Mit ‘Ida Lupino’ getaggte Beiträge

junior_bonnerJetzt fehlen mir also nur noch THE DEADLY COMPANIONS und MAJOR DUNDEE. Um JUNIOR BONNER habe ich bislang immer einen Bogen gemacht. Peckinpah ohne Zeitlupenschießereien und explodierende blood squibs, das erschien mir damals, als ich Peckinpah für mich entdeckte, als nur mäßig erstrebenswert. Wie bescheuert, denn eigentlich macht allein das ihn ja schon interessant. Dass der Rodeofilm einem nicht gerade nachgeschmissen wurde, begünstigte meine Verweigerungshaltung bzw. mein Desinteresse. Anscheinend hat man sich darauf geeinigt, JUNIOR BONNER als einen der weniger essenziellen Filme im Werk des mavericks zu behandeln. Er harrt immer noch seiner weltweiten blu-Ray-Premiere, die deutsche DVD ist längst Out of Print, was nicht weiter traurig ist, da sie den im Breitwandformat komponierten Film auf trauriges Vollbild beschneidet. Als er damals erschien, da erntete er – und nicht zuletzt McQueens Spiel – ausgesprochen positive Kritikerreaktionen, die sich aber nicht in Zuschauerzahlen niederschlugen. JUNIOR BONNER war für McQueen nach THE REIVERS und LE MANS der dritte Flop in Folge (dass zeitgleich drei weitere Rodeofilme um die Kunst des Publikums buhlten – Cliff Robertsons J. W. COOP, Stuart Millars WHEN THE LEGENDS DIE und Steve Ihnats THE HONKERS – verbesserte seine Chancen nicht gerade). Heute gilt er als einziger Film des Superstars, der finanziellen Verlust machte. Die Zeit hat ihn zwar rehabilitiert, aber wie oben beschrieben, wird er auch heute noch eher stiefmütterlich behandelt. Was einerseits immens schade ist, aber auch irgendwie nachvollziehbar: Das existenzialistische Familiendrama um den wortkargen Titelhelden, der feststellen muss, dass sich die Verhältnisse in seiner Heimat radikal verändert haben, ist nicht gerade der Stoff, aus dem die crowdpleaser gemacht werden. JUNIOR BONNER ist von leiser Melancholie geprägt, er folgt eher seinen Charakteren als einer aufgepfropften Handlung, verzichtet weitestgehend ebenso auf spektakuläre Action wie auf große Gefühlsausbrüche. Peckinpah hält diese Stimmung verhaltener Resignation den ganzen Film über aufrecht, lehnt sich gemeinsam mit seinem Protagonisten gegen den Status quo nicht so sehr auf, wie er seinen stillen Frieden mit ihm schließt, sich umdreht und seines eigenen Weges geht.

J. R. „Junior“ Bonner (Steve McQueen) ist ein ehemals erfolgreicher Rodeoreiter, dessen beste Zeiten nun schon einige Jahre zurückliegen. Langsam dämmert es ihm, dass sich seine Karriere dem Ende zuneigt, dass er von der jüngeren Generation überholt wird, dass er seinen Zenith hinter sich hat. Trotzdem will er noch einmal beim Rodeofestival in seiner Heimatstadt Prescott antreten, wo er einst seinen größten Erfolg feierte. Doch zu Hause hat sich vieles verändert. Sein Bruder Curly (Joe Don Baker) ist erfolgreich auf dem Immobilienmarkt unterwegs, macht noch nicht einmal vor dem Besitz seines Vaters Ace (Robert Preston) halt, dessen Grundstück er ihm zum Schleuderpreis abnahm, als der gerade mal wieder klamm ist und Geld für eine seiner Träumereien brauchte. Die Mutter (Ida Lupino) schaut sich das alles mit milder Verachtung für ihren Gatten, von dem sie getrennt lebt, an, tief enttäuscht davon, wie sich das Leben für sie entwickelt hat, aber auch mit dem Wissen, dass Ace nur der Mann ist, der er ist.

Steve McQueens Minimal Acting nimmt in JUNIOR BONNER fast meditative Züge an. Er spricht ähnlich wenig wie in LE MANS, reduziert seine Antworten oft auf eine einsilbige Gegenfrage, lässt sich seine Gefühle und Gedanken fast nie anmerken, aber schaut sich mit seinen kühl blitzenden blauen Augen alles sehr, sehr genau an. Man könnte sagen, dass er in der Welt seiner Heimatstatt die Rolle eines Zuschauers einnimmt: Nie die Rolle des passiven Betrachters verlassend, nimmt er jeden Eindruck in sich auf, damit er sich immer daran erinnert, warum er diesen Ort am Ende des Films wahrscheinlich für immer verlassen wird. Das ist nicht mehr seine Welt, also setzt er sich in das Auto mit dem Pferdeanhänger und fährt auf den Horizont zu. „I gotta go down my own road“, sagt er einmal. Er weiß, welche Bestimmung das Leben für ihn vorgesehen hat und daran ändern auch die in Wandlung begriffenen äußeren Umstände nichts. Das Geld, das er am Ende beim Rodeo gewinnt, vielleicht die letzte große Gewinnsumme seines Lebens, nimmt er, um seinem Vater die nächste Schnapsidee zu finanzieren: einen Flug nach Australien, wo große Goldvorkommen locken. Er macht das, weil er weiß, dass auch er einmal darauf angewiesen sein wird, dass jemand Verständnis für ihn zeigt, ihm Vertrauen entgegenbringt, seine Spinnereien als Teil seiner Persönlichkeit respektiert. Reich wird er nicht mehr werden, ein Leben wie das von Curly, der hässliche Trailerparks errichtet und die Menschen mit Gratiskeksen und Limonade zum Kauf lockt, kommt für ihn nicht infrage. „I’m workin on my first million and you’re still workin‘ on eight seconds“, wird er von einem Bruder konfrontiert, weil seine Lebensaufgabe für diesen nur infantile Träumerei ist. Der Mann muss Geld erwirtschaften, Besitz anhäufen, eine Familie gründen, erfolgreich sein, immer weiter, immer weiter gehen. Junior Bonner, dessen Spitzname ihn von Anfang an als regressiv, zumindest aber als stehengeblieben diffamiert, will, dass die Dinge so bleiben wie sie sind. Zumindest er wird sich nicht verändern.

JUNIOR BONNER ist, wie oben beschrieben, vielleicht nicht Peckinpahs beliebtester Film (McQueen schätzte ihn als seine beste Arbeit), aber es spricht einiges dafür, zu behaupten, dass er die rohe Essenz seines Werks beinhaltet. Hier braucht es keine Genreschablone mehr, keine expressiven Gewaltausbrüche, kein Kugelballett, keine Schurken oder Revolverhelden. Alles, was Peckinpah jemals in der Welt gesehen und über sie gedacht hat, alles, was er uns mit seinen Filmen mitteilen wollte, spiegelt sich in McQueens Blick, liegt am Ende der Straße, die Junior am Ende herunterfährt, dem Horizont und seiner Latenz entgegen.

Aus dem selben Jahr, in dem Aldrich den famosen, brachialen, markerschütternden KISS ME DEADLY inszenierte, stammt auch THE BIG KNIFE, die Verfilmung eines Stückes von Clifford Odets, der unter anderem die Vorlage zum fantastischen SWEET SMELL OF SUCCESS lieferte. Und auf dem Papier liest sich THE BIG KNIFE, eine scharfe Anklage des menschenverachtenden Geschäfts, das hinter der glamourösen Fassade Hollywoods betrieben wird, durchaus viel versprechend. Nur zu gut kann man sich den tobsüchtigen, expressiven Stil, den Aldrich in KISS ME DEADLY zeigte, in Verbindung mit Odets chirurgisch präziser Sezierung der Traumfabrik vorstellen. Doch leider verwirklicht sich diese Vorstellung nicht. Es scheint, als sei es Aldrich nicht möglich gewesen, gleich zwei ikonoklastische Werke im selben Jahr zu schaffen. Seine Regie kann sich gegen das wortreiche, aber nur wenig lebendige Script einfach nicht behaupten. Meine Meinung.

Charles Castle (Jack Palance) hat es geschafft: Unter dem Produzenten Stanley Shriner Hoff (Rod Steiger) ist er zu einem der größten Hollywood-Stars avanciert. Doch zu welchem Preis? Die zu Beginn seiner Laufbahn noch hochgehaltenen künstlerischen Ideale sind angesichts der anspruchslosen Kommerzware, der er seinen Ruhm verdankt, dem nackten Zynismus gewichen und seine Ehe mit Marion (Ida Lupino) steht kurz vor dem Aus. Der Versuch Castles, das Vertragsverhältnis mit Hoff zu beenden, scheitert daran, dass der ein dunkles Geheimnis Castles kennt: Der Star hatte nämlich im Suff ein Kind totgefahren und Fahrerflucht begangen. Als Hoff befürchtet, dass die geschwätzige, drittklassige Aktrice Dixie Evans (Shelley Winters), die von Charles‘ Tat weiß, das Geheimnis ausplaudern und seine Investition so gefährden könnte, legt er dem Schauspieler nahe, sie umzubringen …

Vielleicht ist es auch nur eine persönliche Prädisposition, die mir den Zugang zu THE BIG KNIFE verwehrt hat: Von Jahr zu Jahr kann ich weniger mit dieser speziellen Schule amerikanischer plays anfangen, in denen Menschen ihre schweren privaten und beruflichen Probleme in zähem verbalen Ringen, und meist auf den Raum ihres Heimes beschränkt, miteinander verhandeln (zuletzt erging es mir so mit WHO’S AFRAID OF VIRGINIA WOOLF?). So sehr ich mich auch bemühe, die Charaktere zu begreifen, mit ihnen zu gehen: Irgendwann fühle ich mich wieder wie vor nunmehr zwei Jahrzehnten im Englischkurs, über ein schmuckloses Bändchen von Arthur Millers „Death of a Salesman“ gebeugt, über Wochen dazu gezwungen, Charakterisierungen zu verfassen, Wortäußerungen vom Kopf auf die Beine und zurück zu stellen, die größere gesellschaftliche Relevanz des Ganzen zu erklären und am Ende zu dem von Anfang an vorgezeichneten und deshalb wertlosen Ergebnis zu kommen, dass es sich bei dem vorliegenden Werk um große Literatur und Kunst handelt. Ich will den Wert solcher Literatur gar nicht per se anzweifeln: Aber den Brauch, für die Bühne geschriebene Stücke mit nur minimalen Veränderungen ins Medium Film zu übertragen, halte ich für frucht- bis leblos. Es gibt keine einzige Irritation in THE BIG KNIFE, keinen Exkurs, keine Öffnung des Blickes, nichts Überflüssiges, nichts, was nicht wie maßgeschneidert ins große Puzzle hineinpassen würde. Es gibt nichts zu entdecken, nichts, worin man sich verlieren könnte, keine Gelegenheit, den Blick schweifen zu lassen. Das ist natürlich so gewollt: Es ist ja auffällig, dass der Superstar Castle, dem die Welt eigentlich zu Füßen liegt, wie in einem teuren Gefängnis haust. Auffallend selten verlässt er sein ausladendes Wohnzimmer, das ihm aber auch keine Sicherheit bietet: Ständig wird er von ungebetenen Besuchern überrascht, denen er nicht ausweichen kann. Er ist das Schoßhünchen von Hoffs Gnaden, seine Willfährigkeit wird fürstlich entlohnt, aber die Freude am Leben in Überschwang ist längst verflogen. Die Bleischwere des Films hat also durchaus Sinn, aber auf die Lauflänge von 115 Minuten gedehnt, in der sie auf Dialog- und Handlungsebene noch einmal bestätigt wird, wirkt sie nur noch redundant. Dass alles auf den dramatischen Endpunkt hinkonstruiert ist, die Charaktere niemals einfach nur sie selbst sein dürfen, sondern vor allem als Bedeutungsträger im morality play funktionieren müssen, hält sie auf Distanz. Das Ende, das eigentlich niederschmetternd sein sollte, nimmt man so zur Kenntnis. Ich war vor allem froh, dass der Film zu Ende war.

Aber THE BIG KNIFE ist kein schlechter Film. Die Fotografie ist herausragend, vor allem, wenn man bedenkt, dass sie immer dasselbe Setting und dieselben Menschen ablichtet. Jack Palance und Rod Steiger sind fantastisch und lassen vergessen, dass sie mit spitzer Feder und größter Akribie verfasste Dialogzeilen aufsagen, die so nur den wenigsten Menschen von Fleisch und Blut über die Lippen kämen. Palance, den man sonst als kantigen Brummbären und Rauhbein kennt, brilliert in einer Rolle, in der er ganz gegen seine Persona zerbrechlich, unsicher, kindlich wirkt. Wie er sich in der Diskussion mit Hoff windet, versucht, sich der Autorität des Produzenten zu entziehen und man seinem Körper förmlich ansieht, wie sein Widerstand mehr und mehr nachgibt, ist ganz große Schauspielkunst. Und Steiger bekommt eine Rolle, in der ihm die gefährliche Gratwanderung am Rande des Overactings, die sein Spiel auszeichnet, zum größten Vorteil gereicht. Seine beiden Auftritte sind die Höhepunkte von THE BIG KNIFE. Man ahnt, welche Last es bedeuten muss, in der Schuld dieses Mannes zu stehen. Ja, THE BIG KNIFE ist ein Schauspielerfilm. Im Zentrum stehen Gesichter, Blicke, Körpersprache, die Bewegung im Raum, Stimmen. Aber mit der Leinwand/dem Bildschirm dazwischen entfalten sie nur einen Bruchteil der Kraft, die sie auf der Bühne möglicherweise entfalten könnten. Möglich, dass Aldrich genau das nach KISS ME DEADLY als große Herausforderung angesehen hat. Ob er sie gemeistert hat, beurteilen am besten andere. Denn THE BIG KNIFE ist ganz einfach nicht meine Sorte Film. Schade.