Mit ‘Hugh Jackman’ getaggte Beiträge

Endlich bekommt Wolverine den Film, auf den ich schon seit Singers erstem X-MEN warte. Für mich, der den grimmigen Logan erst sehr spät wahrnahm, war er immer mit den Comics der späten Achtziger und fühen Neunziger verbunden, als er in sprechblasenarmen, monochromen Bildern als wettergegerbter Loner mit sozio- und psychopathischen Tendenzen gezeichnet wurde. In den bisherigen Comicverfilmungen um die Supermutanten wurde das bestenfalls angedeutet, vielleicht auch, um Jackmans Potenzial als Leading Man für oscarnominierte Crowdpleaser, Mainstreamvehikel und RomComs nicht zu unterminieren. Mit dem unsäglichen X-MEN ORIGINS: WOLVERINE (noch immer die mieseste der neuen Comicverfilmungen) und dem enttäuschenden THE WOLVERINE bewegte man sich zwar grundsätzlich in die richtige Richtung, schaffte es aber dennoch nicht, brauchbare Filme zu produzieren. Und nun LOGAN, vom selben Regisseur, der den Vorgänger noch zu einem solchen Schnarchfest hatte werden lassen. Ein Film, der nicht nur im Rahmen seines Genres eine Sternstunde darstellt (was ehrlich gesagt nicht allzu schwierig ist angesichts des vorherrschenden Mittelmaßes), sondern als erwachsener, harter Spätwestern und grimmiger Actioner in einer Art und Weise überzeugt und begeistert wie zuletzt etwa George Millers MAD MAX: FURY ROAD.

LOGAN referenziert zwar die Ereignisse aus den vorangegangenen Filmen und setzt einen kompromisslosen Schlusspunkt unter die Geschichte vom Konflikt der „normalen“ Menschen mit den begabten Mutanten, aber tonal bricht er völlig aus dem bisherigen Einerlei aus. Optisch nähert er sich dem Western an (einmal schaut Xavier George Stevens‘ SHANE im Fernsehen, bevor der Film sich während einer Episode tatsächlich in eine kleine Hommage an den Klassiker verwandelt), wirft allzu überkandidelten Effekt-Bimbam komplett über Bord und funktioniert so eher wie eine in einem Paralleluniversum angesiedelte Was-wäre-wenn-Variation. Was wäre, wenn die Welt dieses Wolverine eben nicht von Freaks in coolen Anzügen besiedelt würde, die sich mit außerirdischen Superschurken herumplagen, wenn er stattdessen in unserer Welt lebte, einer Welt, in der Menschen bluten, wenn er mit seinen Adamantium-Klauen auf sie losgeht, in der Schusswunden Schmerzen verursachen und das Leben als „Superheld“ kein großes buntes Abenteuer ist, sondern eine erschöpfende Aneinanderreihung von Verlusten und Niederlagen? Wenn Superhelden nicht ewig jung blieben, sich von Comiczyklus zu Comiczyklus, Reboot zu Reboot erneuerten, sondern alterten wie ganz normale Menschen, an Kraft einbüßten, ermüdeten und den Tod herbeisehnten? Logan blutet, schwitzt und leidet, für die smarte Coolness, die ihn in den Singerfilmen zum Rockstar der X-Men machte, fehlen ihm die Energie und die Freude an der eigenen Kraft. Er hat einfach zu viele Freunde verloren, zu viele Menschen kommen und gehen sehen, zu viele Rückschläge erlitten, um dem Leben noch etwas abgewinnen zu können. Sein Ziehvater Professor Xavier (Patrick Stewart) ist mittlerweile an Alzheimer erkrankt, ein jämmerlicher Greis, der aufgrund seiner Begabung nicht in einem friedlichen Seniorenstift dahindämmert, sondern von Logans in einem bunkerartigen Verschlag irgendwo in der Wüste unter Verschluss gehalten wird. LOGAN ist ein Film über das Altern und die Müdigkeit, die einen befällt, wenn man das ganze Leben über gekämpft hat. Sein „Held“ will nicht mehr, er hat genug, aber sein Ruf eilt ihm voraus und zwingt ihn ein letztes Mal, sich für die Belange der Seinen einzusetzen. Er tut dies ohne falschen Idealismus, mit dem Mut der Verzweiflung und letzter Kraft, weil er ahnt, dass er sich damit das Recht auf den langen Schlaf verdient, den er so lang herbeisehnt.

Hugh Jackman war immer der charismatische Kern der etwas leblosen X-Men-Filme, aber auch massiv unterfordert mit einer Figur, deren Untiefen zwar immer wieder erwähnt wurden, aber letztlich bloße Behauptung blieben. Man fragte sich immer, wann dieser Wolverine denn endlich von der Kette gelassen würde, aber natürlich geschah das nie, weil die Macher der um ihn herum gebauten Filme gar kein Interesse daran hatten, dahin zu gehen, wo es wirklich wehtat, echte Emotionen zuzulassen und den Zuschauer mit unangenehmen Erkenntnissen über seinen zentralen Charakter zu konfrontieren. LOGAN ist mitunter geradezu absurd brutal und leichtes Entertainment oder gar „Spaß“ bereitet er nicht. Von Anfang an, wenn sein Titelheld von einigen Strauchdieben angegriffen wird und sie gnadenlos hinrichtet, weiß man, dass man hier kein Happy End zu erwarten hat, doch der Weg, den Mangold einschlägt, wird dann sogar noch steiniger, als man das erhofft hatte. Auch LOGAN kommt nicht ohne Pathos aus, aber er verdient sich das Recht dazu, weil sein Protagonist nicht nur die Umstände und den Gegner, sondern vor allem sich selbst überwindet. Die Schlusseinstellung ist nahezu perfekt und rundet eine zweistündige Reise ans Ende der Nacht ab. Es wird einen neuen Sonnenaufgang geben, auch dank Logan, aber er wird ihn nicht mehr erleben. Er geht dahin, wo es keine Schmerzen mehr gibt, nur noch Schlaf. Ich fürchte zwar, dass ihm die Ruhe nach diesem fulminanten Kracher nicht vergönnt sein wird, aber der Zuschauer darf frohlocken. Mit LOGAN geht das Filmdasein Wolverines erst richtig los.

Advertisements

Demnächst steht hier die Sichtung von LOGAN an, über den man ja viel Gutes hört, und zur Vorbereitung habe ich mir jetzt noch einmal den Vorgänger vorgeknöpft, bei dem ich damals nach kurzer Zeit und auch jetzt wieder ein paarmal eingepennt bin. Mangold trifft zwar einige richtige Entscheidungen, aber THE WOLVERINE ist trotzdem ein ziemlicher Langweiler, der allen Goodwill, den man aufgrund guter Ansätze und einiger wirklich schöner Bilder für ihn aufbringt, mit seiner schnarchigen Erzählhaltung und einem  Rückfall ins Superhelden-Einerlei zerstreut.

THE WOLVERINE beginnt hübsch mit einer Rückblende ins Nagasaki des Jahres 1945, wo der Kriegsgefangene Logan (Hugh Jackman) den japanischen Soldaten Yashida (Hal Yamanouchi) vor der Atombombe rettet. In der Gegenwart stromert er nach dem Tod seiner Geliebten Jean Grey (Famke Janssen), die ihm in seinen Träumen immer wieder erscheint, durch die Wälder Kanadas und freundet sich mit einem Grizzly an. Bis die seherisch begabte Schwertkämpferin Yukio (Rila Fukushima) auftaucht und ihn nach Japan bringt, wo der im Sterben liegende Yashida, mittlerweile ein schwerreicher Erfinder und Unternehmer, Logan das Geschenk der Sterblichkeit in Aussicht stellt.

Nach dem ultrabeschissenen X-MEN ORIGINS: WOLVERINE wendet sich James Mangold tonal den Wolverine-Soloabenteuern zu, die sich eher an Erwachsene richteten und seinen Helden konsequent als brüterischen Killer und Gewalttäter zeichneten. Ganz so weit kann Mangold mit seinem Film natürlich (noch) nicht gehen, aber in der ersten Stunde ist THE WOLVERINE deutlich geerdeter als die anderen Superheldenverfilmungen um die X-Men. Das Japan-Setting weckt zudem wohlwollende Erinnerungen an Filme wie Pollacks THE YAKUZA oder Frankenheimers THE CHALLENGE, die sich ebenfalls dem Kulturclash und der komplexen Beziehung von Amerikanern und Japanern widmeten. Keine schlechte Referenz, allein Mangold versteht es nicht, die verschiedenen Einflüsse zu einem funktionierenden und vor allem involvierenden Ganzen zusammenzuführen.

Viel Zeit geht für die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen dem Einzelgänger und Yashidas schöner Enkelin Mariko (Tao Okamoto) drauf, aber anstatt die Vorgänge wie wohl gewünscht mit zusätzlicher Dramatik aufzuladen, zerfasert es einen sowieso schon langsamen Film noch weiter. Auch Logans Verlust seiner Selbstheilungskräfte wirkt lediglich wie eine irgendwie notwendige Episode auf dem Weg zum Ziel, es erwächst keine Spannung aus diesem Problem, und die ständige Betonung seines Liebesschmerzes und seiner Schuldgefühle gegenüber der Angebeteten Jean Grey verstärken nur das inszenatorische Versagen, diese inneren Konflikte wirklich fühlbar zu machen. Die Unentschlossenheit der ganzen Unternehmung wird dann während des Showdowns endgültig offenbar, in dem ein besonders persönlichkeitsarmer Supergegner aus dem Hut gezaubert werden muss, der sich dem Helden im generischen Schlussfight stellt, bevor der – hui-buh! – „schicksalsträchtige“ Plottwist folgt, der einem aufgrund gnadenloser Überkonstruiertheit vollends am Arsch vorbeigeht. Und dann kommt die mittlerweile unvermeidliche Post-Credit-Sequenz. Schnarch.

Es ist schade um den betriebenen Aufwand und die oben erwähnten Ansätze: Mangold scheitert krachend bei dem Versuch, einen „erwachsenen“ Superheldenfilm zu drehen. Für ein finsteres Action-Drama im Stile der Siebziger ist THE WOLVERINE vor allem zu leblos, zu stromlinienförmig und baukastenartig, dann auch wieder zu albern und kindisch mit seinen Riesenroboterfantasien, für ein buntes Popcornspektakel zu lahm, unspektakulär, uncharmant und humorlos. Vielleicht wäre das zu verkraften gewesen, wenn Mangold sich im Zaum gehalten und auf einen knackigen Anderthalbstünder beschränkt hätte. Aufgeblasen auf endlose 120 Minuten ist THE WOLVERINE aber lediglich als hochpotentes Schlafmittel effektiv.

Nach nunmehr sechs Filmen, die ich mal grauenhaft (X-MEN ORIGINS: WOLVERINE ) und mal mehr (X-MEN: FIRST CLASS, dieser hier), mal weniger (X-MEN, X-MEN 2) egal bis enttäuschend fand  – es ist bezeichnend, dass ich mit dem weitestgehend verhassten X-MEN: THE LAST STAND noch am meisten Spaß hatte –, muss ich wohl endlich einsehen, dass die X-MEN-Reihe nix für mich ist. Fürsprecher, und davon gibt es ja nun nicht wenige, loben die Reihe nicht zuletzt für ihre Ernsthaftigkeit, ihren gewissermaßen queeren Subtext, nach dem die Filme vom Kampf einer Minderheit für Toleranz handeln. Schön und gut, aber kann man vielleicht auch irgendwann mal den nächsten Schritt machen? Seit sechs Filmen wird hier immer und immer wieder die gleiche Geschichte erzählt, dabei immer der gleiche zunehmend unangenehme, mahnende Ton angeschlagen, ganz so, als handele es sich nicht um Comicverfilmungen, sondern um die Umsetzung eines literarischen Meisterwerks mit heiliger Weltgeltung. Sicher, man darf Comics ruhig ernstnehmen, aber wird man der Vorlage wirklich gerecht, wenn man konsequent jeden Funken Spaß aus ihnen heraussaugt? Das, was hier angeblich so deep und intellektuell anregend sein soll, ist meines Erachtens nicht viel mehr als das, was uns auch die Disney-Filme seit rund 50 Jahren erzählen: Alle Menschen haben ihren Wert, auch der mit der lustigen Mutation, sofern er immer recht brav ist. Wow. Welche Erkenntnis. Der neueste Auswurf des Franchises setzt auf die ätzende Wichtigtuerei des auch schon öden Vorgängers X-MEN: FIRST CLASS noch einmal einen drauf: Die 120 Minuten ziehen sich wie ein bereits hinreichend ausgelutschtes Kaugummi. Setzte man in den ersten Installationen der Reihe immerhin noch auf eine recht ausgewogene Verteilung von effektreichem Krawumm und eher charaktergetriebenen Passagen, so ist Singer nun wohl endgültig dem Trugschluss erlegen, etwas Substanzielles zu erzählen zu haben. Ein Irrtum, der umso folgenschwerer ist, als es sich beim Regisseur um einen der größten hacks überhaupt handelt. X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST kommt komplett persönlichkeitsarm sowie stil- und witzlos über die Rampe. Auf- und Erregung: Fehlanzeige. Vorgänger Matthew Vaughn wusste immerhin noch etwas mit der Period-Piece-Ausstattung anzufangen, aber solcherlei Vordergründigkeiten scheinen Singer erst gar nicht zu interessieren. Wenn da nicht ein Nixon-Lookalike als Präsident rumliefe und mehrfach auf den Vietnamkrieg Bezug genommen würde, man käme nicht auf die Idee, dass sein Film in den Siebzigerjahren angesiedelt ist. Man muss ihm zugutehalten, dass schon das zugrundeliegende Drehbuch nichts hergibt. Der Zeitreiseplot weiß mit dem potenziell schönen Thema nichts anzufangen, was nicht schon in den ersten beiden TERMINATOR-Filmen abgehandelt worden wäre, und so habe ich mich die ganze Zeit gefragt, worum da um Himmels willen ein solches Geschiss gemacht wird. War wirklich irgendjemand der Meinung, diese Geschichte sei irgendwie interessant oder gar spannend? Does anyone really give a shit über den inneren „Konflikt“ der Gestaltwandlerin Mystique (Jennifer Lawrence)? Hat irgendjemand während des Films wirklich bangend dagesessen und gehofft, dass Professor Xavier (James McAvoy) endlich von seinen Medikamenten lässt, die ihm zwar die Beine wiedergeben, aber dafür seine Mutantenfähigkeiten rauben? Hat irgendwer irgendwelche bleibenden Eigenschaften an „Beast“, Hank McCoy (Nicholas Hoult) festgestellt? Oder im Finale mit den in der Zukunft/Gegenwart verbliebenen Mutanten gezittert? Herzlichen Glückwunsch, denn mir ging das alles meilenweit am Arsch vorbei. Und das lag sicherlich nicht an meiner mangelnden Bereitschaft. Der einzige Moment, bei dem ich mich in X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST einigermaßen amüsiert habe, war der Auftritt von Quicksilver. Es ist der einzige Moment des Films, in dem so etwas wie Freude an den Superhelden-Eigenschaften vermittelt wird, der über visuellen Witz verfügt, der die Bilder sprechen lässt – was die gottverdammte Aufgabe einer Comicverfilmung, ja ihre einzige Daseinsberechtigung überhaupt ist –, anstatt seine Charaktere verdrießlich aus der Wäsche gucken und lange Vorträge halten zu lassen. Ich könnte jetzt einschränken, dass diese Quicksilver-Szene auch keinen Einfall bringt, den die Wachowskis nicht schon in ihrer MATRIX-Trilogie vor nunmehr 10 bis 15 Jahren umgesetzt hätten, aber ich will mal nicht so sein. Das Erlebnis war auch so schön ernüchternd genug. X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST ist ein großes Nichts.

Es gibt sie also doch noch, die Genrefilme, die nicht irgendwelchen Trends, sondern nur sich selbst verpflichtet sind. Filme, die keine hirnrissigen Konzepte, ausgeklügelte Prämissen oder überkandidelten Effekte benötigen, um den Zuschauer für die Dauer von 150 Minuten in ihren Bann zu schlagen. Denen das vielmehr allein mit einer packenden Geschichte, exzellenten Charakterzeichnungen und ebensolchen Darstellerleistungen gelingt. Die über einen ausgefeilten visuellen Stil verfügen, der aber im Dienst des Ganzen steht, anstatt dieses zu überragen. Die einen das ganze Spektrum menschlicher Gefühlsregungen durchlaufen lassen, ohne dabei den Verstand zu vernachlässigen. Die uns an unsere eigenen Abgründe führen, uns aber nicht brutal hineinstoßen, sondern uns liebend umfangen. Filme wie Denis Villeneuves meisterlichen PRISONERS.

Für den zweifachen Vater und liebenden Ehemann Keller Dover (Hugh Jackman) bricht eine Welt zusammen, als seine Tochter während eines Thanksgivingsday-Besuchs beim befreundeten Ehepaar Birch (Terrence Howard & Viola Davis) gemeinsam mit dessen Jüngster spurlos verschwindet. Nur ein heruntergekommenes Wohnmobil, das die Aufmerksamkeit der beiden Mädchen auf sich gezogen hatte, nun aber verschwunden ist, gibt einen möglichen Hinweis auf ihren Verbleib. Der Polizeibeamte Detective Loki (Jake Gyllenhaal) bekommt den Fahrer des Vehikels schnell in seine Hände: Es ist der zurückgebliebene Alex Jones (Paul Dano), aber es finden sich keinerlei Hinweise darauf, dass er den Mädchen etwas angetan haben könnte. Keller ist jedoch überzeugt, dass Jones etwas weiß, und aufgebracht, als er erfährt, dass er wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Er entführt den jungen Mann und sperrt ihn in einem leerstehenden Gebäude ein, um ihn dort gemeinsam mit Franklin Birch solange zu foltern, bis er ihnen verraten hat, wo die Mädchen zu finden sind. Während sich die beiden ohne Ergebnis an ihm abarbeiten, kommt Loki einem weiteren Verdächtigen auf die Schliche …

PRISONERS befasst sich zunächst sehr eindringlich und differenziert mit dem Thema „Selbstjustiz“: Dass Kellers Handeln, die sadistische Grausamkeit, mit der er sich an Jones vergreift, nicht nur aus juristischer, sondern auch aus moralischer Sicht falsch ist, daran lässt Villeneuve keinen Zweifel. Trotzdem bringt er Verständnis für den Mann auf und macht nachvollziehbar, wie es zu seiner Tat kommen konnte. Er ist ein Mann, der seinem Sohn predigt, immer auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, stets mit dem Schlimmsten zu rechnen und sich dafür zu wappnen, alles, was einem heilig ist, mit dem Leben zu verteidigen. Und dann schlägt das Schicksal mit äußerster Härte zu und erwischt ihn, dessen Keller für die Postapokalypse ausgestattet ist, ohne ihm überhaupt eine Chance zum Kampf zu bieten. Wenn er Jones überfällt und verschleppt, ihn ausdauernd verhört und verprügelt, bis er merkt, dass er zu drastischeren Maßnahmen greifen muss, wird seine ganze Hilflosigkeit sichtbar. Er will das nicht tun. Aber er ist nicht in der Lage, in die Passivität zu verfallen und auf die Polizei zu hoffen, weil ihm eingetrichtert wurde, dass er selbst für seine Interessen eintreten muss. Dieser Mann ist ein absolut lebendiger, facettenreicher Charakter, keine Schablone, die danach geschnitten wurde, bloß eine Botschaft zu übermitteln. Zu Beginn, wenn er seinen Sohn erst dazu anleitet, sein erstes Reh zu schießen, ihm dann bei der Rückfahrt im Pick-up die oben skizzierte Rede hält, habe ich ihn für einen typischen Redneck-Charakter gehalten. Doch dann stellen sich seine besten Freunde als durch und durch bürgerliche Afroamerikaner heraus und das Bild, das ich mir voreilig zurechtgezimmert hatte, fiel in sich zusammen. Villeneuve hält seinen Film mit solchen Überraschungen nicht nur spannend, er vermeidet auch die allzu leichten Antworten. Als der an seiner Tat leidende Franklin seine Gattin über das gemeinsame Folterprojekt in Kenntnis setzt, beendet die den Spuk nicht etwa, sondern hält Keller dazu an, weiterzumachen: Auch sie kann die schwindende Hoffnung, dass Jones etwas zu verbergen haben könnte, nicht gänzlich fahren lassen. Villeneuve bestätigt den Verdacht Kellers schließlich, dennoch rechtfertigt er damit nicht dessen Tat. Am Ende fließen all diese verzweifelten Handlungen in eine unerbittliche Kausalkette ein, die viele Jahrzehnte zurückreicht, ein trauriges Monument für die Schwäche und die Anfälligkeit des Menschen. Wenn es ihm ans Leben geht, sind Jahrtausende von Sozialisation und Zivilisation dahin und er zeigt unerbittlich seine Zähne. Er ist schwach.

Mehr als nur um Selbstjustiz geht es in PRISONERS aber überhaupt um Gewalt, darum wie sie von Generation zu Generation weitervererbt wird, wie der Druck damit immer weiter ansteigt, bis er schließlich nicht mehr auszuhalten ist. Es ist kein Zufall und nicht nur ein Mittel zur einfachen Affektbindung, dass es ausgerechnet um Kindesmissbrauch geht. Villeneuve wirft ein sehr kritisches Auge darauf, wie in unserer Welt mit Kindern umgegangen wird. Und er zeigt, dass Kinder, die unter Gewalt zu leiden hatten, selbst anfällig dafür werden, Gewalt gegen Schwächere anzuwenden. Es gibt mehrere solcher Missbrauchsopfer im Film, fürs Leben gezeichnete, bemitleidenswerte Geschöpfe, und alle mit einer ungesunden Fixierung auf Kinder. Aber auch Keller, ohne Zweifel ein guter Vater, ist ein gutes Beispiel dafür, welche Defekte Erziehung verursachen kann, selbst wenn sie nicht gegen Gesetze verstößt. Die Worte seines Vaters haben unauslöschliche Spuren in ihm hinterlassen und die Eskalation, die PRISONERS zeigt, erst ermöglicht. Und er gibt seines Vaters Botschaft seinerseits an seinen Sohn weiter, der in Zukunft auf seine Art und Weise damit umgehen wird. Wir erfahren nicht, was mit Loki ist. Aber in seinem linkischen Verhalten, der brüterischen Versessenheit, mit der er sich in seinen Fall hineinsteigert, der Zögerlichkeit, mit der er auf private Fragen reagiert, und der Wut, die ihn überfällt, wenn er nicht weiterkommt, meine ich auch bei ihm eine verräterische Verwundbarkeit erkannt zu haben. Vielleicht kann er sich mit den verschwundenen Mädchen auch deshalb so gut identifizieren, weil er selbst unschöne Erfahrungen gemacht hat? Es wird nie explizit, aber die durch und durch bedrückende Atmosphäre, die Villeneuve erzeugt, begünstigt solche Spekulationen. Die herbstlich-schmuddelige Tristesse und die  graue Gesichtslosigkeit der Settings erzeugen in Verbindung mit der langsam kriechenden Kamera, den forsch hingestellten Totalen und dem klagenden Score eine Stimmung allumfassender Traurigkeit, die den singulären Fall, um den es geht, weit überschreitet. Die ganze Welt ist aus den Fugen geraten und man kann am Ende nur ahnen, wie tief sich die im Zentrum stehenden Verbrechen in das Erbgut der Kleinstadt, in der der Film spielt, eingefressen haben. No one here gets out alive.

(Kurze Bemerkung zum Schluss: Jackman und Gyllenhaal sind wirklich grandios in PRISONERS, füllen jede Nuance ihrer vielschichtigen Charaktere mit Leben aus, aber noch mehr beeindruckt hat mich Terrence Howard. Er hat keine große Rolle und bekommt auch nicht irrsinnig viel Gelegenheit zu brillieren, aber er schafft es, so in seiner Figur, einem mittelständischen, durchschnittlichen Familienvater, zu versinken, dass ich ihn erst in der Mitte des Films überhaupt erkannt habe. Ihm ist dieses Kunststück ganz ohne angefressenes Körperfett oder gesundheitsschädigende Magerkur, ohne lustiges Toupet oder Nasenattrappe gelungen – oder was Maskenbildner sonst noch so auffahren, um Menschen ein anderes Gesicht zu verleihen –, ganz allein durch sein Spiel. Diese Leistung, in einem kleinen, im Grunde genommen undankbaren Part ganz und gar aufzugehen, so sehr, dass die eigene Prominenz dahinter verschwindet, finde ich fast noch bemerkenswerter als mit großen, herausfordernden Rollen zu triumphieren.)

 

 

 

Herzlichen Willkommen im Mittelmaß! Wurden die Marvel-Verfilmungen der letzten Jahre oft als Anlass genommen, die Rückkehr von B-Movie-Stoffen auf die Kinoleinwände zu feiern, sich über die werkgetreuen und liebevollen Umsetzungen der Comics ins Medium Film zu freuen und ob der nahezu unendlichen Möglichkeiten, die das Marvel-Universum für kommende Filme böte, zu frohlocken, so muss man spätestens mit diesem neuesten Beitrag konstatieren, dass die Seifenblase ziemlich laut geplatzt ist, auch diese „Utopie“ den Weg so vieler Utopien vor ihr gegangen ist: Der schnöde Mammon hat die Kontrolle übernommen und X-MEN ORIGINS: WOLVERINE unterscheidet sich mithin kein Stück mehr von all den anderen seelenlosen, mit CGI aufgeblasenen und um kein noch so abgeschmacktes Klischee verlegenen Eventmovies, mit denen sich Multiplexe vollmachen und Trinkbecher in der angegliederten Burger King-/McDonald’s-/Subway-/Dunkin‘ Donuts-/KFC-Filiale verticken lassen. 

X-MEN ORIGINS: WOLVERINE geht auf ein Comic zurück, dass Wolverines Ursprung ins 19. Jahrhundert verlegt: Dort ist Logan noch ein kränkliches Kind, dessen Leben sich jedoch  in dem Moment schlagartig ändert, als er der Ermordung seines vermeintlichen Vaters beiwohnt. Plötzlich wachsen knöcherne Krallen aus seinen Knöcheln und ein tierischer Trieb übermannt ihn. Nachdem er den Mörder seinerseits umgebracht hat – der sich als sein tatsächlicher Vater herausstellt -, begibt er sich mit seinem ebenfalls mutierten Halbbruder Victor auf die Flucht durch die Jahrzehnte (beide altern nicht wie normale Menschen), die sie durch alle großen kriegerischen Konflikte der USA führt. Gavin Hood wickelt diese eigentliche, reizvolle Originstory im kurzen Prologs und der hübschen Creditsequenz ab, um sich für die verbleibenden 100 Minuten einer Geschichte zu widmen, die nicht nur bereits aus der X-MEN-Trilogie sattsam bekannt ist, sondern sich vor uralten Klischees von der Bruderliebe, die in Hass umschlägt, Rache, Täuschung und Sühne kaum retten kann.

Logan (Hugh Jackman) und Victor (Liev Schreiber) landen in einer von Colonel Strkyer (Danny Huston) geführten mutantischen Spezialeinheit, die während eines Einsatzes in Afrika zerbricht, als Logan der Truppe angewidert vom Sadismus seines Bruders den Rücken kehrt und sich in die Rocky Mountains zurückzieht. Natürlich hat der böse Stryker noch etwas vor mit ihm und als Logans Rachemotor angeworfen wird (Victor ermordet seine Geliebte), ist er für ein Experiment bereit, dass ihn in Wolverine verwandelt und zur unaufhaltsamen Kampfmaschine macht. Natürlich ist das alles nur ein Komplott von Stryker, natürlich ist Logans Gspusi gar nicht tot, natürlich hat sie ihren Verrat gar nicht so gemeint, natürlich liebt sie ihn totzdem, natürlich raffen sich auch die beiden Brüder wieder zusammen, natürlich in einem Moment, als es für Wolverine um die Wurst geht. Und natürlich findet auch dieser Film ein unfassbar abgelutschtes offenes Ende, so als sei es überhaupt noch nötig, den Zuschauer darauf hinzuweisen, dass eine unvermeidliche Fortsetzung folgen wird, ganz so, als würde sich überhaupt irgendjemand für diesen Quark tatsächlich interessieren und nicht bloß ins Kino latschen, weil er zum perfekten Konsumenten degradiert worden ist, der alles, was ihm da verabreicht wird, begierig aufsaugt. 

Die Diskrepanz zwischen dem für X-MEN ORIGINS: WOLVERINE betriebenen Aufwand und dem, was da eigentlich erzählt wird, ist immens. Die Effekte sind State-of-the-Art (aber vollkommen leblos und steril), jedes Bild wird mit voller Rechnerpower auf Pathos und Ikonizität getunt, doch das alles ist zum reinen Selbstzweck verkommen: Hinter diesem Brimborium verbirgt sich gar nichts mehr, außer der nackten Behauptung. „Make believe“ wird hier ganz wörtlich verstanden. Das wird vor allem im letzten Drittel überdeutlich, in dem der Film wie scheintot von Inszenierungsklischee zu Inszenierungsklischee hüpft. Going through the motions, mehr ist das nicht. Konflikte finden nicht statt, sie werden herbeigeredet und behauptet, gar kein Wert mehr darauf gelegt, dass der Zuschauer das irgendwie mitfühlen kann. Was die Inszenierung nicht leistet, legt man den Figuren einfach als Dialogzeile in den Mund. Der Zuschauer wird es vor lauter Krawall schon nicht merken. Natürlich: Keiner erwartet, dass ein Superheldencomic sich wie von Zauberhand in Weltliteratur verwandelt, bestimmte Klischees gehören dazu und wenn man mit einer gewissen Übertreibung und Vereinfachung nichts anfangen kann, sollte man sich diese Filme erst gar nicht anschauen. Aber die SPIDER MAN-Filme von Sam Raimi oder auch die X-MEN-Trilogie haben doch bewiesen, dass man sich diesen Stoffen filmisch annähern, sie ernst nehmen, ihre Relevanz und Lebensnähe herausarbeiten kann, dass man sich nicht bloß auf das vordergründige Gerangel von quietschbunten Computeranimationen reduzieren lassen muss. X-MEN ORIGINS: WOLVERINE ist nicht nur ein seelenloses Fließbandprodukt, er ist eigentlich auch ein Schlag ins Gesicht all jener Comicfans, denen die gezeichneten Figuren ans Herz gewachsen sind, die etwas mit ihnen verbinden. In Hoods Film, in Fleisch und Blut, wirken sie noch flacher, als auf Papier gezeichnet. Aber schön bunt sind sie.