Mit ‘Hiroyuki Sanada’ getaggte Beiträge

1986 war die Welt des Actionkinos noch in Ordnung, in den USA und in Hongkong. Wenn man sich heute David Chungs international als IN THE LINE OF DUTY bekannten No-holds-barred-Brecher im Kino ansieht, wird man auf eine Art und Weise überrollt, wie man das gar nicht mehr gewohnt ist. Ja, heutige Actionfilme mögen größer, teurer aufwändiger und vielleicht auch bildgewaltiger sein: Der schieren Power eines solchen Werks, bei dem alle Beteiligten anscheinend nichts anderes im Sinn hatten, als sich und ihre Kollegen umzubringen und auf dem Weg dahin noch möglichst viel Sachschaden anzurichten, haben sie wenig bis nichts entgegenzusetzen.

Der alberne Humor – hier die reichlich stelzbockhaften, in heutigen #metoo-Zeiten mehr denn je fragwürdigen Avancen, die der niedliche Jungcop Michael (Michael Wong) der unwilligen Michelle (Michelle Yeoh) entgegenbringt -, meist Anlass für kontroverse Diskussionen und für viele westliche Zuschauer die bittere Pille des Hongkong-Kinos, die geschluckt werden will, scheint mir tatsächlich zwingend notwendig, um die rohe Physis, die Chung in den irrwitzigen Actionszenen zelebriert, überhaupt verkraften zu können. Bekäme man nicht zwischendurch die Gelegenheit, mit den Augen zu rollen, kurz abzuschalten oder sich vielleicht gar über ein paar Infantilismen zu ärgern, es wäre kaum auszuhalten. Es fällt bei dem entfesselten Tempo, das diese Filme fahren, der Leichtfüßigkeit seiner Darsteller, ihrer tänzerischen Eleganz und der Sportlichkeit der Inszenierung kaum auf, aber wenn dann die Credits rollen, fühlt man sich tatsächlich wie ein Punching Ball – oder einer der Protagonisten nach dem nicht enden wollenden Finalfight, bei dem in einer Tour ausgeteilt und eingesteckt wird. So flüchtig IN THE LINE OF DUTY inhaltlich sein mag: Er hinterlässt tiefe Spuren.

„Selbstüberbeitungslogik“ ist ja eigentlich ein Begriff, den man am ehesten mit den neuen Strategien des Eventkinos in Verbindung bringt. Nur dass die Überbietung heute, wo ganze „Universen“ aufgebaut werden sollen, mehr und mehr auf den nächsten und übernächsten Film verschoben wird. WONG GA JIN SI fängt indessen bildlich gesprochen im Sportwagen auf der Überholspur an und endet mit zwei auf Schallgeschwindigkeit fliegenden Düsenjets, die als Geisterfahrer durch den Feierabendverkehr heizen, in ihrem Innerem ein Haifischbecken, in dem sich tollwütige Berserker mit Kettensägen duellieren, an den Tragflächen gen Null tickende Zeitbomben. Eigentlich ist man schon zur Halbzeit völlig bedient von der wahnsinnigen Geschwindigkeit, aber dann gibt es immer noch einen obendrauf, wird der Adrenalinspiegel immer weiter nach oben gepusht, bis der Hippothalamus Muskelkater bekommt.

Wie das alles möglich war, begreift man heute gar nicht mehr: Bei einer Verfolgungsjagd werden immer mehr Autos durch die Gegend geschmissen, nur weil es geht, bei einem Wahnsinnsstunt fliegt ein Stuntman von einem rund 30 Meter hohen Haus und knallt dann in ein Glasdach. Beim Showdown werden x Sprengsätze hochgejagt, denn ein Finale mit Explosionen ist geiler als ohne, logisch. Und dann sind da noch die Keilereien, die wirklich nicht so aussehen, als hätten die Darsteller Rücksicht aufeinander genommen. Und weil alles so schön ist, sieht man es aus fünf verschiedenen Perspektiven, orwärts, rückwärts und in Zeitlupe. Und trotzdem rafft man es nicht. Nur geil.

Es ist eine Binsenweisheit, aber was Film auf der großen Leinwand anrichten kann, sieht man hier, an einem Jahrhundertfilm wie IN THE LINE OF DUTY: Zu Hause auf dem Fernseher, damals von VHS oder meinetwegen auch heute von digitalen Medien, da war Chungs Film schon ein korrekter Spaß, gut für das ein oder andere anerkennende „Hoho“ oder einen offenen Mund. Im Kino, umgeben von begeisterungsfähigen Menschen, die Lust haben, sich mal so richtig in den Arsch treten zu lassen, wird das Ganze zum transzendentalen Erlebnis. Und zumindest für ein paar Tage meint man, den besten Film der Welt gesehen zu haben. Hat man ja auch.

Japan im 16. Jahrhundert: Der machthungrige Kriegsherr Hideyoshi entsendet seinen Krieger Shogen (Sonny Chiba), um mit dem verhassten Momochi-Clan aufzuräumen. Der jüngste Spross des Clans, Takamaru, wird von seiner Mutter nach China in Sicherheit geschickt. Jahre später kehrt er, nun ein junger Mann (Hiroyuki Sanada), zurück ins eine Heimat, um die letzten Überlebenden seines Clans zum Kampf gegen Shogen zusammenzutrommeln …

Ein Überbleibsel meines NinjaMarathons aus dem vergangenen Jahr, ist NINJA BUGEICHO MOMOCHI SANDAYU (ab jetzt kurz SHOGUN’S NINJA) ein moderner Vertreter des Jidai-Geki, jenes Genres, das sich mit den Kaisern, Samurais, Shoguns (Shogunen?), Clans und Dynastien der japanischen Geschichte und ihren Schlachten auseinandersetzt. Steht man diesen Filmen als westlicher Zuschauer aufgrund ihrer Bezüge zu Begebenheiten, die einem völlig fremd sind, eh schon meist ratlos gegenüber, verliert man schon nach kurzer Zeit den Überblick über die zahlreichen handelnden Figuren, ihre Namen, Zugehörigkeiten und Motivationen, so potenziert sich die Verwirrung bei SHOGUN’S NINJA dank bizarrer moderner Regieeinfälle, der unbeholfenen deutschen Synchronisation (ein ausgesuchtes Zitat: „Diese Flöte ist mehr als ein Musikinstrument.“) und der eigenwilligen Struktur des Films, der Actionszene an Actionszene reiht, dabei von Höcksken auf Stöcksken kommt und nahezu auf jede Orientierung schaffende Exposition verzichtet, gleich um ein Vielfaches.

Um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie SHOGUN’S NINJA seine Geschichte erzählt: Suzuki beginnt seinen Film mit der Beauftragung Shogens und dem sich anschließenden Gemetzel an den Momochis, wendet sich dann schließlich einer Frau desselben Clans zu, die ihren Sohn an einen Diener abgibt und sich selbst hinrichtet. Nach satten 12 Minuten beginnt die Title-Sequenz zu rollen und mit ihr erhascht man den ersten Blick auf den eigentlichen Protagonisten des Films, den zurückkehrenden Takamaru. Der sucht seine Freunde auf – die ihn, der doch seine gesamte Jugend in China verbracht hat – gar nicht (mehr) kennen dürften – und trommelt sie zum Widerstand zusammen. Erfolge und Misserfolge wechseln sich in rascher Folge ab, führen entweder zum nächsten Kampf oder aber zu einer nötigen Befreiungsaktion, mehrfach werden zwei kostbare Schwerter der Momochis erwähnt, auf deren Klingen jeweils ein Teil einer Karte eingraviert ist, die zu einer Goldmine führen soll, und irgendwann erzählt Takamaru via Rückblende, was er in China erlebt hat und dass er dort von einer attraktiven jungen Frau in die Geheimnisse der Kampfkunst eingeweiht worden sei, die dann viel später – man hat sie schon fast wieder vergessen – auch noch ihren Auftritt in der Gegenwart des Films feiern darf. Die seit KILL BILL auch westlichen Kinogängern bekannte Figur des Hattori Hanzo taucht auch immer wieder am Rande des Films auf und am Ende sind die Bösen besiegt, die Momochis haben ihre Rache bekommen und die beiden Schwerter mit der Schatzkarte, die doch angeblich so wichtig waren, werden ins Meer geworfen. Untermalt wird das Ganze von entspannt groovendem Discofunk, der die Wirkung der Bilder völlig auf den Kopf stellt, außer in jener denkwürdigen Trainingsszene, in der Takamaru zu diesem Sound tatsächlich zu tanzen beginnt, als sei der Geist Jennifer Beals‘ in ihn gefahren. No shit!

SHOGUN’S NINJA ist dafür, dass er sich inhaltlich eigentlich überhaupt nicht von anderen Jidai-Geki unterscheidet, reichlich bizarr. Ich hatte keine Ahnung, was da eigentlich genau passiert, trotzdem war das bunte Treiben in höchstem Maße kurzweilig. Was dem Film aber total abgeht, ist die Kohärenz, die einem begreiflich machen würde, dass seine Szenen nicht nur chronologisch angeordnet sind, sondern eben auch in einem kausalen Zusammenhang stehen. Ich fühlte mich während des Films, als befände ich mich auf einer langen Reise, deren einzelnen Etappen zwar allesamt sehr interessant sind, deren Ziel mir aber völlig unbekannt ist. Der mit 110 Minuten schon nicht gerade kurze Film dehnte sich demzufolge in meiner Wahrnehmung ins Uferlose, weil er einen klaren Handlungsbogen zugunsten vieler ineinander fließender Episoden mit wieder eigenen Spannungskurven vernachlässigt und mit dieser Strategie so viel Raum und Handlung abreißt, dass alles in einem einzigen Nebel verschwimmt. Wenn der Film nach den knapp zwei Stunden, die einem wie vier vorkommen, schließlich zu Ende ist, hat man zwar keine Ahnung mehr, wie das eigentlich alles angefangen hat, aber man weiß noch, dass es irgendwie gut war. Sehr, sehr merkwürdig. Aber das gilt ja auch für Suzukis zumindest in Deutschland wohl bekanntesten Film, der bundesdeutschen Justiziaren den ein oder anderen Schluckauf verursachte und auf den schönen deutschen Titel EXZESSE IM FOLTERKELLER hört …

Der Ninja Yuen-Wu (Hiroyuki Sanada) wird seinem Clan untreu, um in China den Mörder seines Vater ausfindig zu machen. Der vermeintliche Übeltäter führt ein beschauliches Dasein als Spiegelmacher und Onkel des großmäuligen Kampfsportlers Jay (Conan Lee), der selbst keinem Kampf aus dem Weg geht. Die Wege Jays und Yuen-Wus kreuzen sich schließlich …

Im selben Jahr wie der zuletzt gesehene FIVE ELEMENT NINJAS entstanden, könnte NINJA IN THE DRAGON’S DEN kaum weiter von diesem entfernt sein. Kein Wunder: Chang Cheh war 1982 schon seit über 20 Jahren als Regisseur tätig, hatte in dieser Zeit über 80 Filme inszeniert und den hongkong-chinesischen Kung-Fu-Film ganz entscheidend geprägt, während der gerade 31-jährige Corey Yuen sein Regiedebüt eben erst hinter sich gebracht hatte. Man sieht in seinem Film also schon das kommende, kommerziell und künstlerisch so erfolg- und einflussreiche Jahrzehnt des Hongkong-Kinos heraufziehen: Beschwingte Disco-Beats treiben den von einer Attraktion zur nächsten springenden Film an, Slapstick-Sequenzen wechseln sich mit halsbrecherischen Martial-Arts-Choreografien ab, innovative Kamera- und Schnitttechniken erhöhen das Tempo noch weiter. Auch inhaltlich bedeutet NINJA IN THE DRAGON’S DEN eine Abkehr von den Schwertkämpfer- und Kung-Fu-Epen Chang Chehs, in denen dieser einen wehmütigen Blick zurück auf eine Zeit warf, in der das Wort eines Mannes noch zählte und der Erhalt der Ehre alles war, auch wenn das auf Kosten des eigenen Lebens ging. Bei Corey Yuen sieht man das Dasein weniger streng und so kann auch der Schulterschluss zwischen dem Chinesen und dem Japaner geprobt werden, was wenige Jahre vorher noch undenkbar gewesen wäre.

NINJA IN THE DRAGON’S DEN ist neben seiner historischen Bedeutung vor allem für seine Stunts und Kampfchoreografien sehenswert – der Humor ist wie immer bei Hongkong-Filmen Geschmackssache. Ich mag ihn für seine ungebremste Naivität und selbstvergessene Albernheit, die sich einen Scheißdreck um Kategorien wie Coolness schert, mittlerweile sehr gern, habe dafür aber durchaus einige Zeit gebraucht. Yuens Zweitwerk ist relativ populär, erlebte Mitte der Achtzigerjahre sogar eine deutsche Veröffentlichung unter dem sich damals wohl aufdrängenden Titel NINJA KOMMANDO und lief auch mal im Fernsehen, wo ich ihn als Teenie auszugsweise sah, ohne zu wissen, um welchen Film es sich handelte. Viele Jahre später war ich dann sehr verdutzt, als ich die feine Hongkong-Legends-DVD aus den Niederlanden einlegte und unverhofft mit einem längst vergessenen Bekannten konfrontiert wurde.