Simmel-Filmen, die unter Vohrers Regie entstanden, nicht zu unterscheiden. Es regieren große Gefühle und großes Drama, doch bleibt dieser Überschwang reine Drehbuchbehauptung, für die es auf Charakterebene keinerlei Entsprechung gibt. Merke: Simmel-Filme sind Melodramen mit Zombie-Protagonisten. LIEBE IST NUR EIN WORT beginnt bei grauem Regenwetter, bleibt auch in der Folgezeit immer seltsam trüb, hängt sich an seine überwiegend wohlhabenden Milieus entstammenden Protagonisten, die nie menschlich werden, sondern bloß als gutaussehende Narrationsvehikel auf dem Schachbrett des Autoren herumgeschoben werden, und deren tiefes Seelenleid einen völlig kalt lässt. Visuell ist LIEBE IST NUR EIN WORT durchaus ansprechend, erneut markant besetzt und von Komponist Erich Ferstl mit bedeutungsschwerer, todtrauriger und ungemein tragischer Musik unterlegt, die die Tränendrüsen fast allein zum Bersten bringt. Aber nicht nur, dass das menschliche Zentrum des Films schlicht leer ist, auch das Deutschland, in dem er spielt, scheint, als habe man sämtliche Luft aus ihm heraugesogen. Es gibt überhaupt keine normalen Menschen in LIEBE IST NUR EIN WORT: Allesamt sind sie mindestens eitle Schaumschläger, oft sogar noch Schlimmeres, reden furchtbar geschwollenes Zeug daher, gefallen sich in ihrem ekelhaften Wohlstand, ihrer Gesinnung und ihrer vermeintlichen geistigen Überlegenheit, ohne die eigene Beschränktheit zu bemerken.

Oliver ist ein absoluter Kotzbrocken: Simmels/Vohrers Rechnung, dass sich der Zuschauer ihm schon allein deshalb verbunden fühlt, weil er Autoritäten mit seinem Ungehorsam konfrontiert und seinen reichen Vater verachtet, geht nicht auf, weil dieser Schnösel dadurch nur noch elitärer und eingebildeter wirkt. Wer will sich schon mit einem blonden Schönling identifizieren, der im vom ach so verhassten Papa gekauften Mercedes Cabrio herumfährt? Was Verena, selbst nicht gerade vor Frohsinn, Intelligenz und Kreativität übersprudelnd, sondern recht typischer Vertreter des Typus „junge von ihrem reichen, älteren Gatten zu Tode gelangweilte Frau“, an diesem Jungspund findet, bleibt rätselhaft. Spätestens als sie Oliver gesteht, dass sie sich in ihn verliebt habe und er dann, ganz entgegen seines sonstigen Habitus, wie ein unbeholfener 15-Jähriger jauchzend herumhüpft, müsste sie ihren Fehler eigentlich schamvoll erkennen. Aber nein, die beiden meinen es tatsächlich ernst mit ihren Heiratsplänen. Und dass Oliver tatsächlich bereit ist, seine Bonzenkarre zu versetzen, um seine Affäre geheimzuhalten, gilt am Ende als der Beweis für die Echtheit seiner Gefühle. Ja, so einfach kann das sein. Wie dumm, dass er nicht bloß einen Käfer fährt, Angenfort wäre ihm nie auf die Schliche gekommen.

Die Menschen in Simmel-Filmen sind fast immer vermögend, aber aufgrund dieses Reichtums auch die ärmsten Schweine der Welt. Es ist aber auch schon hart, wenn man in der ständigen Angst leben muss, die Hausbar könne am nächsten Abend nicht mehr optimal gefüllt sein. Das zeichnet die Vohrer-Verfilmungen ganz wesentlich aus: diese ekelhafte, völlig stillose, neureiche Dekadenz gepaart mit Selbstmitleid und Ennui. Man fühlt sich als Zuschauer wie der zunehmend hilflose Gast einer verbrauchten älteren, noch dazu betrunkenen und übergewichtigen Gesellschaftsdame, die einen unter Tränen dazu zwingt, das Ergebnis ihrer Mastektomie zu betrachten, während man ohne jede Hoffnung auf Flucht in einem geschmacklosen Plüschsofa versunken ist. Man schaut sich das Treiben irgendwie fasziniert, aber auch angewidert an, während ein Stück der eigenen Seele unwiederbringlich verkarstet. Es ist heute völlig unvorstellbar, dass diese Filme irgendwann einmal als authentisches Abbild bundesdeutscher Realitäten gelten konnten, dass Simmel mit seinen Büchern einen Nerv beim Volk traf, aber es war wohl wirklich so. Den Rest besorgt die überspannte Fantasie des Autors, die die Filme mehr als einmal in Richtung Delirium taumeln lässt: Eine Szene spielt in einem Sanatorium, in dem Olivers geistig zerrüttete Mutter lebt. Sie verteilt im akkurat gepflegten Anstaltsgarten imaginäres Vogelfutter an imaginäre Vögel, während eine gestrenge Schwester (mit Kittel und Häubchen) auf einem dieser geschmiedeten Gartenstühle in Sichtweite sitzt. Im Gespräch mit dem Sohn ist die fliederfarbene, wahrscheinlich nach Veilchen und Lavendel duftende Dame dann aber erstaunlich normal, auch wenn der feine Gatte sich gezwungen sah, sie zu entmündigen. Auch wieder so eine unangenehme Angewohnheit der gehobenen Gesellschaft, dieses Entmündigen. Zwischendurch gibt es noch ein wenig Gesellschaftskritik, wenn ein dem Islam angehörender Internatsschüler von den „Kameraden“ für seine Religion gepeinigt wird, und dann ein reichlich übersteuertes Finale im strömenden Regen, bei dem die junge Liebe an einem Strick endet. In einer Pfütze schwimmt ein kleines Zettelchen, auf dem steht: „Liebe ist nur ein Wort“. Die Simmel-Filme sind so dreist manipulativ, dass der Brechreiz fast zur Droge wird.

alle_menschen_werden_brueder„Alle Menschen werden trüber.“

So könnte man das Gefühl beschreiben, das sich bei mir nach nunmehr vier durchlebten und durchlittenen Simmel-Filmen breit macht. Auch ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER, Vohrers vierte Simmel-Verfilmung (unmittelbar zuvor hatte er UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR inszeniert, der zwar auf einem Roman von Alexander Puschkin basierte, jedoch ebenfalls von Luggi Waldleitner produziert worden war und formal wie marketingtechnisch den Anschluss an die Erfolgsreihe probte), bleibt der bis dahin eingeschlagenen Linie treu: Die Vorlage vermischt Aspekte des Spionageromans mit Melodramatischem, entwirrt in einer nur wenig ausgefeilten Rückblendenstruktur die komplizierte, schicksalhafte Verwebung der deutschen Gegenwart mit der Nazivergangenheit. Noch in der kleinsten Nebenrolle tummeln sich deutsche Stars, wobei Herbert Fleischmann, Klaus Schwarzkopf, Konrad Georg, Alf Marholm und Heinz Baumann mit ihrer Dauerpräsenz zum „Inner Circle“ des Simmel-Ensembles gezählt werden müssen, kämpfen mit unsichtbaren Feinden und Kräften, mehr aber noch mit sich selbst. Und leiden, leiden, leiden.

Der Geschichte von ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER konnte ich irgendwann nicht mehr folgen. Der Film beginnt in Marrakesch, wo Hauptfigur Richard Mark (Rainer von Artenfels) den Auftrag erhält, einen Flieger nach Zürich zu besteigen und irgendwelche geheimen Unterlagen an einen Agenten weiterzugeben. In Zürich wird er aufgegriffen und erfährt, dass jemand von dem Deal Wind bekommen hat, die Unterlagen mithin in falsche Hände geraten sind. Weil man seinen Bruder Werner (Harald Leipnitz) tot in der marokkanischen Metropole aufgefunden hat, muss sich Richard vor der Polizei verantworten. An dieser Stelle setzt eine filmlange Rückblende ein, die die Aussage von Richard ist (sie wird in der Mitte des Films von einer weiteren Rückblende unterbrochen). Seine Erzählung beginnt mit einem Anruf seiner Ex-Geliebten Lillian (Doris Kunstmann), die offensichtlich im Sterben liegt. Er eilt ihr über die Distanz von 500 Kilometern zur Hilfe (in einen fiktiven Fachwerkort namens „Treuwall“) und kann ihren Tod gerade noch verhindern. Der vermeintliche Selbstmordversuch entpuppt sich jedoch als gescheiterter Mordanschlag auf ihren Lebensgefährten (Alf Marholm), von dem jede Spur fehlt. Wenig später taucht er in Boris Minskis (Klaus Schwarzkopf) Frankfurter Nachtklub auf, in dem auch Richard zu verkehren pflegt. Richard findet mithilfe des amerikanischen Sängers Tiny (Roberto Blanco, ja genau der) heraus, dass es sich bei dem Mann in Wahrheit um einen ehemaligen Nazi handelt, den wiederum Werner vor der Entdeckung schützen wollte. Die ganze Posse läuft auf ein Duell zwischen den beiden ungleichen Brüdern hinaus, die beide scharf auf Lillian sind. Und das, obwohl Richard die geile Nachtklubsängerin Vanessa (Elisabeth Volkmann) in der Hinterhand hat!

Als ich zuletzt etwa über Lizzanis meisterlichen SAN BABILA 20 ORE: UN DELITTO INUTILE schrieb, fiel dort auch der Begirff der „bleiernen Zeit“. Auch wenn ich Simmels melodramatische Kolportagen ungern „politisch“ nennen möchte, so verraten seine Filmadaptionen dem Betrachter doch, was man sich darunter zumindest in ästhetisch-psychologischer Sicht vorzustellen hat (vielleicht gar mehr als die Romane?). Das Treiben, dessen man in den Simmel-Filmen ansichtig wird, ist so unfassbar dekadent und zermürbend, dass man ahnt, warum die RAF damals die Überzeugung vertrat, die BRD sei nur mit einer stattlichen Anzahl von Bombenexplosionen, Entführungen und Attentaten aus ihrem Schlaf zu reißen. Herrgott, man wünscht sich bei der Betrachtung von ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER fast nichts sehnlicher, als dass diese graugesichtigen Trauerklöße, die da vollkommen merkbefreit durch ihr mit Hausbars, deutschen Luxuskarossen, Pelzmänteln, Zigarettenetuis und anderem fürchterlich geschmacklosen Wohlstandsplunder zugeschissenes Leben trüben, von einer saftigen Maschinengewehrsalve aus einem vorbeirasenden Opel in Stücke gerissen werden. (Michel Jacot, der den Anführer einer terroristischen Motorradgang spielt, wird deshalb auch fast zum Sympathieträger des Films, kommt aber schlussendlich nicht gegen die hochgradig ansteckende Wirkung von Roberto Blancos guter Laune an, dessen Grinsen nahelegt, er sei pro sichtbarem Zahn bezahlt worden.) Man muss sich nur Doris Kunstmann anschauen, um zu begreifen, wie benebelt, gelähmt und geradezu zu Tode arriviert die Menschen damals nicht nur in Simmels Kitschprosa waren. Nur fünf Jahre zuvor, da brachte sie in Ugo Liberatores BORA BORA mit ihrer überirdischen Schönheit die Leinwand zum Leuchten, entfachte mit ihrem grazilen, verführerisch biegsam scheinenden Körper so manches leidenschaftliche Feuer in den Lenden. Hier (und auch schon in UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN) sieht sie aus, als könne sie kaum noch ihre Augen aufhalten, als befände sie sich in einem vom Upper-Middleclass-Plastikluxus induzierten Wachkoma, aufgedunsen und abgestumpft von Fusel, Medikamenten und Langeweile. Trotz einer Liebes- und Nacktszene (in Schwarzweiß gehalten und in die Vergangenheit des Jahres 1945 verlegt, was die Frage aufwirft, wann ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER eigentlich spielen soll) und der generell unangenehm schmierigen Atmosphäre des Films, kommt er einer echten Penetration, einem echten Erguss nie so nah wie in der Szene zu Beginn, in der ihr der Magen ausgepumpt wird und die Kamera einen sensationsgeilen Blick auf die mit Erbrochenem gefüllte Nierenschale erhascht.

antwort_kennt_nur_der_windSimmels gleichnamiger Bestseller von 1973 war noch lauwarm, da entsprach Produzent Luggi Waldleitner dem Publikumsbedürfnis bereits mit seinem sechsten Simmel-Film (Texte zu den vorangegangenen ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER, GOTT SCHÜTZT DIE LIEBENDEN und hoffentlich auch LIEBE IST NUR EIN WORT werden alsbald nachgereicht). Das „Lexikon des internationalen Films“ bescheinigt „Publikumswirksamkeit“ und will in dem gewohnt melodramatisch-sedierten Private-Eye-Film sogar einen Vertreter des Actionkinos sehen. Na gut, für die wieder einmal wie Absinth-berauschte Schaufensterpuppen durchs mondäne Cannes schwebenden Figuren mag schon der kurze Dauerlauf als „Action“ durchgehen, ansonsten muss man sich über das Erregungspotenzial der Herren Filmenzyklopädisten schon etwas wundern.

Für mich spiegelt nichts so sehr das enervierende, stets am Rande des kreischenden Exitus befindliche Herzflattern dieses Filmes wider wie der Score von Erich Ferstl. Eine schwitzig-schwüle Saxophonmelodie, die man sich perfekt zur Begleitung einer geleckten Achtzigerjahre-Sexszene oder eines nächtlichen Neon-Straßenpanoramas vorstellen kann, wird von einem dahinter zum Crescendo schwellenden Orchester-Gewimmel untermalt. Die Musik ist toll, kündigt in jeder Szene schicksalhafte Ereignisse, tragische Wendungen, großes Drama, unstillbare Sehnsucht, unsterbliche Liebe und den unerwarteten Einbruch des Unfassbaren an, schaukelt sich – mutmaßlich wie der Film – zu einem alles in den Schatten stellenden Höhepunkt entgegen … der dann leider nie kommt. Immer wieder bricht die Musik ab, nur um später in derselben Intensität wiederaufgenommen zu werden. Die verwendete Musikschleife dauert wahrscheinlich keine zwei Minuten, in der sie immer ganz kurz unterhalb des obersten Anschlags vor sich hin taumelt, ihn aber nie erreicht. In Verbindung mit der selbstbewussten Schlaftrunkenheit der Handlung und dem leeren Professionalismus, mit dem das alles dargeboten wird, stellt sich ein seltsamer Effekt ein: Man erlebt den Film wie einen Wachtraum, aus den hellsichtigen Augen des kurz vor dem Einschlafen Stehenden betrachtet, dem es nicht gelingt, diesen Schlaf gänzlich abzuschütteln und sich ins Wachsein zurückzukämpfen. Als liefe man unter Wasser. Oder durch farblos-milchigen Wackelpudding.

Die Geschichte ist eigentlich banal: Der Versicherungsagent Robert Lucas (Maurice Ronet) wird von seinem Freund und Vorgesetzten Gustav Brandenburg (Herbert Fleischmann) nach Cannes geschickt, um dort herauszufinden, ob es sich bei dem Tod des wohlhabenden Bänkers Hellmann, der mitsamt seiner Yacht und zugehöriger Besatzung in die Luft geflogen ist, um Selbstmord handelte. Mehr noch, ihm wird unmissverständlich klargemacht, dass er gefälligst einen Selbstmord festzustellen habe, weil die Versicherung in diesem Fall die Auszahlung einer Prämie von 15 Millionen spart. Vor Ort verliebt sich Lucas in die Malerin Angela Delpierre (Marthe Keller) und macht gemeinsame Sache mit Nicole Monnier (Karin Dor), der Krankenpflegerin von Hellmanns Gattin (Charlotte Kerr). Nicole behauptet zu wissen, wer der Mörder Hellmanns war und plant mit Lucas einen Coup, die Versicherungssumme selbst einzustreichen. Es gibt diverse Tote und am Ende hat Lucas nicht nur das Geld, sondern auch die große Liebe und vielleicht sogar sein Leben verloren: Ein schwerer Herzfehler macht eine Notoperation mit ungewissem Ausgang unmöglich. Nur das Glückseselchen, das Angela ihm bei einem Straßenhändler-Buben gekauft hatte, baumelt aufgeregt wartend an der OP-Tür.

Was an den Simmel-Geschichten mit den Vorurteilen gegen ihn im Hinterkopf – Fließband- und Trivialschreiber – so interessant ist (zumindest soweit ich sie anhand der Filme beurteilen kann), ist dass sie auf den ersten Blick durchaus  ambitioniert sind: Es handelt sich nicht um die affirmativen Liebesschmonzetten, die die blumigen Titel suggerieren, oder besser gesagt: nicht nur. Simmel spannt einen großen Bogen, es ist unverkennbar, dass er einen Hang zum Epischen hat, und er reichert seine Geschichten mit zahlreichen Hinweisen auf die damalige Welt- und Wirtschaftspolitik an. DIE ANTWORT KENNT NUR DER WIND beschäftigt sich mit der Welt der Hochfinanz, der Weltwirtschaftskrise und der zerstörerischen Kraft des Kapitalismus, bemüht dabei durchaus um einen kritischen Tenor und setzt zu Beginn sogar den damaligen Fernsehjournalisten Friedrich Nowotny ein, um dem Zuschauer eine kurze (und überaus hölzerne) Einführung in das Thema „Devisenhandel“ zu geben. Man merkt Simmels Geschichten an, dass er über einen journalistischen Background verfügt (er schrieb mehrere Jahre für das Magazin „Quick“). Aber so ambitioniert sie in ihrem Entwurf auch sein mögen, sie kommen über den Anspruch, das Publikum mit einer markigen Prämisse zu ködern und bei der Stange zu halten, dann doch nicht hinaus. Da steckt so etwas Protziges, Unehrliches, unangenehm Manipulatives in ihnen. Wenn man Simmel mit Samuel Fuller vergleicht, ebenfalls ein Journalist, der zum Schriftsteller (und zum Filmemacher) wurde, merkt man, was bei Simmel fehlt: das Herzblut, die Lebendigkeit, der Drive, die Haltung, das Mitgefühl. DIE ANTWORT KENNT NUR DER WIND will eine Aussage zur Entfremdung des Menschen im Kapitalismus von sich selbst machen, ist im Kern also tief humanistisch, aber es gibt keinen einzigen Menschen im ganzen Film, keinerlei Empathie, nur matt schillernde Oberflächen, verbunden mit dem Glauben, dass noch die größte Banalität von weltbewegender Bedeutungsschwere ist. Der Mensch, der an den Umständen zerbricht, interessiert nur als Opfer, als Zahl in einer Statistik, nicht als Individuum. Und letzten Endes soll man sich an all dem ausgestellten Leid, dem man ja eh nicht entfliehen kann, nur delektieren. Das ist, gerade in den Verfilmungen des lakonischen Vohrer, dessen Inszenierung man das Unverständnis für die Windungen des Drehbuchs und seiner Protagonisten deutlich anmerkt, nicht ohne seinen eigenen ungewöhnlichen Reiz, vor allem, wenn man die Simmel-Filme als Versuch begreift, wirklich großes Kino im Stile Hollywoods zu machen, und den trotz des betriebenen Aufwands metertiefen Graben zwischen beiden bemerkt. Aber DIE ANTWORT KENNT NUR DER WIND ist von den drei von mir bislang gesehenen Verfilmungen bislang die mit Abstand ödeste gewesen. Statt mit erzählerischer Eleganz, Hochspannung und Schauwerten zu verführen, wirkt er wie das von einer lustlosen-resignierten Krankenschwester verabreichte Morphium für einen Todkranken. Zum Abschied lüpft sie kurz den Rock und entblößt den knackigen Apfelpo, aber anfassen ist nicht.

Nur ein Jahr nach UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN und LIEBE IST NUR EIN WORT (der mir leider noch nicht vorliegt) inszenierte Alfred Vohrer bereits den dritten Simmel-Film. In seinen Mitteln bleibt er mit DER STOFF AUS DE DIE TRÄUME SIND dem mit JIMMY eingeschlagenen Weg treu: Da wird schon einmal ein Fischaugen-Objektiv herumgewirbelt oder durch ein Kaleidsokop gefilmt, gern schaut die Kamera in Dialogen über die Schulter des einen auf den anderen, und damit der Zuschauer am Schluss den Überblick nicht verliert, friert Vohrer das Bild bei jedem Szenenwechsel kurz ein, um den losen Faden später dann just an dieser Stelle wieder aufzunehmen. Eine eindrucksvolle Riege deutscher Charakterdarsteller macht ihre Aufwartung, damit deutlich signalisierend, dass das hier großes, wichtiges Kino ist, was sich aber auch schon unschwer an der Lauflänge von rund 130 Minuten ablesen lässt. DER STOFF AUS DEM DIE TRÄUME SIND folgt einem ganz eigenen Tempo, in jeder Sekunde von der eigenen Signifikanz ebenso überzeugt wie die beiden Hauptfiguren von der Wichtigkeit und Richtigkeit ihrer Mission. Das Schmonzettenhafte tritt etwas in den Hintergrund, die Schicksalsgläubigkeit von JIMMY geht weitestgehend in einer pessimistischen Weltsicht auf, in der die da oben immer am längeren Hebel sitzen und sich auf Kosten der Kleinen bereichern. Da kann dann auch ein aufrechter Enthüllungsjournalist nichts ausrichten. Er kann seine Geschichte allerhöchstens einem Bestsellerautoren anvertrauen, der sie dann fiktionalisiert, auf dass die Kunde weitergetragen werde.

DER STOFF hat eine interessante, weil zunächst einmal in der damaligen Realität verortete Prämisse: Der Boulevardjournalist Roland (Paul Neuhaus) soll für das Magazin „Blitz“ eine Sexgeschichte schreiben, will aber lieber etwas Ernsthaftes machen: Er reist mit seinem Partner und Fotografen Engelhardt (Herbert Fleischmann) in ein Flüchtlingslager in der Nähe von Bremen, wo sich ein tschechischer Junge befindet, dessen Vater bei der Flucht aus der von den Russen eingenommenen Tschechoslowakei erschossen wurde. Bei ihrem Besuch werden die beiden Zeuge, wie der Hamburger Zuhälter Concon (Gert Haucke) versucht, die Emigrantin Irina (Hannelore Elsner) zu entführen. Nachdem die Polizei veständigt wurde, eröffnen bewaffnete Männer von außerhalb des Lagers das Feuer und töten dabei den kleinen Jungen. Bei der Unterhaltung mit Irina berichtet diese den beiden Protagonisten von ihrem Freund Bilka (Rick Parsé), ebenfalls ein Flüchtling, der in Hamburg auf sie warte. Der Versuch der telefonischen Kontaktaufnahme scheitert jedoch: Bilka legt auf, als er hört, wer am anderen Ende ist. Es stellt sich heraus, dass er ein desertierter russischer Agent ist, der die Aufmarschpläne des Warschauer Paktes an die Amerikaner verkaufen will. Die Russen wollen dies natürlich verhindern, Roland und Engelhardt geraten zwischen die Fronten und bekommen auch von ihrem Arbeitgeber Gegenwind: Verlagschef Seerose (Paul Edwin Roth) hat aus ganz eigenen Gründen etwas dagegen, dass die Geschichte erscheint. Derweil läuft die verwirrte Flüchtlingspflegerin Luise (Edith Heerdegen) ziellos durch Hamburg …

Der Name des Magazins „Blitz“ verweist deutlich auf „Quick“, Simmels einstigen Arbeitgeber und erinnert sofort an zahlreiche weitere auf heißen Enthüllungsstorys und Reportagen basierende Filme, die in Deutschland in den Sechziger- und Siebzigerjahren ins Kino kamen und mit den Namen der jeweiligen Zeitschriften warben. Demzufolge werden die Journalisten Neuhaus und Engelhardt hier auch noch nicht – heutigen Gewohnheiten entsprechend – als zynische Misanthropen und Kapitalisten gezeichnet, sondern als redliche Männer, die die Schnauze voll haben von dem Kram, den sie für ihr Blatt produzieren müssen. Das Boulevardgeschäft ist ein schmutziges, die Trivialgeschichten Opium fürs Volk, das im Auftrag von oben verabreicht wird. DER STOFF AUS DEM DIE TRÄUME SIND bedient das auch heute noch (oder wieder?) dringende Bedürfnis nach Verschwörungstheorien, nach dem knechtenden System und dem einen Schuldigen (der niemals man selbst ist), geht aber auffallend nüchtern damit um. Ob das an der damaligen Präsenz des feindlich gesonnenen Ostblocks liegt oder doch eher der sedierten Simmelprosa geschuldet ist, lässt sich nicht gänzlich auflösen. Fakt ist, dass Vohrers Film nach temporeichem Auftakt hoffnungslos versandet, sich wie JIMMY vom geradlinigen, zielorientierten Thriller in ein träge pulsierendes, selbstgefälliges Etwas verwandelt, eine Aufmerksamkeit aufsaugende und in Gleichgültigkeit umwandelnde Amöbe mit seltsam hypnotisch oszillierender Oberfläche. Allein die Interieurs das Films nötigem dem Betrachter das ein oder andere ungläubige Staunen ab. Die Teilnahmslosigkeit, mit der Vohrer das Ringelpiez der Agenten inszeniert, wird durch den Subplot um die halluzinierende Luise ausgeglichen, der der Film eine Bedeutung beimisst, die durch ihre tatsächliche Plotfunktion kaum gerechtfertigt ist. Ihr dementes Taumeln bietet immerhin den Anlass für wilde Deliranz, die DER STOFF AUS DEM DIE TRÄUME SIND sonst völlig vermissen lässt und ihn zeitweise in einen seltsamen Beyond-Belief-Kracher aus einer fernen Galaxie verwandelt. Wie hier Handfest-Zeitgenössisches mit pulpiger Theatralik verquirlt wird, ist in dieser Preisklasse wahrscheinlich einzigartig. Am Ende hatte Luises Odyssee keine andere Funktion, als den Aufhänger für typisch Simmel’sche Esoterik zu liefern: Das schizophrene Gehirn, so erfahren wir vom Psychiater (Klaus Schwarzkopf), kenne keine Begriffe wie Vergangenheit und Zukunft, die Verbindung von Ursache und Wirkung sei in ihrem Verständnis aufgelöst, weshalb Schizophrene die Gabe der Präkognition besäßen. Da kommt er dann durch die Hintertür doch wieder ins Spiel, der bequeme Glaube, dass alles vorherbestimmt ist und jedem sein Plätzchen zukommt auf dem Erdenrund. Einem – von Luise vorhergesagten Mordanschlag – entgangen, setzt sich Roland mit seiner Irina ins Ausland ab. Seine Geschichte hat er mitgenommen, weiß ein plötzlich auftretender Voice-over-Kommentator zu berichten, und an einen vertrauenswürdigen Schriftsteller abgegeben, der sie unter dem Titel „Der Stoff aus dem die Träume sind“ in bares Geld verwandeln wird.

Käpt’n Markus Jolly (Curd Jürgens) läuft mit seinem Schiff in Hamburg ein und kann es kaum erwarten, zu seiner Ehefrau zu kommen. „Seit vier Jahren verheiratet und nur fünf Monate zu Hause“, erklärt er seinem Bootsmann Oliver Kniehase (Heinz Reincke), und der Zuschauer ahnt schon, was bevorsteht. Tage vor dem eigentlich angekündigten Termin seiner Heimkehr eintreffend, findet er seine Frau mit einem anderen im Bett und packt enttäuscht schmollend seine Tasche. Hier hält ihn nichts mehr, schon gar nicht die um Verständnis bettelnde Gattin, die nach einem kleinen Schubser durchs Treppengeländer kracht und mehrere Stockwerke in die Tiefe und den Tod stürzt. Das Gericht spricht ihn schnell von jeder Schuld frei und so steht einer neuerlichen Schifffahrt nichts mehr im Wege. Doch in der Bananenrepublik, in die der Käpt’n – totschick im siffigen Unterhemd, mit Schnauzbart und speckigem Halstuch – Medikamente und Alkohol bringt, spielt ihm die örtliche, korrupte Polizei übel mit, will den Schnaps nicht bezahlen und ihn sich stattdessen selbst unter den Nagel reißen. Nicht mit Jolly, der den Fusel kurzerhand über Bord wirft oder ihn direkt in die Mäuler der gierig wartenden Bevölkerung kippt. Unterdessen wird Kniehase, der die Lieferung der Medikamente besorgen soll, unbemerkt ausgeraubt, am Ziel findet man nur noch leere Kisten vor und hält ihn und Jolly daraufhin für Betrüger. Nach einer Keilerei geht es ins Kittchen, wo die brave Dr. Karin Andersen (Johanna von Koczian) vom Deutschen Roten Kreuz die angematschte Birne von Kniehase verarztet. Wenig später wird sie mit fünf feschen Kolleginnen vom bösen Bandenhauptmann Rodrigo (Sieghardt Rupp) gefangen genommen, da ist Jolly und seinem Bootsmann aber schon längst die Flucht gelungen. Aber was nun? Mit ihrem Schiff können sie nicht weg, das wird überwacht. Bleibt nur Jollys alter Kumpel Nico (Herbert Fleischmann): Der hat eine schmierige Pinte im Städtchen, komplett mit einer rassigen schwarzen Bedienung („Die knackigsten Arschbacken von Buenos Aires bis Alaska!“, grölt Jolly enthemmt), wo die beiden Unterschlupf finden. Der Plan: Jolly soll sich einem reichen Geldsack als Stewart für seine Luxusjacht andienen, Kniehase in Obstkisten in die nächste Hafenstadt gebracht werden, wo sie dann auf ihr wartendes Schiff aufsteigen können. Gesagt, getan. Im Folgenden benimmt sich der ungehobelte Jolly bei den feinen Pinkels (u. a. Fritz Tillmann und Elisabeth Flickenschildt) wie die Axt im Walde, panscht hochprozentige Cocktails zusammen, die den Anwesenden die Schuhe ausziehen, serviert Hummer mit den Händen und fällt auch sonst mit ausgesucht schlechten Manieren auf. Als er einer jungen Frau todesmutig eine schwarze Tarantel vom Bauch klaubt und so den Tag rettet, erkennen die Bonzen jedoch, dass der Prolet ein gutes Herz hat, und tun dem Käpt’n den Gefallen, vor Anker zu gehen, um die Rotkreuz-Damen aus der Gewalt der Bösewichte zu befreien. Freund Nico entpuppt sich als eigentlicher Bandenchef, es macht krachbummpeng, die Mädels sind frei, die Schurken tot und Käpt’n Jolly kann mit seinem Schiff wieder in See stechen. Ende.

Rolf Olsens letzter St.-Pauli- und Curd-Jürgens-Film war bereits auf Video geschnitten und ist auch heute leider nur in einer wahrscheinlich um rund 15 Minuten gekürzten Fassung erhältlich, die dem Zuschauer unter anderem den Tod Nicos vorenthält. Glaubt man der OFDb, lief KÄPT’N RAUHBEIN AUS ST. PAULI angeblich einmal ungeschnitten – oder zumindest in einer längeren Version – auf Premiere, sodass noch eine Resthoffnung besteht, dass man ihn doch noch einmal in voller Pracht zu Gesicht bekommen wird. Für den Anfang ist die DVD aber vollkommen akzeptabel, zumindest, wenn man bereit ist, auf jeglichen Digitalglanz zu verzichten und mit einem besseren Videobild Vorlieb zu nehmen. Der Film ist es ohne Frage wert, ich habe mir 75 Minuten lang ins Fäustchen gelacht, ob des Seemannsgarns, das Olsen hier mit gewohntem Sinn für schwungvollen Schwachsinn auftischt, und Jürgens‘ wieder einmal ekstatischer Glanzleistung. Von Beginn an, wenn er angesichts des Anblicks seiner Frau mit einem anderen Mann eine Flunsch zieht wie ein enttäuschter kleiner Junge, er gegenüber den mittelamerikanischen Polizisten den dicken Larry markiert, in Nicos Bierschwemme im Vollsuff ein Ständchen hält, auf der Luxusjacht seine innere Wildsau kanalisiert oder natürlich überall, wo er hinkommt, Herzen bricht oder Ehrfurcht hervorruft, ist klar, dass er sich an Bord von Olsens Film pudelwohl gefühlt hat. Nicht nur in seiner Statur und der unübersehbaren Selbstüberzeugung, auch in der Art, wie er sich selbst inszeniert, wie alle Olsen-Filme daran stricken, ihren Hauptdarsteller als einen mit allen Abwassern gewaschenen Pfundskerl zu etablieren, erinnert Curd Jürgens mich an Steven Seagal. Auch bei dem fließen Film- und echte Persona untrennbar ineinander, ist der Körperumfang ähnlich respekteinflößend, gibt es immer wieder Nebenfiguren, die in ihren Dialogen betonen, was für ein toller Hecht er ist, fühlen sich vor allem jüngere Frauen zu ihm hingezogen, ist er mit seiner Weisheit in der Lage, auch den größten Unhold auf den rechten Pfad zu führen und Menschen der unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten auf seine Seite zu ziehen. Was Jürgens indes natürlich vom amerikanischen Kampfklops unterscheidet, ist der hedonistische Lebenswandel, dessen Folgen sich in KÄPT’N RAUHBEIN AUS ST. PAULI überdeutlich abzeichnen. Die wässrigen Augen quillen mitunter bedrohlich weit aus dem Schädel, die Plauze ist beachtlich angeschwollen, während die Arme auffallend untrainiert sind. Mancher schauspielerischer Wurf lässt vermuten, dass auch am Set ordentlich gelitert wurde und man spürt, wie wohl sich Jürgens vor allem in Nicos Kneipe zwischen den exotischen Weibern fühlt.

Aber Olsens Film geizt auch sonst nicht mit Schauwerten. Herausragend sicherlich der Auftritt der fettleibigen Killertarantel, die tricktechnisch ähnlich überzeugend realisiert wurde wie die gefräßigen Spinnen in Fulcis L’ALDILA. Träge vor sich hin wabbelnd, hockt sie auf dem Bauch einer vor Angst regungslosen Schönheit. Jürgens lässt sich von der Absurdität dieses Anblicks jedoch nicht beirren: Wie ein Panther schleicht er sich an, die Augen geweitet, jederzeit auf den Angriff des Spinnentieres gefasst und bereit, sich mit einem Hechtsprung aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu befördern. Todesmutig überzeugt er das Biest davon, auf seinen Arm zu klettern und trägt es dann gaaaaanz langsam und vorsichtig zur Reling, wo er sie den Fluten überantwortet. Suspense vom Feinsten, Hitchcock eat your heart out! Die finale Ballerei kann da nicht ganz mithalten, beinhaltet aber immerhin einen Satz des normannischen Kleiderschranks aus einem explodierenden Jeep sowie einen Säurewurf in Sieghardt Rupps Ganovenfresse. Am Ende kann Käpt’n Jolly gar nicht schnell genug den Anker lichten und lässt sogar die ihm hinterherrennenden Weiber zurück. Winkend und rufend stehen sie am Kai, frohlockend, dass sie die Bekanntschaft mit diesem Bär von einem Mann machen durften. Mir ging es da gestern kaum anders.