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entourage (seasons 1 – 5, usa 2004 – 2008)

Veröffentlicht: Oktober 2, 2009 in Film
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entourage[1]Man muss sich wundern, warum vorher nie jemand auf diese Idee gekommen ist: ENTOURAGE verfolgt einen aufstrebenden Jungschauspieler und seine titelgebende Clique auf dem Weg durch Hollywood, konfrontiert sie mit cholerischen Produzenten, abgezockten Agenten, größenwahnsinnigen Schauspielern, überambitionierten Regisseuren und geilen Groupies, lässt sie gemeinsam Erfolge erleben, Fehlentscheidungen treffen, Karrieretiefs durchwaten und auf die nächste Gelegenheit hoffen. Das Konzept, den Zuschauer an einer Sänger-, Sportler oder Managerkarriere teilhaben oder gar diese mitgestalten zu lassen, kennt man ja bereits aus Reality-TV-Formaten oder aber aus Computerspielen. HBO hat das ganze in ein Serienformat gegossen, wissend, dass es nebenbei reichlich quotenträchtige Gelegenheit für Gastauftritte berühmter Showbiz-Persönlichkeiten bietet, die sich selbst spielen und ihr eigenes Image entweder krass überbestätigen (z. B. Gary Busey als reichlich weggetretener Schauspieler-slash-Künstler) oder aber ihre Rollenpersona duplizieren (z. B. Seth Green als intrigantes Arschloch), satirische Seitenhiebe auf die Filmindustrie samt ihrer merkwürdigen Anwandlungen sowie ausufernden Materialismus und – wir haben es hier immerhin mit einer Serie des Pay-TV-Senders HBO zu tun, der sich keine Sorgen um Jugendschutz machen muss – nackte Haut und Sex galore ermöglicht.

Zur Handlung: Vincent Chase (Adrian Grenier) hat soeben seine erste Hauptrolle in einem großen Hollywoodfilm an der Seite von Jessica Alba absolviert. Gemeinsam mit seinem Bruder Johnny Drama (Kevin Dillon), einem abgehalfterten Seriendarsteller, der sich vom Erfolg seines Bruders einen Boost für die eigene brachliegende Karriere verspricht, seinem besten Freund und Manager Eric (Kevin Connolly) und dem gemeinsamen Kumpel Turtle (Jerry Ferrara) genießt er die ersten Früchte des Erfolgs und des Reichtums: Man gibt Geld für Luxusgegenstände aus, hängt auf Partys rum, lernt attraktive Damen kennen und macht sich eher nebenbei Gedanken darüber, wie es denn weitergehen soll. Im Nacken sitzt ihnen dabei der Agent Ari Gold (großartig: Jeremy Piven), dessen Pläne, aus Vincent um jeden Preis einen absoluten Superstar zu machen, jedoch nicht immer auf Gegenliebe stoßen: Denn Vincent und Eric wollen nicht einfach nur reich und berühmt werden, sie wollen dies mit Filmen erreichen, die ihnen etwas bedeuten. Doch leider ist Hollywood vor allem eine große Firma, in der Einzelgänger und Visionäre nur so lange geduldet sind, wie sie kompromissbereit bleiben und sich dann und wann den Regeln fügen. Dem Aufstieg zum Superstardom im erfolgreichsten Film aller Zeiten – Vincent spielt den Superhelden Aquaman im gleichnamigen Blockbuster von James Cameron – folgt bald schon der Abstieg mit dem selbst produzierten künstlerischen wie finanziellen Fiasko „Medellin“, einem überlangen Biopic über das Leben Pablo Escobars, das sich unter der Regie des launischen, exzentrischen und unkontrollierbaren Wunderkinds Billy Walsh (Rhys Coiro) zum Megaflop entwickelt und Vincent zur Persona non grata in Hollywood macht …

In handlichen 25-minütigen Episoden wird dem Zuschauer bei ENTOURAGE vor allem leichte, locker-flockige Unterhaltung serviert: Große Probleme oder Tragödien sucht man vergebens, was angesichts des Sujets durchaus angemessen ist. Vielmehr werden die einzelnen Folgen vom Spirit des Coming-of-Age- und Highschool- bzw- Collegefilms beatmet, denn mehr noch als von Superstardom und Hollywood handelt ENTOURAGE von Freundschaft. Die vier Freunde – zu denen sich im Verlauf der ersten fünf Staffeln immer mehr auch der zunächst eher antagonistisch gezeichnete Ari Gold hinzugesellt – bestreiten fast jede Szene der Serie gemeinsam oder aber zumindest in Paaren und das dramatische Zentrum der Serie bilden ihre Bemühungen, trotz der wachsenden Verantwortung und Ansprüche die eigene Identität zu wahren und nicht vom System gefressen zu werden. Im Grunde sind sie nur Fremde in Hollywood, Gäste: Eigentlich aus einem bürgerlichen Mittelstandsmilieu im New Yorker Stadtteil Queens entstammend, erzählt ENTOURAGE natürlich auch die altbekannte Geschichte vom amerikanischen Traum, vom Aufstieg des Tellerwäschers (Eric leitet eine Pizzeria bevor er den Job als Manager seines Jugendfreunds übernahm) zum Millionär, jedoch ohne diese melancholisch zu verklären oder zur pathetischen Ode auf die USA zu übersteigern. Den Freunden geht es nicht darum, ein Empire aufzubauen, wie etwa den Helden vergleichbarer Stoffe aus der Phase des klassischen Hollywoodkinos (man denke an CITIZEN KANE oder an GIANT), sondern den Glücksmoment, von dem man ja weiß, dass er nur flüchtig ist, so lange wie möglich auszureizen, was sich im Verlauf der Serie als schwieriger herausstellt als es zunächst den Anschein hat. So materialistisch ENTOURAGE vordergründig auch sein mag mit seinen Product Placements, shopping sprees und Kurztrips nach Las Vegas: Die Serie zeigt durchaus, dass den Luxusgegenständen kein Wert an sich zukommt und immer die Gefahr besteht, im Überfluss das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Die Kaufräusche sind immer auch ein wenig vom Unbehagen gekennzeichnet, das Geld denjenigen bereitet, die nie welches hatten: Zu viel Geld in der Tasche macht Vincent nervös, erst wenn es weg ist, er mit seinen Freunden zusammensitzen und einen durchziehen kann, geht es ihm wieder gut. Diese Konstellation birgt im Rahmen der Serie einiges an Konfliktpotenzial.  

Es sind keinesfalls nur die weiter oben erwähnten Oberflächenreize, die die Serie zu einem solchen Genuss machen, sondern die zunehmend raffiniertere Zeichnung der Figuren und ihre Verkörperung durch die famosen Darsteller. Jeremy Piven, schon ein alter Hase im Film- und Fernsehgeschäft, hat sich mit seinem hyperbolischen Ari Gold einen zweiten Frühling beschert und trägt manche Folgen ganz allein mit seinen kreativen Flüchen und Beleidigungen. Die „Entourage“ – die lose an die Clique angelehnt ist, mit der Mark Wahlberg, der hier als Produzent fungiert, einst Hollywood unsicher machte – hingegen lebt vom Aufeinanderprall ganz unterschiedlicher Charaktere: Vincent ist der Schönling, dem alles Glück zufliegt und dem es unendlich schwer fällt, Verantwortung zu übernehmen; sein älterer Bruder Johnny ist ein Träumer, der sich die Realität immer etwas nach seinem Gusto zurechtbiegt, damit zwar meist auf die große Klappe fliegt, aber eigentlich so etwas wie die gute Seele der Gruppe ist; Turtle ist der Slacker, der es sich im Schatten seines Freundes gut gehen lässt, jedoch mehr und mehr erkennen muss, dass er selbst etwas aus seinem Leben machen muss, und Eric die Stimme der Vernunft, die sich nicht immer gegen die geballte Kraft der unreifen Kumpels durchsetzen kann. Es sind auch ihre lebendigen, kreativen Dialoge, ihre kumpelhaften Neckereien und disses, die den Episoden ihren Esprit bescheren. Der Hip-Hop-Einfluss macht sich nicht nur auf dem Soundtrack und in den gelegentlichen Gastauftritten bemerkbar: Es ist den Schreibern gelungen, jeder Figur eine ganz unverwechselbare Stimme zu verleihen. Es ist auch ihr dicker New Yorker Akzent, der sie einerseits zu Außenseitern stempelt, andererseits ihre Autonomie kennzeichnet. Die ganze Serie ist fantastisch besetzt und es gibt eigentlich keine einzige Figur, die man missen möchte: In Neben- und Gastrollen sieht man neben den genannten etwa Debi Mazar als bissige Publizistin, Beverly D’Angelo und Carla Gugino als knallharte Agentinnen, Malcolm McDowell als hinterhältigen Agenturleiter, Martin Landau als senile, aber kampfeslustige Hollywood-Produzentenlegende, Val Kilmer als bedröhnten Dopedealer, Stellan Skaarsgard als höchst eigenwilligen deutschen Regisseur Verner, Giovanni Ribisi und Lukas Haas als Redneck-Drehbuchautoren, Gary Cole als Fernsehproduzent sowie Jimmy Kimmell, Bob Saget, Frank Darabont, Jason Patric, Martin Scorsese, James Cameron, Mandy Moore, Scarlett Johansson, Ralph Macchio, David Faustino, Pauly Shore, Kanye West, Vanessa Angel, Melinda Clarke, Eric Roberts und Anna Faris, die  allesamt sich selbst spielen.

416839.1010.A[1]Der New Yorker Ganove Steve Wiley (Dean Martin) sitzt in der Patsche: Er steht bei seinem Buchmacher mit 3.000 Dollar in der Kreide. Doch er hat schon einen Plan, wie er das Geld auftreiben kann. Mithilfe eines gefälschten Loses will er bei einer öffentlichen Tombola den Hauptpreis, ein nagelneues Auto, gewinnen. Der Plan scheint zu gelingen, doch dann kommt ihm der Besitzer des echten Gewinnertickets, Malcolm Smith (Jerry Lewis), in die Quere. Weil der Veranstalter nun beide als rechtmäßige Gewinner anerkennt, hat Wiley ein neues Problem: Er muss den anhänglichen Malcolm loswerden, um das Auto in bares Geld zu verwandeln. Doch Malcolm, ein Filmfan wie er im Buche steht, hat nur ein Ziel – Hollywood! Und seine dänische Dogge Mr. Bascomb weiß alle Versuche Wileys, seinen ungewollten Partner wieder loszuwerden, zu vereiteln …

Man könnte über HOLLYWOOD OR BUST wahrscheinlich seitenweise schwadronieren, ohne dabei irgendwas den Film selbst zu sagen. Tashlins zweite Zusammenarbeit mit dem Erfolgsduo Martin/Lewis markierte nämlich das Ende sowohl ihrer Erfolgsverbindung als auch ihrer Freundschaft – nach zehn Jahren gemeinsamer Bühnenauftritte und immerhin 16 Filmen. Glaubt man der Legende, so waren die Dreharbeiten zu HOLLYWOOD OR BUST alles andere als harmonisch: Abseits der Kamera wechselten die beiden Stars kein einziges Wort miteinander. Wohl einer der Gründe dafür, dass Jerry Lewis lange behauptete, sich diesen Film nie angesehen zu haben, weil für ihn zu schmerzhafte Erinnerungen damit verbunden seien. Umso erstaunlicher, dass man dem Film, der zusammen mit ARTISTS & MODELS – ebenfalls von Tashlin – gemeinhin als bester des Gespanns bezeichnet wird, diese Probleme rein gar nicht ansieht. HOLLYWOOD OR BUST sprüht geradezu vor Esprit. Die kaum als solche zu bezeichnende Handlung dient Tashlin zum Anlass für eine ganze Reihe quietschbunter und -vergnügter Tableaus, die sich in rasanter Folge abwechseln und – ein weiteres Wunder – trotz ihrer Albernheit niemals im negativen Sinne kindisch wirken. Auf den ersten Blick könnte man Tashlins Film durchaus unterstellen, nicht mehr als plumpen Eskapismus und Eigenwerbung der Traumfabrik zu bieten. HOLLYWOOD OR BUST ist tatsächlich soetwas wie die Apotheose des gutgelaunten und glamourösen Hollywood-Starvehikels, ein Film, der alle technischen Mittel und verfügbaren Ressourcen in die Waagschale wirft, um seinem Publikum die totale Unterhaltung zu bieten. Doch spätestens, wenn man von der Bewunderung hört, die die berühmten Köpfe hinter der Cahiers du Cinema dem Film entgegenbrachten – Jean-Luc Godard zählte ihn zu den zehn besten des Jahres -, bietet sich ein Anreiz, nach mehr zu suchen. Und dann findet man einen Film, der mit seinem schon im Titel offenbarten selbstreferenziellen Ansatz ungewöhnlich subtil vorgeht und trotz aller Handlungsarmut reich an Assoziationen und Andeutungen ist.

HOLLYWOOD OR BUST beginnt mit einem sich direkt an den Zuschauer wendenden Dean Martin, der über die Beliebtheit von (Hollywood-)Filmen spricht. Seine These: Überall auf der Welt sei man versessen auf Filme. Dies wird nun von Jerry Lewis unter Beweis gestellt, der u. a. als Klischeefranzose, -chinese und -russe die internationalen Sehgewohnheiten persifliert. Nachdem Dean Martin gute Unterhaltung gewünscht hat, setzen die Credits und der eigentliche Film ein: Diese scharfe Trennung zwischen Prolog und Hauptteil wird nach 90 Minuten kaum noch aufrechtzuerhalten sein. Der selbstreferenzielle Diskurs reduziert sich zunächst auf die Figur des Malcolm Smith, einen Filmfan, der die Besetzungs- und Stablisten aller möglichen Filme auch in den unsinnigsten Situationen aufzählen kann und Wiley damit gehörig auf die Nerven fällt. Allerdings eröffnet sich für Wiley damit auch die Chance, Malcolm zu ködern: Er behauptet, Nachbar von Anita Ekberg, Malcolms großem Schwarm, zu sein. Das folgende mittlere Drittel enttäuscht zunächst die Erwartungen, indem es nicht schnurstracks nach Hollywood führt. HOLLYWOOD OR BUST verwandelt sich stattdessen in ein Roadmovie und widmet sich den Reiseabenteuern der Protagonisten, zu denen sich neben Malcolms Hund Mr. Bascomb noch die schöne Terry Roberts (Pat Crowley) gesellt, eine aufstrebende Sängerin, die nach Las Vegas will. Die verschiedenen Staaten der USA, durch die die drei fahren, werden sowohl durch den Text einer gemeinsam gesungenen Nummer als auch durch typische Landschaftsaufnahmen illustriert, die wiederum das Klischeehafte betonen: Malcolm, Wiley und Terry begeben sich nicht auf eine reale Reise durch ein reales Land, sondern durch dessen filmische Repräsentation. Es ist nur zu folgerichtig, dass Tashlin immer wieder artifiziell aussehende Studiokulissen für seine Naturszenen nutzt. HOLLYWOOD OR BUST spielt munter mit der durch Filmbilder präfigurierten Vorstellung seiner Zuschauer, suggeriert eine Parallelwelt, die komplett nach den Gesetzen Hollywoods funktioniert. Die drei Reisenden sind deutlich als harmonische Kernfamilie (mit Hund) gezeichnet, die USA als das Land of Milk and Honey, durch das die willigen Schönheiten tänzeln und wo das Schicksal an jeder Ecke wartet. Der Titel und die Reise nach Westen spielen natürlich auf den amerikanischen Traum und den Pioniergeist der Gründerzeit an, die aber immer wieder infrage gestellt werden: Das Geld, das Malcolm in Las Vegas erspielt, ist schnell wieder weg, der Charme Dean Martins entpuppt sich in einer Szene als ausgesprochen rüde und übergriffig, die Diva Ekberg reagiert zunächst alles andere als freundlich auf Malcolms Annäherungsversuche und Hollywood ist letztlich kaum mehr als eine Kulissenstadt, hinter deren Fassaden es alles andere als glamourös aussieht.

Das Finale inszeniert Tashlin dann auch als turbulente Hatz durch verschiedene Studiosettings, die die Frage aufwirft, ob nicht der  gesamte vorherige Film als Film im Film anzusehen ist. Haben Malcolm und Wiley die Kulissen Hollywoods jemals verlassen?  Und von dieser Frage aus weitergehend: Gibt es überhaupt eine Welt außerhalb Hollywoods? Der Wortwitz des Titels bietet ebenfalls keine Alternative zur Traumfabrik: „Hollywood or bust“ ist zunächst einmal das Credo all derer, die sich voller Hoffnung in die Filmstadt begeben, um es dort eben zu schaffen oder nicht. Innerhalb von Tashlins Film kommt ihm aber eine weitere Bedeutung hinzu: „Bust“ verweist auch auf die üppigen Formen Anita Ekbergs, Malcolms Traumfrau. So werden Malcolm und Wiley am Schluss doppelt vereinnahmt: Malcolm angelt sich Anita, indem er ihr seinen Hund für einen Film anbietet, und verschafft sich so gemeinsam mit seinem Freund Eintritt in die schillernde Welt des Showgeschäfts. Vor Hollywood gibt es kein Entkommen.

Zweitsichtung. Filmforen-User The Critic warf diesem Film einmal vor, dass er sich gegen alle Seiten absichere. Dieser Vorwurf ist verständlich: Ben Stiller versammelt Stars vom Kaliber eines Tom Cruise, Robert Downey jr., Jack Black oder Matthew McConaughey um sich, um ein großes Spekatkel zu inszenieren, in dem er nicht zuletzt die Eitelkeit, Verlogenheit und den Größenwahn der Traumfabrik und damit seines eigenen Arbeitgebers aufs Korn zu nehmen. Hollywood kritisiert Hollywood mit den Mitteln Hollywoods – man muss kein großer Denker sein, um das Problematik dahinter zu erkennen. Wer jedoch Heuchelei diagnostiziert, sitzt einem Trugschluss auf: nämlich dem Glauben, ein Objekt von einem archimedischen Punkt aus quasi-göttlicher Persektive kritisieren zu können. Insofern wird die Kritik von TROPIC THUNDER dadurch, dass sie vor sich selbst gar nicht haltmachen kann und dies auch nicht tut, nicht etwa abgeschwächt oder gar illegitim, sondern im Gegenteil nur schärfer. Wenn Downey jr. sich als eitler Kirk Lazarus einer Pigmentbehandlung unterzieht, um einen Schwarzen spielen zu können, und er diese Rolle auch dann noch weiterspielt, wenn die Kamera gar nicht mehr läuft, ist dies eine scharfe Abmahnung der hollywood’schen Behandlung der afroamerikanischen Bevölkerung und auch ein bissiger (und überfälliger) Kommentar dazu, wie die weiße Mittelschicht „ihren“ Neger gern mag. Wenn sich der für die Quote des Films-im-Film gecastete Rapper Alpa Chino sich nicht nur als intelligentester des Casts entpuppt, sondern darüber hinaus auch noch als Homosexueller, der seine sexuelle Orientierung hinter dem Image des promiskuitiven Sexmonsters verstecken muss (inkl. Fitnessdrink „Booty Sweat“ und Schokoriegel „Bust-a-Nut“), ist dies der treffliche Konterpart, der die Kritik keinesfalls abschwächt, sondern sie nur erweitert. Dialoge wie der zwischen Stiller, dem abgehalfterten Actionstar Tugg Speedman, und eben Downey, in dem sie die Schwierigkeit diskutieren, geistig Behinderte darzustellen und die Konsequenzen einer solchen Darstellung auf die Academy, ist das nicht nur ein unfassbar böswitziger Moment: Er zeichnet sich gerade durch seine Ambivalenz aus, dadurch, dass er eben ganz unterschiedliche Parteien angreift. Die Zeit der einfachen Statements und der von moralisch sicherem Terrain aus geführten Bergpredigt ist vorbei.  TROPIC THUNDER betreibt keinen Ausverkauf, wenn er seine Kritik publikumswirksam verpackt: Er wird umso schärfer. Tom Cruise, der als widerlich-großkotziger Produzent Les Grossman brilliert, verdichtet die Vielschichtigkeit der Kritik/des Humors von TROPIC THUNDER mit seinem finalen Tanz zu Ludacris‘ „Get Back“, der als paradigmatisch für Stillers Methode gelten darf. Man kann TROPIC THUNDER durchaus lediglich als alberne Komödie und (gelungenen) Partyfilm rezipieren und dabei einen Heidenspaß haben. Aber dann verpasst man die Hälfte. Intelligenteres Mainstreamkino sucht man derzeit jedenfalls vergeblich.

Los Angeles, 1938: Der mittellose Kunstflieger Cliff Secord (Bill Campbell) träumt gemeinsam mit seinem Mechaniker Peevy (Alan Arkin) von der Teilnahme an den nationalen Meisterschaften. Als ihr Flugzeug eine Bruchlandung macht, scheinen ihre Träume geplatzt und ihre Existenz gefährdet. Doch da fällt den beiden ein merkwürdiger Raketenrucksack in die Hände, der es seinem Träger ermöglicht, in rasender Geschwindigkeit durch die Luft zu fliegen. Der Rucksack, so stellt sich heraus, ist die Erfindung Howard Hughes‘ (Terry O’Quinn), der damit wiederum das Interesse der Nazis geweckt hat, die seit Jahren erfolglos versuchen, einen solchen Rucksack zu entwickeln. Und deren Schergen setzen nun alles daran, die Erfindung in ihre Hände zu bekommen, was wiederum Cliff und seine Angebetete, die Schauspielerin jenny Blake (Jennifer Connelly) in arge Bedrängnis bringt … 

189839the-rocketeer-posters1THE ROCKETEER ist die Verfilmung einer Graphic Novel, die wiederum auf einem alten Movie-Serial aus den Vierzigerjahren basiert. Die zweite Regiearbeit des Effektspezialisten Joe Johnston (nach HONEY, I SHRUNK THE KIDS) war allerdings ein ziemlicher Flop, was man zum einen der Obskurität der Vorlage, zum anderen dem Fehlen großer Stars zuschreiben mag. Johnstons Regielaufbahn wurde für ein paar Jahre auf die Warteschleife verlegt, heute ist er wieder gut im Geschäft. Und auch THE ROCKETEER darf fast zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen rehabilitiert werden. Zwar mag ihm der ganz große Glamour abgehen, dafür merkt man ihm in jeder Sekunde an, wie viel die alberne Geschichte um den Mann mit dem Raketenrucksack ihrem Macher bedeutete. Johnston gelingt mit seinem Film genau das, was Spielberg in seinem diesjährigen INDIANA JONES-Aufguss vollkommen in den Sand gesetzt hat: Er erschafft eine Welt, die sich zu unserer verhält wie deren pulpiges Spiegelbild und so zur mythischen Überhöhung und Legendenbildung beiträgt. Hier wie dort sind die Nazis die Bösewichter, ihr hanebücherner Plan, mittels berucksackter Soldaten die Welt zu erobern – der in einem an die filmische Vorlage erinnernden Wochenschau-Film illustriert wird – stellt in der Welt des Films sogar eine echte, unhinterfragte Bedrohung dar. Flugzeug- und Filmfanatiker Howard Hughes, ein echter Amerikaner und Widerstandskämpfer, ist wiederum natürlich der geniale Urheber des Rucksacks. Timothy Dalton brilliert als eitler Schauspieler und Nazispion Neville Sinclair in einer Rolle, die das Gerücht, das einst um Errol Flynn kursierte, aufgreift, und der riesenhafte Nazikiller Lothar wiederum ist mit seinem grotesken Gesicht an den entstellten Schauspieler Rondo Hatton angelehnt, der in zahleichen billigen B-Filmen der Dreißiger- und Viertzigerjahre das Monster geben musste. Johnston webt ein dichtes Netz an Bezügen, treibt ein munteres Spiel mit seinen Vielfachkodierungen, ohne damit jedoch seinen Stoff zu verraten und sich auf eine sichere Ebene der Ironie zu flüchten. Die Wirkung, die er erzielt, ist einer solchen Absicherung geradezu entgegengesetzt: Er verleiht dem naiv-albernen Superheldenmärchen Würde, verdeutlicht, was es mit unserem Bedürfnis nach Helden und Legenden überhaupt auf sich hat, wie sich Geschichte und Erinnerung in diese einschreiben. Wer die doch unerwartete Tiefe dieses Films ausloten möchte, dem sei ein Double Feature aus THE ROCKETEER und Scorseses THE AVIATOR ans Herz gelegt. Ich könnte mir vorstellen, dass da noch ganz andere Fassetten ans Licht kommen. Fürs Erste reicht es aber, sich die Trivia-Seite auf IMDb anzusehen (der ich einige Anregungen und Fakten verdanke).

In Südostasien soll unter der Regie des Briten Damien Cockburn (Steve Coogan) der Erlebnisbericht des Vietnamveteranen Four Leaf Tayback (Nick Nolte) verfilmt werden. Für die Stars des Films geht es um viel, denn alle stehen an einem entscheidenden Punkt ihrer Karriere: Der Stern des Actionstars Tugg Speedman (Ben Stiller) ist im Sinken begriffen und verzweifelt kämpft er um Anerkennung als ernster Schauspieler; der fünfmalige Oscar-Gewinner Kirk Lazarus (Robert Downey jr.) sucht die Herausforderung im Actionfach; Jeff Portnoy (Jack Black), Star zahlreicher niveauloser Komödien und schwer drogenabhängig, will sich endlich in einem ambitionierten Film beweisen und für Rapper Alpa Chino (Brandon T. Jackson) geht es darum, zu zeigen, dass er mehr kann als seinen Energy Drink „Booty Sweat“ zu promoten. Leider steht „Tropic Thunder“ schon nach wenigen Drehtagen vor dem Aus, weshalb Cockburn zu extremen Methoden greift: Er setzt seine Stars im mit versteckten Kameras gespickten Urwald aus, wo sie ohne Regieanweisungen agieren sollen, um dem Film mehr Realismus zu verleihen. Doch als der Regisseur einer Landmine zum Opfer fällt, sind die Schauspieler auf sich allein gestellt, ohne zu wissen, dass sie längst nicht mehr in einem Film agieren …

Schon nach den dem Film vorangestellten Fake-Trailern zu den Werken der Tropic-Thunder-Stars ist klar, dass Ben Stiller (dessen ZOOLANDER ich verehre) ein großer Wurf gelungen ist. Sein TROPIC THUNDER ist gespickt mit absurden Einfällen und famosen Gags, aber gleichzeitig von großer Wahrheit. Zielscheibe seines Films ist nichts weniger als die Traumfabrik selbst, die er als große Lügenmaschine enttarnt. Das beginnt schon bei den bescheuerten Anwandlungen seiner Stars, die in der ihnen eigenen Mischung aus Narzissmus und Größenwahn kein Fettnäpfchen auslassen. So landete Speedman einen gewaltigen Flop mit der Darstellung eines Schwachsinnigen in „Simple Jack“, der ihm eigentlich einen obligatorischen Behinderten-Oscar einbringen sollte; Lazarus hat sich extra einer Pigmentbehandlung unterzogen, um die Rolle eines schwarzen Soldaten zu übernehmen, was natürlich zu Konflikten mit Alpa Chino führt, hinter dessen aufgesexter Rapper-Persona sich ein Homosexueller verbirgt. Und Tayback, Verfasser der literarischen Vorlage, war niemals in Vietnam: Er war an der Heimatfront für die Reinigung der Kasernentoiletten verantwortlich. Hinter dem Projekt steht der jüdische Produzent Les Grossman (Tom Cruise), ein Brutalkapitalist ohne Gewissen, der in seinem Büro gern zu sexistischen Hip-Hop-Songs tanzt. Diese Verlogenheit der Charaktere spiegelt sich wiederum in den Wendungen des Plots wider und am Ende, wenn „Tropic Thunder“ dann als Dokumentation über die Dreharbeiten zu einem Film, der nicht fertiggestellt wurde, in die Kinos kommt, wissen wahrscheinlich auch die Darsteller selbst nicht mehr, an welchem Projekt sie eigentlich mitgewirkt haben. Zur umfassenden Verwirrung trägt Stiller nicht zuletzt dadurch bei, dass sein Film ebenfalls unter dem Titel TROPIC THUNDER firmiert und somit die Geschichte über die Entstehung eines Making-Ofs … Es sollte klar geworden sein, worauf ich hinaus will. All die strukturelle Finesse wäre aber nichts wert, würde TROPIC THUNDER nicht am laufenden Meter Gags produzieren, die die ganze Palette von „abgrundtief böse“ bis „komplett bescheuert“ durchmessen. Schlüssel zu diesem Erfolg sind die Darsteller, die allesamt hervorragend aufgelegt sind und sichtbar Spaß an der Sache hatten. Besonders Robert Downey jr. und Tom Cruise stürzen sich mit Verve auf ihre Larger-than-Life-Charaktere, die  allerdings – das sei relativierend eingeräumt – dankbares Material darstellen. Die anderen Figuren fallen demgegenüber naturgemäß etwas ab, was der Balance des Gesamtwerks aber sehr wohl bekommt. TROPIC THUNDER ist ein perfekter Partyfilm geworden, den man aber schwer unterschätzen würde, reduzierte man ihn darauf. Tolles Ding!