Mit ‘Horror’ getaggte Beiträge

Eine Antwort auf Frage, die immer wieder gestellt wird, wenn man mit „normalen“ Filmsehern darüber spricht, warum man sich solche merkwürdigen Sachen wie ein thailändisches JAWS-Ripoff um eine riesenhaftes Killerkrokodil anschaut, lautet: Weil man am besten begreift, was einen Film „gut“ macht, wenn man sich mit jenen Fällen auseinandersetzt, in denen so ziemlich nichts funktioniert. Gerade in seinem letzten Drittel, wenn seine drei Helden an Bord eines Schiffes Jagd auf das gefräßige Ungetüm machen, versteigt sich Sompote Sands zu einer 1:1-Kopie des großen Klassikers, ohne auch nur annähernd dessen Klasse zu erreichen. Natürlich liegt das auch daran, dass er mit einem Bruchteil des Budgets auskommen musste, keine geschulten Weltklasse-Darsteller zur Verfügung hatte, keinen Spitzenscore von John Williams, keinen „Bruce“ und keinen Bill Butler an der Kamera. Aber mehr noch daran, dass es ihm einfach nicht gelingt, das Material sinnhaft zu organisieren. Der ganze Film ist ein einziges Chaos aus halb durchdachten Ideen, ohne Sinn und Verstand zusammengeschmissener Szenen, einer konfusen Dramaturgie, eines nicht vorhandenes Gefühls für Zeit und Raum und in ihrer Qualität drastisch variierender Spezialeffekte, in denen das Krokodil von Szene zu Szene seine Größe verändert: In manchen Szenen nimmt es die Dimensionen seines geschuppten Kollegen Godzilla an, dann ist es so groß wie ein Boot, dann wieder scheint es sich um einen lediglich etwas größeren Vertreter seiner Gattung zu handeln. Der Schnitt tut sein Bestes, die Desorientierung zu verstärken und die Kamera hält gnadenlos aufs Nichts, als gäbe es dort etwas zu entdecken.

Die Story geht irgendwie so: Durch die Umweltverschmutzung entsteht ein Riesenkrokodil, das nicht nur die Binnengewässer Bangkoks, sondern auch das Meer unsicher macht. Einer Attacke fallen unter anderem Frau und Tochter des viel beschäftigten Arztes Dr. Akom (Naart Poowanai) zum Opfer, der sich daraufhin gemeinsam einem Freund und dem Krokodiljäger Tanaka (Bill Warren) auf die Jagd nach dem Monstrum begibt. Was eigentlich eine in hunderten von Tierhorrorfilmen erprobte Geschichte mit klar etabliertem Regelwerk ist, die zahllose Regisseure trotz oft begrenzter Möglichkeiten mit einigem Erfolg in Zelluloid hüllten, stellte Sands vor unlösbare Aufgaben. Das geht schon gleich am Anfang los, wenn ein Voice-over-Erzähler zu Bildern eines tosenden Tsunamis, der Hütten niederreißt sowie Menschen und Krokodile hinfortspült, von der Rache der gebeutelten Natur schwadroniert, die sich gegen den Menschen erheben werde. Später ist immer wieder von der Legende um ein dämonisches Riesenkrokodil die Rede, ganz am Schluss wird radioaktive Verseuchung als Ursache für die Mutation herangezogen, ohne dass diese These irgendwann mal entsprechend unterfüttert worden wäre. Diese Orientierungslosigkeit wird gewissermaßen paradigmatisch für den ganzen Film, der arhythmisch auf sein Finale zuhoppelt, unspektakuläre Dialogszenen immer wieder mit aus dem Nichts hereinplatzende Krokoszenen unterbricht, in denen anonyme Statisten ihr Ende finden und die deshalb spannungslos an einem vorüberrauschen. Steven Spielbergs JAWS war ja auch deshalb so nervenzerrend, weil er seinen Handlungsort ganz klar umriss und jedem klar machte, wann mit der Bedrohung zu rechnen war und woher sie kommen würde. In CHORAKHE ist jederzeit alles möglich: Das Krokodil schlägt mal im Meer zu, dann wieder an einem innerstädtischen Kanal, ohne dass sein Erscheinen jemals wirklich angebahnt werden würde. Oft wird da einfach ins leere Wasser oder bedeutungsschwanger auf dessen Oberfläche gehalten, wie etwa in der ebenfalls aus dem Vorbild entlehnten Attacke auf die Ehefrau. Die keift panisch herum wie weiland ihre blonde Kollegin in der Auftaktszene des Klassikers, doch wenn die Kamera dann den Blick unters Wasser wirft, sieht man: nichts. Auch solche Kniffe wie die Hai-Subjektiven, die in JAWS das Auftauchen des Monstrums ankündigten, fehlen hier. Und wenn das Monster zuschlägt, geht alles in einem Wirrwarr von nicht zueinander passenden Einstellungen unter.

Der Geniestreich eines Films wie JAWS (und vergleichbar gelungener Werke) war es, die Präsenz des Monsters auch in solchen Szenen zu suggerieren, in denen es nicht da war. Wenn Brody, Hooper und Quint an Bord der Orca angestrengt auf das sie umgebende Wasser blickten, dann glaubte man als Zuschauer, dass der Hai irgendwo da draußen herumschwamm und jederzeit auftauchen könnte. Das gelang durch den Einsatz der Musik, von Totalen, in denen man tatsächlich die Rückenflosse in Relation zum Boot sah und schließlich durch Effektszenen, in denen die Darsteller wirklich mit dem Prop interagierten. Nichts davon gibt es in CHORAKHE: Das Krokodil ist vom filmischen Rest völlig isoliert, seine Auftritte beschränken sich auf Großaufnahmen eines echten Krokodils und kurze Shots, in denen sich ein ebensolches an Miniaturmodellen vergeht. Manchmal kommt auch ein Pappmaul zum Einsatz, in dem ein unglückseliges Opfer sein Leben aushaucht. Aber nie hat man das Gefühl, das Biest agiert in der selben Sphäre wie seine menschlichen Konterparts. Was genau im Showdown passiert, kann man bestenfalls erahnen. Auf jeden Fall fliegt alles in die Luft.

Zugegeben, niemand erwartet von einem thailändischen JAWS-Ripoff um ein Riesenkrokodil filmische Meisterleistungen. Ein paar Szenen sind durchaus putzig – etwa die Vorstellung Tanakas, der über sein riesiges Adlertattoo auf der Brust sagt, er habe es sich als Kind machen lassen und dass es „die Überlegenheit gegenüber niederen Reptilien“ ausdrücke, die haarsträubenden Effektszenen, in denen das luxusdampfergroße Biest wahre Flutwellen auslöst oder natürlich die drolligen Dialoge, die diesen Unfug mit der Bemühung größten Ernstes verkaufen – und generell muss man sich vor der Chuzpe der Macher verneigen, sich an einem Film wie JAWS zu vergehen, ohne auch nur den geringsten Plan zu haben. Aber der Charme völligen Unvermögens und totaler Absurdität trägt in diesem Fall nicht über 80 bis 90 Minuten. Ich habe mich schon ein bisschen gelangweilt.

 

 

 

 

Mit LA NOCHE DEL TERROR CIEGO war Amando del Ossorio ein großer Wurf gelungen: Die reitenden Templerleichen stellten einen schönen Neueintrag im Horrorfilm-Bestiarium dar, denen Ossorio mit seiner traumgleichen Inszenierung die passende Plattform bereitete und alle budgetären wie technischen Limitierungen damit positiv umdeutete. Der Film war überdurchschnittlich erfolgreich, auch und nicht zuletzt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, also da, wo es wirklich zählt. Kein Wunder, dass Ossorio dem Bedürfnis nach einem Sequel nachkam und das schon ein Jahr später mit EL ATAQUE DE LOS MUERTOS SIN OJOS.

Wie es so oft ist mit Fortsetzungen, mutet auch diese RÜCKKEHR DER REITENDEN LEICHEN an wie der Besuch einer flüchtigen Bekanntschaft, die beim ausgedehnten Wiedersehen dann doch einige nur schwer tolerierbare Charakterzüge aufweist – man ist am Ende ganz froh, wenn sie wieder abreist. Ossorio begeht den verständlichen Fehler, zu glauben, sein Sequel brauche mehr Templeraction, und er greift mit dem Belagerungsszenario auf eine Plotschablone zurück, die straffer inszenatorischer Organisation bedarf, was nun nicht gerade die Kernkompetenz des Vorgängers war. Ließ er die mumifizierten Monstren im ersten Teil weitestgehend in einer vom Rest der Welt abgeschirmten Dimension agieren – erst am Schluss brechen sie in der tollen Zugsequenz in die Realität ein -, agieren sie nun ganz in der Gegenwart des Films und büßen so einiges von ihrem spukhaften Charme ein. Die aufreizend langsam und völlig geräuschlos voranstaksenden Leichen wirken zwischen den aufgebracht hin und her rennenden Bürgern des spanischen Örtchens Berzano nicht nur deplatziert, sondern geradezu hilflos. Wie ein paar Rentner, die sich auf eine Rave verirrt haben. Das Belagerungsszenario, in dem der Film schließlich kulminiert, funktioniert ebenfalls nicht richtig, weil von den passiv vor der Tür wartenden Templern keinerlei echte Bedrohung ausgeht. Die Eingesperrten dezimieren sich tatsächlich eher durch eigene Dummheit, weil sie immer wieder hirnrissige Gründe finden, die Sicherheit ihres Refugiums zu verlassen. Das Finale, eine kleine Reminiszenz an Hitchcocks THE BIRDS ist wieder sehr schön, ein Rückgriff auf die märchenhafte Albtraumlogik des ersten Teils, aber es fühlt sich hier ein wenig hilflos an. Als habe Ossorio nicht gewusst, wie er die Herausforderungen seiner Geschichte meistern solle.

Trotzdem mag ich den Film irgendwie. Er hat die pulpige Qualität von Groschenheftchen, die sich mit ihren markigen Sensationen letztlich an kindliche Gemüter wenden. Held Jack Marlowe (Tony Kendall) kommt mit einem knallroten Geländewagen angebraust, stellt sich als „ehemaliger Sprengmeister der Pioniere“ vor und gräbt sofort seine Ex (Esperanza Roy) an, die jetzt mit dem schmierigen Bürgermeister liiert ist. Er instruiert „seine Männer“ (die man nie zu Gesicht bekommt) das Feuerwerk vorzubereiten, das die im Zentrum des Films stehenden Festlichkeiten begleiten soll, trinkt Whiskey und schwingt sich dann zum Anführer auf, als die Kacke am Dampfen ist. Frauen sind in diesem Film nur dazu da, männliche Begehrlichkeiten zu wecken und adrett auszusehen, sie werden rumgeschubst oder in die Koje gezwungen. Als besagte Vivian statt des ihr angebotenen Whiskeys ein Bier verlangt, wird sie sofort angeherrscht, warum sie denn nur immer so kompliziert sein müsse. Zur Strafe bekommt sie ein Pils, dass zu fünf Sechsteln aus Schaum besteht. Das Oberschwein des Films ist der Bürgermeister (Fernando Sancho), ein Feigling vor dem Herren, der in der niederträchtigsten Szene ein kleines Kind ins Unglück schickt, um selbst die Flucht ergreifen zu können. Ganz toll auch die kleine humorvolle Episode, in der er den „Minister“ aus dem Bett klingelt, um militärische Hilfe anzufordern und dieser lieber seinem Jahrzehnte jüngeren Hausmädchen auf den leicht bekleideten Hintern stiert. ATAQUE DE LOS MUERTOS SIN OJOS ist von einer krachigen Schablonenhaftigkeit, dass es geradezu rührend ist – zumal Ossorio weitesgehend ohne jedes selbstironisches Augenzwinkern inszeniert. Der Film tritt mit dem Selbstverständnis eines knallharten Reißers auf, das in krassem Missverhältnis zu dem Unfug steht, den er präsentiert. Spannend ist er zu keiner Sekunde, aber liebhaben muss man ihn trotzdem. Filme mit einem von der Dorfbevölkerung gedemütigten Buckligen bekommen sowieso immer einen Bonuspunkt von mir.

 

Die Tagline um die 23 personalities, die ein Kevin da in sich vereine, lässt im Zusammenhang mit dem Namen des Regisseurs Böses vermuten: Shyamalans längst verflogener Ruhm gründete zumindest in den Augen des durchschnittlichen Kinogängers auf diese unerhört unvorhersehbaren Plot Twists und narrativen Gimmicks, die seinen Erfolgsfilm THE SIXTH SENSE und dessen direkte Nachfolger zumindest auf den ersten Blick auszeichneten. Als Shyamalan sich mit THE LADY IN THE WATER weigerte, diese Masche weiter zu bedienen (streng genommen waren schon Filme wie UNBREAKABLE, SIGNS und THE VILLAGE nicht mehr allzu sehr an schnöden Taschenspielertricks interessiert und das Interessante an THE SIXTH SENSE nicht seine Auflösung, sondern wie es ihm gelang, deutliche Hinweise zu verschleiern), mit dem wahlweise avantgardistischen oder katastrophalen THE HAPPENING sogar noch einen draufsetzte und anschließend mit THE LEGND OF AANG und AFTER EARTH die nächsten Totalflops zu verantworten hatte, war die Traumkarriere erst einmal vorbei. Der ohne große Tamtam veröffentlichte Low-Budget-Schocker THE VISIT war eine schöne Überraschung, der man die Erleichterung des Regisseurs, nicht mehr die Verantwortung für eine Multimillionen-Dollar-Prestige-Produktion tragen zu müssen, in jeder Sekunde anmerkte. SPLIT ist nur unwesentlich teurer als der Vorgänger gewesen, kommt aber zunächst mit dem Ruch des stunts daher: Hauptdarsteller James McAvoy spielt einen Mann mit multipler Persönlichkeitsstörung und laut Poster sollen es eben nicht weniger als 23 Charaktere sein, die er in sich vereint. Man sieht ihn schon vor sich, den ganz in seiner Mission aufgehenden method actor, der 23 verschiedene Akzente, Tics, Kostüme und Arten, sich an der Nase zu kratzen, erlernt hat und so jede Szene zur aufmerksamkeitsheischenden One-Man-Show verkommen lässt, aber zum Glück bleibt einem das erspart. Letztlich spielen nur drei, vier Persönlichkeiten eine Rolle und weit mehr als auf irgendwelche marketingtechnischen Tricks setzt Shyamalan hier auf wunderschön komponierte symmetrische Bilder, einen ruhigen, beinahe träumerischen Erzählfluss und eine wohltuend unaufgeregte Thematisierung von sexuellem Missbrauch.

Mehr als alle narrativen Kniffe ist es diese kontemplative Ruhe sowohl des Blicks, den er als Regisseur auf seine Charaktere, die Räume, die sie bewohnen, und ihre Gewohnheiten wirft, als auch der Aussagen, die er über sie macht. Wobei „Aussagen“ es schon nicht trifft: Shyamalan hat weniger eine Meinung über seine Figuren als erst einmal nur ein unstillbares Interesse an ihnen und dieses Interesse möchte er mit seinen Zuschauern teilen, mehr als ihnen irgendetwas zu erklären oder vorzubeten. Nur deshalb konnte er einen Endzeitfilm drehen, in dem seine Protagonisten – und er! – beinahe sehnsüchtig auf das Wogen der Bäume im Wind starrten, als lauerte dort die Antwort auf alle Fragen, eine Antwort, die es nicht gab: die denkbar größte Katastrophe, die sich der verzweifelt an das Kausalitätsmodell klammernde Mensch überhaupt vorstellen kann. SPLIT ist, betrachtet man nur seine Story, typischer Serienmörder-Thriller: Es gibt drei attraktive, junge weibliche Opfer, einen hoch intelligenten, hochgradig gestörten Täter und seine Psychotherapeutin, die ihm bald auf die Spur kommt, aber wie Shyamalan diese Geschichte erzählt, hat mit den gängigen Mechanismen und Klischees nur wenig zu tun.

Das „Monster“ bekommt bei ihm ein sehr menschliches Gesicht und das volle Mitgefühl des Regisseurs, ohne dass dies zulasten seiner „Opfer“ ginge. Als eines der drei Mädchen die Überwältigung ihres Peinigers mit vereinten Kräften vorschlägt, weist die in sich gekehrte Casey (Anya Taylor-Joy) diese Idee als idiotisch zurück – sie hätten keine Chance gegen diesen Kraftprotz. Ihr insgeheim ausgearbeiteter Plan, die kleine Hedwig, eine der vielen Persönlichkeiten des Täters und wahrscheinlich die schwächste, zu manipulieren, erweist sich nicht nur als die intelligentere, sondern auch als respektvollere Strategie. Und sie kommt nicht umsonst von der als etwas sonderbar eingeführten Casey, die ahnt, das solcher Wahn wie der des manischen Kidnappers nur die Ursache einer tiefen seelischen Verletzung sein kann. Shyamalan ist fasziniert von der Resilienz unseres Geistes und der Konsequenz, mit der unser Gehirn diese Ersatzcharaktere zu unserem Schutz erst entwirft, mit völlig individuellen Eigenschaften ausstattet und dann gegen seinen biologischen „Eigentümer“ verteidigt. Fast könnte man sagen, er betrachte diesen Kevin als besonders avanciertes Exemplar einer raren Tiergattung mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, aber seine Faszination gleitet nie in den Voyeurismus ab, ins Aufgeilen am Pathologischen oder in den Exotismus. Nein, dahinter stecken Empathie und der Zorn über eine Welt, die solche Verletzungen zulässt und ihre Opfer dann als perverse Monstren diffamiert. Was der nüchternen Anerkennung, dass diese Geschädigten ihrerseits zu unbeschreiblichen Gräueltaten fähig sind, nicht im Weg steht. Exemplarisch sei hier der Tod der Therapeutin genannt. Ihr Gesichtsausdruck im Moment der Erkenntnis ist herzzerreißend, weil sich in ihm sowohl die Trauer darüber spiegeln, dass der Mensch, dem sie immer nur helfen wollte, ihr Mörder werden wird, als auch das Wissen, immer richtig gehandelt zu haben.

SPLIT wählt nicht ohne Grund ein Tiergleichnis, um das Phänomen seines wichtigsten Charakters zu verdeutlichen: Der Tierpfleger kann seiner Arbeit mit größter Sorgfalt, Liebe und Respekt nachgehen, es bewahrt ihn nicht davor, möglicherweise doch zerrissen zu werden. Das macht das Tier nicht zu etwas Bösem: Es kann einfach nicht anders.

 

Wer der Meinung war, das ein Prequel zu THE SILENCE OF THE LAMBS, das sich mit der Genesis des Kannibalen Hannibal Lecter beschäftigt, eine richtige Scheißidee ist, der wird sich nach dem bislang letzten Film der Reihe sicherlich darüber gefreut haben, Recht behalten zu haben. Eine Reihe, die zuvor sogar Brett Ratner noch halbwegs gut überstanden hatte, landet mit dem Beitrag des Briten Peter Webber (der seine Kinokarriere damit effektiv beendete) endgültig in der Jauchegrube. Nun, streng genommen hatte Ridley Scott sich mit seinem denkwürdigen HANNIBAL schon deutlich in deren Nähe begeben, aber den provokativen Tanz auf der Kante bravourös und mit wissendem Lächeln gemeistert: Webber hat weniger Glück und Körperbeherrschung: Er erinnert eher an die depperten Protagonisten aus Pannenvideos, die als letzte merken, welches Schicksal ihnen droht, und fröhlich in die Kamera grienen, während sich das Unheil über ihnen zusammenbraut. Man muss zu seiner Ehrenrettung sagen, dass kein Geringerer als Thomas Harris himself (nach eigenem Roman) die Drehbuchvorlage für diese Vollkatastrophe lieferte und ein Jungdarsteller wie Gaspard Ulliel natürlich auch nicht dazu geeignet war, hier Schadensbegrenzung zu leisten.

Ich muss hier noch einmal betonen, für wie fehlgeleitet ich die Idee des Prequels generell halte. Ich verstehe durchaus den Wunsch, möglichst viel über eine geliebte fiktive Figur zu erfahren: Aber in dem Absolutheitsanspruch, den sie meist für sich in Anspruch nehmen  – endlich die ganze, wahre Geschichte! – besiegeln sie bereits ihren Niedergang. Das moderne Prequel ist in den allermeisten Fällen der Idee verpflichtet, das bereits Bestehende zu untermauern und das schlägt es in kreative Ketten. Ihm zugrunde liegt ein Trugschluss: Fiktive Figuren haben nämlich keine Biografie, ihre Lebensgeschichte lässt sich nicht herleiten, höchstens nachträglich erfinden. Und das ist eben problematisch: Wer erklären will, wie Hannibal Lecter zu dem wurde, der er ist, steht vor der Herausforderung, eine Geschichte zu erzählen, deren Ende wir schon kennen, bevor sie angefangen hat – und dabei zusätzlich eingeschränkt zu sein, weil gewisse Erwartungen erfüllt werden müssen. Als Thomas Harris Hannibal Lecter erdachte, kamen dabei verschiedene spannende Ideen zusammen. Der Hintergrund von HANNIBAL RISING ist es nun aber nicht, eine für sich genommen spannende Geschichte zu erzählen, sondern im Nachhinein eine Biografie zu einem bereits bestehenden Charakter zu entwickeln, die zumindest halbwegs plausibel ist (ob sie das ist, dazu komme ich später). Hannibal Lecter, der hoch gebildete Akademiker und Intellektuelle, der Menschen frisst und in die Köpfe seiner Gegenüber eindringt, ist eine spannende Figur. Der jugendliche Hannibal Lecter, der während des Zweiten Weltkriegs aus seiner Heimat Litauen flieht, leider nicht so sehr.

Die Geschichte, die sich Harris ausdachte, geht ungefähr so: Während des Zweiten Weltkriegs muss Hannibal Lecter miterleben, wie seine wohlhabenden Eltern umgebracht werden, und infolgedessen auf seine kleine Schwester Mischa aufpassen. Beide geraten in die Fänge von litauischen Kollaborateuren, die Mischa von Hunger geplagt verspeisen. Die folgenden Jahre verbringt er, von anderen Jugendlichen gedemütigt, im ehemaligen Elternhaus, das nun ein Waisenhaus ist. An der Schwelle zum Erwachsenenalter reist er nach Frankreich, wo ihn eine angeheiratete Tante, die stolze Japanerin Murasaki (Gong Li), empfängt, ihn in das Schwertkämpferethos der Samurai einweist und auch darin, selbst die Klinge zu schwingen. Hannibal absolviert ein Medizinstudium, verübt seinen ersten Mord, täuscht die ermittelnden Beamten und geht dann schließlich auf die Jagd nach jenen, die einst seine Schwester töteten. Ich bin kein Psychologe aber ich kann mir nicht helfen: Diese Geschichte stinkt zum Himmel, noch dazu ist sie in höchstem Maße unglaubwürdig und so über Gebühr konstruiert, dass es beim Zusehen Schmerzen bereitet. Ein braver, intelligenter Junge aus bester Familie, ein liebevoller Bruder, der durch den Horror des Krieges geht, mit absolutem Schrecken sieht, wie Menschen anderen Menschen Böses antun und sich bei all dem immer bewusst ist, was da passiert, soll zum berechnenden Lustmörder und Kannibalen werden? Sorry, aber das halte ich für ausgemachten Schwachsinn.

Das Schlimmste ist aber, dass es noch nicht einmal Harris und Webber, die mir diese Geschichte schließlich verkaufen sollen, gelingt, sie plausibel zu machen. Der Übergang vom netten, erschöpften Kriegsopfer mit intaktem Moralverständnis zum grausamen Mörder ist eine Zäsur, ein Sprung: HANNIBAL RISING versagt genau in jenem Moment, der ihm doch eigentlich seine ganze Daseinsberechtigung verleiht. Noch weitaus schwerer wiegt, dass Webbers Film geradezu unverschämt öde ist: Er gefällt sich in seiner aufgesetzten Epik und seinen geleckten, pseudogeschmackvollen Bildern, hat aber außer Banalitäten rein gar nichts zu bieten. Da lobe ich mir Ridley Scotts HANNIBAL: Der war auch hirnrissig und über Gebühr von seinem eigenen Stilbewusstsein berauscht (einmal sieht man da sogar ein GLADIATOR-Poster an einem Florentiner Kino hängen), aber er lieferte wenigstens ein paar saftige Gewaltschübe, die man so noch nirgendwo anders gesehen hatte, schon gar nicht in einem solchen Big-Budget-Schinken. Und er war in dieser Verbindung von Seriosität und Schund eben reizvoll. HANNIBAL RISING verlässt sich einzig und allein darauf, dass alle wissen wollen, wo dieser Lecter denn herkommt. Irrtum: Es ist mir scheißegal, vor allem, wenn die Geschichte, die mir dann aufgetischt wird, so kreuzlangweilig ist. Die zauberhafte Gong Li muss einem Leid tun, genau wie der junge Gaspard Ulliel, der mit dem Klammerbeutel gepudert gewesen wäre, hätte er diese Chance nicht ergriffen, aber er ist ein absolutes Charme-Vakuum, was er durch unangenehmes Psychopathen-Overacting auszugleichen sucht, und damit eine absolute Fehlbesetzung. Andererseits würde ich mutmaßen, dass niemand diesen Quark hätte retten können. Angesichts der vielen Fehlentscheidungen, die dieses Debakel kennzeichnen, muss man wahrscheinlich noch froh darüber sein, dass man davon abgesehen hat, den jugendlichen Hannibal von Anthony Hopkins spielen zu lassen.

Zehn Jahre nach dem bahnbrechenden, Oscar-gekrönten Erfolg von Demmes THE SILENCE OF THE LAMBS erschien endlich das von vielen sehnlich erwartete Sequel: Grund für die lange Wartezeit war die banale Tatsache, dass sich Thomas Harris, der Autor der literarischen Vorlage, selbst bis 1999 Zeit gelassen hatte, einen weiteren Roman um den kannibalistischen Serienkiller zu schreiben. Die Vorfreude wich schnell der Ernüchterung: Die Filmkritik hatte nur wenig Gutes über Scotts Film zu sagen (der natürlich trotzdem ein Hit wurde), beklagte den Verlust jener Subtilität, die Demmes Vorgänger ausgezeichnet hatte, und befand, dass die dafür nun in die Waagschale geworfenen grafischen Geschmacklosigkeiten keinen adäquaten Ersatz darstellten. Und während THE SILENCE OF THE LAMBS seinen Platz im Horrorfilm-Pantheon sicher hat, ist die Fortsetzung heute kaum mehr als eine Fußnote wert. Tatsächlich ist HANNIBAL eine ziemliche Katastrophe, aber eben eine, die sich mit ihren Over-the-Top-Gewaltdarstellungen und ihrem pompösen Kitsch unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennt. Ich habe auch hier nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich Ridley Scott für einen der überbewertetsten Filmemacher überhaupt halte (eine kleine Handvoll erstklassiger Filme stehen einem weitaus höheren Berg von Mittelmaß und Schrott gegenüber), aber HANNIBAL würde ich tatsächlich gegen alle Kritiker verteidigen.

Während Scott ganz oft den Eindruck erweckt, keinen echten Plan davon zu haben, was einen Stoff wirklich interessant macht, so hat er das HANNIBAL zugrundeliegende Problem sehr genau erkannt: THE SILENCE OF THE LAMBS, in dem Lecter ja streng genommen nur eine Nebenfigur war, profitierte massiv davon, dass seine interessanteste Figur über weite Strecken der Handlung in seiner Freiheit massiv eingeschränkt war, ihr Potenzial mithin nie voll entfalten konnte. In der Interpretation von Hopkins war da kaum mehr als eine Ahnung von seiner Grausamkeit, die den Killer aber noch furchteinflößender machte. In HANNIBAL rückt der Kannibale nun ins Zentrum der Geschichte, er wird zum gleichberechtigten Protagonisten neben Clarice Starling (Julianne Moore) und seine Taten werden voll ausgespielt. Ein typisches Sequelproblem, das schon vielen Fortsetzungen das Genick gebrochen hat. Scott begegnet diesem Problem, indem er den Gore- und Geschmacklosigkeitsregler bis zum Anschlag aufreißt: Es dürfte nur wenige Filme dieser Preisklasse geben, die ähnlich lustvoll in Blut und Gedärm waten. Das beginnt schon im Prolog mit der Erschießung einer Aids-infizierten Drogendealerin, die ein Baby im Arm hält, setzt sich fort über Gary Oldmans Albtraum-induzierendes Make-up (sein Päderast Mason Verger schnitt sich einst auf Geheiß von Lecter unter Drogeneinfluss das Gesicht weg), den armen Kriminalisten Pazzi (GIancarlo Giannini), dessen Eingeweide sich auf eine florentinische Piazza ergießen, sowie menschenfressende Wildschweine und endet dann in der unfasslichen Sequenz, in der Hannibal Krendler (Ray Liotta) bei vollem Bewusstsein das eigene Gehirn verfüttert. Sicher, mancher Vertreter des sogenannten „Torture Porn“ ist noch zeigefreudiger, reiht noch mehr Schweinereien und Tabubrüche in noch kürzerer Zeit aneinander, aber diese Filme kommen eben auch nicht mit dem Stempel des Multimillionen-Mainstream-Sequels zu einem anerkannten Welthit daher. Es ist Ridley Scotts Verquickung von blutrünstiger Exploitation und opulentem Bilderbuchkino, die den Film so verstörend macht. Vor dem Hintergrund der florentinischen Kulisse mit ihren Renaissance-Palazzos und Opern-Vorstellungen, von John M athieson festgehalten in ultraslicken Bildern, nimmt HANNIBAL tatsächlich den Charakter einer bizarren Gewaltoper an, der spätestens im dritten Akt sämtliche Gäule durchgehen. Als hätte Rob Zombie nach einem miesen Heroin-Trip Thomas Manns „Tod in Venedig“ verfilmt. (Einschränkend muss man sagen, dass sich die Wikipedia-Inhaltsangabe des zugrunde liegenden Romans kaum weniger gestört liest und der Filmtod von Mason Verger tatsächlich eine „softe“ Version des Schicksals ist, das sich Harris für ihn erdacht hatte.)

Als Thriller betrachtet funktioniert HANNIBAL dann aber nur in Teilen: Scott gelingt es zwar noch einmal, diese Bedrohung einzufangen, die von dem freundlichen alten Mann ausgeht, und die annähernd versteinernde Furcht, die Menschen in seiner Gegenwart befällt, wenn sie wissen, mit wem sie es zu tun haben, besonders in den beiden Konfrontationen zwischen ihm und Pazzi (Giancarlo Giannini ist sehr gut als trauriger Kriminalist, der Morgenluft wittert, als er den gesuchten Lecter ausfindig macht), aber dem Film fehlt ein klarer Konflikt. Dass sich Starling und Lecter erst im letzten Akt begegnen, ist ein dramaturgischer Schwachpunkt, wie überhaupt der Charakter der FBI-Agentin hier nichts mehr mit dem Vorgänger zu tun hat. Starling ist nun nur ein weiterer Vertreter der klischierten tough cops, die es gelernt haben, ihre Gefühle hinter einer Wand der Härte zu verbergen (Jodie Foster lehnte die Rolle ab, weil ihr die Richtung, die Harris einschlug, überhaupt nicht gefiel). Und Lecter verliert über die vole Distanz viel von dem Schrecken, den er in wenigen Szenen von Demmes Film erzeugte, weil man erstens zu viel von ihm zu sehen bekommt, zweitens der „Schöne und das Biest“-Aspekt zu stark betont wird. Hopkins ist immer noch gut in der Rolle, aber der Film wird bisweilen von blankem Sensationalismus befallen. Subtil ist hier wirklich gar nichts mehr und in seiner permanenten Übertreibung, sei es hinsichtlich der bestialischen Gewalt oder auch hinsichtlich der Darstellung von Lecters Affluenz und seines Intellektualismus, mutet HANNIBAL an wie ein Splatterfilm für Leute, die sich sonst mit Vorliebe an Home Stories über Adelsfamilien delektieren. Aber wie schon einleitend gesagt: Diese seltsame Verbindung ist immerhin originell und tatsächlich durchzieht HANNIBAL eine Aura der Perversion und des Sadismus, die sehr passend ist für den Stoff. Es lohnt sich nicht mehr, wie noch bei Demmes Klassiker, lange über ihn nachzudenken, weil alles auf der Hand liegt, aber HANNIBAL ist immerhin noch ein guter, fieberhafter Albtraum geworden. Das ist nicht wenig, würde ich sagen.

Es ist ein berühmtes popkulturelles Narrativ, dass 1991 das Jahr war, in dem Grunge bzw. Alternative Rock den Hardrock töteten, wie er in den Achtzigerjahren populär war. Weniger plattgetreten ist die These, dass Jonathan Demme mit THE SILENCE OF THE LAMBS eine neue Welle des „erwachsenen“ Horrorfilms bzw. Thrillers einläutete, nachdem das Genre im vorangegangenen Jahrzehnt vor allem Teenies adressierte. Plötzlich waren Serienmörder und die sogenannten Profiler en vogue – und sind es ja eigentlich bis heute: Die diversen CSI-Ableger, Serien wie CRIMINAL MINDS und Konsorten wären ohne Demmes Hit-Verfilmung des Bestsellers von Thomas Harris undenkbar und mit dem intellektuellen Kannibalen Hannibal Lecter schenkte er dem Pantheon berühmter Horrorgestalten einen neuen Protagonisten, der sich hinsichtlich Bekanntheitsgrad nicht mehr hinter Dracula, Frankenstein, Michael Myers oder Freddy Krueger verstecken braucht. THE SILENCE OF THE LAMBS zog mit Ridley Scotts HANNIBAL das zwangsläufige Sequel nach sich (wenn auch mit rund zehnjähriger Verspätung), der Romanvorgänger, an dem sich Michael Mann 1986 mit dem erstklassigen MANHUNTER schon einmal versucht hatte, ohne jedoch den gewünschten kommerziellen Erfolg zu erzielen, erlebte eine Neuverfilmung, mit HANNIBAL RISING entstand ein Prequel um den Menschenfresser und Mads Mikkelsen durfte ihn schließlich sogar in einer eigenen Fernsehserie spielen.

Das ganz große Trara um THE SILENCE OF THE LAMBS habe ich indessen nie wirklich verstanden: Die große Schockwirkung hatte er bei mir nicht entfaltet, wahrscheinlich, weil ich bereits Fangoria-gestählt war, als ich ihn zu Gesicht bekam, und die betont unterkühlte Atmosphäre, die Tak Fujimoto in monochrome grau-braune Bilder gießt, empfand ich immer eher als lähmend denn als spannend. Sicher, Demmes Film war schon sehr ordentlich inszeniert, getragen von den herausragenden Darbietungen von Hopkins, Foster und Levine, aber irgendwie war mir der Film immer eine spur zu intellektuell und sachlich. Erst vor einem Jahr schrieb ich, dass ich Demmes sträflichst vernachlässigten SOMETHING WILD für weitaus interessanter halte als das viel gepriesene „Meisterwerk“ seiner Filmografie. Wahrscheinlich hat mich THE SILENCE OF THE LAMBS bei dieser Sichtung zum ersten Mal wirklich begeistert. Die suggestive Kraft der Inszenierung, die vieles nur andeutet, die dräuende Ruhe und die Ahnung einer in den Tiefen des Unbewussten lauernden Gefahr hat endlich ihre volle Wirkung bei mir entfaltet. Die Psychoduelle zwischen Hopkins und Foster – mittlerweile Zielscheibe unzähliger Parodien und in deutlich schwächerer Ausführung ein gut abgehangener Standard des Genres – bilden tatsächlich das Rückgrat des Films und vor allem Hopkins versteht es, im Verbund mit Demme die Faszination des Zuschauers für das irrational Böse herauszukitzeln. Lecter ist auch deshalb so bedrohlich, weil sein mörderisches Potenzial sich nie voll entladen darf. Das ist auch der Hauptunterschied zu Scotts Grand-Guignol-Sequel, das zwar die blutigen Tatsachen und Geschmacklosigkeiten anhäuft, aber bei Weitem nicht so beunruhigend ist. Aber das ist ja nichts Neues, dass es meist effektiver ist, die Dinge nicht voll auszuspielen.

Auch der Subtext von Misogynie und institutionellem Sexismus hat sich für mich erst bei dieser Sichtung wirklich als solcher entfalten können: Clarice Starling kämpft von Anfang an gegen eine Männerfront an, die sie eigentlich scheitern sehen will und Fujimoto bildet das ab, indem er die Protagonistin mehr als einmal als einzige Frau in männlich dominierten Gruppenbildern festhält. Überall trifft sie auf Männer, die sie aufgrund ihres Geschlechts für inkompetent halten, sie lediglich als leckeres Betthäschen betrachten oder ihr gleich das Sperma ins Gesicht schleudern. Auch Lecter versucht sie mit entsprechenden Demütigungen aus der Reserve zu locken und natürlich ist der Killer mit dem Spitznamen Buffalo Bill ein Frauenmörder, der die blinde Heldin im legendären Showdown schwer atmend aus dem Dunkel belauert. Starlings Trauma, die schreienden Lämmer nicht retten zu können, das sie seit der Kindheit plagt, wird in der Gegenwart des Films nicht nur durch die Gerissenheit der Serienmörder  angefeuert, sondern eben auch durch die vermeintlichen Verbündeten, die der Frau in ihren Reihen keinen Erfolg gönnen, ihr lieber Steine in de Weg legen, als sie zu unterstützen. Jodie Foster ist die Idealbesetzung für die ihre Zweifel und Verwundbarkeit hinter einer Fassade der Unnahbarkeit verbergende Polizistin, die im Dialog mit Lecter an ihre Grenzen stößt und sich nun ungewollt den Dämonen stellen muss, die sie so erfolgreich unter Verschluss gehalten hat. Um sich zu behaupten, muss sie sich erst selbst überwinden: Eine Herausforderung, die den Kollegen, die das lück hatten, mit dem „richtigen“ Geschlecht geboren worden zu sein, erspart bleibt.

In erster Linie sollte ein Film wie THE SILENCE OF THE LAMBS den Betrachter aber natürlich bei der Gurgel packen, ihn nicht mehr loslassen und den Druck bis zum Showdown unablässig erhöhen: Von der oben als vermeintlicher Schwachpunkt ausgemachten Ruhe, mit der Demme erzählt, sollte man sich dann auch nicht täuschen lassen: Der Regisseur lullt einen langsam ein, bevor er dann zuschlägt. Set Pieces wie jenes, dass Lecters brutal-gerissene Flucht aus der Haft schildert, oder Starlings Konfrontation mit einem Zeugen, der sich dann, sehr zu ihrem Erschrecken, als der Mörder entpuppt, sind saumäßig effizient gescriptet und inszeniert. Das fällt vor allem auf, wenn man etwa letztere Sequenz mit der ganz ähnlichen Auftaktszene aus Ratners RED DRAGON vergleicht, die kaum mehr als ein laues Lüftchen entfacht. Nein, nein, THE SILENCE OF THE LAMBS ist ein außergewöhnlich guter Thriller, der seinen Ruf ausnahmsweise zu Recht genießt. (Ich glaube, SOMETHING WILD finde ich aber trotzdem einen Tick besser.)

Vielleicht bin ich mit dem Werk von Ken Russell einfach nicht vertraut genug, um diesen Film nicht als überraschenden Querschläger in seinem Oeuvre zu betrachten. Klar, die Attribute „bunt“, „schrill“, „trippy“ und mitunter „beknackt“ kann man wahrscheinlich mehreren seiner Filme anheften, sicherlich sind einige von ihnen hinter ihrer artifiziellen Fassade auch irgendwie komisch, aber diese betont trashy gehaltene Horrorkomödie ist nicht unbedingt der Film, den ich von einem in Cineastenkreisen verehrten, kontrovers diskutierten auteur seines Rufes erwarten würde. Was wiederum nicht heißt, dass THE LAIR OF THE WHITE WORM misslungen, unpassend oder gar peinlich wäre, im Gegenteil: Das Teil ist eine echte Wundertüte und eben auch deshalb so toll, weil dahinter ein solch eigenwilliger Kopf steckte, der damit seine sehr eigenständige Version eines Genrefilms realisierte – und den zahlreichen minderbemittelten hacks und Proleten, die sich während der Achtzigerjahre an der Horrorkomödie versuchten, zeigte, dass eine solche durchaus visuell gewagt und anspruchsvoll sein kann, ohne dabei an Zugänglichkeit oder Witz einzubüßen.

THE LAIR OF THE WHITE WORM basiert lose auf Bram Stokers gleichnamigem Roman und entstand als Teil eines Four-Picture-Deals mit Vestron, nachdem Russells GOTHIC zuvor sehr erfolgreich auf Video ausgewertet worden war. Ich erinnere mich an Berichte in der damals noch existierenden, auf das fantastische Kino spezialisierten Zeitschrift Moviestar, die Russells bizarren Film sogar auf dem Cover präsentierte. Ich vermute, dass die wahrscheinlich eher spärlichen Besucher, die sich daraufhin in den Film verirrten, nicht ganz das bekamen, was sie sich erhofft hatten. Dass THE LAIR OF THE WHITE WORM aber auch heute, exakt 30 Jahre später nicht regelmäßig als verkanntes Meisterwerk und euphorisierende Cinedrug gefeiert wird, ist der eigentliche Skandal. Während andere, als Sternstunden gefeierte Genrefilme schon wenige Jahre nach ihrem Erscheinen erheblich von ihrem einstigen Glanz eingebüßt haben und nicht viel mehr als ein indifferentes Schulterzucken evozieren, wirkt THE LAIR OF THE WHITE WORM auch heute immer noch völlig singulär, dabei so frisch wie am ersten Tag und darüber hinaus noch witzig, radikal, eigenständig und anspruchsvoll, ohne jemals gezwungen, angestrengt oder aufgesetzt anzumuten. Russell ist die ziemlich schwierige Verbindung von Kunst und Spaß tatsächlich fulminant geglückt. Auf Anhieb fallen mir nur wenige Filme ein, über die ich das so sagen kann. Eigentlich sogar gar keine (was aber auch an meinem Gedächtnis liegen kann).

Klar, man sieht dem Film sein Alter heute an: Aber die damals vermutlich noch visionären Video-Collage-Sequenzen gewinnen gerade heute, wo dieses Stilmittel nur noch als „retro“ zu bezeichnen ist, wieder erheblich an Reiz und verfehlen ihre Wirkung nicht – zumindest nicht auf der großen Leinwand, auf der ich dieses Wunderwerk in der vergangenen Woche bestaunen durfte (im Double Feature mit Harry Kümels gleichermaßen magischem LES LÉVRES ROUGE, Mondo Bizarr sei Dank). Nicht nur in diesen Szenen, auch in den zahlreichen Auftritten der anbetungswürdigen Amanda Donohoe (wie gut, dass die eigentlich vorgesehene Tilda Swinton absagte) erreicht der Film eine fiebrig-psychedelische Qualität, die durch den (von der deutschen Synchro forcierten) Humor geschickt unterschnitten wird: Wie sie sich zur Dudelsack-Darbietung von DR. WHO-Darsteller Peter Capaldi aus einem großen Korb windet, ist nicht nur ein herrlich bescheuerter Einfall, sondern auch einfach ein tolles Bild, das in Russells Verquickung aus britischer Mythologie, Eighties-Pop, Psychedelik, SM-Erotik und Slapstick gleich auf mehreren Ebenen funktioniert. Und der Film ist voll von solchen Momenten, dabei nie ausrechenbar und immer on point – auch dann, wenn er absichtlich ins Kraut schlägt. Neben der verführerischen Amanda Donohoe, die in hüfthohen Lackleder-Schaftstiefeln zu knappen Dessous eine ebenso gute Figur macht wie als Schlangengift versprühende Dämonin, begeistert auch der junge Hugh Grant als zwar schmieriger, aber doch sympathischer Offizier, dem die Synchro eine Überdosis britischer Gelacktheit in die Stimme legt. (Die Synchro ist wirklich toll, unterstreicht die Genialität von Russells Ideen und erinnert wieder einmal schmerzhaft daran, dass uns diese Kunst in den letzten Jahrzehnten leider vollends verloren gegangen ist.) Aber solche Einzelheiten oder Personen hervorzuheben, wird THE LAIR OF THE WHITE WORM eigentlich nicht gerecht. Vielleicht das größte Wunder an einem Film, der in der Rückschau wie ein Füllhorn greller Ideen anmutet: Er ist durch und durch homogen und fließt wie aus einem Guss.