Mit ‘Isaac Hayes’ getaggte Beiträge

TRUCK TURNER habe ich zum letzten Mal vor wahrscheinlich gut zehn Jahren gesehen und nur noch sehr vage und – wie ich beim Wiedersehen mit der deutschen Synchronfassung auf großer Leinwand feststellen durfte – unzutreffend in Erinnerung. Der saubere Blaxploiter, den ich da im Kopf hatte, entpuppte sich als das krasse Gegenteil, nämlich als räudiger Gewaltfilm, der sich in Bildern urbaner Verkommenheit und Ausweglosigkeit suhlt und von der deutschen Synchro, die einen wahren Sprücheholocaust abfeiert, beherzt über die Kante gestoßen wird.

Isaac Hayes ist Mac „Truck“ Turner, ehemaliger Footballprofi und jetziger Kopfgeldjäger, der sich nur mühsam über Wasser hält. Seine Freundin Annie (Annazette Chase) sitzt mal wieder wegen Diebstahls im Bau und Turner muss sich mit der die winzige Wohnung vollpissenden Katze herumschlagen, wenn er nicht sein Leben für ein paar Dollarscheine auf der Jagd nach Kautionsflüchtlingen riskiert. Als er die Aufgabe erhält, den miesen Zuhälter Gator (Paul Harris) einzufangen, landet Turner selbst auf der Abschussliste und mitten in einem Kampf um die kriminelle Vorherrschaft über die Stadt, die Harvard Blue (Yaphet Kotto) Gators Perle Dorinda (Nichelle Nichols) ent- und an sich reißen will.

Während andere Blaxploiter bemüht sind, ihre Helden als gewiefte Stilikonen darzustellen, wartet TRUCK TURNER mit einem Protagonisten auf, der nur einen Schritt vor dem Absturz in die Gosse steht. Wenn er aufwacht, türmen sich die Bierdosen neben ihm auf dem Nachttisch und das von der Katze als Klo missbrauchte Hemd muss er mangels Alternativen trotzdem tragen. Wolfgang Hess, einer der Stamm-Synchronsprecher von Bud Spencer, verleiht Turner sein unverwechselbares Organ, macht ihn zum stöhnenden, ächzenden Brummbären, der nie um einen vulgären Spruch verlegen ist. Aber er kann auch einstecken: Rassistische Verunglimpfungen wie „Baumwollblüten-Pflücker“ muss er sich in schöner Regelmäßigkeit anhören, „normale“ Konversation ist in Turners Welt der halbseidenen Gestalten, der verkrachten Existenzen, Säufer, Gammler, Wiederholungsstraftäter gar nicht mehr möglich. TRUCK TURNER ist ein sehr geradliniger, action- und gewaltlastiger Blaxploiter, ohne irgendwelche erzählerischen Finessen, aber dafür mit genau jener Unverdrossenheit, die auch seine Hauptfigur auszeichnet. Kaplan hat einen Film gedreht, unter dessen gallig-reißerischer Oberfläche sich ein höchst desolates Weltbild offenbart. Schaut man sich die heruntergekommenen Stadtviertel an, in denen der Film spielt, die erbärmlichen Zukunftsaussichten, die Turner und Annie teilen, die Unbarmherzigkeit, mit der die Gewalt immer wieder hereinbricht (etwa um unglaublichen Finale, bei dem Blue mit seinen Killern ein Krankenhaus stürmt), die Dekadenz derer, die sich mit krummen Dingern ein Vermögen erwirtschaftet haben, dann bietet sich als Vergleichgröße für TRUCK TURNER eigentlich nur noch ein Endzeitfilm an. Und dort, am Ende der Zeit, wartet Turner, das Pistolenholster über nacktem Oberkörper, der Lauf seiner Riesenknarre durch eine Weitwinkelaufnahme grotesk verzerrt, hinter ihm wie riesige Grabsteine zwei kalte Wolkenkratzer. „Wenn du krepierst, lebe ich“, denkt er vielleicht und drückt ab.

Wie man keinen Seagal-Film macht: Ein Ratgeber in 10 Schritten

1. Seagal gegen einen Serienkiller antreten zu lassen, hat schon bei GLIMMER MAN nicht wirklich funktioniert. Seagal ist gut als knochenbrechende One-Man-Force und meinetwegen auch als mit allen Abwassern gewaschener CIA-Agent, aber nicht als Profiler. Ihn mit einem einzelnen Psychopathen zu konfrontieren, minimiert die Zahl der Gelegenheiten, in denen er seiner Kernkompetenz nachgegen kann: Knochen brechen. Niemand will Seagal dabei zusehen, wie er Leichen untersucht oder Psychologie für Baumschüler betreibt. Außer Seagal selbst.

2. Seagals ätzend herablassende und altväterliche Art, die er in Dialogen zum Besten gibt, wird noch potenziert, wenn man ihm a. einen Schwarzen und b. eine Frau zur Seite stellt. Der Pseudo-Ghetto-Lingo, in dem er sich in KILL SWITCH artikuliert und jeden Satz mit halbschwachsinnigen „Baby“s und „Brother“s anfüllt, als sei er einst höchstpersönlich mit einem Sklavenschiff aus Afrika rübergepaddelt, erfüllt den Tatbestand rassistischer Verunglimpfung, der offene Chauvinismus, mit dem er der als frigide Schreibtischpolizistin gezeichneten FBI-Agentin gegenübertritt, ist nicht cool, sondern weckt mit laufender Spielzeit mehr und mehr das Bedürfnis, ihm mit Anlauf in die unter seinem Speckwanst hängenden Eier zu treten. Ganz wichtig: Die Hauptfigur eines Films darf einem nicht schon nach drei Minuten die Zornes- und Schamesröte ins Gesicht treiben.

3. Seagal als Lover ist eine der widerlichsten Dinge, die je auf Zelluloid gebannt wurden. Dass man ihm in den letzten Jahren beständig halb so alte Striptänzerinnen als Freundinnen andichtet, kann nur an einer Vertragsklausel liegen, die sich Produzenten von Seagal aufschwatzen lassen. Als denkender Mann schämt man sich in Grund und Boden, wenn er Frauen das angedeihen lässt, was er anscheinend für „Zuneigung“ hält. Und Sexszenen, in denen man nur Gesichter sieht, sind eh überflüssig. (Bitte nicht falsch verstehen: Seagals nackten Leib zu zeigen, verbietet sich aus ästhetischer Sicht völlig.)

4. Seagal ist fast 60 und nicht mehr so beweglich. Nicht, dass er früher agil wie ein Panther gewesen wäre, aber offensichtlich sind ihm auch die Moves, die er in seinen ersten Filmen vollführte, nicht mehr möglich. Um das zu kaschieren, sollte man eine bessere Strategie haben, als bloß auf eine Augenkrebs erzeugende Mischung aus wackliger Kameraführung, totaler Fragmentierung per Schnittcomputer, Einsatz jederzeit erkennbarer Body Doubles und nicht dazu passender Close-ups von Seagals Gesicht aufzufahren. Das täuscht nämlich über gar nichts hinweg und sieht dazu auch noch scheiße aus.

5. Wenig spektakuläre Szenen werden nicht dadurch spektakulärer, dass man sie fünfmal wiederholt. In der Filmgeschichte sind schätzungsweise schon 125.873 Menschen aus dem Fenster geworfen worden, rund 53.412 aus einem höheren als dem ersten Stockwerk. Der popelige Fenstersturz, den King am Anfang förmlich in Dauerschleife laufen lässt, hat dem rein gar nichts hinzuzufügen, außer eben der Dauerschleife. Und die wirkt in diesem Kontext ebenso hilflos, wie die verzweifelten Beteuerungen des pickeligen Teenagers, er onaniere nicht mehr.

6. Practice what your preach: Wenn einem Charakter die Zähne rausgeschlagen werden, man zusätzlich zum Close-up auf jene rausgeschlagenen Zähne das Opfer auch noch seine Empörung darüber zum Ausdruck bringen lässt, dass ihm soeben die Zähne rausgeschlagen wurden, man mithin keinerlei Zweifel daran lässt, dass dieser Person tatsächlich die Zähne rausgeschlagen wurden, dann macht es einen ziemlich armseligen Eindruck, wenn besagtes Opfer in der nächsten Szene mit perlweiß glänzender, vollkommen unbeschädigter Kauleiste zu sehen ist. Das ist so, als würde man oben genannten pickeligen Teenager auf dem Schulklo beim Wichsen erwischen, unmittelbar nachdem er … siehe 5.

7. Creed, Nickelback, Puddle of Mudd oder Staind waren das letzte Mal vor ca. acht Jahren für maximal fünf Minuten der geistigen Unzurechnungsfähigkeit nicht für jeden halbwegs intelligenten Menschen als kompletter Scheißdreck identifizierbar. 2008 einen Haufen gefährlicher Rocker in einem abgeranzten Rockclub, in dem sich mit Vorliebe ein derangierter Massenmörder aufhält, zu einem minderbemittelten Klon jener eh schon peinlicher Combos amoklaufen zu lassen, zerstört die Illusion, es mit dem Film eines Mannes, der das Alter von 15 überschritten hat, zu tun zu haben, sofort.

8. Dynamik ist etwas anderes als Hektik, Virtuosität etwas anderes, als im Menü des Schnittprogramms bei „Effekte“ „Alles“ anzuwählen. Du bist Jeff F. King und nicht Michael Bay.

9. Wenn man nicht einen, sondern zwei Serienmörder braucht, um eine Geschichte zu erzählen, hat man etwas falsch gemacht. Noch dazu, wenn einem beide dieser Killer komplett auf den Zeiger gehen.

10. Wenn man einen miserablen Film gedreht hat, ist das auch dadurch nicht wettzumachen, dass man in der letzten Szene eine Frau blank ziehen lässt. Schon gar nicht, wenn das das Vorspiel für eine Sexszene mit Seagal sein soll. Siehe Punkt 3.