Mit ‘Herbert Fux’ getaggte Beiträge

Comfort Food für Geschmacksverirrte und Nostalgiekeule für Menschen, die diesen Film 1970 zum Kassenschlager machten (unter anderen auch mein werter Herr Papa). Warum es in den späten Sechzigern einen kurzen, aber heftigen Boom von Hexenfolterfilmen gab – Michael Reeves‘ WITCHFINDER GENERAL machte den Anfang, seinem Beispiel folgten dann unter anderem Franco mit DER HEXENTÖTER VON BLACKMOOR und eben Adrian Hoven, der auch noch eine Fortsetzung nachlegte -, dürfte schwer zu erklären sein, genauso wie man sich kaum vorstellen kann, dass ein Kracher solchen Titels damals Scharen deutscher Schaulustiger in die Kinos trieb. Schon die Tatsache, dass HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT über 20 Jahre später, bei seiner Videoveröffentlichung, eine Beschlagnahme einheimste, lässt erahnen, wie sich die Zeiten geändert haben und hatten und dass ein Phänomen wie dieses heute nicht mehr wiederholbar scheint.

Damals aber dachte Adrian Hoven, ehemaliger Frauenschwarm und Star des deutschen Heimatfilms, dass es eine Superidee sei, die historische Realität der Hexenverfolgung, -folterung und -verbrennung als Thema für einen Film zu wählen, der es mit der protokollarischen Schilderung jener vergangenen Zustände etwas weniger ernst nahm als mit der lüsternen Zurschaustellung weiblicher Pein – und er hatte ja Recht mit seiner Vermutung, wie oben erwähnt. HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT ist ein bizarrer Mischling: Der Film ist durchaus aufwändig gemacht, hochkarätig besetzt und sauber inszeniert, kein Vergleich mit dem Billigschrott, den findige Produzenten sonst so auf den Markt warfen und denen es  damit mitunter gelang, ein Mainstreampublikum zu ködern (sofern dieser Begriff vor 40, 50 Jahren überhaupt Sinn machte). Und zwischen all dem geilen Mummenschanz legt er auch die Inquisition als Werkzeug von Willkür, Machthunger und Misogynie unmissverständlich bloß. Wenn das letztlich auch bloß die gute alte Exploitationschule ist:Der gemeine (männliche) Kinogänger konnte damals in geiler Erwartung von nacktem Fleisch und Sadomasochismus in HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT stürzen und dann nach dem Besuch erzählen, er habe einen kritischen Film über die Leichen im Keller der katholischen Kirche gesehen. (Wobei ich bezweifle, dass jemand diese Ausrede wirklich anwendete: Die Menschen dürften damals deutlich weniger blöd und naiv gewesen sein als wir es ihnen zugutehalten.)

Der heutigen Freude tut das alles aber keinen Abbruch. Hovens Film ist einfach zum Liebhaben, eines nicht allzu vieler Beispiele wirklich perfekter deutscher Exploitation, krass, unverschämt, perfide, blutig, sexy, schmuddelig, aber auch wirklich schön anzuschauen. Der ganze Film ist einziger Schauwert, ob das nun die unverwechselbaren Antlitze der Herren Lom, Nalder, Fux und Kier sind, die üppigen Formen der weiblichen Protagonistin Vanessa (Christina Vuco), die fadenscheinigen, aber liebevollen Effekte oder die schönen österreichischen Kulissen. Am tollsten ist Herbert Fux als gut gelaunter Folterknecht, so toll, dass man sich ein Spin-off wünscht, das ihn durch den Arbeitsalltag begleitet. Wunderbar auch die Szene mit der Wasserfolter, bei der Adrian Hoven höchstselbst dem Wahnsinn anheimfällt. Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt man, außer bei mir, denn ich fand HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT auch beim ersten Mal schon super und daran hat sich auch diesmal nichts geändert. Das Titelthema erinnert übrigens frappierend an jenes aus Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST. Ob sich der gute Riz Ortolani hier inspirieren ließ?

To cut a long story short: DREI SCHWEDINNEN IN OBERBAYERN ist ein Meisterwerk, zumindest aber die Gottwerdung des offensichtlichen Humors. Siggi Götz versteht es wie vielleicht kein anderer, Szenen anzubahnen, bei denen man sich denkt: „Nein, das macht er jetzt nicht, das kann er nicht machen, bittebitte, lass es ihn nicht machen“, nur um es dann doch zu tun – und damit einen Volltreffer nach dem anderen zu landen. Auf die Distanz von 90 Minuten entfaltet diese Methode, die Erwartungen wirklich kein einziges Mal zu unterlaufen, sondern sie wirklich immer punktgenau, gewissermaßen in vorauseilendem Gehorsam, zu bedienen, jede Pointe genau den entscheidenden Sekundenbruchteil zu spät zu setzen, einen unwiderstehlichen Reiz. Es gehört immenses Timing und Können dazu, diese Masche nicht nur einen ganzen Film lang durchzuhalten, sondern auch zur gewinnenden Strategie umzudeuten.

DREI SCHWEDINNEN IN OBERBAYERN hat alles, was man dem deutschen Lustspiel der Siebziger- und frühen Achtzigerjahre üblicherweise vorwirft – Mundart und Dialekt, Schwulenwitze, Verwechslungen,“lustige“ Soundeffekte (alles, wirklich alles bekommt ein lustiges Geräusch), Verfolgungsjagden und Keilereien, tumbsten Slapstick, Grimassen, dämliche Kalauer und natürlich Zoten, Zoten, Zoten – aber Götz schafft es, diese Ausprägung niederen Humors hier zur Kunstform zu erheben. Seine Attacken auf das Zwerchfell werden mit äußerster Brutalität, Ausdauer und Durchschlagskraft geführt. Am Ende liegt man winselnd darnieder, weiß nicht, ob man traurig darüber sein soll, dass es „schon“ vorbei ist, oder dankbar dafür, noch am Leben zu sein.

All das entspringt dabei nicht dem Zynismus, der Menschen nur als Material betrachtet und Zuschauer als bodenlose Fressmaschinen, die möglichst billig möglichst schnell möglichst voll zu stopfen sind, sondern einer allumfassenden Menschenliebe. Das macht der Prolog ganz deutlich, der im Geiste des konservativen Heimatfilms von der „Überfremdung“ des schönen Oberbayerns faselt, in das die Ortsfremden und Ausländer einfallen und alles kaputtmachen. Der Film zeigt dann, dass es eigentlich ganz anders ist: Die „Fremden“ bringen erst frischen Wind mit und sorgen dafür, dass die Einheimischen sich nicht gegenseitig auf die Nerven gehen, von den neuen sinnlichen Reizen mal ganz zu schweigen. DIe drei Schwedinnen – kaum mehr als anonyme Platzhalter – verkörpern die Verheißungen dieses Fremden, das ja auch und nicht zuletzt ein Neues ist. Sie müssen kaum mehr tun, als da zu sein, um den Ort komplett auf den Kopf zu stellen und festgefahrene Strukturen neu zu ordnen.

Über Details will ich gar nicht viel sagen, zumal der Wahnsinn, den die Handlung darstellt, eh kaum nachvollziehbar zusammenzufassen ist, nur zwei Sachen: DREI SCHWEDINNEN IN OBERBAYERN hat zwei Geheimwaffen, die man aus dem LISA-Oeuvre zwar kennt, die aber vielleicht nie so wertvoll waren wie hier, nämlich Alexander Grill, der wenig mehr machen muss, als dumm zu gucken und gewissermaßen den ruhenden Pol in dem ganzen Irrsinn zu geben (man kann ihn sich ein bisschen als den Patrick Star für Gianni Garkos Spongebob vorstellen), und den spindeldürren Jacques Herlin. Den hat die Synchro hier herrlicherweise mit Berliner Akzent und einer aufdringlichen „Bruhargh“-Lache ausgestattet, die den Film fast allein sehenswert macht. Die Szene, in der er sich dutzendweise rohe Eier in ein Glas schlägt und trinkt, um für den Fick am Abend genug Druck auf dem Füller zu haben, ist alles, einfach alles, und die Krönung dieses Monumentalwerks, das man wenigstens einmal gesehen haben muss.

Vor etwa drei Jahren legte die „Edition Deutsche Vita“ aus dem Hause Subkultur mit drei Filmen – ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN, WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEPERBAHN und FLUCHTWEG ST. PAULI – einen ziemlich fulminanten Start hin. Vor Kurzem wurde die Reihe dann endlich fortgesetzt mit Roger Fritz‘ MÄDCHEN MIT GEWALT (den ich mir noch anschauen muss), jetzt steht DIE ENGEL VON ST. PAULI in den Startlöchern, wie die ZINKSÄRGE vom St.-Pauli- und Crime-Experten Jürgen Roland inszeniert. Für mich eine ganz besondere Veröffentlichung, weil ich meinen ersten Audiokommentar beisteuern darf – zusammen mit dem berüchtigten Pelle Felsch aus dem wunderschönen Hagen. Um nicht zu viel vorzugreifen, aber gleichzeitig das Interesse zu wecken, möchte ich mich hier auf das Wesentliche beschränken. Wer sich für den deutschen psychotronischen Film interessiert und für sauber gemachtes Crime-Kino, für den führt an der Veröffentlichung eh kein Weg vorbei.

Jürgen Roland, der sich im „Milieu“ exzellent auskannte und dessen Serie STAHLNETZ im deutschen Fernsehen Maßstäbe in Sachen Realismus setzte (zuvor hatte er u. a. Drehbücher für die ähnlich angelegte Serie DER POLIZEIBERICHT MELDET … geschrieben), ließ sich für DIE ENGEL VON ST. PAULI von realen Begebenheiten inspirieren, die jedem, der damal in Hamburg und St. Pauli lebte, ein Begriff sein mussten. Dabei ging es ihm aber nicht so sehr darum, die Realität lediglich abzubilden, sondern sich ihr gerade so weit anzunähern, dass die Plausibilität ebenso gewahrt blieb wie das ursprüngliche Bedürfnis, dem Zuschauer 90 Minuten spannende Unterhaltung zu bieten. Die im Film geschilderten Ereignisse datieren auf die mittleren Sechzigerjahre, als ein Bandenkrieg zwischen Hamburger und sich im Kiez ausbreitenden Wiener Luden um die Vorherrschaft im Gewerbe ausbrach. Die beiden Konfliktparteien werden im Film angeführt von Jule Nickels (Horst Frank), einem Hamburger Gentleman-Gangster, und dem Österreicher Holleck (Herbert Fux). Ihre Auseinandersetzungen eskalieren, als ein Freier (Werner Pochath) eine Dirne ersticht und untertaucht.

Wie eigentlich alle Filme von Roland (seine Beiträge zur Wallace-Reihe, DER ROTE KREIS und DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE mal ausgenommen) zeichnet sich auch DIE ENGEL VON ST. PAULI durch die überaus gelungene, schmackhaft präsentierte Verbindung dieser oben erwähnten Authentizität und sensationalistischem Thrill aus. An Originalschauplätzen mit echten Charakterfressen gedreht, atmet der Film diese einmalige, unnachahmliche St.-Pauli-Atmosphäre, die es heute in dieser Form kaum noch gibt, hat man bei den einmaligen Dialogen immer das Gefühl, Szene-O-Ton zu vernehmen. Man erhält so Einblick in ein vollkommen abgeschottetes Universum, dessen Bewohner einem ganz eigenen Wertekodex folgen, in ein lebendiges Sub-System mit einer florierenden Infrastruktur, das neben der „normalen Welt“ etabliert wurde. Roland zeichnet dieses System durchaus mit Sympathie, man merkt ihm an, dass er für den Geschäftssinn seines Protagonisten großen Respekt aufbringt – ebenso übrigens für den ermittelnden Kommissar Berlinger (Günther Neutze), der nicht einfach mit der sprichwörtlichen „harten Hand“ vorgehen kann, sondern diplomatisches Geschick im Umgang mit dem Milieu an den Tag legen muss. Der Kampf zwischen dem Gesetz und dem Verbrechen ist auf St. Pauli eben kein Ausnahmezustand, sondern der Alltag. Es geht allen darum, den fragilen Frieden zu halten, auf dass das Leben in halbwegs geregelten Bahnen verlaufen kann. Und wenn eine der Dirnen ums Leben kommt, dann werden beide Seiten in Alarmbereitschaft versetzt.

DIE ENGEL VON ST. PAULI war in den letzten Jahren, anders als andere St.-Pauli-Filme aus dem Schaffen Rolands oder auch Rolf Olsens, nur schwer ausfindig zu machen. Auf Wikipedia gibt es noch keinen Link zu dem Film, es hat sich aber auch kein Kult um ihn firmiert, wie das bei anderen Raritäten oft der Fall ist. Umso größer wird sicherlich die Überraschung sein, wenn viele ihn demnächst zum ersten Mal sehen. Es ist Rolands gelungener Versuch eines großen Gangsterfilms, mit den Vorbildern aus Übersee im Hinterkopf, aber intaktem norddeutschem Selbstbewusstsein und -verständnis inszeniert. Leider traut sich heute kaum noch einer, so etwas zu machen.

020Bei der DVD-Auswahl ist mir gestern ein Fehler unterlaufen: Anstatt TOD IM ROTEN JAGUAR, den vorletzten Jerry-Cotton-Film in den Player zu schubsen, habe ich zielsicher den letzten gegriffen und so die chronologische Ordnung empfindlich gestört. Zur Beruhigung meiner höchste Akribie und preußische Gewissenhaftigkeit gewöhnten Leser sei gesagt, dass das völlig egal ist, denn erstens fehlt mir mit DYNAMIT IN GRÜNER SEIDE sowieso noch Teil 6 der Reihe (derzeit nur über die vergriffene Box erhältlich, deren anderen 5 Teile ich bereits besitze), und zweitens folgen die Cotton-Filme eh keiner übergeordneten Dramaturgie. TODESSCHÜSSE AM BROADWAY, das letzte Abenteuer des „G-Manns“, endet gar mit dem verheißungsvollen Versprechen eines weiteren Leinwandabenteuers, das dann aber nicht mehr kam. Innerhalb von nur vier, fünf Jahren waren beachtliche acht Filme um den Groschenromanhelden buchstäblich rausgehauen worden und die Umstellung auf Farbe mit Beitrag Nr. 5, DER MÖRDERCLUB VON BROOKLYN, ist so ziemlich die einzige konzeptionelle Neuerung, die man sich in dieser Zeit erlaubt hatte. Auch TODESSCHÜSSE AM BROADWAY ist ein typischer Cotton, visuell vielleicht etwas attraktiver (dieses Licht!) als die eher tristen Vorgänger (der Eindruck mag aber auch daher rühren, dass ich den Film auf Blu-ray gesehen habe), erzählerisch aber genauso bieder und formelhaft wie diese.

Echte Spannung oder gar Begeisterung kommt zu keiner Sekunde auf, aber solche zu erwarten, ist eh der komplett falsche Ansatz. Eher sollte man die Filme so genießen wie das wohltuende Mittagsschläfchen im Lieblings-Schlabberanzug, bei dem man die ideale Position in seiner angestammten Sofamulde findet und sich von Peter Thomas‘ schmoovem Swing sicher ins Reich der Träume begleiten lässt. Man weiß, was man hier bekommt, und ich kann nicht anders, als die in der Reihe etablierte Technik, Second-Unit- und Archivaufnahmen von Schauplätzen wie New York oder Las Vegas zu verwenden, um den in ganz und gar unamerikanisch aussehenden Berliner und Hamburger Industriebrachen und Hafensettings inszenierten Rest zu „authentifizieren“. Kein einziger der Darsteller setzte für TODESSCHÜSSE AM BROADWAY auch nur einen Fuß auf amerikanischen Boden: Das Höchste der Gefühle ist ein aus respektvoller Distanz gefilmtes Double, ansonsten wird auf schöne Rückprojektionen gesetzt, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt. Und was das für Rückprojektionen sind: Wie sich die dunkelhaarige Schöne Heidy Bohlen da in prächtigen Farben und gestochener Schärfe von dem leicht milchigen Empire-State-Building-Footage abhebt, möchte man sich fast einen überlebensgroßen Druck davon an die Wand hängen. Hier findet das make believe, die Freude am Pulp, das Unzureichende des Stils, das mit der Intensität des Traums und der Sehnsucht nach der fremden Welt hinter dem Ozean, einer Welt voller Aufregung und Abenteuer, Hand in Hand geht, seinen idealen Ausdruck. Alles andere ist dann eigentlich egal.

Wie SCHAMLOS beginnt auch GEISSEL DES FLEISCHES mit einer Schrifttafel. Ein Anstieg der Sexualverbrechen wird da konstatiert, und gemutmaßt, dass die zunehmend offenherziger werdenden Darstellungen des weiblichen Körpers auf Werbetafeln, in Film und Fernsehen dafür verantwortlich sein könnten. Ein Schelm, der Böses dabei denkt, denn Regisseur Eddy Saller dürfte sich bei der Formulierung dieser Zeilen fröhlich feixend ins Fäustchen gelacht haben. Natürlich profitiert GEISSEL DES FLEISCHES selbst in nicht unerheblichem Maße von dem Voyeurismus des Mannes, der Freude an weiblicher Selbstdar- und Zurschaustellung sowie der Lockerung jener gesellschaftlicher Normen, die bestimmen, was man noch zeigen darf und was nicht mehr. Als wolle er den unbewiesenen Kausalzusammenhang zwischen öffentlicher Nacktheit und der Anzahl der Sexualverbrechen in Stein meißeln, lässt er den Kamerablick in der Eröffnungsmontage von Plakatmotiven auf kurzberockte Damenbeine gleiten und drängt auch seine Zuschauer unweigerlich in die Triebtäterperspektive seines Protagonisten. Der heißt Alexander Jablonsky (Herbert Fux) und ist ein reichlich bemitleidenswertes Geschöpf. Der gescheiterte Konzertpianist verliert angesichts leicht bekleideter Damen sofort jede Beherrschung und wird von einem unstillbaren Trieb gepackt, der sich in einer Serie von Angriffen, Vergewaltigungen und Morden entlädt. Als er auf frischer Tat ertappt wird, gilt es vor Gericht zu ermitteln, in welchem Maße er überhaupt schuldfähig ist.

Saller, wissend dass er seinem Exploiter eine respektable Fassade verleihen muss, um dem Publikum eine Ausrede an die Hand zu geben, zieht seine Moritat sehr geschickt als quasi-essayistisches Thesenstück auf. Die Gerichtsverhandlung und der mit ihr einhergehende Austausch von Argumenten liefern den äußeren Rahmen, die Struktur und auch die Legitimation, in den via Rückblenden eingestreuten Mordszenen aus dem Vollen zu schöpfen. Es ist auch diese Spannungsverhältnis zwischen den steifen, Seriosität vorgaukelnden Gerichtsszenen (die den Ton der einige Jahre später entstehenden REPORT-Filmen vorwegnehmen) und den jeden aufklärerischen Impetus hinter sich lassenden Sequenzen, in denen Jablonsky seinen weiblichen Opfern nachstellt, die den Film zu einer Sternstunde deutschsprachiger Exploitation machen. Dabei funktionieren diese spannungsgeladenen Szenen schon ganz allein. Der unvergleichliche, unvergessliche Herbert Fux hat großen Anteil am Gelingen des Films, verkörpert er mit seinem markanten Gesicht und der schlaksigen Gestalt doch gleichermaßen den unberechenbaren Killer wie den tragischen Clown, den eine Laune der Natur zum Monster gemacht hat. Er spricht fast gar nicht und spiegelt in seiner Darstellung noch einmal die Kluft zwischen dem vorgetäuschten Anspruch der Gerichtszenen und dem Sein der Rückblenden: Wie er da regungslos, fast gelangweilt im Gerichtssaal sitzt, unfähig zu jeder Stellungnahme, ein stummer Zeuge bei seinem eigenen Prozess, fällt es schwer den mörderischen Lustmolch wiederzuerkennen. Zwei Herzen schlagen, ach, in seiner Brust. Saller zeigt aber auch in der Inszenierung der einzelnen Morde großes Können und zögert den Moment von Jablonskys Angriffen unter Zuhilfenahme spannungsfördernder Stilmittel – Musik, suggestive Kameraführung und schattenreiche Bildkomposition – weit hinaus. Es ist wahrscheinlich Zufall, aber mehr als nur eine Szene erinnerte mich an die großen Klassiker des US-amerikanischen Serienmörderfilms, die die nächsten Jahrzehnte bereithalten sollte: Eine Verfolgungsjagd durch das dürre, labyrinthische Geäst eines Wäldchens sieht aus wie jene, die Tobe Hooper für THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE inszenierte; der Einbruch Jablonskys in die Wohnung einer Tänzerin hingegen könnte William Lustig für seinen MANIAC studiert haben. Und der verzweifelte Kampf der als Lockvogel auf den Killer angesetzten Polizistin nimmt schließlich den Final-Girl-Schlussakt nahezu jedes Slasherfilms der Siebziger- und Achtzigerjahre vorweg.

Am Ende ist man sich einig: Nein, allein wegen der geilen Werbeplakate wird niemand zum Frauenmörder, aber ein bisschen selbst Schuld sind die Frauen trotzdem mit ihren kurzen Röcken und ihrem aufreizenden Gehabe in den Straßencafés. Der Jablonsky, der hat sich in seiner Zelle aufgehängt, armes Schwein, das er ist, aber da läuft schon der nächste unscheinbar wirkende Mann über die Straße und starrt lüstern unter die Tische. Die Mörder, sie sind mitten unter uns. Und wir lieben es, sie dafür zu hassen, dass sie so unverblümt ihren Trieben folgen, während wir selbst im Kino noch ein Alibi brauchen.

Ein Meisterwerk, wie SCHAMLOS auch schon.

 

Ein Film, der mit einer ausgedehnten Prügelei anfängt, kann nicht schlecht sein. KOMMISSAR X – DREI GRÜNE HUNDE knüpft nach dem doch etwas langweiligen Vorgänger wieder an das Niveau der ersten beiden Filme um den Privatdetektiv an. Der Job führt Jo Walker (Tony Kendall) diesmal nach Istanbul, dessen beeindruckende Skyline gleichermaßen Exotik wie geschäftige Urbanität mitbringt, etwas, das den vorangegangenen Titeln, die in Sri Lanka respektive Singapur spielten, fehlte. Auch die Storyline – es geht um die Drohung einiger Ganoven, der titelgebenden „drei grünen Hunde“, die Trinkwasserversorgung der Metropole mit LSD zu verseuchen und die Stadt so zur Zahlung eines stattlichen Sümmchens zu erpressen. Glücklicherweise kann Captain Tom Rowland (Brad Harris) das Halluzinogen in Sicherheit bringen, mit den erwartbaren Konsequenzen: Auch KOMMISSAR X – DREI GRÜNE HUNDE weicht kein Stück vom bisher etablierten Erfolgskonzept ab, was bedeutet, dass auch dieser Film in loser Folge Verfolgungsjagden, Mordanschläge, Prügeleien, Ballereien und Entführungen aneinanderreiht.

Ob man das nun anregend oder ermüdend findet, hat nicht wenig mit der Fähigkeit zu tun, die freifließende Lebensfreude hinter dem Spektakel zu erkennen. Dass Walker und Rowland laut ihrer Berufsbezeichnung im Dienste des Gesetzes unterwegs sind, ist eigentlich nur vorgeschoben. In ihrem Handeln zeigt sich überdeutlich die Berauschung an der eigenen Bewegung, an der Herrschaft über den Körper, die sich am klarsten natürlich dort zeigt, wo sie gleichzeitig den Triumph über andere bedeutet. Wobei KOMMISSAR X – DREI GRÜNE HUNDE trotz etlicher Tote niemals wirklich auf böse Art gewalttätig wird. Alles ist als Spiel gekennzeichnet und von geradezu kindlicher Euphorie getrieben. Im Showdown in der bizarren Felslandschaft Kappadokiens gibt es eine ausgedehnte Verfolgungsjagd, in deren Verlauf Rowland und seine Häscher die sandigen Hänge der Hügel hinabrutschen wie in einem Vergnügungspark, und eine Totale, die zeigt wie die Schurken nach einem Schlag von Rowland die Böschung hinunterpurzeln. Die Verbrecherjagd ist reiner Selbstzweck, im Grunde genommen egoistische Lustförderung der beiden Helden, und dass sie dabei noch etwas Gutes tun, nehmen sie eher amüsiert zur Kenntnis. Vor allem Walker kommt aus dem Grinsen gar nicht mehr raus, wenn er da in einer Tour mit hübschen Dingern anbändelt und auch schon mal zu einer in den Zuber steigen darf, um sich vor der Polizei zu verstecken.

Die gute Laune des Films ist ansteckend, die Sonne strahlt aus jedem Einzelbild und danach möchte man sich am liebsten so einen Schlapphut kaufen, wie ihn nur Herbert Fux tragen kann, der hier den Schurken Eddie Shapiro spielt. Seine Rolle ist ganz und gar nicht entscheidend, aber diese Wiener Lässigkeit, die er mitbringt und die jede Szene mit ihm durchzieht wie Zigarrendunst eine funzelige Eckkneipe, passt wie der Arsch auf den Eimer und ist das Element, das dieser vierte KOMMISSAR X-Film den Vorgängern voraus hat.

zaertlich_aber_frech_wie_oskarDer jugendliche Frauen- und Mädchenschwarm Peter (Régis Porte) lernt im Urlaub am Wörthersee die süße Billi (Patricia Zenker), Tochter des örtlichen Gendarmerie-Chefs Josef (Werner Röglin), kennen und verliebt sich ein bisschen. Die Teenieromanze endet mit dem letzten Urlaubstag und dem Versprechen, sich regelmäßig zu schreiben und im nächsten Jahr wiederzusehen. Zu Hause in München hat Peter freilich viel zu viel mit anderen Frauen zu tun, als dass er an Billi noch viele Gedanken verschwenden würde. Drei etwas lästige Freundinnen hat er angehäuft, kann sie aber pünktlich zum nächsten Sommerurlaub, der ihn und seinen jungfräulichen Kumpel Freddy (Tobias Meister) nach Italien führen soll, wieder loswerden. Auf dem Weg in den Süden machen die beiden Halt an einer Tankstelle – und treffen dort prompt Billi wieder, die die beiden überredet, doch wieder in Velden am Wörthersee einzukehren. Es folgen amouröse Verwicklungen und schließlich ein Happy End für Peter und Billi …

Meinen kleinen Lisa-Film-Exkurs (der irgendwann fortgesetzt werden wird) schließe ich vorerst mit ZÄRTLICH, ABER FRECH WIE OSKAR (auf DVD als DER GENDARM VOM WÖRTHERSEE vermarktet). Wir sind nach einigen Softsex-Filmen wieder bei den frivolen Lustspielen angelangt, die in den Achtzigerjahren die tragende Säule der umtriebigen Produktionsfirmen waren. In dem Duo aus Peter und Freddy brodelt schon der Samen der Supernasen, der heutige Zuschauer glaubt den Geist Roy Blacks durch die Wörthersee-Kulisse schweben zu sehen. Tatsächlich eignet sich Gottliebs Film hervorragend, einem Uneingeweihten die Lisa-Film näherzubringen, vereint der Film doch alles, was ihre Produktionen „auszeichnete“: Freche, jugendliche Protagonisten, die nie um einen duften Spruch verlegen sind. Flotte Discomucke mit einprägsamen Gaga-Texten, die sich sofort ins Ohr fräst und zum unbeschwerten Schwofen einlädt. Jede Menge kesser Bienen, die immer bereit sind, ihre Hüllen fallen zu lassen, und denen keine Anmache zu blöd ist. Ein attraktiver, Urlausatmosphäre verströmender Handlungsort, der den Eskapismus-Charakter der Filme noch unterstreicht. Und schließlich ein paar klischierte Spießerfiguren, die zur Freude des jungen Publikums Opfer des jugendlichen Anarchismus werden und selbst ein paar Kalauer reißen dürfen.

Letztere Rolle wird hier erneut mit Bravour von Herbert Fux übernommen, der nach COLA, CANDY, CHOCOLATE zum zweiten Mal in die Priestersoutane schlüpfen darf und überall „Nackerte“ sieht. Werner Röglin gibt den strengen Papa, der seine Tochter vor gefährlichen Schwerenötern schützen will, dem jungen Liebesglück am Ende aber seinen Segen gibt, weil er eigentlich ein guter Kerl ist. Seine Kollegen sind der tumbe Xandel, verkörpert vom Lisa-Faktotum Otto W. Retzer, und Leopold (Heinz Eckner), der obligatorische Schwule (er hat den besten Gag des Films). Außerdem gibt es noch eine rustikale Oma (Rosl Mayr), die natürlich genau weiß, wie das funktioniert mit der Liebe, ein spießiges Touristen-Ehepärchen, das angesichts der hormonellen Verwerfungen um sie herum selbst ganz wuschig wird, jedoch keine Lust mehr für den eigenen Partner aufbringt (die Satzkonstruktion funktioniert nicht ganz, egal). Der Reigen wird vervollkommnet durch den Kellner Mario (Alexander Grill), der als erstes die Preise auf der Karte manipuliert, als die dummen Touris eintreffen und später für den ach so putzigen Rassismus sorgt, der in einem solchen Film natürlich nicht fehlen darf. DIe chinesischen Gäste bedient er aus Prinzip nicht, beschimpft sie als „chinesische Saupreiß“ und muss dann erfahren, dass die selbst breitestes Bayrisch sprechen. Überhaupt diese Szene kurz vor Schluss auf der Veranda von Marios Lokal: Da hagelt es einen zotigen Schenkelklopfer nach dem anderen, werden tatsächlich Witze erzählt, statt filmische Gags vorbereitet. ZÄRTLICH, ABER FRECH WIE OSKAR kann und will seinen episodischen, kolportagehaften Charakter gar nicht verbergen. Keine Szene erfüllt eine dramaturgische Funktion, sondern steht ganz allein für sich und endet entweder in einem Witz, der Entblößung von Brüsten oder beidem. Kein Klischee ist dabei zu platt. Mich als ehemaligen Wahl-Düsseldorfer hat besonders gefreut, dass die etwas arrogante Schickimicki-Tante Marie Luise (Renate Langer) sich als Düsseldorferin entpuppt. Aber nirgends kommt die Entertainment-um-jeden-Preis-Strategie so gut zum Vorschein wie in der Discoszene, in der die „Speedys“ ihren Hit der Einfachheit halber gleich zweimal hintereinander spielen. Lieb mich, oder ich schlag dich! Wer kann da schon Nein sagen?

l_78982_fa1ada0bDie kesse Gaby (Olivia Pascal) hat die Schnauze voll von ihrem Freund, der nur sein Moped im Kopf hat. Nachdem er ihr eine Flasche (!) über den Kopf gezogen hat, gibt sie ihm den Laufpass und ertränkt ihren Kummer in der Pinte ihrer Freundin Carmela (Ursula Buchfellner). Dort reift die Entscheidung, vor dem Alltag in die Südsee zu entfliehen. Noch am Flughafen begegnet Gaby dem schüchternen Anthropologen Dr. Andreas Witzig (Philippe Ricci), der dasselbe Reiseziel hat, allerdings aus einem anderen Grund: Er soll seine Freundin Christine (Christine Zierl), eine dralle Schreckschraube mit schauderhaften Sangesambitionen ehelichen, ihr Bruder, Pfarrer Herbert (Herbert Fux), der auf der Trauminsel als Missionar tätig ist, die Zeremonie leiten. Gaby fasst schnell den Entschluss, dazwischenzufunken …

Warum der Film aus der unermüdlich ihr Erfolgsrezept abspulenden Lisa-Film-Schmiede COLA, CANDY, CHOCOLATE heißt, bleibt wahrscheinlich sein einziges Rätsel. Der Alternativtitel DREI KESSE BIENEN AUF DEN PHILIPPINEN ist deutlich naheliegender, auch wenn es derer eigentlich nur zwei gibt. Schon während der Anfangscredits zum dudelsackbefeuerten Charterfolg der Gruppe „Luv“ mit dem Titel „Trojan Horse“ (Textkostprobe: „One – two – three, you’re gonna dance with me/one – two – three – four – five, you say I’ll be your wife“) stellt sich dieses warme Gefühl der Geborgenheit ein, wenn  neben Olivia Pascal und Ursula Buchfellner auch noch „Herbert Fux und sein Schimpanse Mickey“ angekündigt werden. Glück kann so einfach sein, und niemand wusste das besser als die Macher der Lisa-Film. Weil sich ihre Werke durch Liebe zum Detail auszeichnen, trägt der Schimpanse selbstverständlich eine Latzhose, Turnschuhe und auch mal eine Sonnenbrille, darüber hinaus außerdem die schwere Last auf den Schultern, die intelligenteren Kalauer des Films zu stemmen. Er löst diese Aufgabe bravourös, auch wenn man ihn gemeinerweise dadurch zu verunsichern sucht, dass man ihn nicht „Mickey“, sondern „Jimmy“ nennt. So klaut er dem Pfarrer gleich zu Beginn das Auto und blockiert später grinsend (und mit einer Zeitung bewaffnet) das Scheißhaus mit dem herzförmigen Guckloch, als alle, von der Verabreichung von Abführmitteln geplagt, nach Erleichterung streben. Dann kommt auch wieder die inkompetente philippinische Feuerwehr angebraust und spritzt alle nass, wie sie das schon 30 Minuten zuvor einmal getan hatte. COLA, CANDY, CHOCOLATE vereint alle Standards des bundesdeutschen Lustspiels zu einer perfekt geölten Verblödungsmaschine, die einem entweder eine seliges Grinsen in die Visage zaubert oder aber den Effekt von mit Gummireifen gestrecktem Cannabis erzeugt: Bräsig sitzt man dann mit offenem Mund und trübem Blick vor dieser 78-minütigen Parade der Absonderlichkeiten, die einem aber so selbstverständlich dargeboten wird wie die labbrige Salatgarnitur zum Wiener Schnitzel im gutbürgerlichen Wirtshaus. Der fette schwule Hotelbesitzer ist natürlich schon allein deshalb witzig, weil er fett und schwul, der stets mit breitestem  Amislang palavernde, unbeholfene Ami, weil er eben ein palavernder, unbeholfener Ami ist. Wenn Christine eine Kostprobe ihrer Sangeskünste gibt, bersten die Scheiben, und Pfarrer Herbert zweifelt an seinem Verstand, weil ständig jemand seine Soutane klaut und sie dann wieder genau dort ablegt, wo sie doch eben nicht mehr war.  Der strenge Bischof sieht das sündige Treiben mit Erschrecken, bis er am Ende ein paar nackte Philippinen-Mädels unter seinem Bett findet, weil Gaby die Ferienhäuser verwechselt hat. Warum Andreas überhaupt diese furchtbare Christine heiraten will, spielt ebensowenig eine Rolle, wie die Antwort auf die Frage, was Gaby an ihm findet, diesem bebrillten Langweiler ohne Rückgrat. Der akademische Hintergrund wird es ja wohl kaum sein. Hier kommt zusammen, was nach des Drehbuchs Gutdünken zusammen gehört, und wenn es nicht passt … nein, halt: Regisseur Rothemund macht eben nichts passend, sondern geht über jede Frage, die die Handlung aufwirft, einfach mit der Ungerührtheit eines deutschen Panzers hinweg. „Cut to the Chase“ lautete das Geheimrezept amerikanischer Filmemacher, wenn ihr Film zu versacken drohte, und Rothemund kennt das auch. Weil ihm aber nicht so nach Geschwindigkeit ist, blendet er zum Schimpansen oder eben – mit deutlich größerem Erfolg – auf die Jungmädchenleiber von Olivia Pascal und Ursula Buchfellner. So macht COLA, CANDY, CHOCOLATE pünktlich alle drei Minuten eine kurze Pause vom Nichtstun und der Zuschauer mit ihm.  Abertausende von Filmfreunde rechtfertigen ihre Geschmacksverirrungen damit, dass sie „mal ihr Gehirn abschalten wollten“, nicht merkend, dass das eh schon Dauerzustand bei ihnen ist. Rothemunds Film kann da Wunder wirken: Nach 78 Minuten freut man sich, wenn man die Denkmurmel endlich wieder betätigen darf. Bis dahin war’s aber ein schöner Urlaub in Absurdistan.

Baron Frankenstein (Joseph Cotten) schraubt gemeinsam mit seinem Assistenten Dr. Marshall (Paul Muller) an einem künstlichen Menschen aus Leichenteilen herum, die ihm der kleine Ganove Lynch (Herbert Fux) besorgt. Pünktlich zur Ankunft seiner Tochter Tania (Rosalba Neri) gelingt die Wiederbelebung des Monsters, das den Baron sofort umbringt und fortan die Gegend unsicher macht. Während Captain Harris (Mickey Hargitay) versucht, die Morde aufzuklären, macht sich die ehrgeizige Tania daran, in die Fußstapfen des Papas zu treten: Sie will das Gehirn des ihr verfallenen Marshall in den kräftigen Körper des tumben Stallburschen Thomas einsetzen …

Erwartet hatte ich eine Trashgurke, bekommen habe ich einen zwar hier und da kruden und unbeholfenen, aber stets originellen und daher interessanten Frankenstein-Film: Nicht nur, dass er der altbekannten Geschichte durch die Einführung der ehrgeizigen Tochter einige neue Fassetten abgewinnt und so auch als Kommentar auf die sich nicht gerade durch ein progressives Frauenbild auszeichnenden Gothic-Horror-Klassiker verstanden werden kann, ihm gelingen einige wirklich makabre Augenblicke. Die Ermordung des knackigen Stallburschen ist so eine: Während die dominante Tania ihn ordentlich zureitet, wird der arme Teufel von Marshall mit einem Kissen erdrosselt. Sein Todeskampf scheint der schönen Tania einigen Genuss zu bringen. Doch erst Tanias und Marshalls kranke Vorstellung einer glücklichen Beziehung setzt dem Film die Krone auf: er gefangen in einem Körper, der ihm nicht gehört, sie, die ihn auf seine Intelligenz reduziert, aber mit seinem Body nichts anfangen kann. Ein wahrhaft liebreizendes Paar, das jede Party mit seiner Anwesenheit adelt. Und das Monster hat einen Kopf wie ein Champignon und ein ordentlich zermatschtes Auge. Kein Wunder, dass es böse ist und nackte Frauen in den Bach schubst.

Nicht ganz uninteressant erscheint mir die Produktionsgeschichte, über die ich leider auf die Schnelle keine weiteren Informationen finden konnte. Der Film wurde in Italien produziert, aber inszeniert von Welles, einem US-Schauspieler, der unter anderem an Cormans LITTLE SHOP OF HORRORS beteiligt war – wohl auch als Regisseur, wie die IMDb andeutet. So wurde der Film dann auch von Cormans New World Pictures gekauft und in Amerika als LADY FRANKENSTEIN vermarktet, weshalb er innerhalb der Corman-Reihe von Shout! Factory auf DVD erhältlich ist. Der Film ist dort in einer normalen, ca. 83-minütigen Fassung und in einer „Extended Version“ enthalten, in die weitere Handlungsszenen aus anderer Quelle eingefügt wurden. Und wenn mich nicht alles täuscht, dann erkennt man in der linken oberen Ecke dieser Szenen das Logo von 3sat. Wobei ich mich dann frage, unter welchem Vorwand die eine lange Fassung von LADY FRANKENSTEIN in ihr Programm gehievt haben? Vielleicht im Rahmen einer Joseph-Cotten-Retro gleich im Anschluss an CITIZEN KANE? Wer weiß? Die Welt ist voller kleiner Wunder und Geheimnisse.

In London geht ein Dirnenmörder um, die Polizei – in Vertretung des zuständigen Inspektor Selby (Andreas Mannkopff) – ist ratlos. Verschiedene Zeugenaussagen bringen den Tagelöhner Charlie (Herbert Fux) aber auf die richtige Spur: Bei Jack the Ripper handelt es sich um den Arzt Dr. Dennis Orloff (Klaus Kinski) …

Bei JACK THE RIPPER handelt es sich um eine der Kollaborationen des spanischen Regisseurs Jess Franco mit dem Schweizer Filmproduzenten Erwin C. Dietrich, des Weiteren einen der bekanntesten Filme des spanischen Vielfilmers und außerdem wahrscheinlich um einen seiner beliebtesten (man sehe sich nur mal die inflationären OFDb-Bewertungen an). Die Gründe dafür liegen auf der Hand: JACK THE RIPPER verfügt über recht ordentliche Production Values, mit Kinski zudem über einen zugkräftigen Hauptdarsteller und mutet hinsichtlich seiner Francoismen sehr gezügelt und damit „goutierbar“ an. Inszenierungsfehler, technische Mängel, psychedelische Entgleisungen, Ausflüge in die Pornografie oder dekonstruktivistische Elemente – mithin alles, was einen Franco-Film sowohl auszeichnet, wie auch für den Durchschnittsseher ungenießbar macht – sucht man vergebens und wäre der Film nicht so offenkundig exploitativ, man könnte ihn glatt mit einem seriösen Period Piece verwechseln.

Leider ist das aber auch die Crux an der Sache, denn JACK THE RIPPER ist tatsächlich ziemlich öde: So ungemein statisch und steif wie der Film inszeniert ist, muss man annehmen, dass sich Franco selbst nicht wirklich für die Geschichte interessiert hat, die spannungsarm und ohne jedes Tempo abgespult wird. Die Identität des Killers wird von Anfang an offengelegt, was nicht so schlimm wäre, wenn es denn wenigstens eine Opferfigur gäbe, mit der man mitfiebern könnte, doch auch hier versagt der Film. Es fehlen zudem die Ideen und der Schwung, die Francos Filme sonst auszeichnen und noch nicht einmal der sonst so verlässliche Kinski springt ein, um die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Weitestgehend unbeteiligt schlafwandelt er durch den Film, den ich nur deshalb nicht ganz abschreiben kann, weil er diese eigenartige, staubig-bleiche Atmosphäre verströmt, die europäische Schmuddelfilme jener Zeit so auszeichnet. London – wenig überzeugend im Studio oder aber in Zürich „rekonstruiert“ – wirkt so leblos wie sich der mit Vorurteilen behaftete Deutsche eine Schweizer „Metropole“ wohl gern vorstellt, noch mehr aber wie die Kulisse eines Puppentheater-Stücks. Herbert Fux parliert ohne Rücksicht auf (Authentizitäts-)Verluste im breitesten österreichischen Schmäh daher und bekommt in der schönsten Szene des Films gleich zu Beginn in Großaufnahme und medizinischer Vollendung vom Doktor höchstselbst ein eitriges Geschwulst vom Bein gepult. Die anatomisch nicht ganz so korrekten Spezialeffekte heben zwischendurch mal die Stimmung, ebenso wie einige betulich ins Leere laufende Dialogszene und die durchaus ansehnlichen Nebelaufnahmen. Ja, irgendwie hat die Lethargie des Films durchaus ihren Charme, am späten Sonntagabend genossen sorgt sie aber dennoch für enorme Sekundenschlagefahr.