Mit ‘Ian McShane’ getaggte Beiträge

Es hat nicht sollen sein: So beliebt Guillermo del Toros HELLBOY und das Sequel HELLBOY II: THE GOLDEN ARMY auch waren, so sehr der Regisseur für den Film gekämpft und Ron Perlman sich für einen dritten Teil del Toros stark gemacht hatte, am Ende war es unmöglich, den Film, der den beiden vorschwebte, zu finanzieren. Wie dieser Artikel zusammenfasst, war letztlich eine Gemengelage aus dem nur mittelprächtigen Erfolg der ersten beiden Filme sowie ein seitdem drastisch veränderter Markt ausschlaggebend für das Aus. Dennoch kam in diesem Jahr einen neuer Film in die Kinos, ein Kompromiss sozusagen: Mit einem Budget von 50 Millionen Dollar noch nicht einmal halb so aufwändig, wie der dritte Teil von del Toro es gewesen wäre, geht dem „Reboot“ die Epik und Grandezza von del Toros Adaptionen der Comics von Mike Mignola weitestgehend ab. Es handelt sich um einen kurzweiligen Genrefilm, vollgepackt mit CGI, Gags und überraschend derben Splattereffekten, der weniger in klassisches Storytelling verliebte Freunde der bildgewaltigen Fantastik anspricht als vielmehr verschrobene Comicnerds mit Bierdurst. Das Urteil der Kritik, die nur einen Vergleich kannte, war ziemlich verheerend, das Einspielergebnis kaum weniger. Ich würde mir trotzdem mehr Filme dieser Art wünschen und behaupte, dass HELLBOY weitaus besser ist als sein Ruf.

Die Story ist letztlich unerheblich und liefert nur Vorwand für eine Reihe fantastischer Set-Pieces und Actionsequenzen: Die im Mittelalter von niemand Geringerem als König Artus (Mark Stanley) hingerichtete „Blood Queen“, eine böse Hexe namens Nimue (Milla Jovovich), soll in der Gegenwart zu neuem Leben erweckt werden, um die Apokalypse einzuleiten, Hellboy (David Harbour) dieses verhindern. Der Weg dahin führt durch zahlreiche Episoden, in denen der muskelbepackte, aber depressive Sohn des Teufels es unter anderem mit einem als Luchador verkleidetem Vampir, einem alten Geheimbund, drei Riesen, einem zweibeinigen Wildschwein und der Hexe Baba Yaga zu tun bekommt und nebenbei herausfindet, dass sein Ziehvater (Ian McShane) ursprünglich den Auftrag hatte, ihn zu töten. Das Tempo ist halsbrecherisch, keine Minute wird verschwendet, keiner Idee die Zeit gegeben, langsam zu reifen, der Zuschauer stattdessen im Fünfminutentakt mit Attraktionen befeuert, was der ganzen Unternehmung den Anstrich einer Last-Minute-Verzweiflungstat gibt. Angeblich gab es Streit zwischen Regisseur Neil Marshall und den Produzenten und es erscheint nicht gänzlich unwahrscheinlich, dass unterwegs einiges an Material auf der Strecke blieb, trotzdem macht HELLBOY keinen inkohärenten, lediglich einen ungeduldigen Eindruck.

Insgesamt ist dieser neue HELLBOY flüchtiger, er erhebt keinen Anspruch darauf, auch in zehn Jahren noch geschaut und verehrt zu werden. Der Soundtrack ist bis zum Rand vollgestopft mit Pop- und Rocksongs, Referenzen auf Uber und Twitter verorten den Film sofort in unserer Zeit, David Harbour läuft als One-Liner-Maschine durch den Film. Sein Hellboy hat nicht die Autorität, die Ron Perlman ihm verlieh, aber das gereicht der Figur nicht unbedingt zum Nachteil: Das depressive Slackertum verkörpert Harbour vielleicht sogar besser. Was letztlich aber in erster Linie bei der Stange hält – neben der Tatsache, dass sowieso nichts lange genug andauert, um einen wirklich schlechten Eindruck zu hinterlassen -, ist die schiere Menge an schrägen Einfällen, bizarren Monstren und dann Mignolas Schöpfung allgemein. Wie schon del Toro deutet auch Marshall immer wieder einen reichen Fundus an zurückliegenden Abenteuern, Feinden und Verbündeten an, von denen man gern mehr sehen würde. Diese immer mitzählte Backstory füllt den Film mit jenem Leben, für das er sich selbst kaum die Zeit gönnt.

HELLBOY wurde sichtlich mit dem Vorhaben produziert, der Startschuss für eine ganze Reihe von Filmen zu sein: Nicht nur der in MCU-Zeiten obligatorischen Mid-Credit-Sequenz-Teaser macht das deutlich Und ich finde es tatsächlich ziemlich schade, dass daraus nichts wird, selbst wenn dieser HELLBOY gewiss kein Film für die Ewigkeit, sondern lediglich ein bunter Timewaster ist. Der Film ging an den Kinokassen so krass baden, dass es mich doch sehr verwundern würde, wenn sich ein Geldgeber fände, der hier noch einmal sein Geld versenken möchte. Dabei gäbe es noch so viel zu erzählen. Und dass dieser Hellboy natürlich hundert Mal interessanter ist als der x-te kostümierte Superheld darüber müssen wir ja nicht wirklich diskutieren.

JOHN WICK: CHAPTER 2 endete mit der „Exkommunikation“ des titelgebenden Killers (Keanu Reeves) aus der von Winston (Ian McShane) geleiteten „Berufsgenossenschaft“, die ihren Mitgliedern in den über den ganzen Erdball verteilten Continental-Hotels einen Ort anbietet, an dem sie keine Überfälle zu befürchten haben sowie vielfältige spezielle Dienstleistungen zur effektiven Ausübung ihrer Tätigkeit in Anspruch nehmen dürfen. Mit dieser Exkommunikation einher geht die Erhebung eines Kopfgelds und der Status des „Vogelfreien“: Jeder gedungene Mörder auf der Welt hat es ab sofort auf Wick abgesehen und für den gibt es keinen Rückzugsort mehr. Allerdings gönnt ihm Winston eine Stunde Zeit, bevor er ihn zum Freiwild erklärt, die Wick dazu nutzt, seine Wunden zu verarzten und anschließend einen Gefallen bei einem weiblichen Crimeboss (Anjelica Huston) einzuholen: Er lässt sich nach Casablanca verschiffen, um dort seine Ex-Geliebte Sofia (Halle Berry) zu treffen, deren ehemaliger Boss ihm wiederum den Weg zum Genossenschafts-Obermufti erklären soll, der in der Lage ist, Wicks Verurteilung rückgängig zu machen. Diesen Gefallen gibt es natürlich nicht umsonst: Mit ihm verbunden ist das Versprechen, auf ewig als Killer zu arbeiten. Und derweil John Wick seine Privatangelegenheiten klärt, stattet eine Abgesandte des „Hohen Rats“ Winston und seinen Untergebenen einen Besuch ab, um sie für ihre Rechtsbeugung in Sachen John Wick zu bestrafen.

Leser, die weder JOHN WICK noch JOHN WICK: CHAPTER 2 gesehen haben, werden mit dieser Inhaltsangabe rein gar nichts anfangen können. Das ist normal: Das Franchise funktioniert wie eine moderne Fernsehserie oder die neu in Mode gekommenen „kinematischen Universen“, die den Zuschauern unbedingte Treue und stets Am-Ball-Bleiben abverlangen und sie dafür mit Expositionsbergen und unnützen Details überhäufen, wo Filme früher eine Geschichte und dreidimensionale Charaktere aufboten: Wer eine klassisch erzählte Geschichte erwartet, wird von JOHN WICK: CHAPTER 3 – PARABELLUM enttäuscht werden, denn sofern man sich nicht für den großen Überbau interessiert, haben die konkreten Geschehnisse des Films keinerlei Relevanz. Auch dieses zweite Sequel entspinnt sich als eine nicht enden wollende Aneinanderreihung von Fights und Schießereien und der einzige Unterschied zu den beiden Vorläufern ist der erneut erweiterte Rahmen: Spielte JOHN WICK noch ausschließlich in New York, schickte das Sequel den Killer für eine Mission nach Rom und Teil 3 nun nach Casablanca und in die Wüste. Zuvor eingeführte Figuren wie Fishburnes „Bowery King“ feiern einen zweiten Auftritt, in die Fußstapfen des Rivalen Cassian (Common) tritt nun der glatzköpfige Zero (Marc Dacascos) und die Organisation des Hohen Rats erhält ein Gesicht mit „The Adjucator“ (Asia Kate Dillon), die als Richterin unterwegs ist. Der Film ist ein bisschen bunter, in seinen Actionszenen zum Glück abwechslungsreicher – den Höhepunkt feuert Stahelski gleich zu Anfang mit einem wirklich furiosen Messerkampf ab -, aber ansonsten teilt er wesentliche Charakteristika mit Teil 1 und 2: Der in einem mehrstöckigen Glashaus angesiedelte Schlusskampf verschwamm in meiner Erinnerung folglicherweise mit dem Endfight aus Teil 2, der in einem Spiegelkabinett angesiedelt ist.

Der größte Fehler, den der Film macht, ist es sicherlich, seine interessante Ausgangssituation – Wick befindet sich in einer Stadt, in der fast jeder ihn umbringen will – innerhalb weniger Minuten komplett aufzulösen. Aber auch das ist typisch für die zugrundeliegende Serienstrategie: Der Cliffhanger hat seine Schuldigkeit in dem Moment getan, in dem beim Betrachter die Entscheidung fällt, nächste Woche (bzw. beim nächsten Mal) wieder einzuschalten. Auch in den alten Serials war es ja immer so, dass die anscheinend ausweglose Situation, in der sich der Held da befand, in der nächsten Installation auf banalste Art und Weise gelöst wurde. Die Frage, die sich am Ende von Teil 2 stellt – wie entgeht Wick der brenzligen Situation, vogelfrei zu sein? -, löst das Drehbuch daher, indem es einen Deus ex Machina herbeifabuliert, der dieses Status einfach wieder rückgängig macht. PARABELLUM verläuft danach exakt wie der ihm vorangegangene Teil als Aneinanderreihung von Fights, deren Motivation letztlich nur kosmetischen Charakter hat. Das wird besonders am Ende deutlich, wenn der zuvor dramatisch exekutierte Bowery King fröhliche Wiederauferstehung feiert, warum auch immer. Da hat Stahelski seine Lektion aus INFINITY WAR respektive ENDGAME gelernt. Man verzeihe mir, aber das grenzt an Publikumsverarsche. Nur nennt man das heute nicht mehr so.

Ja, man kann seine 90 – 120 Minuten ganz bestimmt schlechter totschlagen als mit JOHN WICK: CHAPTER 3 – PARABELLUM, vor allem, wenn man Actionfilme mag und sich über gut choreografierte Fights freuen kann, aber eben auch viel, viel besser. Handwerklich gibt es an diesem Film nicht viel auszusetzen, es gab in den vergangenen Jahren sehr viele ähnlich große Genrebeiträge, die in dieser Hinsicht deutlich weniger boten, auch wenn sich Abnutzungserscheinungen kaum leugnen lassen. Trotzdem ist der Tatbestand der Augenwischerei hier für mich voll und ganz erfüllt. Hinter der ornamental zerfaserten Mär um einen Geheimbund der Killer steckt letztlich ein stinknormaler Klopper, der darüber aber mit jeder Menge Schnickschnack hinwegtäuschen will. Ein Poser, wenn man so will.

 

Dass ich fast keinerlei Erinnerungen mehr an JOHN WICK habe, will ich ihm nicht anlasten: Das geht mir bei fast allen Mainstreamfilmen neueren Datums so (und es ist ja auch schon drei Jahre her). Das Teil, von dem niemand viel erwartete, schlug jedenfalls ein wie eine Bombe, verschaffte seinem Hauptdarsteller Reeves einen zweiten Karrierefrühling und führte bislang zu zwei Sequels, bei denen es gewiss nicht bleiben wird. Man merkt der Reihe den Erfolg des MCU deutlich an, wie ich finde: Stahelski inszeniert seine abstruse Killergeschichte mit dem visuellen Stil eines Comics und der Überzeugung, dass sich seine Zuschauer für diese Welt interessieren, die er nur Stück für Sück bloßlegt. Der erste Teil wirkte noch relativ minimalistisch, deutete das hinter der Story des Profikillers, der seinen Hund rächen will, liegende Universum nur an, doch mit Teil zwei wird diese Welt hinter den Bildern immer bedeutsamer für das Gesamtkonstrukt. Was für den Zuschauer, für den es vor allem um das Jetzt und Hier geht und nicht um das, was ihm in ferner Zukunft offenbart werden wird, ein Problem darstellt.

JOHN WICK: CHAPTER 2 schließt mit einer flott inszenierten Actionsequenz, in der der Titelheld sein Auto aus den Händen der Russenmafia zurückerobert, unmittelbar an den ersten Teil an. Er liebt diese Wagen so sehr, dass er ihn lieber komplett zu Klump fährt, anstatt ihn einem anderen zu überlassen – und genau das passiert in dieser Sequenz. Lobend muss die Inszenierung der Action erwähnt werden: Anstatt alles in einem hektischen Schnittgewitter untergehen zu lassen, legt Stahelski großen Wert darauf, dass man erkennt, was in den sauber choreografierten Szenen passiert. Dazu hat er auch immer wieder schöne Ideen, wie die, Wick sein Auto wie eine Waffe benutzen zu lassen, Bösewichte mittels des durch eine Schleuderbremsung ausscherenden Hecks von den Beinen zu holen und in Säulen und Wände zu katapultieren. Zurück zu Hause darf sich Wick aber mitnichten zur ersehnten Ruhe setzen: Er schuldet dem Mafiosi Santino D’Antonio (Riccardo Scamarcio) einen Gefallen, den dieser nun einholen will. Wick soll D’Antonios Schwester Gianna (Claudia Gerini) ermorden, die an seiner Stelle des Vaters Platz im „Hohen Rat“ eingenommen hat, einer Illuminati-artigen Versammlung der Köpfe des internationalen Verbrechens. Wick erfüllt den Auftrag widerwillig – D’Antonio muss erst sein Haus in die Luft sprengen – und landet dafür zum Dank auf der Todesliste des Auftraggebers, der seine Spuren vertuschen will.

JOHN WICK: CHAPTER 2 ist ganz klar als Mittelteil oder Übergang zu erkennen: Er erzählt zwar eine abgeschlossene Geschichte, doch ist diese selbst nur eine Episode in einem größeren Gefüge. Und dieses Gefüge ist ganz klar das Element, auf das Stahelski sein Hauptaugenmerk legt. John Wick ist als Profikiller zwar so etwas wie ein selbstständiger Unternehmer, aber er gehört zu einer Art Genossenschaft der Killer, als deren Kopf sein väterlicher Freund und Mentor Winston (Ian McShane) fungiert. Winston ist Chef einer Kette über den Erdball verteilter Hotels, die ähnlich wie Botschaften Anlaufstellen und sichere Häfen für die Profimörder sind. Sie sind in diesen Hotels nicht nur sicher vor Feinden und/oder Kollegen – wer Mitglieder der Genossenschaft innerhalb der Hotels tötet, wird sofort ausgeschlossen und damit vogelfrei -, sondern genießen auch zahlreiche Vorzüge und Dienstleistungen, wie etwa exklusive Waffenhändler und Schneidereien, die es verstehen, kugelsichere Anzüge anzufertigen. Über der Genossenschaft steht wiederum der Hohe Rat, der bei der Verrichtung seiner kriminellen Geschäfte immer wieder auf die Dienste der Genossenschaftsmitglieder zurückgreift. Als genossenschaftlicher Nachrichtendienst fungiert eine an alte Telefonvermittlung erinnernde Zentrale, in der alle Aufträge eingehen und weitergeleitet sowie Mitgliedschaften vermerkt oder gelöscht werden. JOHN WICK: CHAPTER 2 kreiert eine ganze verborgene Subkultur des Verbrechens, die auf einer weit verzweigten Organisation mit eigenen Transaktionsmodellen, Kommunikationsformen, einer eigenen Währung und einer ausdifferenzierten Hierarchie sowie bisweilen archaischen Riten basiert. Der Entwurf erinnert etwas an WANTED, mit der Ausnahme, das die Mitglieder keine mythisch überhöhten Superwesen sind, sondern lediglich verdammt gute Handwerker: Auch wenn Wicks Kampfkunst und Unverwundbarkeit zugegebenermaßen mitunter ans Fantastische grenzen. Vor dem Auge des Betrachters wird eine Parallelwelt entworfen, die unbemerkt neben der „normalen“ existiert (die allerdings in der Erzählung überhaupt keine Rolle spielt), und von gedungenen Mördern und Verbrechern bevölkert ist, die miteinander in uralten Rivalitäten und Bündnissen verwoben sind. Das ist durchaus amüsant, aber es stellt das Franchise auch vor das Problem, dass der Action jede reale Grundlage entzogen wird. Es fällt mit zunehmender Dauer schwer, den Protagonisten als Menschen zu betrachten, geschweige denn mit ihm mitzufiebern, zu absurd ist das, was ihm da widerfährt.

Das andere „Alleinstellungsmerkmal“ von JOHN WICK ist die Choreografie seiner Schussgefechte: Handfeuerwaffen werden beinahe wie Nahkampfwaffen eingesetzt, mit denen vor allem auf den Kopf gezielt wird. Wick erschießt nährkommende Feinde aus der Halbdistanz, bis er dann direkt angegriffen wird – er muss sich selten mit Einzeltätern auseinandersetzen, sondern meist mit ganze Horden gedungener Mörder. Hier bedient er sich effizienter Hebelgriffe und Würfe, mit denen er seine Gegner zu Boden zwingt und ihnen dann in den Kopf schießt. JOHN WICK: CHAPTER 2 darf wahrscheinlich für sich in Anspruch nehmen, der Film mit den meisten Kopfschüssen zu sein sowie einen ziemlich einzigartigen Style für sein Gunplay entwickelt zu haben. Die Kehrseite ist, dass dieser Style recht schnell wahnsinnig ermüdend wirkt: Die Gegner fallen wie die Fliegen, werden immer wieder mit derselben Strategie hingerichtet und dass es ihnen trotz der gewaltigen Übermacht nicht gelingt, ihrem Widersacher auch nur eine ernsthafte Verletzung zuzufügen, raubt der endlosen Ballerei recht schnell jede Spannung. Aber das ist auch symptomatisch für einen Film, der sich ziemlich viel auf sein World Building und seinen Neo-Noir-Style einbildet und darüber völlig versäumt, seinen Figuren Leben einzuhauchen. Der müde Killer John Wick hetzt durch eine Vielzahl von Shootouts und Kämpfen, die visuell toll in Szene gesetzt sind, aber jedes Drama vermissen lassen, nur um am Ende in einen Cliffhanger zu stürzen, der wesentlich interessanter scheint, als alles, was CHAPTER 2 erzählerisch anzubieten hat – sich dann in JOHN WICK 3: PARABELLUM aber ebenfalls als Luftnummer entpuppt. Ich würde zwar nicht soweit gehen zu sagen, dass mich JOHN WICK: CHAPTER 2 gelangweilt hat, dafür ist er zu rasant und visuell zu schick, aber er fesselt auch nicht gerade, weil er den Betrachter immer auf Distanz hält, sich ganz darauf verlässt, dass die Begeisterung für seinen Style allein trägt.

Ich zog zu Beginn den Vergleich zum MCU, aber ich denke, dass auch die anhaltende Bedeutung von Serien ihren Anteil an der Ausrichtung des JOHN WICK-Franchises hat. Stahelski und sein Autor Kohlstad wenden sich an ein Publikum, dass keinen Wert auf erzählerische Verdichtung legt, sondern die epische Dehnung, die Anhäufung von Details und die langsame Enthüllung suchen. JOHN WICK: CHAPTER 2 ist wie der Ausschnitt aus einem Wimmelbild: Vollgepackt mit Details, die Rückschlüsse auf den größeren Rahmen zulassen, der bis auf Weiteres aber zurückgehalten wird. Der Film selbst schafft bereits den Bedarf für die Fortsetzung, die mit den Antworten auf die aufgeworfenen Fragen lockt. Was natürlich ein Trugschluss ist, denn den Fragen werden nur weitere Fragen folgen. Man kann sich dieser Strategie hingeben, gespannt darauf sein, was sich die Schöpfer da noch alles ausgedacht haben, aber dazu bedarf es natürlich eines gerüttelten Maßes an Naivität. Denn natürlich gibt es das „Gesamtbild“ genauso wenig wie den Heilzustand, an dem alle Fragen beantwortet sind. Das Franchise wird genau solange laufen, wie Leute dafür Geld hinblättern, solange das der Fall ist, immer neue Wendungen und Erweiterungen und Details aufbieten und dann irgendwann, wenn der Erfolg ausbleibt, sang und klanglos enden, ganz ohne Rücksicht darauf, ob denn nun alle Versprechen eingelöst und alle Fragen beantwortet wurden. Ich halte diese Strategie für einen Irrweg.

 

 

 

DIE ALLES ZUR SAU MACHEN ist der fantastische deutsche Verleihtitel dieses britischen Gangsterfilms, der einem seine Besonderheiten nicht unter die Nase reibt und deshalb zunächst etwas unspektakulär wirken mag. Wer die sind, die alles zur Sau machen, wird indessen nicht ganz klar: Sind es die Gangster, die bei ihren Taten eine Blutspur hinter sich herziehen und sich einen Dreck um Gesetz, Ordnung und Moral scheren? Oder ist der Titel eher als O-Ton der Gangster zu verstehen, mit dem diese sich gegen das Treiben der Ordnungshüter aussprechen, die es echten Männern zunehmend schwer machen, ihrer „ehrenwerten“ Tätigkeit nachzugehen? Man weiß es nicht und es ist auch herzlich egal. Im Original heißt der Film eben VILLAIN und auch wenn dieser Titel in seiner Einsilbigkeit deutlich weniger aufregend ist, gibt er doch einigen Aufschluss über die Stoßrichtung des Films.

Vic Dakin (Richard Burton) ist ein Londoner Gangsterboss, der seine Kohle vor allem mit Schutzgelderpressung eintreibt. Vor Gewalt schrecken weder er noch seine Handlanger zurück: Da wird das Rasiermesser schon beim bloßen Verdacht, dass jemand geredet haben könnte, vom Chef höchstpersönlich gezückt und blutig zum Einsatz gebracht. Als ein Informant Dakin steckt, dass der Überfall auf einen Lohntransporter eine lohnende Unternehmung sein könnte, trommelt der Verstärkung zusammen und macht keine langen Faxen. Ohne große Vorbereitung wird der Coup gestartet und endet in einem totalen Clusterfuck, bei dem es zahlreiche demolierte Autos und zu Klump geschlagene Teilnehmer gibt. Der Kriminalbeamte Matthews (Nigel Davenport), der Dakin eh auf dem Kieker hat, braucht bei so viel Unfähigkeit gar keine großen Ermittlungen anstrengen …

VILLAIN konzentriert sich im Wesentlichen auf drei Figuren: auf Dakin, der in seiner Person skrupellosen Crimelord, homosexuellen Liebhaber und fürsorglichen Sohn einer greisenhaften Mutter vereint, ohne darüber in eine Identitätskrise zu stürzen, seinen unfreiwilligen Lover Wolfie (Ian McShane), der sein Geld damit verdient, seine Freundinnen auf Parties vermögenden Männern anzudienen, und auf die beiden Cops Matthews und Binney (Colin Weiland), die sichtliches Vergnügen daran haben, die Schurken in die Ecke zu drängen und darüber zu den eigentlichen Sympathieträgern des Films werden. Dakin ist eben nicht, wie es bei so vielen Gangsterfilmen der Fall ist, ein Antiheld, dessen Außenseitertum der Zuschauer insgeheim bewundern soll, sondern ein unentschuldbares Arschloch: Ein Schurke eben. Der Plot scheint zunächst sehr einfach gestrickt, integriert aber einige Details, die VILLAIN vom Durchschnitt abheben. Dakin wird von Burton als tief neurotischer Wutklumpen gezeichnet, hinter dessen zivilisierter Fassade es nur so brodelt. Sein Sadismus, der gleich zu Beginn in erwähnter Rasiermesser-Folterung zum Ausdruck kommt, wird vom Drehbuch eindeutig sexuell aufgeladen: Dakin explodiert fast, als Matthews ihm unterstellt, Menschen zu quälen, um dabei zum Orgasmus zu kommen. Besonders interessant ist natürlich seine Beziehung zu Wolfie, den es vor den Zärtlichkeiten Dakins eigentlich graust, der aber gleichzeitig weiß, dass es ihn teuer zu stehen käme, sich ihnen zu entziehen. Als der Gangsterboss herausfindet, dass Wolfie neben ihm eine Geliebte hat, vibriert er vor Eifersucht. Die eigene Schwäche treibt ihn auch dazu, andere, die er für schwach hält, mit Inbrunst zu verachten. Das bekommt Lowis (Joss Ackland), der Schwager von Dakins Partner Fletcher (T. P. McKenna) zu spüren. Der arme Kerl darf gar nichts sagen, ohne dass Dakin ihm herrisch über das Maul fährt.

Tuchner, der zuvor nur fürs Fernsehen gearbeitet hatte und für sein Kinodebüt gleich mit der Legende Burton zusammenarbeiten durfte, wandelt sicher auf dem schmalen Grat zwischen Psychogramm und Thriller. Es ist die Zeichnung der einzelnen Charaktere, die seinen Film wirklich interessant macht, dennoch verliert er dabei seine Geschichte nie aus den Augen. VILLAIN ist zielstrebig, kurzweilig und überaus ruppig. Die Taten von Dakin und seinen Handlangern haben nichts von dem Planungsgenie und Stilbewusstsein, das die Protagonisten des Mafiafilms so oft an den Tag legen. Seine proletarischen Wurzeln werden nie verleugnet und so muten seine nach ganz oben reichenden Verbindungen umso bitterer an. Der Film steht eindeutig in der Tradition des grimmigen britischen Crimefilms jener Zeit – siehe Get CARTER oder SITTING TARGET -, ohne jedoch ganz an deren stilistische sophistication heranzukommen und basiert auf einem ungewöhnlichen Drehbuch, an dem unter anderem der selbst über einschlägige Erfahrungen verfügende Schauspieler Al Lettieri (u. a. THE GETAWAY, MR. MAJESTYK) beteiligt war. Über die Breitenwirkung des Films gehen die Meinungen auseinander: Wikipedia zitiert zwei Quellen, die VILLAIN einmal als Riesenflop, einmal als Erfolg nennen. Der (vom Alkohol begünstigte) Niedergang von Burtons Karriere in den Siebzigerjahren sowie die Tatsache, dass VILLAIN kaum noch bekannt ist, legen aber nahe, dass der Film an der Kasse baden ging. Schon der wenige Jahre zuvor von Stanley Donen mit THE STAIRCASE gestartete Versuch, den walisischen Lebemann an der Seite von Rex Harrison als homosexuellen Liebhaber zu zeigen, resultierte in einem Misserfolg, und eine Szene, die Dakin und Wolfie bei einem innigen Kuss zeigt, wurde schon vorab entfernt, um das Publikum nicht auf eine allzu schwere Probe zu stellen. (Laut McShane sagte Burton ihm gegenüber, er erinnere ihn an Elizabeth und das mache ihm das Küssen einfacher.) In der veröffentlichten Version wird der Sex zwischen beiden nur angedeutet, aber das ist für die Verstärkung ihrer suggestiven Wirkung kein schlechter Schachzug. Die Beziehung zwischen Dakin und Wolfie bleibt das zentrale Mysterium des Films, sein tragendes menschliches Fundament.

VILLAIN ist in den USA im Rahmen der Warner Archive Collection erschienen und absolut empfehlenswert. Wer weiß, vielleicht gibt es ja auch irgendwann einmal eine deutsche VÖ, auf deren Cover dann der schöne Titel DIE ALLES ZUR SAU MACHEN prangt. Allein das wäre die erneute Anschaffung dann wert.

Wenn ich den Rezensionen auf IMDb Glauben schenken darf, dann erwarb sich SITTING TARGET den Ruf eines „GET CARTER für Arme“. Auch wenn ich nachvollziehen kann, wie man auf eine solche Attributierung kommt – SITTING TARGET ist kleiner, roher, ungeschliffener und weniger bekannt als Hodges‘ Klassiker, gehört aber wie dieser zur selben Gattung jenes düsteren Crimekinos, das in den Seventies auf der Insel geprägt wurde -, aber die darin zum Vorschein kommende Lieblosigkeit erschreckt mich dann doch. Was ist das für eine Haltung, die einen solch tollen Film wie diesen in einem willkürlichen Vergleich demütigt, anstatt ihn für sich zu bewerten, seine Eigenheiten nicht als Verfehlungen, sondern eben als Zeichen seiner Individualität zu bewerten?

Aber die Texte, die ich zu SITTING TARGET gelesen habe, zeichnen sich sowieso durch Ungenauigkeit und Oberflächlichkeit aus. So wird Oliver Reeds Gangster Harry Lomart auffallend häufig als „brute“, also als „Wüstling“ oder „Brutalo“, bezeichnet, was die Tatsache verkennt, dass es zu allererst eine tiefe Verletzung ist, die seinen Rachefeldzug lostritt. Lomart sitzt mit seinem Partner Birdy (Ian McShane) wegen eines Raubüberfalls 15 Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis ein, da eröffnet ihm seine Ehefrau Pat (Jill St. John) bei einem ihrer raren Besuche, dass sie nicht nur nicht gedenkt, auf ihn zu warten, sondern auch, dass sie bereits das Kind eines anderen erwarte. Erst da gerät Lomart außer Kontrolle, bricht gemeinsam mit Birdy aus und geht auf Rachefeldzug. Doch auch, wenn er mit äußerster Gewalt und Entschlossenheit vorgeht, keine Rücksicht auf die nimmt, die ihm bei der Vollstreckung seiner Pläne in die Quere kommen, so trägt er seinen Zorn wie eine Maske, die verhüllen soll, dass er eigentlich am liebsten heulend zusammenbrechen möchte. Es ist eine der Rollen, für die Reed geboren wurde: der Gewaltverbrecher, dessen blutunterlaufenen Augen genauso furchteinflößend sind, wie sie gleichzeitig auf den verkarsteten Grund seiner enttäuschten Seele blicken lassen.

SITTING TARGET beginnt (nach kurzem, finsteren, brüterischen Auftakt) mit dem Ausbruch aus einem Hochsicherheitsgefängnis, das nichts mit modernen Vorstellungen zu tun hat. Während heute kein Prison-Break-Film mehr ohne mit allen Wassern gewaschenen Computerexperten auskommt, der die zahlreichen Science-Fiction-Fallen durch behendes Hackerhandwerk außer Kraft setzt, sind es hier ein Stacheldrahtzaun, ein scharfer Wachhund und eine hoher Mauer, die mit viel Spucke, Mut, Backstein und Seil überwunden werden müssen. Ob die Regisseure des modernen Actionkinos das auch so spannend hinbekämen wie Hickox damals? Sein Film schwankt sehr effektiv zwischen klaustrophobisch beengten, den wachsenden Druck, unter dem Lomart steht, verdeutlichenden Innenaufnahmen und nur wenig Katharsis bringenden Ausflügen in eine Londoner Betonwüste voller hässlicher Hochhäuser inmitten öder Brachlandschaften und sich wie aggressives Unkraut durch diese fressender Bahnschienen. Es sieht aus wie kurz vor oder unmittelbar nach der Apokalypse und die sich bekriegenden Ganoven haben viel Platz, um sich auszutoben. Die Polizei ist zwar da, aber doch immer zu spät. Zivilbevölkerung sieht mal allerhöchstens als schattenhaftes Huschen im Bildhintergund. Wer noch bei Sinnen ist, hat sich in seinen eigenen vier Wänden verschanzt.Wer wollte es Lomart verdenken, dass er am Ende, wenn er ganz anders als gedacht ans Ziel gekommen ist, die Flammen des Fegefeuers dem Leben im ewigen Eis vorzieht. Noch einmal etwas fühlen und wenn es nur körperlicher Schmerz ist, der ihn verzehrt.

Dieser superkompakte Film, den Edward Scaife (u. a. THE DIRTY DOZEN, KHARTOUM und DARK OF THE SUN) in gleichermaßen geschliffenen wie kalten Bildern kongenial fotografierte und dem Stanley Myers einen Score widmete, der so langsam und trügerisch vor sich hintröpfelt wie das Gift einer tödlichen Injektion (den auch nicht zu vernachlässigenden Schnitt besorgte der spätere Bond-Regisseur John Glen), sei allen ans Herz gelegt, die diese Mischung aus verheerenden Bränden und zombiehafter Leere zu schätzen wissen, die ich so gern als „Gefrierbrand“ bezeichne. Nix „GET CARTER für Arme“: Die in SITTING TARGET zum Ausdruck kommende Weltsicht ist genauso echt wie dort. Vielleicht brennt sie sogar noch tiefer. Zumindest gibt es für Lomart keinen erlösenden Schuss aus dem Hinterhalt.