Mit ‘J. P. Carvalho’ getaggte Beiträge

Anlässlich der Vorführung von MYSTERIEN DER PORNOGRAPHIE sagte Christoph: „Wenn damals in einem deutschen Titel das Wort ,Pornografie‘ vorkam, konnte man sicher sein, das im Film keine enthalten war.“ Mutwillige Irreführung kann man dem deutschen Verleih auch bei der Betitelung von Carvalhos Ultrasleazer unterstellen: Das, was sie da als QUELLE DER EROTIK zu vermarkten gedachten, wäre mit dem Titel „Jauchegrube der Niedertracht“ deutlich adäquater beschrieben gewesen. BONITINHA, MAS ORDINÁRIA (zu Deutsch etwa: „Hübsch, aber gewöhnlich“) beginnt mit einer Gangrape, die zwar schon den Gipfel der gebotenen Abscheulichkeiten darstellt, schießt im weiteren Verlauf aber eine Vielzahl weiterer höchst wirkungsvoller Giftpfeile gegen den guten Geschmack ab – und trifft mit jedem einzelnen so sicher wie das Amen in der Kirche.

Weil seine Tochter, die schöne Maria Cecilia (Lia Rossi) von mehreren Unholden vergewaltigt wurde und daher nicht mehr „vermittelbar“ ist, will ihr Vater, ein reicher, fetter Geschäftsmann, sie für eine stattlichen Geldbetrag an Edgar (Jece Valadão), einen seiner kleinen Angestellten, verschachern. Damit steht der junge Mann vor einem Dilemma: Zwar bedeutete das Geld das Ende all seiner Sorgen, doch eigentlich ist er in seine brave Nachbarin Rita (Odete Lara) verliebt. Die lebt wiederum mit drei vorlauten Schwestern und einer apathischen Großmutter in überaus prekären Verhältnissen, die die brasilianische Männerschar weidlich auszunutzen weiß …

J. P. de Carvalho beutet seine mittellosen Opfer genauso aus wie die eklen Geldsäcke des Films dies tun: Gleich zu Anfang reibt sich sein obszöner Chef stolz den fetten Bauch und kommentiert das Ausstellen eines großen Schecks mit den lustvoll herausgebellten Worten: „Einen Scheck auszustellen ist schon ein halber Beischlaf!“ Die Welt ist ganz klar sortiert in BONITINHA, MAS ORDINÁRIA: Auf der einen Seite sind die mit dem Geld, Männer, die alles kaufen können und ihre Macht gegenüber jenen, die kein Geld haben, weidlich ausnutzen, auf der anderen die Armen, die verzweifelt versuchen, irgendwie sauber zu bleiben. Dem Chef geht es mit seinem Geldangebot dann auch weniger darum, seine Tochter unter die Haube zu bringen: Er genießt es vielmehr, den gutmütigen Edgar in Versuchung zu führen, seine Prinzipien zu testen und ihm dabei zuzuschauen, wie er sich windet. Glaube und Religion werden nicht direkt verhandelt in Carvalhos Film, dennoch ist der Katholizismus nie weit weg: Er zeigt sich in der Vorstellung der Welt als Tal des Elends, durch das man wandern muss, ohne sich etwas zuschulden kommen zu lassen, um dann ins Paradies gelassen zu werden. Und je ärmer man ist, als umso schwieriger erweist sich das. In BONITINHA, MAS ORDINÁRIA lauert die Niedertracht an jeder Ecke: Zum Date entführt man die Angebetete in den dunklen Wald, auch wenn sie sich sträubt, und kaum legt man Hand an, stolpert ein taubstummer Aussätziger aus dem Gestrüpp, wahsinnig grienend. Die Jugend hat auch nur den Exzess im Sinn, lässt die Hüften wie im Wahn zum Beat kreisen und das Klappmesser schnappen und macht noch nicht einmal vor der behinderten Oma halt, die mit ängstlichem Blick in ihrem Schaukelstuhl sitzt. Harmlose Teeniepartys geraten zu Date-Rape-Fallen, makellose Damen verbergen düstere Geheimnisse und noch finstere Gelüste, die ihnen von gewissenlosen, von der Geilheit getriebenen älteren Herren mit dem Schwelbrand im Blick erfüllt werden. Ein Film, der nach einer Dusche und Stahlwolle schreit. Unglaublich.