Mit ‘Ivan Desny’ getaggte Beiträge

pl_geheimnis_schwarzen_lederschlingeMancher Zuschauer, der nach Betrachtung des Posterartworks in Erwartung eines Edgar-Wallace-Gruselkrimis die Kinokarte gelöst hatte, dürfte sich angesichts des bunten Abenteuerquarks um entführte Kolonialistentöchter, indische Sekten, unterirdische Tempel, wiedergeborene Todesgöttinnen und tapfere Schlangenjäger ziemlich verkohlt gefühlt haben. DAS GEHEIMNIS DER LEDERSCHLINGE ist niedliches, naives, altbackenes und vor allem arg betuliches Abenteuerkino, das schon 1964, als die sogenannten „Reißer“ die Leinwände zu erobern begannen, niemanden mehr um den Schlaf gebracht haben dürfte. Der indische Thug-Kult, der die exotischen Bösewichter des Films stellt, kommt über eine Ansammlung verkleideter Statisten nicht hinaus, und die vollmundigen Drohungen des Oberschurken Souyadhana (Guy Madison), Indien „im Blut versinken zu lassen“, werden von dem gemütlichen Ringelpiez, das seine Untergebenen veranstalten, nicht wirklich glaubwürdig unterfüttert. Statt nervenzerrender Spannung bietet DAS GEHEIMNIS DER LEDERSCHLINGE bunte Bildchen ohne jeden Nährwert, die in gemütlichem Tempo und in gut verdauliche Happen portioniert verabreicht werden.

Der Film beginnt mit der Entführung der kleinen Ada, der Tochter des britischen Captain McPherson (Peter van Eyck), durch die bösen Thugs, die auch McPhersons treuer indischer Gehilfe Sergeant Baratha (Adolfo Bufi Landi) nicht verhindern kann. 15 Jahre später fristet Ada (Ingeborg Schöner) ihr Dasein im unterirdischen Tempel der Thugs (der Eingang ist in einem Baumstamm versteckt und wird durch Ziehen an einer Liane geöffnet!) als wiedergeborene Göttin Kali, die als Schutzpatronin für die Weltbeherrschungsambitionen ihres Häschers Souyadhana dienen soll. An ihre Herkunft erinnern sie nur noch fremdartig-irritierende Träume. Während McPherson endlich die Erlaubnis erhält, sich auf die Suche nach dem Kult zu machen, um ihn zu zerschlagen, trifft der brave Schlangenjäger Temal Naik (Giacomo Rosso-Stuart) im Busch auf die schöne Ada und verliebt sich sogleich in sie. Die drei Parteien stoßen schließlich in einer wilden Schlacht aufeinander und am Schluss darf die mit dem Papa wiedervereinte Ada ihre neue Liebe in die Arme schließen.

Gemessen an dem Aufwand, den Horst Wendlandt oder auch Artur Brauner ungefähr zur selben Zeit mit ihren Karl-May-Filmen betrieben, mutet Capuanos Film etwas an wie das Live-Rollenspiel des Vereins „Indien-Fans Oer-Erkenschwick 1958 e. V“. Guy Madisons Schurkenbart wurde mit schwarzer Schminke gepimpt, hier und da gibt es Archivmaterial zu bestaunen (z. B. von einem Kampf zwischen einem Mungo und einer Kobra), Peter van Eyck opferte wahrscheinlich nicht mehr als ein Wochenende für die Dreharbeiten, die Auseinandersetzung mit einem Tiger sieht wie eine niedliche Schmuserei aus und das Tempelsetting besteht aus zwei Räumen, die mit golden angemalten Pappmaché-Statuen vollgestellt wurden. Immer, wenn es aufregend wird, heult kurz das Teremin (oder ein ähnlich klingendes Instrument) auf und die steifen Dialoge werden mit der Inbrunst deklamiert, die Provinztheater-Schauspieler auszeichnet. Rossi-Stuart grinst, als mache er Werbung für eine Zahncreme, und Frau Schöner schaut schmachtend-leidend aus ihrem hübschen Gesichtchen heraus. Am Schluss überschlägt sich der Film, es gibt ein wildes Hauen, Stechen und Ballern, die Kanonen machen „bumm“ und ein an die Höhlenwand geklebtes Rad öffnet eine Klappe, durch die Wasser einströmt. Nach ca. 80 Minuten ist der Spuk vorbei und man fühlt sich wie nach einem wohltuenden Nickerchen an einem sonnigen Nachmittag. DAS GEHEIMNIS DER LEDERSCHLINGE braucht kein Mensch, damals schon nicht und heute noch viel weniger, aber irgendwie mag ich diesen Käse trotzdem.

Carlos (Ivan Desny) ist aus dem Gefängnis ausgebrochen, kann sich aber in einen Zug stehlen, der in eine nicht näher genannte, vielleicht französische Hafenstadt (Marseille?) fährt. In dem Abteil, das er sich ausssucht, kommt er ins Gespräch mit dem jungen, verträumten Robert (Joachim Hansen), einem Bankangestellten, der nun davon träumt, aus seinem Leben auszubrechen und ferne Länder zu bereisen. In Roberts Brieftasche, das hat Carlos neugierig zur Kenntnis genommen, steckt ein dickes Bündel Geld. Am Ziel ihrer Reise angekommen trennen sich die beiden, nicht jedoch ohne sich für Mitternacht in der „Colibri-Bar“ verabredet zu haben. Carlos ahnt, dass ihm Roberts Geld noch hilfreich sein könnte. Zunächst muss er aber der Polizei entwischen, die bereits den Bahnhof nach ihm absucht. Es gelingt ihm, zu entwischen und sich im Hafen auf der „Lolita“ zu verstecken, dem Schiff des befreundeten Kapitän Philipp (Heinz Engelmann), der ihn nach Australien bringen soll.

Unterdessen trifft der ziellos im Regen umherirrende Robert auf die schöne Evelyn (Belinda Lee), mit der er sich ein Taxi teilt. Der junge Mann ist sofort hingerissen von der sinnlichen Dame und beginnt ihr großäugige, unverblümte Avancen zu machen wie ein Schuljunge, der zum ersten Mal verliebt ist. Als sich die beiden während einer Reifenpanne in einem kleinen, schäbigen Kiosk unterstellen, plant er schon die gemeinsame Zukunft mit ihr. Evelyn, die auf dem Weg zu ihrem Liebhaber Carlos ist, hat nur wenig Verständnis für solch überbordende Romantik und gibt sich alle Mühe, den Überschwang Roberts zu bremsen. Doch der hat nur noch sie im Sinn. Am Hafen trennen sich die beiden, Evelyn besteigt die „Lolita“, um Carlos zu treffen, der im Innersten getroffene, liebesversehrte Robert geht seines eigenen Weges. Bis zu seiner Verabredung in der „Colibri-Bar“ ist noch ein wenig Zeit.

Auf dem Schiff ist derweil die Besatzung hinter das Geheimnis des neuen Passagiers gekommen. Die Männer sehen ihre Chance, sich das Gehalt aufzubessern, indem sie Carlos und den Kapitän erpressen: Für 20.000 Dollar garantieren sie ihre Verschwiegenheit, ansonsten verpfeifen sie Carlos und mit ihm auch den Kapitän bei der Polizei. Carlos fällt wieder seine Reisebekanntschaft und dessen prall gefüllte Brieftasche ein. Er beauftragt Evelyn, ihrerseits Sängerin in der „Colibri-Bar“, an ihrem Arbeitsplatz um Mitternacht nach Robert Ausschau zu halten, ihn zu verführen und ihm irgendwie das Geld abzunehmen. Die ist zwar wenig begeistert, erkennt zudem, dass Carlos sie behandelt wie seinen Besitz, willigt aber ein. Beide ahnen natürlich nicht, dass Evelyn und Robert sich längst begegnet sind.

Als Robert wie verabredet erscheint, gibt ihm Evelyn mit ihrer erotischen Sangesdarbietung endgültig den Rest. Er sucht sie in ihrer Garderobe auf, um ihr erneut seine Liebe zu gestehen und ihr anzubieten, mit ihm die Welt zu bereisen. Evelyn weiß noch nicht, dass dieser junge Mann eben jener Robert ist, der das rettende Geld besitzt, versucht ihn nur schnellstmöglich loszuwerden. Schließlich erkennt sie ihn an dem Ring, den ihr Carlos beschrieben hatte, und nimmt ihn mit zu sich. Langsam beginnen Roberts Enthusiasmus, seine Ergebenheit und Güte, die im krassen Gegensatz zu Carlos‘ brutalem Egoismus stehen, bei ihr Wirkung zu zeigen. Ernsthaft denkt sie über seinen Vorschlag nach. Weg von hier, zusammen mit einem Mann, der sie auf Händen trägt, statt einem, der sie mit einem anderen ins Bett treibt, um ihn auszurauben, erscheint plötzlich wie ein guter Plan.  Doch als er nach einem Schäferstündchen entschlummert, greift sie sich doch sein Geld und übergibt es dem Kapitän, der damit sich und Carlos freikaufen soll. Gewissensbisse beginnen schon nach kurzer Zeit an Evelyn zu nagen: Sie hat nämlich herausgefunden, dass Robert mitnichten reich ist, sondern das Geld nur gestohlen hat, um sich damit seinen Traum zu erfüllen. Wenn er das Geld nicht zurückzahlt, ist ihm der Weg in die Normalität für immer versperrt, wird er wahrscheinlich enden wie Carlos. Also sucht sie den Kapitän auf und bittet ihn, ihr das Geld zurückzugeben. Er, altersweise und von einem Leben am Rande der Illegalität ermüdet, darauf wartend, endlich einmal etwas wirklich Gutes zu tun, folgt ihrer Bitte und leitet damit die finalen Turbulenzen ein, an deren Ende Robert einer Zukunft mit Evelyn freudig entgegenschauend in seine Heimat zurückreist, um das gestohlene Geld zurückzugeben, während seine Geliebte außerhalb seines Blickfelds von einer Kugel aus Carlos‘ Waffe getroffen tot zusammensackt.

Filme, die ausschließlich in einer einzigen Nacht spielen, zählen regelmäßig zu den größten Geschenken, die das Kino uns macht. Die allgegenwärtige Dunkelheit auf der Leinwand verbindet sich mit der im Saal, Film und Raum verschmelzen zu einer Einheit, die Grenze zwischen beiden wird unsichtbar, durchlässig, der Film streckt seine Hände aus und zieht den Betrachter an und in sich. DER SATAN LOCKT MIT LIEBE ist dann auch filmgewordener Traum, weniger geprägt durch das Bemühen um Authentizität, die nachvollziehbare Etablierung von Zeit und Raum oder psychologisch ausgefeilte Charaktere und Handlungen. Die Welt, die Jugert da auf die Leinwand malt, existiert nur für den Film, ja der Film und die Welt, die er abbildet, sind eins und seine Bewohner nur ihr menschlicher Ausdruck. In dieser einen Nacht wird über alles entschieden, gibt es am Ende keine Offenheit mehr, keine Ungewissheit, kein Vielleicht: Wenn Robert nach Hause und in die Zukunft fährt, dann verlässt er auch den Film, der sich danach in Erinnerung auflöst wie ein nicht mehr in allen Details greifbarer, nur noch als emotionaler Nachhall im Unterbewusstsein existierender Traum. Aber dieser Nachhall wiegt schwerer als alles Feste, Faktische. Die Liebe zwischen Robert und Evelyn sie lässt sich in der Realität nicht denken, aber in DER SATAN LOCKT MIT LIEBE ist sie das einzig Wahre, der einzige Weg, der aus dieser Nacht hinaus- und in ein sonniges Morgen führt, weg von dem gemeinen Carlos, der immer nur auf der Flucht sein, aber nie irgendwo ankommen wird, weg von Philipp und seiner „Lolita“, die immer dort im Hafen liegen, aber nie ablegen werden, weg von der „Colibri-Bar“ mit ihren leeren Gästen ohne Gesichter und Geschichten, weg aus dieser Stadt der ewigen Nacht, durch deren Straßen Polizisten wandeln wie Gesandte des Todes.

Die Musik, schwüler Lounge-Jazz, lockt mit verführerischen Klängen, lässt diese Nacht erstrebenswert erscheinen, suggeriert erotische Reize wie Evelyn bei ihren Auftritten, doch dahinter verbirgt sich nur Ernüchterung und verglimmende Hoffnung. Perspektive ist hier nicht mehr als das eigene Spiegelbild in einer langsam versickernden Regenpfütze oder der Blick aus Evelyns Fenster auf die funkelnden Lichter der Schiffe am Horizont, die auch nur Löcher in einer gewaltigen alles umspannenden Leinwand sein könnten. Um diese Nacht zu zerreißen und den nächsten Tag zu sehen, muss man das Undenkbare tun, einer wildfremden Frau die Welt zu Füßen legen und ihr die Zukunft versprechen. So wie Robert, dessen Offenherzigkeit ihm in der Realität sicher Ohrfeigen und Anzeigen wegen sexueller Belästigung einbrächten, hier aber den einzigen Ausweg weisen. Aber wer weiß schon, was das Morgen bringt? Hätte sich Robert vielleicht besser von der ewigen Nacht verzaubern lassen sollen? Nein, denn das Dasein hier bedeutet den ewigen Stillstand. Es ist das Limbo, das sich eiskalt und lähmend um das Herz legt und langsam alles Leben tötet.

Rudolf Jugerts Film ist wahrscheinlich das bislang magischste Erlebnis meines noch jungen Filmjahres gewesen. Näher war das deutsche Kino dem Noir und seinen somnambul in einem nocturnen Zwischenreich irrenden Gestalten vielleicht noch nie. Wie wunderbar muss es sein, diesen Film auf einer Leinwand zu erleben, umgeben von sehnsuchtsvoll ins Licht blickenden Menschen. Aber wer weiß schon, was das Morgen bringt?