Mit ‘Hugo Weaving’ getaggte Beiträge

Fiktion, ganz gleich, ob sie sich nun des Mediums des Films oder der Literatur bedient, ermöglicht es dem Rezipienten, fremde Perspektiven einzunehmen, die Welt durch die Augen eines anderen Menschen zu sehen. Im Idealfall erweitern wir damit unseren eigenen Horizont, machen die sogenannte Kontingenzerfahrung: Wir verstehen, dass unsere Sichtweise nur eine von unzähligen gleichberechtigten ist. Als Leser oder Filmseher stellt man aber auch immer wieder fest, dass uns Menschen anderer geografischer, gesellschaftlicher, kultureller oder historischer Herkunft bei allen uns voneinander trennenden Eigenschaften in vielen Dingen auch sehr ähnlich sind: Auch wenn wir in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland geboren wurden, fällt es uns nicht besonders schwer, uns mit einem altgriechischen Feldherr zu identifizieren – was natürlich auch daran liegt, dass dieser in der Regel der Feder eines unserer Zeitgenossen entsprang. Es passiert sehr selten, dass wir in eine Figur schlüpfen müssen, deren Anschauungen und Motivationen uns völlig fremd sind. Für mich war HACKSAW RIDGE zumindest in Teilen ein solches Werk und die Sichtung auch, aber nicht nur deshalb ein enorm erkenntnisreiches Erlebnis.

Mel Gibsons Film erzählt die Geschichte von Desmond Doss, gläubiger Christ und hochdekorierter Kriegsheld – der erste seiner Art, denn Doss erhielt seine Auszeichnung für seinen Einsatz im Zweiten Weltkrieg, ohne je eine Waffe angefasst zu haben. Als „conscientious objector“, übersetzt „Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen“, verteidigte er sein Recht, mit der Armee in den Krieg ziehen zu dürfen, ohne dabei eine Waffe tragen zu müssen. Als Sanitäter rettete er während der Schlacht um Okinawa mehrere Dutzend verwundeter Kameraden und erhielt dafür nach Kriegsende die „Medal of Honor“, die höchste militärische Auszeichnung der USA. Nach dem Vorbild von Kubricks FULL METAL JACKET teilt Gibson seinen Film in zwei Hälften: Die erste widmet sich Doss‘ biografischem Hintergrund, seiner Grundausbildung, den Anfeindungen von Vorgesetzten und Rekruten, die in ihm einen Feigling sehen, der ihnen im Ernstfall nicht zur Seite stehen kann, und schließlich seinem Sieg vor dem Militärgericht; die zweite wirft uns mit den Soldaten in das Gemetzel der Schlacht um das Hacksaw Ridge, einer postapokalyptisch anmutenden Wüstenei oberhalb einer gewaltigen Klippe. Wie es mit Spielbergs SAVING PRIVATE RYAN zum Standard des Kriegsfilms wurde, malt Gibson die Kampfhandlungen in schlammigen Grau- und Brauntönen und gesprenkelt mit heftigen Splatterschüben: Da fliegen die Gliedmaßen und Eingeweide nur so durch die Gegend, Köpfe werden von Kugeln durchlagen und Soldaten gehen kreischend in Flammen auf. Der liebe Gott, an den Doss so unerschütterlich glaubt, er scheint weit, weit weg, ist aber in Gestalt des Sanitäters doch mittendrin im Inferno, wo er sich vollkommen unbewaffnet der Gefahr stellt, um die vereinzelten Verwundeten aufzusammeln und sie in Sicherheit zu bringen.

Es fällt zunächst sehr, sehr schwer, mit diesem Protagonisten mitzugehen, sein unbedingtes Bedürfnis zu verstehen, an einem Krieg teilzunehmen, wenn er es seinem Glauben entsprechend doch für eine Sünde hält, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. Als er sich während seiner Ausbildung erklären soll, wird er unter anderem mit der Aussage konfrontiert, dass der Feind der Teufel höchstpersönlich sei und der bewaffnete Widerstand demnach gottgewollt. Doss widerspricht dem nicht, er teilt diese Ansicht sogar. Es ist der Grund, warum auch er sich berufen fühlt seinen – wenn auch unbewaffneten – Beitrag zu leisten. Doss‘ Weigerung, eine Waffe zu tragen, wird im Film auch aus seiner Biografie heraus erklärt: Der Film beginnt mit einem Rückblick in die Kindheit des Protagonisten, in der er seinen Bruder bei einem Streit so heftig mit einem Stein schlug, dass es kurz so aussah, als müsse dieser den Angriff mit seinem Leben bezahlen. Während die Eltern (Rachel Phillips und Hugo Weaving) verzweifelt versuchen, den bewusstlosen Sohn aufzuwecken, fällt Desmonds Blick auf ein Bildnis von Kain und Abel und die dieses erklärenden Worte des fünften Gebots. Später dann berichtet er einem seiner Kameraden von einem anderen Erlebnis: Als sein Vater, ein Veteran des Ersten Weltkriegs, der über die traumatischen Erfahrungen zum Säufer geworden war, wieder einmal seine Ehefrau attackierte, griff Desmond zur Pistole und drohte dem Vater, ihn zu erschießen. Dieses Ereignis habe ihn dazu gebracht, vor Gott das Versprechen abzulegen, nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen. Aber wie kann man mit der Überzeugung, dass die Tötung eines anderen Menschen gegen Gottes Gebote verstoße, an einem Krieg nicht nur teilnehmen, sondern ihn in einem größeren Kontext für „richtig“ halten?

Es ist wahrscheinlich nicht möglich, diesen Widerspruch auch nur annähernd befriedigend aufzulösen, schon gar nicht für einen nichtgläubigen Menschen. Ich halt es durchaus für möglich, dass Gibson, der – das legen zahlreiche aus den letzten Jahren über ihn kursierenden Geschichten durchaus nah – vielleicht tatsächlich ein wirrköpfiger religiöser Fanatiker ist, diesen Widerspruch vielleicht gar nicht sieht und Doss‘ Handeln für nachvollziehbar hält: Aber es spielt eigentlich auch keine Rolle, weil es in HACKSAW RIDGE letztlich um etwas anderes geht. Mir scheint gerade genau diese geschilderte Hermetik wichtig, die Tatsache dass wir Doss nicht verstehen. Am Ende ist da ein Mann, der von seinen eigenen Überzeugungen abstrahiert, weil er begreift, dass er Teil einer Sache ist, die größer ist als er. Er nimmt für sich nicht in Anspruch, sich da raushalten zu dürfen, weil er es vielleicht besser weiß, weil der Krieg nicht in sein Weltbild passt. Er glaubt vielmehr daran, dass er im Falschen noch etwas Gutes tun, inmitten des Wahnsinns als kleiner Funken der Hoffnung wirken kann. Und er tut es. Das wirft Fragen auf.

Man muss vor allem gegen Ende des Films einige vor Pathos triefende Szenen über sich ergehen lassen, in dem die sakralen Hengste mit Gibson durchgehen, etwa wenn der verwundete Doss auf einer an einem Seil hängenden Bahre von der titelgebenden Klippe heruntergelassen wird und es aus der Untersicht so aussieht, als ob er im gleißenden Licht der Sonne direkt zum Himmel führe. Übel stößt auch die Zeichnung der Japaner als tierhafte Horde kreischender Bestien auf, vor allem weil der Film eben nicht explizit die Perspektive der amerikanischen GIs einnimmt (wie etwa Scotts BLACK HAWK DOWN, den ich gegen ähnliche Vorwürfe verteidigt habe), sondern ja ein sehr viel universelleres Thema behandelt. Vielleicht liege ich auch komplett daneben und HACKSAW RIDGE ist das von vielen Teilen der Filmkritik konstatierte reaktionär-christofaschoide Spektakel eines Antisemiten, eine Apologie der Kriegstreiberei und eine Anklage all jener Menschen, die nicht daran glauben, dass man mit den Mitteln der Gewalt irgendetwas erreicht. Aber zum jetzigen Zeitpunkt muss ich sagen, dass mich Gibsons Film sehr beeindruckt hat.

 

 

 

Der schmächtige Steve Rogers (Chris Evans) wünscht sich nichts mehr, als gegen die Nazis ins Feld ziehen zu können, doch aufgrund seiner Statur fällt er bei der Musterung stets durch. Dann begegnet er dem Wissenschaftler Dr. Abraham Erskine (Stanley Tucci): Der ist von der Entschlossenheit des jungen Mannes so beeindruckt, dass er ihn nicht nur für tauglich erklärt, sondern auch als Versuchskaninchen für das neuartige Supersoldier-Programm vorschlägt. Mithilfe der Erfindungen des genialen Unternehmers Howard Stark (Dominic Cooper) verwandelt sich der dürre, kleinwüchsige Steve in einen kräftigen hochgewachsenen Elitesoldaten mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Und die braucht er auch, denn der größenwahnsinnige abtrünnige Nazi Johann Schmidt (Hugo Weaving) hat eine mythische Waffe erbeutet, mit der er die Welt unterjochen will …

Die Wurzeln des Comichelden Captain America liegen in der Propaganda: 1941 erschien unter der Marke „Timely Comics“, einem Marvel-Vorläufer, die erste Geschichte um den uramerikanischen Supersoldaten, der in die Farben des Star Spangled Banners gehüllt gegen die Nazis und andere Feinde der Freiheit antrat. Später diente die Figur ihren Auoren zum einen als fleischgewordener Anachronismus, als moralischer Anker in einer stetig komplexer werdenden Welt, aber auch als Katalysator, um einen Diskurs darüber in Gang zu treten, welche Idee eigentlich hinter den USA steht, was es mit dem amerikanischen Traum überhaupt auf sich hat. Captain America ist auch ein Opfer: Er hat seine Identität aufgegeben, um eine Idee zu verkörpern, doch seine Auftraggeber sind nicht immer genauso von deren Bedeutung überzeugt. Nachdem er sich für die Rettung der Welt geopfert hat und im ewigen Eis verschwunden ist, wird er erst Jahrzehnte später wieder entdeckt und aufgetaut. Die Welt hat sich massiv verändert, ein Captain America ist nur noch ein Relikt aus einer anderen, vergangenen Zeit. Oder doch nicht?

Die oben skizzierte Geschichte ist auch die Geschichte dieses Films, aber nicht nur. Joe Johnston erzählt vor allem von Captain Americas Genese, von seinem ersten Einsatz, dem Abstieg zum Frontunterhalter und Armeeemaskottchen, schließlich seinem Kampf gegen den Superschurken Red Skull/Johann Schmidt und dessen Geheimorganisation Hydra. Sie endet mit seinem vermeintlichen Freitod und seiner Wiedergeburt in der Gegenwart, wo er von Nick Fury (Samuel L. Jackson) für die Avengers rekrutiert wird. CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER scheint damit ganz in der Tradition jener Comicverfilmungen zu stehen, die zunächst einmal die Origin-Story ihres Protagonisten abwickeln müssen. Doch erstens ist es Johnston besser als anderen vor ihm gelungen, einen wirklich homogenen, flüssigen Film zu inszenieren, zum anderen nimmt die Vergangenheit für Captain America eine deutlich größere Bedeutung ein als für andere Helden: Sie ist nicht nur ein letztlich arbiträrer Zeitpunkt, an dem er seine Fähigkeiten erlangte, sondern vielmehr der „Ort“, der ihn vollständig prägte. Nie machte es so viel Sinn wie bei Captain America, in die Zeit seiner Entstehung zu reisen.

Es ist somit kein Wunder, dass CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER zutiefst melancholisch ist. Johnston hat nicht nur Captain Americas Origin-Story verfilmt, er zollt mit seinem Film einer Zeit Tribut, in der die Verfassung der Welt erst den Nährboden lieferte, auf dem viele Helden gedeihen konnten. Dabei versteigt sich Johnston nicht zur blinden Heldenverehrung: Die an Besessenheit und Todessehnsucht grenzende Selbstlosigkeit Rogers‘, die ihn sich zwei Wissenschaftlern für ihre Frankenstein’schen Experimente überantworten lässt, trägt etwas durchaus Beunruhigendes in sich. Und in jenen Szenen, in denen ein kostümierter Steve Rogers im Varieté-Shows vor tanzenden Showgirls für Spendenfonds wirbt und einen Hitler-Statisten K.O. schlägt, lassen keinen Zweifel an der teuflischen Macht der Propaganda, die die Wiege  des Protagonisten ist. Johnstons Captain America ist ohne Zweifel ein Held, in seinen Aktionen ein strahlender darüber hinaus, aber sein Heldentum ist gleichzeitig die Quelle seiner Tragik, weil er vollständig instrumentalisiert ist. Seine Freiheit – jenen Wert, den zu verteidigen er ursprünglich angetreten ist – hat er mit seiner Teilnahme am Supersoldaten-Programm komplett aufgegeben und dieser Verlust wird zum ihn in seinem Innersten bestimmenden Element: Er ist Repräsentant eines Vergangenen, das er allein noch verkörpert. Das macht Captain America nach westeuropäischem Verständnis zu einem denkbar ungeeigneten oder wenigstens fragwürdigen Helden: Er steht eben nicht für Autonomie und Ungehorsam, sondern im Gegenteil für Disziplin, Gehorsam, Unterordnung und Selbstaufgabe. Johnston beschäftigt sich mit dem Captain America inhärenten Problem noch nicht, weil er sich ganz auf eine Zeit konzentriert, in der der dargestellte Nationalismus und Patriotismus vielleicht zum letzten Mal unschuldig sein konnten. Aber zwischen den Zeilen legt er das individuell-ideologische Dilemma seiner Hauptfigur schon an und es trägt viel zur inneren Spannung des Films – und kommender Filme – bei.

Zur äußeren Spannung muss man nicht viel sagen: Johnston hat schon mit dem weit unterschätzten, wunderbaren THE ROCKETEER bewiesen, dass er die Mischung aus Superheldenfilm und Period Piece beherrscht wie kein Zweiter und es tut dem Film außerordentlich gut, dass er sich den Sprung in die Gegenwart verkniffen hat, sich ganz auf die Origin Story konzentriert, die zudem untrennbar mit dem Kampf gegen den Red Skull verbunden ist – und somit schon eine reizvolle Schurkenfigur aufweist. (Ich muss es hier mal so sagen: Ich liebe Nazis!) CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER ist, wie ich schon sagte, wie aus einem Guss, gönnt sich die Zeit, seine Figuren atmen und ein Bild der Zeit vor dem Auge des Zuschauers entstehen zu lassen, anstatt ihn über eine Achterbahn wilder Action-Set-Pieces zu schicken. Wenn es dann knallt, wirkt es umso mehr und Johnston gelingen viele wunderbar ikonische Momente, von denen dennoch keiner so sehr beeindruckt wie der Anblick eines mithilfe moderner Effektechnologie heruntergehungerten Chris Evans. Captain America, das sollte klar geworden sein, ist eine faszinierende Figur, gerade weil es ungleich schwieriger ist, sich zu ihr zu positionieren als etwa zu Thor oder Spider-Man. Johnston ist eine der besten Superheldenverfilmungen überhaupt gelungen. Einfach ein schöner Film.