Mit ‘Horror’ getaggte Beiträge

Der Anfang ist noch ganz interessant: Ein Mann (Garrick Dowhen) verfolgt eine Frau mi einem Baby, wird dabei wiederum von einem anderen Mann (Douglas Rowe) verfolgt. Die Frau versteckt das Baby in einem Busch, wird dann von Mann Nummer eins ermordet. Ein Mädchen nimmt das Baby von der sterbenden Frau in Empfang, Mann Nummer zwei – ein heruntergekommener Polizist – kommt zu spät. Der Auftakt funktioniert auch deshalb, weil man keinerlei Information hat, außer dem, was gezeigt wird. Doch danach geht APPOINTMENT WITH FEAR gnadenlos den Bach runter.

Es stellt sich raus, dass der Mörder der Vater des Babys ist – und außerdem im Bunde mit einer altägyptischen Macht, die es ihm erlaubt, seinen Körper, der eigentlich in einer Heilanstalt auf einem Tisch festgeschnallt ist, zu verlassen und auf Jagd zu gehen. Der Polizist heißt Kowalski und hatte den Mann damals schon gestellt, als der versuchte, seine Frau umzubringen. Nun muss Kowalski das Mädchen finden, das im Besitz des Babys ist: Die junge Frau plant eine Party mit ihren Freundinnen.

Diese Geschichte wird ohne jeglichen Drive erzählt, bietet dafür aber unfassbar geduldige Einblicke unter anderem in das Liebesleben der Mädels, zu denen sich dann auch noch ein cooler Individualist (Michael Wyle) mit Motorrad und Schaufensterpuppe im Beiwagen sowie ein Penner gesellen, der auf der Ladefläche eines Pick-ups einzieht. Die Suche nach dem Baby und das damit einhergehende Rennen mit der Zeit wird aber nicht nur durch die Engelsgeduld des Drehbuchs ausgebremst, sondern auch durch die Dusseligkeit Kowalskis: In einer Art Running Gag zündet der ständig seinen Autositz mit herunterfallenden Kippenstummeln an, was dann zum Finale hin schließlich sogar in der Explosion seines Autos kulminiert. Erst zum Schluss kommt ein Hauch von Stimmung auf, als erst eine Gruppe von Tänzern eine lustige Performance zu zweitklassigem Eighties-Synthiepop vor dem Haus abliefert, in dem die Mädchen sich einquartiert haben, und dann in der finalen Auseinandersetzung mit dem Killer etwas Hokuspokus aufgefahren wird. Aber das hilft alles nicht: Ich habe schon viele langweilige Filme gesehen, aber wie die Geduld des Zuschauers in APPOINTMENT WIT FEAR strapaziert wird, ist schon Extraklasse.

Angeblich war Produzent Moustapha HALLOWEEN Akkad so dermaßen abgetörnt, vom fertigen Film, dass er Regisseur Ramsey Thomas sofort entließ und APPOINTMENT WITH FEAR noch einmal umschnitt – ganz offenkundig aber ohne Erfolg. Thomas zog daraufhin zwar seinen Namen zurück, weil er mit dem Ergebnis nichts zu tun haben wollte, ich gehe aber trotzdem mal schwer davon aus, dass ihm die volle Verantwortung für dieses Fiasko anzulasten ist. Finger weg, es sei denn ihr leidet unter Schlafstörungen, dann kommt dieser Heuler möglicherweise einem Segen gleich..

Mitford Webster (Peter Spitzer) ist enttäuscht von seinem Leben: Klar, er hat eine fürsorgliche Frau (Dianne Davis), die hin und wieder einen krassen Braten serviert, und zwei blonde Teeniekinder (seine Tochter hat, wie er mehrfach betont, das gute Aussehen der Mutter und sein Hirn geerbt), dazu ein Haus, aber der Job as Schuhverkäufer nervt ihn an und der Briefkasten quillt über vor Rechnungen. In der Post ist aber auch die Antwort eines Immobilienmaklers: Der hat das Kaufangebot für das alte leerstehende Kino angenommen! Es war schon immer Mitfords Traum, ein Kino zu betreiben! Und auch wenn seine Frau Zweifel hat, dass diese Karrierewandel wirklich sinnvoll ist, unterstützt se ihren Mann. Die beiden renovieren den alten heruntergekommenen Laden und feiern große Premiere mit einem Tierfilm namens „Grizzly Safari“. Doch dann stirbt der Vorführer und die Leiche eines Erhängten wird gefunden. Wie die Websters vom fetten Lieutenant Wombat (Joe Marmo) erfahren, ging das Kino einst in Flammen auf und der Vorführer kam ums Leben. Zurück blieb sein Bruder (Arch Joboulian), der jetzt völlig verwirrt durch die Gegend eiert.

THE MEATEATER ist ein billiger Film, der sich an einer zeitgenössischen Aufarbeitung von „Das Phantom der Oper“ versucht. Wie das bei solchen Filmen mist der Fall ist, ist auch THE MEATEATER langsam, er geht geradezu aufreizend großzügig mit der Zeit um, die ihm zur Verfügung steht. Es passiert wenig und wenn etwas passiert, nimmt es viel Zeit in Anspruch, bis es passiert. Aber die Zeit dazwischen wird mit allerhand komischem Zeug angefüllt: So zieht sich eine Art Wurst- und Fleischthema durch den Film. Im Kino gibt es Wiener Würstchen, die sowohl von der Kamera als auch in Dialogen immer wieder in den Fokus gerückt werden. Der Sohn macht sich einen Hotdog und die Mutter lobt seine ausgewogene und vitaminreiche Mahlzeit. Die ganze Familie singt zusammen den Werbejingle von Oscar Meyer Wieners. Einmal geh es um die Wiener von Jimmy Dean und es schließt sich ein Dialog an, ob das ein Musiker oder Schauspieler gewesen sei. Die Fressszenen aus dem Tierfilm, der auf dem Marquee als „wholesome“ beworben wird – der Makler erzählt, das Kino habe vor der Schließung Pornos gezeigt und so die Anwohner verprellt -, werden mit Bildern der Zuschauer parallel montiert, in denen diese ihr Fastfood verdrücken. Die Title Sequenz ist mit Szenen aus alten Jean-Harlow-Filmen unterlegt, für die der mutmaßlich verbrannte Vorführer offensichtlich schwärmte, denn der Vorführraum gleicht mit Bildern des Stars einem Schrein, aber das dient letztlich nur dazu, ihm einen Grund zu liefern, auf Websters blonde Tochter abzufahren, die es im Finale aus seinen Fängen zu retten gilt. Am schönsten ist aber natürlich der Traum des biederen Schuhverkäufers vom Kino: Mit einer Liebe zum Film hat das eigentlich gar nichts zu tun. Der Tierfilm ist der totale Schrott, was sich etwa daran zeigt, dass der Erzähler Geparden nicht von Leoparden unterscheiden kann, aber Webster freut sich einfach, dass Leute kommen und ihren Spaß haben. Am Ende sieht er ein, dass er vielleicht doch lieber wieder Schuhe verkaufen sollte, worin er ja eigentlich gar nicht so schlecht war. Seine Kinder, die ihren Aushilfsjob im Kino von Mama und Papa offenkundig hassen, werden es ihm danken.

Der titelgebende „Meateater“, also das Phantom des Kinos, isst übrigen nur ganz am Anfang einmal Fleisch, nämlich das einer lebendigen Ratte, die er vom Boden aufklaubt. Arch Joboulian, der für seine Doppelrolle als entstellter Vorführer und dessen Bruder in den Credits als erster genannt wird, hat eine eindrückliche Fresse, ist aber – wie die meisten hier – ein mieser Schauspieler. Wer stotternde retards mag, wird an ihm aber einen Narren Fressen. In Deutschland wurde THE MEATEATER als „Bluttheater“ veröffentlicht. Immer wieder erstaunlich,welcher Ramsch es über den großen Teich in die Videotheken schaffte.

Ein Mann in Tarnanzug stapft durch eine herbstlich-winterlichen Wald und erlegt ein Reh. Mit seinem Pick-up-Truck kommt er dann an seinem Haus an, einem großen, schon etwas angegammelten Holzhaus, das mitten in der Pampa steht. Die Rasenfläche vor dem Haus zeigt ein totes Braun. Eine Frau in einem bunten Poncho kommt aus dem Haus und begrüßt ihn, er freut sich über das geschossene Reh, sie findet den Anblick eher unheimlich. Sie sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus Shelley Duvall und Edward James Olmos – hager, schwarzhaarig, stechender Blick – und sie ist mit ihm liiert, aber nicht verheiratet. Es ist Weihnachten und die beiden erwarten Besuch von den Kindern der Frau aus einer vorigen Ehe. Sie – eine Tochter und ein Sohn, er hat seine neue, glubschäugige Freundin dabei – kommen an, als er gerade das geschossene Reh ausweidet. Es hängt draußen an einem Baum, die Eingeweide platschen in einen Eimer darunter, seine Hände sind blutrot. Seine Kinder stört das alles nicht, nur die Freundin ist sichtlich angeekelt. Als die drei an der Haustür die Mutter treffen, beäugt sie die Freundin mit durchdringendem Blick, als wolle sie sie sofort umbringen. Die Freundin hat Angst.

Das ist der Anfang von BLOODBEAT, eines hochgradig bizarren, hochgradig faszinierenden – ja, was? – Horrorfilm? aus den frühen Achtzigerjahren, der mit Minibudget und Amateurdarstellern auf 35 Millimetern, aber in 4:3 und mit Liveton in Wisconsin, unter anderem im Haus des Regisseurs, gedreht wurde. Für fast alle Beteiligten blieb BLOODBEAT der einzige Credit und das ist wahrscheinlich auch ganz gut so. Aber es griffe zu kurz, BLOODBEAT als Billigschund abzustempeln, obwohl er das auch ist: Die Darsteller sind annähernd perfekt in ihren Rollen, die unpolierten Settings und die schmucklose Winteratmosphäre verleihen dem Film (zusammen mit dem Score, der wahrlich alle Register zieht) eine einzigartige, eisige, beunruhigende Stimmung, die den rätselhaften Vorgängen in die Karten spielt. Es ist dieser seltene Fall, in dem alle objektiven Mängel zu subjektiven Stärken werden.

Worum es geht, was da passiert, ist schwierig zu beschreiben: Zwischen den beiden Frauen besteht eine Art telepathische Verbindung. Die Mutter wird von Visionen geplagt, die sie in expressiven Gemälden exorziert. Die Bilder wiederum beunruhigen die Freundin, die eines Nachts eine Samuraiausrüstung in einer Kiste findet. Die Mutter ist der festen Überzeugung, die Freundin irgendwoher zu kennen, doch das kann eigentlich nicht sein. Irgendwann beginnt eine unheimliche Präsenz durch die Wälder zu stapfen, Menschen zu beobachten und dann umzubringen. Es handelt sich um einen Samurai, der sich im Finale, das ein bisschen an Cronenbergs SCANNERS erinnert, komplett mit leuchtenden Augen und aus Händen geschossenen Lichtbällen, als die Freundin entpuppt. BLOODBEAT ist langsam und hypnotisch, zeigt immer wieder die verstörten Blicke der beiden Frauen, die ahnungsvoll ins Nichts starren. Der Killer wird mittels Subjektiven ins Bild gerückt, die von seinem Keuchen unterlegt sind. Die Musik pendelt zwischen Synthiegeorgel und Klassik, die auch einen im viktorianischen England angesiedelten Historienfilm untermalen könnte. Am Ende tönt gar Carl Orffs „Carina Burana“. Einmal geht die Freundin mit der ganzen Familie gemeinsam auf die Jagd, und als ihr klar wird, dass die fest entschlossen sind, ein Reh zu erschießen, verscheucht sie das Tier mit einem markerschütternden Schrei und rent panisch davon. Schon die „Normalität“ des Films ist verstörend und unbequem.

Es wäre gelogen, würde ich sagen, dass BLOODBEAT einfach wäre: Ich habe mehrere Anläufe für ihn gebraucht, man muss für den Film in der Stimmung sein. Es ist der klare Fall eines „Mood-Films“, der einen je nach Stimmung entweder total anödet oder vollends in seinen Bann zieht. Wenn jemand sagte, BLOODBEAT sei amateurhafter Schrott, hätte er damit nicht total Unrecht, auch wenn er den Kern des Films damit nicht trifft. Den Film zeichnet ein total singulärer Blick auf die Welt aus, vergleichbar mit den Filmen von Ed Wood oder Jürgen Enz. Ich habe den Audiokommentar, der auf der BluRay-Veröffentlichung von Vinegar Syndrome enthalten ist, nicht gehört, aber ich habe gelesen, dass man ihm entnehmen kann, dass Regisseur Zaphiratos schon ziemlich genau wusste, was er tat, auch wenn der Film nicht immer diesen Eindruck macht. Vielleicht macht diese wüste Geschichte, die ich nicht wirklich verstanden habe, für ihn total Sinn. Das ist das eigentlich Gruselige, Verstörende daran. BLOODBEAT ist nicht das Ergebnis eines lustigen Wochenendes von Freunden mit einer Kamera (die Dreharbeiten dauerten acht Wochen), es ist eine Überzeugungstat. Freunde des Bizarren müssen BLOODBEAT sehen.

Beim Sommer-Wunschfilm-Special bei Pelle im BaLi stimmte die überwältigende Mehrheit für diesen Horror-Komödien-Fantasy-Road-Movie-Hybrid, den der Niederländer Ate de Jong nach DROP DEAD FRED mit kleinem Budget, aber beachtlicher Besetzung im Jahr 1991 inszenieren durfte. HIGHWAY TO HELL erhielt hierzulande tatsächlich einen Kinostart und wurde auch recht positiv rezipiert, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Zwar ist er durch und durch derivativ, von allen möglichen Vorbildern inspiriert, um nicht zu sagen zusammengeklaut, aber wie er die einzelnen Versatzstücke zusammenfügt ist dann doch recht eigenständig und originell. Mit dem Abstand von knapp 30 Jahren überrascht vor allem die Besetzung, die mit vielen damals bekannten oder erst noch bekannt werdenden Gesichtern aufwartet: Es tummeln sich Ben, Amy und Jerry Stiller, Gilbert Gottfried, Richard Farnsworth, Lisa Ford und Kevin Peter Hall, den deutlich von Freddy Krueger und dem T-1000 inspirierten Höllen-Cop gibt One-Time-Jason-Darsteller C. J. Graham. Eindruck machte damals sicher auch die fantasie- und liebevolle visuelle Gestaltung mit ihren unzähligen visuellen und Make-up-Effekten und der beeindruckenden Kulisse des Originalschauplatzes Nevada: Es wird viel fürs Auge geboten und die meisten Spezialeffekte funktionieren auch heute noch ganz gut. Brian PAYBACK Helgeland, der das Drehbuch schrieb, gab sich ganz augenscheinlich große Mühe, eine mit Anleihen bei der großen Epik – Pate für die Geschichte stand augenscheinlich „Orpheus und Eurydike“ – ausgestattete, turbulente Geschichte zu erzählen, die de Jong dann zum großen Entertainment-Paket schnürte, in dem für jeden Geschmack was drin ist – Witz, Action, Horror, Romantik, Phantastik. So weit, so gut.

Leider funktioniert HIGHWAY TO HELL für mich überhaupt nicht. Ich finde den Film durchaus sympathisch in seinem Bemühen, etwas Eigenes zu machen, dabei auf „handgemachte“ Effekte, aufwändige Set-Designs und eine ansprechende visuelle Gestaltung zu setzen, aber am Ende fällt mir zur Beschreibung des Ganzen vor allem die Floskel „gewollt, aber nicht gekonnt“ ein. HIGHWAY TO HELL geriet für mich recht schnell zur langweiligen bis nervtötenden Nummernrevue, der vor allem das für eine solche Geschichte so wichtige Gespür fürs Timing vollkommen abgeht. Spannung kommt zu keiner Sekunde auf, auch weil Robs Bruder Chad zwar ganz niedlich, aber als Protagonist, mit dem man mitfiebern soll, einfach viel zu blass ist, seine Liebe zu seiner vom Höllenfürsten entführten Perle nie mit dem notwendigen Leben gefüllt wird. Seine fieberhafte Reise in die Hölle sollte der Stoff für eine mitreißende Heldengeschichte sein, in der es darum geht, unbezwingbare Herausforderungen zu meistern und sich mit dem Mute der Verzweiflung dem Leibhaftigen höchstselbst entgegenzustellen, aber de Jong macht aus dieser epischen Story einen totalen Kindergeburtstag, bei dem man nie das Gefühl hat, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht. (Wie man den Teufel mit Pfannkuchengesicht Patrick Bergin besetzen und ihn so jeder Bedrohlichkeit berauben kann, ist ein zusätzliches Geheimnis, das wahrscheinlich nie gelüftet werden wird.) Auch die Versuche in Humor fand ich eher kläglich: Das mag auch der suboptimalen deutschen Synchro geschuldet sein, wenn ich mir aber die Grimassiererei von Ben Stiller in seinem Kurzauftritt anschaue, vermute ich eher, dass sie sich dem Niveau ganz gut anpasst. HIGHWAY TO HELL ist vom Ton her bunt bis hysterisch, der Film hat etwas musicalhaft Künstliches und ihm gehen sowohl Eleganz als auch jegliche sophistication total ab. Der Film greift nach den Sternen, aber die Arme sind deutlich zu kurz.

So bleibt unterm Strich ein „gut gemeinter“, in seiner Anlage aus dem Gros des zeitgenössischen Horrorfilms herausstechender Film, den man sich mal angucken kann, der aber vor allem schmerzhaft deutlich macht, wie viele Ressourcen hier verschwendet wurden. Schade.

Über wenige Filme wurde in meiner Filterbubble im vergangenen Jahr so viel diskutiert wie über MANDY (Runner-up: Luca Guadagninos SUSPIRIA). Manche waren einfach nur geflasht von Cosmatos‘ Stilwillen, der psychedelischen Bilderflut, die er über dem Zuschauer ausgießt, der trippigen Inszenierung, dem einzigartigen World Building, mit dem dieser inhaltlich doch eher einfach gestrickte Rachefilm angereichert ist. Und natürlich davon, Nicolas Cage 120 Minuten lang beim Mega-Acting bewundern zu können. Die Kritiker ließen sich in der Regel in zwei Lager teilen: Die einen fanden den Film zu „prätentiös“ und langatmig, die anderen zu nerdig und letztlich nicht konsequent genug in seiner Verweigerung, die Konventionen des Genrefilms und die Bedürfnisse der Gorebauern zu erfüllen. Ich bin geneigt, letzteren Recht zu geben, aber insgesamt hat mir MANDY doch sehr gut gefallen. Und zwar aus genau den Gründen, die weiter oben aufgelistet sind.

Ich habe zwei Anläufe gebraucht für den Film – oder eigentlich sogar drei. Beim ersten Mal bin ich eingeschlafen, habe dann nach dem Wieder-Aufwachen, als der Film zu Ende war, noch einmal dort angesetzt, wo ich zuvor den Faden verloren hatte. Dann bin ich wieder eingeschlafen, aber nicht, ohne zwischendurch immer mal wieder aufzuwachen und Fetzen mitzubekommen. Irgendwann habe ich mir dann eingestanden, dass es keinen Sinn mehr macht, bin ins Bett gegangen und habe MANDY dann am nächsten Tag noch einmal frisch und in einem Rutsch geschaut. Zwar würde ich nicht so weit gehen, zu sagen, dass es ideal ist, einen Film so zu sehen, wie ich es mit MANDY gemacht habe. Aber dieses Aufschnappen von unverbundenen Momenten und Bildern macht bei MANDY schon deutlich mehr Sinn als bei klassisch erzählten Filmen. Zum einen ist es innerhalb des sparsamen Plotgerüsts, das Cosmatos aufbaut, nahezu unmöglich, den Faden zu verlieren. Zum anderen orientiert er sich in seiner Inszenierung an der Struktur von Fieber- und Albträumen: Und wenn man ihn dann in einem dazu passenden Zustand zwischen Schlafen und Wachsein aufnimmt, ohne Kontext und als lose Folge unverbundener Bild- und Toneindrücke, dann verstärkt das seine verstörende Qualität noch. Mir hing MANDY jedenfalls auch nach dieser bruchstückhaften Rezeption noch nach und hatte stärkere Spuren bei mir hinterlassen als nach der „richtigen“ Sichtung, die dann eben auch all seine Schwächen zu Tage fördert. Die Erzählebene hechelt der formalen recht hilflos hinterher.

Wenn man etwa Verns Text zum Film liest, erfährt man dort, dass MANDY in zwei Hälften gegliedert ist: Die erste endet mit Mandys Ermordung durch derangierte Kultisten, die zweite umfasst Reds Rache an den Mördern seiner Geliebten. Und auf beide Hälften lassen sich ziemlich genau die beiden oben skizzierten Meinungen aufteilen: Mir gefiel die erste Hälfte besser, weil sie langsam und zäh wie Lava dahinwalzt, sich erlaubt, die grobe Storyskizze aufreizend in die Breite zu dehnen und sich dabei ganz auf scheinbar unwichtige Details zu konzentrieren. Dieser Abschnitt des Films kulminiert frühzeitig (sprich: vor dem eigentlichen Höhepunkt) mit der Gefangenschaft Mandys und zwei langen, statischen, in sattes Rot und fahles Blau getauchten Szenen, in denen der wahnsinnige Kultistenführer Jeremiah (Linus Roache) sich erklärt. Die Einstellung, in der sich sein Gesicht zweimal langsam und kaum merklich in das Antlitz der Gefangenen und wieder zurück verwandelt, ist ein Leckerli, das im Halbschlaf besonders gut, rätselhaft und verstörend wirkt, weil man den Wechsel zuerst nicht bemerkt und sich dann fragt, warum dieses Gesicht plötzlich anders aussieht. Cosmatos versteht es, eine ominöse Atmosphäre der Bedrohung und des nahenden Unheils aufzubauen, ohne dass man genau benennen könnte, was es ist, das einen unruhig werden lässt. Denn visuell ist MANDY von berückender Schönheit. Die Momente der Zweisamkeit zwischen Red und Mandy wirken intim und echt, die tiefe Verbindung der beiden wird greifbar, auch wenn man kaum etwas über sie erfährt. Immerhin wissen wir, dass Mandy eine Zeichnerin ist und gern strange Fantasyliteratur liest: Das ist mehr als nur dichterische Willkür. Es scheint, als lege sich ihre sensible Wahrnehmung über die Settings und auch über den Film, als seien es ihre Vorstellungen, die sich der Landschaft um die beiden herum, des Himmels, des Voranschreiten der Zeit und der kausalen Zusammenhänge bemächtigen und sie verzerren. Red, der seine Mandy (man muss das wirklich sagen: Andrea Riseborough ist großartig und wundervoll und der Bewunderung, die ihr ihre männlichen Verehrer angedeihen lassen, voll und ganz würdig) mit unendlicher Dankbarkeit, fassungslosem Unverständnis und seliger Ehrfurcht anschaut, scheint nur ein hilfloser Zaungast in dieser Welt, die er schon vor dem totalen Zusammenbruch kaum zu verstehen scheint. Sie macht nur Sinn, weil sie da ist und ihn leitet. MANDY ist auch ein unendlich romantischer, seine weibliche Heldin aus männlicher Perspektive nahezu anbetender Film und er handelt im Wesentlichen davon, dass Männer ohne Frauen kaum existieren können. Nur in der Zerstörung, im Amoklauf gibt es dann noch Rückzug für sie.

Die zweite Hälfte ist immer noch seltsam, vollgepackt mit betörenden Bildern, eingepfercht in monolithische Soundkulissen, und rätselhaften Entwicklungen – Bill Duke als weiser Waffenhändler in einem Wohnwagen und Richard Brake als „Chemist“ mit einem lebenden Tiger -, aber eben auch mit einigen Momenten, die sich tatsächlich wie geekiges Nerdjerking anfühlen, das in dieses Ambiente einfach nicht hineinpasst (aber beim Fantasy Filmfest bestimmt für kollektives Erleichterungsgelächter sorgten). Ein bisschen wirkt MANDY nach hinten raus wie eine halluzinogene, experimentalfilmige Variante von THE EVIL DEAD mit Nicolas Cage als traurigem Ash-Verschnitt, inklusive hysterischem Lachanfall, als ihm das Blut eines Feindes aus dessen Kehlenschnitt in die Fresse sprudelt, und Kettensägenduell. Mit etwas mehr Zurückhaltung wäre der Bruch zwischen den beiden Hälften des Films weniger hart ausgefallen, aber ich glaube, das Problem liegt tiefer – und vielleicht ist es auch gar kein Problem, kein Bruch, sondern genau das, was Cosmatos wollte. Nach der Rätselhaftigkeit der ersten Stunde, die auch der eingeführte Konflikt nicht auflösen kann, wirkt der Racheplot zwangsläufig banal. Man weiß, was da kommt, und es vollzieht sich ohne Überraschungen. Der Gute macht die Bösen platt, er bekommt seine Rache, aber er verliert darüber auch seine Menschlichkeit. Am Ende kann er seiner Mandy noch einmal zulächeln, aber er ist dann schon nicht mehr er selbst. Der Mann hat das Ruder übernommen und weil Red eben nur ein Holzfäller ist und kein Fantasyromane lesender Künstler, fällt seine Problemlösung dann entsprechend wenig filigran aus. Das ist Meckern auf hohem Niveau, denn MANDY ist immer noch ein ziemlich einzigartiger Film, den ich um keinen Preis der Welt missen möchte, aber die Enttäuschung wiegt auch deshalb so schwer, weil nicht viel zum ganz großen Glück gefehlt hätte. Nicolas Cage in Unterhose mit einer Pulle Wodka auf dem Klo, der in ca. 120 Sekunden ein Bandbreite an Gefühlen durchläuft, für die andere Regisseur eine ganze Regielaufbahn benötigen: Das ist wahrhaft großes Kino. Überhaupt Cage: Man musste ja damit rechnen, dass der hier alle Sicherungen rauswirft und sich ganz dem Mega-Acting hingibt, aber er beglückt tatsächlich mit einer eher zurückgenommenen, gedrosselten Darbietung und zeigt vor allem in der ersten Hälfte, was für ein wunderbarer Schauspieler er ist. Aber es ist eben nicht sein Film, so bizarr das auch klingen mag.

 

 

Vor kurzem hab ich DON’T GO IN THE HOUSE – in Deutschland unter dem Titel HAUS DER LEBENDEN LEICHEN wohl mit dem Wunsch gestartet, an den Erfolg von Zombiefilmen wie DAWN OF THE DEAD oder ZOMBI 2 anzuknüpfen – mal als „Deprislasher“ bezeichnet. Der Ausdruck ist ein bisschen streitbar, weil Ellisons Film eher ein Beitrag zum düsteren Serienmörderfilm denn zum Slasherfilm ist (der ja als solcher erst im folgenden Jahr mit dem Erscheinen von FRIDAY THE 13H zum eigenen Genre werden sollte): Zum Slasher fehlen ihm ein paar wichtige Zutaten, aber zum einen sind die Grenzen bekanntlichs fließend und zum anderen macht ja schon der Zusatz „Depri“ klar, dass das hier eine andere Baustelle ist als das Gros der Slasher, die vor allem als Datefilme  für Teenies funktionierten.

DON’T GO IN THE HOUSE handelt vom etwas einfältigen Donny Kohler (Dan Grimaldi), der in der Auftaktszene tatenlos dabei zusieht, wie einer seiner Kollegen im Stahlwerk in Flammen aufgeht. Wie der Betrachter erfahren wird, hat Donny ziemlich einen an der Waffel: Zu Hause lebt er mit seiner mumifizierten Mutter, die ihm als Kind regelmäßig Verbrennungen zufügte, um ihn zu bestrafen. Der Arbeitsunfall triggert diese Erinnerungen und weil Donny bei den Frauen keinen Schnitt bekommt, lockt er sie in Folge in sein Haus, wo er sie in einem isolierten Keller mit einem Flammenwerfer abfackelt.

DON’T GO IN THE HOUSE ist billig, trist, scmuddelig und unglaublich effektiv. Es ist ein Film, wie er eigentlich nur in einem kurzen Zeitfenster Ende der Siebzigerjahre erscheinen konnte, als auch Werke wie MANIAC oder THE EXTERMINATOR entstanden. Ellison erzählt ohne große Ausbrüche im Ton und das langsame Tempo passt perfekt zu diesem Protagonisten, der in erster Linie bemitleidenswert langweilig ist. Die Tristesse wird sehr effektiv unterwandert (und so letztlich verstärkt) durch den geschäftigen zeitgenössisch-plüschigen Disco-Soundtrack, der von Luxus und Glamour kündet, während auf Bildebene der urbane Verfall regiert. In der schönsten Szene des Film geht Donny in eine Boutique, um sich für einen Discobesuch einzukleiden: Vom knallroten Seidenblüschen mit Namen „Matador“ rät ihm der Verkäufer leider ab, empfiehlt ihm stattdessen ein Holzfällerhemd, das bei Discogängern „sehr beliebt“ sei. Donny zeigt klasse und entscheidet sich lieber für ein anderes Modell.

Ich möchte hier aber auf einen anderen Aspekt des Films zu sprechen kommen, der bei Erstsichtung des Films vor ein paar Jahren komplett an mir vorbeigegangen ist, obwohl er eigentlich sehr auffällig ist (zumindest in der deutschen Fassung) und den ich wirklich bemerkenswert finde: Im Grunde genommen ist DON’T GO IN THE HOUSE die traurige Geschichte einer verhinderten schwulen Beziehung bzw. eines gescheiterten Coming outs. Die wichtigste Figur neben Donny ist sein Arbeitskollege Ben (Charles Bonet). Dieser tröstet ihn, nachdem er für die unterlassene Hilfeleistung Schelte vom Vorarbeiter einstecken muss und ruft ihn im weiteren Verlauf mehrfach an, um sich mit ihm auf ein Bier zu treffen, was Donny jedesmal ausschlägt, weil er andere Pläne hat – oder weil ihm diese Avancen sichtlich unangenehm sind. Das Interesse Bens an dem schweigsamen Kollegen kann kaum anders als sexueller Natur sein, denn dieser Donny ist nun nicht gerade der Typ, mit dem man anregende Gespräche führen zu können glaubt. Und Bens Enttäuschung über die ständigen Absagen ist greifbar. Erst ganz am Schluss fasst Donny sich ein Herz und greift selbst zum Hörer: Am anderen Ende der Leitung sehen wir Ben mit einem Bier vor dem Fernseher, während Gattin und Kinder um ihn herumscharwenzeln. Er freut sich über das Interesse Donnys – schlägt diesem dann aber sofort vor, zwei Weiber klarzumachen, die zu allem bereit seien. Nun ist es Donny, der mit großer Ernüchterung auf das Angebot reagiert. Ellison kommentiert das alles nicht, nie wird explizit gemacht, dass Donny oder Ben homosexuell sein könnten – man kann das durchaus übersehen und exakt so betrachten, wie es die Figuren nach außen hin „verkaufen“: als unverfängliche Verabredungsanfragen unter Hetero-Kumpels. Aber gerade weil das alles so implizit und diskret bleibt, sich die Männer sozialen Codes und einer Konvention verpflichtet fühlen, nach der die Stillschweigen über die eigenen Bedürfnisse bewahrt werden muss (man vergegenwärtige sich noch einmal, in welcher Zeit und in welchem Milieu der Film spielt), wird diese Intepretation umso überzeugender. Wenn man das einmal so gesehen hat, ist es unmöglich, den Film anders zu verstehen. Ja, DON’T GO IN THE HOUSE ist der seltene Fall eines schwulen Serienmörderfilms.

Ein schönes Wiedersehen bei angemessen tropischen Temperaturen. Maylams Slasher- und Campfilmklassiker ist Teil der ersten Welle, die in Folge des Sensationserfolgs von FRIDAY THE 13TH in den Kinosälen brandete und historisch interessant, als er das Debüt der Weinsteins und ihrer Firma Miramax bedeutete. Bekanntermaßen stieß THE BURNING, der hierzulande direkt auf Video erschien, auf besondere Zuneigung seitens der Jugendschützer und ist heute immer noch beschlagnahmt. Das ist, einiger ruppiger (aber stark abgedunkelter) Effekte von Maestro Savini zum trotz, ziemlich albern, denn THE BURNING raubt heute gewiss niemandem mehr den Schlaf, bleibt eher als fast märchenhafte Coming-of-Age-Geschichte mit einigen Horroreinsprengseln und viel, viel Teeniequatsch im Gedächtnis.

Hier wird alles an die Wand geschmissen, was in den frühen Achtzigern bei der Zielgruppe ankommen sollte: Nach dem Rückblendenauftakt mit eiem der blödesten Streiche der Filmgeschichte gibt es einen streng genommen ziemlich unnötigen Ausflug in den Großstadthorror eines MANIAC bevor sich THE BURNING dann in einen Sommercampfilm verwandelt, mit allem was dazu gehört: eine laaange Duschszene, Spiel und Spaß, die Andeutung von Sex, ein paar Tittchen sowie die üblichen Konflikte zwischen den einzelnen Typen, bevor es dann so langsam losgeht. Das Drehbuch ist ein ziemliches Chaos, baut erst den Waschlappen Alfred (Brian Backer) auf, bevor es sich dann dem Camp Counsellor Todd (Brian Matthews) als eigentlichen Protagonisten auswählt, der aber vergleichsweise wenig Raum erhält. Im Showdown wird es richtig fiebrig, wozu nicht zuletzt der Score von Keyboard-Wizard Rick Wakeman beiträgt – ein ziemlicher unglaublicher Coup der Produzenten. THE BURNING ist natürlich totaler Blödsinn, kommerziell bis ins Mark, aber die Kombination der einzelnen Elemente gelingt irgendwie – ein bisschen wie ein Eintopf oder ein Omelett, in die man einfach alles reinschmeißt, was die Vorratskammer noch so an Resten hergibt.

Es hilft gewiss, dass da ein paar Gesichter auftauchen, die man in den kommenden Jahren in anderen, höherwertigen Produktionen wiedersehen sollte: Das Casting ist hervorragend und lässt die Schablonenfiguren lebendig werden. Trichterbrust Brian Backer würde später in ganz ähnlicher Rolle im Klassiker FAST TIMES AT RIDGEMONT HIGH mitwirken, Jason Alexander aus SEINFELD spielt Dave, dem die Aufgabe zukommt, die Urlauber mit Gummis, Tittenheften und Zigaretten zu versorgen, Fisher SHORT CIRCUIT Stevens gibt den schlaksigen Spaßvogel Woodstock, dem in der wohl berühmtesten Szene des Films die Finger verlustig gehen und Holly Hunter huscht auch mal durchs Bild, allerdings ohne wirklich aufzufallen. Larry Joshua, der als Brooklyner Bully Grazer brilliert, schlug eine illustre Karriere als Nebendarsteller ein, Ned Eisenberg kennt man ebenfalls als kleinen Ganoven aus unzähligen New-York-Filmen, wie z. B. THE EXTERMINATOR, in dem er als „Ghetto Ghoul“ debütierte. Leah Ayres, die die etwas biestige weibliche Camp-Erzieherin spielt, bändelte in BLOODSPORT mit den Muscles from Brussels an und der kernige Schönling Brian Matthews machte Karriere im CALIFORNIA CLAN.

Ich könnte das hier noch ausdehnen, aber das macht nicht so richtig viel Sinn. THE BURNING ist ein schöner Slasher, deutlich über dem Durchschnitt des Genres, aber auch nicht unbedingt ein Film, über den man endlose Debatten führt. Es war toll, ihn mal im Kino gesehen zu haben.