Mit ‘Hubert von Meyerinck’ getaggte Beiträge

Die Mitglieder der Räuberbande aus dem ersten Teil (darunter Georg Thomalla, Paul Esser, Curt Bois und die immergeile Hanne Wieder) werden vom aufgebrachten Lynchmob im Keller des Wirtshauses eingemauert. Ein gutes Jahrhundert später befreit ein Bagger ihre Geister aus ihrem Grab und sie erinnern sich an das Schloss des Grafen Sandau. Dessen Bewohner Charlotte (Liselotte Pulver), Onkel Ernst August (Ernst Waldow) und Tante Yvonne (Elsa Wagner) haben wegen akuter Geldsorgen den Pfandleiher im Nacken. Martin Hartog (Heinz Baumann), Sohn eines Unternehmers (Herbert Hübner) schleicht sich ein, um heimlich den Wert des Gemäuers zu eruieren, der Staatsbeamte von Teckel (Hubert von Meyerinck) kündigt den Besuch des Prinzen Kalaka (Hans Clarin) an, der in der Gegend einen Staudamm bauen will. Unterdessen freundet sich Charlotte mit den Gespenstern an …

Mit den Gespenstern kommt auch das Sequel zum großen Erfolgsfilm in der Moderne an: Kurt Hoffmanns „Grusical“ ist ein wildes Potpourri aus schlüpfrigen Witzen, Spezialeffekten, Gesangseinlagen, Selbstreferenzen und Seitenhieben gegen Kapitalisten, Altnazis und Beamte. Der Plot um den Kampf der braven Familie gegen die Enteignung – einer der Standards des deutschen Lustspiels – ist nur Vorwand und kann den Eklektizismus des Films kaum bremsen. Wer das Gütesiegel „deutscher Unterhaltungsfilm“ mit stilistischer Behäbigkeit und Spießigkeit verbindet, der wird im SPUKSCHLOSS sein blaues Wunder erleben. Der Ideenreichtum und auch der Mut Hoffmanns sind beachtlich. Subversiv ist sein Film sicherlich nicht, das wäre dann doch etwas zu viel des Guten, aber er nutzt die Freiheit, die er dank des Erfolgs des Vorgängers genoss, um die Grenzen dessen, was in einem Familienfilm möglich ist, ein ganzes Stück zu verschieben.

Das beginnt schon mit der Titlesequenz, in der die Namen der Mitwirkenden gesungen werden, setzt sich bei den herrlichen Effektszenen um die Geister fort und endet bei vollkommen abseitigen Sequenzen wie dem Besuch auf Prinz Kalakas Yacht an der Côte Azur: Da liegen englische Gesellschaftsdamen gelangweilt in der Sonne und singen einen Song, der klingt wie von einem endlos bekifften DJ runtergepitchte Las-Vegas-Loungemusik. Ein Richter mit Schmiss im Gesicht bekräftigt mit einem strengen Hammerschlag seine Aussage, in Deutschland gebe es keine Gespenster, wodurch der steinerne Bundesadler hinter ihm bröckelt und den Blick auf ein Hakenkreuz freigibt. Der Film endet damit, dass die Gespenster im Auftrag der NASA zum Mond geschickt werden und sich ein Wettrennen mit der Raumfähre der Russen liefern. Selbst typischere Einlagen wie Hans Clarins Darstellung eines persischen Fantasieprinzen komplett mit Kauderwelschsprache („Mistikack!“) transzendiert den gewohnten Rassismus, der sich in solchen Figuren niederschlägt, wenn er plötzlich anfängt Kölsch zu sprechen, weil er mal einen Kölner Lehrer hatte. Und in einer späten Gruselszene, in der die Geister all ihr Spuktalent aufbieten, um Martin von ihrer Existenz zu überzeugen, musste ich dann sogar mal ganz kurz an Mario Bava denken, so wunderbar bunt und fantasievoll ist das. Es ließe sich hier mit Leichtigkeit noch mehr aufzählen, allein die frechen Schlüpfrigkeiten um Hanne Wieders nymphomane Geisterdame wären einen Absatz wert und Hubert von Meyerinck gibt auch mal wieder alles, aber dann wäre der Text hier ewig lang und es gäbe keinen Grund mehr, sich den Film anzusehen.

DAS SPUKSCHLOSS IM SPESSART ist vielleicht 10 bis 15 Minuten zu lang un am Ende zerfasert er ganz gewaltig: Man merkt ihm deutlich an, dass sein Ausgangspunkt nicht wie beim Vorgänger eine literarische Vorlage oder auch nur ein sorgfältig konstruiertes Drehbuch war, sondern das Bedürfnis, dem großen Erfolg noch einen draufzusetzen. Da unterscheidet er sich kaum von der „Schneller, höher, weiter“-Strategie zeitgenössischer Sequels. Aber wo die oft seelenlos und steril rüberkommen, lebt Hoffmanns Film von seinem unermüdlichen Tempo, seinem Ideenreichtum, seinem Witz und der schieren Freude, die er vermittelt: Das ist mehr als genug, über die vollen 97 Minuten dann aber auch etwas ermüdend. Egal: Unvoreingenommene Filmseher werden überrascht sein, was in einem vermeintlich bräsigen deutschen Crowdpleaser anno 1960 so alles möglich war, und Menschen mit Vorurteilen absolvieren hiermit ihre erste Therapiestunde. Toll.

en35733Kennt man andere deutsche Schlagerfilme der Sechzigerjahre, dann merkt man, nach welch rigidem Konzept diese anscheinend so frei fließend, lax und lebendig strukturierten Werke eigentlich gefertigt wurden. ICH KAUF MIR LIEBER EINEN TIROLERHUT, der dritte Spielfilm von Hans Billian, setzt sich mithin aus exakt den gleichen Elementen zusammen wie etwa Grimms WENN DIE MUSIK SPIELT AM WÖRTHERSEE, Billians Regiedebüt ÜBERMUT IM SALZKAMMERGUT oder Hofbauers TAUSEND TAKTE ÜBERMUT. Wie in Grimms Film gibt Hubert von Meyerinck einen großstädtischen Unternehmer, der einen Angestellten für einen Auftrag nach Österreich schickt: Der Hutfabrikant will den Tirolerhut groß ins Programm aufnehmen und braucht dafür die entsprechende Werbekampagne. War das in WÖRTHERSEE noch Eddie Arent, übernimmt diese Funktion nun Gus Backus, der auch in den beiden ÜBERMUT-Filmen agierte, genauso wie Hannelore Auer, die wieder für den Glamourfaktor sorgt. Aus SALZKAMMERGUT entlehnt man sich für TIROLERHUT die Idee mit dem großen Fest  – eine Modenschau mit Bikinischönheiten, die mit Tirolerhut posieren -, das von den städtischen Touristen geplant und von den einheimischen Sittenwächtern nach Kräften sabotiert wird. Gesäumt wird das von den typischen Liebesgeschichten, die sich mehrfach überkreuzen und immer wieder den Hauptplot verkomplizieren, und garniert mit Gastauftritten damals angesagter Schlagerstars, die ihre Hits zum Besten geben. So treten neben den ebenfalls musikalischen Hauptdarstellern Backus, Auer und Schnelldorfer erneut u. a. Peggy March, Peppino di Capri, Teddy Parker und natürlich Billy Mo auf, dessen Song Billians Film seinen Titel zu verdanken hat. Am Ende triumphiert die Lebensfreude über das Spießertum und gleich mehrere Bünde fürs Leben können geschlossen werden, ohne dass dabei die auch die Erbfolge im Kopf habenden Eltern verprellt werden müssten.

Welchen dieser Schlagerfilme man nun präferiert (wenn man ihnen denn überhaupt etwas abgewinnen kann), ist wahrscheinlich höchst arbiträr. WÖRTHERSEE fällt von den bisher gesehenen deutlich ab, ist einfach zu brav und zu wenig schwungvoll inszeniert. Die beiden ÜBERMUT-Filme zeichnen sich hingegen durch hohes Tempo und gelungene, mit viel Drive vorgetragene Slapstick-Einlagen aus, die das Können ihrer Macher erkennen lassen. TIROLERHUT ist ein bisschen schwächer: Man merkt ihm deutlich an, dass er gewissermaßen ein Epigone ist, der Versuch, ein Erfolgsrezept noch einmal zu wiederholen. Aber er macht trotzdem Spaß, vor allem dieser auch hier wieder deutlich zu Tage tretende „rebellische“ oder wenigstens antispießige Tenor, der zur gängigen Wahrnehmung dieser Filme deutlich im Widerspruch steht. Wenn die herrische Trude Ratschenkofer (Barbara Gallauner) die Frauen aus dem Schützenverein gegen die unsittlichen Pläne aufhetzt und diese verhärmten Weiber wütend ihre riesigen Schießprügel schwingen, kommt schon Freude auf. Mein persönliches Highlight neben dem mal wieder wunderbar skurrilen Auftritt des italienischen Buddy Holly Peppino di Capri ist aber gewiss die Schlagzeile „Brauchtums-Schmarotzer entehren unseren Tirolerhut!“.

Der Schlagerfilm, unentdeckte Weiten … Einst fluteten sie die bundesdeutschen Kinos: Federleichte Komödien, deren Besetzungslisten beliebte Schauspieler, Sänger und Sängerinnen, aus Funk und Fernsehen bekannte Stars und Sternchen an einem pittoresken Urlaubsort vereinten, auf dass sie die noch etwas einfacher als heute zu erwärmenden Zuschauerherzen mit ihren Darbeitungen erfreuten (und anschließend in die Plattenläden trieben). Es war aller kommerziellen Erwägungen zum Trotz ein unschuldiges Genre, geprägt von Herz, Leichtigkeit, Schwung und einer gewissen Naivität, die unverschämt offen am Revers getragen wurde. Eskapismus in Reinkultur, aber im besten Fall von unwiderstehlichem Drive und fast schon hysterischer Lebensfreude. Die streitbaren Errungenschaften, die das Genre in den Siebzigerjahren „feierte“, haben seinen Ruf leider nicht nur nachhaltig beschädigt, sondern geradezu planiert. Vielleicht zum Glück, denn die Vorstellung, Helene Fischer mit ihrer freudlos auf Hochleistung getrimmten Sangeskampfkunst und ihrem teutonischen Synthetikstampf auch noch als Schauspielerin auf der Kinoleinwand ertragen zu müssen, reicht aus, um zartbesaiteten Gemütern die Schweißperlen auf die Stirn zu treiben. Die Zeiten, in denen Vivi Bach mit ihrem niedlichen dänischen Akzent „schmissige“ Melodien mit putzigen lyrischen Belanglosigkeiten veredelte, oder Sänger mit Namen wie „Claus Herwig“ oder „Gerhard Wendland“ zu Stars avancieren konnten, sind leider lang vorbei.

WENN DIE MUSIK SPIELT AM WÖRTHERSEE – was wäre das deutsche Filmgeschäft eigentlich ohne den Wörthersee? – ist ein idealtypischer Schlagerfilm, gewiss keiner der herausragenden, aber durch und durch „nett“. Vivi Bach ist die freiheitsliebende, musik- und tanzbegeisterte Evelyn, Tochter des cholerischen Musikbox-Herstellers Bender (Hubert von Meyerinck, göttlich wie immer), und landet als Erziehungsmaßnahme in einem Internat an besagtem See, nachdem sie mit ihrem Freund Eddy (Eddi Arent) wieder einmal die Nacht zum Tage gemacht hat. Im Internat regieren Frau von Grafenstein (Grethe Weiser) und ihre Allzweckwaffe Fräulein Fingerl (Johanna König) mit strenger Hand, doch gegen Lebenslust und Erfindergeist von Evelyn, die sich sofort zur Anführerin der überschaubaren Schülerinnenschaft aufschwingt, können auch sie nichts ausrichten. Als die schöne Blondine mit dem gesunden Teint im benachbarten Erlenhof den schnieken Musikstudenten Hans (Claus Biederstaedt) musizieren hört, ist es um sie geschehen und die handelsüblichen Verwechslungen und Turbulenzen können beginnen. Am Ende ist Papa Bender zufrieden, Evelyn schließt Hans in die Arme, der brave Eddy bekommt die hübsche Erlenhof-Wirtin Gerti (Margitta Scherr) ab und Benders Chauffeur Adalbert (Kurt Großkurt) ehelicht Fräulein Fingerl.

So betulich und spießig die Schlagerfilme auch sind, eines fällt auf: Es sind immer die Vertreter der Elterngeneration und sonstige Autoritätspersonen, die ihr Fett weg bekommen, als zugeknöpfte Langweiler, Verzichter und Spielverderber überführt werden, deren Lebensentwurf von der unbekümmerten Jugend infrage gestellt wird. Dass der aufgestaute Frust nicht für die Rebellion oder gar den Bruch ausreicht, alle Auflehnung letzlich bloß spielerischen Charakter hat und am Ende die Versöhnung gefeiert werden darf, ist wohl nicht zuletzt dem Anspruch geschuldet, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Kein Konflikt hat hier Bestand, jedes Problem ist genauso flüchtig wie die klebrigsüßen Schlager, die in unablässiger Folge aneinandergereiht werden. Im Vergleich zu einer Sternstunde wie Hofbauers TAUSEND TAKTE ÜBERMUT, der die collagenhafte Form des Schlagerfilms dazu nutzte, sich von allen inszenatorischen Zwängen zu lösen, kommt der vom wenig renommierten Hans Grimm gedrehte WENN DIE MUSIK SPIELT AM WÖRTHERSEE als bestenfalls routiniert rüber. Das ganz große Delirium stellt sich leider nicht ein, und der schönste Einfall ist wohl der, wenn die Magd Theres (Lolita) beim Kühemelken ein Lied anstimmt und sich dabei in die Südsee träumt (die Musik erweist sich als die Milchproduktion steigender Faktor, eine Erkenntnis, die Musikbox-Bender eine ganz neue Käuferschicht und ungeahnte Märkte beschert). Ansonsten sind es vor allem die Schauspieler und das mit sicherem Gespür für Wortwitz verfasste Drehbuch (Autor Max Rottman arbeitete auch am vorgenannten Hofbauer-Film mit), die für das Amüsement sorgen. Hubert von Meyerinck, Grethe Weiser, Johanna König und Eddi Arent ziehen alle Register ihres Können und hieven den Film so eben über den Durchschnitt. Dennoch süß.