Mit ‘Hugh Hudson’ getaggte Beiträge

greystoke1Unter dem Schlagwort „Tarzan“ listet die IMDb 116 Titel, von denen der erste lustigerweise Jean-Luc Godards ALPHAVILLE ist – dessen französischer Arbeitstitel lautete nämlich TARZAN VS. IBM. Man darf vermuten, dass nicht alle dieser 116 Titel die Anerkennung der Nachlassverwalter von Edgar Rice Burroughs erhalten dürften, dennoch legt diese Zahl mehr als deutliches Zeugnis darüber ab, wie populär die Figur des edlen Wilden einst war. Auch meine Kindheit wurde noch von den Fernsehwiederholungen von Johnny Weissmüllers Abenteuern geprägt und einen Schimpansen wie Cheetah hätte ich auch gern gehabt. Aber der Einfluss der Figur auf die Populärkultur ist mit den Jahrzehnten immer marginaler geworden. Vereinzelt taucht er noch auf, wie etwa in Schenkels Verfilmung mit Casper van Dien oder aber im gleichnamigen Disney-Zeichentrickfilm, aber das sind eher Randerscheinungen, verzweifelte und hilflose Versuche, einen aus der Mode gekommene Stoff am Leben zu halten. Es liegt vielleicht auch an Hugh Hudsons GREYSTOKE: THE LEGEND OF TARZAN, KING OF THE APES, dass der verwilderte Dschungelmann für eine erfolgreiche Verwertung innerhalb des Unterhaltungsfilms verbrannt ist. Zumindest stellt der Versuch einer vorlagengetreuen Adaption ein gutes Argument für die These dar, dass eine im Verfilmung von Burroughs Romanserie im Stil der naiven Abenteuerfilme der Dreißiger- und Vierzigerjahre nicht mehr möglich ist.

Lord John Clayton (Paul Geoffrey) tritt mit seiner schwangeren Frau Lady Alice Clayton (Cheryl Campbell) eine Forschungsreise nach Afrika an. Als das Schiff jedoch vor der Küste Westafrikas havariert, ist das Ehepaar gezwungen, sich allein durchzuschlagen. Nach der Geburt ihres Sohnes erliegt Lady Alice dem Fieber, wenig später fällt Lord Clayton einem aggressiven Menschenaffen zum Opfer. Der Säugling indessen wird verschont, von den Affen adoptiert und aufgezogen. Jahre später landet erneut ein Schiff an der Küste, an Bord ein britisches Forschungsteam, das jedoch von Eingeborenen überfallen, umgebracht oder in die Flucht geschlagen wird. Nur der Belgier D’Arnot (Ian Holm) bleibt zurück und wird schwer verwundet von dem verwilderten Sohn der Claytons (Christopher Lambert) aufgefunden, den er schnell identifiziert. Er gewinnt das Vertrauen des jungen Mannes, lehrt ihn die englische Sprache und überzeugt ihn schließlich davon, mit ihm nach England zurückzukehren. Doch in der vermeintlichen Heimat angelangt, begegnet man dem sonderbaren Heimkehrer nicht nur wohlwollend …

Die Diskurse, die GREYSTOKE anstößt, sind konventionell mit dem Thema des „edlen Wilden“ bzw. des verwilderten Menschen verbunden: die Frage nach dem Wesen der Identität, der Bedeutung der Herkunft gegenüber der Sozialisation, der Essenz des Menschseins, die Gegenüberstellung von Natur und Zivilisation. In seinem Bemühen, den „Tarzan“-Stoff wieder auf ein realistisches Fundament zu stellen, ihn vom naiven Pulp zu befreien und der Vorlage anzunähern, ist der Wunsch nach Relevanz erkennbar. Aber was kann uns die Geschichte um den König der Affen noch erzählen, was wir nicht eh schon wissen? Regisseur Hugh Hudson sucht dann auch keine Antworten, er stellt vielmehr neue Fragen. Er vermeidet es geschickt, mit dem Hammer zu philosophieren und plump gegen die Fehlgriffe der Zivilisation zu polemisieren, wie es so viele Filme ähnlichen Themas tun. Er erliegt nicht dem Trugschluss, die „Natur“ gegenüber der Zivilisation zu preisen und damit dem Mythos des „edlen Wilden“ aufzusitzen und zu verkennen, dass der Naturbegriff selbst das Konstrukt der Zivilisation und deshalb falsch ist. Das Problem des Manichäismus von „Natur“ und „Zivilisation“ ist, dass das Verständnis des ersteren weitestgehend durch den Naturbegriff der Romantik geprägt ist und damit eben eine Projektion der Zivilisation selbst, die unter dem Begriff der „Natur“ all das vereinte, was sie selbst nicht war, nicht sein konnte, und sich somit unweigerlich in den Begriff einschrieb, der doch eigentlich ihr Antipode sein sollte. In Hudsons Films sind beide Seiten der Medaille von Beginn an nicht scharf voneinander getrennt, finden sich Elemente des einen im anderen wieder. Ob nun das Affenrudel, das den Clayton-Jungen aufnimmt, von vornherein vermenschlicht wird, eine Gesellschaft bildet, die ähnlich funktioniert wie die der Menschen, oder aber die Zivilisation immer wieder Artefakte in der Wildnis hinterlässt, die sowohl „Tarzan“ (der Name fällt den ganzen Film über nicht) als auch das Bild des Urwalds prägen (das Messer, das Baumhaus der Claytons, in dem sich Bilder, Bücher und Möbelstücke finden): Die reine Natur gibt es in GREYSTOKE allerhöchstens als Projektion: Man sieht sie als Wunsch im Blick Janes (Andie MacDowell), wenn sie den geheimnisvollen Mann voller Begehren und Faszination betrachtet und in den Postkartenansichten, mit denen der Film eröffnet, deren romantischen Wurzeln brutal offenlegt und unweigerlich zeigt, dass sie einer kolonialistischen Perspektive unterworfen sind. Wenn dann noch Fragen offen bleiben, so zeigt Hudson, dass der Clayton-Sprössling die menschlichen Wurzeln – etwa die Fähigkeit zur Sprache, zum Gebrauch von Werkzeugen – immer noch unauslöschlich in sich trägt, auch wenn er sein ganzes Leben unter Affen gelebt hat. Zivilisation und Natur sind in GREYSTOKE keine Sache von sein oder Nichtsein, sondern von graduellen Abstufungen.

Dementsprechend zeichnet Hudson die englische Adelswelt, in die Clayton zurückkehrt, nicht bloß als Beispiel der Zivilisation, sondern als eine in Ritualen und Bräuchen erstickte Überzivilisation, die keinen Zufall, keine Spontaneität kennt und in ihrer Tendenz zur Abschottung den Keim der Dekadenz in sich trägt. Der junge Clayton findet sich dennoch zunächst erstaunlich gut in dieser Welt zurecht, nicht zuletzt weil sein Großvater die Eigenheiten des Enkels (den er als seinen Sohn bezeichnet) aus Freude über dessen Rückkehr akzeptiert, sogar als Inspiration begreift, seinerseits aus den starren Konventionen auszubrechen. Doch mit diesem zersetzerischen Impetus wird der alte Lord Clayton selbst zur Gefahr für seinen Stand. Es ist klar, dass Claytons Ausflug in die Zivilisation ein trauriges Ende finden muss, als der Lord stirbt und nun diejenigen das Zepter ergreifen, die dem Sonderling von vornherein skeptisch gegenüberstanden. Erst hier fällt der Film dann auch in die Klischees zurück, die er zuvor so wacker vermieden hatte. Zum Anlass der Entzweiung wird der respektlose Umgang der Zivilisation mit Claytons „Verwandten“, den Tieren. Ausgerechnet sein „Vater“ landet in einem Käfig in England als eines von vielen zu Forschungszwecken importierten Tieren. Als Clayton ihm zur Flucht verhelfen will, wird der Affe rücksichtslos erschossen und der Affenmann beschließt, den Menschen den Rücken und in den Urwald zurückzukehren, seine Liebe Jane zurückzulassen. Der Film endet mit einer ähnlich kitschigen Panoramasicht wie zu Beginn. Der Kreis hat sich geschlossen: Was aus der Romantik geboren wurde, endet in der Romantik. Aber der Weg dazwischen ist entscheidend.