Mit ‘Isabella Rosselini’ getaggte Beiträge

PRISONERS, ein düsterer Thriller, mit dem sich Regisseur Villeneuve nach einigen kleineren Produktionen einen Namen gemacht hatte, war von vorn bis hinten perfekt, ein beeindruckendes Stück Spannungskino, mit viel Sinn für Atmosphäre inszeniert, außergewöhnlich guter Schauspielführung und dem richtigen Zugriff auf ein potenziell problematisches Thema. ENEMY scheint persönlicher, verzichtet auf ein publikumswirksames Thema und lässt sich auch nicht in eine Genreschublade stecken, aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass sich Villeneuve an der Adaption eines Romans von José Saramago ziemlich verhoben hat. Manchmal ist es vielleicht gar nicht so verkehrt, wenn kommerzielle Interessen einen dazu zwingen, eigene Ideen in geordnete Bahnen zu lenken, anstatt ungehindert seinen künstlerischen Impulsen nachzugehen – und sich dabei hoffnungslos zu verstricken.

Adam (Jake Gyllenhaal) ist Geschichtslehrer und doziert über totalitäre Systeme, über Hegel und Marx und ihre These, dass Geschichte aus Wiederholungen besteht. Er hat eine Freundin, mit der er seine Abende verbringt, ohne dass eine echte Verbindung zu ihr erkennbar würde. Gedankenverloren sitzt er in seinem Apartement, ins Leere starrend, nach Antworten auf Fragen suchend, die er noch nicht zu stellen weiß. Er wirkt fremd im eigenen Körper, noch fremder als Bewohner dieser Welt. Bis er eines Tages eine Entdeckung macht: In einem Film sieht er den Schauspieler Anthony (Jake Gyllenhaal), der ihm gleicht wie ein Ei dem anderen. Fasziniert und geschockt zugleich, will er ein Treffen vereinbaren. Als sich die beiden Männer gegenüberstehen, sehen sie nicht nur wie exakte Duplikate aus, sie haben auch die gleiche Stimme und sogar eine identische Narbe …

ENEMY beginnt wie einer Vertreter des wahrscheinlich schon seit den 1960er-Jahren und Titeln wie Frankenheimers SECONDS reüssierenden, aber erst in den letzten beiden Jahrzehnten mit dem schönen Namen „Mindfuck-Movies“ betitelten Subgenres. Der Film um den wie ein Fremdkörper durch karge Betonbauten schlurfenden Lehrer, der in einem allegorisch überfrachteten Bezugsrahmen  möglicherweise einem Komplott/einer außerirdischen Invasion/whatever  auf die Spur kommt, suggeriert schon früh eine THE MATRIX-artige Offenbarung. Zu verlockend sind die Hinweise auf einen totalitären Masterplan, die Bilder spinnenbeinig durch die Stadt staksende Monstren  und die seltsam irreale Atmosphäre, die Villeneuve kreiert, als dass man eine banalere Auflösung für möglich hielte. Aber Villeneuve zielt auch nicht auf post-postmoderne Science-Fiction-Pop-Art wie die Wachowskis vor rund 15 Jahren, er hat Höheres im Sinn, wahrscheinlich viel Tarkowskij, Cronenberg und Kafka aufgesogen und die Einflüsse in diesem Film gebündelt. Gut möglich, dass ENEMY wirklich etwas zu sagen hat, das mir entgangen ist, aber irgendwie glaube ich das nicht. Beziehungsweise: Ich glaube nicht, dass Villeneuves Film nach einer Exegese viel mehr offenbarte, als das, was sich während der Sichtung als Instant-Assoziation in inflationär gebrauchten und daher nahezu leer gewordenen Schlagworte wie meinetwegen „Kapitalismus“, Konformismus“, „Entfremdung“, „Konsumgesellschaft“ oder „Verlust der Spiritualität“ kristallisiert. So effektiv es Villeneuve auch gelingt, eine Welt zu zeichnen, die nur ganz leicht off ist, daher aber umso beunruhigender, so originell ENEMY auf den ersten Blick sein mag, so sehr ist er in abgegriffenen Klischees erstarrt: Adam geht wie ein Roboter seinem Job nach. Er lebt in einem sterilen Appartement und der körperliche Einsatz beim Sex mit seiner Partnerin verhält sich antiproportional zu den dabei investierten Gefühlen. Er starrt oft orientierungslos-müde ins Nichts, schlendert ziellos und wie im Zustand totaler mentaler und körperlicher Erschöpfung durch die uniformen Straßen. Das Licht ist fahl und eitrig-gelb. Nachts wird Adam aus bizarren Albträumen geweckt, die ihn aber auch kaum noch wirklich erschrecken. Er lacht oder lächelt nie. Es gibt keine Freude in seinem Leben. Die wenigen Mitmenschen, auf die er trifft, benehmen sich wie Roboter. Erst als er seinen Doppelgänger entdeckt, bringt Adam kurzzeitig Energie auf: Plötzlich scheint es eine Erklärung für die Einförmigkeit seines Lebens zu geben, auch wenn sie noch so abstrus erscheint. Und irgendwie spielt auch ein exklusiver Sex-Club eine nicht näher definierte Rolle. Wenn ich das so aneinandergereiht betrachte, frage ich mich, wie Villeneuve es überhaupt geschafft hat, mein Interesse so lange wachzuhalten.

Am Ende verweigert er klare Antworten, gefällt sich darin, ein filmisches Enigma zu liefern, dessen undurchdringliche Hülle vor allem zum Selbstschutz errichtet worden zu sein scheint. Das Trivia-Nugget, dass die Darsteller angeblich vertraglich dazu verpflichtet waren, Stillschweigen über die Spinnensymbolik des Films zu bewahren, passt dazu wie die Faust aufs Auge. Wenn man nichts zu sagen hat, ist es eine unübertreffliche Strategie, dieses Nichts in möglichst bedeutungsschwangere Bilder zu kleiden und alles vom Hauch des Mysteriums umranken zu lasse, den Rest erledigen dann Marketing und Internet. Je länger ich drüber nachdenke, umso blöder finde ich ENEMY, und umso trauriger, dass Villeneuve sich nun auf diese klischeehafte Art und Weise  zwanghaft als „Künstler“ etablieren will. Man sieht seinem Film an, was er kann, doch gegenüber PRISONERS, in dem dieses Talent für einen intellektuell wie emotional fordernden Film genutzt wurde, bedeutet ENEMY in fast jeder Hinsicht einen Rückschritt. Wenn man das unbedingt als „mutig“ bezeichnen will, bitteschön. Für mich ist Eso-Quark eben Eso-Quark und dass damit nicht das große Geld zu verdienen ist, halte ich nicht für ungerecht, sondern folgerichtig.

Der Ex-GI, Ex-Con, erfolglose Schriftsteller, dafür aber erfolgreiche Alkoholiker Tim Madden (Ryan O’Neal), Ehemann der geldgeilen Südstaatenschlampe Patty Lareine (Debra Sandlund), wacht nach einer übel durchzechten und durchfickten Nacht auf und stellt fest, dass er offensichtlich einen heftigen Blackout hat. Das ist umso schlimmer, als er Hinweise darauf findet, seine Frau ermordet zu haben. Der wahnsinnige Polizist Alvin Luther Regency (Wings Hauser) ist Madden bereits auf der Spur – und darüber hinaus mit Maddens großer verflossener Liebe Madeleine (Isabella Rosselini) liiert. Haben Geister Tim zum Mord angestiftet? Oder steckt dahinter doch nur ein schiefgelaufener Drogendeal, in dem Tim die Rolle des Sündenbocks zukommt?

Der große Skandalschriftsteller Norman Mailer adaptierte mit TOUGH GUYS DON’T DANCE seinen eigenen Roman für die Leinwand – im Zuge der Qualitätsoffensive der Cannon, während der Regisseure wie Cassavetes, Altman, Schroeder, Godard oder eben Mailer das mit Actionfilmen „ramponierte“ Image der Cannon aufbessern und die Produktionsfirma als ernstzunehmende cineastische Adresse etablieren sollten. Zumindest was TOUGH GUYS DON’T DANCE angeht, war dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Zwar ist Mailers Film durchaus künstlerisch eigenständig und hoch interessant, doch ist er dabei auf so überaus seltsame Art und Weise so weit neben der Spur, dass er sowohl ein auf straightes Crimekino gepoltes als auch ein cineastisches Publikum vor den Kopf schlagen dürfte. Was genau den Film so schräg macht, ist dabei keienswegs leicht zu beantworten: Die Storyline um einen Mann, der einen Teil seines Geächtnisses verloren hat und herausfinden muss, was in dem ihm fehlenden Zeitraum geschehen ist, kennt man aus etlichen Thriller- und Noirfilmen, ebenso wie die Erzählstrategie das Ganze über ein Puzzle aus Rückblenden und gegenwärtigen Ermittlungen aufzuschlüsseln.

Nein, es sind die Mischung aus klassischen Noir-Elementen und Eighties-Ennui (es wird gekokst, dass es nur so kracht), aus unterkühlten und krass überdrehten Szenen, aus Mindfuck-Movie – ist alles nur die Fantasie eines depressiven Alkoholikers? – und „weltlichem“ Krimiplot, dargeboten von einer fantasievollen Besetzung aus alternden Mainstream-Beaus (O’Neal), berückend schönen Modelmusen (Rosselini), alten Noir-Haudegen (Tierney) und B-Movie-Extremisten (Hauser), deren Charakteren der Drehbuchautor abwechselnd mit beißendem Spott, giftiger Verachtung und kühler Distanziertheit begegnet, und sich nie zu hundert Prozent dafür entscheidet, ob er seinen Film nun als surreal angereicherten Krimi, als ätzende Satire über gelangweilte Neureiche oder gar als Parodie auf vertrackte Thriller verstanden wissen will. Oder als alles auf einmal.

Ryan O’Neals Tim Madden kann man – das machte den Film für mich besonders interessant – durchaus als eine um 20 Jahre weiterentwickelte Version seines Jack Ryan aus THE BIG BOUNCE begreifen: Gab es für den Drifter am Ende von Alex Marchs Film doch die Hoffnung, irgendwann einmal ein halbwegs solides Leben führen zu können, vielleicht mit einer gleichermaßen attraktiven wie netten Frau, so zeigt sich in TOUGH GUYS DON’T DANCE, dass diese Hoffnung sich nicht wirklich bestätigt hat. Zwar muss er nicht mehr mit dem Seesack per Anhalter durch die USA reisen, das Bankkonto ist dank seiner wohlhabenden Frau stets gut gefüllt, aber eigentlich haben sich alle seine Probleme und Charakterschwächen endgültig manifestiert. Die gute, aber vielleicht etwas zu selbstbewusste Madeleine hat er für die immergeile Patty verlassen, deren erschwindelter Reichtum auch ihm zu Gute kommt, allerdings mit dem unguten Nebeneffekt, in ihren Augen nun als unfähiger, eierloser Schmarotzer dazustehen. Mit dem Bücherschreiben klappt es auch nicht so richtig und so taumelt Tim durch den stetigen Kreislauf von Suff, bedeutungslosen One-Night-Stands und Drogenabstürzen, bis er endgültig in einer Sackgasse gelandet ist.

Sein Schicksal nimmt man aber nur mile geschockt und relativ gelassen zur Kenntnis: Das hier abgebildete Milieu liegt denkbar fern von der Lebenswirklichkeit des durchschnittlichen Zuschauers weg und man kann nur darüber staunen, was für Parties manche Menschen so zu feiern gewohnt sind und in was für Albtraumbeziehungen sie sich sehenden Auges begeben. TOUGH GUYS DON’T DANCE verkommt gottseidank nie zur selbstmitleidigen Nabelschau der Reichen und Schönen, dafür ist Mailer viel zu abgewichst. Die Scheiße, die man sich eingebrockt hat, muss man gefälligst selbst ausbaden. Vor allem, wenn man ein so ausgesprochenes Talent dafür hat, von einem Fettnäpfchen ins nächste zu treten und einen Haufen idiotischer Egomanen um sich zu scharen. Rumheulen ist da nun mal keine Option. Angelo Badalamentis Score trägt neben den abseitigen Plotwendungen, den strangen Regieeinfällen, den völlig von der Kette schauspielerischer Mäßigung gelassenen Darstellern und dem jenseits jeder geografischen Konkretion liegenden Schauplatz, einem Fischerort namens Hell Town (!!!), noch seinen Teil dazu bei, dass man doch erhebliche Schwierigkeiten hat, diese Geschichte in der Realität zu verorten. TOUGH GUYS DON’T DANCE ist stattdessen im Fegefeuer der Eitelkeiten angesiedelt, wo manche verkorkste Existenz der Ewigkeit entgegenbrutzelt und sich der liebe Gott in Person von Mailer einen Spaß daraus macht, sich ganz besonders abstruse Schicksalsschläge für sie auszudenken.

Ich weiß nicht so genau, was ich über den Film abschließend sagen soll. Ich fand ihn befremdlich, gleichzeitig absolut faszinierend, dann und wann sehr inspiriert und intelligent, ja nahezu brillant dann wieder jenseits von Gut und Böse, peinlich und überdreht. Aber das scheint mir durchaus beabsichtigt zu sein und es macht gerade den Reiz dieses Films aus, wie er die Grenze zum Trash teilweise lustvoll hinter sich lässt. Für Cannon-Enthusiasten wie mich eh unerlässlich, für Filmfreunde mit dem Faible fürs Absonderliche inmitten des Mainstreams eigentlich auch. Ja, doch, TOUGH GUYS DON’T DANCE ist schon zeimlich geil. Auf seine ihm eigene, völlig individuelle Art und Weise.