Mit ‘Ida Galli’ getaggte Beiträge

140122SETTE NOTE IN NERO, Fulcis ersten Giallo seit NON SI SEVIZIA UN PAPERINO von 1972, könnte man auch gut seinen „Argento-Film“ nennen, widmet er sich doch einem Thema, das sein Rivale sowohl in seiner Tier-Trilogie (L’UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO, IL GATTO A NOVE CODE und QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO) als auch in PROFONDO ROSSO so stilsicher bearbeitet hatte: Auch in Fulcis Film geht es um fehlerhafte Wahrnehmung und die Interpretation von Erinnerungsbildern, denen der nötige Kontext fehlt. Zu Beginn macht er seinen Zuschauern aber erst einmal klar, was sie von seinem neuesten Film zu erwarten haben: Eine Frau stürzt sich eine Klippe hinunter, schlägt sich auf dem Weg nach unten den Schädel an den schroffen Felsen auf. Es ist eine Szene, die das Finale von NON SI SEVIZIA UN PAPERINO fast einstellunsgetreu aufgreift.

Die Frau, die das so blutig ihr Ende findet, ist die Mutter der zum Zeitpunkt des Ereignisses noch kindliche Protagonistin Virginia, die im selben Moment, viele tausend Meilen entfernt eine Vision vom Tod ihrer Mama hat. 18 Jahre später ist sie zu einer überaus attraktivin Frau gereift (Jennifer O’Neill) und glücklich mit Francesco Ducci (Gianni Garko) verheiratet, der sie für eine Geschäftsreise allein zurücklässt. Auf der Fahrt nach Hause erlebt Virginia wieder eine Vision: Sie glaubt den Mord an einer älteren Dame durch einen hinkenden Mann mit Schnurrbart zu beobachten, der sein wehrloses Opfer kurzerhand einmauert. Im ungenutzten Landhaus ihres Mannes erkennt sie wenig später das Zimmer aus ihrer Vision wieder, reißt kurzerhand die Wand ein und fördert so tatsächlich ein Skelett zu Tage, das die Polizei wenig später als die Überreste eines seit fünf Jahren verschwundenen Mädchens identifiziert, mit dem  Francesco einst liiert war. Weil Jennifer aus ihrer Vision ja weiß, dass ihr Mann nicht der Mörder ist, stellt sie gemeinsam mit dem befreundeten Parapsychologen Luca (Marc Porel) eigene Nachforschungen an. Doch was sie herausfindet, deckt sich einfach nicht mit dem, was sie da gesehen haben will …

Der Zuschauer kommt ein wenig früher auf den Denkfehler der Protagonistin als diese selbst, und man könnte es Fulci ankreiden, sie etwas zu lang an ihrer ursprünglichen Eingebung festhalten zu lassen bzw. selbst die Cleverness seines Drehbuchs zu überschätzen. Aber der Entwurf ist ja auch einfach zu schön und es macht große Freude, dem Film dabei zuzusehen, wie er genau jene Schritte vollzieht, die man selbst schon antizipiert hat. Die Dynamik, die er dadurch entwickelt, reflektiert ja auch die Idee hinter seiner Whodunit-Mystery: Virginias Vision ist eine Self-fulfilling Prophecy, eben kein Einblick in ein verganges, bereits abgeschlossenes Ereignis und in ihrem Bemühen, das Rätsel hinter diesen kontextlosen Bildern zu entschlüsseln, sorgt sie überhaupt erst dafür, dass sich ihre Vision bewahrheitet. Und auch als sie endlich begriffen hat, was da eigentlich geschieht, ist sie nicht in der Lage, die „Vorhersehung“ zu durchbrechen: Reglos sieht sie sich selbst dabei zu, wie sie sich genauso verhält wie in ihrer Eingebung. SETTE NOTE IN NERO erinnert in dieser Wendung, die den vermeintlich handlungsmächtigen Protagonisten als bloßes Objekt enttarnt, an dem sich ein übergeordneter Wille vollzieht, an diese Zwitterwesen aus Noir und Horrorfilm, in denen der Jäger am Ende feststellt, sich selbst verfolgt, in seinem Wahn den eigenen Untergang besiegelt zu haben.

Das Publikum konnte mit SETTE NOTE IN NERO nicht so viel anfangen, aber Lucio Fulci zählte ihn – gemeinsam mit BEATRICE CENCI, einem gleichfalls geringeschätzten Werk – zu seinen persönlichen Lieblingen. Betrachtet man sein Gesamtwerk, so kommt diesem Giallo fast selbst die Rolle einer „Prophezeiung“ zu: Vier Jahre später verfilmte er Poes Kurzgeschichte „The black Cat“, in der es ja auch um ein eingemauertes Geheimnis geht, als GATTO NERO.

 

An Romano Scavolinis berüchtigten NIGHTMARE IN A DAMAGED BRAIN habe ich nur noch überaus vage Erinnerungen: In meiner Splatterhorror-Tabubrecherphase, in der der BPS-Report als Einkaufszettel für den Videothekenbesuch in Venlo zweckentfremdet wurde, landete natürlich auch dieser Film irgendwann im Körbchen, war mir damals aber zu schräg und krude. Attribute, die ich auch seinem Vietnam-Kriegsfilm DOG TAGS zuweisen würde, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Nicht besonders schräg und noch weniger krude ist UN BIANCO VESTITO PER MARIALÈ (zu Deutsch: „Ein weißes Kleid für Marialé“), vielmehr von einer visuellen und kompositorischen Eleganz, die ich dem Regisseur (vielleicht zu Unrecht) nicht zugetraut hatte, und als gediegener Stilmix aus Gothic Horror und Mystery- bzw. Whodunit-Elementen recht klar als „Giallo“ zu klassifizieren, zumindest, wenn man den Begriff großzügig (und richtig) auslegt. Aber der Film ist trotzdem nicht ohne Tücken, weil er der durch seine verschiedenen Elemente geschürten Erwartungshaltung des Zuschauers ziemlich zuwiderläuft. UN BIANCO VESTITO PER MARIALÈ ist ein durch die Brille des Genrekinos gebrochenes Psychogramm, dem es nicht wirklich um die Frage geht, wer da die Protagonisten über den Jordan schickt, auch wenn er vordergründig diesen Eindruck erweckt. In seiner giallotypischen Struktur beantwortet er diese Frage eigentlich schon, bevor der Film in der Gegenwart seiner Handlung angekommen ist.

UN BIANCO VESTITO PER MARIALÈ beginnt mit einer Rückblende, die als Schlüssel zur Interpretation der folgenden Vorgänger dient, vergleichbar etwa mit PROFONDO ROSSO oder TENEBRE, um nur zwei besonders prominente Genrevertreter zu nennen. Doch anders als bei diesen beiden, die das entscheidende Element, nämlich die Identität einer Figur, in dieser Rückblende verbergen, lässt Scavolini keinen solchen Zweifel offen. Eine Frau und ihr Liebhaber werden vor den Augen der Tochter vom eifersüchtigen Ehemann der Frau beim Liebesspiel im Wald erschossen. Wenig später, wenn der Film in der Gegenwart angekommen ist, erkennen wir in Marialé (Ida Galli) das Ebenbild der untreu gewordenen Gattin und wissen, dass es sich um ihre Tochter, das kleine Mädchen aus der Rückblende, handeln muss. Wenn ihre Gäste im Schloss, in dem sie von ihrem mürrischen Ehemann Paolo (Luigi Pistilli) und dem Diener Osvaldo (Gengher Gatti) nahezu gefangen gehalten wird, später durch die Hand eines Unbekannten sterben, weiß der genreerprobte Zuschauer, dass eigentlich nur die Titelheldin als Täter infrage kommt.

Bis es aber zu dieser im Giallo eigentlich zentralen Mordserie und der Lösung des Rätsels kommt, vergeht eine Stunde, die den Fokus vom Whodunit-Charakter auf das Wesen des Traumas richten, das hinter dem kommenden Verbrechen steckt. Wie weiland Roger Corman in THE MASQUE OF THE RED DEATH lässt auch Scavolini seine Figuren ein zunehmend enthemmtes Fest hinter den Mauern feiern, das schließlich in eine Orgie dionysischen Ausmaßes ausufert. In einem plötzlich von Blitzen, Donnergrollen und effektvollen Windstößen heimgesuchten Verlies finden sie alle ein passendes Kostüm, dann lassen sie sich an einer dekadent-üppig gedeckten Tafel nieder, an der sie der Völlerei nachgehen. Ein jeder hat Gelegenheit, sich als ausgewiesener Schweinehund oder aber als in masochistischer Abhängigkeit ergebenes Opfer zu erweisen, und um keinen ist es so wirklich schade, wenn er dann unerwartet vom Butzemann heimgesucht wird. Das Finale hält dann die Überraschung bereit, die keine ist, der Schluss ist desillusioniert und finster, ohne wirklich mitzunehmen.

Das ist dann auch das Probem. So geschmackvoll UN BIANCO VESTITO UN MARIALÈ auch inszeniert ist, so durchdacht seine formale Repräsentation der zentralen Psychose (Kai Naumanns Booklet-Essay und der darin enthaltenen Deutung ist nicht zu widersprechen), so schön das alles anzusehen ist: Der Funke wollte bei mir einfach nicht überspringen. Als wirklich anspruchsvolles Psychogramm ist Scavolinis Film zu sehr den Konventionen unterworfen, als Genrefilm zu vorhersehbar und vor allem in der zweiten Hälfte auch irgendwie zu träge und selbstgefällig. Vielleicht braucht er aber auch nur eine Zweitsichtung, bei der ich ihn dann, von falschen Erwartungen befreit, mit unverstelltem Blick sehen kann. Bis dahin bekommt er von mir ein entschiedenes Jein, abgeschmeckt mit einem „Schade“.