Mit ‘Hofbauer Kongress’ getaggte Beiträge

hk16_deliziaDen Abschluss des ersten Kongresstages bildete mit DELIZIA ein besonderes Schätzchen: Der Softerotikfilm des Säulenheiligen Joe D’Amato wurde seinerzeit ausschließlich in Italien ausgewertet, gelangte also nie über die Landesgrenzen des Stiefels hinaus, und ist derzeit lediglich noch als italienisches VHS-Tape erhalten, das extra für den Kongress digitalisiert und untertitelt worden war. Der Aufwand hat sich gelohnt, auch wenn ich vermute, dass man im fortgeschrittenen Stadium der D’Amato-Verehrung angelangt sein muss, um diese Ansicht zu teilen. In dieser Nacht in Nürnberg, in jenem charakteristisch tranceartigen Zustand, der sich einstellt, wenn man viel Alkohol, schweres Essen, drei Filme und eine mehrstündige Autofahrt quer durch die Republik intus hat und euphorisiert ist vom Gefühl, nach einem Jahr Abstinenz zurück zu sein im verschworenen Kreise eines cinephilen Geheimbundes und Spezialistenzirkels, konnte es (fast) keinen besseren Film geben. Ich kann mich an kaum noch etwas erinnern von DELIZIA: Ich war wach, aber trotzdem in einem geistigen Dämmerzustand, angenehm berauscht, von dem naiven Schauspiel auf der Leinwand, das keine Inhaltsangabe, nur einen Satz braucht: Ein Junge (Luca Giordana) verliebt sich in seine Cousine Delight (Tini Cansino), die sich zu seiner Überraschung als der feuchte Traum aus seinen Tittenheften entpuppt.

Tini Cansino war dem Vernehmen nach in jenen Tagen eine Erotikberühmtheit in Italien und stolziert demnach mit makelloser Figur, hohlem Köpfchen und hohem Vogelstimmchen durch die Geschichte, lebendes Eye Candy, das in nahezu jeder Szene in unterschiedlichen Stadien der Ausgezogenheit vorgeführt wird. DELIZIA lebt sehr entscheidend von der zuhälterischen Unverfrorenheit, mit der D’Amato immer wieder draufhält und Cansinos Reize ins rechte Licht rückt, und dabei noch nicht einmal einen Hehl daraus macht, was der einzige Sinn und Zweck seines Filmes ist. Solange dabei eine göttliche Szene wie jene rumkommt, in der Delizia lustvoll an einem rohen Ei saugt, kann es dem zahlenden Kunden aber auch herzlich egal sein. Der geschulte D’Amatist wird die gewohnt somnambule Inszenierung zu schätzen wissen, diesen gleichmäßig-unaufgeregten Flow, der einfach perfekt ist für Late-Night-Sichtungen mit berauschtem Kopf und erschöpfter Aufnahmefähigkeit – zumal in einem solch erlauchten und liebgewonnenen Kreis. Was mir sonst noch in Erinnerung geblieben ist: Es gibt irgendwann eine große Gartenparty, bei der auch eine Punkrockkapelle auftritt, die mit ihrem Sound hart in das plastikhafte Italo-Synthiegedudel grätschen, das den restlichen Soundtrack ausmacht. Da gewinnt DELZIA ganz plötzlich eine Unmittelbarkeit, die man sonst nicht unbedingt mit D’Amato in Verbindung bringt. Der Rest ist in den Tiefen meines Unterbewusstseins vergraben, darauf wartend, nach und nach an die Oberfläche zu treiben – oder eben nicht. Ich hoffe sowieso darauf, DELIZIA irgendwann noch einmal zu Gesicht zu bekommen.

 

 

Der 16. Hofbauer-Kongress begann nicht mit diesem Film: Zur Eröffnung lief D’Amatos wunderbarer DIRTY LOVE, (über den ich jetzt aus naheliegenden Gründen nichts schreibe), im Anschluss daran vier Folgen des achtteiligen FWU-Aufklärungsfilms DER LIEBE AUF DER SPUR, die ich – wodka- und bratengeschädigt – leider komplett verschlafen habe. Zum „stählernen Überraschungsfilm“ HEUBODENGEFLÜSTER war ich zum Glück wieder wach: Deutsche Lustspiele der Sechziger- und Siebzigerjahre sind schließlich eine meiner Leibspeisen aus dem Kongress-Portfolio, und diese Variante – mit Heimatfilmkolorit und einem kleinen, aber feinen Darstellerensemble sowie der kundigen Regie Rolf Olsens ausgestattet – sah besonders schmackhaft aus.

Serviert wurde Formelkino par excellence, dank eines vermutlich eher schmalen Budgets besonders karg gestaltet, sich ganz auf die Fähigkeiten seiner Darsteller und die nimmermüde Abfolge tumber Späße verlassend. Es gibt haarsträubend vorhersehbaren Slapstick, wirklich kein „Klassiker“ wird ausgelassen, zahme Erotik, für die vor allem Ann Smyrner zuständig ist, eine wilde Verkettung von amüsanten Verwechslungen und Missverständnissen sowie bayrisches Landschaftsidyll – lediglich der musikalische Auftritt eines Gaststars aus der deutschen Schlagerszene fehlt zum vollkommenen Glück. Aufgewogen wird dieser Mangel aber durch ein Drehbuch, dessen labyrinthische Handlung einzig dazu erdacht wurde, möglichst viel von dem in den Film packen zu können, was deutsche Zuschauer damals lustig fanden – zumindest nach Auffassung der Macher.

Florian Maderer (Peter Carsten) ist ein fescher Gutsbesitzer und Bürgermeisterkandidat seines Örtchens, der sich bei Dorffesten immer wieder in Raufereien verwickeln lässt und deshalb nun zur Abkühlung ins Gefängnis soll. Es gelingt ihm und seiner klugen Frau Genoveva (Elfie Petramer) jedoch, Florians etwas einfältigen Vetter Blasius (Gunther Phillipp) dazu zu überreden, ihm die Haftstrafe uner Vorspiegelung einer falschen Identität abzunehmen. Der willigt tatsächlich ein – wird aber nach dem Besuch des Staatsbeamten Dr. Leo Dorn (Ralf Wolter) sofort wieder amnestiert (zum Geburtstag des Bundespräsidenten), natürlich mit Hintergedanken: Dorn will Maderer ein Grundstück abkaufen und hofft, ihn mit seiner Gefälligkeit im Preis drücken zu können. Am Hofe Maderers kommt es im Folgenden zum großen Chaos: Dorn hat sich angekündigt, um den Deal perfekt zu machen, und damit Florians Schwindel nicht auffliegt, muss sein Vetter die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen, während der stolze Florian dazu verdonnert wird, den Knecht zu spielen. Dorn auf den Fersen ist wiederum der Detektiv Hugo Zehe (Herbert Hisel), der von Dorns Gattin (Trude Herr) engagiert wurde, weil sie zu Recht vermutet, er habe ein Verhältnis mit seiner Sekretärin Dodo (Ann Smyrner), die ihn auf seiner Reise begleitet. Und dann sind da noch Florians Tochter Hannerl (Renate von Holt), die zu Besuch aus der großen Stadt kommt und sogleich Kontakt zu ihrem einstigen Jugendschwarm aufnimmt, sehr zum Missfallen ihres Vaters, der depperte Andreas (Paul Löbinger), der scharf auf Florians Magd Resi (Christiane Rücker) ist, sich dann aber in den Detektiv in Frauenkleidern verliebt, der Kneipenwirt Limbusch (Rolf Olsen), Florians ärgster Konkurrent im Kampf um das Bürgermeisteramt, ein stotternder Depp und Willy Millowitsch als Gefängniswärter …

Die zeitgenössische Filmkritik konnte mit soviel geballter Trivialität erwartungsgemäß rein gar nichts anfangen, auch eine Revision ist angesichts harscher Beurteilung wie jener des Lexikons des internationalen Films, nach der HEUBODENGEFLÜSTER „eine Attacke gegen den gesunden Menschenverstand“ sei, eher nicht zu erwarten. Wie schön, dass man solcherlei enthemmtes Amüsement in Nürnberger Nächten zu schätzen weiß. Zusammen wurde Olsens Film gefeiert, bejohlt und beklagt, manches humoristisch verkarstete Tal durchschritten, nur um dann wieder einen sonnebeschienenen Gipfel der Albernheit zu erklimmen. HEUBODENGEFLÜSTER gehen der klebrige Frohsinn und der ornamentale Schwulst anderer deutscher Lustspiele und Heimatfilme weitestgehend ab, Olsen inszeniert mit der Hand des realistischen Ökonoms und die Salve an Zoten, die wie aus der Stalinorgel geschossen auf den Zuschauer niedergeht, ist vor allem ein Mittel, das Tempo hochzuhalten, ein Surrogat für die Schießerei, den Faustkampf oder die Verfolgungsjagd des Actionfilms.

maedchenDie Programmierung von Hofbauers MÄDCHEN BEIM FRAUENARZT, einem der unzähligen Reportfilme, die im Zuge des massiven Erfolgs von SCHULMÄDCHEN-REPORT in Fließbandproduktion gingen, im direkten Anschluss an den niederschmetternden DIE SPALTE zeugte von einer gewissen Chuzpe, aber natürlich auch vom grenzenlosen Vertrauen der Veranstalter in die moralische Standfestigkeit ihres Publikums (die ihm ja auch Matthias Dell in seinem schönen Radiobeitrag bestätigte). Legte Ehmck den männlichen Sexismus, der die Frau zum bloßen Befriedigungsautomat degradiert, in seinem Film noch gnadenlos bloß, werden Vergewaltigung und Demütigung in Hofbauers im selben Jahr entstandenen Werk wie gewohnt als sportliches Missverständnis verharmlost oder die Verantwortung dafür gleich der Frau in Schuhe geschoben, die keine Ahnung hat, was sie mit ihrem aufreizenden Auftritt anrichtet oder schon in ihrem Körperbau die labile Opfermentalität erkennen lässt, die Männern kaum eine andere Wahl lässt.

Richtig abstoßend wird MÄDCHEN BEIM FRAUENARZT aber nie, dafür sorgen zum einen krasse Unbedarftheit, mit der da die unglaublichsten Behauptungen aufgestellt werden, zum anderen Hofbauers verspielt-schwungvolle Regie. Der größte formale Kniff des Films ist es, alle Szenen in der Praxis des Gynäkologen aus dessen Sicht zu filmen, obwohl auch der vor allem auf die verquere Denke der Macher schließen lässt, bedürften doch eigentlich eher die Patientinnen des Schutzes der Anonymität. Aber so kommt der geneigte männliche Betrachter natürlich in den „Genuss“, dass sich die hilfesuchenden Mädels direkt an ihn wenden, er in den explizitesten Szenen des Films selbst durch das Spekulum geradewegs in sie hineinblicken darf. Die kurzweilig aneinandergereihten Episödchen, von denen der mit gewissenhaft-vertrauensvoller Stimme dozierende Frauenarzt berichtet, erzählen genau jene Geschichtchen, die man angesichts des Sujets erwarten durfte. Meist geht es um frühreife Früchtchen, die sich beim Liebesspiel diverse Verletzungen oder auch Erkrankungen hinzugezogen haben und nun höchst verschämt den Weg zum Frauenarzt antreten, der sich dem Zuschauer gegenüber auch die ethische Einordnung seiner Patientinnen nicht verkneifen mag. Illustriert werden dies Episoden um etwa eine Infektion mit den Gonokokken gern mit pseudoseriösen Grafiken, die den flächendeckenden Einfall weißer Pünktchen, vornehmlich natürlich aus dem geilen Süden, ins Bundesgebiet zeigen und heute wahrscheinlich von AfD oder PEGIDA für andere, weniger medizinische Zwecke verwendet werden (allerdings mit schwarzen Pünktchen).

Besonders gut gefallen hat mir an MÄDCHEN BEIM FRAUENARZT, wie er nach jedem Schicksalsschlag und jeder Härte immer wieder möglichst schnell zu seinem flapsig-humorvollen Ton zurückfindet. Das Mädchen mit dem wunderschönen, ja geradezu perfekten Busen, das von seinem vollkommen bescheuerten Angebeteten – einem verwöhnten Rotzjungen mit ca. hundert Halsketten, eigener Mopszucht und Oldtimer – tatsächlich wegen mangelnder Oberweite ausgelacht wird, wird von Frauenarzt und Sprechstundenhilfe anschließend in einen heiter bis frivolen Dialog verwickelt, der den Schicksalsschlag, ohne Atombusen auf die Welt gekommen zu sein, gleich nur noch halb so schlimm erscheinen lässt; und als Hauptursache für Unterleibsentzündungen werden vom Arzt nicht etwa Infektionen genannt, sondern die Tatsache, dass Jugendliche „heutzutage“ so gern in Unterwäsche auf dem Boden rumsäßen. MÄDCHEN BEIM FRAUENARZT ist also nicht nur ein flammendes Plädoyer für Aufklärung – wie oben schon erwähnt etwa darüber, wie man den Charakter eines Mädchens an ihrem Körperbau ablesen und so prognostizieren kann, wie sie nach der ruppigen Entjungferung so „drauf“ ist -, sondern auch für die ordentliche Bestuhlung von Jugendzimmern. Wie fast alle Reportfilme also ein unverzichtbarer Ratgeber in allen Lebenslagen und mithin ein idealer Abschluss des offiziellen Kongressprogramms.

349679_fEin Säugling wird, eingewickelt in eine Decke, von der Mutter auf ein Bahngleis gelegt. Kurz bevor der Zug kommt, rettet eine alte Frau das junge Leben, lässt es aber beim beschwerlichen Abstieg über die Geröllböschung herunterfallen: Anfang eines Lebens voller Schmerzen. Später im Heim kommt eine Postkarte von der unbekannten Mama an: „Du kannst mit deinem Rotstift die Fehler markieren“, sagt die beaufsichtigende Nonne zu dem kleinen Mädchen, hat dabei sicher nur das Beste im Sinn. Kein Wunder, dass das Mädel im Teeniealter (Gerthild Berktold) die Flucht ergreift, aber sie führt nicht weit: Auf der Straße wird sie von einem jungen Mann im roten Polyesterrolli angelabert und mit einer Bratwurst geködert. Er hat Pläne für das Mädchen, Pläne, bei denen vor allem er profitiert. Und weil sie das einzige Pferd in seinem Stall ist, wird sie erbarmungslos geschunden. Der Rubel muss schließlich rollen.

Die Geschichte um die Zwangsprostitution eines Heimkinds wird von Regisseur Ehmck im distanzierten, mitleidlos beobachtenden Stil einer Dokumentation erzählt. Extradiegetische Musik, die die Emotionen des Zuschauers in vorgegrabene Kanäle lenken würde, gibt es nicht, man ist den Bildern schutzlos ausgesetzt. Es ist nicht so, dass DIE SPALTE sich in sadistischer Zeigefreude erginge -allzu grafische Details bleiben aus, die Würde der Protagonistin bleibt erhalten -, aber es gibt keinen Ausgleich zu den andauernden Tiefschlägen, kein Anzeichen, dass sich irgendetwas bessern könnte, keine Hoffnung, stattdessen eine niederschmetternde Sequenz im gammeligen Keller einer griechischen Pinte, in der das Mädchen in geradezu mechanischer Folge eine ganze Reihe von grienenden Typen bedient, sich nach jedem Freier nur kurz mit einem Lumpen die Scham abwischt und dann wieder zurück auf ihre Pritsche sinkt, um den nächsten zu empfangen. Man weiß nicht, was man frustrierender finden soll: Dass es Männer gibt, die einen Menschen so brutal ausbeuten, ohne auch nur den kleinsten Funken Mitgefühl, dass sich auch von den Außenstehenden niemand erhebt und dem Mädchen hilft oder dass dieses selbst nicht in der Lage ist, sich zu verteidigen, zur Wehr zu setzen gegen ihre Schänder, demütig jede neue Peinigung über sich ergehen lässt und dabei immer mehr in sich versinkt.

Ganz spät im Film eröffnet sich dann doch eine Möglichkeit für eine bessere Zukunft. Ein linker Aktivist stößt auf das Mädchen, nimmt sie bei sich auf, bietet ihr eine Arbeit in einem Kindergarten an. Im Kontakt mit den Kindern sieht man das Mädchen zum ersten Mal lächeln. Es ist ein befreites, entspanntes Lächeln. Den Kindern gegenüber kann sie sie selbst sein, ohne Angst. Doch ihr Zuhälter macht sie ausfindig, es kommt zu einer Keilerei zwischen den Menschenhändlern und den Studenten und einer finalen Konfrontation mit einem leitenden Polizeibeamten. Mit seinem Vampirlächeln sagt er unmissverständlich, dass die Studenten mehr Ärger machten als die Zuhälter, dass man nicht viel unternehmen könne, dass es für die Heimkinderproblematik keine echte Lösung gebe. DIE SPALTE endet in der Schwebe: Dann müsse man das wohl selbst in die Hand nehmen, sagt der Student kämpferisch, und die Kamera zeigt das Mädchen mit zwei Leidensgenossinnen, wie sie trüb ins Nichts starren.

In den Siebzigern ergossen sich ganze Ströme von Schmier- und Schmuddelfilmen in die deutschen Kinos, in denen Frauen zum Objekt degradiert, Rape Culture und männliche Gewalt gegen Frauen bagatellisiert oder zum Spaß deformiert wurden. Auch auf diesem Hofbauer-Kongress waren wieder einige dieser Filme vertreten, die zeigen, wie viel sich seit damals verändert hat, aber auch, wie viele dieser Probleme immer noch bestehen. DIE SPALTE ist ein kämpferischer Gegenentwurf zu solchen Sexfilmen und er legt die gesellschaftliche Misogynie gnadenlos offen, aber es ist natürlich auch ein krass in seiner Zeit verhafteter Film, der am Ende geradezu zur Revolution, zum Aufstand aufruft (wie ich Gesprächen nach dem Film entnommen habe, gab es tatsächlich Bestrebungen linker Aktivisten, Heimkinder auf die eigene Seite zu ziehen und mit ihnen den Kampf gegen das Establishment zu führen). Schon der Titel macht unmissverständlich klar, dass es hier nicht um Erotik, sondern um Agitation geht. Wo andere Filme das weibliche Geschlecht mit blumigen Umschreibungen zum Ort erotischer Verheißung machen, den Mann gewissermaßen zur Selbstbedienung, zum „Pflücken süßer Pfläumchen“ oder ähnlich neckischen Späßen einladen, da gibt es hier eben einfach nur eine Spalte, einen Schlitz, in den man sich entladen kann und der nirgendwo mehr hinführt, schon gar nicht ins Herz einer Frau. Die Protagonistin ist für ihre „Kunden“ nicht mehr als ein belebtes Werkzeug, das man benutzt und danach vergisst, und je weniger man über sie weiß, umso besser funktioniert die Triebabfuhr. Man erfährt demnach auch nichts über das Mädchen und sie sagt kaum einmal etwas. Sie hatte nie die Chance, eine Persönlichkeit auszubilden und weiß demnach auch nicht, wie sie sich selbst schützen soll. Sie weiß genau genommen noch nicht einmal, was sie überhaupt schützen soll. Und Ehmck lässt keinen Zweifel, dass sich auch der Staat kein Bein ausreißen wird bei dem Versuch, ihr beizustehen, eine echte Person zu werden. Er kann ja noch nicht einmal ein Mindestmaß an Sicherheit für sie gewährleisten.

DIE SPALTE ließ keinen der Kongressteilnehmer unberührt: An einem harten letzten Tag war Ehmcks Film ein aufrüttelnder Schlag in die Magengrube, gegen den man sich nicht schützen konnte. Nichts, rein gar nichts erlaubte die Flucht oder die bequeme Distanz zum Gezeigten. Ehmck gelang ein meisterlicher Film, dem eigentlich ein Platz im Olymp des Neuen Deutschen Films zustünde, der aber für solche Anerkennung wahrscheinlich schon damals zu unbequem und hart war und demzufolge in Vergessenheit geriet. Es wäre schön, wenn sich das mit der Aufführung beim Hofbauer-Kongress geändert hat, denn gegenwärtige Ereignisse belegen leider, dass der Kern von Ehmcks Film immer noch aktuell ist. Ich trage das Wort an dieser Stelle gern weiter: DIE SPALTE muss gezeigt und gesehen werden.

die_perle_der_karibikWeil ich den Ankündigungstext für diesen Film nicht mehr in Erinnerung hatte, begann mein letzter Kongresstag mit einem ungeschickten Stolpern. Ich erwartete einen deutschen Karibikfilm aus den Sechzigern, ein buntes Exotismus-Vehikel mit prächtigen Technicolorfarben und säuselnder Musik, stattdessen bekam ich einen Fernsehfilm aus den frühen Achtzigern, eine Satire, die sich auf zwar durchaus humorvolle Art und Weise mit dem bitteren Thema „Katalogheirat“ auseinandersetzt, aber gleichtzeitig einen reichlich deprimierenden Blick auf die deutsche Mittelklassenherrlichkeit mit Plattenbauwohnung, Couchgarnitur und totaler Fantasie- und Geistlosigkeit wirft. Mein Desorientierung währte nur kurz, war aber trotzdem der ideale Modus, um in einen überaus denkwürdigen letzten Tag eines insgesamt (wieder einmal) grandios kuratierten und wie immer auch menschlich wunderbaren Kongresses zu starten.

Diethard (Diethard Wendtland) ist 41, Handelsvertreter für Lexika und Lehrbücher. Er trägt eine Hornbrille, Seitenscheitel und braune Anzüge, hat sich eine Wohnung in einem noch nicht fertig gebauten Betonmonstrum in Berlin geleistet, zu Sonderkonditionen dazu die passende Einrichtung. Mahagonischränkchen, Mamortisch, Einbauküche, Bett für zwei, alles da, nur die passende Frau fehlt noch zur Perfektion. Als er bei der Arbeit einen Mann trifft, der sich aus dem Katalog eines Heiratsvermittlers (Alfred Edel) eine hübsche Asiatin ausgesucht hat, die ihm ohne Widerrede Sake und Krabbenchips serviert, weiß er, wie er an die noch fehlende Gattin kommt. Hübsch soll sie sein, gut gebaut und mit großen dunklen Augen, bloß keine Schlitzaugen, und so kommt dann nach einigen Formalitäten Beanboat Banani (Alisa Saltzman) bei ihm an, die titelgebende „Perle der Karibik“. Aber das Leben mit der neuen Ehefrau ist keinesfalls so paradiesisch, wie Diethard sich das ausgemalt hat, denn die neue Frau tut sich ziemlich schwer, sich ins deutsche Spießbürgerleben und in die Rolle als Dienerin des deutschen Mannes einzufinden.

Manfred Stelzer hatte sich Mitte bis Ende der Siebzigerjahre einen Namen als Dokumentarfilmer gemacht – vor allem über seinen MONARCH, der einen Geldautomatenzocker bei seiner Passion begleitet, hört man nur Gutes -, bevor er mit DIE PERLE DER KARIBIK sein Spielfilmdebüt ablieferte. Dem dokumentarischen Stil blieb er treu: Mit distanziert beobachtender Kamera folgt er dem schildkrötigen Diethard durchs Leben, fängt ihn bei der Arbeit ein, bei der Bewältigung des Alltags, bei den Kameraden in der Kneipe und natürlich bei den Vorbereitungen zur Heirat. Stelzer greift auf Amateurdarsteller zurück, die er nur minimal inszeniert, und so den Eindruck erweckt, „echte“ Menschen abzufilmen, verzichtet auf einen herkömmlichen Plot, zeichnet lediglich die (vorhersehbare) Entwicklung der Ehe nach, die aber eigentlich nicht das Hauptthema des Films, vielmehr das perfekte Bild ist, das Stelzer braucht, um seine Kritik am männlich-deutschen Spießerleben auf den Punkt zu bringen. Diethard behandelt das Leben wie ein Panini-Klebebildchenalbum: Nach und nach werden Lücken gefüllt, mit dem Ziel, das irgendwann alles „vollständig“ ist. Die Bedürfnisse, die Diethard da stillt, sind überwiegend materieller Natur und werden von außen diktiert. Diethard braucht diese Sachen nicht wirklich, er glaubt lediglich, dass er sie zum Glück haben muss. Und das ist charakteristisch für sein Leben: Immer müssen da irgendwelche Regeln eingehalten, Dinge auf eine ganz bestimmte, eben die „übliche“, die „deutsche“ Art und Weise gemacht werden, und jede Abweichung kommt einer Sabotage, einem Verrat gleich. Diese Lebenshaltung lässt logischerweise auch die Ehe zu Beanboat scheitern, die aus einer ganz anderen Welt kommt, sich mit dem Setzkastenleben von Diethard (und dem beschissenen Wetter) nicht anfreunden mag, aber sie ist auch der Grund, warum diese Katalogheirat überhaupt angestrebt wird. Eine Ehefrau ist auch nur ein weiterer Einrichtungsgegenstand, ein Ding, das einen Nutzen zu erfüllen hat (nämlich den Haushalt zu schmeißen, während Diethard arbeiten geht, und ihm Gesellschaft zu leisten). Man entscheidet sich nicht dazu, zu heiraten, weil man jemanden getroffen hat, mit dem man sein Leben teilen möchte, man will heiraten, weil das eben „dazugehört“, und sucht dann die passende Person dazu. Am besten ist es natürlich, wenn man dieses mühsame und lästige Gesellschaftsspielchen vom Kennen- und Liebenlernen gleich ganz weglassen und seine Frau aus dem Katalog auswählen kann. Die Frage, ob sie ihn denn auch gut findet, stellt sich gar nicht.

DIE PERLE DER KARIBIK ist abwechselnd zum Brüllen komisch, dann wieder ernüchternd bis erschreckend, tieftraurig und absolut hoffnungslos. Diethard ist ein Un-Mensch im Wortsinn, nicht wirklich böse, aber geradezu krankhaft humorlos, ungebildet, ohne jede Empathie, ohne Herz und Seele, ein bewusstseinslos durch eine triste Welt wuselndes Insekt. Aber irgendwie kann er einem auch Leid tun: Er hat keinerlei Idee, was er mit seinem Leben anfangen soll, für die Anforderungen, die eine Freundschaft oder gar die Liebe stellt, ist er überhaupt nicht vorbereitet. Wie er am Ende in seiner nun wieder leeren Wohnung sitzt, ein langweiliges, sinnloses Leben in Einsamkeit vor sich, das ist schon schmerzhaft. Diethard ist das Zerrbild des kleinen Angestellten, der auf die Verlockungen, die ihm die Werbung anpreist, hereinfällt, nur noch dazu da ist, zu funktionieren, und irgendwann auf ein verschwendetes Leben zurückblickt. Die Rolle von Beanboat ist schwieriger zu definieren. Zunächst scheint sie nur das Opfer eines perversen Brauchs der Industrienationen zu sein, aber sie bricht aus diesem starren Korsett schnell aus und verwandelt sich dann in eine Art Engelsfigur, die dazu da ist, Diethard die Augen zu öffnen. Es gelingt natürlich nicht, weil Diethard bereits „fertig“ ist, nicht mehr in der Lage, sich auf andere Lebensentwürfe einzulassen oder auch nur darauf, alte Gewohnheiten abzulegen. Stattdessen versucht er, alles, was anders ist an ihr und sein Leben bereichern könnte, auszutreiben. Beanboat durchschaut das alles, aber bevor sie vor Langeweile umkommt, macht sie das Spielchen ein bisschen mit und amüsiert sich über die Kleingeistigkeit, die sie umgibt.

DIE PERLE DER KARIBIK erinnert zunächst stark an eine Verlängerung von Gerhard Polts berühmtem Mai-Ling-Sketch, geht dann aber andere Wege. Vielleicht ist er im Kontrast zwischen dem steifen, hölzernen Diethard und der Musik, Tanz und die freie Natur liebenden Beanboat ein bisschen zu schematisch. Ihre Figur ist offensichtlich in erster Linie nach den Anforderungen der Handlung gestaltet, auch wenn sie einige wunderschöne Szenen bekommt, in denen sie zum Leben erwacht: Einmal liegt sie allein im Bett und lässt ihre vernachlässigten und eingesperrten Brüste miteinander reden. Auch Diethard ist natürlich zuerst eine Karikatur, aber auch hier gibt es Brüche, etwa wie er, der doch sonst so akkurat ist, immer wieder in umgangssprachliche Vulgarismen verfällt. Und am Ende scheint er doch zu merken, was in seinem Leben falsch läuft, nur ist es da bereits zu spät. Stelzer ist mit DIE PERLE DER KARIBIK ein Film gelungen, der die in den letzten zehn, 15 Jahren zu großer Popularität gereiften Strategien der Fremdscham-Komödie vorwegnimmt und ein ziemlich erschreckendes Bild des seelischen Verfalls in der BRD zeichnet. Die Plattenbau-Monstrositäten, die da aus dem Boden getsampft werden, sind schon vor der Fertigstellung Ruinen der Zivilisation. Hier leben? Nein, danke.

bacBLUE ANGEL CAFE war nicht der beste Film des Kongresses. Aber irgendwas hat er, was ihn mir total eingebrannt hat. Es gab viele denkwürdige Filme in den letzten vier Tagen, aber an keinen davon erinnere ich mich so gern zurück wie an Joe D’Amatos Interpretation von Heinrich Manns „Professor Unrat“, so etwas wie seine große Sirk-Huldigung.

Der Film erzählt von der Liebesaffäre zwischen dem ambitionierten – und darüber hinaus verheirateten – Politiker Raymond Derek (Richard Brown) und der Nactclubsängerin Angie (Tara Buckman). Er verlässt vor flammender Leidenschaft die etwas öde Gattin und ehelicht den „blauen Engel“, was ihn die Karriere kostet und in eine tiefe Krise stürzt, in der auch die Gefühle zu Angie schwinden. Am Ende kehrt er wie ein geprügelter Hund zu seiner Frau zurück und Angie singt wieder in ihrem Nachtclub: „I still dream of you/Don’t you ask me why I feel/dreams come true“. Manche Dinge sollen einfach nicht sein, aber das Leid schreibt eh die besseren Songs.

Es ist ziemlich leicht, sich über BLUE ANGEL CAFE lustig zu machen: Der bekannten Geschichte saugt D’Amatos Inszenierung jede handelsübliche Glaubwürdigkeit und die viel beschworene Authentizität ab, es regieren Eighties-Schwulst, rammdösige Dialoge, hölzerne Akteure und immer wieder Szenen wie jene, in der Angie mit kindlichem Überschwang Möwen am Hafen füttert, nur um das letzte Stück Brot ihrem neuen Lover in den Mund zu schieben. Liebe, du bist wahrlich ein albernes Stück Scheiße! Erwartet man von einem Film, dass er sich in der Zeichnung seiner Charaktere und ihrer Lebenssituation der Realität möglichst weit annähert, dann bleibt einem der Zutritt zum BLUE ANGEL CAFE verwehrt. Man muss dem Film bedingungslos glauben, sich ganz auf diese Welt einlassen, in der vieles, an dem wir uns regelmäßig die Zähne ausbeißen, wie von selbst zu gehen scheint, anderes dagegen so kompliziert ist, dass man fast verrückt werden könnte. Innerhalb weniger Szenen vollziehen die beiden Protagonisten die Entwicklung vom ersten Treffen bis hin zur festen Beziehung, der Vollzug der Scheidung Raymonds ist D’Amato eine lächerliche Szene wert und das „Fernsehstudio“, in dem der angehende Politstar interviewt zu Beginn wird, sieht aus wie eine abgehängte Studentenbude, der Moderator muss sich fast den Hals ausrenken, um in die Kamera schauen zu können. Das große, magische Liebesglück aus dem Märchen, das – wenn überhaupt nur in dieser Welt möglich scheint – währt dann aber doch nicht so lang: Raymonds politische Karriere ist logischerweise beendet, doch starten andere Politiker dann erst richtig durch, gehen in die Wirtschaft und lassen sich fürstlich für fragwürdige Beraterjobs entlohnen, reicht es beim ehemaligen Beinahe-Gouverneur nur noch zur Praktikantentätigkeit, die ihn dann auch von jetzt auf gleich in die Alkoholsucht stürzt und ihn die Geliebte mit zunehmend wüster werdenden Beschimpfungen überziehen lässt.

Bei D’Amato spielt sich das ganze Drama in den Bildern ab, die Haltung ist hier entscheidend, nicht das „Was“, sondern das „Wie“. Hinter der vermeintlichen Naivität der Erzählung kommt die totale Unfähigkeit der Protagonisten zum Vorschein, die richtigen Entscheidungen zu treffen, das Leben überhaupt irgendwie zu steuern. Sie leben es so, wie D’Amato inszeniert: Immer auf die größtmögliche Befriedigung aus, aber ohne die Geduld, dafür auch einen Umweg in Kauf zu nehmen. Das ist eine typische Achtzigerjahre-Haltung: Alles, alles für mich, alles jetzt, alles auf einmal und nichts weniger. Aber wer sich so ins Leben wirft, muss sich auch für die große Verletzung wappnen. Nicht nur daran hapert es aber. Douglas Sirks THERE’S ALWAYS TOMORROW erzählt von einer aufgefrischten Jugendliebe, für die im Leben seiner beiden bereits erwachsenen Protagonisten leider kein Platz mehr ist. Die Liebe scheitert überaus bitter nicht an einem Mangel an Zuneigung, sondern an den ökonomischen Zwängen, denen die beiden Liebenden unterliegen. Vordergründig sind es bei D’Amato Klassenunterschiede, die das Ende der heißen Affäre zwischen dem Politiker und der Sängerin besiegeln, aber eigentlich wird gar nichts wirklich erklärt oder begründet. Die Liebe scheitert einfach, an den äußeren Umständen, an Dummheit und Eitelkeit, an einer Kombination aus unterschiedlichsten Faktoren, die für sich genommen bedeutungslos sind. Vielleicht ist es auch einfach dieser alberne Streifenpullover, den Raymond so gern trägt, obwohl er darin aussieht wie ein 13-Jähriger, der von der Mama zum Kommunionsunterricht gebracht wird. Oder dieses unglaubliche Licht, das in der Abenddämmerung so fantastische Schatten wirft, die für einen Film über das große Glück einfach verschenkt wären. Vielleicht passiert das alles auch nur, weil Angie am Anfang dieses tolle Lied singt, dessen Text den Ausgang des Films vorwegnimmt und das man am Ende noch einmal hören will, mit dem neu aufgestauten Leid und der neuen Lebenserfahrung in der Darbietung ihres Lebens.

88978Auf CRAZY HORSE DE PARIS hätte ich aus dem Kongressprogramm am ehesten verzichten können: Der Ankündigungstext machte mir nur wenig Hoffnung, mehr als eine redundante Aneinanderreihung von gewiss hübschen, aber auf Spielfilmlänge dann doch eher ermüdenden Tanznummern zu bekommen, und das mir völlig ausreichende Pensum von einem Strip-und-Strap-Film pro Jahr war ja bereits am ersten Kongresstag mit der Aufführung von PARIS EROTIKA erreicht worden. Dank der spontanen Eingebung von meinem Sitznachbarn Sascha und mir, zur angemessenen Verköstigung des Spektakels eine Flasche feinsten Aldi-Sekts hinzuziehen, lief CRAZY HORSE DE PARIS dann doch ganz gut rein, aber ein zweites Mal muss ich den Film gewiss nicht sehen.

Der Film ist insofern ganz interessant, als er eine Art Innenperspektive des Etablissments liefert. Regisseur Alain Bernardin war der Eigentümer des berühmten Lokals und beantwortet im „erzählerischen“ Teil des Films geduldig die Fragen des auch als Comic Relief fungierenden schottischen Zeitungsjournalisten. Die Interviewschnipsel sind allerdings nicht wirklich aufschlussreich: Offensichtlich war Bernardin nicht so recht überzeugt davon, dass sich Zuschauer für die Geschichte des Lokals, seine Geschäftsphilosophie oder die Arbeit hinter den Kulissen interessieren würden. Schnellstmöglich wird da stets die nächste Tanznummer gebracht oder der Bauchredner präsentiert, dessen Nummer mit einer Puppe, als deren Kopf seine bemalte Faust fungierte, eine der verstörendesten Szenen des Hofbauer-Kongresses war. So plätscherte der Film seinem glücklicherweise nicht allzu weit aufgeschobenen Ende entgegen, das die Erkenntnis brachte, dass hübsche Popos und entblößte Brüstchen eine ganze Menge, aber eben doch nicht alles sind.