Mit ‘Hugo Blanco’ getaggte Beiträge

Wer in die faszinierende Welt Francos eintauchen, sich dabei vielleicht chronologisch durcharbeiten möchte und einen sanften Einstieg sucht, für den bietet sich neben GRITOS EN LA NOCHE sicherlich auch dieser schöne, mit melodramatisch-melancholischen Untertönen ausgestattete Grusler an, der zudem ein waschechter Weihnachtsfilm ist. In seiner Heimat namentlich an den Erfolg des Vorgängers und seinen verbrecherischen Dr. Orlof (damals nur mit einem „F“) angelehnt, bemühte man in Frankreich und im englischsprachigen Ausland den noch etwas bekannten Dr. Jekyll für den Titel – und fügte zudem noch einige zusätzliche, ebenfalls von Franco gedrehte Szenen ein. So oder so, der Freude tut das keinen Abbruch, der Film ist toll.

Der schurkische Wissenschaftler Fisherman (Marcelo Arroita-Jáuregui) hat vor Jahren seinen Bruder Andros (Hugo Blanco) ermordet, weil der ein Verhältnis mit seiner Gattin Inglud (Luisa Sala) hatte. Mithilfe seines genialen Mentors Dr. Orloff (Javier de Rivera) ist es Fisherman gelungen, Andros wiederzuerwecken und zu seinem willenlosen Sklaven zu machen, den er diverse Frauenmorde ausführen lässt. Als Andros‘ jugendliche Tochter Melissa (Agnes Spaak) das Schloss der Fishermans besucht, eskalieren die Ereignisse, denn der zombiehafte Vater erkennt seine Tochter wieder.

EL SECRETO DEL DR. ORLOFF greift mit der Gedanken- und Körperkontrolle ein Thema auf, das in Francos Werk immer wieder auftauchen wird und mit seiner Beschäftigung mit Freiheit, Zwang und Obsession korrespondiert. Andros ist eine tragische Figur, völlig fremdbestimmt, ohne Kontrolle über sein Leben oder seine Taten, sein Körper wird von ein Schurken für dessen Verbrechen missbraucht, ohne dass er sich dagegen wehren könnte. Erschwert wird das noch dadurch, dass er sich an sein vergangenes Leben erinnert – inklusive der Tochter, in deren Zimmer es ihn des nachts zieht, wo er sie dann mit sehnsüchtigem Verlangen anstarrt: ein ebenso herzzerreißendes, wie aufgrund seiner ödipalen Konnotationen auch verstörendes Bild. Hugo Blanco, der zuvor schon den sadistischen Baron von Klaus in LA MANO DE UN HOMBRE MUERTO gegeben hatte, ist sehr effektiv in der Rolle des stumm leidenden Vaters und traurigen, willenlosen Killers. Die eigentliche Mordgeschichte ist zwar reich an launigen Einfällen und atmosphärischen Bildern, aber arm an innerer Logik, was nicht weiter stört: Warum genau der Wissenschaftler das mordende Monster auf seine Geliebten hetzt, bleibt nicht nur ungeklärt, die Frage stellt sich überhaupt nie. Der Eindruck der Beliebigkeit wird in der französischen Fassung noch durch eine nachträglich eingefügte Szene verstärkt: Es sind mit einem Sender ausgestattete, den diversen Geliebten geschenkte Halsketten, die gewissermaßen als Lockmittel für das Monster fungieren, doch eines der weiblichen Opfer in dieser französischen Fassung besitzt überhaupt keine solche Kette. Typisch für Francos, sagen wir mal „großzügigen“, Umgang mit der Logik ist auch sein Einsatz des titelgebenden Doktors: Der verrät seinem Schüler auf dem Sterbebett das Geheimnis der Gedankenkontrolle, nur um dann eine gute Stunde später wieder quietschfidel mit seiner Frau am Kaffeetisch zu sitzen und dem ermittelnden Kriminalbeamten den entscheidenden Hinweis zu liefern. Letztlich sind diese Mängel für das Gelingen des Films nicht entscheidend, weil die Atmosphäre, einfach stimmt und diese für einen Horrorfilm weitaus schwerer wiegt als psychologische Motivationen und inhaltliche Stringenz. Trotzdem funktioniert EL SECRETO DEL DR. ORLOF auch als „normaler“ Film sehr gut, was nicht zuletzt auf die Anwesenheit von Agnes Spaak zurückzuführen ist, die eine sympathische Identifikationsfigur abgibt, mit der man als Betrachter gern mitfiebert.

Der unbestrittene Höhepunkt des Films ist eine Szene in der Mitte es Films, in der das Monster aus seinem Gefängnis entkommt, um auf dem Friedhof stumm sein eigenes Grab zu besuchen. Ein Bild bleischwerer Melancholie und Trauer, das der geneigte Zuschauer gewiss nicht so schnell vergisst, auch weil Franco sie mit seinem untrüglichen Gespür für Komposition und Raum perfekt einfängt. EL SECRETO DEL DR. ORLOFF ist, wie ich schon schrieb, ein guter Einstieg ins Schaffen des umtriebigen Spaniers, auch weil er sehr schön den Spagat schafft zwischen „klassischem“ Erzählkino und den avantgardistischeren Anflügen, die Francos Werk ab den Siebzigerjahren immer stärker prägen würden.

LE MANO DE UN HOMBRE MUERTO markiert Francos Rückkehr zu dem Genre, dem er mit GRITOS EN LA NOCHE seinen ersten großen Erfolg verdankte: dem gothisch angehauchten Horrorfilm mit sadistischer Schlagseite. LE MANO ist auch so etwas wie eine Premiere im umfangreichen Filmerbe des Spaniers, denn hier beginnt seine anhaltende, explizite Beschäftigung mit dem Werk des französischen Philosophen und Literaten Marquis de Sade (der hier zwar nicht namentlich genannt wird, aber in Form eines geheimnisvollen Tagebuches als Inspirationsgeber fungiert).

In dem österreichischen Dörfchen Holfen werden mehrere tote Mädchen aufgefunden. Die abergläubischen Einwohner schieben die Morde einem Gespenst in die Schuhe: dem alten Baron von Klaus, ein wahnsinniger Mörder, der vor hunderten von Jahren mehrere abscheuliche Verbrechen verübte und nun als Schatten durch die Sümpfe geistert. Oder hat sein Fluch seine Nachkommen getroffen, etwa den schweigsamen Baron Max von Klaus (Howard Vernon), der den Tod seiner Schwester zu betrauern hat. Oder ist es sein Neffe, de jugendliche Ludwig von Klaus (Hugo Blanco), der eben mit seiner Freundin Karine (Paula Martel) in Holfen eingetroffen ist? Inspektor Borowski (Georges Rollin) nimmt gemeinsam mit dem Zeitungsreporter Steiner (Fernando Delgado) die Ermittlungen auf.

Wie sein Vorgänger weist LE MANO jene stimmungsvolle Schwarzweißfotografie auf, die alle frühen Francos kennzeichnet und jene Stimmen Lügen straft, die den Spanier mit technisch-formalem Dilettantismus gleichzusetzen pflegen. Leider gelingt es ihm hier aber deutlich weniger gut als in GRITOS, den Zuschauer zu fesseln. Der Film lässt sich endlos viel Zeit, verschwendet etliche Szenen auf die letztlich völlig unbedeutende Zusammenarbeit des Kriminalbeamten mit dem Journalisten und verschenkt zudem Howard Vernon in einer Rolle, in der er fast nichts zu tun bekommt. LE MANO DE UN HOMBRE MUERTO ist nicht ganz ohne Charme, aber es stellt schon eine Herausforderung dar, über die volle Laufzeit bei der Sache zu bleiben. Wem das gelingt, der wird mit einer Folterszene belohnt, die die Grenzen des Erlaubten im Jahre des Herrn 1962 erheblich ausreizte (in Spanien wurde sie natürlich stark gekürzt) und einen Ausblick auf Kommendes geben sollte. Das Finale im Sumpf ist auch ganz hübsch, aber bis es soweit ist, hat Franco viel Goodwill seiner Zuschauer mit seiner allzu fahrlässigen Erzählhaltung verloren. Der Film ist in erster Linie etwas für Franco-Komplettisten oder aber für Zuschauer, die von der Stimmung solcher Frühsechziger-Sleazer einfach nicht genug bekommen. Man sollte LE MANO vor allem als Mood-Piece konsumieren, bei dem man nicht unbedingt den Pausenknopf betätigen muss, wenn man mal einen Abstecher zum Kühlschrank macht oder nebenbei in Stephen Throwers „Murderous Passions“ blättert.