Mit ‘Ian McShane’ getaggte Beiträge

DIE ALLES ZUR SAU MACHEN ist der fantastische deutsche Verleihtitel dieses britischen Gangsterfilms, der einem seine Besonderheiten nicht unter die Nase reibt und deshalb zunächst etwas unspektakulär wirken mag. Wer die sind, die alles zur Sau machen, wird indessen nicht ganz klar: Sind es die Gangster, die bei ihren Taten eine Blutspur hinter sich herziehen und sich einen Dreck um Gesetz, Ordnung und Moral scheren? Oder ist der Titel eher als O-Ton der Gangster zu verstehen, mit dem diese sich gegen das Treiben der Ordnungshüter aussprechen, die es echten Männern zunehmend schwer machen, ihrer „ehrenwerten“ Tätigkeit nachzugehen? Man weiß es nicht und es ist auch herzlich egal. Im Original heißt der Film eben VILLAIN und auch wenn dieser Titel in seiner Einsilbigkeit deutlich weniger aufregend ist, gibt er doch einigen Aufschluss über die Stoßrichtung des Films.

Vic Dakin (Richard Burton) ist ein Londoner Gangsterboss, der seine Kohle vor allem mit Schutzgelderpressung eintreibt. Vor Gewalt schrecken weder er noch seine Handlanger zurück: Da wird das Rasiermesser schon beim bloßen Verdacht, dass jemand geredet haben könnte, vom Chef höchstpersönlich gezückt und blutig zum Einsatz gebracht. Als ein Informant Dakin steckt, dass der Überfall auf einen Lohntransporter eine lohnende Unternehmung sein könnte, trommelt der Verstärkung zusammen und macht keine langen Faxen. Ohne große Vorbereitung wird der Coup gestartet und endet in einem totalen Clusterfuck, bei dem es zahlreiche demolierte Autos und zu Klump geschlagene Teilnehmer gibt. Der Kriminalbeamte Matthews (Nigel Davenport), der Dakin eh auf dem Kieker hat, braucht bei so viel Unfähigkeit gar keine großen Ermittlungen anstrengen …

VILLAIN konzentriert sich im Wesentlichen auf drei Figuren: auf Dakin, der in seiner Person skrupellosen Crimelord, homosexuellen Liebhaber und fürsorglichen Sohn einer greisenhaften Mutter vereint, ohne darüber in eine Identitätskrise zu stürzen, seinen unfreiwilligen Lover Wolfie (Ian McShane), der sein Geld damit verdient, seine Freundinnen auf Parties vermögenden Männern anzudienen, und auf die beiden Cops Matthews und Binney (Colin Weiland), die sichtliches Vergnügen daran haben, die Schurken in die Ecke zu drängen und darüber zu den eigentlichen Sympathieträgern des Films werden. Dakin ist eben nicht, wie es bei so vielen Gangsterfilmen der Fall ist, ein Antiheld, dessen Außenseitertum der Zuschauer insgeheim bewundern soll, sondern ein unentschuldbares Arschloch: Ein Schurke eben. Der Plot scheint zunächst sehr einfach gestrickt, integriert aber einige Details, die VILLAIN vom Durchschnitt abheben. Dakin wird von Burton als tief neurotischer Wutklumpen gezeichnet, hinter dessen zivilisierter Fassade es nur so brodelt. Sein Sadismus, der gleich zu Beginn in erwähnter Rasiermesser-Folterung zum Ausdruck kommt, wird vom Drehbuch eindeutig sexuell aufgeladen: Dakin explodiert fast, als Matthews ihm unterstellt, Menschen zu quälen, um dabei zum Orgasmus zu kommen. Besonders interessant ist natürlich seine Beziehung zu Wolfie, den es vor den Zärtlichkeiten Dakins eigentlich graust, der aber gleichzeitig weiß, dass es ihn teuer zu stehen käme, sich ihnen zu entziehen. Als der Gangsterboss herausfindet, dass Wolfie neben ihm eine Geliebte hat, vibriert er vor Eifersucht. Die eigene Schwäche treibt ihn auch dazu, andere, die er für schwach hält, mit Inbrunst zu verachten. Das bekommt Lowis (Joss Ackland), der Schwager von Dakins Partner Fletcher (T. P. McKenna) zu spüren. Der arme Kerl darf gar nichts sagen, ohne dass Dakin ihm herrisch über das Maul fährt.

Tuchner, der zuvor nur fürs Fernsehen gearbeitet hatte und für sein Kinodebüt gleich mit der Legende Burton zusammenarbeiten durfte, wandelt sicher auf dem schmalen Grat zwischen Psychogramm und Thriller. Es ist die Zeichnung der einzelnen Charaktere, die seinen Film wirklich interessant macht, dennoch verliert er dabei seine Geschichte nie aus den Augen. VILLAIN ist zielstrebig, kurzweilig und überaus ruppig. Die Taten von Dakin und seinen Handlangern haben nichts von dem Planungsgenie und Stilbewusstsein, das die Protagonisten des Mafiafilms so oft an den Tag legen. Seine proletarischen Wurzeln werden nie verleugnet und so muten seine nach ganz oben reichenden Verbindungen umso bitterer an. Der Film steht eindeutig in der Tradition des grimmigen britischen Crimefilms jener Zeit – siehe Get CARTER oder SITTING TARGET -, ohne jedoch ganz an deren stilistische sophistication heranzukommen und basiert auf einem ungewöhnlichen Drehbuch, an dem unter anderem der selbst über einschlägige Erfahrungen verfügende Schauspieler Al Lettieri (u. a. THE GETAWAY, MR. MAJESTYK) beteiligt war. Über die Breitenwirkung des Films gehen die Meinungen auseinander: Wikipedia zitiert zwei Quellen, die VILLAIN einmal als Riesenflop, einmal als Erfolg nennen. Der (vom Alkohol begünstigte) Niedergang von Burtons Karriere in den Siebzigerjahren sowie die Tatsache, dass VILLAIN kaum noch bekannt ist, legen aber nahe, dass der Film an der Kasse baden ging. Schon der wenige Jahre zuvor von Stanley Donen mit THE STAIRCASE gestartete Versuch, den walisischen Lebemann an der Seite von Rex Harrison als homosexuellen Liebhaber zu zeigen, resultierte in einem Misserfolg, und eine Szene, die Dakin und Wolfie bei einem innigen Kuss zeigt, wurde schon vorab entfernt, um das Publikum nicht auf eine allzu schwere Probe zu stellen. (Laut McShane sagte Burton ihm gegenüber, er erinnere ihn an Elizabeth und das mache ihm das Küssen einfacher.) In der veröffentlichten Version wird der Sex zwischen beiden nur angedeutet, aber das ist für die Verstärkung ihrer suggestiven Wirkung kein schlechter Schachzug. Die Beziehung zwischen Dakin und Wolfie bleibt das zentrale Mysterium des Films, sein tragendes menschliches Fundament.

VILLAIN ist in den USA im Rahmen der Warner Archive Collection erschienen und absolut empfehlenswert. Wer weiß, vielleicht gibt es ja auch irgendwann einmal eine deutsche VÖ, auf deren Cover dann der schöne Titel DIE ALLES ZUR SAU MACHEN prangt. Allein das wäre die erneute Anschaffung dann wert.

Wenn ich den Rezensionen auf IMDb Glauben schenken darf, dann erwarb sich SITTING TARGET den Ruf eines „GET CARTER für Arme“. Auch wenn ich nachvollziehen kann, wie man auf eine solche Attributierung kommt – SITTING TARGET ist kleiner, roher, ungeschliffener und weniger bekannt als Hodges‘ Klassiker, gehört aber wie dieser zur selben Gattung jenes düsteren Crimekinos, das in den Seventies auf der Insel geprägt wurde -, aber die darin zum Vorschein kommende Lieblosigkeit erschreckt mich dann doch. Was ist das für eine Haltung, die einen solch tollen Film wie diesen in einem willkürlichen Vergleich demütigt, anstatt ihn für sich zu bewerten, seine Eigenheiten nicht als Verfehlungen, sondern eben als Zeichen seiner Individualität zu bewerten?

Aber die Texte, die ich zu SITTING TARGET gelesen habe, zeichnen sich sowieso durch Ungenauigkeit und Oberflächlichkeit aus. So wird Oliver Reeds Gangster Harry Lomart auffallend häufig als „brute“, also als „Wüstling“ oder „Brutalo“, bezeichnet, was die Tatsache verkennt, dass es zu allererst eine tiefe Verletzung ist, die seinen Rachefeldzug lostritt. Lomart sitzt mit seinem Partner Birdy (Ian McShane) wegen eines Raubüberfalls 15 Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis ein, da eröffnet ihm seine Ehefrau Pat (Jill St. John) bei einem ihrer raren Besuche, dass sie nicht nur nicht gedenkt, auf ihn zu warten, sondern auch, dass sie bereits das Kind eines anderen erwarte. Erst da gerät Lomart außer Kontrolle, bricht gemeinsam mit Birdy aus und geht auf Rachefeldzug. Doch auch, wenn er mit äußerster Gewalt und Entschlossenheit vorgeht, keine Rücksicht auf die nimmt, die ihm bei der Vollstreckung seiner Pläne in die Quere kommen, so trägt er seinen Zorn wie eine Maske, die verhüllen soll, dass er eigentlich am liebsten heulend zusammenbrechen möchte. Es ist eine der Rollen, für die Reed geboren wurde: der Gewaltverbrecher, dessen blutunterlaufenen Augen genauso furchteinflößend sind, wie sie gleichzeitig auf den verkarsteten Grund seiner enttäuschten Seele blicken lassen.

SITTING TARGET beginnt (nach kurzem, finsteren, brüterischen Auftakt) mit dem Ausbruch aus einem Hochsicherheitsgefängnis, das nichts mit modernen Vorstellungen zu tun hat. Während heute kein Prison-Break-Film mehr ohne mit allen Wassern gewaschenen Computerexperten auskommt, der die zahlreichen Science-Fiction-Fallen durch behendes Hackerhandwerk außer Kraft setzt, sind es hier ein Stacheldrahtzaun, ein scharfer Wachhund und eine hoher Mauer, die mit viel Spucke, Mut, Backstein und Seil überwunden werden müssen. Ob die Regisseure des modernen Actionkinos das auch so spannend hinbekämen wie Hickox damals? Sein Film schwankt sehr effektiv zwischen klaustrophobisch beengten, den wachsenden Druck, unter dem Lomart steht, verdeutlichenden Innenaufnahmen und nur wenig Katharsis bringenden Ausflügen in eine Londoner Betonwüste voller hässlicher Hochhäuser inmitten öder Brachlandschaften und sich wie aggressives Unkraut durch diese fressender Bahnschienen. Es sieht aus wie kurz vor oder unmittelbar nach der Apokalypse und die sich bekriegenden Ganoven haben viel Platz, um sich auszutoben. Die Polizei ist zwar da, aber doch immer zu spät. Zivilbevölkerung sieht mal allerhöchstens als schattenhaftes Huschen im Bildhintergund. Wer noch bei Sinnen ist, hat sich in seinen eigenen vier Wänden verschanzt.Wer wollte es Lomart verdenken, dass er am Ende, wenn er ganz anders als gedacht ans Ziel gekommen ist, die Flammen des Fegefeuers dem Leben im ewigen Eis vorzieht. Noch einmal etwas fühlen und wenn es nur körperlicher Schmerz ist, der ihn verzehrt.

Dieser superkompakte Film, den Edward Scaife (u. a. THE DIRTY DOZEN, KHARTOUM und DARK OF THE SUN) in gleichermaßen geschliffenen wie kalten Bildern kongenial fotografierte und dem Stanley Myers einen Score widmete, der so langsam und trügerisch vor sich hintröpfelt wie das Gift einer tödlichen Injektion (den auch nicht zu vernachlässigenden Schnitt besorgte der spätere Bond-Regisseur John Glen), sei allen ans Herz gelegt, die diese Mischung aus verheerenden Bränden und zombiehafter Leere zu schätzen wissen, die ich so gern als „Gefrierbrand“ bezeichne. Nix „GET CARTER für Arme“: Die in SITTING TARGET zum Ausdruck kommende Weltsicht ist genauso echt wie dort. Vielleicht brennt sie sogar noch tiefer. Zumindest gibt es für Lomart keinen erlösenden Schuss aus dem Hinterhalt.